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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 11
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Die Fahrt ging durch die Schweiz.

Der klarste, blaueste Himmel lachte über der wundersamen Gebirgswelt, nicht das kleinste Nebelwölkchen verdeckte sie; fast geblendet waren die Reisenden von der strahlenden Pracht der Gipfel ringsumher.

Mit großer Schärfe hob sich jede einzelne Spitze gegen den Himmel ab und spiegelte sich in den Seen.

Die Sonnenstrahlen trieben über dem allen ihr Wesen in flimmerndem Spiel.

Aber selbst diese schöne Welt machte auf Wanda keinen Eindruck.

Sie sah mitleiderregend aus. Ihre Gesichtsfarbe war blaß, dunkle Schatten lagen unter ihren großen Augen. Mehr, als es für ihre Ruhe gut tat, hing sie schweifenden Gedanken nach.

Wie ein Grab lag ihr zukünftiges Leben vor ihr, so dünkte es sie.

Ein Grab, das sie sich selbst gegraben und in dem sie ihre goldenen Mädchenträume, ihre ganze lange Zukunft begraben hatte.

Wie oft barg sie, heimlich aufschluchzend, ihr Antlitz in ihrem seidenen, mit Spitzen besetzten Taschentuche.

Ehrenfels beobachtete sie, doch tat er, als sähe er nichts. Kein Wort des Trostes oder des Mitleids kam über seine Lippen.

Quer durch das nördliche Italien ging es ohne Aufenthalt über Turin, nach dem südlichen Frankreich an das Ligurische Meer bis Nizza.

Hier sollte eine längere Rast gemacht werden; hierher sollten auch Briefe von Tante Lisbeth dem Paare nachgeschickt werden; hier erwartete Wanda mit heißerregender Sehnsucht irgend eine Nachricht von Ingenieur Willy Bock.

Meistens sich selbst überlassen, da Ehrenfels gleich am Morgen nach Monaco hinüberfuhr, um hier sein Glück am Roulettetisch zu versuchen, hatte Wanda Zeit, ihr inneres Gleichgewicht allmählich wiederherzustellen.

Die internationale Gesellschaft in Nizza bot viel Abwechslung und lockte die junge Frau auf den Balkon ihres Hotels, wo sie stundenlang sitzen konnte, um in das bunte Gewühl hinabzusehen.

Dies lenkte die Sinne Wandas der Gegenwart und Alltäglichkeit zu und machte sie ruhiger.

Am zweiten Tage ihres Aufenthaltes am Ligurischen Meeresgestade sollte indessen die halbwegs gewonnene Fassung jäh abgerissen werden.

Die Post brachte einige Briefe aus der Heimat, darunter auch einen solchen von Tante Lisbeth, in dem diese schrieb, daß Ingenieur Bock seit dem Sonnabend vor Wandas Eheschließung spurlos verschwunden sei.

Die Mitteilung lähmte in den ersten Minuten die Sinne der jungen Frau.

Willy spurlos verschwunden? Seit dem Sonnabend, an dem er nach Ehrenfels fahren wollte?

Darum war er nicht gekommen! Aber was konnte mit ihm geschehen sein?

»Grundgütiger Himmel! Wenn er bei Ehrenfels gewesen – mit diesem in Streit geraten – von ihm niedergeschossen und gar beiseite geschafft worden war?«

Ein kreischender Aufschrei gellte durchs Zimmer. Wie kam sie auf einen solchen Gedanken?

Wie konnte sie ihren Mann auch nur in Gedanken einer solchen Tat bezichtigen?

»Nein! Nein! Nein! Barmherziger Gott! Das ist nicht möglich! Nicht denkbar! Und – und dennoch dachte ich es! Er ist ja verschwunden! Spurlos verschwunden!« Sie stöhnte in unüberwindlichem Grauen auf.

»Was tu' ich? Bruno fragen? Ob er –? Nein, das geht nicht. Seine Antwort würde mich doch nie befriedigen können, gleichviel, ob er etwas von dem Verbleib Willys weiß oder nicht. Weiß er darum, wird er's nicht sagen. Was tun?

Fort!« keuchte sie. »Ich muß zurück – auf dem Gut Nachforschungen halten – auf dem Gut –!«

Hier hafteten ihre Gedanken und schnell war ihr Entschluß gefaßt.

Hastig raffte sie ihre Sachen und Kleinodien zusammen, warf sie in einen Handkoffer und befahl dem Portier des Hotels, einen Wagen zur Bahn herbeizuschaffen

Sie war so erregt und von ihrem Entschluß eingenommen, daß sie nicht einmal daran dachte, eine Zeile der Aufklärung an ihren Mann zurückzulassen. Mit dem nächsten Schnellzuge dampfte sie gen Norden.

