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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 14
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Ein heller, freundlicher Herbsttag neigte sich zu Ende. Im Osten stand der Mond, ein ganz unwahrscheinlicher Mond.

Dunkelrot, weinselig wie ein alter Zecher, der sein rundes Haupt aufrecht hielt, weil ihn die Füße nicht mehr zu tragen schienen.

Die Luft war klar, nur wo die entfernteren Bäume standen, schlichen bereits die Schatten der Nacht über das Gebäude und hängten sich als Schleier zwischen das Blattwerk.

Nach Norden wuchsen dunkle Umrisse aus der Ebene. Und immer weiter ging es mit der norwegischen Schnellbahn in der langen, grauen Dämmerung, an fahlen Wiesen und buntgestrichenen Häusern vorbei, bis der Eisenbahnzug vor dem langen, niedrigen Bahnhofsgebäude einer größeren Provinzialstadt Norwegens einlief.

Die Wagen standen noch nicht still, als ein Mann gewandt aus einem der Coupés sprang, behende durch das wartende Publikum schlüpfte und sich in den Schatten des Gebäudes flüchtete.

Niemand schien ihn zu beobachten, als ein in einen langen Radmantel gehüllter, hochgewachsener Mensch, der hurtig einem der letzten Wagen entstieg und mit hastigen Schritten ihm nacheilte.

Er folgte dem ersteren Passagier unbemerkt zu einem Fiaker und erlauschte den dem Kutscher des Fuhrwerks gegebenen Befehl: »Norsköldstraße 48.«

»So. Endlich hätte ich den Fuchs im Bau,« murmelte der Beobachter, während er beim Schein der nächsten Laterne die Adresse notierte. »Es war eine anstrengende Hetzjagd. Doch nun, Bruno Ehrenfels, hoffe ich Dich sicher zu haben.«

Der Verfolger rief den Kutscher eines zweiten Wagens heran und ließ sich in ein Hotel in der Norsköldstraße fahren. Dort angelangt, begehrte er ein einzelnes Zimmer, schrieb sich in das ihm vorgelegte Fremdenbuch als Rittmeister a. D. Cäsar ein und begab sich zur Ruhe.

Am folgenden Mittage suchte er das Gastzimmer auf. Hier setzte er sich, mit mehreren Zeitungen versehen, auf ein etwas abgesondertes, ruhiges Fensterplätzchen, durch das er die Straße überblicken konnte.

Anscheinend vertiefte er sich in die Lektüre, doch jedesmal, wenn jemand aus der Straße vorüberging oder ein neuer Gast das Lokal betrat, glitt ein schneller Blick über die Zeitung hinweg.

Wie er vermutet, bemerkte er nach einiger Zeit den Herrn, dem er auf dem Bahnhof seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt hatte.

Dieser suchte, sich orientierend, einen Platz, durchstreifte das Lokal nach verschiedenen Seiten, und seine Wahl fiel endlich auf den Nachbartisch von Cäsars Sitz.

Der Mann hatte dunkelbraunes Haar und einen starken Vollbart von gleicher Farbe, hier und da mit grauem Puder überstreut.

Die Nase trug eine blaue Brille, die seinem Kopf ein fremdes Aussehen gab, und da der Anzug ebenfalls ein neuangelegter war, hätte ein weniger scharfer Beobachter, als es Rittmeister Cäsar war, den Mann schwerlich für Bruno Ehrenfels gehalten.

Nachdem er sich mit dem Rücken gegen das Licht gesetzt hatte, begehrte er eine der neuesten deutschen Zeitungen und begann, nachdem er sich umgesehen und das Blatt erhalten hatte, darin zu lesen.

Cäsar beobachtete ihn heimlich. Nach einer Weile ließ er sich den Wirt des Hotels kommen und zog ihn in ein Gespräch, das er absichtlich laut führte, um von Ehrenfels gehört zu werden.

»Wohnen hier Deutsche in der Stadt?« fragte er auf norwegisch.

»O ja, eine ganze Anzahl. Sie sind ein Deutscher?« erkundigte sich der Wirt mit einer Verbeugung »Ich höre es an Ihrem Akzent.«

»Sie haben es erraten,« erwiderte Cäsar. »Sprechen Sie Deutsch?«

»Zu dienen,« wartete der Hotelbesitzer auf.

