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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Siebentes Kapitel.
Von Sinnen?

Schleppfuß war auf seine Weise ganz ebenso thatkräftig und ausdauernd wie der Inspektor. Er verfolgte die Fährte mit dem Eifer eines Spürhundes und setzte den größten Stolz darein, zu beweisen, daß seine Auffassung der Thatsachen die richtige sei. Zugleich verhehlte er sich jedoch nicht, welche Hindernisse ihm im Wege standen. Scharfsinn und Urteilskraft vermögen viel, doch es giebt einen Punkt, über den sie nicht hinauskönnen und im vorliegenden Fall schien dieser Punkt fast erreicht. – Wenn alles Kopfzerbrechen nicht mehr half, trat vielleicht ein ganz unvorhergesehener Zufall ins Mittel!

War die Annahme des Schleppfuß richtig, daß das silberne Etui nicht von Dieben entwendet sei, sondern von Personen, die viel weitgehendere Pläne verfolgten als gemeine Spitzbuben, dann hatte eine weitere Nachforschung viel weniger Aussicht. Denn Leute, die aus Gewinnsucht stehlen, trachten ihren Raub so oder so bald zu verwerten, was leicht zur Entdeckung führt; vergriff sich aber eine Person von Rang und Vermögen an dem Gegenstande, dann lag die Sache anders. Da dieselbe keine Spur hinterlassen, so war es leicht möglich, daß das Etui nicht wieder zum Vorschein kam. Auch läßt sich einer solchen ganz unverdächtigen Person schwer beikommen. Gesetzt auch, der Detektive traf wirklich auf die beiden, die er am Morgen nach dem Morde beobachtete, so war damit für die Ueberführung noch wenig gewonnen.

Diese Gedanken waren für Schleppfuß nicht eben ermutigend, indessen – der Zufall ist oft wunderbar – und so machte sich unser Detektive daran, die Verschwundenen zu entdecken. Er beschloß, die Theater, Kirchen und sonstige öffentliche Lokale zu besuchen, wo sich die Reichen und Angesehenen der Stadt einfinden und geduldig zu warten, bis die Individuen, die er suchte, zum Vorschein kamen. Wenn er dann außerdem täglich im Park spazieren ging, zur Stunde, da die vornehme Welt ihre Ausfahrten zu machen pflegt, und am Sonntag Nachmittag die Allee hinunterschlenderte, so mußte das früher oder später zu etwas führen. – Kurz, Schleppfuß hatte nichts Geringeres vor, als eine Zeit lang die ihm ungewohnte Rolle eines Modeherrn zu spielen. Der Gedanke entlockte ihm selbst ein spöttisches Lächeln.

So unwahrscheinlich, wie es beim ersten Blick aussehen mag, war der Erfolg dieser Maßregel übrigens nicht. Zwar zählt New-York mehr als anderthalb Millionen Einwohner, aber die Anordnung der Straßen und Avenuen, sowie die festen Gewohnheiten der wohlhabenden Klassen beschränken die eigentliche Stadt auf einen weit kleineren Umkreis als man meinen sollte. Die fünfte Avenue und die nach Osten und Westen daran stoßenden Straßen enthalten die Wohnungen von neun Zehntel der vornehmeren Bürger, die ihr täglicher Lebenslauf selten aus dieser engen Umgrenzung herausführt. Setzte der Forscher seine eifrige und sorgfältige Beobachtung nur eine Woche lang fort, so konnte er kaum umhin, die gesuchten Personen zu entdecken. Die Aufgabe, sie zu finden, wäre weit schwieriger gewesen, wenn er ihnen in die verrufenen Viertel der Stadt hätte folgen müssen. Zwar, daß sie nicht dahin gehörten, war nur eine Vermutung und in dem demokratischen Amerika ist zwischen den Gesellschaftsklassen, wenigstens äußerlich, ein weit geringerer Unterschied als in Europa; ein erfahrener Beobachter täuscht sich jedoch nicht so leicht, und obgleich Schleppfuß das verdächtige Paar nur auf wenige Augenblicke und unter ungünstigen Umständen gesehen hatte, war er doch fest überzeugt, daß sie zu den höheren Ständen zählten. Er beurteilte sie dabei weniger nach ihrer Kleidung und ihren Gesichtszügen, als nach ihrer ganzen Haltung und der Art, wie sie sich bewegten. Er hätte darauf wetten mögen, daß es Leute waren, die stets in Wohlstand gelebt hatten und deren Wohnung sich nicht mehr als hundert Schritt weit von der fünften Avenue befand.

