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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 16
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Nach der Pause ließ sich Kriminalkommissar Cäsar Frank über seine Verfolgungen eingehender aus.

Sein erster Verdacht, den Einbruch mit folgendem Totschlag an dem jungen Krause verübt zu haben, war sofort auf den Kassierer der Wolterschen Bank gefallen.

Ohne irgend welche Beweise konnte er natürlich diesem Verdacht nicht Ausdruck geben, noch weniger eine Festnahme Kupfers bewirken.

Indessen legte er sich auf die Beobachtung des Angeklagten und aller mit ihm in Beziehung stehenden Personen, und hierbei seien ihm verschiedene Indizien aufgefallen.

Kupfer hatte die verhängnisvolle Nacht zum 5. Mai nicht im Bette zugebracht.

Seine Ausrede, daß er im Klub gewesen sei, fiel als nicht stichhaltig auf, da nach Franks Erkundigungen bei den Mitgliedern des Klubs, der Kassierer diesen lange vor Mitternacht verlassen hatte.

Ferner kam Frank der plötzliche Verlust der Sprache Kupfers an der Leiche seiner vermeintlichen Frau auffällig vor, mehr noch, daß er die Sprache im Laufe der nächsten Wochen, bis zu seinem fingierten Selbstmord nicht wiedererlangt hatte.

Frank bemerkte gleich, daß er auch an diesen Selbstmord nicht geglaubt habe, trotzdem er sich die Strandung des gemieteten Bootes mit den Kleidern und dem Schreiben Kupfers nicht erklären konnte.

Er hatte hier einzig an die Aufnahme Kupfers durch ein vorüberfahrendes Schiff gedacht, das vielleicht nach dem Auslande gesteuert sei; später jedoch erfahren, daß noch ein zweites Boot vermißt und einige Tage darauf an anderer Stelle gelandet sei.

Mit diesem Boot konnte Kupfers Verschwinden möglicherweise zusammenhängen.

Um wieder auf den 5. Mai zurückzukommen, berichtete Frank, daß er noch im Laufe des Vormittags erfahren habe, daß Kupfer seine Schwiegermutter aufgesucht hatte, diese also bereits um den Tod Lucie Kupfers hätte wissen müssen, wenn es ihre Tochter gewesen wäre, die man im Wolterschen Bankgewölbe gefunden.

Frau Nesper habe sich, anscheinend in Unkenntnis von dem Geschehenen, von Frank die Mitteilung vom Tode ihrer Tochter machen lassen und ihr Schmerz sei hierbei nicht tief, im Gegenteil, sehr oberflächlich gewesen.

Eine klassische Zeugin für die Anwesenheit Kupfers bei dessen Schwiegermutter vor Franks Eintreffen, also zwischen diesem und dem Verhör Kupfers in der Portierloge des Wolterschen Bankhauses und der Gegenüberstellung der Leiche von Kupfers Frau, sei das bei Frau Nesper bedienstete Mädchen Minna Klein.

Diese habe, von einer Urlaubsreise eben zurückgekehrt – daher ein Irrtum über Tag und Stunde unmöglich – Kupfer weggehen sehen.

Am verhängnisvollsten aber ward dem Angeklagten eine Zeile, die Frau Nesper aus Hamburg erhielt.

Die Worte lauteten: »Ich vergehe vor Sehnsucht. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Wie lange habe ich noch zu harren? Laß umgebend etwas hören.«

»Als Handwerker verkleidet, den Liebhaber des Mädchens Minna Klein spielend, hatte ich diese Zeilen zu Gesicht bekommen.

Die darin erbetene umgehende Antwort erfolgte noch am selben Tage, sie war an ›Frau Lucie Falk, Hamburg, Hotel Kronprinz von Preußen‹ adressiert.

Diese Dame kennen zu lernen, die sich vor Sehnsucht verzehrte und die jemand erwartete, war mein Bestreben. Ich legte die Maske eines pensionierten Offiziers in den besten Jahren an, stieg im Hotel Kronprinz von Preußen in Hamburg ab, lernte die Dame kennen und gewann ihr Vertrauen.

