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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 5
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Frank veranlaßte seinen jüngeren Kollegen Talbach den Kassierer zu beobachten und ihm jede außergewöhnliche Abweichung von seiner bisherigen Lebensart ohne Verzug mitzuteilen. Frank selbst hielt es für wichtiger, das Haus der Frau Nesper zu bewachen. Er legte die Verkleidung eines kleinen Handwerkers an und wußte seinem Aeußern eine solche Gefälligkeit zu geben, daß das bedienstete Mädchen der Frau Nesper, Minna Klein, ein Interesse für ihn gewann und sich ohne Sprödigkeit den Hof machen ließ.

Als scheinbarer Verehrer Minnas fand Frank bald unbeschränkten Zutritt zur Wohnung der unter seiner Beobachtung stehenden Dame, und wenn diese sowohl, wie ihr Schwiegersohn, mit aller erdenklichen Vorsicht ihre Tage verlebten, so spürte der Detektiv doch Einzelheiten – nur Geringfügigkeiten – heraus, die ihm zu denken gaben. Er mußte sich zwar gestehen, daß, wenn die Schuldigen in diesem Hause zu suchen waren, oder wenn Frau Nesper Mitwissende an der Tat ihrer Tochter war, diese über eine raffinierte Schlauheit und Vorsicht gebieten müsse, doch nur ein unentwegtes Ausharren werde zur Ueberzeugung einer Schuld oder der vollen Unschuld führen.

Kupfer, dessen Sprache sich nicht wiedergefunden, der nichtsdestoweniger seinen Posten an der Wolterschen Bank mit Hilfe eines Assistenten wieder versah, besuchte nur sehr selten seine Schwiegermutter. Und wenn dieses geschah, beschränkte sich die Unterhaltung der beiden auf das Notwendigste, wobei Kupfer sich stets mittels Zeichensprache oder Schrift verständigte.

Soviel sich Frank auch Mühe gab, irgendwo einen Anhalt seines Verdachts durch eine Schwäche oder Blöße herauszufinden, es mißlang ihm anfangs fast vollständig. Mißlaunig zog er sich mit der Zeit von dem Hause zurück und beschränkte die Besuche bei Minna, deren Zärtlichkeiten ihm lästig wurden, auf ein Minimum.

Schon wollte er seine Beobachtungen ganz einstellen und eine andere Fährte aufnehmen, als er eines Abends an Stelle Minnas, die in der Küche mit der Herstellung des Abendbrotes beschäftigt war, die Haustür öffnete und den Revierpostboten vor sich sah. Er überreichte für Frau Nesper einen Brief. Frank warf einen schnellen Blick auf den Aufgabestempel und las »Hamburg«. Sofort barg er den Brief, nachdem er hinter dem Boten die Tür geschlossen hatte, in seiner Tasche und kehrte mit einem harmlosen Gesicht zu Minna nach der Küche zurück.

»Wer war's denn?« fragte das Mädchen.

»Es bot jemand Traktätchen an. Ich wies ihn ab,« entgegnete Frank. »Du hast doch keine Verwendung für solche Sachen?«

Minna schüttelte lachend den Kopf. »Ein hübscher Roman in Heften und vielen Fortsetzungen ist mir lieber. Ach, fesseln solche Romane! Man kann sie gar nicht schnell genug verschlingen! Neulich hat mir Nachbars Guste einen versprochen; den hol' ich mir heut' abend – na, dann werd' ich mal schmökern! Die halbe Nacht hindurch und noch länger.«

Frank verabschiedete sich bald und eilte seiner Behausung zu. Hier nahm er sich nicht Zeit, sich umzukleiden, nicht einmal die Mütze abzunehmen. Hurtig zog er den an Frau Nesper adressierten Brief hervor und öffnete ihn vorsichtig, um ihn eventuell wieder schließen und an seine Adresse gelangen lassen zu können.

 

»Ich vergehe vor Sehnsucht,« lauteten die wenigen Zeilen. »Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen! Wie lange habe ich noch zu harren? Laß umgebend etwas hören.«

 

Das klang sehr geheimnisvoll Aus den Sätzen war nicht recht klug zu werden. Von wem waren sie? Eine Unterschrift, jeder Buchstabe eines Namens fehlte. Wer war der Absender? Welcher Zustand sollte ein Ende nehmen? Der Schreiber wollte eine umgehende Antwort! Da hieß es handeln und auf der Hut sein.

