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Ein Verbrechergenie

Ernst Moser: Ein Verbrechergenie - Kapitel 10
Quellenangabe
authorErnst Moser
titleEin Verbrechergenie
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Ehrenfels reiste sofort von seinem »Gut« nach der Residenz und übernachtete hier.

Am nächsten Tage hielt er sich in seinem Hotel verborgen, um nicht etwa Wanda zu begegnen. Er wollte längeren Auseinandersetzungen oder gar Sentimentalitäten, falls seine Braut um den Schritt des Ingenieurs wußte, so weit wie möglich aus dem Wege gehen. Erst am Montag ließ er sich bei Wanda melden.

Das junge Mädchen, dessen schlechtes, vergrämtes Aussehen auffiel, hatte seit der Stunde, wo sie Willy verlassen, mit fieberhafter Unruhe auf die Entwickelung der Dinge geharrt; sie hoffte stündlich von dem Jugendfreunde eine Nachricht zu erhalten, und die Spannung folterte sie von Minute zu Minute. Selbst die Nächte vermochte sie nicht zu schlafen. War etwas geschehen? Hatte Willy ihren Bräutigam tatsächlich aufgesucht? Mit welchem Resultat? Oder hatte er den Plan fallen lassen und war gar nicht abgereist? Aber dann hätte sie ihn doch von ihrem Fenster aus in seiner gegenüberliegenden Wohnung bemerken müssen! Seit jener Stunde keine Spur – kein Zeichen! Die Ungewißheit peinigte sie bis zur Unerträglichkeit.

Als das bedienstete Mädchen Ehrenfels meldete, trat sie diesem mit atemloser Erwartung entgegen.

»Hast Du alle Vorbereitungen getroffen?« fragte er sie nach zärtlicher Begrüßung, die sie schweigend über sich ergehen ließ, und mit einem Glückslächeln. »Morgen in aller Früh – gleich um neun Uhr – wollen wir aufs Standesamt. Ich habe uns bereits angemeldet.«

Die Worte des Mannes erschütterten Wanda aufs neue.

Also kein Ausweg, keine Frist mehr! Willy hatte ihn, sagte sie sich, nicht gesprochen oder nichts erreicht. Ihr Zustand war mitleiderregend, doch Ehrenfels schien ihn nicht zu bemerken. Ohne Fassung erwiderte sie tonlos: »Es ist alles vorbereitet.«

»Ich danke Dir. Nach dem Standesamt fahren wir sofort nach dem Süden und feiern dort unsere Flitterwochen. So haben wir's doch besprochen?«

Ein grenzenlos trauriges Aussehen trat auf Wandas Antlitz; ein stündiges Zucken um die Lippen vermochte sie nicht zu unterdrücken. »So hast Du es bestimmt,« sagte sie.

»Die Verwaltung meiner Güter erlaubt mir just diesen günstigen Termin,« warf er hin. »Hast Du Deine Papiere auf der Bank geordnet?« Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, als er die Frage tat, der Ton war ohne jeden Nachdruck und doch lag in seinem verstohlenen Seitenblick eine fieberhafte Erwartung

»Ja – Tante Lisbeth hat alles in Ordnung gebracht. Willst Du die Papiere haben?« fragte sie mit abwesenden Gedanken.

»Gelegentlich,« antwortete er nachlässig. »Oder – bitte, gib. Ich kann sie mir ja einmal ansehen.«

Wanda erhob sich und wankte unsicheren Schrittes, mit brechenden Knieen, in ihr Zimmer; gleich darauf kam sie mit einer schweren Kassette zurück. »Hierin findest Du alles.« Sie legte einen Schlüssel in seine Hand. »Sieh Dir die Papiere in Ruhe an. Ich will die Tante benachrichtigen, daß Du da bist.«

Er nickte ihr freundlich zu, und sie taumelte aus dem Gemach. Ihr Zustand war der einer Nachtwandlerin – ihr fehlte jeder klare Gedanke.

Triumphierend öffnete Ehrenfels das Schloß der Kassette, und mit flatternden Händen durchstöberte er die darin liegenden Papiere: Scheine und Bankquittungen über Depositen und Bargeld. Es waren große Summen, über die die Papiere lauteten. Vorsichtig blickte er sich um, zog ein Notizbuch aus der Tasche und machte sich hastig einige Notizen. Dann entnahm er eine Quittung, die die stattlichste Summe aufwies, der Kassette, schob sie zwischen die Blätter des Notizbuchs, klappte es zu und steckte es zu sich. »Im allgemeinen Trubel dieser Tage wird sie es nicht bemerken,« murmelte er. Darauf verschloß er die Kassette und stellte sie neben sich.

