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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 4
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Geheimpolizei-Inspektor Riechert war mit Cäsar Frank, seinem gewiegtesten Detektiv und direkten Untergebenen, in seine Wohnung, gegenüber der Karl Wolterschen Bank, zurückgekehrt. Er bot dem Agenten eine Zigarre, zündete selbst eine solche an und goß sich aus einer auf dem Schreibtisch zwischen Papieren stehenden Flasche eine Selters in ein Glas. Das Gesicht des Chefs der Kriminalabteilung hatte einen sorgenvollen, bekümmerten Ausdruck angenommen: seine Finger trommelten, nachdem er das Wasser ausgetrunken, ungeduldig auf der Tischplatte, während seine Lippen eifrig an der Zigarre sogen und den blauen Rauch stoßweise in das Zimmer bliesen.

»Ich weiß nicht aus noch ein; ich sitze fest,« begann er nach einer Weile zu seinem, ihm in vollkommener Ruhe gegenübersitzenden Untergebenen, der sich anscheinend das feinduftende Tabakskraut schmecken ließ. »Es ist zum Verzweifeln! Ich komme mir ganz überflüssig auf der Welt vor. Denn wie ich mir auch den Kopf zerbreche, ich finde keine Lösung dieses Verbrechens. Teilen Sie mir Ihre Ansicht über diese Angelegenheit mit.«

Frank hatte unbeweglich dagesessen; jetzt fuhr er, ehe er antwortete, einige Male mit der Rechten über die hohe gewölbte Stirn, dann sah er den Vorgesetzten mit seinen klugen, scharfblickenden Augen eine Weile schweigend an, wiegte sinnend den Kopf hin und her und begann endlich:

»Nach meinen Beobachtungen könnte sich die Sache etwa so zugetragen haben: ein mit den Raumverhältnissen des Bankgebäudes festvertrauter Mann hat in Gemeinschaft mit der vom Herzschlage Betroffenen einen Einbruch verübt. Die Gründe, warum eine Frau – zumal diese Frau – hierbei eine Rolle gespielt hat, bleiben noch zu erhellen. Sie kann Aufpaßdienste getan, kann dem Einbrecher geleuchtet haben – dieses schließe ich aus zahlreichen Tropfen einer Stearinkerze, die ich auf dem Fußboden des Kellergewölbes wahrgenommen – sie kann auch als Deckung haben dienen sollen oder müssen. Jedenfalls ist diese Frau dabei gewesen, als ihr Helfershelfer die Tür zur Stahlkammer mit dem Schlüssel, der der Obhut des ermordeten Krause anvertraut war und in dessen Wohnung tatsächlich fehlte, öffnete. Hierbei muß das Schloß wohl ein Geräusch verursacht haben, das den jungen Krause anlockte. Es kann diesen aber auch die Entdeckung des fehlenden Schlüssels besorgt gemacht haben und er kann dem Diebe dieses Schlüssels nachgegangen sein, Böses ahnend. Der Dieb dieses und des Haustürschlüssels, der ebenfalls vermißt wird, muß nun entweder Frau Kupfer oder ihr Helfershelfer gewesen sein. Das Paar ist von Krause überrascht worden. Die blonde Frau hat vor Schreck den Herzschlag bekommen und ist tot umgesunken – falls sich der Arzt über die Todesursache nicht geirrt hat – Krause ist darauf von dem Einbrecher angegriffen und durch einen Schuß niedergestreckt worden. Sterbend sank er über die Leiche der Frau. Der Einbrecher ist dann – wohl aus Entsetzen über seine Tat – ohne weiter vorzudringen und den Raub an sich zu reißen, entflohen.«

Der Inspektor nickte. »Das ist eine Kombination, die mit den Tatsachen übereinstimmen könnte. Es fragt sich dann vor allem, wer der mit Frau Kupfer liierte Mann gewesen sein kann. Das zu eruieren muß unsere erste Aufgabe sein.«