Sie zählte die Stunden und Minuten bis zu ihrer Ankunft in der Residenz. Noch niemals war ihr eine Fahrt so lang vorgekommen als diese, selbst die Reise mit Ehrenfels nach dem Süden nicht, wo sie sich doch auch nicht in ruhiger Verfassung befand.

Und doch erreichte sie sehr schnell die Heimat. Die Landschaften ergaben nur ein flüchtiges Bild, das sich ihrer Phantasie nicht einprägte und das Herz nicht beschäftigte. Dies Herz so wund, so leidend, daß es nicht imstande war, Eindrücke in sich aufzunehmen.

Endlich fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Wanda war eine der ersten, die den Zug verließen.

Hurtig eilte sie nach dem Droschkenhalteplatz und befahl, sie nach dem Polizeipräsidium zu fahren.

Verwundert sah der Kutscher sie an und kopfschüttelnd setzte er seinen Gaul in Trab.

Im Präsidium erkundigte sich Wanda zunächst, ob der Ingenieur wieder zurück sei.

Als sie eine verneinende Antwort erhielt, ließ sie sich zu dem Chef der Kriminalabteilung führen und bat diesen, ihr einen bewährten Detektiv mitzugeben; sie hoffe den Aufenthalt des verschwundenen Ingenieurs eruieren zu können.

Inspektor Riechert gab ihr Frank mit und mit diesem machte sie sich, ohne ihre Tante aufgesucht zu haben, auf die Fahrt nach dem Gute Ehrenfels.

Auf der Bahn suchte Frank ein Gespräch mit der jungen Frau anzuknüpfen, um sich genauer informieren zu können, doch Wanda war wortkarg und sprach nur das Notwendigste. Erst als sie ein mit starkknochigen Rappen bespannter Wagen von der Station Neuhof nach dem Gute fuhr, wurde die junge Frau gesprächiger.

Alles das, was sie in den letzten Tagen erlebt, kam ihr wie ein wirrer, vielgestaltiger Traum vor.

Und nun wurde es ihr plötzlich Bedürfnis, alles das, was sie gequält und noch peinigte, dem auf dem Wagen neben ihr sitzenden Manne anzuvertrauen, der ihr helfen sollte, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen.

Denn daß hier ein Verbrechen vorlag, das hatte sich immer sicherer in ihr festgesetzt.

»Vorläufig sind das nichts als Vermutungen,« begütigte sie der Detektiv. »Es ist ein bloßer Gedanke und die Tat dürfte weit davon entfernt sein.

Ihr Mann wird doch schwerlich einen Mord oder Totschlag begangen haben, seelenruhig zu Ihnen reisen und ein Ehebündnis schließen Ich habe wohl schon vieles in meinem Amte kennen gelernt, aber dergleichen noch nicht. Die Sache wird sich glücklich aufklären.«

Er sprach die Worte mehr zu ihrer Beruhigung als aus innerer Ueberzeugung. Was kann durch die Leidenschaften der Menschen nicht alles geschehen!

»Ich habe nichts, als mein Gefühl – meine Ahnung, die mich nach Ehrenfels treibt,« warf Wanda zuversichtlich ein.

»Wir werden sehen, Frau Ehrenfels. Kennen Sie das Gut?«

»Nur nach den Beschreibungen meines Mannes.« Sie zeichnete ihm das Bild nach den Schilderungen, die sie von ihrem Manne erhalten hatte.

Der Kommissar schwieg eine Weile und sann nach.

Endlich sagte er: »Ich kenne wohl auch diesen Teil der Provinz, erinnere mich jedoch beim besten Willen nicht, ein derartiges Märchenschloß gesehen zu haben. Ihr Mann hat jedenfalls stark übertrieben oder es muß ein versteckt liegender Neubau sein.«

»Im Gegenteil, mein Mann beschrieb mir das Gutsgebäude als einen zwar nicht alten, aber doch älteren Bau.«

»Hm!« machte Frank.

Der Rest der Fahrt wurde wieder schweigend zurückgelegt.

Erst als das »Gut« in Sieht kam, unterbrach der Detektiv die Stille.

Er kehrte sich an den Kutscher und erkundigte sich, nach dem Hause hinüberdeutend:

»Wie heißt jenes Gebäude?«

»Das?« fragte der Kutscher verwundert. »Na, das ist doch Ehrenfels, wo Sie hin wollen.«

»Das da?« kam es aus Wandas und Franks Munde zu gleicher Zeit.