Sofort schloß Frank das Schreiben mit Klebestoff, den er über Nacht völlig trocknen ließ. Morgens machte er sich mit dem Brief auf den Weg zu Minna. Das Mädchen empfing ihn zu dieser ungewöhnlichen Zeit mit großem Erstaunen.

»Was bringst Du so früh?« erkundigte es sich.

»Eine frohe Nachricht,« erklärte er mit heiterer Miene. »Doch zuerst trag' diesen Brief zu Deiner Gnädigen. Der Postbote gab ihn mir an der Tür. Er wollte gerade klingeln.«

»Das hat ja Zeit –«

»Gib ihn nur ab,« fiel Frank ein. »Während ihn die Gnädige liest, haben wir ungestörter Zeit zu plaudern.«

Minna trug den Brief hinein und kam eiligst wieder zurück.

»Nun? Was ist das für eine frohe Botschaft?« forschte sie neugierig.

»Ich habe eine kleine Erbschaft gemacht. Ein Vetter von mir ist in Lübeck als ein wohlhabender Mann gestorben,« erzählte er dem aufhorchenden Mädchen. »Nun muß ich hinüber, das Kapital vom Gericht, wo es niedergelegt ist, persönlich abholen.«

»Ist's Viel?«

»Für unsere Verhältnisse ein nettes Sümmchen.«

»Dann können wir ja bald heiraten,« jubelte das Mädchen auf. »Wenn wir mein Erspartes und Dein's zusammentun –« Sie malte sich die Zukunft mit rosigen Farben aus und Frank ließ sie gewähren. Seine Absicht war es, ein Antwortschreiben Frau Nespers abzuwarten, um zum wenigsten die Adresse des Absenders des Hamburger Briefes kennen zu lernen. So ließ er die phantasievollen Zukunftsschwelgereien Minnas über sich ergehen und harrte in Geduld auf ein Klingelzeichen Frau Nespers.

»Hat Deine Gnädige nicht auch Verwandte in Lübeck oder da herum?« fragte Frank in die Schwärmereien des Mädchens hinein.

»Keine Ahnung! Wann fährst Du nach Lübeck?«

»So bald als möglich«

»Am besten gleich heute,« riet das Mädchen eifrig. »Je schneller Du fortmachst, um so schneller bist Du zurück,« und nun folgte ein Erguß phantasievoller Zukunftspläne.

Endlich erklang das von Frank mit allmählich eingetretener Ungeduld erwartete Klingelzeichen Frau Nespers.

Minna ging ins Wohnzimmer und blieb ziemlich lange dort. Als sie zurückkam, sagte sie: »Die Gnädige geht aus. Ich mußte ihr in den Mantel helfen. Das ist fein, da können wir noch eine Weile –«

»Das geht nicht, Schatz. Ich muß daran denken, meine sieben Sachen zu packen,« wehrte Frank. Er hatte sich eilig erhoben. Frau Nesper geht aus? Sie will unzweifelhaft eine Antwort selbst auf die Post befördern. Ich muß wissen, was sie tut, wo sie ein etwaiges Antwortschreiben läßt, fuhr es blitzschnell durch den Kopf des Detektivs. Mit fast auffallender Hast sagte er Minna Lebewohl, um noch vor Frau Nesper die Straße zu gewinnen.

 

Franks Aufmerksamkeit wurde belohnt. Bald sah er von einem Torweg aus, in den er getreten, Frau Nesper aus dem Hause kommen und sich mit einer gewissen Eile nach dem Zentrum der Stadt begeben. Frank folgte ihr unauffällig. In einer lebhaften Straße bemerkte er, wie die vor ihm Gehende in einen Postkasten ein Papier gleiten ließ. Das war's, was Frank feststellen wollte. Er blieb, nachdem sich Frau Nesper entfernt hatte, vor dem Postkasten stehen, las die Stunde der Entleerung und da diese erst in etwa vierzig Minuten stattfand, so schwang er sich auf den nächsten elektrischen Straßenbahnwagen und ließ sich nach Hause fahren.

Hier entledigte er sich seiner Verkleidung, zog einen anderen Rock an, stutzte sein Haar, griff nach einem Hut und eilte wieder an einen Wagen, der ihn zu dem Postkasten zurücktrug, der den Brief Frau Nespers enthielt. Geduldig wartete Frank, bis der Bote eintraf, der die Leerung des Kastens vorzunehmen hatte.

