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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 15
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Wieder fand eine Schwurgerichtssitzung statt, die letzte der Winterverhandlungsperiode

Vor den Schranken des Gerichtshofs mußten diesmal zwei Angeklagte erscheinen: Bertold Kupfer alias Bruno Ehrenfels und Frau Lucie Kupfer alias Falk.

Den Vorsitz im Gerichtshofe führte wiederum Landgerichtsdirektor Polda, die Anklagebehörde vertrat Staatsanwaltschaftsrat Sittig; die Verteidigung der Angeklagten führte Rechtsanwalt Frommer, die des Angeklagten ein Justizrat Trautmann.

Der Andrang des Publikums zu der Verhandlung, die um neun Uhr vormittags ihren Anfang nahm, war ein ganz enormer.

Obwohl in den letzten Wochen bereits über dreitausend Gesuche um Einlaßkarten abschlägig beschieden worden waren, weil das Gericht über sämtliche Plätze schon seit langem verfügt hatte, glaubten doch noch viele, zugelassen zu werden. Es war indessen eine vergebliche Hoffnung

Das des Totschlags und Einbruchs, des Diebstahls und Betruges beschuldigte Ehepaar wurde kurz vor Beginn der Sitzung unter großer Spannung des Publikums von mehreren Gerichtsbeamten, zu verschiedener Zeit, von einander getrennt, auf die Anklagebank geführt.

Monate hatte Lucie in ihrer einsamen Zelle zugebracht, ungewiß, wie sich ihre Zukunft gestalten würde, unbekannt, mit dem Grunde für die Aussetzung der Verhandlung gegen sie.

Ihre Sinne waren in der langen Untersuchungshaft allmählich abgestumpft, und als sie durch die totenstillen Gänge des Gebäudes zur erneuten Verhandlung geführt wurde, achtete sie kaum darauf, daß ihre Schritte unheimlich von den Wänden widerhallten, wie das gleichmäßige Geräusch der Erdschollen, die in eine Gruft gesenkt werden.

Erst im Schwurgerichtssaal drang ihr ein grelles Licht entgegen, das ihre an Helligkeit ungewohnten Augen blendete. Verwirrt blickte sie sich um.

Eine ungeheure Zahl von fremden Menschen sah auf sie: vor sich, seitwärts, und dann erkannte sie neben sich die Umrisse einer großen, jetzt gebrochenen Gestalt.

Wer war das? Ihre Augen umfaßten die Gestalt. Ein jäher Aufschrei entrang sich ihrer Brust, und schwerfällig sank sie in die Arme ihres hinzueilenden Begleiters zurück. Es war das erste Wiedersehen der Eheleute nach ihrer Trennung am Morgen des 5. Mai.

Auch Ehrenfels-Kupfer, der in seinem natürlichen Aussehen, d. h. ohne Perücke und Bart, erschienen war, hatte sich, zurückweichend, fest an die Schranke gedrängt.

Seine zitternden Hände krampften sich in das Geländer, daß es erschütterte, die Zähne, die aufeinanderschlugen, bissen sich fest, und die Wangen waren aschfahl. Die Augenlider senkte er zu Boden.

Nach dem zur Verlesung gelangenden Eröffnungsbeschluß wurden die Eheleute beschuldigt, in der Nacht vom 4. zum 5. Mai desselben Jahres gemeinsam einen Einbruch in die Karl Woltersche Bank geplant, der Angeklagte allein den Versuch der Ausführung gemacht und bei diesem einen Totschlag an dem Bankunterbeamten Leo Krause begangen, ferner die Bank um russische Papiere im Wert von 11 000 bis 12 000 Rubeln und bares Geld bestohlen, die Lebensversicherungsgesellschaft, in der die Frau des Angeklagten ihr Leben versichert hatte, mit dieser gemeinschaftlich um den Versicherungsbetrag betrogen zu haben.

Nach der Annahme der Anklagebehörde sollte auch der Angeklagte in Bigamie gelebt, einen Menschen seiner Freiheit beraubt und dessen Tod geplant, schließlich indirekt den Tod einer jungen Dame, namens Vera Leicht, die eine außergewöhnliche Aehnlichkeit mit der Angeklagten gehabt, verschuldet, die Angeklagte dagegen von den Ausführungen des Einbruchs ihres Mannes und des Inkassos der Lebensversicherungssumme nicht nur Kenntnis gehabt, sondern allem in jeder Beziehung Vorschub und Hilfe geleistet haben.

Nach Abfrage der Personalien der Angeklagten wurden zunächst die Vorgänge in der Nacht zum 5. Mai erörtert.

»Angeklagte, wiederholen Sie, was Sie an dieser Stelle bereits über jene fragliche Zeit ausgesagt haben,« forderte der Präsident Lucie auf.

Mit tränenerstickter Stimme, stockend, dann wiederum mechanisch sprechend, gab sie den bekannten Bericht, nur bisweilen durch eine fachliche Zwischenfrage des Vorsitzenden unterbrochen. Ohne Pause mußte sie alles herzählen.

Der Angeklagte hörte schweigend, mit einem unheimlichen Feuer im Hintergrund seiner Augen, den Worten zu. Manches traf ihn wie Keulenschläge; aber er bezwang seine Miene und blickte starr, unbeweglich vor sich nieder, keinen Blick seitwärts werfend.

»Angeklagter!« rief ihn der Präsident an. »Sie haben gehört, was Ihre Frau ausgesagt hat?«

»Ja,« erwiderte er stumpf.

»Bekennen Sie sich schuldig, den Einbruch bis zu seiner Störung durch Leo Krause ausgeführt zu haben?«

»Ja.«

»Bekennen Sie sich schuldig, den Bankboten Krause erschossen zu haben?«

»Ja.«

»Bekennen Sie sich schuldig, die Woltersche Bank um russische Papiere im Werte von 10-12000 Rubel und bares Geld bestohlen zu haben?«

»Ja.«

»Bekennen Sie sich schuldig, die Lebensversicherungsgesellschaft –«

»Ich bekenne mich zu allem schuldig und zu noch viel mehr. Ich will alles aussagen, alles,« unterbrach Ehrenfels-Kupfer den Vorsitzenden des Gerichtshofs mit fester Stimme. «

Seine Stirn war drohend gefaltet, um seinen Mund zuckte es ununterbrochen, die Augen brannten in düsterer Lohe.

