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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 13
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Unter einem gewaltigen Andrange des Publikums begann der Prozeß gegen die unter Anklage gestellte Frau Lucie Kupfer wegen Totschlags und Bankeinbruchs bezw. Beihilfe zu diesem und wegen Betruges und Täuschung einer Lebensversicherungsgesellschaft.

Die Verhandlung fand im großen Schwurgerichtssaale der Residenz statt. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Polda, die Anklagebehörde vertrat Staatsanwaltschaftsrat Sittig, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Frommen ein junger, ehrgeiziger Jurist, der bereits einen Ruf hatte.

Kurz vor Eröffnung der Sitzung wurde die Angeklagte durch einen Justizbeamten auf die Anklagebank geführt Nur schwer war in dem bleichen, abgehärmten und vergrämten Wesen Lucies die schöne Tochter Frau Nespers wiederzuerkennen.

Sie hatte eine Zeitlang in der Frauenstation der Krankenabteilung im städtischen Untersuchungsgefängnis Aufnahme finden müssen – so tief hatte sie ihre Gefangennahme durch Frank niedergeschmettert.

Wie in einem Traum sah sie die Vorgänge und ließ die Vernehmungen über sich ergehen; nur ganz allmählich rückte die Gegenwart vor ihre Augen. Schreck, Entsetzen, Hilflosigkeit sprachen aus ihren Blicken.

Bestürzt musterte sie ihre Umgebung, das dichtgedrängte Publikum im Zuschauerraum des großen Saales, die Geschworenen und die Richter, deren Aeußeres schon allein ihr unheimlich vorkam und ihr mehr und mehr Furcht einflößte.

Der Staatsanwalt hatte eine lebensgroße Photographie der im Bankkeller neben Krause tot gefundenen weiblichen Person in der Nähe der Geschworenen aufstellen lassen: das Bild glich so frappant der Angeklagten, die in ihrem eigenen blonden Haar erschienen war, daß man meinte in einen Spiegel zu sehen oder eine Zwillingsschwester der Toten vor sich zu sehn. Nicht eine Linie des Bildes wich von dem Antlitz Luciens ab.

Endlich wurde in die Verhandlung eingetreten.

Der Präsident ging, nach den üblichen Formalitäten, der Konstituierung des Gerichtshofes, der Auslosung der Geschworenen und der Aufrufung der Zeugen, mit der Angeklagten eingehend deren Lebensgeschichte durch.

Lucie antwortete mit erstickter Stimme und verstörtem Gesicht.

Sie bestätigte, daß sie im Elternhause eine sehr gute Erziehung genossen, daß, als ihr Vater gestorben, sie mit ihrer Mutter auf Reisen gegangen sei und sich dann vor einigen Jahren in der Residenz niedergelassen habe.

Hier habe sie den Kassierer der Wolterschen Bank, Bertold Kupfer, kennen gelernt und sich mit ihm vor etwa zwei Jahren vermählt.

«Besaßen Sie Vermögen?« begehrte der Präsident zu wissen.

«Nur äußerst wenig. Was wir besaßen, war bis auf einen kaum nennenswerten Rest aufgezehrt,« erklärte Lucie leise.

»Sie mußten also darauf bedacht sein, einen vermögenden Mann oder doch einen solchen in guter Stellung zu heiraten?«

»Mein Mann hatte eine ausreichende Stellung, und wir verbanden uns aus Liebe.«

»Ihr Mann hatte ebenfalls kein Vermögen?«

»Nein.«

»Sie lebten lediglich von dem Gehalt des Mannes? Mit Ihnen Ihre Mutter?«

Das bestätigte die Angeklagte.

»Reichte das Gehalt für Ihre Bedürfnisse aus?«

»Wir richteten uns ein. Doch mein Mann war damit nicht zufrieden. Er träumte stets von großem Reichtum und –«

»Und trachtete danach?« vollendete der Präsident, als Lucie stockte.

Diese nickte bejahend.

»Sprach er sich aus, auf welche Weise er zu einem solchen Reichtum glaubte kommen zu können?«

»Er sprach von Spekulationen an der Bank, bei der er angestellt war.«

»Bei Karl Wolter. Nahm er solche vor?«

»Ich glaube ja.«

»Sie glückten oder mißlangen?«

»Sie mißlangen.«

»Diese Sucht nach Reichtum trieb ihn nun auf Abwege?«

Die Angeklagte beantwortete diese Frage nicht.