Eine unbestimmte Ahnung, einen Zusammenhang mit der totgesagten Tochter Frau Nespers zu finden, verstärkte den Verdacht in mir, als ich die Züge dieser Frau Lucie Falk mit denen von Frau Nesper verglich.

Der Schnitt der Gesichter war ähnlich. Doch der ausgeprägt südländische Typus an Lucie Falk, besonders durch die schwarzen Haare hervorgerufen, machte mich irre.

Da entdeckte ich eines Tages auf einer Gondelpartie auf der Alster einige blonde Härchen, eine kleine Locke, die sich hinter dem Ohr unter dem schwarzen Haar hervorgestohlen hatte.

Sofort wußte ich des Rätsels Lösung.

Das schwarze Haar Lucie Falks war eine Perücke, ihre natürliche Hauptbekleidung blond.

Nun ging ich mit schnellen Schritten auf mein Ziel los. Ich spielte den Verliebten ärger denn zuvor, machte ihr eine Liebeserklärung, stürzte ihr, scheinbar toll vor Verliebtheit, in ihr Zimmer nach, wo wir ohne Zeugen waren, und streifte ihr die schwarze Haartracht vom Kopfe.

Siehe, ein liebliches, rötliches Blond leuchtete auf, und nun glich diese Dame Lucie Falk der Frau des Kassierers Bertold Kupfer wie ein Tautropfen dem anderen.

Sie war entlarvt, wurde von mir verhaftet und hierher ins Untersuchungsgefängnis gebracht.

Sie hat auch nicht mehr geleugnet, Lucie Kupfer zu sein.

Die im Wolterschen Kellergewölbe war also eine Fremde und die Angelegenheit erhielt eine völlig andere Physiognomie.«

Der Tod Kupfers schien zwar gewiß, wenigstens war er von den Behörden konstatiert und eine Anklage demnach unterlassen worden, doch setzte Frank alle Mittel in Bewegung, des Leichnams des Selbstmörders oder der Person des Kassierers habhaft zu werden.

Die Ueberzeugung, daß hier eine Komödie gespielt worden war und Kupfer noch lebe, ließ dem Kommissar keine Ruhe.

Noch auf der Suche und dem Tappen im Dunkeln, wurde Frank von seinem Vorgesetzten, Kriminalinspektor Riechert, einer Frau Ehrenfels als Beistand beigegeben, die, vor kurzem vermählt, nach der Besitzung ihres Mannes strebte, den sie verlassen hatte, weil sie ein Verbrechen an einem Jugendgespielen und Nebenbuhler ihres Mannes, an einem Ingenieur Willy Bock, befürchtete.

Ingenieur Bock war nämlich seit dem Besuch, den er Ehrenfels zu einer Aussprache gemacht hatte, spurlos verschwunden.

»Ich folgte der jungen Frau, und wir fanden denn auch den Vermißten in einem bejammernswerten Zustande in einem gefängnisartigen Raume, in dem er, dem Hungertode nahe, von uns entdeckt und natürlich sofort befreit wurde.

Es war in dem als Prachtbau geschilderten verfallenen Gebäude von Ehrenfels.

Es ist mir im Leben so manchmal passiert, daß ich mich von meinem ersten Gefühl beeinflussen ließ, und ich habe gefunden. daß mich dieser Instinkt nie betrogen hat,« schaltete Frank seinen Mitteilungen ein.

»Ich habe oft den Gründen dieser Gedankenbeeinflussung nachgespürt, aber ich bin mir nie klar darüber geworden, woher sie mir gekommen.

So leitete mich auch mein Gefühl im Hause Ehrenfels. Ich durchstöberte die Räumlichkeiten und hierbei entdeckte ich etwas Barthaarwolle und Schminke, wie sie zu einer Verkleidung gebraucht werden, ferner etliche Schreiben.

Die Bartwolle stimmte mit der Haarfarbe überein, die nach der Beschreibung seiner Frau Ehrenfels trug, und die Schreiben, die ich zu den Akten eingereicht habe, waren so eigenartigen Inhalts, daß ich nicht früher ruhte, bis ich deren Urheber festgestellt hatte.«

Die Briefe wurden verlesen. Dann fuhr Frank fort:

»Ehrenfels ließ ich durch einen Kollegen Talbach beobachten – er traf ihn noch in Monaco – und verfolgen, damit er mir nicht entwischen konnte.