»Lassen Sie sämtliche in diesem Kasten befindliche Postsachen in einen besonderen Abteil Ihrer Tasche gleiten,« gebot der Detektiv dem Beamten, indem er sich legitimierte, »und folgen Sie mir direkt zu Ihrem Postamt.«

Der Bote gehorchte. Auf dem Amt ließ sich Frank die Postsachen vorlegen. Auf einem Couvert fand er die von Frauenhand geschriebene Adresse: »An Frau Lucie Falk, Hamburg, Hotel Kronprinz von Preußen.« Der Kommissar notierte sich die Adresse und dankte dem Beamten, da unter den Sachen eine andere Aufschrift für ihn nicht weiter in Betracht kam, das Gesuchte wohl das einzig Richtige sein mußte.

Das nächste für Frank war, daß er sich zu seinem Vorgesetzten begab und hier Talbach instruierte, Kupfer mehr denn je zu beobachten.

»Lassen Sie den Kassierer gewähren,« riet er seinem Chef, wie seinem jüngeren Kollegen. »Er muß vollkommen in Sicherheit gewiegt werden. Auch seine Schwiegermutter ist zu beobachten und ebensowenig wie Kupfer darf sie von unseren Maßregeln etwas merken. Ich verreise auf einige Zeit. Kupfer dürfte in diesen Tagen die Lebensversicherungssumme seiner Frau von der Versicherungsagentur einkassieren; er darf daran natürlich nicht gehindert werden. Vielleicht können Sie feststellen, ob er die Summe irgendwo anlegt oder sie flüssig im Gewahrsam behält. Im übrigen tun Sie bis zu meiner Rückkehr absolut nichts gegen ihn, was er auch unternehmen möge. Es handelt sich einzig darum, daß er, falls er es planen sollte, uns nicht entflieht. Sollte er verreisen, so ist seine Verfolgung mit gebotener Vorsicht aufzunehmen – stets aus achtbarer Entfernung.«

 

Einige Stunden darauf saß ein elegant gekleideter, distinguiert aussehender Herr, der den Eindruck eines Offiziers, etwa den eines Rittmeisters machte, im Abteil eines Eisenbahncoupés zweiter Klasse, das ihn nach Hamburg führte. In dem eleganten Kavalier, der seinen Mitreisenden die mustergültigsten Allüren zeigte, hätte das schärfste Auge seiner Kollegen nur schwer den Agenten der Kriminalpolizei, Cäsar Frank, erkannt.

Im Hotel Kronprinz von Preußen, wo Frank in Hamburg abstieg, war die Zahl der zur Zeit eingekehrten Gäste eine große. Die Preise waren solid und zogen die Fremden an; die Bedienung war taktvoll und aufmerksam.

Der Detektiv richtete sich für einen längeren Aufenthalt in einem komfortablen Zimmer ein. Um nicht Argwohn zu erregen, platzte er nicht sofort mit Erkundigungen heraus. Er begnügte sich vorerst damit, die Gäste an der Table d'hote unauffällig zu mustern und ließ sich später das Fremdenbuch geben, in das er sich als Rittmeister a. D. Cäsar eintrug. Beim Durchblättern des Buches fand er den Namen Lucie Falk angegeben.

Diese Feststellung befriedigte ihn außerordentlich.

Nächsten Tages begann er das Feld zu rekognoszieren. Durch ein reichliches Trinkgeld erwarb er die dankbare Freundschaft des Oberkellners und von diesem erfuhr er im Laufe des angeknüpften Gesprächs, daß sich nur wenige Fremde längere Zeit im Hotel aufhielten, daß ein fortwährender Wechsel stattfinde.

»Wir beherbergen meistens solche, die übers Meer ziehen und hier nur die Ankunft eines passenden Dampfers abwarten oder aus der Fremde kommen, um weiter ins Land hineinzufahren,« erklärte der Bedienstete zuvorkommend. »Im Augenblick haben wir nur eine Dame, die bereits längere Zeit hier ist.«

»Habe ich die Dame gestern an der Table d'hote gesehen?« fragte Frank und gab sich den Anschein eines harmlosen Zuhörers.

»Schwerlich. Die Dame speist fast immer auf ihrem Zimmer und kommt kaum in der Woche ein bis zwei Mal zur gemeinschaftlichen Tafel.«

»So, so. Wohl schon bejahrt oder sehr häßlich?«

»Im Gegenteil,« ereiferte sich der Auskunftgeber, »eine junge, schöne, liebreizende Dame, die mit ihren schwarzen Augen das Herz eines Mannes schneller schlagen macht.«

»Potzblitz! Sie sind ja vollständig begeistert,« bemerkte der Rittmeister belustigt.