»Wann versicherte Ihr Mann Ihr Leben?«

»Am Tage nach der Hochzeit.«

»Versicherte er nur Ihr Leben oder auch das seine?«

»Ich glaube, nur das meine,« erwiderte Lucie, in sich hineinschluchzend.

»War Ihre Ehe eine zufriedene?«

»Eine glückliche.«

»Erhoben Sie keine höheren Ansprüche an das Leben, als die durch das Gehalt Ihres Mannes beschränkten?«

»Ich lebte bescheiden.«

»Also Ihr Mann allein fügte sich nicht den Verhältnissen?«

»Er war nicht zufrieden.«

»Hatte er Passionen?«

Lucie schüttelte den Kopf.

»Trank, spielte er oder trieb er Ausschweifungen?«

»Nichts von alledem.«

»Es war nichts, als die Sucht nach Reichtum, die ihn auf eine schiefe Ebene stieß?«

»Eine andere Erklärung weiß ich nicht zu geben«

»Was wußten Sie von seinen Plänen?« fragte der Vorsitzende des Gerichtshofs weiter.

»Nur weniges.«

»Teilen Sie uns das wenige mit.«

»Ich weiß nicht –« sagte Lucie zögernd mit einem verzweifelten Blick der Hilflosigkeit.

Sie wußte noch nichts von dem Tode Kupfers, wußte auch nicht, was alles dem Gericht bereits bekannt war, was sie diesem verraten oder verschweigen sollte.

Sie hatte vorhin vergebens nach ihrem Manne im Gerichtssaal und unter den Zeugen ausgespäht und aufgeatmet, als sie ihn nirgends entdeckte.

So hoffte sie, daß es ihm gelungen war, zu entfliehen. Der Gedanke hatte sie ein wenig beruhigt.

Die Fragen des Präsidenten verwirrten sie wieder. Wie weit sollte sie in ihrem Geständnis gehen? Durfte für Kupfer etwas Belastendes aus ihrem Munde kommen?

Doch vielleicht schadete ihm ihre Aussage nichts, wenn er in Sicherheit war, und ihr nützte sie für die Zukunft.

»Antworten Sie offen und der Wahrheit gemäß,« warnte sie der Präsident, »Sie verschlimmern nur Ihre Lage durch etwaige Verstrickungen von Lügen und Ausflüchten. Nur die volle Wahrheit kann Sie der Milde des Gerichtshofs anempfehlen. Hat Ihr Mann den Einbruch in die Woltersche Bank geplant?«

»Ja,« erwiderte Lucie eingeschüchtert, unter großer Bewegung des Auditoriums.

»Berichten Sie uns genau, was Sie von diesem Plane wissen und wie er zur Ausführung kommen sollte.«

»Mein Mann wußte, daß sich anfangs Mai dieses Jahres eine bedeutende Summe in der Stahlkammer der Bank befand.

Er sagte mir davon und auch, daß er vorhabe, sich damit zu bereichern. Anfangs wehrte ich mich, von diesem Vorhaben etwas wissen zu wollen, doch Bertold war so fest, er beharrte so konsequent auf seinem Willen, daß ich ihn davon nicht abzubringen vermochte. So fügte ich mich nach langem Kampf und ließ ihn gewähren.«

»Ohne Beihilfe Ihrerseits?«

»Ich habe mit der Ausführung des Planes nichts zu tun gehabt.«

»Weshalb flüchteten Sie?«

»Um unauffällig später mit meinem Manne zusammenzutreffen und ins Ausland zu gehen.«

»In welcher Weise sollten Sie die Flucht ausführen?«

»Ich sollte die Nacht, in der mein Mann seinen Plan in die Tat umsetzte, bei meiner Mutter zubringen –«

»Sie waren am Abend des 4. Mai mit Ihrer Mutter in der Oper gewesen?«

»Ja. Hier zeigte ich mich meinen Bekannten zum letzten Male.«

»Was geschah dann?«

»Ich fuhr mit meiner Mutter nach deren Wohnung.«

»Ihre Mutter hatte, trotzdem sie von Ihrem Manne unterhalten wurde, eine eigene Wohnung?«

Die Angeklagte bestätigte das.

