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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 6
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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In einer vornehm ausgestatteten Villa an der Peripherie des Stadtweichbildes wohnte ein Fräulein Lisbeth Kint, eine Dame in älteren Jahren, mit ihrer jungen Nichte Wanda Lorenz, einer anziehenden Brünette von hübscher Erscheinung und von großem Vermögen.

Auf einer Chaiselongue liegend, träumte letztere in den dämmernden Abend hinein. Die zurückgeschlagenen Aermel ihres luftigen Spitzengewandes ließen die blendenden Arme bewundern, die Wanda unter den Kopf geschoben; die schwarzbraunen Haare fielen, halb gelöst, über Nacken und Busen und beschatteten die rosigfarbigen Wangen.

Das zarte Gesicht war nicht heiter, die großen blauen Augen blickten versunken, wie in sich gekehrt. Sie dachte an ihr Vaterhaus, in dem sie nach dem frühen Tode der Eltern mit der Tante gelebt, an die vertrauten Räume, die nicht mehr waren. So wie heute heute hatte Wanda vor einigen Wochen in ihrem Zimmer gelegen und so wie heute geträumt. Geträumt von der Kinderzeit und einem Jugendgespielen, der, ach! seit Jahren verschollen war. Vielleicht war er tot, der Willy Bock, oder vermählt und ohne Sehnsucht nach der Heimat, ohne Erinnerung an die Jugendzeit in fernen Landen unter fremden Leuten. Von ihm hatte sie an jenem dämmerigen Abend geträumt.

Da hatte sich die Luft im Zimmer mit einem eigenartigen Qualm gefüllt. Ein knabbernder Laut, als wenn Mäuse an hartem Holze nagen, hatte Wanda in ihren Träumen gestört. Sie stützte sich auf den Ellbogen und blickte mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen zur Decke empor. Dort oben fand sie die Erklärung des Geräusches, das sie aufmerken ließ und erschauerte.

»Feuer!« stöhnte sie. Sie blieb vor Schreck wie gelähmt und starrte nur hinauf.

Hungrig streckten die Flammen ihre Zungen nach dem Paneel der Decke aus, beleckten und verschlangen Stück für Stück der kostbaren Holzschnitzerei – ein rauher Wind fachte die hinterlistigen Dämonen an und ermunterten sie, alles zu vernichten, was sie fanden. Von Minute zu Minute erweiterten sie ihr Gebiet, nahmen sie an Kraft und Umfang zu. Sie leckten und brodelten in der Oelfarbe, knisterten und knatterten überall, wo sie hinkamen, und im Zimmer ward der Qualm immer dichter. Die Dunkelheit nahm behende zu, als ob die Nacht herbeiflog.

Ein prasselnder Laut riß Wanda aus ihrer Lethargie. Schnell erhob sie sich, griff nach einem Tuch, schlug es um ihre Schultern, eilte an den zierlichen Schreibtisch, hockte vor ihm nieder und öffnete einige Fächer. Hier holte sie eine Kassette, einige Briefe und Bilder heraus und erhob sich, um in das Gemach ihrer Tante zu flüchten und diese von der drohenden Gefahr zu benachrichtigen, sie zu warnen. Ihr Fuß stockte – sie zuckte zusammen und stützte sich mit der Linken gegen den Tisch. Unverwandt blickte sie nach der Ausgangstür; sie brannte schon. So blieb Wanda in ihrer Stellung am Schreibtisch – ihre blutunterlaufenen Augen hingen wie gebannt an der brennenden Tür, sie sahen, wie sich die Flammen ihrer mehr und mehr bemächtigten – –

Der Laut des niederstürzenden Kronleuchters weckte sie aus ihrer Betäubung. Hurtig gewann sie eine zweite, noch unberührt gebliebene Tür, riß sie auf und rief nach Tante Lisbeth. Eine Stimme, erschrocken, heiser, schien aus der Ferne irgendwoher zu antworten. Kam sie von der Straße oder vom Hausflur? Wanda fand sich in großer Verwirrung nicht zurecht. Geängstigt sah sie sich um. Das Feuer, der erstickende Qualm griff immer stärker um sich, schon war es undurchdringliche Nacht.