Der Kutscher nickte. »Stimmt schon. Das ist Ehrenfels – einen anderen Ort gleichen Namens gibt es in der Gegend nicht. Es ist eine alte Bude, in der die Eulen und Spatzen Gevatter spielen, wenn der Wind zum Tanz aufbläst.«

Wanda sah sprachlos den Kommissar an. »Nicht möglich!« entrang es sich endlich von ihren Lippen. »Das kann unmöglich der Wunderbau sein, von dem Ehrenfels mir vorgeschwärmt hat. Der Kutscher muß sich täuschen.«

»Es wird schon so sein,« meinte Frank. »Ich dachte es mir.«

Wanda drohte der Pulsschlag zu stocken. Sie preßte die Lippen fest aufeinander, stieß den Atem laut durch die Nase und sah alles mit fremden Augen fremd an.

»Wenn Ehrenfels mich so betrügen konnte, dann –«

Gleich darauf hielten sie vor den ausgetretenen Stufen des Eingangs.

Der Detektiv sprang von seinem Sitz und half der jungen Frau vom Wagen, hieß den Kutscher warten und schritt auf die Tür zu.

Sie war verschlossen. Da sich auf mehrmaliges Klopfen nichts hören ließ, stieß sie Wandas Begleiter mit einer geringen Kraftanstrengung ein, betrat, von der jungen Frau gefolgt, den Flur, öffnete die rechts liegende, unverschlossen gebliebene Tür zu dem dreifenstrigen Zimmer und überschritt die Schwelle.

»Alles leer,« sagte Wanda enttäuscht und dennoch mit behenden Lippen aufatmend.

Sie hatte geglaubt und zugleich gefürchtet, hier etwas Unnatürliches zu finden.

Wenn sich ihr Mann eines Verbrechens nicht schuldig gemacht, konnte das ihr Herz nur erleichtern.

»Wir müssen das ganze Haus durchsuchen,« erklärte Frank. »Dort ist eine Tür.«

Er begab sich zu ihr und fand, daß sie verschlossen war.

»Vielleicht hinter dieser –«

»Still!« gebot der Kommissar, die Worte Wandas jäh unterbrechend. »Mir war's, als hörte ich einen Laut – einen Seufzer.«

»Um aller Barmherzigkeit willen!« flüsterte die junge Frau, kaum hörbar.

Der Geheimpolizist klopfte an die Eichenplatte und horchte.

Abermals ließ sich ein Laut wie Stöhnen vernehmen.

»Hinter dieser Tür steckt jemand,« sagte Frank bestimmt; »Mensch oder Tier. Gleichviel – wir müssen die Tür öffnen.«

Er probierte einige Dietriche, die er hervorzog – er stemmte sich gegen die Eichenplatte, doch ohne Erfolg.

Vergebens sah er sich nach einem Hebel um, der ihm als Brecher hätte dienen können. Nirgends war etwas zu entdecken.

Hurtig trat er ans Fenster und rief den Kutscher. »Binden Sie die Pferde an den nächsten Baum und kommen Sie herein.«

Der Kutscher folgte dem Befehl, und als er hörte, um was es sich handelte, rüttelte er an der Tür.

Dann warf er sich im Verein mit dem Detektiv, alle Kräfte zusammenspannend, gegen die Eichenplatte – das Schloß gab nach und krachend flog die Tür auf.

Ein tiefes Stöhnen empfing die Eindringenden. Auf dem Bette lag bleich und abgezehrt eine männliche Gestalt, die sich nicht zu erheben vermochte.

Wanda folgte in verzehrender Angst den beiden Männern. Tiefaufatmend blieb sie einen Augenblick an der Schwelle haften.

Doch kaum hatte sie die auf dem Bett liegende Gestalt ins Auge gefaßt, da stürzte sie mit dem Ausruf: »Willy!« auf diese zu und warf sich über sie, sie mit beiden Händen umschlingend.

Der Detektiv winkte dem Kutscher, den Raum zu verlassen und sich mit ihm im Hause umzusehen, ob sich irgend etwas Stärkendes für den Kranken finden ließe. Doch Küche, Keller und Zimmer waren leer.

»Ich hab' einen Kognak auf dem Wagen,« meinte der Kutscher, »vielleicht hilft 'n Schluck –«

»Holen Sie ihn,« sagte Frank.

Als der Kutscher hinausgegangen war, schaute sich Frank in dem Zimmer, wo er stand, um.

Es fiel ihm nichts Besonderes auf. Der Schrank, den er öffnete, war leer – nur eine Schublade der Kommode enthielt allerlei wertlose Sachen.

