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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 10
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
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Venedig

Ein Reisebrief

20. Juni 1855

Es trifft sich schön, daß ich gerade heute Deinen Brief erhalte, da ich ohnehin im Begriff war zu schreiben. – Lauter Gutes! – Ich kann es nicht ausdrücken, welch eine Welt von Ideen, Grazie und Ernst sich nach und nach in mir auftut. Doch davon später. Zunächst ist Deine Cholerafurcht ganz unbegründet. Wir sprachen lange mit R...9. Venetianischer Arzt, Dr. Richetti. darüber; er empfiehlt regelmäßiges Leben – das tun wir. Also fort mit der Allgemeinen Zeitung. Sorge ist unnötig; und wäre das auch nicht, so würde ich mit Napoleon sagen: »Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen«. Und nun zu anderen Bildern!

In München war es mir unheimlich; bei Tage und des Nachts blies mich eine so kalte Luft an, daß ich zwei Tage nicht sprechen konnte, im Bette liegen und den Arzt brauchen mußte, wobei Scheffel den liebenswürdigsten aller Krankenwärter machte und mich mit eigenhändigem Senfteig beglückte. Am dritten Tage wurde mir unheimlich zumute; eine innere Stimme sagte: »Italien! Da wird es besser.« Ich sagte, oder ich flüsterte oder krähte vielmehr: »Heute reisen wir! –«

Denselben Abend fuhren wir schon dem Gebirge zu. Wir waren beide stumm und ich sehr niedergeschlagen. Gott weiß, was mir durch den Kopf ging. Nach Mitternacht – alles schlief im Wagen – da stieg der Mond herauf, und wir fuhren in das nächtliche Gebirge hinein. Morgens halb vier Uhr stieg ich aus und ging, den Wagen hinter mir lassend, aufwärts, und da war es, wo die erste Beseligung über mich kam. Unten Nacht, ringsum Totenstille, hoch über mir die bleichen Gipfel in weitem Kranze, die Eisriesen, ganz rein gezeichnet. Ich lehnte mich über die Brustwehr und dachte – ich weiß nicht was. – Als der Wagen nachkam, konnte ich den schlafenden Scheffel schon mit lauter Stimme anrufen. Gegen Mittag zog der Weg sich mühsam durch Felsenschluchten, bis plötzlich nachmittags, 5000 Fuß unter uns, das ganze strahlende Inntal lag. Dann rasch hinunter, die Martinswand vorüber, nach Innsbruck, der heißen, pfäffischen Stadt; die anderen zwei Tage durch das lange Tirol. Bei Bozen die ersten Zypressen und Oliven. – Gottlob, ich habe ein paar helle Augen im Kopfe, die unmittelbar ins Herz führen, und so stehen meine Eindrücke wie geharnischte Männer in meiner Brust, und wenn ich einst bei Euch auf dem stillen Balkon sitzen werde, dann will ich erzählen ganze Tage und Abende lang.

Nach Bozen das alte Trient, dann mit einem raschen Vetturin über die Berge, das reizende Arcotal entlang, nach Riva. Das Arcotal ist so schön; die Gegend unbewohnt, das Tal mit wilden Granitblöcken übergossen, dazwischen stille kleine Seen mit alten Kastellen darinnen. Dahin könnte man gehen, wenn man weltmüde ist, um Frieden und Stimmung zu finden.

Abends lagen wir im Fenster des Gasthofes zu Riva; da lag der Gardasee im Mondschein, und wir fragten uns, ob wir wachten oder träumten. Scheffel ist ein feiner, liebenswürdiger Mensch, und wenn ich an all die Gespräche im Wagen denke, so weiß ich nicht, was schöner war, die Mitteilung in stiller Begeisterung oder die Natur, durch die wir fuhren.