»Verzeihung, wenn ich mich hinreißen ließ,« stotterte der Oberkellner verlegen. »Es sprudelte mir nur so über die Lippen.«

Mit steigender Spannung sah Cäsar jeden Mittag die Table d'hote-Gäste ins Zimmer treten, doch niemals war die von dem Oberkellner als Schönheit gepriesene Bewohnerin des Hotels unter ihnen. Es verging fast eine Woche, als der Rittmeister endlich das Vergnügen hatte, die Gesuchte vor sich zu sehen. Sie war allerdings eine fast blendende Schönheit, die, durch die tiefschwarzen Locken ihres interessant geformten Kopfes gehoben, etwas Bezauberndes von sich strahlte. Augen und Gesichtsschnitt erinnerten den Beobachter sofort an Frau Nesper.

Nach vorsichtiger Umschau wählte die junge Dame einen Platz am unteren Ende der Tafel.

Der Detektiv, dessen Annäherung in seiner Maske nichts Auffallendes hatte, wußte es so geschickt zu arrangieren, daß er neben der jungen Dame zu sitzen kam; ebensowenig wurde es ihm schwer, im Verlaufe des Diners mit einigen Harmlosigkeiten ein Gespräch in Gang zu bringen. Kleine Aufmerksamkeiten gewannen die Dame, und der vermeintliche Kavalier, der einiges über Einsamkeit und Langeweile hatte fallen lassen, ward vom Glück so weit begünstigt, daß seine Nachbarin am nächsten Tage wiederum im Speisesaal erschien.

Cäsar fühlte sich geschmeichelt, da er das schnelle Wiederkommen der Dame auf das Konto seines Aeußern und seiner höflichen Aufmerksamkeiten setzen mußte, und stellte sich als Rittmeister a. D. vor. Lucie Falk nannte ihm auch ihren Namen.

»Sie stehen allein auf der Welt, meine Gnädige?« erkundigte sich der Kavalier im Laufe des Diners.

»Ja,« lautete die etwas zögernd gegebene Antwort. »Ich habe die Absicht, Deutschland zu verlassen und warte hier nur auf eine günstige Gelegenheit, bei warmer Witterung und ruhiger See die Reise über England nach Amerika antreten zu können.«

»Amerika, das Ziel aller Hoffenden. Glauben auch Sie, meine Gnädige, dort irgend ein Glück zu ernten?«

»Ich hoffe es.«

»Sie sind keinesfalls eine Hamburgerin, wie ich aus dem Dialekt schließe?«

»Ich stamme aus der Mark,« erwiderte Lucie Falk. »Befriedigt das Ihre Neugier?«

»O – wie sarkastisch,« mokierte sich der Detektiv. »Bin ich Ihnen lästig, meine Gnädige?«

Lucie lächelte. »Es fällt mir nur auf, daß Sie mich so inquisitorisch ausholen.«

»Ich ausholen? Aber, meine Gnädigste, nichts als Interesse,« beteuerte der Rittmeister. »Wie können Sie annehmen –«

»Ich will mich bescheiden und nichts annehmen,« fiel sie mit bezauberndem Lächeln ein.

Cäsar sah mit einer verbindlichen Miene in ihre schönen, mattglänzenden Augen, bewunderte ihren schmalen Mund und hätte am liebsten einen Kuß auf die zarten Hände gedrückt. Wenigstens schloß dieses Lucie aus der Miene und der Gebärde ihres Nachbars. Ein wenig kokett lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück. Sie empfand es als eine Erleichterung, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem sie plaudern konnte. Die Einsamkeit, in die sie sich bis dahin geflüchtet, hatte bereits begonnen auf ihr Gemüt zu drücken.

»Wollen Sie auch über den Ozean?« fragte sie ihren Nachbar.

Dieser antwortete nicht direkt verneinend, sondern ausweichend und spann das Gespräch auf ein anderes Thema über. Er nahm sich vor, der jungen Dame den Hof zu machen, um sie allmählich mitteilsam werden zu lassen.