»Ich glaube kaum, daß wir hier weit zu suchen haben werden.«

»Erklären Sie.«

»Der eigene Ehemann: Kassierer Kupfer.« ,

»Nein!« fuhr der Vorgesetzte auf. »Das ist, so nahe es liegt, unmöglich. Unmöglich, sage ich Ihnen. Kupfers Vermögensverhältnisse sind keineswegs derangierte, seine Stellung ist eine feste und schließlich – wenn er einen Einbruch geplant hätte – stand ihm sein eigener Kassenschlüssel zur Verfügung. Wie Sie gesehen haben, hatte er diesen bei sich.«

»Er wäre ein leichtsinniger, unvorsichtiger Tor, wenn er für diesen Zweck hätte den eigenen Schlüssel benutzen sollen, denn daß dessen Verlust sofort zur Anklage gegen ihn führen würde, mußte er sich wohl selbst sagen.«

»Um eine solche Tat zu begehen, brauchte er doch nicht die Nacht zu Hilfe zu nehmen,« wendete der Inspektor unmutig ein. »Er hätte ganz offen am Tage in die Stahlkammer steigen und sich aneignen können, so viel er wollte.«

»Das wäre seinen Kollegen wohl aufgefallen und hätte schnell zu einer Entdeckung geführt.«

»Doch weniger schnell, als nach einer nächtlichen Ausführung, zu der er noch seine Frau mitnimmt. In der Kasse, der er vorsteht, werden genug Münzen, Scheine und Effekten gebraucht, so daß er sich – wenn nicht anders, allmählich – damit reichlich versehen und dann das Weite suchen konnte. Das ist entschieden ein Holzweg, bester Frank. Beleuchten Sie einmal das ganze Drum und Dran und Sie werden zugeben müssen, daß Sie auf falscher Fährte sind. Kupfer kann es nicht gewesen sein. Aus unserer Erfahrung wissen wir, daß jeder Verbrecher eine Dummheit begeht, durch die er meistens gefangen wird, wir wissen, daß wir damit rechnen können; aber ein Verbrechen begehen, das nichts als eine einzige Dummheit wäre, das findet so leicht nicht einen Vertreter. Kupfer kam morgens, wie immer, pünktlich auf die Bank, wie Sie gesehen haben: er wußte also offenbar nichts von der Tat. Seine Antworten waren ruhig und korrekt.«

»Ganz richtig,« fiel der Agent ein. »Er behauptete auch, daß er von Hause käme. Unmittelbar: das kann sein. Doch wenn Sie sich seines Gesichtes erinnern, dürfte Ihnen das übernächtigte Wesen in ihm aufgefallen sein.«

»Er sah allerdings blaß aus, aber das beweist doch nicht –« Er unterbrach sich, stand auf und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, einige Male im Zimmer auf und nieder. »Es wird Ihnen nicht schwer werden festzustellen, wo sich Kupfer diese Nacht aufgehalten hat. Sein ganzes Auftreten heute früh war harmlos, sein Schmerz an der Leiche seiner Frau echt, natürlich! So echt, daß er von dem Schlag, der ihn getroffen, die Sprache verloren hat. Das sind doch alles Zeichen, die für und nicht gegen ihn sprechen. Ich stelle Ihnen anheim, die Sache nach Ihrem Dafürhalten zu klären – selbstverständlich – doch bitte ich Sie, sich sehr genau zu orientieren, lieber Frank. Wir können nicht auf einen bloßen Schein, der nichts, als einen Schimmer von Verdacht zufällig nahelegt, ihn einer solch ungeheuren Tat bezichtigen. Sie werden sich zunächst genauer über seine Verhältnisse und seine Lebensweise zu informieren, über Charakter und etwaige Leidenschaften zu erkundigen haben, vielleicht, auch die Mutter der Toten mit aller Vorsicht zu vernehmen Mit aller schuldigen Rücksicht, sage ich, denn wie Sie wissen, brachte Talbach die Nachricht, daß die Tochter der alten Dame, eben Kupfers Frau, die Nacht nicht bei ihr zugebracht habe, sondern sogleich nach Schluß des Theaters heimgefahren sei. Ein Gespräch mit ihr könnte vielleicht dahin führen, daß wir eine Spur des wahren Täters entdecken und zwar durch Anhaltspunkte, die sich aus dem Umgang der jungen Dame mit anderen ergeben – falls Frau Nesper nach dieser Richtung hin irgend etwas wissen sollte. Doch diskret, diskret, lieber Frank – sonst könnten wir in die fatalsten Schwulitäten geraten.«