»Das ist mir lieb: so kann ich meine Seele von einem Wunsch in meiner Heimatsprache befreien,« sprach Cäsar Deutsch. »Wie ich mich Ihnen bereits zu erkennen gab, respektive ins Fremdenbuch schrieb: Rittmeister a. D. Cäsar. Nahm meinen Abschied infolge einer bedeutenden Erbschaft, die ich – aus ökonomischen Rücksichten! – unter die Leute insofern zu bringen beabsichtige, als ich weder Kind noch Kegel mein eigen nenne, keine Angehörigen und Erben besitze und den Rest meines Lebens auf Reisen zuzubringen gedenke.

Nun bin ich aber des Alleinreisens, das ich schon eine bedenkliche Weile betreibe, rabensatt geworden und wünsche mir einen Gefährten.

Es muß aber ein Mann von Schrot und Korn sein. Natürlich reflektiere ich auf einen Deutschen. Haben braucht er nichts, muß nur über seine Zeit verfügen können, d. h. sie mir und meiner Geselligkeit auf der Reise widmen. Was meinen Sie?

Findet sich in Ihrer Stadt solch Individuum oder muß ich erst nach Deutschland gondeln?

Meine Absicht war's, von hier über Rußland nach China und Japan zu gehen. Will mal aus eigener Anschauung die gepriesene Intelligenz der schlitzäugigen gelben Rasse kennen lernen.«

»Das ist ein verlockender Posten, Herr Rittmeister,« gab der Wirt zur Antwort. »Dafür einen finden? Ich sollte denken, die Hülle und Fülle – nach Auswahl! Es käme da wohl allein auf Sie an – auf wen Ihr Vertrauen fiele. Zuführen könnte ich Ihnen leicht Dutzende. Parbleu, Herr Rittmeister – wenn ich nicht schon ein so alter Knabe wäre –«

»Das Alter ist kein Hindernis; im Gegenteil, einen gesetzten Menschen würde ich vorziehen,« fiel Cäsar ein.

»Ja – und wenn ich hier nicht gebunden wäre, ich selbst würde mich Ihnen zur Verfügung stellen.«

»Na – überlegen Sie sich's,« lachte der Rittmeister. »Gut haben sollen Sie's.«

»Geht leider nicht,« bedauerte der Hotelbesitzer mit gehobenen Schultern. »Haben Sie die Absicht, bald abzureisen, so daß die Sache eilt?«

»Durchaus nicht. Wenigstens nicht Hals über Kopf. Also sehen Sie sich um und dann sprechen wir noch darüber.« Er erhob sich. »Nun will ich mir mal noch die Gegend und die Raritäten Ihrer Stadt ansehen,« bemerkte er, seinen Mantel umhängend. »Wie ist's am Abend? Ist hier was los?«

»Wir haben ein gutes Theater, ein sehenswertes Variété –«

»Variété auch da? Gut. Danke. Will ich mal aufsuchen. Auf Wiedersehen.«

Damit verließ er den Gastraum in dem Bewußtsein, daß sein scheinbar in die Zeitung vertiefter Tischnachbar die ganze Unterhaltung mit angehört hatte.

Und er befand sich in keiner Täuschung. Kaum war der Rittmeister aus dem Saal verschwunden, als Ehrenfels an den Hotelwirt herantrat und ihm bemerkte, daß er von der Unterredung mit dem Herrn, der soeben fortgegangen war, einzelne Sätze aufgefangen habe und, als Deutscher, von einer schmalen Rente Lebender; gern den in Aussicht genommenen Posten als Reisebegleiter annehmen möchte. Der Wirt wolle ihm dazu verhelfen.

Er lud den sich vorsichtig Gebärdenden zu einer Flasche Wein ein und bei dieser, die dem Hausherrn Zunge und Gutmütigkeit löste und ihn gefügiger machte, erhielt Ehrenfels schließlich die Versicherung der Vermittlung bei dem Rittmeister.