»Nicht um eine meiner Handlungen will ich den Gerichtshof betrügen, wenn er mir eine Bitte erfüllt. Nur diese eine Bitte.«

»Sie haben hier keine Bedingungen zu stellen, Angeklagter,« verwies ihn der Präsident streng.

»Es ist keine Bedingung, nur eine Bitte, Herr Präsident. Doch werde ich schweigen, wenn sie unerfüllt bleibt. Keine Folter soll mir meine Geheimnisse entreißen.«

»Was wollen Sie?«

»Ich bitte Sie, meine Frau Lucie aus dem Saale zu entfernen, bis ich gesprochen habe. In ihrer Gegenwart bin ich nicht imstande, ein Bekenntnis abzulegen.«

»Bertold!« schrie die Angeklagte auf.

Dieser kehrte sich ab. Die Richter berieten miteinander. Die vorläufige Entfernung Lucies aus dem Gerichtssaal wurde beschlossen.

Sie mußte, trotz des Protestes und der Versicherungen, daß sie alles hören könne, daß sie bei Ausschluß aus der Verhandlung eine größere Pein erdulden würde, als wenn sie bleiben dürfe, abgeführt werden.

»Und nun erzählen Sie,« forderte der Präsident den Angeklagten auf.

Ehrenfels-Kupfer schwieg einen Augenblick, in dem er tief Atem holte; ein keuchender Ton kam über seine Lippen, dann ermannte er sich und hob unter lautloser Stille des lauschenden Auditoriums an:

»Erlauben Sie mir, von meiner Jugend anzufangen. Ich bin der Sohn eines Arztes aus der Provinz. In einer Atmosphäre ehrenwerter Bürgerlichkeit aufgewachsen und erzogen, war ich ein guter Schüler und machte bereits in verhältnismäßig frühen Jahren das Abiturium.

Ich war die Freude meiner Eltern, die mich studieren lassen wollten. Hierzu aber hatte ich keine Neigung. Ich trat in ein Bremer Bankgeschäft ein.

Pünktlich gewissenhaft in meiner Arbeit, führte ich ein bescheidenes Dasein; nichts Außergewöhnliches war an mir zu bemerken, weder in gutem noch in schlechtem Sinne; ich war, was man so einen braven Menschen nennt. Ich war solide, zahlte pünktlich die Miete für ein möbliertes Zimmer, verdarb die Möbel nicht und brachte keinen lästigen Besuch ins Haus.

Abends las oder lernte ich Englisch und Französisch, und selbst meine Wirtin wunderte sich über mein zurückgezogenes, einförmiges Leben und konnte sich keinen besseren Mieter wünschen.

Das hielt wohl etwa zwei Jahre so an. Da tauchte in den Singspielhallen der Stadt ein neuer ›Stern‹ auf, eine Liedersängerin Maria Taube – ein Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit, aber schweigsamem, zurückhaltendem Wesen.

Wenn auch ihre Stimme und ihre gesangliche Schule manches zu wünschen übrig ließ, für eine Singspielhalle genügte sie, und die schöne Maria wurde von Enthusiasten viel umschwärmt.

Direktoren und Agenten rissen sich um die neue Zugkraft; die Gäste des Chantants bewarben sich eifrig um ihre Gunst, ohne sich auch nur des geringsten Erfolges rühmen zu können.

Ihre Zurückhaltung wurde schließlich für Hochmut gehalten und trug ihr den Spitznamen der ›Liederprinzeß‹ ein. In Wirklichkeit war ihr Herz nicht mehr frei, als sie den Beruf einer Liedersängerin wählte.

Allen Anfechtungen zum Trotz blieb sie dem Auserwählten ihres Herzens treu, in der Hoffnung, er werde sie, wie er versprochen, als sein Weib heimführen.

Ich hörte durch Kollegen von dieser ›Prinzessin‹ und ließ mich von einem Bekannten überreden, die Singspielhalle, wo Maria Taube auftrat, zu besuchen.

Sofort hegte ich große Bewunderung für sie. In meiner Brust begann sich etwas zu regen, zu sprießen und zu wachsen, und bald wußte ich, daß ich verliebt war, wie ich's noch nie gewesen.

Ich besuchte von nun an täglich das Lokal und bettelte um Marias Gunst. Sie ward mir mit der Zeit, durch meine unendliche Geduld und meine unaufdringliche Werbung. Maria fing an, mich zu verstehen, wir sprachen uns öfters, trafen uns und – kurz sei es gesagt – ich gewann sie nach unsäglichen Mühen.

Das nächste war, daß ich sie aus dem Tingeltangel entfernte und sie in eine Pension gab.

Sie sträubte sich lange dagegen, und ich weiß, sie hätte es niemals angenommen, wenn ich ihr gesagt hätte, daß ich ein kleiner Beamter mit monatlich einhundertundfünfzig Mark Gehalt und ohne Vermögen war. Sie nahm meine Hilfe nur an, weil ich ihr in den Kopf setzte, daß ich ein reicher Mann sei.

Ich war verliebt, und um meiner Liebe willen war ich bereit, alles zu tun, um sie nicht zu verlieren.

Ich opferte mein Erspartes bereitwillig und schüttete es mit vollen Händen der Geliebten in den Schoß, ohne mir zu sagen, daß das über kurz oder lang ein Ende nehmen, daß ich bald nur noch auf mein Gehalt angewiesen sein würde und Maria hinter meinen Betrug sehen müßte.

Ach, ich war taub und blind für alles andere, ich sah nur die Reize der Geliebten und war glücklich, wenn ich ihr ein Lächeln ablocken konnte.

Ich bat sie, die Meine zu werden. Sie sah wohl ein, daß ihre erste Liebe begraben werden mußte – sie tat es, gab nach und ließ sich mit mir standesamtlich verbinden.

Nun mußte ich erst recht für die Lebensbedürfnisse der geliebten Frau aufkommen; und, da ich mich für reich ausgegeben hatte – ihr meine Armut zu gestehen wagte ich auch jetzt nicht, aus Furcht, sie zu verlieren – waren diese Bedürfnisse recht groß.

Ich machte Schulden, mietete eine behagliche Wohnung, kaufte Toiletten, um Maria zu schmücken, ihre Schönheit noch zu heben, hielt ihr einen Wagen und abonnierte eine Loge im Theater.

Wir mußten dabei sein, wo es irgend etwas zu sehen gab, und ich scheute selbst Reisen nach der Residenz nicht, wo wir das Leben genossen.