»Sie können meiner Vorsicht vertrauen,« erwiderte der Detektiv. »Ueberlassen Sie mir die Recherchen und geben Sie mir unbeschränkte Vollmacht, Herr Inspektor?«

»Die unbedingteste. Doch, ich wiederhole, vorsichtig,« mahnte Riechert mit einigen aufatmenden Zügen. »Haben Sie sich schon einen Operationsplan zurechtgelegt?«

»Noch nichts Feststehendes,« salvierte sich der Untergebene. »Jedenfalls werde ich Frau Nesper und Kupfer selbst verhören.«

»Das letztere dürfte Ihnen schwer werden, da Kupfer nicht zu sprechen imstande ist«

»Die Sprache kann sich wiederfinden,« schaltete Frank ein.

»Fraglich – fraglich. Und wenn nicht – wie dann?«

»Ich werde mich mit ihm zu verständigen wissen,« lautete die mit voller Seelenruhe gegebene Antwort. »Es gibt Zeichen und Papier.«

»Sie halten an Ihrem Verdacht fest?«

»Verdächtigtsein ist noch nicht Ueberführtsein,« wich der Gefragte aus. »Die Sache kann auch ganz anders zusammenhängen. Möglich, daß seine Frau einen heimlichen Liebhaber gehabt hat, mit dem sie gemeinsame Sache machte.«

»So weit mir ihr Ruf bekannt ist, zweifle ich an der ehelichen Untreue dieser Frau. Ich halte das für undenkbar.«

»Es ist nichts undenkbar, Herr Inspektor, und vieles wahrscheinlich,« entgegnete Frank mit stoischer Gelassenheit. »Jedenfalls müßte man nach dieser Seite hin die Angelegenheit ebenfalls beleuchten. Ich will mich sofort auf den Weg machen.«

»Tun Sie das. Sie werden begreifen, daß mir sehr viel daran liegt, den Täter in meine Gewalt zu bekommen.«

»Ich verstehe,« sagte der Detektiv. Er hatte sich erhoben, um zu gehen. »Es soll alles besorgt werden. Wenn ich etwas zu melden habe, werden Sie es, sollte ich persönlich verhindert sein, auf irgend einem Wege erfahren.«

»Sie werden mir doch täglich Rapport erstatten?«

»Es könnte sein, daß ich gezwungen werde, einige Zeit nichts von mir sehen zu lassen.«

»Ich vertraue Ihnen. Doch versäumen Sie nicht, der Obduktion der Leichen beizuwohnen, die heute nach Mittag im Leichenhause stattfindet,« erinnerte der Inspektor.

»Wenn mich nichts Wichtigeres zurückhält, werde ich zur Zeit an Ort und Stelle sein. Auf Wiedersehen, Herr Inspektor.«

»Auf Wiedersehen, lieber Frank,« grüßte Riechert und reichte dem bewährten Manne die Rechte. »Ich weiß die Sache in guten Händen. Auf Wiedersehen!«

Als der Kommissar ging, sah ihm der Vorgesetzte mit schweren Gedanken nach.

 

Frank schlug zunächst den Weg nach der Vorstadt ein, wo Frau Amalie Nesper wohnte. Er ließ sich bei der alten Dame melden und wurde von ihr sofort empfangen.