Ehrenfels hatte sich in der Stadt unter dem Namen Poppe angemeldet; als solcher wurde er am nächsten Tage dem Rittmeister von dem Hotelwirt dargestellt und auch tatsächlich, nach einigen Erwägungen und Unterhandlungen, als Reisebegleiter engagiert.

»Wir wollen eventuell noch in dieser Woche von hier fort,« sagte Cäsar zum Schluß. »Was Sie in persönlichen Angelegenheiten zu ordnen haben, wollen Sie, bitte, bald erledigen.

Bis zur Weiterreise wäre es mir indessen lieb, wenn wir uns täglich sehen und sprechen könnten, da ich Sie kennen lernen will, damit wir uns einander nähern. Ich bin in jeder Weise zugänglich, darf ich wohl sagen, und ich denke, wir werden uns schätzen lernen.«

Der andere versicherte es eifrig.

»Gut. So lade ich Sie zum Abendessen ein. Auf Wiedersehen zwischen acht und neun Uhr.«

Als der Rittmeister allein war, zog er dicht vor sein Gesicht ein zur Hand liegendes Journal, das die Freude, die in seinen Mienen glänzte, verbergen sollte.

Abends nach acht Uhr war Ehrenfels zur Stelle.

»Meine Angelegenheiten sind so weit geordnet, daß ich für einen Aufbruch jeden Augenblick zu haben bin,« teilte er dem Rittmeister mit.

»Das ist ja schnell gegangen,« lächelte dieser. »Sie haben wohl keine Angehörigen am Ort?«

»Niemand. Weder hier, noch sonst wo. Ich stehe ganz allein auf der Welt.«

»Wie? niemand?« wiederholte Cäsar erstaunt. »Auch in Deutschland haben Sie keine Verwandten?«

»Keinen Schatten. Eltern besitze ich seit meinem dritten Lebensjahr nicht mehr, Geschwister habe ich nie gehabt, und da ich Junggeselle geblieben bin, fehlt mir auch nach dieser Richtung hin jeder Familienanschluß.

Ich bin sehr erfreut, Sie begleiten zu dürfen. Reisen war von jeher meine Sehnsucht, doch erlaubte es mir mein bescheidenes Kapital nicht, meinem Lieblingswunsche folgen zu können.«

»Da hat ja der Zufall eine günstige Rolle gespielt,« bemerkte der Rittmeister mit einem undefinierbaren Lächeln und schenkte seinem Gast ein. »Grad einen solchen unabhängigen Menschen habe ich mir gewünscht. Ihrem Dialekt nach stammen Sie aus der Mark?«

»Ja. Ich bin in der Mark geboren und erzogen worden. Dann hielt ich mich auch längere Zeit in Berlin auf.«

»Und siedelten hierher über?«

Der andere bestätigte dies zögernd.

»Prosit!« stieß Cäsar mit dem Glase an das seines Gastes. »Auf gute Reise und ungestörtes Vergnügen! Apropos –« fiel es ihm ein, als er getrunken hatte – »Berlin! Wissen Sie, daß ich die größte Lust verspüre, mir wieder einmal Berlin anzusehen?

Ich war schon lange Jahre nicht dort und sehne mich nach dem Treiben dieser wachsenden Weltstadt. Wie wär's, wenn wir unseren Reiseplan änderten, oder vielmehr dahin erweiterten, daß wir über Berlin die Route nehmen?«

Poppe-Ehrenfels war um einige Schatten bleicher geworden und rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Mit einem scheinbar harmlosen Blick sah ihn der Rittmeister erwartungsvoll an.

»Meine Sympathien für Berlin sind nicht sehr groß,« erwiderte Poppe, seine Erregung tapfer niederkämpfend mit einer möglichst ruhigen Miene.

»Haben Sie dort böse Erfahrungen gemacht?« warf der Rittmeister unaufdringlich hin.

»Das gerade nicht«

»Sondern aus Antipathie?«

Poppe nickte.

»Schade! Das würde mich nun reizen, unsere Route erst recht nach dieser Richtung einzuschlagen,« bemerkte Cäsar. »Wenn Sie nicht einen durchaus wichtigen Grund haben, Berlin zu umgehen, überlegen Sie sich wohl die Sache. Natürlich bescheide ich mich wohlerwogenen Gründen,« fügte der Rittmeister hinzu, hinter einem Lächeln den Triumph verbergend, der in seinen Augen glänzte.