»Geduld und Zeit gehört dazu – doch mir bleibt nichts anderes übrig,« gestand er sich, als ihn Lucie verlassen hatte. »Diese hübsche Frau umgibt nicht nur ein Geheimnis – sie hängt auch mit Frau Nesper und irgendwie mit Kassierer Kupfer, mithin mit dem Bankeinbruch zusammen. Sie wartet hier, ›in Sehnsucht‹, wie sie schrieb. Sie will übers Meer, fährt jedoch nicht. Folglich erwartet sie jemand, in dessen Gesellschaft sie reisen will. Sollte das etwa Kupfer sein? Ist sie eine Liaison Kupfers? Doch dann würde er schwerlich seine Schwiegermutter eingeweiht haben. Sie würde unmöglich mit dieser korrespondieren. Wenn sie bei der Aehnlichkeit des Gesichtsschnittes – –?«

Wie ein Blitz berührte ihn der nächste Gedanke.

Heftig erregt begann Frank in seinem Zimmer auf- und niederzugehen. »Wenn diese Lucie Falk Lucie Kupfer geborene Nesper wäre und jene im Bankgewölbe tot Gefundene nicht Kupfers Frau –?« Der Gedanke stöberte sein ganzes Innere auf und brachte es in Wallung. »Das wäre ein kühner Streich! Ein genialer Streich!« murmelte er. »Lucie Kupfer war blond – dann müßten die Haare dieser Lucie Falk falsch sein!« Wieder verlor er sich in tiefes Sinnen. »Ich muß dahinter kommen, und sollte ich gewaltsam plötzlich in das Schlafzimmer dieser Dame dringen.«

Die Aufwallung ließ ihn den Rest des Tages und auch die Nacht nicht ruhen. »Wie kann ich sie zum Reden bringen, wie sie überführen?« Diese Frage kreiste ununterbrochen hinter seiner Stirn. Das Resultat lautete schließlich: »Ich will ihr die Cour schneiden wie ein verliebter Jüngling und sollte ich mich zu einer leidenschaftlichen Erklärung aufschwingen müssen. Gewißheit muß ich haben.«

Zu diesem Entschluß gekommen, begab sich Frank in die unteren Gasträume und harrte sehnsüchtig die Stunde der Mittagstafel herbei.

 

Auch an diesem Tage erschien Lucie Falk. Sie war in einer kleidsamen Robe, die ihre klassischen Formen noch reizvoller, ihren schönen Kopf noch verführerischer erscheinen ließ. Ihre dunklen Augen flammten auf, als sie den Rittmeister erblickte und sich neben ihn setzte.

»Ich hätte Lust, einmal einen Ausflug auf die Alster zu machen,« begehrte sie während des Essens. »So lange ich hier bin, habe ich mich nicht hinausgewagt.«

»Haben Sie etwas zu fürchten, daß Sie sich so abschließen?« fragte der Rittmeister mit einem lauernden Seitenblick.

»Nicht das geringste,« lautete die unbefangen gegebene Antwort. »Doch allein wollte ich nichts unternehmen, und wem sollte ich mich anvertrauen?«

»Es schmeichelt mir, meine Gnädige, mit Ihrem Vertrauen so hoch geehrt zu werden. Ich stehe natürlich zur Verfügung. Wollen Sie nur gütigst befehlen.«

Sie verabredeten das Nähere, und gegen Abend – es war ein lauer Junitag – fuhr sie der Rittmeister nach dem Alsterbassin, wo sie eine langstündige Gondelpartie unternahmen.

»Herrlich! Köstlich!« rief Lucie ein über das andere Mal, von »dem bunten Treiben der zahllosen, mit fröhlichen Fahrgästen besetzten Gondeln hingerissen. »Ich lebe ganz und gar auf. Wie schön ist es hier! Wie schön ist diese Stunde, Herr Rittmeister!«

Wie ein beseligtes Kind kehrte sie am Arm ihres Kavaliers zu ihrem Hotel zurück.

 

Am folgenden Tage regnete es. Cäsar schlug eine Partie Schach vor, die Lucie Falk annahm. In der Ecke eines abgelegenen Gastzimmers, das nur wenig von anderen Hotelbewohnern frequentiert wurde, wurde das Spiel begonnen. Anfangs vertieften sich beide in die Züge ihrer Figuren. Bald aber lockerte sich die Aufmerksamkeit Der Rittmeister griff nach der Hand seines Gegenübers und drückte einen heißen Kuß darauf.