Zerstreuung jagte Zerstreuung, denn ich bemerkte es wohl, daß Marias Gedanken noch immer jenem anderen, einem Studenten der Rechte mit Vornamen Fritz, nachgingen.

Immer tiefer stürzte ich mich in Schulden und umgab meine Frau mit allem erdenklichen Luxus, schaffte ihr alle erreichbare Betäubung.

Dieser Leichtsinn rächte sich schwer. Gestand ich Maria, daß ich gelogen, so war es gewiß, daß sie mich verachtete und floh.

Ich mußte ›reich‹ bleiben. Wie war das möglich mit meinem auf zweihundert Mark erhöhten Monatsgehalt, nachdem nicht nur mein Erspartes aufgezehrt, sondern auch ein Berg von Schulden über mich zu stürzen im Begriffe war?

Die Versuchung kam.

In einem Bankgeschäft rollen große Summen durch die Finger der Angestellten. Ein falscher Eintrag in die Bücher – wie schnell ist das gemacht!

Die ersten ›Unregelmäßigkeiten‹ beichtete ich den Eltern; sie beglichen die Summe, aber sie ließen mich ihren Zorn fühlen.

Waren sie doch an und für sich schon aufgebracht gegen mich wegen der ›Mißheirat‹, wie sie meine Verbindung mit Maria nannten. Seltener und seltener wendete ich mich an die Eltern; ich fürchtete Vorwürfe, ich hatte ein zu schlechtes Gewissen, und so kehrte ich mich schließlich ganz von ihnen ab. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Mein ganzes Leben galt nur noch meiner Maria.

Und sie? Eines Tages erhielt ich den furchtbarsten Schlag, den kein zweiter übertraf.

Eines Tages war Maria verschwunden. Mein Schmerz war unmenschlich. Ich hatte vergebens Opfer gebracht und war zum Verbrecher geworden. Ich tobte und raste – suchte sie und bot alles auf, ihrer wieder habhaft zu werden. Vergebens. Sie blieb verschollen.

Nun stürzte ich mich in wüste Vergnügungen, um mich zu betäuben. Auf die ersten Unterschlagungen und Fälschungen waren andere gefolgt; die Summe war immer größer geworden, bis sie sich nicht mehr verbergen ließ, bis der Chef des Bankhauses alles entdeckte, bis die Klage vor Gericht bevorstand, meine Schande und das schmachvolle Ende!

In dieser Zeit erhielt ich von Maria einen Brief, in dem sie mir mitteilte, daß sie ihrem Fritz, ihrem ersten Geliebten, begegnet, diesem gefolgt sei, und nach einem kurzen Leben des Glücks im Begriff stehe, gemeinsam mit jenem, der sich des gleichen Verbrechens wie ich schuldig gemacht, in den Tod zu gehen.

Niederträchtigkeit des Schicksals! Ich unterschlug und fälschte für sie, um ihretwillen, wagte nicht, es ihr einzugestehen und mußte erfahren, wie sich ihr Herz an den hing, der um eigenen Wohllebens willen Verbrechen begangen hatte, und daß sie mit jenem den Tod suchte.

Um Marias willen war ich zum Diebe geworden! Sie aber hatte mir niemals Liebe entgegengebracht, wenn sie es in ihrem Schreiben auch versicherte.

Daß mich die Verzweiflung damals nicht gepackt und mich ins Irrenhaus geführt hat, das erkläre ich mir noch heute nicht. Auch daß ich den Mut nicht fand, dem Leben ein Ende zu machen, bleibt mir heute noch unverständlich. Wohl zehnmal am Tage griff ich zum Revolver, um ihn abzudrücken. Ich legte ihn ebenso oft wieder beiseite.

Planlos, mit der Gewißheit, daß die Staatsanwaltschaft jeden Augenblick einschreiten mußte, irrte ich an einem der nächsten Tage das Ufer der Weser außerhalb des Weichbildes Bremens entlang, nur um der doppelt drückenden Luft in dem Meer der Häuser zu entgehen.

Da entdeckte ich, am Ufer zwischen Buschwerk gelandet und halb verdeckt, einen männlichen Leichnam.

Anfangs entsetzt, wollte ich mich schleunigst davonmachen – doch da durchblitzte mich ein Gedanke. Die Leiche war elegant gekleidet und hatte etwa meine Statur. Wenn ich den Toten seiner Kleider beraubte, ihm die meinen dafür ließ und das Weite suchte?

Scheu sah ich mich um, ob jemand in der Nähe war. Ringsum alles totenstill, nirgends eine Spur von einem Menschen zu sehen.

Hastig neigte ich mich zu dem Leichnam nieder und durchsuchte zunächst seine Taschen. Ein schwergefülltes Portefeuille mit Banknoten, Paß und anderen Papieren fiel mir in die Hand. Letztere lauteten auf den Namen Bertold Kupfer.

Mit flatternden Händen machte ich mich an die Entkleidung der noch nicht völlig steifen Leiche. Es waren entsetzliche Minuten der Arbeit!

Als ich den Leichnam mit schwerer Mühe mit meinen Sachen bekleidet, ihm, außer dem mir wertvollen Brief von Maria Taube, meine Papiere zugesteckt, dann mich angezogen und sein Portefeuille nebst Scheinen u. s. w. an mich genommen hatte, floh ich in unaufhaltsamer Hast, bis ich erschöpft in die Kniee sank und vor Uebermüdung rasten mußte.

Aber das Grauen, die zum Teil feuchte, zum Teil nasse Kleidung des Toten auf meinem Körper, hetzten mich bald wieder auf und vorwärts wie ein verfolgtes Wild.

Erst nach langen Stunden wurde ich ruhiger und kam dazu, meine Lage zu überdenken.

Zunächst wurde mir bewußt, daß man jenen Toten für mich halten, daß mein Chef in mir den Selbstmörder sehen würde, der aus Furcht vor Strafe den Tod gesucht.

Wie ich mich später in den Zeitungen überzeugte, traf meine Kombination zu; auf dem Friedhof in Bremen liegt der Bankbeamte Alfred Pfeiffer begraben.«

Eine lebhafte Bewegung entstand im Schwurgerichtssaal.