»Weshalb?«

»Mein Mann wünschte es so und meine Mutter war um so eher damit einverstanden, als sie an Abhängigkeit nicht gewöhnt war. Sie zog nach der Vorstadt, wo die Wohnungen billiger sind als im Zentrum, in dem wir wohnten.«

»Wie groß war die Wohnung Ihrer Mutter?«

»Sie hatte drei Zimmer und Zubehör.«

»Es ist doch eigentümlich, daß Ihre Mutter Ihnen in ihrer Wohnung ein Zimmer eingerichtet hatte,« bemerkte der Präsident.

»Ich liebte das Theater, wohin ich mit meiner Mutter öfters ging, während sich mein Mann aus dem Theater gar nichts machte, sondern lieber seinen Klub aufsuchte, und nach diesen Abenden blieb ich bei meiner Mutter über Nacht. Darum hatte sie mir ein Zimmer eingerichtet, ganz so, wie ich es als Mädchen besaß.«

»Ihre Ehe scheint demnach nicht gerade die mustergültigste gewesen zu sein – entgegen Ihrer Behauptung. Junge Ehegatten, die aus Neigung eine Verbindung eingegangen sind, pflegen doch nicht schon im ersten oder zweiten Jahre ihrer Ehe die Abende und Nächte getrennt voneinander zuzubringen,« warf der Präsident ein. »Die Eheverhältnisse können, hiernach zu schließen, unmöglich die innigsten gewesen sein.«

»Doch, Herr Präsident,« entgegnete Lucie mit gequältem Blick und gepreßtem Ton. »Der Besuch des Theaters und der Aufenthalt bei meiner Mutter taten unserem Verhältnis keinen Abbruch.«

»Erzählen Sie weiter. Sie fuhren am Abend des 4. Mai nach Schluß der Oper mit Ihrer Mutter nach deren Wohnung und – betraten diese auch?«

»Ja. Ich hielt mich die ganze Nacht dort auf und betrieb dann meine Vorbereitungen zur Flucht.«

»Für den Fall, daß die Ausführung des Einbruchs glückte oder mißlang?«

»Für beide Fälle. Mein Mann wünschte, daß es heißen sollte, ich hätte meine Mutter nach Schluß des Theaters verlassen, sei allein nach Hause gefahren und hier nicht angekommen. Er wollte mich als vermißt der Behörde melden.«

»Aus welchem Grunde?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte Lucie zögernd. Es kam kaum hörbar über ihre Lippen.

»Sie wollen uns täuschen, Frau Kupfer,« fuhr sie der Präsident hart an und blickte ihr scharf in die Augen. »Nennen Sie uns ohne Bedenken den Grund, wenn Sie Ihre Lage nicht noch mehr gefährden wollen.«

»Mein Mann ließ sich nicht bestimmt darüber aus –«

»Reden Sie uns doch nichts vor. Glauben Sie durch Verschleierungen die Anklage zu entkräften? Glauben Sie damit, jemandem zu dienen? Ich wiederhole, daß Sie sich nur schaden. Sprechen Sie, ich fordere Sie noch einmal auf, die lautere Wahrheit.«

»Ich glaube, mein Mann wollte mich für tot erklären lassen,« gestand Lucie mit leiser Stimme, »und die Lebensversicherungssumme, die auf meinen Namen lautete, einziehen, um sie ins Ausland zu retten.«

»War diese Absicht Ihnen nicht klar?«

»Klar darüber nachgedacht habe ich nicht mehr, nachdem ich meinen Widerstand, meinen Mann von Abwegen abzubringen, einmal aufgegeben hatte.«

»Was geschah nun am Morgen des 5. Mai?« forschte der Vorsitzende des Gerichtssaales weiter.

»Ich hatte mich durch eine schwarzfarbige Perücke unkenntlich gemacht. Auf eine Nachricht meines Mannes wartend, mußte ich mich bereit halten, mit dem Mittagszuge die Stadt zu verlassen. Das geschah denn auch.«

»Erlauben Sie, auf was für eine Nachricht sollten Sie warten?«

»Ob ich reisen sollte.«

»Das war nicht bestimmt? Wovon hing das ab?«

»Davon, ob Bertold bei seinen Ausführungen überrascht worden war oder nicht. Wenn die Ausführung glückte und ihm nichts nachzuweisen war, sollte ich allein reisen und in Hamburg auf sein Nachkommen warten; auch wenn die Ausführung mißglückte, auf ihn aber kein Verdacht fiel, sollte ich allein fort: nur wenn er entdeckt war und flüchten mußte, wollten wir gemeinschaftlich den Zug benutzen.«