Jetzt Verona; Frauen mit schwarzen Schleiern, römisches Theater. Die Etsch, ein wildes, gelbes Wasser, wälzt sich mitten durch die Stadt. Der Platz dei Signori, eine stille, trauernde Pracht, dabei heimlich und klein wie ein Zimmer. Der erste Paul Veronese und Bonifacio. Andern Tages an Padua vorbei, dann wird es Abend, Nacht; die Eisenbahn führt ins endlose Meer hinein und immer fort. – Da liegt Venedig, lang hingestreckt mit zahllosen Lichtern, als wolle es in der Nachtkühle baden. Gondeln liegen da, wir steigen ein, und geräuschlos taucht Palast nach Palast auf und verschwindet. Wir kommen in Seitenkanäle, eng, schwarz, die Gondoliere bücken sich unter den dunklen Brücken und rufen sich zu. Endlich hält die Gondel still. »Buona sera!« Ein Kellner mit Licht führt uns in ein erleuchtetes Haus. Wir fragen nach S. Marco; »sempre dritto«, und da stehen wir denn, Gott sei Dank, nicht wie gewisse gemütliche Tiere, sondern wie Aladin mit seiner Wunderlampe in Tausend und einer Nacht.

Jenen Abend ward wenig gesprochen, viel gedacht und sich schlafen gelegt mit dem Gefühl, wie es in Vaters Briefen heißt: »Ich war verzaubert und wußte die Formel nicht«. Ich aber, der Sohn, ich werde sie finden. Verlaß Dich darauf!

Fortsetzung morgen.

Und was soll ich nun von den Venetianern sagen? Es ist eine Bruderschaft der echten Farbe; sie müssen so sein wie sie sind, weil sie nicht anders können. Hätte ich zu ihrer Zeit gelebt, so würde ich vielleicht in mancher dunklen Kirche ein Bild mehr finden, das sich an die große Kette still als bescheidener Ring anfügen dürfte.

Die Venetianer sind ernst in ihrer Heiterkeit und heiter in ihrem Ernst. Sie suchen nichts und brauchen nichts, weil sie alles haben. Mehr denn zwanzig Bilder habe ich hier schon gesehen: Dunkle Madonnen, in schöner Architektur sitzend, umgeben von ernsten Männern und schönen Frauen in heiliger Unterredung. Immer sind drei Engelchen darunter mit Geigen und Flöten. Ich finde, daß damit alles gesagt ist, was man braucht, um schön zu leben.

Wir wohnen am Meere; zahllose Schiffe wiegen sich vor unsern Fenstern, Inseln mit Kuppeln glänzen im Sonnenschein. Ich werde von Venedig so bald nicht loskommen, denn es ist alles da, was ich brauche. Von Tag zu Tag kommt mehr Klarheit und Ruhe über mich; des Abends stürze ich mich in das Adriatische Meer und wasche alle Sünden der Vergangenheit ab. In dieser Stadt der Toten will ich Lebendiges schaffen.

Bis jetzt habe ich nicht gewagt, der Assunta unter die Augen zu treten, aber in einigen Tagen werden die Vorbereitungen fertig sein, dann – –

Die Zeit, bis die Leinwand gespannt ist, benützte ich zu Zeichnungen nach alten Bildern. Scheffel ist fleißig auf der Bibliothek. Du siehst, wie sich alles schön und lieblich fügt. Ja, wir wandeln auf Marmor und wohnen in Palästen!«

Toblino.

Das Verhältnis zwischen Scheffel und mir war ein unserer beiderseitigen Natur entsprechendes, wohltuendes, förderliches; keine himmelstürmende Gymnasiastenfreundschaft oder läppische Vertrauensseligkeit, sondern eine auf gegenseitiges Verständnis, auf Achtung und Zuneigung gegründete Haltung, um nicht zu sagen, Zurückhaltung, welche der Zeit unseres Zusammenseins einen bleibenden Wert verlieh.

Mein erstes Eintreten in Venedig stürzte mich vorübergehend in eine Art von Entzückungstaumel, der aber angesichts der großen Assunta sehr bald in nüchterne Überlegung sich auflöste. Nichtsdestoweniger ist Venedig mir immer als Heimat der Poesie erschienen. Nächtliche Rundgänge auf S. Marco, mit dem inneren Bewußtsein der Schaffensfreudigkeit, erfüllten meine Seele damals mit einem Behagen, welches ich später in jener Weise nie mehr empfunden habe. Es war das Behagen, welches durch den Einklang der äußeren Umgebung mit der inneren Seelenstimmung hervorgebracht wird.

