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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 7
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Im ersten Stockwerk eines villenartigen Gebäudes stand am breitflügeligen Fenster ein noch jugendlicher Mann. Er hing seinen Gedanken nach, wobei er jedoch das in den Vorgarten des gegenüberliegenden Hauses mündende Gittertor nicht aus den Augen ließ. Die Arme verschränkt, den Kopf mit dem blassen, feinzügigen Gesicht, das durch die schwarzen Haupt- und Oberlippenhaare noch schärfer nüanciert wurde, leicht nach vorn geneigt, verharrte der junge Mann längere Zeit. Er schien offenbar die Heimkehr eines im gegenüber gelegenen Gebäude ansässigen Einwohners abwarten zu wollen.

Plötzlich zuckte er zusammen; er fühlte eine mächtige Bewegung in sich aufsteigen, als ein elegantes Coupé die ziemlich einsam liegende Straße herabrollte, vor dem Gittertor des Gegenübers hielt und eine schlanke Mädchengestalt entließ, in der der junge Mann die Erwartete sofort erkannte.

Das liebreizende Mädchen hatte in Gang und Haltung viel von der bewußten Sicherheit gewisser Selbständigkeit; doch lag durchaus nichts Prätentiöses in ihrer Art. Ihre Kleidung war von vornehmer Einfachheit, die sich durch Bevorzugung einfarbig getönter Stoffe hob.

Es war Wanda Lorenz. Das schwarzbraune, volle Haar, das modern aus der Stirn frisiert war, paßte zu dem zarten Teint und den tiefblauen Augen, die ein weicher, feuchter Schleier umhüllte, als sie, wie von einem Magneten gezwungen, über die Gasse zurückblickten.

Der junge Mann hatte seinen Platz am Fenster hurtig verlassen, war die Treppe hinabgestürmt und hatte hastig die Tür geöffnet. Schnell folgte er der durch das Gittertor langsam Schreitenden und holte sie an der Schwelle des Hauses ein, an der sie stehen geblieben war.

Wie eine Vision starrte das junge Mädchen dem Hastenden entgegen. »Willy! Sie hier?« entschlüpfte es den zitternden Lippen. Sie preßte einen Augenblick ihre Rechte auf die wogende Brust, dann hielt sie ihm in sichtlicher Bewegung, freudig und zugleich überrascht, beide Hände entgegen, die der junge Mann stumm, jedes Wortes unfähig, in die seinen nahm und darauf stürmisch an die Lippen zog. »Wie mich das freut, Willy – pardon! Herr Ingenieur!«

Diese Anrede gab dem Manne die Sprache. »Nicht so, Wanda,« bat er innig; »nennen Sie mich bei meinem Namen wie damals – – in der Kinderzeit – wie Sie es immer taten, alle die Jahre der Jugend hindurch – bis wir uns trennen mußten.«

Sie sah ihm mit ihren feuchtschimmernden Augen ins Gesicht – ein Gedanke befiel sie, in den sie sich verlor. »Wie damals!« wiederholte sie, »Also dann: Willy – wie damals! Es ist lange her, das ›Damals‹. Wir waren kaum den Kinderschuhen entwachsen, als Sie Ihren Studien und Ihrer Laufbahn nachgingen.«

»Der Not gehorchend,« ergänzte er. »Ich mußte doch etwas werden«

»Ingenieur und Baukünstler.«

»Ja,« bestätigte er einsilbig.

»Sie gingen fort, als ob hier, in der Residenz, ein Studium unmöglich war,« warf sie mit Bitterkeit ein.

»Wenn ich etwas Rechtes werden wollte, so mußte ich mich in der Welt umsehen,« verteidigte er sich. »Sie wissen, daß mein Onkel, dessen Erbe ich und von dem ich Waise gänzlich abhängig war, die Bedingung stellte: entweder gründliches Studium an technischen deutschen und an amerikanischen Hochschulen oder Enterbung. Wenn ich auch auf das Geld wenig Wert legte, mein Ehrgeiz spornte mich zu sattem Streben an.«

»Haben Sie Ihre Ziele erreicht?«

»Was bis jetzt für meine Jugend erreichbar war, ist mir geworden,« erwiderte Ingenieur Bock.

»In der Fremde!« schloß Wanda.