»Danach war es doch immerhin als bestimmt zu bezeichnen, daß Sie reisen sollten?«

»Die erwartete Nachricht erhielten Sie?«

»Ja.«

»Wie lautete sie?«

»Mißglückt. Halte Dich zur Abreise bereit. Bin gegen elf Uhr bei Dir.«

»Wenn ging Ihnen die Nachricht zu?«

»Frühmorgens.«

»Sie erwarteten danach Ihren Mann?«

Lucie bejahte die Frage.

»Was erklärte er Ihnen?«

»Er war in großer Eile und Erregung und trieb mich zum schleunigsten Verlassen des Hauses an. Auf meine Fragen antwortete er ausweichend, so daß ich aus ihm nicht herausbekam, wie die Sache verlaufen, wie sie mißglückt war.«

»Um welche Zeit war er bei Ihnen?«

»Wenige Minuten vor elf Uhr.«

»Da sagte er Ihnen, daß der Einbruch mißlungen war?«

»Er sprach das zu Ihnen in vernehmbaren Worten aus?«

Lucie stutzte bei der Frage. Sie konnte sie nicht verneinen.

»Er sprach also, trotzdem er um neun Uhr die Sprache verloren und sie – scheinbar – nicht wiedergefunden hatte.«

Eine große Bewegung entstand im Saale.

»Aeußern Sie sich darüber, Angeklagte,« forderte der Präsident

Lucie war so verwirrt, daß ihr die Worte fehlten. Sie rang nach Atem.

»Nun? Sie wissen genau, daß sich Ihr Mann nicht mit Zeichen oder schriftlich Ihnen verständlich machte, sondern daß er, wie vor dieser Nacht vom 4. zum 5. Mai, sprach wie jeder andere Mensch?«

»Er sprach zu mir,« bekannte die Angeklagte mit schwacher Stimme wie in einem Ohnmachtsanfall

»Kupfer gab Ihnen keine näheren Aufklärungen? Ueber nichts, was geschehen?«

»Nein, Herr Präsident. Er sagte nur, als ich ihn fragte: Später, später. Der junge Krause fiel seinem Diensteifer zum Opfer – das Eindringen in die Stahlkammer ist mißlungen; die Gefahr der Entdeckung lag zu nahe. Frage nicht. In Hamburg wirft Du alles erfahren.«

»Sonst sagte er nichts?«

»Nichts weiter.«

»Sie sollten nun unerkannt fort und fuhren auch?«

»Nach Hamburg. Dort logierte ich mich in dem Hotel Kronprinz von Preußen ein, wo ich meinen Mann erwarten sollte. Er kam indessen nicht. Statt seiner – der Herr, der mich verhaftete.«

»Sonst haben Sie uns nichts zu sagen?«

Lucie schüttelte den Kopf. »Nichts.«

»Besinnen Sie sich,« forderte sie der Vorsitzende des Gerichtshofs auf. »Kannten Sie eine junge Dame, die Ihnen wie eine Zwillingsschwester glich?«

»Nein.«

»Sie haben auch nie von einer solchen gehört?«

Lucie verneinte matt.

Der Präsident ließ durch einen Gerichtsdiener das vor den Geschworenen stehende, der Angeklagten die Rückseite zugewandte Porträt vor Lucie stellen.

»Dies ist das Bild der jungen Dame, von der ich spreche. Sie kannten sie nicht, Angeklagte?«

Die Gefragte starrte verstörten Blickes auf das Bild. Das war ihr Antlitz, ihr Auge, das waren ihre Züge, ihre Stirn, ihre Haare.

»Das bin ich selbst, Herr Präsident,« stammelte Lucie.

»Diese Dame ist neben dem, dem Einbrecher zum Opfer gefallenen jungen Krause als Leiche gefunden worden – ist Ihnen das auch nicht bekannt?«

Lucie sah entgeistert zu dem Präsidenten hinüber. Ein unartikulierter Laut floß von ihren Lippen, dann sank ihr Haupt zurück, die Augen schlossen sich, und ohnmächtig fiel Lucie auf ihren Sitz zurück.