»Sie sprachen von einer Reise ab hier direkt über Rußland nach dem Osten –«

»Ganz richtig. So hatte ich meinen Plan entworfen. Bevor wir die Fahrt beginnen, wollen wir die Route gründlich ausarbeiten.«

»Wann komme ich Ihnen hierfür gelegen?«

»Zu jeder Stunde. Ist es Ihnen bequemer, suche auch ich Sie auf, wenn Sie mir Ihre Adresse nennen wollen.«

»Norsköldstraße 48. Doch will ich Sie nicht bemühen –«

»Aber bitte –«

»Wenn Sie erlauben, spreche ich morgen wieder vor.«

»Ganz wie es Ihnen beliebt,« gab sich Cäsar zufrieden.

Man blieb noch eine Weile beisammen sprach von Reisen und anderen Dingen, spielte dann einige Partien Billard, und bei etlichen Flaschen Wein wurde Poppe wärmer. Als er gegen Mitternacht von dem Rittmeister schied, schüttelte er ihm die Rechte wie einem intimen Bekannten.

Befriedigt kehrte Cäsar auf sein Zimmer zurück. Vorsichtig verschloß er die Tür. Dann nahm er ein Taschenschreibzeug und eigenes Schreibmaterial, das er stets bei sich hatte, aus dem Koffer und fertigte noch in der Nacht einen eingehenden Bericht an den Inspektor der Kriminalpolizei Fritz Riechert in Berlin an, couvertierte, adressierte und siegelte das Papier.

Es war spät, als er damit zu Ende kam und sich zur Ruhe legen konnte. Trotzdem war er am Morgen wieder früh auf den Beinen, machte einen Morgenspaziergang und beförderte unauffällig das in der Nacht verfaßte Schreiben in einen Postkasten.

Dann schlenderte er durch die Gassen der Stadt und verfolgte schließlich die Richtung nach der Norsköldstraße .Vor dem Hause Nr. 48 blieb er stehen, musterte es mit einigen scharfen Blicken und trat darauf kurz entschlossen in die Tür.

Ein junges blühendes, nicht unschönes Weib kam ihm auf dem engen Flur entgegen.

»Guten Morgen,« redete er es heiter an. »Herr Poppe schon zu sprechen?«

«Bereits ausgegangen,« erwiderte die Gefragte verdrießlich

»Wie?« tat der Rittmeister erstaunt. »Schon? Potz Wetter! Er wollte mich doch erwarten. Hat er nichts für mich zurückgelassen?«

»Weder für Sie noch für sonst jemand.«

»Vielleicht liegt auf seinem Zimmer eine Zeile –«

»Davon mögen Sie sich selbst überzeugen,« fiel das junge Weib ein und machte eine Bewegung nach einer Tür hin.

Cäsar ließ sich die Gelegenheit, die Behausung Poppes in Augenschein zu nehmen, nicht entgehen, schritt auf die bezeichnete Tür zu und öffnete sie.

Eine nicht besonders wohlriechende Luft strömte ihm entgegen. Schnell überblickte er den Raum. Durch einen dem Eingang gegenüberhängenden Spiegel gewahrte Cäsar das hinter ihm stehende Weib und dessen durch ein Grinsen verzerrtes Gesicht, auf dem die blanke Neugier leuchtete.

»Nichts,« bemerkte der Rittmeister und trat harmlos zurück. »Wollen Sie nicht ein wenig lüften? Man erstickt ja hier, und Herrn Poppes Gesundheit könnte leiden. Ich will Ihnen behilflich sein.«

Das junge Weib schob sich zu einem der Fenster hin und öffnete es.

Cäsar trat an ein zweites Fenster, auf dessen Brett er ein Kästchen entdeckt hatte, stieß mit der Rechten einen Flügel auf, griff blitzschnell mit der Linken nach dem Kästchen und barg es unter seinem weiten Radmantel. Dann schritt er zum Ausgang.

