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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
correctorreuters@abc.de
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Florenz

In später Nachmittagsstunde betrat ich die Tribuna. Da war eine Empfindung über mich gekommen, die man in der Bibel mit dem Wort Offenbarung zu bezeichnen pflegt. Die Vergangenheit war ausgelöscht, die modernen Franzosen wurden Spachtelmaler, und mein künftiger Weg stand klar und sonnig vor mir.

Daß totale seelische Umwälzungen plötzlich eintreten, das habe ich an mir erfahren.

Das erste römische Bild, Dante, und die ganze Reihenfolge der bei aller Strenge doch weichen Werke ist nur der Nachklang jener ersten Empfindung in der Tribuna.

Gottlob, daß ich so gesund war, mich nicht als fertiger Mensch in Italien zu fühlen, sondern daß ich die Kraft hatte, in einer neuen Welt aufgehen zu können. Diese starke Empfindung kann ich nicht anders bezeichnen, als daß es mir war, als hätte ich bisher nur mit den Händen gemalt und nun plötzlich eine lebendige Seele bekommen.

Sollten diejenigen meiner Herren Kollegen, welche alles in der malerischen Erscheinung suchen, es verwunderlich finden, daß ich mir anmaße, neben meiner »schlechtweg Seele« noch eine »Malerseele« zu besitzen, so weiß ich nichts zu sagen als: »Es muß auch solche Vögel geben«.

Nach diesem herzerleichternden Stoßseufzer komme ich auf den eigentlichen Text zurück, auf meine unfreiwillige rasche Abreise von Venedig.

Anfangs wollte ich nach Empfang der erwähnten Briefe sofort nach Hause reisen. Dann aber überlegte ich – was dort beginnen? Karlsruhe war nach erfolgter Abweisung für mich verschlossen, Heidelberg kein Boden für meine Kunst. Berlin, «Wien, Paris forderten gleiche Mittel wie Italien; und in Italien war ich und durfte nur weiter gehen. Ich sagte mir: Heinrich der Vierte meinte: Paris sei einer Messe wert. Brauche ich Raffael und Michelangelo ohne Opfer zu gewinnen? Schließlich wollte es der Zufall, daß der Weg nach der Heimat durch eine Überschwemmung gesperrt war. Die Wasserfluten sind für mich Schicksalsfluten geworden. Es überschauerte mich bei dem Gedanken: zum ersten Male ohne Mittel, ohne Hilfe und Stütze in die Fremde zu ziehen. Aber es mußte eben sein. Unverzagt warf ich mich dem dunklen Schicksal – ich sagte damals: dem Glück in die Arme.

Einige Tage später war ich auf dem Wege nach Florenz, als heimatloser Verstoßener, wie ich mich fühlte, aber als hoffnungsvoller Kunstjünger, wie der landesübliche Sprachgebrauch meine damalige Situation mit milder Umschreibung kennzeichnete.

Briefauszüge

17. Mai 1856

»Nach den vielen letzten Briefen, die ich Dir hätte ersparen können, wenn ich nicht selbst rat- und hilflos gewesen wäre, halte ich es für meine Pflicht, Dir meine Ankunft in dem sonnigen Florenz zu melden. Durch die Hochwasser aufgehalten, war ich sechs Tage unterwegs. In Padua, wo ich deswegen liegen bleiben mußte, ließ ich meine Locken scheren; es hat aber, umgekehrt wie bei Simson, meine Kraft gestärkt, und die hiesige Luft scheint auch Wunder an mir tun zu wollen.

In Padua habe ich Zeit gehabt, manche Stunde auf dem grünen Stadtwall zu liegen, von verschiedenen Empfindungen nicht durchbebt, sondern durchschüttelt. Es war wieder wie so manches liebe Mal in Venedig, namenloser Schmerz und dunkle, verhüllte Freudigkeit, ohne daß ich weder für das eine noch das andere Grund und Namen anzugeben wüßte. Ich denke, es soll das letzte Mal sein, daß Vergangenheit und Zukunft sich auf so widersprechende Weise in mir wunderlichem, weichem Menschen vermengen. Man sagt, die Not macht hart. Nun sie wird genug an mir zu kneten haben. Einen Teil meiner Sentimentalität in Padua hat ein Besuch in Parma bei dem göttlichen Correggio auf dem Gewissen. In meiner großen Angegriffenheit war es mir, als sähe ich Musik mit den Augen, anstatt sie mit den Ohren zu hören. Der Wohllaut des Kolorits hüllte mir die Sinne ein.

In Bologna habe ich, wie einst mein Vater, vor der heiligen Cäcilie gestanden. Dann fuhr ich vierzig Miglien lang durch das Hochgebirge der Apenninen. – Wie schön das klingt – eine Gegend, deren grauenhafte Öde und Verlassenheit sich mit Worten nicht beschreiben läßt. Mich aber hat diese Fahrt sehr ruhig gemacht.

In derselben Mondnacht, unmittelbar nach der Ankunft, bin ich einsam durch Florenz gegangen, und mein guter Stern führte mich über alle die bekannten Straßen und Plätze, die mir jetzt, wo ich sie zum ersten Male mit meinen leiblichen Augen sah, traumhaft fremd erschienen. So kam ich auf die Piazza del gran Duca, wo die kolossalen weißen Marmore herüberleuchten; ich erkannte neben einem rauschenden Brunnen den David des Michelangelo und den Perseus des Benvenuto; dann kam ich unter freie Loggien und sah lange in den Arno hinab. Es mag sein, daß das Wunderliche meiner Verhältnisse mit dahin gewirkt hat, mir diese Nacht so ernst in die Seele zu schreiben.