»Für alle Fälle will ich einen Posten von ihrem Guthaben abheben,« dachte er, »man weiß nicht, wie es kommen kann. Ich habe zwar noch ein hübsches Sümmchen und schließlich die russischen Papiere, aber diese sind zur Zeit wertlos für mich, da ich es nicht wage, sie in Deutschland einzulösen. Die Nummern sind in den Banken notiert – ich könnte beim Präsentieren Unannehmlichkeiten haben. Dieses Geld ist mir – zur Hochzeitsreise willkommen,« schob er gleißnerisch ein, »und zu einem Spielchen in Monaco auf der Fahrt – in die weite Welt.«

Als Wanda mit Tante Lisbeth eintrat, ging er ihnen mit verbindlichem Lächeln entgegen.

»Lieber Bruno,« rief die alte Dame gerührt aus, »also endlich morgen früh! Der Himmel gebe Ihnen seinen Segen.«

Wanda kehrte sich hastig ab. Sie hielt den Blick gesenkt, um die vordringende Träne in ihrem Auge nicht sehen zu lassen. Eine konvulsivische Erschütterung erfaßte sie. Langsam erhob sie die Hände zu den Schläfen, und in starrer Unbeweglichkeit verharrte sie so.

Erst als Ehrenfels zu ihr trat und sagte: »Willst Du die Kassette an Dich nehmen? Es ist alles in bester Ordnung,« kam sie mit ihren Sinnen in die Gegenwart zurück. Aus ihrem ohnehin schon bleichen Antlitz schien auch der letzte Blutstropfen gewichen zu sein, und ein eigener schluchzender Laut drang aus der Tiefe ihrer Brust. Mit Aufbietung aller Kraft beherrschte sie sich.

»Was die Kassette enthält, gehört von morgen ab gleichzeitig auch Dir,« erwiderte sie. »Verfüge darüber, wie Du es für gut findest.«

»Gut,« nickte er befriedigt und stellte sie auf ein Seitentischchen. Wie bequem wäre jetzt die Gelegenheit gewesen, die Kassette unter einem Vorwand an sich zu nehmen und sich mit ihr so schnell als möglich aus dem Staube zu machen. Aber – wäre das praktisch gewesen? Gewiß nicht. Es hätte ihm nichts genützt. Erst wenn Wanda seinen Namen trug, würde man ihm die Auszahlung beliebiger Summen von dem Vermögen seiner Frau nicht verweigern können. Er mußte also die Zeremonie des nächsten Tages über sich ergehen lassen.

»Hast Du,« begann Wanda mit erstickter Stimme, »hast Du –« sie stockte, so heiß auch die Frage auf ihren Lippen brannte, ehe sie sie aussprach.

»Was soll ich haben?«

»Hast Du Ingenieur Bock gesprochen?«

Ehrenfels schüttelte verneinend den Kopf. »Nein. Ich kenne ihn gar nicht. Was wollte er?«

»Er wollte Dich aufsuchen – etwas mit Dir besprechen –«

»Höchstwahrscheinlich Geschäftssachen,« fiel er leichthin ein. »Irgend eine technische Anlage auf meinem Gut. Das hat Zeit bis zu unserer Rückkehr. Jetzt nur nichts Geschäftliches mehr. Ich habe momentan dafür nicht den geringsten Sinn. Auch für nichts anderes als für Dich. Wollen wir ausfahren?«

»Ich möchte – lieber zu Hause – bleiben,« stammelte Wanda.

»Schade. Ich habe noch Wege und hätte gern mit Dir zusammen – – Doch will ich Dich nicht quälen,« unterbrach er sich, als sie eine abwehrende Gebärde machte. »Ich werde mich allein mit meinen Besorgungen abfinden. Du entschuldigst mich, Wanda?«

Sie nickte zustimmend.

»Sehen wir uns noch heute abend?«

»Ich möchte mich früh zur Ruhe legen, um morgen – morgen für die Reise gestärkt zu sein,« wendete sie ein.

»Ja, gönnen Sie dem angegriffenen Kinde noch diese Ruhe der letzten Stunden in meinem Hause, lieber Bruno,« fiel die Tante ein.

Ehrenfels war nichts erwünschter, als das, und nur um den Schein zu wahren, bemerkte er noch: »Ich dachte an eine kleine, intime Polterabendfeier –«

»Ich bitte Dich herzlich, davon abzusehen,« flehte Wanda.

»Dein Wunsch ist mir Befehl. Also denn morgen. Um ein halb neun Uhr bin ich bei Dir, Dich zu dem schönsten Gang unseres Lebens abzuholen.« Er küßte ihr und Tante Lisbeth galant die Rechte, nickte Wanda noch einmal zu und empfahl sich.

Wanda schlug, als Ehrenfels das Zimmer verlassen hatte, die Hände vors Gesicht. Die Augen flossen nun in Tränen über.

»Aber, Kind!« rief Tante Lisbeth und sah erstaunt zu ihr hinüber, »Du weinst? Ist es vor unfaßbarem Glück?«

Ohne zu antworten, eilte die Angeredete auf die zu ihrem Schlafgemach führende Tür zu, riß sie hastig auf und verschloß sie sofort hinter sich.