»Ihr Geburtsname ist Alfred Pfeiffer?« fragte der Vorsitzende den Angeklagten

»Ja.«

»Ich entsinne mich, daß vor Jahren die Staatsanwaltschaft in Bremen eine Anklage wider Alfred Pfeiffer wegen Unterschlagung und Fälschung erhoben hatte,« sagte der Staatsanwaltschaftsrat. »Diese wurde durch den Tod des Verfolgten als erledigt betrachtet.«

»Erzählen Sie weiter,« forderte der Präsident den Angeklagten auf. »Sie traten von nun an als Bertold Kupfer auf?«

»Ja,« bestätigte der ehemalige Kassierer und fuhr fort: »In einem Gasthause zu Verden blieb ich über Nacht und während dieser untersuchte ich das dem Toten entwendete Portefeuille. Ich hoffte, Näheres über ihn zu erfahren. Ich wußte ja auch nicht, ob jener nicht auch etwa den Tod gesucht, ob er nicht ebenfalls ein Verfolgter und ich so vom Regen unter die Traufe gekommen war.

Nach allem, was ich fand, mußte ich jedoch auf einen Unglücksfall schließen. Das Portefeuille enthielt neben einer beträchtlichen Zahl von Geldscheinen eine ganze Reihe von Schreiben und etliche Legitimationspapiere. Aus ihnen entnahm ich, daß Kupfer, der ungefähr das gleiche Alter wie ich hatte, auch ungefähr das Aeußere mit mir teilte, vor kurzem erst aus Amerika nach Deutschland gekommen war, um hier in ein Bankgeschäft in Berlin einzutreten. Empfehlungsschreiben legitimierten ihn. Angehörige schien er in Deutschland nicht zu haben.

Ich beschloß sofort, mir den Namen Bertold Kupfer anzueignen und von nun ab als solcher aufzutreten. Ich schrieb seinen, nun meinen, Namen, zum ersten Male ins Fremdenbuch des Gasthauses zu Verden, in dem ich die Nacht zugebracht hatte.

Mit einem der nächsten Züge fuhr ich über Braunschweig nach Berlin, und auf Grund der Empfehlungsbriefe und Legitimationspapiere wurde ich an der Karl Wolterschen Bank als Amerikaner Bertold Kupfer mit einem guten Salär angestellt.

Meine Kenntnisse im Bankwesen, das Studium der englischen Sprache am Anfang meiner Laufbahn in Bremen, halfen mir natürlich über jede Klippe glatt hinüber.

Das in dem Portefeuille Kupfers gefundene Geld setzte mich in den Stand, mich elegant einzurichten und meinen Passionen, die ich mir in Bremen nach und nach angeeignet, eine Zeitlang weiter zu frönen.

Die Sucht, auch hier wieder reich zu erscheinen, hatte mich in ihren Taumel gezogen, und es schien, als ob ich mich ihm nicht mehr entziehen konnte. Es kam hinzu, daß mich die Bank zum Kassierer erhob, mein Gehalt erhöhte und mir nun Unsummen durch die Hände liefen.

Ich lebte über meine Verhältnisse, spielte und geriet wieder in Schulden. Der Weg schien immer steiler bergab zu gehen.

Schon sah ich mich in die gleiche Lage wie in Bremen kommen, als ich ein Mädchen, die liebliche Tochter einer Witwe, kennen lernte, die meine tiefste Neigung weckte

Sie übte bald nach unserem Bekanntwerden einen heilsamen Einfluß auf mich aus, und ihr gegenüber habe ich denn auch in einer glücklichen Stunde mich als bescheidenen Bankbeamten ausgegeben – wie es der Fall war.

Sie hatte ein Lächeln auf ihren Lippen, wie ich es selbst bei Maria Taube und niemals sonst auf den Lippen einer anderen sah – sie hatte südländische kohlschwarze Augen, sie war blond, war schön und sanft – ihr Blick sagte mehr, als ich in Jahren hätte kennen lernen und – Lucie Nesper wurde meine Frau.

Wir lebten unseren Verhältnissen angemessen – ja, in der ersten Zeit so bescheiden, daß ich all meine Schulden abtragen konnte. Das Glück schien sich endlich zu mir gefunden und eine Stätte an unserem Herde gesucht zu haben.

Um dieses Glück auch nicht in der geringsten Beziehung zu beeinträchtigen, bewog ich sogar meine Schwiegermutter, sich eine eigene Wohnung zu beschaffen, die ich gern und pünktlich für sie bezahlte.

Sie sollte mir Lucie bis auf einige Besuche, die sich auf etliche Nächte ausdehnten, ganz allein lassen.

In diesem Glück glaubte ich mich für immer geborgen. Es war ein Irrtum. Zwar war und ist meine Liebe zu Lucie die gleiche geblieben, aber meine Sucht nach Reichtum war nicht gestorben – sie war nur eingeschlafen und nur zu bald erwachte sie wieder – erwachte mit überwältigender Kraft denn je.

Ich hatte das Leben Lucies mit einer großen Summe versichert Diese Summe zu erhalten und Lucie nicht zu verlieren, war mein erster, mich einer großen Summe aus der Bank, an der ich angestellt war, zu versichern, mein zweiter und auf Grund meiner Papiere nach Amerika zu entfliehen, mein dritter Plan.

Die schwierigste Lösung suchte ich für den ersten Plan. Und der weise Zufall half mir auch hier wieder.

Vera Leicht, eine hübsche Erscheinung, fiel mir eines Tages durch ihre überraschende Aehnlichkeit mit meiner Frau Lucie auf.

Sofort reifte in mir der Vorsatz, sie für meine Zwecke zu gewinnen. Ich trachtete danach, ihre Bekanntschaft zu machen, und es währte nicht lange, so empfing sie willig meine Besuche.

Um sie mir günstig zu stimmen und zu erhalten, gab ich mich ihr gegenüber für reich aus und bestritt ihre Ausgaben.

Noch war ich mit mir nicht einig, wie ich Vera mir dienstbar machen sollte. als ich das Kaufangebot eines kleinen Besitztums erhielt, das nach dem Tode eines Sonderlings, mit Namen Bruno Ehrenfels, von dessen einzigem Erben, einem Neffen, für billiges Geld zu haben war. Ich sah mir das einsam gelegene ›Gut‹, ein dem Verfall geopfertes Gebäude, an und hielt es, namentlich die Lage eines eigenartig eingerichteten, vor Eindringlingen und Neugierigen sicheren Raumes, in dem Bruno Ehrenfels seine Tage in Furcht vor Dieben und Mördern verlebt, für meine Zwecke geeignet.

In diesem eisenvergitterten Raume vermochte man mit Leichtigkeit jemand zu verbergen, ohne daß ihn sobald jemand, wenn nicht durch Zufall, aufgespürt hätte.