Verwirrt rötete sich das Gesicht Lucies. »Achten Sie auf das Spiel, Herr Rittmeister. Ich sage Schach der Königin.«

»So nehme ich Ihren Springer,« erwiderte Cäsar, schlug die Figur, die unvorsichtig bloßgestellt worden war, und griff abermals nach Lucies Hand. »Jetzt sage ich Schach der Königin – Ihnen, schöne Königin,« flüsterte er mit leidenschaftlichem Feuer. »Wehren Sie sich nicht, Sie sind geschlagen. Hören Sie mich an. Sie stehen, wie Sie mir verrieten, allein – – ich habe, wie Sie, keinen Menschen auf der weiten Welt. Wollen Sie sich meinem Schutze anvertrauen? Lucie, es ist erst kurze Zeit ins Land gegangen, seitdem ich Sie kennen gelernt habe, doch sie genügt, um mich zu dem Bekenntnis hinreißen zu lassen, daß ich aus dem tiefsten Grunde meiner Seele Sie liebe. Empfinden Sie es nicht als eine Frivolität, wenn ich es wage, zu Ihnen von der Zukunft zu sprechen. Lassen Sie es mich schon in dieser Stunde sagen, was ich als stillen, sehnsüchtigen Wunsch seit jenem Augenblick, wo ich Sie zum ersten Male sah, mit mir herumtrage, werden Sie mein Weib!«

Seine Hände hatten die ihren zu sich herangezogen. Lucie war wie betäubt. Sie wußte nicht, ob sie ihn gewähren lassen oder ihm wehren sollte.

»Wollen Sie Ihr Glück in meine Hände legen, Lucie?« fuhr er eindringlich zu ihr fort. »So sollen Sie einen Hafen finden, der Sie für immer birgt, ein Glück – so groß wie die Ewigkeit!« Er suchte seinen Mund in die Nähe ihrer Lippen zu bringen.

Das weckte Lucie aus ihrer Betäubung. Mit einem schnellen Ruck entzog sie sich ihm, und mit den hastig gerufenen Worten: »Herr Rittmeister – hier – im öffentlichen Gastzimmer – diese Szene –« eilte sie davon und strebte die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer.

Einen Augenblick blieb Frank zögernd stehen. »Im öffentlichen Gastzimmer –?« wiederholte er. »Sollte sie wollen, daß ich ihr folge? Ja! Ich will es hierfür auslegen und tun, als habe sie meinen Eintritt in ihr Zimmer erwartet. Es gilt den letzten Schachzug. Aut Cäsar – aut nihil!«

Er eilte ihr nach. Im Korridor des zweiten Stocks erreichte er sie vor ihrer Tür. »Lucie, entfliehen Sie mir nicht oder Ihre Abweisung verurteilt mich zum gewaltsamen Ende dieses Daseins,« rief er, ihr ins Zimmer nachhastend, dessen Tür sie vor ihm verschließen wollte. »Sie sehen mich nie mehr wieder, wenn Sie mich gehen heißen. Lucie –!« Mit stürmischer Bewegung legte er die Arme um sie und zog sie an seine Brust.

»Lassen Sie mich!« keuchte sie zornig und suchte vergebens, sich seiner zu erwehren. »Ich darf Ihre Worte nicht hören – kann niemals die Ihrige werden!«

»Niemals die Meine?«

»Nein – niemals! Ich bin die Frau eines anderen.«

»Sie sind – verheiratet?«

Der Rittmeister machte eine Bewegung, als ob er vor Erschütterung ob des Gehörten zusammenbrechen wollte und griff mit der Rechten nach dem Haupt der schönen Frau, die seine Linke noch immer umfaßt hielt. Mit einem Ruck streifte und zog die erhobene Hand das schwarze Haar nach dem Hinterkopf – es gab nach und ein echtes, natürliches Blond schimmerte dem Detektiv entgegen. »Frau Lucie Kupfer!« Lucie stieß einen Schrei aus und wankte, jäh erbleichend.

»Machen Sie kein Aufsehen, Frau Kupfer,« sagte der Detektiv mit geändertem, kaltem Tone. »Kriminalkommissar Cäsar Frank,« stellte er sich ironisch vor. »Der Coup war häßlich von mir – doch meine Pflicht spornte mich zu dem Erfolge.« Er fing einen verzweifelten Blick der jungen Frau auf. »Verhalten Sie sich ruhig. Ihre Festnahme würde im Falle des Lärmschlagens bei dem Hotelpersonal nur ein um so größeres Aufsehen erregen.«

»Meine – Festnahme?« stöhnte Lucie mit entgeisterten Wangen.

Der Detektiv griff in seine Tasche und holte einen auf gelblichem Papier vorgedruckten und gesetzlich vollkommen ordnungsmäßig ausgefüllten Verhaftungsbefehl hervor. Er hatte sich das Formular, in blanko, vom Staatsanwalt unterzeichnet, für alle Fälle geben lassen und es erst heute morgen selbst ausgefüllt. »Hier ist die richterliche Anordnung,« sagte er und hielt ihr das Papier vor die starrblickenden, großaufgerissenen Augen.