»Sie wünschen mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen,« teilte mir das Mädchen mit: ich stehe zu Diensten,« sagte Frau Nesper und lud den Besucher ein, Platz zu nehmen. »Um was handelt es sich?«

»Um Ihre Frau Tochter,« ging Frank ohne Zögern auf sein Ziel los. »Sie wissen, was in dieser Nacht geschehen ist?«

»Sie erschrecken mich, mein Herr. Keine Silbe. Vor einigen Stunden erkundigte sich bereits ein Herr danach, ob meine Tochter diese Nacht bei mir gewesen sei, ohne einen Grund für seine Frage anzugeben. Lucie ist doch nichts zugestoßen?«

Frank teilte ihr vorsichtig den Tod der Tochter mit. Leichenblässe überzog die Wangen der alten Dame. Lucie tot? Was bedeutete das? Ihre Tochter konnte die Erwähnte unmöglich sein. Wie sollte – – da fielen ihr die Worte ihres Schwiegersohnes ein: was sie auch erfahre, es gehöre zu seinem Plan. Sie tat also, als glaubte sie an die Nachricht des Kommissars und brach in lautes Schluchzen aus. Verzweifelt ließ sie ihren Kopf in die Kissen des Sofas sinken, auf dem sie saß. Die zitternden Hände bargen ihre schmerzgeschlossenen Augen.

Der Kommissar beobachtete Frau Nesper scharf; er schwieg und ließ sie die Mitteilung verwinden. Ueberrascht machte er die Wahrnehmung, daß der Schmerz der Mutter nicht heftiger zum Ausdruck kam und nicht allzulange anhielt. Hatte diese Frau ihr Kind nicht sehr geliebt?

Unter Tränen erhob Frau Nesper ihren Blick. Eine Trauer, die dem intimen Beobachter nicht echt zu sein schien, lag auf ihrem Antlitz. Frank konnte sich diese Art nicht erklären. »Erzählen Sie mir Näheres. Was hat den Herzschlag verursacht?« erkundigte sich die alte Dame im Tonfall einer rührenden Stimme.

Eine ganze Kette gemischter Gefühle peinigte den Polizisten, als er das Geschehene schilderte.

»Nicht möglich! Nicht möglich! Grundgütiger Himmel!« jammerte die Dame. »Wie soll Lucie bei Nacht in jenes Bankhaus gekommen sein?«

»Das ist ein Rätsel, vor dessen Lösung die Behörde ebenfalls feststeht. Wann sahen Sie Ihre Frau Tochter zum letzten Male?«

»Als wir nach Schluß des Theaters einander gute Nacht wünschten.«

»Welches Stück sahen Sie sich an?«

»Aida von Verdi.«

»Die Oper endete nach zehn Uhr?«

»Nach zehn einhalb Uhr. Ich war um elf Uhr zu Hause,« antwortete Frau Nesper.

»Ihre Frau Tochter ging zu Fuß – allein – nach Hause?«

»Sie rief einen Wagen und fuhr in ihm – allein – ihrer Wohnung zu.«

»Haben Sie gehört, daß Frau Kupfer dem Kutscher befahl, nach Hause zu fahren?«

»Nein. Ich strebte meiner Behausung zu, um diese nicht gar zu spät zu erreichen, da ich mich ohne Schutz auf der Straße befand.«

»Trug der Wagen eine Nummer?«

»Vermutlich.«

»Sie haben sich eine etwaige Nummer nicht angesehen?«

»Nein. Ich achtete nicht darauf,« sagte die alte Dame, ab und zu ihr Taschentuch an die Augen führend.

»Verzeihung, wenn ich Sie mit Fragen belästige,« fuhr der Polizist fort, »aber es liegt wohl mit in Ihrem Interesse, wenn wir Klarheit in die betrübende Angelegenheit zu schaffen suchen. Lebte Ihre Frau Tochter mit ihrem Manne in glücklicher Ehe?«

»Ganz entschieden.«

»Sie glauben demnach, daß sie ein Interesse für andere Personen nicht hatte? Ich meine ein auffallendes intimeres Interesse oder gar einen Umgang mit anderen männlichen Personen?«

»Ich habe meine Tochter zu einer anständigen Frau erzogen,« rief Frau Nesper entrüstet.

