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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 3
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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In dem bürgerlich ausgestatteten Zimmer eines Vorstadthauses hielt sich eine junge Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren auf. Sie war schlank und blond, doch von einem Blond, das leise ins Rötliche spielte; die kohlschwarzen Augen beschatteten lange Seidenwimpern und die dichtengeschwungenen Brauen kontrastierten selten schön mit der zartweißen, sommersprossenlosen Stirn.

Um sie war eine ältere Dame beschäftigt, die sich durch die Aehnlichkeit mit der jüngeren auszeichnete, nur daß die Haare bereits ergraut waren. Sie schloß eben einen Koffer, in den sie die notwendigsten Sachen für eine Reise gepackt hatte.

Die Jüngere hielt einen zerknitterten Zettel in der Hand, den sie vor einigen Stunden, in aller Morgenfrühe, in geschlossenem Couvert von einem Boten zugestellt erhalten und den sie wohl ein Dutzend Mal bereits überflogen hatte. Die wenigen, auf ihm stehenden Worte lauteten:

»Mißglückt. Halte Dich zur Abreise bereit. Bin gegen elf Uhr bei Dir, wenn es geht. Andernfalls mußt Du ohne Wiedersehen fort.«

Eine Unterschrift fehlte.

Unruhig durchmaß die junge Dame die Länge des Zimmers. »Ob er kommen wird?«Dieser Gedanke kreiste fast ausschließlich in ihrem Gehirn. »Wenn ich nur erst Gewißheit hätte!«

»Er schreibt: gegen elf Uhr,« erinnerte die Aeltere.

»Wenn es geht, fügt er hinzu. Ich halte diese Folter nicht mehr aus,« kam es stöhnend über die Lippen der anderen.

»Es ist bereits halb elf Uhr. Wenn er keinen Verdacht erregen will, wird er nicht früher kommen können Gefährliches kann nicht geschehen sein, sonst hätte er schwerlich die Nachricht senden können.«

»Soviel sage ich mir auch, Mutter,« fiel die Blonde nervös ein. »Aber weiter wissen wir auch nichts. Wenn ich nun ohne weitere Mitteilung fahren muß? O mein Gott!«

»Dann benachrichtige ich Dich.«

»Wann geht der Zug?«

»12 Uhr 35 Minuten.«

»Und doch wollte ich, ich säße erst im Coupé!«

»Ich habe im Augenblick keinen heißeren Wunsch,« bemerkte die Mutter, von der Unruhe der Tochter angesteckt. »Ich wollte, die nächsten Stunden lägen erst hinter uns! Willst Du Dir nicht endlich die Perücke aufsetzen?«

»Bevor er hier ist?«

»Es könnte jemand herführen – irgend einen Unwillkommenen – Frager – Aushorcher, was weiß ich. Es darf Dich niemand mehr hier sehen, Lucie. Auch das Dienstmädchen kann von ihrer Urlaubsreise zurückkehren.«

»Deren Zug trifft erst später ein – sie fährt mit der Sekundärbahn, die meistens verspätet,« entgegnete Lucie. »Hoffentlich kommt sie nicht, bevor ich das Haus verlassen habe. Keinesfalls darfst Du sie in die Zimmer lassen. Und – ein anderer wird schwerlich bis hierher, ins Hinterzimmer, dringen«

»Die Behörde hindert keine Gewalt.«

»Die Behörde?« fuhr Lucie schreckhaft auf. »Fürchtest Du, daß sie kommen könnte?«

»Wir wissen nicht, was geschehen ist.«

Die Jüngere sah nach der Uhr. »Dreiviertel elf. Die Zeit schleicht wie die langsamste Schnecke.«

»Mache Dich fertig,« flehte die Mutter. »Mit Deiner Erregung verdirbst Du leicht noch etwas. Ich werde Dir behilflich sein.«

Lucie ließ es geschehen, daß ihr die Mutter das natürliche Haar fest und flach aufsteckte und dann eine bereitgehaltene Perücke von tiefschwarzen Locken über das Blond zog. Dies Verfahren gab der jungen Dame sofort ein anderes Aussehen, so daß selbst eine intime Freundin in Lucie nicht die Tochter des Hauses wiedererkannt haben würde. Einige Striche mittels Rotstifts und etwas Puder veränderte auch die Farbe der Wangen.