»In der Fremde,« wiederholte er fest und fügte hinzu: »Jetzt bin ich zurückgekehrt.«

»Um zu bleiben?«

»Um hier eine mir übertragene Preisarbeit vorzunehmen«

»Hier – in der Residenz?«

Der junge Mann nickte bestätigend und sah sie fragend an. Aus ihrem Ton klang eine Erschrockenheit, die ihn eigenartig berührte. »Sie wünschen mich lieber zehntausend Meilen fort von hier – nicht wahr?« Und als sie eine abwehrende Gebärde machte, sagte er: »Ich lese es in Ihrem Gesicht, Wanda. Ja, das läßt sich nun nicht ändern. Sie müssen sich mit dem Gedanken, mich hier schalten und walten zu sehen, schon vertraut machen.«

»Wollen wir nicht eintreten?« lud sie ihn ein, ohne weitere Bemerkung auf seine Worte. »Tante Lisbeth wird sich freuen. Sie schenken uns doch für einige Stunden Ihre Gegenwart?« Sie wartete seine Zustimmung gar nicht ab, « sondern stieß die Tür auf, schlüpfte über die Schwelle und beobachtete – fast ängstlich – mit seitwärts gerichtetem Blick, daß er ihr auch folgte.

Ohne Zögern schritt er ihr auf den Fersen nach.

Im Korridor warf sie Hut und Sonnenschirm ab, öffnete die nächste Tür und bat mit einer auffordernden Bewegung den Ingenieur, näherzutreten. »Ich werde sofort die Tante benachrichtigen,« sagte sie, während sie sich der Handschuhe entledigte

»Lassen Sie doch noch,« bat er, sie mit der vorgestreckten Linken zurückhaltend. »Wir haben uns wohl einiges allein zu sagen.«

»Ja?« fragte sie mit einem erwartungsvollen Aufblick. »Wie lange ich nichts mehr von Ihnen gehört habe! Wie ist es Ihnen ergangen?« Ihrem Ton war es anzumerken, daß er sich zur Harmlosigkeit zwang. »Lassen Sie sich doch ansehen. Was für ein stattlicher Mann Sie geworden sind!«

»Das sagen Sie mit einem Seufzer?« Als sie nichts darauf erwiderte, sondern den Kopf seitwärts zu Boden neigte, fuhr der Ingenieur fort: »Sie haben wohl in den letzten Jahren – seit wir uns nicht gesehen – nie in den Spiegel geblickt?«

»Wissen Sie schon –« begann sie mit heißem Erröten.

»Ich weiß!« unterbrach er sie. Es klang fast schroff. »Zunächst also meinen Glückwunsch, Wanda.«

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise, schwer atmend. »Lasen Sie die Verlobungsanzeige in den Zeitungen?«

»Ja,« erwiderte er. »Sie haben sich Ihr Glück selbst gewählt?«

»Mein Bräutigam ist sehr verliebt in mich, und wenn sich ein junges Mädchen geliebt weiß, wenn es nichts gegen den Mann auszusetzen hat, wenn man ihm gar verpflichtet ist, so gibt man wohl seinem stürmischen Drängen nach und glaubt – ihn ebenfalls zu lieben.«

Ihr eigenartiger, unfreier Ton, der stets unter einem fremden Zwange stand, übte eine ebenso seltsame Wirkung auf ihn aus, wie die Auffassung ihres Brautstandes. Seit zwei Wochen, da ihn die Kunde von der Verlobung Wandas mit Bruno Ehrenfels wie ein Donnerschlag getroffen, hatte ihm immer eine Szene voller Vorwürfe, Groll und leidenschaftlicher Eifersucht vorgeschwebt. Nun geschah nichts von alledem. Aber die Klarheit ihrer ganzen Erscheinung, der herzliche, durchaus freudige Empfang ließen sie ihm überaus sympathisch erscheinen – trotz der Eigenart, die ihr Verlöbnis für ihn bildete – daß er das seelische Gleichgewicht nun rasch wiederfand.