Ich meldete mich bei dem Erben und wurde mit ihm kaufeinig. Das Gebäude nebst Garten und Wiesen wurde mein Eigentum, nachdem ich eine geringe Summe angezahlt und den Kaufgelderrest für den Erben als Hypothek hatte eintragen lassen.

Meine Absicht war es, auf diesem Gute meine Frau Lucie zu verbergen, die ihr gleichende Vera Leicht am Herzschlag sterben, sie als meine Frau finden zu lassen und die Versicherungssumme zu erheben.«

»Wie erklären Sie uns das,« warf der Gerichtspräsident ein, »daß Sie Vera Leicht am Herzschlag sterben lassen wollten?«

»Ich hatte mir Atropin beschafft, ein Gift, das bekanntlich auf das Herz wirkt und keine Spuren zurückläßt, die ein Verbrechen verraten,« erklärte der Angeklagte mit klarer Stimme.

»Atropin ruft Herzschlag hervor, ohne daß sich die Substanz mit dem Blute mischt; es wirkt wie der Stoß eines unsichtbaren Dolches, der ins Herz trifft.

Diesem Gift steht die Wissenschaft machtlos gegenüber, sobald einige Zeit nach ihrer Wirkung vergangen ist.«

»Fahren Sie in Ihrer Erzählung fort.«

»Mein Plan änderte sich jedoch durch die Hartnäckigkeit Lucies, die Besitzung Ehrenfels aufsuchen oder gar hier leben zu wollen,« setzte der Angeklagte sein Geständnis kaltblütig fort.

»Sie beschloß, lieber unter einer Maske zu fliehen, mich in einer Hafenstadt zu erwarten und dann mit mir über den Ozean zu gehen.

Ich gab ihren Bitten nach und verabredete, daß sie am Tage nach dem Tode Vera Leichts nach Hamburg flüchten sollte, um dort meiner zu harren. Lucie einfach nur verschwinden zu lassen, hätte mir die Versicherungssumme nicht oder erst nach langer Zeit, vielleicht nach Jahren, eingebracht. Ich mußte daher ein Opfer haben, und als dieses konnte nur Vera Leicht fallen.«

»Kannte Ihre Frau Vera Leicht?« fragte der Präsident.

»Nein. Sie wußte nichts von deren Existenz. Ich hatte Lucie vorgeredet, daß ihr Verschwinden genüge, um sie für tot erklären zu lassen und die Versicherungssumme zu erhalten.«

»Weiter.«

»Für dieselbe Nacht, in der Vera das Atropin nehmen sollte, hatte ich auch den Einbruch in die Stahlkammer der Wolterschen Bank in Aussicht genommen.«

»Warum hatten Sie den Plan, bei Nacht in die Stahlkammer zu dringen, da Ihnen doch der Schlüssel zu dieser zur Verfügung stand und der Besuch dieses Tresors der Bank am Tage bei Ihnen unmöglich auffallen konnte?«

»Am Tage hätte ich Argwohn erregen können; bei Nacht ausgeführt, fiel ein Verdacht zu allerletzt auf mich. Zudem besaß ich auch nicht den Schlüssel zu den innersten Schränken; die hätte ich erst vom Direktor mir geben und meine Handlungsweise motivieren müssen.

In der Nacht wollte ich mit Dietrichen und anderen Instrumenten operieren. Schließlich wäre die Entnahme von größeren Summen meinen Kollegen leicht aufgefallen, wenn man mich überhaupt allein in den Tresor hätte gehen lassen und mir nicht einen Assistenten, wenigstens einen Boten, wie das üblich, mitgegeben hätte.«

»Weiter.«

»Den Raub, den ich erhoffte, sollte Lucie mit nach Hamburg nehmen. Bei ihr, die unter anderer Maske und unter anderem Namen fuhr, hätte niemand die Fehlsumme gesucht.

Daher wollte ich, daß Lucie erst am Mittag nach der verhängnisvollen Nacht abreisen sollte, nachdem ich sie noch aufgesucht, um den Raub ohne ihr Wissen unter den Teil ihres Gepäcks zu schmuggeln, der nicht für Hamburg, sondern erst für Amerika nach unserer Vereinigung bestimmt war.

Der Einbruch mißlang, und Lucie mußte ohne Beute von dannen eilen.«

Hier machte der Angeklagte eine Pause. Er zog ein Taschentuch hervor und fuhr sich über die Stirn. Seine Hand zitterte ein wenig; doch als er das Tuch eingesteckt und die Hand wieder auf die Schranke vor sich gelegt hatte, kam seine Kaltblütigkeit und Ruhe zurück.

»Wie kam nun Vera Leicht ins Bankgewölbe?« fragte der Vorsitzende des Gerichtshofs.

»Ich teilte ihr mit, daß ich um meine Zukunft besorgt wäre, daß ich mich in großer Verlegenheit befinde und nur sie mich daraus retten könne. Ich müsse etwas mit ihr besprechen, wovon alles abhänge; sie solle sich gleich nach Schluß des Bankgeschäfts, etwa sechs ein halb Uhr, vor der Tür der Wolterschen Bank einfinden und warten, bis ich herauskomme.

Sie antwortete mir, daß sie zwar besorgt sei, doch gehorsam folgen und pünktlich kommen werde.«

»Wußte Vera Leicht, daß Sie verheiratet waren?«

»Nein. Das hatte ich ihr verschwiegen Ich hatte ihr sogar die Ehe versprochen,« erwiderte der Angeklagte mit fester Stimme.

»Fahren Sie fort.«

»Am Abend des 4. Mai hatten meine Kollegen sämtlich das Bureau verlassen – ich war allein zurückgeblieben und gab dem jungen Krause, der der letzte im Kassenraum war, den Bescheid, daß er gehen könne, daß ich noch zu arbeiten habe und selber zuschließen werde.

Ohne Argwohn ließ mich Krause allein. Um sechs ein halb Uhr ging ich vor die Tür und ließ Vera Leicht ein, die bereits wartete.

›Was hast Du vor?‹ fragte sie mich mit angstverzerrtem Gesicht. Ich führte sie in den Kassenraum und setzte ihr nun folgenden Plan auseinander, auf den sie nach einiger Ueberredung einging.

Sie sollte fortan ein Unwohlsein heucheln – ich wollte den jungen Krause rufen und ihn bitten, Vera in sein Zimmer zu führen, um ihr etwas Stärkendes zu verabreichen, damit sie sich erhole.