»So. Die Luft war ja entsetzlich. Wann glauben Sie, daß Herr Poppe zurückkehrt?«

»Das weiß ich nicht«

»Geht er denn immer so früh aus?«

»Was kümmert mich das?« lautete die kurzangebundene Antwort.

»Nun, so sagen Sie ihm, daß ich, falls ich ihn nicht treffe, gegen Mittag wiederkommen werde.«

»Von wem soll ich das sagen?«

»Von Rittmeister Cäsar.«

Als er auf die Straße trat, kehrte er sich plötzlich schnell gegen das junge Weib, das eben im Begriff stand, die Tür hinter ihm zu schließen. Wieder lag das Grinsen, gemischt mit Neugier, auf dem üppigen Gesicht.

»Sollte er hier ein neues Verhältnis angeknüpft haben?« fragte sich Cäsar im Davonschreiten. »Zuzutrauen ist es ihm. Und das Weib ist leidlich hübsch. An Zuvorkommenheit wird es ihm nicht, an Entgegenkommen ihr nicht fehlen.«

Gemächlich ging er zu seinem Hotel hinüber und strebte die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

Hier zog er das Kästchen hervor und öffnete es. Es enthielt einen kleinen Revolver. Befriedigt nickte der Rittmeister.

»Ich dachte es mir – für alle Fälle hatte er sich vorgesehen.«

Er nahm die Waffe aus dem Behälter, entlud sie vorsichtig und schloß dann Waffe und Kasten in seinen Handkoffer.

»Diese Vorsicht dürfte notwendig gewesen sein,« murmelte er.

Bald darauf trat er in das Gastzimmer des Hotels. Zu seinem Erstaunen fand er Poppe bereits vor, ihn erwartend.

»So früh auf den Beinen?« begrüßte ihn Cäsar jovial. »Doch warum nicht? Ich bin's ja auch. Denken Sie, ich war bereits bei Ihnen.«

»Bei mir?« fragte Poppe mit sichtbarem Erschrecken.

»Ja,« nickte der Rittmeister, sich zu seinem neuen Freunde sehend. »Ich wollte Sie zu einem Spaziergang aus dem Bett trommeln – ich bin nämlich Frühaufsteher – und erfuhr zu meiner Enttäuschung, daß Sie bereits ausgegangen seien. Also auch Frühaufsteher?«

Der andere versicherte es.

»Unsere Neigungen und Gewohnheiten konzentrieren sich immer mehr,« lächelte der Offizier. »Ganz vortrefflich. Sie wohnen ja ganz in der Nähe. Ihr Haus liegt kaum zweihundert Schritte von hier entfernt. »Na, und übrigens ein appetitliches Weibchen – Ihre Hauswirtin.«

Poppe verzog sein Gesicht zu einem Lächeln. »Frau Helsing kann sich sehen lassen.«

»Frau – so? Ich hielt sie für ein Mädchen und dachte schon, daß Sie –«

»Ich bitte Sie!« fiel ihm Poppe scheinheilig tugendhaft ins Wort. »Ich bin ein Hagestolz und gedenk' es zu bleiben.«

»Was nimmt man sich nicht alles vor! So denkt man und – 'n hübsches Weib wirft mit einem Blick oder Wort berghohe Vorsätze über den Haufen.

Sehen Sie einmal,« begann Cäsar, sich behaglich in seinen Sitz zurücklehnend; er schloß dabei halb die Augen, als sei er in angenehme Erinnerungen versunken, beobachtete jedoch unter dem Schlitz seiner Lider sein Gegenüber mit den Blicken eines Falken – »ich bin auch Junggeselle und mache mir aus den Frauen so viel wie aus 'nem hinkenden Steppengaul – aber es gibt doch Augenblicke, wo alle Gleichgültigkeit wie 'n Kartenhaus zusammenfällt.

Kürzlich kam ich,« fuhr er in leichtem, gewinnendem Plauderton fort, »an meinen Dauerstreifzügen nach Hamburg, um von dort nach Norden zu gelangen.

Ich steige in der Hansastadt in einem Hotel ›Kronprinz von Preußen‹ ab und treffe an der Table d'hote mit einem Weibe zusammen – à la bonheur! Ein Blick genügte! wo mir sonst tausend nichts anhaben können. Ich sag' Ihnen, das war was.