»Sie wollen – mich – verhaften?« stammelte sie.

»So lautet meine Instruktion.«

»Wer sind Sie, mein Herr?«

»Kriminalkommissar Frank, wie ich bereits zu bemerken mir erlaubte.«

»Barmherziger Gott! Sie wollen mich –? Ich bin nicht die, die Sie glauben in mir gefunden zu haben –«

»Keine Ausflüchte, Frau Kupfer,« schnitt ihr Frank das Wort ab. »Leider ist es mein Amt, Ihre Verfolgung und Inhaftnahme zu erwirken. Haben Sie ein gutes Gewissen, dann werden Sie sich um so weniger sträuben, die Reise nach der Residenz unverzüglich mit mir anzutreten. Wollen Sie, bitte, ohne jedes Aufsehen meinen Anweisungen folgen?«

»Aber was will man denn von mir? Ich habe nichts begangen –«

»Man wird Sie in der Residenz eingehend vernehmen. Bis dahin müssen Sie sich meine Begleitung gefallen lassen.«

»Welchen Verdacht haben Sie auf mich?« fragte die« junge Frau mit weinenden Augen.

»Den der Beteiligung oder Vorschubleistung eines Betruges und – andere Sachen.«

»Das ist absurd. Ich werde Ihnen nicht weiter antworten.«

»Wie Sie wünschen.« Er traf Vorsichtsmaßregeln, daß sie nicht entweichen konnte, und Lucie sah bald ein, daß an einen Widerstand nicht zu denken war, Gewalt ging hier vor Recht. Nach nur kurzem Sträuben gab sie schließlich ihre Absicht zu erkennen, dem Detektiv folgen zu wollen.

Im Hotel erregte der hastige Aufbruch der jungen Dame einiges Aufsehen. Unter den Angestellten des Hauses erhob sich, als die junge blasse Frau gesenkten Hauptes am Arm des galanten Kavaliers, ein verwundertes Geflüster, ohne daß man eine Ahnung von der Beamtenqualität des Begleiters der jungen Dame hatte.

Lucie befand sich in halber Lethargie: die zudringlichen Blicke der spalierbildenden Gasthausangestellten vermochten ihr nichts anzuhaben. Sie sah die neugierigen Gesichter nicht einmal. Ihr Sinnen und Trachten, so weit sie zu denken vermochte, war nur davon erfüllt, wie sich ihre Zukunft nun gestalten werde! Ob man sie für straffällig halten und ein Urteil an ihr vollstrecken konnte!

Endlich war man auf dem Bahnhof angelangt Lucie hatte keinen Blick für die Mitreisenden.

Frank half ihr einsteigen Apathisch drückte sie sich in die Ecke ihres Abteils, in dem sie sich mit Frank allein befand. Die Fahrt wurde schweigend zurückgelegt.

 

In Wittenberge öffnete sich hastig die Tür und ein Herr stieg ein. Frank erkannte Talbach. Fragend sah er den Kollegen, den er auf der Beobachtung Kupfers glaubte, an.

»Kupfer ist tot,« flüsterte der Eingestiegene Frank, der sich erst ihm zu erkennen geben mußte, ins Ohr.

»Was?« fuhr der Kommissar zurück, wie vom Donner gerührt.

»Ich bin ihm stets auf den Fersen gewesen – für den letzten Schritt hat er sich doch meiner Aufmerksamkeit zu entziehen gewußt.«

»Erklären Sie.«

»Kupfer hatte die Bank um einen Urlaub ersucht, damit er sich erholen könne,« sprach Talbach so leise, daß Lucie, die übrigens auf ihn gar nicht achtete, ihn nicht verstehen konnte. »Er hatte die Lebensversicherungssumme seiner Frau erhoben und, wie ich erst jetzt benachrichtigt wurde, die Bank um 25-30 000 Mark in barem und russischen Papieren erleichtert. Die Bank hat es zu spät entdeckt und Inspektor Riechert telegraphierte es mir – leider ebenfalls zu spät. Mit diesen Summen begab sich Kupfer an die Ostsee bei Warnemünde und logierte sich in einem der ersten Strandhotels ein. Ich blieb in seiner Nähe und hielt mich, trotz der Harmlosigkeit seines Aufenthalts, wachsam. Vor drei Tagen bemerke ich, wie er an den Strand geht und einen Kahn besteigt. Ich bleibe auf der Düne und sehe ihm zu, wie er die Riemen ohne jede Hast in die Oesen legt und durch die Brandung rudert. Ueber die See konnte er in dem schwachen Fahrzeug nicht entkommen und an anderer Stelle den Strand betreten, wäre meiner Hut nicht entgangen. Ich war also vollkommen ruhig und verfolgte nur den Kahn mit meinen Blicken.«

»Das war ein Fehler. Sie hätten sich in einen zweiten Kahn werfen und ihm nachfahren müssen,« brummte Frank ärgerlich.