»Ist nun alles in Ordnung?« fragte die Junge ihre Mutter, deren Sorgfalt soeben beendet war.

»Bertold kann kommen; er selbst wird auf den ersten Blick Dich nicht wiedererkennen.«

Der Zeiger der Hängeuhr wies auf zwei Minuten vor elf Uhr, als hastige Schritte auf der Treppe zur Wohnung nahten. Gleich darauf schellte es, und als die Mutter Lucies, Frau Amalie Nesper, die Haustür öffnete, stürmte Bertold Kupfer, der Kassierer der Wolterschen Bank, ins Entree. »Wo ist Lucie?« stieß er heraus.

»In ihrem Zimmer.«

Kupfer ging rasch an Frau Nesper vorüber und trat bei der Gesuchten ein. Einen Augenblick hielt er stutzend an der Schwelle. »Wer – ? Du, Lucie?« unterbrach er sich, sie erkennend. »Trefflich! Außerordentlich!« lobte er. »Ich hätte bald selber eine Fremde in Dir gesehen. Bist Du zur Abfahrt bereit?«

»Wir können zur Bahn. Doch erkläre zunächst – –«

»Später, später,« gab er in fliegender Hast zur Antwort. »Der junge Krause fiel seinem Diensteifer zum Opfer – da war es mir nicht mehr möglich, in die Stahlkammer einzudringen. Die Gefahr der Entdeckung lag zu nahe; meine Aufregung machte mich kopflos. Es bleibt im Augenblick, falls mir nicht noch die unmittelbare Zukunft einen glücklichen Gedanken gibt, bei der Lebensversicherungssumme allein. Von anderem wirst Du in Hamburg hören, wo Du im Hotel Kronprinz von Preußen Nachrichten oder mich erwarten sollst, gleichviel, wie lange es dauert. Ich kann erst fort, wenn ich kein Hindernis mehr finde oder unauffällig Urlaub nehmen kann. Sorge Dich nicht, Dir wird nichts geschehen, da Du nichts begehst, als daß Du Dich verborgen hältst. Jetzt fort. Doch noch eins,« unterbrach er sich, an beide Frauen gewendet: »Ich gelte für stumm. Beim Anblick des Opfers habe ich die Sprache verloren. Bei Konfrontationen ist dies wichtig. Mir kam der Gedanke beim Erwachen aus einer Ohnmacht. Eine Antwort, die schriftlich oder durch Gebärden gegeben werden muß, kann reiflicher überlegt und vorsichtiger werden.« Und zu Frau Nesper: »Man wird Sie vielleicht ins Verhör nehmen – Lucies wegen. Sagen Sie nichts davon, daß ich bereits hier war.« Wieder zu Lucie: »Nun lebe wohl. Du mußt allein zur Bahn – wir nehmen hier voneinander Abschied.«

»Allein zur Bahn?«

»Es geht nicht anders. In der nächsten Straße besteigst Du einen Taxameter, der Dich schnell zum Zuge bringt. Ich kann auf keinen Fall mit. Bedenke, wenn man mich sähe! Wenn man Dich auch nicht erkennen und durch Dich keinen Verdacht schöpfen kann: es gibt gerissene Detektivs, die beobachten und kombinieren könnten. Sei vorsichtig und folgsam, Lucie. Es gilt unsere Zukunft. Schreibe vorläufig nicht – auf keinen Fall an mich. Wenn sich die Aufregung der Gemüter und die Aufmerksamkeit der Behörden gelegt hat, folge ich Dir und dann – «

«Wird uns nichts mehr trennen?« fiel die junge Dame ein.