Tiefschwarze Haare wie eine Sizilianerin, flammende Augen wie eine Podolierin, und ein sentimentales Lächeln um den weichgeformten Mund wie eine deutsche Jungfrau im abblühenden Herbstwalde.

Ich war einfach hin und bildete mir einen Tag lang ein, wieder der jüngste Leutnant zu sein. Donnerwetter, das war ein Weib!

Ich hätte es an mich reißen und mit ihm durchgehen mögen. Leider wurde ich durch die Mitteilung abgekühlt – 's war schon mehr ein Sturzbach – daß ich eine verheiratete Frau vor mir hatte, die ihren Gatten erwartete. Sie hieß Lucie Falk.«

Poppe war kreidebleich geworden.

»Kennen Sie zufällig die Dame?«

Puppe verneinte stotternd.

»Ich glaubte schon, weil Sie die Farbe so energisch wechselten,« bemerkte Cäsar.

»Nur ein kleiner Kater von der ungewohnten Kneiperei gestern abend,« redete sich Poppe heraus. Seine Stimme zitterte noch, und atemlose Erwartung klang aus ihr, als er die Frage stellte: »Und was war das Ende Ihrer Hamburger Bekanntschaft?«

»Ihnen scheint wirklich nicht wohl zu sein,« sagte Cäsar besorgt.

»Wirklich nichts von Belang. Daran werde ich mich auf der Reise mit Ihnen schon gewöhnen. Bitte, plaudern Sie nur weiter.«

»Ich bemerkte schon, daß es eine Eintagsneigung war. Die junge Dame, um deretwillen ich die größten Torheiten hätte begehen können, war am nächsten Tage plötzlich abgereist.

Man raunte von einer unfreiwilligen Abreise oder dergleichen. Ich wurde aus der Sache nicht klug, ließ meinen Plan, ihr nachzuspüren, fallen – da sie eben verheiratet war – und setzte meine Reise fort. Das ist alles.«

Cäsar erzählte dies mit der harmlosesten Miene von der Welt, so daß Poppe getäuscht wurde und nichts von der heimlichen Beobachtung des Gegenübers gewahr wurde. Dem Rittmeister entging nicht die geringste Bewegung von Poppes Mienenwechsel und Gebärdenspiel.

»Wer das Glück hat, führt die Braut heim,« sagte dieser mit verzerrtem Lächeln und mit belegter Stimme.

»Stimmt! Und das Glück habe ich eben nicht,« seufzte Cäsar. »Sie auch nicht?«

»Ich sehne mich nicht danach, Herr Rittmeister. Durch die Frauen kommt der Mann in nichts als in Ungelegenheiten.«

»Ei, ei! Das klingt ja wie eine Sprache aus Erfahrung.«

»Weniger Erfahrung, als was man so hört und liest,« wand sich Poppe geschickt heraus; das Thema wechselnd, hub er von neuem an: »Ich kam hierher, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, wenn Sie mir eine solche erlauben.«

»Nur sans façons, lieber Poppe.«

»Ich habe eine kleine Summe, von der ich lebe, in russischen Papieren angelegt. Nun möchte ich gern die Gelegenheit, die mir durch die Stellung bei Ihnen als Ihr Reisebegleiter wird, ausnützen, diese Papiere, die zur Zeit in Rußland in gutem Kurs stehen, bald aber, wie mir ein Bankbeamter im Vertrauen riet, in dessen Hause ich wohne – es ist der Mann jenes jungen Weibes, das Sie dort gesehen haben – sinken dürften, in Russland selbst gegen bar auszuwechseln.

Ich sprach den Beamten noch gestern abend. Als ich nach Hause kam, war er noch auf, und da ich ihm in meiner Freude von meinem Engagement erzählte, machte er mir die vertrauliche Mitteilung.

Wenn es Ihnen recht ist, fahre ich direkt nach Rußland, um mein Geschäft abzuwickeln, und erwarte Sie dort, falls Sie auf dem Umwege über Berlin bestehen.«

»Sie glauben –«

»Die Konjunktur des Kurses ist nur noch in diesen Tagen eine günstige, versicherte der Beamte,« fiel Poppe eifrig ein.