Es kam sogar etwas wie der Schein eines Lächelns auf sein Gesicht, als er sagte: »So? Also Sie glauben das? Und – wenn ich so indiskret sein darf zu fragen – was fühlen Sie?«

»Aufrichtig – darüber bin ich mir selber nicht ganz klar. Doch lassen wir das,« brach sie plötzlich ab und suchte einen anderen, leichteren Ton, dem der Zwang jedoch noch immer anklebte. »Wir wollen lieber von Ihnen sprechen. Wo waren Sie die ganze Zeit über?«

»Nachdem ich meine Studien in Amerika vollendet, ging ich nach England, wo man mich mit größeren Bauten beauftragt hatte. Meine Absicht war es, auch hier nicht lange zu verweilen und bald nach Deutschland überzusiedeln. Doch so denkt man und das Schicksal lenkt anders. Der Umfang meiner Arbeiten hielt mich fest. Als ich dann wirklich im Begriff stand, in mein Vaterland zurückzukehren, um hier dauernd meine Tätigkeit zu entfalten, stieß ich in einem deutschen Blatt auf Ihre Verlobungsanzeige. Diese gab den Anlaß, meine Abreise zu beschleunigen und mit der nächsten Gelegenheit nach Bremen abzudampfen. Ich komme von dort. Heute morgen habe ich mir im gegenüberliegenden Hause einige Zimmer gemietet, wo ich zu bleiben gedenke. Vor einer Stunde sprach ich bei Ihnen vor und hörte, daß Sie ausgefahren seien. So wartete ich Ihre Rückkehr ab. Ich beabsichtige in Ihrer Nähe zu bleiben, um –«

Er stockte und sie sah fragend zu ihm auf. Wortlos blickten sie sich an. Ihre großen blauen Augen tauchten tief in die seinigen.

Endlich wandte sie sich langsam von ihm und stieß in momentaner Verlegenheit mehrmals leise mit der Fußspitze auf den Boden. »Warum haben Sie nie etwas von sich hören lassen?« fragte sie und wurde plötzlich sehr rot.

»Haben Sie denn meine Briefe nicht erhalten?«

»Briefe? Nicht einen.«

»Ah!« machte er erstaunt. »So sollten sie verloren gegangen sein? Die Post ist doch sonst so zuverlässig. Und hier gerade –? Ich klagte sie öfters an, daß Sie mich ohne Antwort ließen. Besonders von England aus schrieb ich des öftern.«

»Nicht eine Zeile ist in meine Hände gelangt,« versicherte sie. »Ja – wie ist das möglich?«

»Sollte dahinter eine dritte Person stecken, die diese Briefe unterschlug?« fragte er mit zorniger Aufwallung. »Vielleicht –«

»An wen denken Sie?«

»Vielleicht Ihre Tante?«

»Kaum anzunehmen! Welchen Grund sollte sie dafür gehabt haben? Doch ich will sie fragen.«

»Oder gar –«

»Nun?«

»Ihr Bräutigam?«

»Ich bin erst seit zwei Wochen verlobt und kenne ihn überhaupt erst seit anfangs Juni dieses Jahres. Da verdächtigen Sie ihn unnütz,« verteidigte sie Ehrenfels. »Zudem hat er keine Ahnung von Ihrer Existenz – ich habe nie zu ihm über Sie gesprochen.«

»Freilich!« nickte er mit einem verbissenen Zug um die Mundwinkel. »Was hätte mein Name auch mit dem Glück eines Brautstandes zu schaffen! Der Bräutigam würde sich das hübsch verbeten haben. Sie sind im Recht. Der Verdacht auf ihn war töricht.«

»Ihre Briefe datierten doch schon von früher her?«

»Ja,« antwortete er und fuhr mit einem Seufzer fort: »Nun erkläre ich mir auch manches. Und ich habe Sie für lieblos gehalten! Verzeihen Sie mir, Wanda.«

Sie streckte ihm mit einem zerrissenen Lächeln die Hand hin.

Er behielt sie eine Weile in seiner Rechten und sprach: »Was habe ich Ihnen in diesen Briefen nicht alles gesagt! Mein ganzes Herz habe ich Ihnen ausgeschüttet.«

Sie entgegnete nichts darauf, sondern sah ihn nur mit trüber, schmerzlicher Miene an.