Bei ihrer Anwesenheit in Krauses Zimmer sollte sich Vera des Stahlkammer- und des Haustürschlüssels heimlich bemächtigen und diese mir aushändigen. Ich hatte zwar den Schlüssel zur Stahlkammer, jedoch nicht den Haustürschlüssel.

Letzteren brauchte ich für die Ausführung der Tat in der Nacht, ersteren wollte ich statt meines benutzen, um später durch Vorlegen meines Schlüssels bei etwaigem Verdacht diesen zu vernichten.

Vera spielte ihre Rolle ausgezeichnet; das geheuchelte Unwohlsein war von einem echten nicht zu unterscheiden Ich eilte in das von seinen Eltern apart gelegene Zimmer des jungen Krause und bat ihn, einen Augenblick ins Bureau zu kommen.

Erstaunt folgte er mir. Auf dem Wege dahin erklärte ich ihm mit gespielter Erregung, meine Frau sei drinnen, sie hätte mich abholen wollen und sei von einem starken Unwohlsein befallen.

Ob er zu einem Arzt eilen möchte? Die letzten Worte sprach ich bereits im Kassenraum in Gegenwart Veras. Wie verabredet, wehrte sie diesem Ansuchen und bat nur, irgendwo ein wenig ruhen und etwas Stärkendes zu sich nehmen zu dürfen.

Krause erbot sich, Vera, die er für meine Frau halten mußte, auf sein Zimmer zu führen, ihr seine Chaiselongue zur Verfügung zu stellen und aus der nächsten Apotheke stärkende Tropfen zu holen.

So geschah's. Vera nahm, während Krause in die Apotheke ging, die gewünschten Schlüssel an sich, und brachte sie mir, als sie sich bald darauf erholt hatte.

Mit einigen Dankesworten an Krause verließ ich, der im Kassenraum geblieben war, dann, einen Wagen nehmend, mit Vera das Bankhaus.

Dem Kutscher rief ich noch so, daß es Krause, der uns bis auf die Straße begleitet hatte, wohl vernehmen mußte, zu, uns nach dem Theater zu fahren.

So weit war alles glatt gelungen.

Ich brachte Vera statt ins Theater zu mir nach Hause, da Lucie bereits zu ihrer Mutter gegangen war, um mit ihr die Oper zu besuchen und nach dieser bei ihrer Mutter zu übernachten.

»Ihre Frau wußte absolut nichts darum, daß diese Vera Leicht in ihrer Abwesenheit ihre Stelle einnahm?« warf der Präsident dazwischen.

»Lucie hierin einzuweihen, lag kein Grund vor: vielmehr war es meine Absicht, sie nicht durch Mitwissenheit strafbar zu machen. So weit es möglich war, wollte ich Lucie vor etwaiger Strafe schützen«

»Was geschah nun am Abend jenes 4. Mai weiter?«

»Ich speiste mit Vera in meiner Wohnung und wußte sie zu bestimmen, daß sie die Nacht mir zu widmen versprach. Ich wollte, um so harmlos wie möglich zu erscheinen, einige Stunden in meinem Klub zubringen, dann die Woltersche Bank aufsuchen und zum Schluß Vera das Atropin eingeben.

Dieses sollte darum erst später, jedenfalls erst nach elf Uhr in meiner Wohnung geschehen, damit es den Anschein erwecken mußte, als ob meine Frau nach dem Theater nach Hause gekommen und hier von einem Herzschlag befallen worden sei.

Gab ich das Gift schon am Abend Vera ein, also vor acht Uhr, die Zeit, in der ich sie, um in den Klub zu gehen, verließ, hätten die Aerzte leicht die Todesstunde feststellen und die Tatsachen in Widerspruch setzen können.

Ich hatte Vera, so weit es mich dünkte, in mein Vorhaben eingeweiht.

Ich schilderte ihr meine Lage als eine verzweifelte, sprach von Selbstmord, wenn mein Plan mißlänge oder sie ihn gar verriete, und unterjochte die Erschrockene und in mich Vernarrte meinem Willen und meinen Wünschen.

Nach geglücktem Einbruch hatte ich ihr eine rosige Zukunft versprochen; ich wollte mit ihr fliehen und sie heiraten. So sagte ich ihr.

Vera war mit allem einverstanden – bis auf eines. Sie wollte während meiner Abwesenheit nicht in meiner Wohnung bleiben.

Sie behauptete, die Angst würde sie hier nicht halten können – sie wolle um mich bleiben, und wenn es wer weiß was kostete.

Davon war sie nicht abzubringen. Ich bot vergebens meine ganze Beredsamkeit auf, da ihre Begleitung leicht die Ausführung meines Planes zunichte machen konnte.

Meine Vorstellungen prallten an ihrer Hartnäckigkeit ab.

Schon dachte ich daran, ihr das Atropin sofort zu geben, als mir einfiel, Vera könne mir beim Oeffnen der Stahlkammer dadurch behilflich sein, daß sie mir leuchtete, vielleicht auch etwas von Papieren unter ihrer Kleidung verberge und wenn ich nach vollbrachter Tat mit ihr nach Hause käme, sollte das Weitere geschehen.

So nahm ich denn Vera mit in den Klub, ließ sie in den vorderen Gastzimmern, während ich mich absichtlich bei meinen Freunden zeigte, eine Weile mit ihnen spielte, mich auch unterhielt, und hieß sie später zur Wolterschen Bank mit mir gehen.

Da meine Frau in den Gasträumen dieses Klublokals nicht bekannt war, fiel Vera keinem der Gäste oder Kellner auf, und unbemerkt, wie ich annahm, konnten wir das Restaurant verlassen.

Bald darauf standen wir vor dem Bankgebäude, das in der Nähe des Klublokals lag.

Mit Hilfe des Krauseschen Haustürschlüssels öffnete ich den Eingang zur Bank, ließ Vera mit mir eintreten, zündete am Ende des Korridors, zu dem wir uns vorsichtig hintasteten, wobei ich Vera führte, eine Stearinkerze an, und dann schlichen wir in den Keller hinab.

Sofort ging ich an das Oeffnen der Stahlkammertür. Krauses Schlüssel machte dies leicht.

Da warf ich einen Blick auf Vera, die, das Licht in der Hand, neben mir stand.

Die Kerze drohte zu erlöschen, so erregt war das Mädchen. Ich suchte es zu beruhigen und sprach ihm Mut ein.

›Bring's zu Ende,‹ keuchte sie, kaum der Worte mächtig.