Venedig ist wunderbar in seinem heiteren Glanze, seiner träumerischen Ruhe, noch wunderbarer im Sturm, wenn die Möwenschwärme hereinflüchten, während das Meer sich donnernd an den Murazzi bricht.

Wenn ich an Venedig denke, ist es mir, wie wenn ich schöne Musik gehört, ein gutes Buch gelesen oder mit einem lieben Menschen gesprochen hätte.

In wechselnder Gemütsverfassung brachte ich in dem heißen Monat Juli die Untermalung der Assunta nahezu in halber Originalgröße auf die Leinwand, mit dem seligen Genügen und der verzweifelnden Mutlosigkeit, welche stets meine verschiedenen Arbeitsperioden bezeichnen. Die letztere war diesmal durch verschiedene innere und äußere Zutaten bedenklich verstärkt worden, so daß ich eines schönen Tages buchstäblich vor Elend und Müdigkeit von der Staffelei herabfiel. Nachdem diese Krisis überwunden war, nahm die Arbeit ihren ruhigen Fortgang bis gegen Ende des Monats, wo die Einflüsse des Klimas nahezu mörderisch zu werden drohten.

Die Cholera war zwar erloschen, aber, wie wir nachträglich hörten, waren in unserer nächsten Umgebung rings die Menschen weggestorben wie die Fliegen. Ganze Häuser standen leer. Scheffel war zum Schatten geworden und konnte nicht mehr arbeiten. Ich hielt etwas länger stand, endlich ging es aber auch nicht mehr. Ich war in der Gluthitze an der Arbeit geblieben, bis die Untermalung der Assunta völlig und kräftig dastand. Es war eine große Aufgabe, doch wer hätte sie nicht gerne gelöst dem liebenswürdigsten aller Meister gegenüber?

Man erwartete in Karlsruhe von mir eine kleine Kopie. Ich malte ein großes Galeriestück. – Weshalb? – Aus künstlerischer Liebhaberei, aus Ehrgeiz, was weiß ich – so viel ist sicher, daß es nicht aus Klugheit geschah.

Nun aber war es Zeit, aufzuhören. Scheffel und ich wollten an den Gardasee, um uns zu erholen; mein Bankier aber machte Schwierigkeiten, mir einen Monat von meiner Pension vorauszubezahlen. Die Reise war nicht in seiner Rechnung notiert und schien ihm überflüssig. Er hatte strenge Instruktion, mir auf die Finger zu sehen, und es fand sich auch zuweilen ein Bureaudiener bei meiner Assunta ein, um sich von meinem Fleiße zu überzeugen.

Ich ertrug dies alles mit ziemlicher Gelassenheit und lernte begreifen, daß das pädagogische Machtgefühl bei Mangel an tieferem Verständnis sehr leicht zu einer Art von pflichtbewußter Barbarei führen kann. Aber trotz vier- oder sechsbändiger Zügelführung, wozu sich Kunst und Finanzen vereinigten, ward der Pegasus doch nicht gezähmt, und allen Bankiers nebst Bedienten zum Hohne fuhren wir, Scheffel und ich, als hohläugige Gespenster über den funkelnden Gardasee nach Kastell Toblino, welches seinen Namen von dem kleinen öden Gebirgssee hat, in dem es, romantisch genug, auferbaut ist.

Wir genasen von allen körperlichen und seelischen Leiden in der glücklichen Einsamkeit von Toblino. Gesegnet sei dieser stille, reine, heilige, von keiner Kultur berührte Gebirgswinkel mit seiner herben, großen Natur, seiner frischen, kräftigen Luft und seinen einfachen, guten Menschen. Wer weltmüde und wessen Herz von dem wüsten Treiben der Großstädte verwundet ist, der möge hier Heilung suchen, und er wird sie finden.