»Nein!«

»In welchen Wirrwarr stürze ich mich! Es ist einzig aus Liebe zu Dir, Bertold. Sage mir nur noch – «

»Frage nicht! Es ist besser so – für alle Fälle. Es ist anders gekommen, als ich es vorauszusehen glaubte. Frage nicht. Du eilst und rettest uns beide.«

»Lebe wohl, Bertold!«

»Lebe wohl!« Er küßte sie innig. »Ich verlasse vor Dir das Haus. Du gehst, wie vereinbart – allein. Die Mutter bleibt zurück. So wird nichts auffallen. Lebe wohl!« Er war im Begriff zu gehen, als es an der Entreetür schellte.

Alle drei erbleichten.

»Wer kann das sein? Mutter, was Sie auch erfahren,« flüsterte Kupfer, »es gehört zu meinem Plan. Gehen Sie öffnen und geben Sie uns ein Zeichen, wenn ein Ungehöriger an der Tür ist.«

Frau Nesper hatte sich gefaßt. »Ich will Euch warnen.« Sie ging und öffnete. Das bedienstete Mädchen war's, das von ihrem erhaltenen Urlaub zurückkehrte.

»So zeitig?« fragte die Hausfrau verwundert.

»Ja,« grinste die Gefragte »Die Bahn ist ausnahmsweise mal früher eingelaufen.«

»Geh' in Deine Kammer. Ich werde Dich rufen, wenn Du Deine Sachen ausgepackt hast und ich Deiner bedarf.«

Kupfer atmete auf. Noch einmal einige Abschiedsworte sprechend und zur Vorsicht mahnend, verließ er mit einem flüchtigen Händedruck die Wohnung.

Die ersten Gassen durchstürmte er mit großer Eile. Erst als er sich dem Mittelpunkt der Stadt näherte, mäßigte er seinen Schritt, nahm eine schmerzliche Miene an und hob fast gar nicht den umflort scheinenden Blick.

In der Nähe seiner Wohnung trat ihm ein Herr entgegen und begrüßte ihn.

Kupfer hob den Kopf und dankte stumm.

»Menschenskind, was ist Ihnen?« fragte der Bekannte, besorgt in sein Gesicht blickend. »Wie sehen Sie aus? Kater?«

Kupfer schüttelte den Kopf.

»So reden Sie doch! Ist etwas geschehen?«

Der Gefragte deutete ihm, daß er durch einen plötzlichen Schmerz der Sprache beraubt sei.

Entsetzt wich jener zurück. »Wie ist das Unglück gekommen?«

Kupfer zog einen Notizblock nebst Bleistift aus der Brusttasche und schrieb dem Bekannten auf, ihm sei bei dem Anblick seiner jäh am Herzschlag verstorbenen Frau die Zunge gelähmt.

»Mein tieffühlendstes Beileid! Ihre junge, bezaubernde Frau tot? Was haben Sie begangen, daß Sie mit einem solch schweren Unglück bestraft werden müssen? Und das nicht allein! Dazu noch die Sprache verloren! Menschenskind, was fangen Sie bei Ihrer Stellung da an?«

»Das weiß der Himmel! Hoffentlich kann ich – im schlimmsten Falle mit Hilfe eines Assistenten – sie dennoch ausfüllen. Für heute habe ich mich dispensieren und vertreten lassen,« schrieb Kupfer auf. »Ob eine Aussicht auf Rettung, werden mir die Aerzte sagen.«

Während der andere mit bestürzter Miene die Zeilen las, rollte ein Wagen die Straße herunter. Kupfer schielte zu ihm hinüber und bemerkte von der Insassin des Gefährts eine vorsichtig winkende Handbewegung. Unmerklich erwiderte der Kassierer den Abschiedsgruß. Dann rollte das Fuhrwerk in der Richtung nach Westen, wo der Bahnhof der Stadt lag, davon.

»Ich kann mir Ihren Schmerz, Ihre Fassungslosigkeit vorstellen,« sagte Kupfers Bekannter mit tiefem Mitleid. »Darf ich Ihnen irgendwie meine Hilfe anbieten?«

Kupfer dankte verneinend und ließ nur ein schmerzliches Zucken um seine Lippen spielen. Nach einigen Redensarten, die er noch über sich ergehen lassen mußte, verabschiedete sich der Bemitleidete und suchte seine Wohnung auf.

* * *

 

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