»Tante!« schrie sie mit versagender Stimme und rannte wieder zurück, vergebens nach einem Ausgang tastend. Sie fühlte, wie sich der Rauch auf sie warf und sie zu erwürgen trachtete, ihre Gedanken erstickte, ihre Willenskraft brach. Da tönte eine Männerstimme an ihr Ohr. Mit dem letzten Rest ihrer Kraft antwortete sie durch einen Laut, einen Ruf nach Hilfe – im nächsten Augenblick umschlossen sie zwei kräftige Arme und trugen sie ins Freie – – in Sicherheit.

So wurde sie gerettet.

Das väterliche Haus brannte bis auf die Umfassungsmauern nieder. Der pfeifende Wind half die Flammen schüren und lachte der Mühe und Arbeit herbeigeeilter Menschen und Wehren. Es ward nur weniges gerettet.

Wer Wandas Retter gewesen? Sie wußte es anfangs nicht. Erst kürzlich erfuhr sie es, als sie sich bereits in diesem, ihrem neuen Heim mit der aus der Feuersbrunst ebenfalls geretteten Tante wieder eingerichtet hatte.

Ein ansehnlicher, kräftiger Mann, Bruno Ehrenfels, war es gewesen, ein Mann mit dunkelbraunem Haar und stattlichem Vollbart, grauen, etwas stechenden, aber klugen Augen, nicht unschön zu nennen, und, wie er angegeben, Besitzer eines ausgedehnten Gutes in der Provinz, das seinen Namen trug, eines herrlichen Besitzes mit schloßartigem Gebäude, parkartigem Garten, Wald und Weide und Feld mit vielem lebenden und toten Inventar.

Dieser Mann hatte sich als ihr Retter aus der Feuersnot vorgestellt; er war an jenem verhängnisvollen Tage just des Weges gekommen, als die Flammen zum Dach herausschlugen. Wagemutig war er in das Haus gestürmt und hatte erst sie, dann Tante Lisbeth dem sicheren Feuertode entrissen. Unendlichen Dank waren die Damen dem Retter schuldig und berechtigten ihn, in ihrem Hause ein- und auszugehen. Sie hatten ihn ein für allemal geladen, wenn ihn die Anwesenheit auf seinem Gut nicht fernhielt, und da Ehrenfels, wie er angab, einen tüchtigen Verwalter hatte, so war er öfter abkömmlich.

Er suchte dann die Damen schon am frühen Vormittag auf, machte mit ihnen Ausflüge, dinierte mit ihnen, arrangierte Picknicks im nahen Walde, unterhielt sie recht regsam, spielte den Gentleman in jeder Beziehung und machte sich so unentbehrlich. Schnell erwarb er sich ihr Vertrauen. Die Tage, die er fern von ihnen – auf seinem Gute – zubrachte, gehörten zu den weniger angenehmen des Daseins – wenigstens versicherte das Tante Lisbeth, die ihren Lebensretter ganz besonders ins Herz geschlossen hatte, wiederholt ihrer Nichte gegenüber.

Diese war weniger begeistert oder äußerte sich nicht darüber, obgleich sie sich, wenn Ehrenfels ihr den Hof machte, seine Huldigungen schweigend gefallen ließ. Wie hätte sie ihn, dem sie ihr Leben verdankte, auch abweisen können? Der Mann, der sich der Gefahr ausgesetzt hatte, unter den Trümmern des zusammenbrechenden Hauses begraben zu werden, einzig um sie zu retten, hatte Anspruch auf sie. Das mußte sie sich wieder und wieder sagen, wenn er kam und um ihre Gunst warb.

Auch heute, als sie, wie sie es so gern tat, träumend auf der Chaiselongue ruhte und die Bilder der Vergangenheit mit dem Bilde ihres Lebensretters vor ihren geistigen Augen aufsteigen ließ, wiederholte sie sich: Was Ehrenfels auch von ihr fordern möge, sie müsse es ihm gewähren als seine Schuldnerin. Mädchenträume aus früherer Jugendzeit mußten über der Forderung der Gegenwart schweigen.