»Haben Sie niemals an mich gedacht?«

»O ja – bisweilen,« bekannte sie offenherzig. »Mir sind die frohen Stunden, die wir verlebt, nie aus dem Gedächtnis entschwunden.«

»Wenn ich hier – um Sie gewesen wäre, hätte nicht manches anders kommen können?«

»Plagen wir uns doch nicht mit dem ›Wenn‹. Das ändert ja doch nichts,« wehrte sie tapfer seine Sentimentalität ab. »Sprechen wir von anderem. Sie haben sich gewiß sehr über meine Verlobung gewundert?«

»Bedarf es hierfür noch der Bestätigung? Ich war wie geschlagen, mir war, als ob ich alles, was mir je lieb und teuer gewesen, in ein Grab gelegt und dieses für ewig verschlossen hatte. Der Augenblick und meine Empfindungen, als ich die Anzeige las, lassen sich nicht schildern. Ehrlich, Wanda!«

»Ja, ehrlich waren Sie immer, Willy, wenn auch nicht mitteilsam.«

»Ihr Ton ist vorwurfsvoll.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nur ein wenig traurig. Wenn auch ich offen sein soll, so muß ich sagen – – ach, lassen wir das,« unterbrach sie sich hastig.

»Was wollten Sie sagen? Wanda, ich flehe Sie an, sprechen Sie sich aus. Was müssen Sie sagen?«

»Daß Sie mir in der letzten Zeit gefehlt haben.«

»Wobei?« forschte er erwartungsvoll.

Nervös fuhr sie sich mit den Händen über Augen und Schläfe und sagte unruhig: »Ach, nichts, nichts, Willy. Sie können mich ja nicht verstehen.«

»Ich verstehe, Wanda – ich verstehe, glaube ich. Haben Sie nur Vertrauen zu mir.«

»Ein paar dumme Gedanken kreuzen meinen Kopf. Lassen wir's,« wehrte sie ab. »Es ist nur bei diesem plötzlichen Wiedersehen etwas, was da über mich kam. Schnell wird sich's wieder einrenken und einlenken ins alte Geleise. Man fährt ja im Leben doch nur auf breiter Straße. Wissen Sie,« fuhr sie, sich im Ton übereilend, fort, »daß es mir vorkommt, als – – Ich weiß nicht, ob ich's sagen soll.«

»Ich bitte Sie darum.«

»Es kommt mir vor, als tragen Sie eine heimliche Liebe mit sich herum.« Sie sprach es zerfahren, und in ihren Augen glänzte es feucht.

Eine Weile schwieg er, im Innern etwas stutzig. Mußte sie sich nicht sagen, daß sie der Gegenstand seiner Verehrung und Neigung war? »Ja, Wanda,« kam es in leisem, etwas verzagtem Ton von seinen Lippen – »ich liebe.«

Sie nickte vor sich hin, ging zum Fenster und sah angelegentlich auf die Straße hinab. Dabei griff ihre Rechte nach dem Knopf, der ihr vom Fensterrahmen entgegenfunkelte, und drehte spielend an ihm, scheinbar ganz in diese Beschäftigung vertieft. »Ist es – ist es eine unglückliche Liebe?« fragte sie mit einem unterbrochenen und wiederholten Ansatz.

»Eine unglückliche Liebe,« entgegnete er im Flüsterton, als er hinter sie getreten war. Sie neigte leicht den schönen Kopf, und Willy hub nach einer Weile an – wieder in gedämpfter, kaum vernehmbarer Stimme: »Sie sind rückhaltlos glücklich, Wanda?«

Das junge Mädchen bejahte stumm.

An den Erschütterungen ihrer Schultern sah er, daß sie sehr erregt war. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie in der seinen. »Ich glaube Ihnen nicht, Wanda,« flüsterte er, als fürchte er gehört zu werden. »Wollen Sie sich nicht aussprechen? Man hat Sie einem Manne aufgezwungen, dünkt mich – einem, der Ihnen gleichgültig ist. Ich bitte Sie um alles in der Welt, sagen Sie mir, ist es nicht so?«

Hastig entzog sie ihm die Hand. »Sie irren. Ich habe meinem Bräutigam Treue und Liebe gelobt, er und Tante Lisbeth sind glücklich über diese Verbindung – ich habe keine Ursache, mich dem Glück zu widersetzen.«

»Keine Ursache – so?« fragte er gedehnt und trat einen Schritt zurück.