»Die Tugend und Ehrbarkeit einer Frau darf nicht gleich darunter leiden, wenn ihre Neigungen nicht absolut einseitige sind,« wendete Frank, verbindlich lächelnd, ein. »Ich beabsichtige nicht, Ihre Empfindlichkeit zu reizen, muß aber, wie ich wiederhole, meine Pflicht tun, um die Angelegenheit aufzuklären Wissen Sie vielleicht, ob Ihre Tochter den jungen Kassenboten Leo Krause kannte?«

»Das weiß ich nicht. Möglich.«

»Sie halten es für entschieden unwahrscheinlich, daß Frau Kupfer mit diesem jungen Manne in irgend eine Beziehung getreten ist?«

»Ich vermag mich darüber nicht zu äußern, da ich nicht die geringste Kenntnis davon habe.«

»So verzeihen Sie, Frau Nesper. Ich möchte Sie in Ihrem nur zu natürlichen Schmerz nicht länger quälen, kann es Ihnen jedoch nicht ersparen, mir noch einige Fragen beantworten zu müssen.«

Die alte Dame sah ihr Gegenüber mit einer erzwungenen Resignation an. »Sie sehen, ich bin wie betäubt, mein Herr – – Nur, wenn es durchaus sein muß –«

»Ich kann es nicht umgehen. Ihr Herr Schwiegersohn hat an der Bank von Karl Wolter eine ausreichende Stellung als Kassierer – das stimmt doch? Eine Stellung, deren Dotation für seine Verhältnisse vollkommen befriedigend ist?«

»Bertold steht sich gut. Er lebt solide, läßt meine Tochter nichts entbehren und hat es trotzdem nicht nötig, Schulden zu machen. Soviel mir bekannt ist, hat er überhaupt keine Gläubiger.«

»Hat er Passionen? Kartenspiel? Frauen?«

»Keine. Er besucht nur ab und zu seinen Klub, wo es jedoch niemals unmäßig hergehen soll.«

»Ob er diese Nacht ebenfalls in seinem Klub war?«

»Das weiß ich nicht«

»So weit ich beobachtet habe, kann er diese Nacht nicht geschlafen haben.«

Es war nur ein Moment der Unruhe, der über die Dame kam, sofort hatte sie sich wieder in der Gewalt und antwortete: »Darüber wird er Ihnen am besten selbst jede Auskunft geben können.«

»Allerdings. Wenn das Verständnis mit ihm auch zur Zeit etwas erschwert sein dürfte.« Er warf einen forschenden Blick zu Frau Nesper hinüber. »Erwähnte ich bereits, daß er an der Leiche seiner Frau vor Schreck die Sprache verloren hat?«

»Barmherziger Himmel! Was sagen Sie da?« fuhr die alte Dame bestürzt empor. »Er hat die Sprache verloren? O dies Unglück! Dies entsetzliche Unglück! Es ist an einem nicht genug! Oh, wie schwer werde ich vom Schicksal heimgesucht!«

Frank suchte sie mit einigen Redensarten zu trösten. »Es wird nur vorübergehend sein.« Dann empfahl er sich.

Draußen öffnete ihm das dienstbare Mädchen die Tür.

»Seit wann haben Sie Herrn Kupfer nicht gesehen, Kleine?« sprach sie der Detektiv so nebenher im Vorübergehen an.

»Seit einer Stunde nicht«

»So? Heute vormittag besuchte er bereits seine Schwiegermutter?«

»Er schien nur in aller Eile gekommen zu sein.«

»Vor einer Stunde – so?«

»Höchstens. Ich war grad' von einem zweitägigen Urlaub mit der Bahn zurückgekommen, als ich ihn weggehen sah,« sagte das Mädchen.

»So, so!« Man hatte das Mädchen auf Urlaub gehen lassen? Um diese ungewöhnliche Zeit? Hm! dachte Frank. Plötzlich bemächtigte sich seiner eine namenlose Erregung in Erwartung der Erwiderung auf die Frage, die er jetzt stellen wollte. Er blickte das Mädchen an, als müsse er ihr auf den Grund der Seele schauen. »Haben Sie ihn auch gesprochen?«

In diesem Augenblick klingelte es in der Wohnung. »Die Gnädige!« rief das Mädchen erschrocken und schloß, ohne die Frage Franks zu beantworten, hinter ihm eiligst die Tür.