Verblüfft sah die Tante ihr nach. »Das Ungewohnte der Situation,« sagte sie und hob die Schultern. »Es muß ja eigenartig genug sein – solch ein Vorabend der Ehe.« Unter einem Seufzer suchte sie ihr Zimmer auf.

Wanda ging ruhelos auf und nieder. Atemlos lauschte sie auf jedes Geräusch im Hause, als erwarte sie noch immer eine Nachricht, die eine Wendung in dem Beschluß ihres Bräutigams bringen könnte. Wohl tausend Mal falteten sich ihre Hände zu einem Gebet, nicht mehr zu unterdrückendes Schluchzen stieg aus ihrer Brust – – und erst, als sich eine begreifliche Erschöpfung ihrer bemächtigte, streckte sie sich auf ihr Lager hin.

Aber noch stundenlang lag sie wach.

Willys Vorsatz, Ehrenfels aufzusuchen, mußte wohl endgültig aufgegeben sein, dachte sie wieder und wieder. Was mochte ihn wankend gemacht haben? Vielleicht hat ihm der Mut gefehlt, sich gegen die Rechte ihres Bräutigams aufzulehnen und sie nur mit schönen Worten getröstet. Es war nicht mehr zu ändern. Morgen –!

Ein eiskalter Schauer überwältigte ihren Körper.»Morgen ist alles vorüber!«

Vom Grübeln, vom Bangen, vom Weinen erschöpft, schlief sie endlich, lange nach Mitternacht, ein. Unruhige Träume quälten sie. Oftmals fuhr sie verstört auf und sah sich verängstigt im Zimmer um. Dann wieder befiel sie eine Dumpfheit, die halb Schlaf, halb Wachen war. Und die Stunden dieser furchtbaren Nacht schlichen dahin, ohne eine Minute auszulassen, die Wanda nicht quälte.

 

Am Morgen schreckte sie empor, und mit einem übernächtigten Gesicht ging sie an ihre Toilette. Dieselbe peinvolle Unruhe vom Tage vorher und von der Nacht zitterte in ihren Gliedern. Sie ließ sich eine Limonade zubereiten, in die sie ein niederschlagendes Pulver schüttete, und trank sie aus. Ein wenig schien diese sie zu beruhigen, denn als die Friseuse eintrat, hatte sich Wanda halbwegs in der Gewalt. Die Fremde merkte nur wenig von ihrem Zustande.

Pünktlich um ein halb neun Uhr traf Ehrenfels ein. Er mußte wohl eine Viertelstunde warten, ehe Wanda erschien.

Er begrüßte sie herzlich; sie schenkte ihm kaum einen Blick.

Gleich darauf trat Tante Lisbeth ein und hinter ihr zwei Herren, Reimann und Fuchs, die, Bekannte von Ehrenfels, als Trauzeugen auf dem Standesamt dienen sollten.

Ehrenfels bot seiner Braut den Arm. Sie legte die Hand oder vielmehr nur zwei Finger hinein und schritt neben ihm. Der Bräutigam war nicht größer als Wanda: ihr schlanker Wuchs und das vorteilhafte schwarze Kleid ließen sie aber bedeutender neben ihm erscheinen.

Auf dem Standesamt war die Braut matt zum Umsinken.

Die Stimme des Beamten klang ihr wie aus weiter Ferne, sie klang ihr fremd und farblos.

Fremd und kalt saß Wanda neben Ehrenfels. Sie vermochte nichts zu denken, als das eine: tritt noch etwas dazwischen? Nichts? Nichts?

Die nüchterne Geschäftsmäßigkeit auf dem Bureau ließ auch keine Ablenkung, keinerlei Stimmung aufkommen. Der ganze Akt hatte etwas Formelles, Unpersönliches.

Es folgten die Unterschriften. Die Schriftzüge der Braut waren kaum zu lesen.

Dann war sie Frau Ehrenfels.

Ein Sturm ging durch ihre Seele.

Was sie noch bis zum letzten Augenblick gehofft, Willy dazwischentreten zu sehen, war nicht eingetroffen.

Sie hatte ihr Gelöbnis halten müssen, und nun trennte sie von ihrem Manne nichts mehr als der Tod. »Als der Tod!« flüsterte sie in sich hinein.

Ihre Augen hatten etwas Geisterhaftes, als sie zu Hause ankam und den Glückwunsch Tante Lisbeths entgegennahm. Totenblaß kleidete sie sich mit Hilfe des bediensteten Mädchens zur Reise um.

Sie sollte ja fort – in derselben Stunde fort nach dem Süden!

Als Ehrenfels eine Stunde später, nachdem auch er sich umgekleidet hatte und darauf bedacht gewesen war, die Kassette Wandas in seinem Koffer in Sicherheit zu bringen, die junge Frau in den Wagen hob, der das Paar zur Bahn fahren sollte, hielt er eine Ohnmächtige in seinen Armen.

Das hielt ihn indessen nicht zurück, die Reise dennoch anzutreten '

* * *

 

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