»Warum sollte ich meinem Bräutigam keine aufrichtige Neigung entgegenbringen? Ich habe seinen lauteren Charakter schätzen gelernt und nicht das geringste an ihm auszusetzen. Warum soll ich an Brunos Seite nicht glücklich werden? Er liebt mich – ich achte ihn. Zudem bin ich in seiner Schuld. Er hat mich vom Tode des Verbrennens gerettet –«

»Sie waren in Feuersgefahr?«

»Ja Ich stände nicht vor Ihnen, wenn mich Ehrenfels nicht mit Todesverachtung aus den Flammen getragen hätte – Tante Lisbeth und mich.«

»Auch Ihre Tante?«

»Auch sie. Mein väterliches Haus brannte nieder, und mein Bräutigam war unser Lebensretter. Habe ich da nicht Ursache, ihm dankbar zu sein? Ja, mehr noch: ihn zu achten und zu lieben? Muß ich ihm nicht die volle Dankbarkeit meines Herzens entgegenbringen? Sie hören, ich bin gebunden, mit unzerreißbarer Kette gebunden. Und darum muss ich Ihnen erwidern: ich liebe ihn, Es ist freilich nicht –« Sie stockte.

»Das selige, jauchzende Glück, das sich eine junge Mädchenseele erträumt,« vollendete er an ihrer Stelle.

»Gehen denn alle Mädchenwünsche in Erfüllung? Sagten Sie vorhin nicht ebenfalls, daß Sie nicht jauchzendes Glück im Herzen tragen? Die Zeit heilt alles, und wie mir noch eine stille Zufriedenheit beschieden sein wird, so werden auch Ihnen noch rosige Tage blühen.«

»Mir?« Fest sah er ihr ins Antlitz, so daß wieder eine unbehagliche Verwirrung sie überfiel. »Nie, nie werden mir solche Tage blühen, wenn Sie –«

Das Mädchen hob erschrocken die Augen und konnte ein plötzliches Erblassen nicht unterdrücken – und dennoch sprach ein Begehren nach der Vollendung des Satzes aus ihren Blicken. Sie wußte sich seine rätselhafte Miene, die etwas unsagbar Leidvolles und dabei auch Vorwurfsvolles besaß, nur mit geheimer Angst zu deuten. Das Herz klopfte ihr so laut, daß sie es ihn schlagen hören glaubte. »Was ist Ihnen, Willy?« fragte sie sanft.

In seinen Fingern zuckte es konvulsivisch, sein Atem wurde kurz, und plötzlich griff der Ingenieur nach ihren Händen, zog sie stürmisch an sich, schlang die Arme um ihren behenden Körper und preßte die Lippen auf ihre Stirn. »Wanda!« kam es wie ein Hauch an ihr Ohr.

Sekundenlang hielt sie betäubt – berauscht – an seiner Brust, dann kam ihr die Besinnung zurück. »Mein Bräutigam –!«

Dieser Ausruf brachte auch den kopflosen Mann zum Bewußtsein. Er ließ die sich seinen Armen Entwindende frei. »Ihr Bräutigam!« stieß er bitter hervor. »Den Sie achten und lieben.«

»Zweifeln Sie nicht daran.«

»Nein, Wanda,« brach es noch einmal zügellos von seinen Lippen; »ich glaube Ihnen nicht. Sie lieben diesen Mann nicht – Sie gehören mir – ich will um Sie und Ihre Liebe kämpfen mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln. Hören Sie mich –«

»Nichts mehr – nicht ein Wort mehr!« schnitt sie ihm entschieden den Satz ab. »Ich habe meinem Bräutigam Treue gelobt – und werde sie halten.«

Willys Augen vergrößerten sich und sahen auf das geisterbleiche Antlitz Wandas – sein Gesichtsausdruck nahm einen Grimm an, der dem jungen Mädchen Furcht einflößte und den Fuß zur Flucht ins Nebenzimmer wenden ließ.

In diesem Augenblick öffnete sich eine der Türen zu den inneren Gemächern, und eine hagere alte Dame trat über die Schwelle. »Ich hörte ein lautgeführtes Zwiegespräch – – Wer –?« unterbrach sie sich, erstaunt auf den Ingenieur sehend.