»Jetzt weiß ich, daß ich darin einen Fehler begangen habe. Der Kahn war nur noch als ein Punkt zu sehen,« fuhr Talbach fort, »als ich anfing unruhig zu werden. Sollte er doch den Versuch machen, über die See mir zu entschlüpfen? Ich eile von der Düne an den Strand hinunter und erkundige mich, ob der Herr, der vor einer Weile in die See gestochen, das Boot nur für eine bestimmte Zeit gemietet habe. Ja, für zwei bis drei Stunden, lautet die Antwort. Das beruhigt mich zwar, doch engagiere ich mir den nächsten Schiffer mit seinem Kahn und spreche den Wunsch aus, in die See hinauszusegeln. Da der Wind günstig, ist das Fahrzeug schnell zur Stelle, ich besteige es und fort geht es in die See. Der Kahn Kupfers wird sichtbarer: ich denke, er kommt wieder an Land und wünsche, um Kupfer nicht aufzufallen, wenn ich ihm auf der See begegne, zu wenden. Es geht zum Strande zurück. Bedächtig schreite ich die Düne hinan und halte Ausschau. Kupfers Kahn kommt langsam näher. Allerdings sehr langsam. Auch ist sein Bugspriet nicht auf die Landungsstelle gerichtet, von der er ausfuhr, sondern nach Osten. Langsam gehe ich den Strand entlang, ebenfalls nach Osten.«

»Nun fürchteten Sie nicht, aufzufallen, wenn er Sie hier antraf?«

»Hier konnte ich als harmloser Spaziergänger gelten. Auf der See hätte es wie Verfolgung ausgesehen.«

»Weiter. Wo landete er?«

»Sieben Kilometer von der Ausgangsstelle – der Kahn, leer, ohne Insassen,« berichtete Talbach »Dieser war in die See gesprungen, um den Tod zu finden. Beinkleider, Hut und Rock lagen im Fahrzeug. Ein Brief, sichtbar in der Rocktasche steckend, gab Aufschluß. Kupfer hatte sich in die See gestürzt und ertränkt.«

»Wo ist der Brief?«

»Dem Gericht übergeben. Indessen nahm ich eine Kopie.« Talbach zog aus seinem Notizbuch ein Blatt heraus und überreichte es dem älteren Kollegen. »Hier ist sie.«

Frank überflog die Zeilen:

 

»Wenn man diesen Brief findet, lebe ich nicht mehr. Ich weiß, daß der Verdacht auf mir ruht, den Einbruch in die Woltersche Bank geplant und den jungen Krause erschossen zu haben. Ich kann unter diesem Verdacht nicht leben. So scheide ich freiwillig aus dem Leben. Anfangs hatte ich den Plan, zu entfliehen und mich zu diesem Zweck mit einer genügenden Summe versehen. Ich bin anderen Sinnes geworden und habe alles, was ich mit mir genommen, im Ofen des Zimmers, wo ich mich einlogiert hatte, verbrannt. Wenn man meinen Leichnam findet, mag man ihn an der Fundstelle ohne Zeremoniell verscharren.

Bertold Kupfer.«

 

»Hat man die Leiche gefunden?«

»Bisher nicht. Ich komme soeben von Warnemünde, habe dort und nach Westen zu bis Wismar nochmals recherchiert und nichts gefunden.«

»Haben Sie sich davon überzeugt, daß im Ofen des betreffenden Hotelzimmers wirklich Papiere, Scheine u. s. w. verbrannt worden sind?«

»Ja. Es stimmte.«

»Woraus schlossen Sie das? Waren Reste zurückgeblieben?«

»Nein! Nur verkohlte Asche, die von verbranntem Papier herrührte.«

»Hm! – Kupfer der irdischen Gerechtigkeit entzogen, das ist ein fataler Strich durch die Rechnung,« murmelte Frank. Mit gemischten Gefühlen fuhr er der Residenz zu.

* * *

 

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