Der Gerichtsdiener brachte, nachdem er auf Geheiß des Präsidenten das Bild wieder an seinen alten Platz vor die Geschworenen gestellt, ein Glas Wasser und bemühte sich um die Umgesunkene.

Nach einer Weile schlug diese die Augen wieder auf. Der Gerichtsdiener unterstützte sie, daß sie sich wieder erheben konnte.

Sie sah verwundert um sich, doch nur zu schnell kam ihr das Bewußtsein für ihre Umgebung zurück.

»Angeklagte,« sprach sie der Präsident nach einer kleinen Pause nochmals an, »antworten Sie mir: sind Sie der Dame, deren Bild wir Ihnen vorhin zeigten, das Sie für das Ihre hielten, jemals in Ihrem Leben begegnet? Besinnen Sie sich – ich lasse Ihnen Zeit.«

»Nein,« stieß Lucie keuchend und verzweifelt hervor. »Ich kenne sie nicht – habe sie nie gesehen. Ich weiß von nichts.«

»Was glauben Sie wohl, wo Ihr Mann jetzt weilen mag?«

»Da ich ihn hier nicht anwesend gefunden, dürfte er ins Ausland geflüchtet sein.«

»Das glauben Sie?«

»Ich muß es wohl annehmen.«

»Ohne Sie?«

»Er wird auf die Nachricht von meiner Verhaftung geflohen sein.«

Der Präsident sah fragend zu dem Staatsanwalt hinüber, ob er der Angeklagten Mitteilung von dem Selbstmord Kupfers machen sollte; der Staatsanwalt riet, ebenfalls mit stummem Blick, diese Mitteilung noch aufzuschieben. Er rechnete im Laufe der Verhandlung mit günstigeren Aufschlüssen, wenn Lucie in dem Glauben belassen wurde, Kupfer lebe und habe sich einer Verantwortung durch heimliche Flucht entzogen. Der Vorsitzende des Gerichtshofes schien diese Meinung zu teilen.

Er verfügte die Beweisaufnahme.

Zunächst mußte die Mutter der Angeklagten, Frau Amalie Nesper, vor die Zeugenschranke treten.

Nach Feststellung der Personalien wurde die Zeugin darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihre Aussagen wegen des nahen verwandtschaftlichen Verhältnisses zur Angeklagten verweigern könne.

Frau Nesper machte zur großen Enttäuschung des Auditoriums hiervon Gebrauch.

Darauf wurde das bei Frau Nesper bedienstete Mädchen vorgerufen. Es gab an, daß es Minna Klein heiße, achtzehn Jahre alt sei und seit Oktober vorigen Jahres bei Frau Nesper als Mädchen für alles diene.

»Kennen Sie die Angeklagte?«

»Aber ja. Das ist doch die Tochter meiner Gnädigen,« lautete die freudige Antwort.

»Hat Frau Kupfer während ihrer Ehe öfters die Nacht bei ihrer Mutter zugebracht?«

»Zuweilen – ja.«

»Wie oft etwa?«

»Das hab' ich nicht gezählt«

»So ungefähr natürlich. War es zwei bis drei Mal oder ein Dutzend oder mehr?«

»Es kann ein Dutzend mal, auch eins drüber gewesen sein.«

»Besuchte der Mann der Angeklagten, Kassierer Kupfer, seine Schwiegermutter öfters?«

»Ja – er stand ja auf gutem Fuß mit ihr. Er kam recht häufig.«

»Wie wissen Sie, daß er mit seiner Schwiegermutter gut stand?«

»Weil er ein prächtiger Mensch war, gegen den wir nichts einzuwenden hatten,« gab Minna unter dem Amüsement des Publikums in ihrer naiven Art bereitwilligst die verlangte Auskunft.

»War das Verhältnis mit seiner Frau ein ebenso einwandloses?«

»Sie lebten wie zwei Dachshundfreunde.«

»Wie kommen Sie auf den Vergleich?«

»Der Herr Förster meines Vaters zu Hause, der hat ein paar Dachshunde, Hans und Schniefke genannt; die leben, daß es eine Freude ist, mitanzusehen,« erklärte das Mädchen. »Wo der eine ist, da ist der andere, wenn der eine frißt, frißt der zweite, und wenn Hans schläft, dann schläft auch Schniefke. Sie sind ein Muster von Eintracht, sagt der Herr Förster meines Vaters. Und so ist es auch hier mit dem Herrn Kassierer und seiner Frau.«

»Von einer Eintracht kann doch hier nicht die Rede sein, wenn die Frau die Nächte bei ihrer Mutter, fern von ihrem Manne, zubringt. Ihr Vergleich ist nicht zutreffend.«

»Na, das ist Ansichtssache, Herr Richter – eine Nacht bei Muttern stört doch die Eintracht von Mann und Frau nicht,« gab Minna als Antwort. Eine laute Lachsalve folgte ihren Worten.