Frank sah sie sorgfältig durch und entdeckte unter ihnen ein winziges Knäuel dunkelbrauner Barthaare, einige Schminkstiftreste und zwei oder drei Briefe, die er in seiner Brusttasche barg.

Der Kutscher kam mit einer halbgefüllten Flasche zurück. Frank nahm sie ihm ab und ging in den engen Raum, wo sich die abgezehrte Gestalt des Ingenieurs und Wanda befand.

Er reichte dem Schmachtenden, der verständnislos auf die vor seinem Bett Knieende starrte, die Flasche an den Mund und ließ ihn einige Schluck daraus nehmen, und nach einer Pause noch einmal. Das erfrischte den jungen Mann.

Frank bat Wanda, sich zu erheben. Sie tat es, setzte sich auf den Rand des Bettes und behielt die hagere Rechte des Jugendfreundes zwischen ihren Händen.

Dann begann der Kommissar vorsichtig einige Fragen zu stellen.

»Man hatte Sie wider Ihren Willen hier eingeschlossen?« wollte er wissen.

»Seit nahezu acht Tagen oder sind es schon mehr?« flüsterte der Gefragte mit erloschener Stimme.

»Wer tat es?«

»Ehrenfels.«

Wanda stöhnte in sich hinein.

»Er hat Sie dem Hungertode preisgeben wollen? Aus welchem Grunde?«

Willy machte eine Bewegung, die den Detektiv bat, ein weiteres Verhör einzustellen, da er sich zum Sprechen vorläufig zu schwach fühle.

»Würden Sie mit meiner und des Kutschers Hilfe den vor der Tür haltenden Wagen besteigen können?« erkundigte sich Frank.

Der Ingenieur schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Hier im Hause und in der Nähe ist keine Hilfe, nichts, was Ihnen Stärkung verschaffen könnte,« erklärte der Kommissar. »Sie müssen in den Wagen. Ich will den Kutscher rufen – wenn nicht anders, werden wir Sie tragen.«

Es kostete einige Mühe, den dem Tode nahezu Verfallenen auf den Wagen zu heben.

Endlich gelang es. Einige Kissen unterstützten ihn, Wanda nahm den Platz neben ihm ein, der Kommissar stieg zum Kutscher und langsam ging die Fahrt nach dem Bahnhof zurück.

Die frische Luft und eine Tasse Fleischbrühe im Bahnrestaurant hoben die Kräfte Willys so weit, daß er mit Hilfe Franks und des Kutschers den Zug besteigen konnte, der ihn nach zehn qualvoll verlebten Tagen und Nächten an der Seite Wandas in die Residenz zurückführte.

Die liebevollste Pflege der jungen Frau, die nicht von seiner Seite wich, brachte den Ingenieur, durch seine Jugend und Elastizität unterstützt, bald wieder auf die Füße, und erst dann begann das bis dahin nur abgebrochen Mitgeteilte und dem ihn verhörenden Polizeibeamten Gebeichtete zusammenhängende Formen anzunehmen.

Er erzählte:

Vergebens hatte er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft es versucht, sich zu befreien.

Das Gitter des Fensters sowohl, als die schwere Holztür hatten seinen Bemühungen ehern widerstanden und die äußerste Anspannung aller Kräfte war machtlos an den Hindernissen abgeprallt.

Auch sein Rufen war in der menschenleeren Gegend verhallt.

Ohnmächtig hatte er sich in sein Schicksal ergeben müssen. Glücklicherweise fand er gegen den bald wütend um sich greifenden Hunger zwei Schnitte Brot, die er am Morgen der Fahrt nach Ehrenfels zu sich gesteckt, um sie unterwegs zu verzehren.

Der Fund machte ihn sehr freudig und hoffnungsvoll Er teilte ihn in acht Stücke, um diese je zur Zeit der äußersten Not seinem Magen zuzuführen. Wann er den Rest gegessen, wußte er nicht mehr.

Am meisten hatte er unter der Qual des Durstes gelitten. Seine Kräfte wurden allmählich aufgezehrt, zerrüttet, er war von Tag zu Tag schwächer geworden, bis er sich von seinem Bett nicht mehr erheben konnte.

Wäre die Rettung nur zwei Tage später gekommen, so hätte man sicher nur noch einen Leichnam gefunden.