 

Es war fast dunkel geworden. Ein dienstbares Mädchen brachte Licht und meldete Bruno Ehrenfels.

»Führe ihn in den Salon und benachrichtige meine Tante,« befahl Wanda. Sie erhob sich und ordnete ihre Toilette. Auch das Haar steckte sie auf. Hierbei fuhr sie etliche Male über die Stirn, als ob sie etwas abwischen oder verscheuchen wollte. Und dann ging sie in das Empfangsgemach, wo ihr Ehrenfels mit ausgestreckter Rechten entgegentrat.

»Sie sehen blaß aus. Sind Sie krank?« fragte das junge Mädchen nach einem flüchtigen Blick in sein Gesicht, das bleicher als je war.

»Nein,« erklärte Ehrenfels und küßte ihr die Hand. »Wie lieb Ihre Besorgnis ist. Ich habe Kalamitäten auf meiner Besitzung gehabt. Wirtschaftliche Sachen, die einen Mann nicht peinigen würden, wenn er nicht allein dastünde. Mir fehlt die waltende, umsichtige Hausfrau.«

Wanda erschrak innerlich und wagte nicht, etwas darauf zu erwidern. Doch Ehrenfels, der wohl absichtlich dieses Thema angeschlagen hatte, verharrte bei ihm und malte es intimer aus. Er wußte das Gespräch so zu führen, daß es auf eine Werbung hinauslief.

Es war etwas wie eine geheime Opposition, die in Wanda erwachte und sich allmählich stärker regte. Doch wagte sie nicht, sie in Worte zu kleiden, sich auch nicht eines unbehaglichen Gefühls zu erwehren, das die Herrschaft über sie zu gewinnen drohte. »Er hat zu fordern und über mich zu verfügen,« sagte sie sich, »ich schulde ihm alles – ohne ihn stünde ich nicht hier.« Und so hörte sie ihn ohne Einwand an und bemühte sich, ihm eine freundliche Miene zu zeigen, als er Worte der Werbung um ihre Hand sprach.

»Wanda – seit jenem Tage, der mich als Ihren Retter aus Feuersgefahr erscheinen ließ, seitdem ich Sie kennen lernte, trage ich Ihr Bild in meinem Herzen. Von Tag zu Tag ist meine Liebe gewachsen. Sie ist ein beglückender Sonnenstrahl in meinem einsamen Leben und zeigt mir dieses von einer Seite, die wir Menschen das Glück nennen. Ich weiß, daß Sie mich niemals durch Worte und Blicke ermuntert haben. Dennoch hoffe ich auf ein Interesse für mich. Oder täusche ich mich? Fehlt dieses ganz und gar für mich? O, dann wollte ich, daß ich meine Worte tief in mir verschließen und schweigend leiden könnte. Sagen Sie, daß ich mich getäuscht habe.«

Die Bestürmte atmete tief und schwer; es war ihr, als versagte ihr im Augenblick die Sprache. Und doch mußte sie ihm antworten. Er hätte ja die Undankbare verachten müssen, wenn sie seiner Werbung einen Widerstand entgegensetzte Warum auch sollte sie ihm ihre Hand nicht geben? Es war doch kein Mensch auf der weiten Welt, der einen größeren Anspruch darauf hatte. Und Liebe? Die bringt Zeit und Gewohnheit. Warum sollte sie ihn mit der Zeit nicht lieb gewinnen? Es war ja doch keiner da, den sie ihm vorziehen konnte. Keiner? Sie erbebte leise und schluckte an einer Träne, die sich in ihr Auge drängen wollte. Es durfte keiner da sein, dem sie Ehrenfels vorziehen konnte!

»Wanda, ich brenne vor Ungeduld, Ihre Antwort zu erfahren,« sprach er eindringlicher, als sie noch immer jeden Laut unterdrückte, weil sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme fürchtete. Sein Ton kam so flehend und mitleidfordernd heraus, daß in Wanda ein wärmeres Gefühl auftauchte.