Gestern war ich in dem Palast degli Uffici, und da hat mich die träumerische Schönheit, die weiche Schwermut und diese unaussprechliche Vollendung so ergriffen, daß ich die Galerie sofort verlassen mußte, weil mir die Tränen unaufhaltsam herunterliefen. Ich schäme mich dessen nicht. Wie mußte es einem Menschen zumute sein, wenn er das vor Augen sah, wonach er sich sein ganzes Leben hindurch sehnte, und was er annähernd in sich selber hätte erreichen mögen und können, wenn – ja wenn!

Doch stille davon. Daß ich in solcher Weise erschüttert werden konnte, habe ich früher nicht geahnt, und heute noch im Palast Pitti dasselbe, und zu Hause und überall diese Schauer. Gott möge meine Schritte lenken und mir Kraft geben, das alles zu ertragen wie ein Mann.

Was meine Verhältnisse betrifft, so weißt Du, wie es steht. Natürlich ist vorderhand jede Rückkehr unmöglich. Ich sollte und mußte in Italien, bleiben und ich hoffe auch da zu sterben. Daß ich heute noch keinen Überblick habe über das, was ich zunächst beginnen will, soll und kann, wirst Du begreifen. Ich muß mich erst sammeln und Kraft zur Überlegung gewinnen. Daß ich mich wohl fühle, kann ich nicht sagen, aber das wird vorübergehen. Meine Stunden sind noch nicht gezählt.

Beruhige Dich vorerst und sage Dir: Anselm ist frei, und er ist in Italien.«

Anfang August »Ich kann Dir endlich sagen, daß meine Sachen in Ordnung sind und ich ungefähr noch anderthalb Monate in Florenz zu bleiben gedenke. Mit beginnendem Herbst werde ich dann wohl jedenfalls nach Rom gehen. Ich habe einige angefangene Arbeiten mitgebracht, und das inzwischen eingetroffene Geld reicht hin, dieselben schön zu vollenden. Das eine Bildchen ist eine Waldszene, das andere eine Madonna mit dem einschlafenden Kinde. Ein Engel musiziert dazu.

Es sind Bekannte von mir aus Venedig nachgekommen, und ich bin nicht mehr allein, was gut für mich ist. Die großen Gemütserschütterungen nagen an meiner Gesundheit. Es hat sich auch ein deutscher Arzt meiner angenommen, wofür ich ihm stets dankbar sein werde. Ich brauche zugleich Ruhe und etwas Zerstreuung.

Etwas ist mir hier plötzlich klargeworden, was ich früher nie ins Reine bringen konnte. Ich habe mich oft gefragt. Was ist es eigentlich, das die Alten so groß gemacht hat, und warum ist im kalten Deutschland ein so ausbündiger Idealismus bei so verschwindender Leistung? Die Lösung liegt hier in Italien klar und offen. Es ist so: Der deutsche Künstler fängt mit dem Verstande und mit leidlicher Phantasie an, sich einen Gegenstand zu bilden, und benützt die Natur nur, um seinen Gedanken, der ihm höher dünkt als alles äußerlich Gegebene, auszudrücken. Dafür nun rächt sich die Natur, die ewig schöne, und drückt einem solchen Werke den Stempel der Unwahrheit auf. Der Grieche, der Italiener hat es umgekehrt gemacht; er weiß, daß nur in der vollkommenen Wahrheit die größte Poesie ist. Er nimmt die Natur, faßt sie scharf ins Auge, und indem er an ihr schafft und bildet, vollzieht sich das Wunder, welches wir Kunstwerk nennen. Das Ideal wird zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit zur idealen Poesie. So etwas kann man nur in Italien lernen und begreifen. Eine Ahnung hiervon ist von Anfang an in meiner Natur gelegen, jetzt hat sie Gestalt gewonnen und ist zur schönen Gewißheit geworden.

Diese Ahnung aber ist halb verkörpert in dem verachteten und verschmähten Karlsruher Bilde, in meiner Poesie, sichtbar; deswegen liebe ich es trotz aller seiner Fehler und trotz seiner Verbannung in die Rumpelkammer der Karlsruher Galerie.

Und nun zum nächsten. Du hast mir vorwärts geholfen; ich darf nicht fragen wie, wenn ich nicht den Mut verlieren will. Alles deutet und winkt nach Rom. Meine Bekannten warten auf mich; sie würden ohne mich nicht reisen. Wir werden, denke ich, in der zweiten Hälfte September reisen. Wir haben uns das Wort gegeben, uns gegenseitig zu helfen. Reich ist keiner von uns. Wohnung und Atelier wird geteilt. Man verdirbt nicht, wenn man zu zweien oder dreien ist, das ist klar. Beherzige das wohl und sorge nicht zuviel.

Eigen ist es mir freilich zumute, so wie man etwa in einem halb ängstlichen, halb freudigen Traume befangen liegt, der schon ganz durchsichtig ist, und aus dem man doch nicht erwachen kann.

Wie anders hatte ich mir diese Reise in das gelobte Land gedacht! Hell, heiter, zuversichtlich, geordnet; – und nun bin ich ein landfahrender Abenteurer, dem Zufall preisgegeben. – Das ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, und ich gestehe, daß ich schwer daran trage.

Mein bester Trost ist der Gedanke an die Heimat. Glaubt mir, das grüne Plätzchen an der Efeuwand ist etwas wert, auch neben Italien.

Gute Nacht, lebt wohl, mein nächster Briefe meldet die Abreise von Florenz.«

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