»Du, Wanda, Du hast mich gerettet!« schloß er mit jubelndem Ton. »Dir habe ich mein Leben zu verdanken. Dir soll es für die Zukunft gehören – Deinem Willen, Deinem Glück, Dir untertan. Dieser Ehrenfels, dieser Schurke –«

Wanda fühlte, wie ihre Lippen erkalteten, wie alles Blut zurückwich, wie das Herz den Schlag aussetzte, als sie ihm ins Wort fiel: »Er ist mein Mann.«

Ein schreckhaftes Entsetzen malte sich auf Willys Zügen. »Dein – Mann? Du bist wirklich – mit ihm – vermählt?«

Wimmerndes Schluchzen quoll aus ihrer Brust. »Ja,« hauchte sie. »Seit sieben Tagen.«

Sie erzählte ihm von ihrem Seelenkampf, ihrem Hochzeitstage – der Reise und ihrer Rückkehr auf die Mitteilung Tante Lisbeths, daß Willy verschwunden.

Der Ingenieur stand in sich versunken da. Sein erschrockener Blick hatte sich aus dem seines Gegenübers gelöst und matt gesenkt.

Langsam wendete sich der junge Mann einem Sessel zu, der in seiner Nähe stand, an dessen Lehne hielt er sich mit der unsicher ausgestreckten Hand.

»Und nun, Wanda?« brach es in heller Verzweiflung von seinen Lippen, als sie geendet. »Nun wirst Du zu ihm zurückkehren?«

»Ich – ich kann nicht!« entfuhr es ihren Lippen. Nach Atem ringend, wollte sie sich aus dem Zimmer wenden, doch ihr Fuß wurzelte an der Stelle.

Der Oberkörper schwankte – Willy sprang hinzu und fing die Taumelnde in seinen Armen auf.

»Nein, Wanda, nein – Du sollst, Du darfst auch nicht zu ihm zurück,« rief er mit voller Entschiedenheit, sie zärtlich an sich drückend. »Ehrenfels ist ein Schwindler; das beweist Dir sein sogenanntes ›Gut‹. Er ist ein Verbrecher! Denn hätte Dich Dein Fuß nicht zu mir geführt, so wäre ich dem Hungertode verfallen gewesen.

Das ist Mord! Jetzt, da ich genesen – nicht durch ihn, sondern durch Dich – muß er wegen Freiheitsberaubung und versuchten Mordes vor das Gericht. Mit einem Verbrecher hast Du nichts mehr gemein. Seine Handlungen scheiden Dich für immer und alle Zeit von ihm.«

»Ein Verbrecher!« wiederholte Wanda schaudernd.

»Er ist ein Betrüger,« fuhr Willy fort, »der Dich um Dein Vermögen bringen wollte, denn er besaß nichts.«

Sie warf sich auf einen Stuhl, preßte die Stirn in ihre Hände und starrte wie wesenlos vor sich hin.

»So muß es wohl sein,« murmelte sie. »Er hat meine Kassette an sich genommen – einen großen Teil meines Vermögens.«

»Wanda! Das vertrautest Du ihm an?«

»Konnte ich anders?« entgegnete sie mit großen Augen. »Das war doch natürlich! Meinem Manne?«

»So ist alles, was Du ihm gegeben, rettungslos verloren.«

Sie sah aus ihn mit unsäglicher Qual. »Meinst Du?«

»Alles,« behauptete er.

»So schlecht kann er nicht sein,« verteidigte sie Ehrenfels. »So schlecht kann er nicht handeln. Laß mich zu ihm –«

»Nein, Wanda – das nicht. Dann laß lieber das Verlorene vergessen sein. Zu ihm zurück darfst Du nicht. Er könnte –«

»Was –?«

»Laß es mich nicht aussprechen, was ich denke,« bat er. »Du bleibst in meinem Schutz. Ich will Deine Sache führen und sehen, was ich für Dich retten kann. Willst Du Dein Geschick in meine Hand legen und mir vertrauen?«

Sie antwortete nicht. Ihr Blick klammerte sich flehend an den seinen. Es kam ihr fast unfaßbar vor, was er da sprach.

Willy fuhr sich wie ein Kranker über die Stirn und neigte sich zu ihr nieder.

Und als sie es weinend geschehen ließ, daß er sie küßte. sagte er fest:

»Noch heute stelle ich meine Anträge bei der Staatsanwaltschaft.«

»Laß ihn unbehelligt, Willy – er hat mir das Leben gerettet, das danke ich ihm einmal.«

»Nein, Wanda! Wenn ich Dir folge, bist Du für alle Zeit an diesen Menschen gekettet. Du mußt frei sein. Ich bin Dein Sachführer, ich tue meine Pflicht. Und nun nichts mehr davon. Wir wollen nur noch von uns und unserer Zukunft sprechen.«

* * *

 

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