»Holen Sie sich die Antwort in den nächsten Tagen,« entgegnete sie unsicher und zögernd. »Ich will zuvor mit Tante Lisbeth sprechen.«

»Hat sie die Entscheidung über Ihre Hand?« fragte er, etwas enttäuscht.

»Nicht gerade die Entscheidung, aber doch auch ein Wort hierüber.«

«Lassen Sie es mich dann schon morgen wissen,« bat er. »Länger hält sich meine Geduld nicht.«

»Morgen?«

Er drang in sie, daß sie sich für den nächsten Tag entschied.

»Noch vierundzwanzig Stunden,« sagte er mit einer Erleichterung im Ton. »Ich hoffe auf die Gunst Ihrer Fräulein Tante. Wanda, wenn Sie wüßten, welche Verehrung ich für Sie hege,« setzte er leidenschaftlich hinzu. »Ein Nein von Ihnen würde mich in den tiefsten Abgrund der Vernichtung schleudern.«

Er blieb noch eine Weile und sprach von der Verfassung seines Gemüts. Und einmal warf er die Frage dazwischen, die er mit einem verstohlenen Blick begleitete: »Einem Nebenbuhler habe ich doch keine Wege zu kreuzen, Wanda?«

Sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen verwundert an. Was sollte diese Frage? Oder vielmehr, was stöberte diese Frage plötzlich in ihr auf, daß es wie eine Flamme durch ihren Körper blitzte und siedend heiß das Blut in ihre Wangen bis zur Stirne trieb?

»Sie schweigen?« bemerkte er mißtrauisch »Also vermutete ich –«

»Nichts,« unterbrach sie ihn rauh. Ihre Stimme klang kalt und fremd, wie Ehrenfels sie noch nie an ihr gehört. Doch sofort besann sie sich und stieß alles in ihr Aufwallende gewaltsam nieder. »Ich liebe keinen anderen,« sagte sie in heiserem Ton. »Kommen Sie morgen wieder und holen Sie sich meine Antwort, die Sie, wie sie auf Ihre Frage auch ausfallen möge, meiner ewigen Freundschaft versichern wird.«

Er küßte die ihm dargebotene Hand und verließ das Haus.

Langsam ging er dem Zentrum der Stadt zu. Ein triumphierendes Lächeln schwebte auf seinen Lippen. »Gewonnen,« dachte er und sprach vor sich hin, ohne die Lippen zu rühren oder Laute von sich zu geben. »Ist sie mir erst sicher – und ich habe sie so gut wie sichert – dann habe ich auch ihr Vermögen und darum ist es mir doch nur allein zu tun. Für das Weitere wird sich auch schon ein Ausschlupf finden.«

Seine Gedanken beschäftigten sich mit der jungen Dame bis zu seiner Wohnung in einem Hotel garni. Hier angelangt, verriegelte er die Tür und schritt lautlos im Zimmer auf und nieder. »Von Liebe zu mir ist keine Spur in ihr,« setzte er seinen Gedankengang fort; »im Gegenteil, es scheint mir da im tiefsten Innern etwas für einen anderen trotz ihres Leugnens zu glimmen – – Gleichviel! Ich halte sie beim Dank gegen mich und bin genügsam, wenn sie mir die Verfügung über ihre Kapitalien überläßt. Es soll ein stattliches Sümmchen sein. Habe ich das erst, dann –«

Er zog sein Taschentuch und tupfte sich die Stirn, die heiß geworden war. Dann lupfte er das Haar – – eine Perücke – und fuhr mit dem Tuch über sein natürliches, kurz geschorenes Blond.

»Morgen ihr Jawort – Verlobung,« fuhr er fort und warf sich ermüdet aufs Sofa; »dann schnelle Hochzeit – ohne die werde ich nicht zum Gelde gelangen können – – dann noch eine kurze Hochzeitsreise und – – Es wird nicht mehr allzu lange dauern, Lucie, dann wirst Du Deinen Dir allein getreuen Bertold in Deine Arme schließen.«

Am nächsten Abend erhielt Bruno Ehrenfels Wandas Jawort, und noch in derselben Stunde feierte das Paar unter gegenseitigem Treuschwur und den Segenswünschen der Tante die Verlobung.

* * *

 

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