Ich wandte mich ab und der inneren Tür zu, als ein knisternder Laut von Schritten hinter mir an mein Ohr klang.

Rasch kehrte ich mich zurück, da sah ich den jungen Krause von der Treppe herkommen.

Irgend ein Verdacht, vielleicht das Vermissen der Schlüssel oder wer weiß, welch ein Einfall mußte ihn herbeigelockt haben.

Einen Augenblick starrte ich ihn ebenso entgeistert an, wie Vera.

Doch jener kam näher, und ich faßte mich, zog einen Revolver und schlug auf Krause an.

In diesem Augenblick fiel Vera mit einem Aufschrei zu Boden.

Krause stürzte herbei.

Er erhob eben die Stimme, um Lärm zu schlagen. Da traf ihn meine Kugel in die Stirn.

Mit geballt erhobener Rechten sank er nieder – über Vera.

Ein Grausen und Entsetzen packte mich.

Ich neigte mich zu Vera, der ich die Kerze aus der Hand riß und von neuem entzündete, leuchtete über sie und suchte sie unter Krauses Leichnam hervorzuziehen.

Ich hielt sie für ohnmächtig. Doch schnell überzeugte ich mich, daß sie tot war.

Ich hatte mir einen Mord erspart.«

Ein Murmeln empörter Worte und Verwünschungen seitens der Zuhörer ging durch den Schwurgerichtssaal.

Der Präsident ermahnte zur Ruhe und hieß den Angeklagten, in seinem Geständnis fortzufahren.

»Ich war von dem Geschehenen so verwirrt, daß ich nicht mehr an den Einbruch, sondern nur noch an meine Sicherheit dachte.

Flüchtend verließ ich das Bankhaus, das hinter mir abzuschließen ich noch genug Besinnung hatte.

Den Haustürschlüssel warf ich ins Wasser. Erschöpft kam ich nach Hause.

Vergebens suchte ich Ruhe.

Der natürliche, plötzliche Tod Veras berührte mich tiefer, als es geschehen wäre, wenn ich ihr das Atropin eingeflößt hätte.

Krauses Tod ließ mich gleichgültig, ich betrachtete ihn als in der Notwehr erfolgt.

Ich konnte mich die ganze Nacht hindurch nicht beruhigen.

Erst am Morgen gelang mir das, nachdem ich mir gesagt, ein Verdacht könnte jetzt noch weniger auf mich fallen, da der Zeuge, der Vera als meine Frau für kurze Zeit in seinem Zimmer aufgenommen hatte, tot war.

Eine Erklärung für Veras Anwesenheit im Bankkeller mochte sich die Behörde nach ihrem Dafürhalten auslegen. Mich konnte man dafür nicht verantwortlich machen.

Als die Bureaustunde schlug, hatte ich mich so weit ermannt, daß ich es wagen konnte, meinen Tagesdienst anzutreten.

Ich gab meiner Frau durch einen Boten eine kurze Nachricht, daß ich sie gegen elf Uhr aufsuchen würde, und ging den gewohnten Weg zur Bank.

Hier hatte man bereits das tote Paar und den versuchten Einbruch entdeckt.

Ich wurde verhört, wußte nichts, als daß meine Frau am Abend zuvor mit ihrer Mutter ins Theater gegangen, die Nacht vermutlich bei ihr zugebracht habe und am Morgen nicht zurückgekehrt sei.

Dann führte man mich an den Leichnam Vera Leichts. Der Anblick war so entsetzlich, daß ich in Ohnmacht fiel.

Ich hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, statt des Namens Vera, den Namen meiner Frau Lucie auszurufen.

Als ich zu mir kam, versuchte ich vergebens, Worte zu stammeln.

Hierbei kam mir der Gedanke, den Stummen zu simulieren.

Man dispensierte mich für den Tag, den 5. Mai, von der Bank.

Das war mir willkommen.

Sofort veranlaßte ich die Flucht meiner Frau. Unter einer Maske fuhr sie nach Hamburg, um mich dort früher oder später zu erwarten.

Vera Leicht, die, wie die Aerzte konstatierten, an einem Herzschlag gestorben war, wurde als meine Frau begraben.

Später erhob ich die Versicherungssumme, die mir anstandslos ausgehändigt wurde.

Einen Verdacht auf mich schien man nicht öffentlich auszusprechen.

Ich versah mit Hilfe eines Assistenten meinen Dienst als Kassierer weiter, und erst, als ich die Gelegenheit gefunden hatte, mir einen größeren Betrag anzueignen, unter dem sich, wie ich leider zu spät bemerkte, russische Obligationen befanden, die ich nicht leicht veräußern konnte, da ihre Nummern den Banken bekannt waren, ließ ich mich beurlauben, Nervosität infolge des mich Betroffenen vorschützend.

Der Urlaub wurde mir bereitwilligst gewährt. Mit mir selbst nicht einig, was ich nun beginnen sollte, ob nach Ablauf des Urlaubs noch einmal den Bankeinbruch zu versuchen oder mit der Lebensversicherungssumme Lucies und dem mir in der Bank angeeigneten, vorläufig noch nicht entdeckten Betrage nach Hamburg und von hier mit meiner Frau nach Amerika zu flüchten, bemerkte ich, daß ich beobachtet und verfolgt wurde.

Man hatte mich also doch im Verdacht.

Wie der Beobachtung entgehen?

Ich faßte sofort einen Plan. Für Ausgänge, auf denen ich Bekannten nicht begegnen und vor allen Dingen nicht immer den Stummen spielen mochte, hatte ich mir eine dunkle Perücke und einen gleichfarbigen Bart angeschafft. Diese machten mich unkenntlich, und so entschlüpfte ich den Argusaugen meines Verfolgers.

Nach einem Ausfluge an die Ostsee, an die ich als Bertold Kupfer gereist war, kehrte ich in einer Maske nach der Residenz zurück.

Ich wollte nur noch das Notwendigste ordnen und mich dann auf- und davonmachen.

Auf einem Ausgange hatte ich vor der Reise an die Ostsee zwei Frauen, die sich in einem verqualmten Hause in Feuersnot befanden, zufällig gerettet.

Es war ein Fräulein Wanda Lorenz und dessen Tante, Fräulein Lisbeth Kint, gewesen.

Erkundigungen hatten mich erfahren lassen, daß ich es mit sehr reichen Damen zu tun gehabt hatte.

Jetzt sagte ich mir, daß hier die Gelegenheit geboten war, den erträumten Reichtum zu erhalten.

