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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 17
Quellenangabe
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erste Iphigenie. Pietà

Mai 1861

»Die uralte Geschichte läßt mir keine Ruhe. Nun – das Menschenherz sehnt sich immerdar und will seinen Ausdruck finden. Das ist es aber doch nicht, sondern der Bildhauer Cardwell hat Schneiderkünste geübt und mir ein griechisches Gewand zurechtgemacht, und dann habe ich ein Modell gefunden, das nicht übel für eine Iphigenie wäre. Du solltest nur die hohe Gestalt in den antiken Gewändern sich bewegen sehen! Ich bin das erste Mal erschrocken zurückgewichen, weil ich glaubte, eine Statue von Phidias vor mir zu haben. Da läßt sich in Eile nichts erreichen, es gilt Zeit und Beobachten. Wo finde ich das je wieder?

Eine große Iphigenie steht bereits da, nach langem Suchen entworfen bei Hagel und Sturm. Dann ist eine zweite vorhanden, ganz anders, aber gleich bedeutend. Versetzen wir uns in die Situation: Die erste, ganz weiß gekleidet, tritt aus dem Walde und hält im Schreiten inne bei dem Anblick des Meeres. Sie ist momentan und herzgewinnend empfunden. Ganz einfache Leute fragten mich, was ich meinte, daß sie sprechen möchte. Die zweite lehnt sich an eine Säule und ist versunken in den Anblick des Meeres und in Gedanken an die ferne Heimat.

Diese Aufzeichnungen sind jedoch einstweilen beiseite gestellt, da ich zu großen Reichtum an Stellungen habe und nur das nehmen möchte, was die Situation erschöpft. Ein halb Dutzend Studienköpfe kann ich Euch schicken.

Die Pietà, welche weit gediehen ist, steht auch zur Seite. Man kann nicht zwei Herren dienen. Übrigens ist dieses Bild auch in meinem Kopfe fertig bis auf den letzten Pinselstrich. So ist es immer, wenn der Gedanke aus unmittelbarer Anschauung kommt. Ich habe die Maria gesehen, und die übrigen Figuren sind hinzugetreten. Es wird ein feines, schönes Bild.«

Juni 1861

»Nun ist das Iphigenienrätsel gelöst. Der Gefühlszustand, welchen wir Sehnsucht nennen, bedarf körperlicher Ruhe. Er bedingt ein Insichversenken, ein sich Gehen- oder Fallenlassen.

Es war ein Moment der Anschauung, und das Bild ward geboren, nicht Eurypideisch, auch nicht Goethisch, sondern einfach Iphigenie am Meeresstrand sitzend und allerdings »das Land der Griechen mit der Seele suchend«. Was sollte sie auch anderes tun?«

Februar 1862

»Ende dieses Monats ist das große Bild reisefertig.

Ich habe bisher alle Sorgen, so gut ich es vermochte, hinter mich geworfen, und so ist es mir gelungen, die Gestalt hinzupflanzen in ihrer vollen Einfachheit, ohne alle Sentimentalität, die ja den Griechen ferne lag, und welche die Klippe ist, an welcher derartige Vorwürfe heutigentages zu scheitern pflegen. Das wäre nun einmal ein Bild, mir aus der Seele gesprochen. Wie es weiter werden soll, weiß ich nicht. Hoffnung auf Ankauf habe ich keine, doch soll es zuerst in die Heimat. Auch dieses Bild ist ein Opfer auf dem Altar der Kunst. Es ist das Größte und Beste, was ich bis jetzt gemalt habe. Soll sie wirklich kommen, die Iphigenie? Sie braucht gute Augen und warme Herzen.

Ich war neulich in Lebensgefahr. Ein wildes Pferd ging mit mir durch, so daß ich den Weg einer Stunde in wenigen Minuten zurücklegte. Auf ponte molle konnte ich es zusammenreißen und brachte es im Schritt wieder herein. Es war ein eigener Eindruck, als ich nachher ins Atelier kam, wo das große Bild steht, die Iphigenie, weiß, ganz weiß, auf das Meer hinausschauend.«

Herbst 1862

»Die Pieta ist nahezu fertig. Ich darf wohl sagen, daß sie sich selbst gemalt hat. Ich schicke sie aber nicht fort, sondern will sie diesen Winter hier behalten und nächstes Frühjahr vor der Münchener Ausstellung noch einmal darüber gehen zur letzten Hand. Sie gibt Stimmung im Atelier, und es reisen ja der Bilder genug: Hafis, Aretin, die beiden Kinderbilder, die Madonna, die Iphigenie und eine Unzahl Studienköpfe. Ich singe »Heil dir, mein Vaterland!« Mein Tenor klingt ganz ausgezeichnet.

Meine Madonna tut mir aber doch leid. Wenn die Mutter mit dem Kinde, von Kindern umgeben, die Herzen nicht mehr rührt, was bleibt dann noch übrig? Nimm das Bild zurück, ich bitte, und auch die Iphigenie nimm zurück. Ihre Toilette ist nicht für Reisen eingerichtet. Zu groß ist sie? Warum bin ich doch für die große Historie geboren worden! Der Schattenkopf gefällt nicht? Wie soll ich das Heimweh besser ausdrücken als durch Abwenden? O Gott! – Das Modell? Das ist der Ärger vieler. Nun, diese Frau hat wirkliches Kunstgefühl und kommt mit ihrer Person meinen tiefsten künstlerischen Ideen entgegen. Soll ich sie fortschicken? Lasse Dichs nicht beirren und glaube an mich.«

Rom, 10. Mai 1863

»Ich kann nur wenig schreiben, da ich halb toll bin vor Müdigkeit. Kurz folgendes : Ich habe seit drei Wochen von 5 Uhr morgens an bis abends mit Modell gearbeitet. Die Pietà ist nun ganz fertig, ein seelenvolles Werk, so meine ich. Sie steht zum Trocknen noch 14 Tage, dann geht sie gerollt an die Ausstellungskommission in München. Besorge, ich bitte, Kiste, Rahmen, Keilrahmen, alles, was zur Ausstellung gehört, durch eine zuverlässige Person.

Morgen gebe ich ganz gemütlich wieder meinen letzten Taler aus. Man nennt das in Deutschland den Kampf des Genies mit dem Leben. Aber was tut es? Die Pietà ist ein schönes Werk. Meine über den Christus hingeworfene Madonna ergreift mich selbst.«

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