Die vier Wochen in Toblino gehören zu den glücklichsten meines an Glück eben nicht reichen Lebens. Der erste Sonntagmorgen steht mir fest im Gedächtnis. Wir wurden um sechs Uhr in die Kapelle gerufen, dann saßen wir in dem sonnigen Vorsaale und sahen durch das geöffnete große Tor in den mittelalterlichen Burghof hinaus. Auf einer Eisenstange unter dem Torbogen sonnte sich ein Schwälbchen und sang mit ganzer Inbrunst, während der Kapuziner in seiner braunen Gewandung brevierlesend auf- und abging. Durch die offenen Fenster blitzte der See in hellem Sonnenschein auf, und die Berge standen in zitterndem Duft. »Wer hier nicht gesund wird, der bleibt ein kranker Mann sein Leben lang«, sagte ich zu Scheffel. Ich ward auch bald durch das Landschaftern in der köstlichen Bergluft: und durch Rudern und Baden im See so stark, daß ich nur auf die Gelegenheit wartete, jemand von Herzen durchzuprügeln.

Wenn ich draußen weitab malte, hatte ich einen Unterschlupf in einer Osterie des phantastischsten Gebirgsdorfes der Welt. Ein kleines Stübchen, gegenüber die Trümmer des Schlosses Madruz, unten ein toller Mühlbach!

Die künstlerischen Ideen strömten in schönster Harmonienfolge; ich war heiter und wohl und dachte ohne Groll vor- und rückwärts.

Scheffel hat eine reizende Schilderung unseres gemeinsamen Aufenthaltes in Toblino niedergeschrieben und in irgendeiner Zeitschrift drucken lassen, deren Titel ich leider vergessen habe.Frankfurter Museum, herausgegeben von Theodor Creizenach, 1856, Nr. 11, 12, 13. »Aus den Tridentiner Alpen«, von Joseph Viktor Scheffel. In meinem Gedächtnis ist, wie hinter einem leichten Vorhang, eine Reihe lieblicher Szenen aufbewahrt, wie sie nur ein Dichter und ein Maler erleben können. Z. B: Wie wir eine von mir gemalte Madonna, die der Hauswirt in unnötiger Vorsicht als Geschenk für seine Kapelle ausschlug, als Segel in unserem Kahn aufspannten und die frommen Leute in der Umgebung glaubten, die heilige Jungfrau sei durch das Schilf des Sees gewandelt zum Gnadenschutz vor der Cholera; oder wie wir in dem kleinen Kahn während eines wilden Gewitters die Richtung verloren und durch Hagelschauer, Sturm und Wellengebrause plötzlich die Glocke des Kastells läuten hörten, die die Töchter des Hauses zogen zu unserer Rettung; denn wir waren wirklich in Gefahr.

Doch die Zeit ging zu Ende, und das Scheiden war bitter. Scheffel wandte sich nach Meran, ich mußte nach Venedig zurück an die Arbeit. Wir hatten schön zusammen gelebt. Wenn ich des Abends müde mit meinen Malereien vom Lande kam, dann fuhren wir im Abendsonnenschein schweigend nach dem Kastell zurück, oder wir sprangen mit kindischem Jubel in die glänzend gekräuselten Wellen des Sees.

Mit meiner Rückkehr nach Venedig sollte ich wohl diesen Abschnitt beschließen, denn das Ende ist weniger anmutend als der Anfang, doch die Wahrheit fordert ihr Recht.

Die Assunta wurde mit Glück und Gelingen vollendet und gegen Ende Oktober nach Karlsruhe abgeschickt. Verschiedene ungünstige Umstände verzögerten den Transport, so daß das Bild einige Wochen später an dem Orte seiner Bestimmung eintraf. Welche Vermutungen an diese Verzögerung geknüpft wurden, möchte ich mit Stillschweigen übergehen; auch machte die endliche Ankunft der Assunta allen schlimmen Deutungen ein Ende. Meine Gönner und Gegner, denn in diesem Augenblicke waren sie beides, ließen mir volle Gerechtigkeit des Urteiles widerfahren. Das Gemälde wurde mit Beifall empfangen und trug mir einige Monate Verlängerung meines Aufenthalts in Venedig ein.Brief des Herrn Akademiedirektors Schirmer an Anselm Feuerbachs Mutter vom 26. Dezember 1855, in welchem der Kopie der Assunta das höchste Lob als einem »Meisterwerk« gespendet wird.