 

Mit einem eigenartigen Zug um die Lippen schritt der Polizist davon. Kurz entschlossen rief er den nächsten Taxameter an und befahl dem Kutscher, ihn nach der Wohnung Kupfers, die er nannte, zu fahren.

Hier angekommen, mußte Frank eine längere Zeit warten, bis er vorgelassen wurde.

Mit hohlen, tiefränderigen Augen trat ihm der Kassierer fragend entgegen.

»Ich komme soeben von Ihrer Frau Schwiegermutter, für die ich von der Behörde den Auftrag hatte, ihr das sie betroffene Unglück mitzuteilen,« begann der Kommissar. »Ein mißlicher Auftrag, dessen Erledigung mir jedoch wider Erwarten insofern leichter gemacht wurde, als sie von dem Geschehenen selbstverständlich bereits durch – Sie Kunde hatte.«

Frank bemerkte ein leises, kaum sichtbares Zusammenzucken seines Gegenübers und wie sich dieser Gewalt antat, gemäßigt zu erscheinen. Kupfer deutete mit einigen Gebärdenzeichen an, daß er die Sprache noch immer nicht wiedererlangt hatte, ignorierte die Mitteilung des Besuchers vollkommen und fügte die pantomimisch wiedergegebene Frage hinzu, was Frank zu ihm führe.

»Das Bestreben, denjenigen vor der menschlichen Gesellschaft sicher zu stellen, der an dem Verbrechen in der Wolterschen Bank schuld trägt,« erklärte der Agent mit Nachdruck. Sein Blick brannte indem seines Gegenübers. »Ich nehme an, daß auch Ihnen alles daran liegen sollte.«

Kupfer nickte eifrig.

»Darf ich erfahren, wann Sie Ihre Frau zum letzten Male lebend gesehen haben?«

Der Kassierer zog seinen Papierblock hervor und kritzelte auf die weiße Schreibfläche: »Gestern nachmittag, ehe ich in die Bank ging. Meine Frau wollte frühzeitig zu ihrer Mutter, um sie fürs Theater abzuholen.«

»Das war das letzte Mal?«

Kupfer stimmte zu.

»Wo waren Sie gestern abend, Herr Kassierer?«

Dieser schrieb auf das Papier: »In meinem Klub.«

»Lange?«

»Bis Mitternacht.«

»Und dann?«

»Zu Hause.« lautete die schriftliche Antwort.

»Sie scheinen jedoch wenig geschlafen zu haben,« warf der Kommissar hin.

Kupfer nickte und schrieb mit fester Hand: »Eine unerklärliche Unruhe ließ den Schlaf mich fliehen. Ob es ein Vorgefühl des Geschehenen gewesen sein mag? Ich weiß es nicht. Erst gegen Morgen fand ich ein wenig Ruhe.«

»Sie haben noch immer keine Erklärung dafür gefunden, wie Ihre Frau in das Bankgebäude gekommen sein kann?«

Der Befragte schüttelte verneinend den Kopf.

»Auch nicht, was und wer sie dahin geführt haben könnte?«

Die gleiche Antwort erfolgte.

»Nicht, wer irgend einen Umgang mit ihr oder auch nur ihr Vertrauen gehabt haben könnte?«

Frank erhielt abermals eine verneinende Antwort. Er tat noch einige harmlose Fragen, die der Kassierer schriftlich prompt erledigte, und entfernte sich dann.

»Die Sache scheint geradezu genial eingefädelt zu sein,« dachte er, auf die Straße tretend. »Doch hoffe ich, die Fäden zu entwirren.«

 

Noch nicht genug mit diesen ersten Erfolgen, ging er nach dem Klub, in dem Kupfer verkehrte und zog hier, wie gleich darauf bei einigen Angestellten der Wolterschen Bank, nähere Erkundigungen über den Kassierer ein. Sie förderten indessen nichts Erhebliches zutage.

* * *

 

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