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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 17
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Wanda Lorenz verfiel, als sie von der Verhaftung ihres Mannes und von den ungeheuren Anklagen hörte, die gegen ihn erhoben wurden, in eine Nervenkrankheit.

Diese verhinderte sie glücklicherweise daran, daß sie als Zeugin vor Gericht erscheinen mußte, um wider ihren Mann auszusagen.

Monate hindurch schwebte sie zwischen Leben und Tod, und nur der hingebendsten Pflege Tante Lisbeths und des Ingenieurs Bock gelang es, das Fieber zu dämmen.

Fräulein Kint war um so aufopferungsvoller, je mehr sie unter dem Druck der Selbstvorwürfe zu leiden hatte, die sie sich über die Vertrauensseligkeit zu Ehrenfels machte.

 

Es war Frühling geworden, als Wanda der Genesung entgegenging.

Noch war sie sehr schwach, und das Geschehene nicht überwunden.

Stundenlang lag sie wie in einer Agonie, das blasse Gesicht der Wand zugekehrt, die Augen feuchtglänzend und die Lippen gramvoll geschlossen.

Hätte sie nicht öfters die Finger über die seidene Bettdecke gleiten lassen, so würde sie den Eindruck einer tief Schlafenden gemacht haben.

So oft Willy Zeit fand, brachte er sie im Krankenzimmer der heißgeliebten Frau zu.

Er setzte sich dann neben das Bett und betrachtete die Kranke.

Trotz ihrer Blässe war sie schöner denn je zuvor. Ihr Geist schien weit weg von hier zu weilen, und ihre Lippen folgten dann dem Fluge ihrer Gedanken.

Die Aufregungen der letzten Zeit waren zu groß für sie gewesen; ihr Gehirn schien ihnen nicht gewachsen.

Erst als sich eine starre Ruhe ihrem Wesen mitgeteilt, da atmete Willy wieder auf.

»Hoffentlich geht auch das letzte gut vorüber,« dachte er. »Ob sie noch immer an Ehrenfels denken mag?«

Er beugte sich vorsichtig zu ihren flüsternden Lippen hinunter.

»Ob ich hören darf, was sie spricht? Nein!« sagte er sich dann sofort und zog sich diskret zurück.

Endlich war Wanda so weit, daß sie in kurzen Etappen eine Reise unternehmen konnte.

Sie sollte mit Tante Lisbeth nach dem Süden; Ingenieur Bock wollte sich dieser Fahrt anschließen.

Am tyrrhenischen Meer sollte sich die Rekonvaleszentin vollends erholen.

In Thüringen wurde die erste Rast gemacht.

 

Es war ein erquickender Maitag. Kräftige Nadelbäume ragten vor den Blicken der auf einem Hotelbalkon ruhenden Kranken empor, dichte Tannenhecken säumten verschwiegene Wege ein – das junge Gesträuch blühte und duftete, und üppige Rasenflächen, auf denen die Wiesenblumen knospeten, lachten im blendenden Sonnenschein.

Wandas Blicke schweiften frei über die klare Landschaft.

»Ich möchte am liebsten hier bleiben,« sagte sie zu Willy. »Der Süden erinnert mich –«

Sie schwieg, und ein wimmerndes Schluchzen quoll aus ihrer Brust hervor.

»So bleiben wir,« fügte sich der Ingenieur. »Auch hier ist es schön, die Luft weich und doch kräftigend.«

Mit leuchtenden Augen und verklärtem Gesicht sah Wanda zu dem Jugendgespielen auf.

Herzlich reichte sie die Hand zu ihm hinüber. »Wieviel danke ich Dir nicht, Willy!«

»Du mir, Wanda – ?« gab er erstaunt zurück. »Vergißt Du ganz, daß ich Dir mein Leben schulde? Es liegt an Dir, über mich zu bestimmen. Am glücklichsten freilich wäre ich, wenn –«

Sie hob den Blick, als er stockte und sah ihn ermunternd an.

»Sprich vor mir, Willy, wenn Du keine Geheimnisse hast.«

»Das einzige Geheimnis, das ich nicht mehr zu verschließen wage, ist das, daß ich Dich liebe.«

Ein Zittern lief über ihre Gestalt, und sie schloß sekundenlang die Augen.

Dann sagte sie: »Noch bin ich ein unnützes Geschöpf, das sich nicht einmal nach Wunsch und Willen zu regen vermag.

Wenn ich erst so gesund wieder bin, daß ich die schönen, schattigen Wege durch den tannenbestandenen Wald wandeln kann, dann,« schloß sie lächelnd, »will ich, falls Du just an meiner Seite bist, Dir sagen, ob ich Dir glaube.«

»Du zweifelst?«

»Das nicht. Aber ich darf es Dir noch nicht sagen

»Warum nicht, Wanda?«

»Du hörst es ja, weil ich mich noch nicht ohne Hilfe bewegen kann. Erst muß ich die Freiheit über mich haben – über meinen Körper – dann wird auch die innere Freiheit gelöst werden, und ich werde mir des Schrittes bewußt sein, den ich zurücklege, wenn ich Dich an mich kette.«

»Sprich doch nicht so,« bat er. »Du weißt doch –«

»Ich bin die Frau eines Verbrechers und Selbstmörders,« fiel sie mit schmerzerfüllter Stimme ein.

»Ohne Dein Wissen und Zutun, Wanda – und nur dem Namen nach seine Frau.

Das Beisammensein mit Deinem Gatten in den wenigen Tagen – auf der Reise – ist doch keine Ehe zu nennen. Du quälst Dich da mit etwas, was gar nicht ist. Laß doch solch trübe Gedanken.«

»Ich will versuchen, darüber hinwegzukommen,« entgegnete sie und ließ ihm ihre Hand. »Wollen wir es in den nächsten Tagen versuchen, durch das prangende Grün der Höhen und Täler vor uns zu gehen? Willst Du mich auf dem Wege führen?«

Er stimmte freudig zu.

 

Und nicht lange, so gingen sie eine Strecke in die sanft geschwungenen Bergketten hinein, an deren Fuß sich duftende Wiesen breiteten.

Sie gingen vorsichtigem langsamen Schrittes, Wanda auf ihren Jugendgespielen gestützt.

Weich wehte die Luft, und laut plauderten die Vögel in Busch und Zweig.

Wenn die kleinen Gefiederten eine Pause machten, klangen leise, zärtlich gesprochene Worte zu ihnen hin.

Verwundert lauschten sie auf. Doch als sie erfaßt, was jene sagten, da jubelten sie und schmetterten das Lied von ewiger Liebe und Treue in die sonnendurchleuchtete Luft.

 

– Ende. –

 

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