Leider hat mich mein künstlerischer Dämon verleitet, durch ein »Zuviel« die Wirkung des »Genug« zu stören. In der vollen Schaffensseligkeit malte ich meine »Poesie«, ein, wenn auch teilweise fehlerhaftes, doch innerlich so tief empfundenes Bild, daß die äußerlichen Mängel gegen den Seelengehalt vielleicht zu übersehen gewesen wären. Ich wollte in dieser einen Gestalt das alte Italien verkörpern, wie es vor meiner Seele stand. Wie hätte ich diese Gestalt anders nennen können als Poesie?

Die äußerliche Veranlassung zu diesem Werke war die Verlobung unseres fürstlichen Herrn. Ich wollte das beste, was ich vermochte, als Huldigung darbringen, ohne alle Nebengedanken, in ehrlicher Treue und Ergebenheit. Leider wurde dies der Wendepunkt in meinem Leben durch falsche Auslegung und ungerechtes Urteil.

Meine spätere Bitte um Fortsetzung der Pension, sei es für Italien oder für Deutschland, ward verneint, und dies war das Ende meines venetianischen Aufenthaltes.

Briefauszüge

1. September 1855

»Seit vorgestern bin ich wieder hier. Das Alleinsein kommt mir seltsam und schwer vor.

Ein echt venetianisches Gewitter, welches endlich die heiße Luft niedergekämpft hat – ich dachte dabei an Manzonis Promessi sposi – rumorte die ganze Nacht hindurch und donnert noch in den stillen Sonntagmorgen herein. Tiefe Einsamkeit! Doch sie ist mir willkommen, diese Einsamkeit.

Ich habe ein kleines reizendes Zimmer, Aussicht über grüne Bäume hinaus auf das Meer, den Markusturm und ein kleines Stückchen Dogenpalast. Mir ist sonderbar zumute, voll Unruhe, halb freudig, halb betrübt. Ich konnte heute nicht essen vor innerlicher Bewegung. Meine zukünftigen Bilder haben sich meines armen Kopfes bemächtigt; sie herrschen und wollen heraus.

Du weißt, was für ein lächerlich guter, aber reizbarer Mensch ich bin. Daß ich mich aussprechen kann, ist noch mein größtes Glück.«

2. November

»Mein Leben ist mir manchmal wie ein Traum. Wie kommt es doch, daß meine Bilder so fest und unberührbar dastehen und ich bin wie ein schwankendes Rohr? Oft sehe ich hundert Jahre voraus und wandle durch alte Galerien und sehe meine eigenen Bilder in stillem Ernste an den Wänden hängen. Ich bin zu Großem berufen, das weiß ich wohl. Zur Ruhe werde ich erst im Tode kommen. Leiden werde ich immer haben, aber meine Werke werden ewig leben.«

14. November

»Mit einiger Wehmut habe ich heute gelesen, daß Knaus die goldene Medaille in Paris erhalten hat. Mich hält man hier wie einen unfolgsamen Schüler, und ich verdiente so gut wie Knaus die Selbständigkeit. Ich weiß auch, wie und woher dies kommt. Siehst Du, jener konnte in Paris bleiben; umgeben von gleichstrebenden Künstlern, hat er das Heft in der Hand und kann das Beste machen.

Ich habe jetzt für einige Monate Dach und Fach und ein stilles Atelier, einen mäßigen Gehalt, um nach Ablauf einer bestimmten Frist alles aufzugeben und fortzugehen. Fort! Wohin? Ich führe ein Zigeuner- und Nomadenleben. Du wirst mit einiger Überlegung einsehen, daß darin eine Wahrheit liegt. Meine Schuld ist es nicht.