»Besinnen Sie sich auf das, was im Hause Ihrer Brotherrin am 4. und 5. Mai dieses Jahres geschehen ist?«

»Ganz deutlich. Am 4. war ich gar nicht da –«

Schallendes Gelächter unterbrach die Worte des Mädchens.

Diese sah sich verdutzt um, denn es war sich keiner Inkorrektheit ihrer Antwort bewußt.

»Wo waren Sie am 4. Mai?«

»Zu Hause beim Vater auf Urlaub.«

»Hatten Sie diesen erbeten oder war Ihnen anheimgegeben, eine Reise zu Ihrem Vater in jener Zeit vornehmen zu dürfen?«

»Halb wollt' ich's, halb kam mir die Gnädige entgegen.«

»Wieso?«

»Vaterns Geburtstag war.«

»So. Weiter.«

»Ich kam erst am 5. mit der Kleinbahn um elf Uhr vormittags, oder so um die Zeit herum, zurück.«

»Wen fanden Sie da in der Wohnung Frau Nespers?«

»Na – die gnädige Frau –«

»Frau Nesper oder Frau Kupfer?«

»Die erstere. Und dann sah ich, als ich mich noch nicht ganz verpustet hatte, durch die Türritz' den Herrn Kassierer 'rausgehn. Der ging gerade weg. Sonst sah ich keinen.«

»Sprachen Sie den Mann der Angeklagten?«

»Ich hätte ihn gern gesprochen, denn ich wollte ihm ›Guten Tag‹ sagen, aber ehe ich noch die Türritz' verbreitern konnte, war er längst über alle Berge«

»Er hatte also Eile?«

»Da er so fix war, wird er wohl Eile gehabt haben. Fragen konnte ich ihn nicht«

»War die Angeklagte im Hause?«

»Das weiß ich nicht. Gesehen habe ich sie nicht,« erklärte Minna. »Vielleicht war sie da, vielleicht auch nicht. Schwören kann ich's nicht, aber gesehen hab' ich sie nicht«

»Haben Sie eine Ahnung von dem, wessen man Frau Kupfer beschuldigt?« fragte der Vorsitzende des Gerichtshofes.

»Nein. Aber ich möcht' es gern wissen,« kam es wieder naiv heraus und veranlaßte von neuem Heiterkeit im Saal.

In diesem Augenblick trat ein Gerichtsdiener in den Saal und überbrachte dem Präsidenten eine Depesche. Gleichmütig öffnete dieser das Blatt und las es. Etwas erregt erhob er sich.

»Wir wollen eine Pause von zehn Minuten eintreten lassen,« sagte er. »Der Gerichtshof wird sich zu einer Beschlußfassung zurückziehen, die infolge dieses mir eben zugegangenen Telegramms notwendig geworden ist.«

Er verließ mit den Richtern den Saal.

Die Minuten schlichen langsam, für die Angeklagte qualvoll dahin. Man riet hin und her, was wohl der Inhalt der Depesche sein könne und lauschte gespannt dem Präsidenten, als er, von den Richtern gefolgt, endlich wieder auf seinen Platz zurückkehrte, hier stehen blieb und die Mitteilung machte:

»Eure wichtige Nachricht hat den Gerichtshof beschließen lassen, die Verhandlung gegen die Angeklagte Lucie Kupfer auszusetzen und bis auf einen, in nächster Zeit noch zu bestimmenden Termin aufzuschieben. Die Angeklagte wird in Haft behalten. Ich schließe die Verhandlung«

Mit herber Enttäuschung verließ das Publikum den Saal.

Lucie Kupfer sank, in ihre Zelle zurückgeführt, erschöpft zusammen und vergrub ihr Gesicht in beide Hände.

»Sie werden ihn festgenommen haben!« stöhnte sie, und helle Tränen rannen über ihre Wangen. »Sie werden ihn festgenommen haben!«

* * *

 

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