»Ich bitte Sie, wozu bedarf es der vielen Worte und Erklärungen,« kam ihm Cäsar bereitwilligst entgegen, »handeln Sie ganz nach Ihrem Belieben.«

»Ein Seufzer der Erleichterung entpreßte sich dem anderen. »Ich danke Ihnen für diese gütige Rücksichtnahme.« sagte er.

»Bitte, bitte, lieber Poppe. Haben Sie viel von diesen russischen Papieren?«

»Ungefähr 10 000 Rubel –«

»Nur 10 000? Und um solch einer Lappalie willen diese Sorge? Das heißt natürlich Lappalie für mich – in meiner Krösuslage. Für Sie wird ja die Summe von Bedeutung sein. Aber wissen Sie was,« fuhr Cäsar mit einem verstohlenen Blick auf sein Gegenüber fort, »den Quark nehme ich Ihnen ab.«

»Wie? Sie wollten –?«

»Zum vollen Kurspreise, ohne Agio. Warum nicht? Was kommt es mir darauf an, ob ich ein paar lumpige hundert Rubel verliere!

Ganz abgesehen davon, ob wir über Deutschland oder direkt nach Rußland fahren: die Papiere löse ich Ihnen, wenn Sie wollen, aus. So bleibt Ihnen in jedem Falle der Vorteil, daß Sie sie nicht auf der Reise mitzuschleppen brauchen.«

»Das wäre allerdings eine große Erleichterung,« stotterte Poppe, in Gedanken schnell diesen Vorschlag erwägend. Wenn er statt der russischen Papiere bares Geld erhielt, wenn der Rittmeister diese Papiere, die kaum anderwärts als in Rußland umzusetzen waren, da man in anderen Ländern die Nummern kannte, an sich nahm und später irgendwo im fernen Osten des asiatischen Zarenreichs einwechselte, war ihm aus allen Nöten geholfen.

Außerdem brauchte dann Poppe, so hatte der Rittmeister ganz richtig bemerkt, das Geld nicht auf etwaigen gefahrvollen oder doch unsicheren Reiserouten mit sich zu führen, sondern er konnte es bis zu seiner Rückkehr auf einer Bank deponieren.

»Wenn Sie mir diesen Gefallen tun wollten –« stimmte er nach kurzer Ueberlegung zu.

»Gern, gern. Nur nicht so viel Federlesens um solche Bagatelle, lieber Poppe. Schaffen Sie die Papiere her und wir erledigen die Sache kurz und ein für allemal.«

Cäsar bemerkte, daß Poppe seine Freude nicht zu verbergen vermochte; auch ihm schlug das Herz schneller.

»Wünschen Sie, daß ich noch am Vormittag –?« fragte Poppe.

»Halten Sie das, wie Sie wollen; ich mag Ihnen nicht die geringsten Vorschriften machen. Meinetwegen gleich, meinetwegen später oder morgen, übermorgen – wie es Ihnen bequem ist. Und nun reden wir nicht mehr darüber. Die Sache ist erledigt.« Er bot ihm sein Zigarrenetui. »Rauchen Sie eine Pflanzer?«

»Wenn sie nicht allzu kräftig ist – bitte.«

Die Unterhaltung nahm jetzt eine andere Wendung, und bald erhob sich Poppe, voll innerer Unruhe, um doch noch am Vormittage seine Angelegenheit mit den russischen Papieren zu ordnen, wie er fallen ließ.

»Sie bleiben hier?« fragte er den Rittmeister

Dieser nickte zustimmend. »Ich will die Zeitungen durchstudieren,« entgegnete er.

Poppe erhob sich. Er wollte das Eisen schmieden, so lange es warm war.

Die Gelegenheit verpaßt, geht wie eine Wolke vorüber und kommt vielleicht nie so günstig wieder. Ein wahrhaft coulanter, splendider Herr, dieser Rittmeister, dachte er auf dem Wege nach seiner Wohnung.