Ich hoffe aber, daß auch meine Stunde schlagen wird. Mein Gemüt ist unverdorben und rein. Schicksal und Leidenschaften haben mir die Blume der Poesie nicht rauben können. Mein Geist ist rastlos tätig, und wenn ich die hinterste Wand wegschiebe, so funkelt etwas durch die Spalten wie viel Licht.«

Februar

»Mit meinen Finanzen geht es nicht gut. Die Einrichtung des Monatgeldes reicht gerade für das tägliche Leben, aber nicht für die Arbeit, die mir freilich viel teurer kommt und ist als das Leben.

La grande peinture, wie Couture sagt, macht, daß meine Kleider sans couture und knopflos sind, meine Malerei aber besser, als man einem so schäbigen Männlein zutrauen sollte.«

Ohne Datum »Über meine Poesie: Es ist kein Bild nach der Mode; es ist streng und schmucklos. Ich erwarte kein Verständnis dafür, aber ich kann nicht anders. Und wer sich die Mühe nimmt, es lange anzusehen, den wird etwas daraus anwehen, als ob das Bild kein Bild aus unserer Zeit sei. Nur einige Menschen, die das fühlen, und Gott gebe seinen Segen dazu!

Noch einmal die Poesie: Die Zeichnungsfehler? Ja, ich weiß es! Lassen wir sie aber, wie sie ist, die gute Dame. Solche Versehen sind Größeren begegnet, als ich einer bin, an Bildern, die gemalt zu haben ich gerne mein Leben geben würde.

In meinem Atelier sieht es freundlich aus. Mein stiller großer Dichtergarten, in dem sie wandeln wie selige Geister, dann die Poesie, einige Porträts, ein angefangenes Kinderbild usw. Weg, trübe Gedanken! Das Leben ist nur eine Weile, die Kunst aber ist ewig, und was der Mensch einmal wahrhaft empfunden hat, an dem muß etwas sein. Und später, wenn der launenhafte, zaghafte Mensch nicht mehr ist, dann steht die Malerseele rein da in seinen Werken, und niemand wird fragen, wie hat er gelebt und gerungen, sondern was hat er geschaffen.

Wie ich bei meiner großen Lebenslust zu solchen Stimmungen und Gedanken komme, weiß ich wohl; es ist immer eins und dasselbe, und ich schäme mich, es auszusprechen.

Wenn mich die Armut nicht demütigte und zaghaft machte – ertragen wollte ich sie gerne. – Und doch bin ich nicht für die Hütte geboren, sondern für den Palast. Ach – die Mutter Natur hat es gut mit mir gemeint, aber die Zeit und das Schicksal, die bösen Schwestern, werfen mich mit meiner weichen Seele auf harte Pfade.«

5. Mai 1856

»Die Entscheidung von Karlsruhe ist eingetroffen, so, wie ich vorahnend gefühlt habe. Ich lege die Briefe bei, die mich heimatlos machen.Brief desselben Herrn [Herrn Akademiedirektors Schirmer. Anm. Re.] und Schreiben des Geh. Kabinettsrat Kreidel in Karlsruhe, beide vom 1. Mai 1856, in welchem Anselm Feuerbach benachrichtigt wird, daß er auf keine weiteren Unterstützungen zu rechnen habe.

Indem ich dieses schreibe, habe ich die Hand fest auf das Herz gedrückt, und ich wollte, ich wäre bei dem lieben Vater.

Es ist ein scharfes Schwert, das mich getroffen hat, aber tödlich ist die Wunde doch nicht, nur sehr schmerzhaft.

Es gibt auch kein Drama; dazu gehören ihrer zwei, das richtige tragische Schicksal und der richtige dumme Mensch. Der bin ich nicht. Ich schlage mich durch.«

Des anderen Tages

»Ich weiß noch nicht, was ich will, oder was ich soll. Am liebsten reiste ich heute nach Hause ab, aber mein Stolz sträubt sich dagegen. Habt ein paar Tage Geduld, und alles wird klar werden.«

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