Ich gab mich, durch meine Maske vor allen Fährnissen geschützt, als Gutsbesitzer aus und nannte mich Bruno Ehrenfels, nach dem ehemaligen Besitzer des von mir erworbenen Grundstücks in der Provinz, dessen in einer Kommode seiner Behausung gefundene Legitimationspapiere ich mir angeeignet und für meine Person zurechtgefälscht hatte.

Und, einmal mit dieser Komödie begonnen, führte ich sie auch so weit durch, daß ich Wandas Gatte wurde.

Ich weiß, daß Wanda ihre Hand mir nicht aus Liebe reichte – ich merkte es nicht nur, sondern hörte es auch von einem ihrer Jugendfreunde, den ich in meinem Gutshause, wo er mich aufsuchte, mich zur Rede stellte und meine gepriesene Herrlichkeit des Besitzes als Schwindel entlarvte, bis zur beschleunigten Hochzeit unschädlich machte.«

»Für immer,« fiel der Präsident ein, »wenn ihn ein Zufall durch Ihre letzte Frau nicht gerettet hätte.«

»Mag sein. Ich spielte va banque und alle Mittel schienen mir erlaubt.«

»Sie spekulierten also nur auf das Vermögen Ihrer letzten Frau, mit der Sie sich vermählt hatten, trotzdem Sie eine Frau besaßen, die Ihrer in Hamburg wartete?«

»Mir lag nichts an der Neigung Wandas,« fuhr der Angeklagte mit eiserner Ruhe fort, »ich wollte nur ihr Vermögen – ja – und dann wollte ich ins Ausland – ohne Wanda.

Lucie war, wie ich bereits erfahren hatte, in Hamburg verhaftet worden.

Ich mußte auf meine Sicherheit bedacht sein und allein davonzukommen suchen.

Hierzu und zum zukünftigen Leben brauchte ich Geld. Am Hochzeitstage mit Wanda versicherte ich mich des größten Teils ihres flüssigen Vermögens und nahm es mit auf die Reise nach dem Süden.

In Nizza machten wir Rast: von hier aus fuhr ich nach Monaco hinüber.

Ich spielte und verlor.

Am zweiten Tage, als ich nach Nizza zurückkehrte, war meine Frau verschwunden.

Das kam mir gelegen; es war ja so wie so mein Plan gewesen, sie irgendwo auf der Hochzeitsreise sitzen zu lassen.

Einige Zeit hielt ich mich noch in Monaco auf und spielte.

Die Leidenschaft des Spielers hatte mich ergriffen. Ich setzte alles, was ich an Geld bei mir hatte oder zu Geld machen konnte – außer den russischen Obligationen – allmählich in die Bank und verlor fast immer.

Je rasender ich setzte, um so sicherer verlor ich.

Zum Schlusse blieb mir von allem nichts, als ein paar hundert Mark und die russischen Papiere.

Mit diesen raffte ich mich endlich auf, verließ mit einigen, einem Selbstmörder, mit Namen Poppe, entwendeten Legitimationspapieren Monaco und reiste quer durch Deutschland und Dänemark, bis ich in Norwegen strandete.

Wie ich dort in die Falle der Behörde geriet, wird Ihnen der Kriminalkommissar, der mir nachspürte, besser sagen können als ich.«

Er sank auf die Anklagebank zurück und stützte den Kopf auf die hohle, zitternde Rechte.

»Beantworten Sie uns noch eine Frage ausführlicher,« rief ihn der Präsident an. »Wie verstanden Sie es, die Behörden glauben zu machen, daß Sie als Bertold Kupfer in der See ertrunken seien?«

Schwerfällig erhob sich der Angeklagte und berichtete:

»Ich hatte mich, wie bereits bemerkt, an die Ostsee begeben und war in einem Hotel abgestiegen.

Hier sann ich mir folgendes aus: In einer Nacht begab ich mich heimlich an den Strand, machte dort ein Boot los und stieß dieses, mit einem Paar Rudern versorgt, in die Brandung.

Da wir Landwind hatten, trieb es schnell in die offene See.

Ueberzeugt, daß es am nächsten Morgen außer Sicht sein werde, kehrte ich ins Hotel zurück, verbrannte im Ofen meines Zimmers einiges Papier zu Asche und legte mich, mit den Vorbereitungen zufrieden, schlafen.

Nach einigen Stunden erhob ich mich wieder, zog über einen zweiten Anzug, der die mir notwendigsten Papiere, mein Geld und Perücke wie Barthaar nebst allem, was ich sonst mitzunehmen beabsichtigt, barg, Rock und Beinkleider, die ich in diesen Tagen am Strande getragen hatte, begab mich auffällig ans Seeufer und bestieg ein Boot, das ich mir für kurze Zeit zu einer Spazierfahrt mietete.

Geschickt und mit vollen Kräften ruderte ich auf die hohe See hinaus und hatte das Glück, hier das in der Nacht in das Wasser getriebene Boot schwimmen zu finden.

Schnell entledigte ich mich der oberen Kleidung, warf sie in das gemietete Boot, legte einen tags zuvor geschriebenen Brief hinein, in dem ich die Absicht, diesem Leben aus gekränktem Ehrgefühl ein Ende zu machen, aussprach, stieg in das zweite Fahrzeug und ruderte in diesem seewärts davon, nachdem ich dem gemieteten Kahn die Direktive nach dem Lande gegeben, wobei mir der umgeschlagene Wind zu statten kam.

Ich ruderte den ganzen Tag und landete erst in der Nacht, weit vom Abfahrtsort entfernt, am Strande, legte Perücke und Bart an und kam ungefährdet zur Bahn, die mich unerkannt und ungehindert in die Residenz zurücktrug.«

»Wenn wir durch die von der Behörde gesammelten Beweise der Wahrheit dieser Angaben nicht unterrichtet wären,« bemerkte der Vorsitzende des Gerichtshofs, »müßten wir an einen Roman glauben.

Das Geständnis des Angeklagten erübrigt wohl jedwede Zeugenvernehmung.Doch möchte ich, um noch über einzelne Punkte den Herren Geschworenen Klarheit zu verschaffen, den Kriminalkommissar Frank vernehmen, der sich darüber äußern soll, wie er auf die Fährte der Verbrechen und des Angeklagten gekommen ist.

Ich mache zunächst eine Pause von fünfzehn Minuten; nach diesen bitte ich den Zeugen.«

* * *

 

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