Er befreit mich von einer großen Sorge – honoriert mich gut, entführt mich, vielleicht auf Jahre hinaus, etwaigen Verfolgern und – wer weiß, was in fernen, fremden Landen noch zu meinen Gunsten geschehen kann! Nicht ein Funke von Argwohn tauchte in seiner freude- und hoffnungstrunkenen Seele auf.

Cäsar blieb lächelnd zurück. »Er geht in die Falle« triumphierte er, nahm ein Journal zur Hand und suchte sich in dessen Inhalt zu vertiefen, ungeduldig auf die Rückkehr Poppes wartend.

Dieser blieb nicht lange aus.

Der Rittmeister tat, als bemerke er dessen Eintritt nicht. Er sah erst auf, als jener, sich räuspernd, vor seinen Tisch trat.

»Ah! Schon zurück?«

»Ich habe die Papiere!« stieß Poppe kurzatmig heraus.

»Schön, schön,« sagte der Rittmeister lässig und streckte langsam die Hand nach dem Päckchen aus, das der andere in der Rechten hielt. »Ich werde Ihnen einen Scheck ausstellen. Wieviel in Summa, lieber Poppe?«

»11 386 Rubel.«

»Gut.« Er zog ein Scheckbuch aus der Tasche

»Wollen Sie nicht nachzählen, Herr Rittmeister?« fragte Poppe mit heißem Atem, ihn schwer hervorblasend.

»Ich vertraue, vertraue Ihnen. Indessen, wenn Sie wünschen –« Cäsar öffnete das Päckchen. »1000 – 1000 – Nr. 65 423, Nr. 65 424 – – das sind die richtigen Nummern der aus der Karl Wolterschen Bank in Berlin gestohlenen Papiere, Herr Ehrenfels!«

Die Wirkung war jäh. Der mit seinem wahren Namen Angeredete wurde bleich wie die Tischdecke vor ihm. Wild griff er nach seinen Papieren.

Cäsar Frank aber kam ihm zuvor und stand plötzlich, den Blick drohend auf ihn gerichtet, mit gänzlich verändertem Wesen und so finsterer Entschlossenheit vor ihm, daß Ehrenfels nur keuchend hervorstoßen konnte: »Meine Papiere!«

»Die sind in Sicherheit,« zischelte es ihm entgegen. »Und jetzt, mein Lieber, verhalten Sie sich still und versuchen Sie mir nicht zu entschlüpfen.«

Dass Gesicht des Überrumpelten färbte sich bläulich vor Wut und Schreck. Blitzschnell griff er nach seinem Hut und stürmte hinaus.

Im nächsten Augenblick stürzte Frank, die Papiere hastig in die Seitentasche schiebend, dem Entflohenen nach und in hurtigen Schritten ging es hinter dem Flüchtigen her, der seiner Wohnung zustrebte, diese vor dem Kommissar erreichte und hinter sich verschloß. Frank rüttelte vergebens an dem Drücker.

Ohne Besinnen zog er einen Bund Dietriche hervor und steckte den Hebel ins Schloß. Es drehte sich. Im Zimmer wurde es lebendig; erschrecktes Hin- und Herstürzen ward hörbar.

»Er sucht den Revolverkasten,« dachte Frank. »Wie gut, daß ich ihn beiseite schaffte.«

Gewaltsam stieß er die Tür auf und stürzte sich im nächsten Augenblick auf Ehrenfels. Ein kurzes Ringen entstand, bei dem der Verfolgte den überlegenen Kräften des gewandten Detektivs unterlag. In wenigen Minuten hatte dieser ihn mit großer Geschicklichkeit geknebelt.

Der Transport nach dem Bahnhof in geschlossenem Wagen geschah unverweilt.

Erst als Frank mit Ehrenfels sicher im Coupé saß, stellte er sich als Geheimpolizist vor.

Der Gefesselte stöhnte ingrimmig auf und stieß eine laute Verwünschung aus. »Wo habe ich meine Augen gehabt! Wo Ueberlegung und Vorsicht?« knirschte er in ohnmächtiger Wut.

»Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht,« lächelte Frank. »Kennen Sie das Sprichwort nicht, Herr Ehrenfels-Kupfer?«

* * *

 

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