Dieser faßte sich. »Kennen Sie mich nicht mehr, gnädiges Fräulein?« fragte er und nannte seinen Namen: »Ingenieur Willy Bock.«

»Wie –? Sie, Willy?« begrüßte ihn nun Wandas Tante, Fräulein Lisbeth Kint, mit freundlicher Miene.

»Ja, Tante – mein alter Jugendgespiele,« fiel Wanda mit nervös zuckenden Mundwinkeln ein. »Er ist lange fortgewesen und wird Dir viel zu erzählen haben. Mich hat er schon mit einzelnem bekannt gemacht. Mich entschuldigt,« bat sie und reichte dem Ingenieur die Hand hin.

Dieser zog sie an die Lippen, drückte einen Kuß darauf, und Wanda verließ, ohne ihn noch einmal anzusehen, das Zimmer. In ihr Gemach gekommen, schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

»Seien Sie mir willkommen,« sprach Fräulein Kint zu dem Gast, als Wanda gegangen war, und bat ihn, Platz zu nehmen, indem sie sich in einen Sessel fallen ließ. »Wo haben Sie so lange gesteckt und was bringt Sie wieder in die Heimat zurück? Die Sehnsucht?«

»Sollten Sie das nicht wissen, gnädiges Fräulein?« lautete seine Gegenfrage

»Wie verstehe ich das?«

»Aus meinen Briefen, die ich an Wanda sandte und die nicht in ihre Hände gelangt sind.«

Eine Blutwelle schoß der alten Dame in die fahlen Wangen. »Ich habe die Briefe nicht gelesen.«

»Doch auch nicht ausgehändigt?«

»Nein,« gestand Fräulein Kint nach kurzem Zögern mit entschlossenem Tone. »Ich habe die Briefe ungelesen vernichtet.«

»Aus welchen Gründen, wenn ich fragen darf?«

»Ich wollte nicht, daß Wanda ihr Herz an jemand verlor, der sie der Heimat entfernen und entfremden wollte.«

Der Ingenieur fuhr empört auf. »Woher wissen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Wanda der Heimat entfremden wollte?«

»Weil Sie eine etwaige Werbung nicht persönlich vorzubringen für gut hielten, weil, falls Worte der Liebe in jenen Schreiben enthalten waren – was sollte es auch anders enthalten? – das Mädchen leicht durch sie hätte betört werden können, mir und der Heimat den Rücken zu kehren. Ich bin zu alt, um Reisen unternehmen zu können oder zu wollen –«

»Also aus purem Egoismus –«

»Mäßigen Sie sich, mein lieber Willy,« schlichtete die alte Dame die Wogen seiner hohen Erregung. »Auf einige bestrickende, glatte Worte hin, wollte ich Wanda nicht dem Ungewissen aussetzen. Ein unerfahrenes junges Mädchen allein über Land und Meer ziehen lassen: das vermochte ich nicht über mich zu gewinnen. Ich war verantwortlich für sie, ich hatte sie in meine Obhut genommen, ihren Eltern Sorge und Erziehung zugesagt. Wären Sie selbst und beizeiten gekommen – bevor Wanda ihren Bräutigam kennen lernte – dann hätte ihr Lebensgang wohl eine andere Richtung nehmen können. Müssen Sie darunter leiden, so haben Sie es sich selbst zuzuschreiben.«

»Wenn Sie meine Briefe gelesen und beantwortet hätten –«

»Sie waren nicht an mich gerichtet und, wie gesagt, Wanda wollte und mochte ich nicht beunruhigen.«

»Sie glauben nun, gnädiges Fräulein, daß ich mich ohne weiteres ergeben und die beschlossene Vermählung schweigend über mich ergehen lassen werde?«

»Was wollen Sie tun, nachdem Sie selbst die Dinge auf ihre Bahn geleitet haben?« Die alte Dame erhob sich fast ungestüm. »Herr Ingenieur, ich möchte die Bitte an Sie richten, meiner Nichte am besten in der nächsten Zeit nicht mehr begegnen zu wollen, auch ein zufälliges Treffen zu vermeiden – lieber sofort wieder zurückzureisen. Ich bitte Sie inständigst darum.«