Ich machte mich auf die Suche der Briefschreiber. Die erste Person, die Maria unterzeichnet hatte, war mit einem Anwalt Fritz Müller in der Provinz tatsächlich, wie sie mitgeteilt hatte, in den Tod gegangen.

Sie war die Ehefrau des Angeklagten gewesen, hatte diesen um einer ersten Liebe willen verlassen und war zu diesem ersten Geliebten, dem genannten Anwalt Fritz Müller, zurückgekehrt

Die Feststellungen über die Katastrophe gelangen mir aus sicherer Quelle.

Der zweite Briefschreiber, Rudolf Oertzen, ein Neffe und Erbe des Bruno Ehrenfels, von dem der Angeklagte das kleine Besitztum erworben, lebt in Pommern.

Durch ihn wurde es mir leicht, die Gewißheit zu erlangen, daß Bertold Kupfer und Bruno Ehrenfels, der Käufer, ein und dieselbe Persönlichkeit waren.

Der Angeklagte hatte den Besitz unter dem Namen Kupfer erworben – Oertzen beschrieb mir seine Person – und später, nach dem fingierten Selbstmorde in der Ostsee, den Namen seines Vorbesitzers Ehrenfels angenommen.

In der dritten Briefschreiberin eruierte ich eine junge Dame, die mit Frau Lucie Kupfer eine ausgesprochene Aehnlichkeit besaß.

Sie hieß Vera Leicht und hatte zu dem Angeklagten zur Zeit, die ihrem Tode voranging, engere Beziehungen gehabt.

Sie war mit dem Angeklagten am Abend des 4. Mai im Gastraum des Klubs, in dem Kupfer verkehrte, von einem Kellner beobachtet worden, dem eine gewisse Aengstlichkeit in ihrem Wesen aufgefallen war, diesem Umstande aber keinen Wert beigelegt hatte, als er die junge Dame für die Frau des Kassierers genommen hatte.

Sie war auch mit diesem später fortgegangen. Frau Lucie Kupfer konnte dieses aber nicht sein, denn diese war, wie ich mich durch mehrere der Dame bekannte Theaterbesucher, deren Aussagen über allem Zweifel stehen, überzeugt hatte, zu dieser Zeit mit ihrer Mutter in der Oper – es wurde ›Aida‹ von Verdi gegeben – gesehen worden und vom Anfang bis zum Schluß der Oper in ihrer Loge verblieben.

Die in dem Gastraum des Klubs Gesehene mußte demnach eine andere Person gewesen sein.

Ich spürte der Bekanntschaft des Angeklagten nach und es gelang mir, hinter die Wahrheit zu kommen.

Nachdem ich dieses konstatiert, löste ich meinen Kollegen Talbach in der Verfolgung des Angeklagten ab und nahm dessen Fährte auf.

Ich hatte das Glück, Ehrenfels in einer Stadt Norwegens zu stellen und, nachdem ich ihn sicher gemacht, ihn festzunehmen.

Einen Selbstmordversuch mit demselben Revolver, mit dem er Leo Krause getötet hatte – ich habe Projektil und Kugel verglichen – konnte ich durch rechtzeitiges Entwenden des Waffenkastens verhindern.«

Nach diesem Bericht des Kommissars wurde die Verhandlung abgebrochen und zur Vervollständigung der zahlreichen Anklagen ein neuer Termin angesetzt.

Doch sollte es zu diesem nicht kommen. In einem unbewachten Augenblick entzog sich der Angeklagte der irdischen Strafe durch Selbstmord, den er in seiner Zelle verübte. An dem Gurt seiner Beinkleider fand man ihn erhängt.

Seine Frau Lucie und Schwiegermutter, gegen die wegen Beihilfe Anklage erhoben wurde, mußten eine Freiheitsstrafe verbüßen, die Lucies Geist und Körper für alle Zukunft brach.

Ihr Leben war nur noch ein Siechtum, aus dem der Tod sie nach langer Zeit befreite.

* * *

 

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