»Das ist nicht wenig verlangt,« entgegnete Willy spöttisch. »Nein, mein gnädiges Fräulein, das werde ich nicht tun; im Gegenteil, ich bin entschlossen, mich hier dauernd niederzulassen und habe bereits die notwendigen Schritte dazu getan. Schließlich darf ich wohl auch das Recht des Freundes für mich in Anspruch nehmen, um Wanda auch künftighin begegnen zu können.«

»Sie bestehen darauf?«

»Sie haben es längst erraten – es war die Ursache der Vernichtung meiner Briefe, wie Sie ganz richtig sagen – wie innig und zärtlich ich Wanda liebe. Sie war mir schon damals teuer, als sie, noch ein halbes Kind, bei meinem Scheiden die letzten Abschiedsworte an mich richtete. Aus ihnen leuchtete ihr volles, lebendiges Gefühl für mich. Sie sind mir ein Talisman auf meinem Pfade gewesen. Ich gelobte mir, etwas zu werden, und wenn ich mir eine sichere Position geschaffen, mit meiner Werbung vor sie hinzutreten. Auf meiner Wanderschaft sie an mich zu fesseln, lag niemals in meiner Absicht, selbst nach England, wo ich mich zuletzt und am längsten aufhielt, wagte ich nicht, sie zu entführen. Hier, in ihrem und in meinem Vaterlande, sollte sie mein werden und erst, als ich fühlte, als ich mir meines Könnens bewußt war, als ich sicher ging, eine Frau ernähren zu können, da ließ ich mich vom deutschen Kultusministerium anstellen. Der Entschluß, in den nächsten Wochen hierherzukommen, fiel zusammen mit der Bekanntgabe der Verlobungsanzeige Wandas, die ich in einer Zeitung las. Die Nachricht schmetterte mich nieder, und erst nach Tagen raffte ich mich auf. Ich beschloß sofort, Wanda aufzusuchen, um mich von ihrem Glück zu überzeugen. Wenn sie dieses rein und unanfechtbar gefunden, sagte ich mir, so willst Du Dich schweigend zurückziehen und keine Schatten auf sie werfen. Sie aber ist nicht unbedingt glücklich –«

»Herr Ingenieur!«

»Nein, gnädiges Fräulein. Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß Wanda noch etwas in ihrem Herzen für mich übrig behalten hat – mehr, als in Ihrem Sinne liegen mag. Ihr Bräutigam füllt ihr Herz nicht in dem Maße aus –«

»Täuschen Sie sich nicht,« unterbrach ihn die alte Dame lebhaft und herb. »Ehrenfels ist ein trefflicher Mensch – er liebt, verehrt Wanda über alle Maßen, und es ist nur natürlich, daß sie, die ihm, wie ich, zu größtem Danke verpflichtet ist, ihn wieder liebt. Treiben Sie sie nicht in Kämpfe – bedenken Sie, daß Sie eine Braut vor sich haben, und deshalb bitte ich Sie nochmals: verlassen Sie ihre Nähe, ohne Wanda wiedergesehen zu haben.«

»Das kann ich nicht,« blieb er fest. »Nachdem ich die Gewißheit erhalten, daß Wanda nicht glücklich ist, wie es eine liebende Braut sein soll – so bleibe ich.«

»Ueberlegen Sie –«

»Ich habe überlegt, gnädiges Fräulein. Meine Liebe zu Wanda ist so groß und aufopferungsfähig, daß ich auf mein Glück verzichten könnte, wenn ich sie dadurch glücklich wüßte. Aber daß wir beide unglücklich werden und uns nicht einmal wehren sollen, das kann niemand von uns verlangen. Sie begehren Unmenschliches. Ich bleibe, mag es kommen, wie es will. Ich werde den gestellten Preis mir zu erringen suchen.«

Angstvoll sah die Dame zu ihm hin. »Sie haben es wirklich darauf abgesehen –«

Er fiel ihr mit einer abweisenden Gebärde hart ins Wort: »Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe es darauf abgesehen, sie glücklich zu machen; wenn ich sehe und empfinde, daß sie es mit Bruno Ehrenfels nicht ist, sie ihm streitig zu machen.«

Er grüßte kurz und verabschiedete sich. Ehe die alte Dame zur Besinnung kam, hatte er das Haus verlassen.

* * *

 

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