An der Ecke der dritten Avenue und 23. Straße stand er still und überlegte, ob er in derselben Richtung weiter gehen oder sich nach dem Madison Square begeben solle. Eben wollte er letzteres wählen, als sein Blick zufällig auf einen Bekannten fiel, der aus einer nahen Restauration heraustrat und gemächlich die Straße hinunterschlenderte.

»Da geht Salomon Sibley,« murmelte er vor sich hin, »ich will ein Wort mit ihm reden!« – Salomon Sibley war ein Pfandverleiher, mit dem Schleppfuß öfters von Berufs wegen zu thun gehabt. Er galt für einen höchst rechtschaffenen Mann und war der Polizei mehr als einmal behilflich gewesen, Verbrecher aufzuspüren, welche Pfänder bei ihm versetzt hatten.

Schleppfuß beschleunigte seine Schritte und holte Sibley ein, gerade als dieser seine Ladenthüre erreicht hatte. »Guten Morgen, Salomon,« sagte er und legte ihm die Hand auf die Schulter, »wie gehen die Geschäfte?«

Der Pfandverleiher, – ein kleiner Mann, nicht viel über fünf Fuß, aber mit einer ungeheuren Nase, die alles Wachstum für sich allein in Beschlag genommen zu haben schien, – drehte sich schnell wie ein Wiesel nach dem Sprecher um. Als er Schleppfuß erkannte, zuckte er die Achseln: »Flau,« rief er, »schrecklich flau! Es giebt nur noch reiche Leute in der Welt, die nichts bei mir zu suchen haben – oder wenn sie kommen, thun sie's aus Gnade und Barmherzigkeit. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf,« fuhr er fort, indem er sein großes, rotseidenes Taschentuch zur Nase führte, »ich spreche die reine Wahrheit. Hören Sie nur: Vor ein paar Tagen kommt ein Mann und bringt mir eine silberne Dose –«

»Eine – was –?« fuhr Schleppfuß heraus.

»Ich sag's ja – aber treten Sie doch ein – ich erkälte mich hier draußen zu Tode!« Und Mr. Sibleys Taschentuch kam abermals mit der großen Nase in Berührung.

Mit klopfendem Herzen folgte Schleppfuß dem Pfandverleiher in das Privatzimmer, wo dieser seinem Besucher einen Stuhl hinschob und eine Kiste lange dunkelfarbige Cigarren herbeibrachte. »Bitte, bedienen Sie sich!« sagte er verbindlich.

»Ich bin kein Raucher,« versetzte der andere. »Aber Sie wollten soeben –«

»Ach, Sie haben keine Sorgen!« seufzte Sibley und zündete sich eine Cigarre an, die länger als der ganze kleine Mann schien; »aber bei meinem schwierigen Geschäft brauche ich etwas zur Beruhigung der Nerven.« Dabei blies er dichte Rauchwolken von sich.

»Was sagten Sie doch?« begann Schleppfuß unverdrossen von neuem – »eine silberne Dose? meinen Sie eine Schnupftabaksdose?« –

»Nein, das nicht – auch kein Cigarrenetui; dazu war es zu klein; kaum vier Zoll lang, ich weiß nicht, was es war.«

»Vielleicht war es ein Cigarettenetui?« verbesserte Schleppfuß, wobei er sich bemühte, möglichst gleichgültig zu scheinen.

»Ein Cigarettenetui? – das mag sein,« entgegnete Sibley nachdenklich – »ja höchst wahrscheinlich; es war Niello-Arbeit, russisches Fabrikat, und die Russen rauchen ja immer Cigaretten, schlechte Gewohnheit das!« –

»Wirklich? Russische Niello-Arbeit, wohl sehr fein? vielleicht massives Silber und schön graviert?« fragte Schleppfuß ganz blaß vor Aufregung.

»Ja, ja, es war recht hübsch,« entgegnete Sibley in gleichgültigem Geschäftston. »Aber hören Sie nur! Der Mann legte das Cigarettenetui hin – wenn es eins war – und fragte: ›Wie viel?‹ – Ich wiege es in der Hand, betrachte es, zucke die Achseln und sage: Fünf Dollars. – Ich hätte auch sechstehalb gegeben, das können Sie glauben.«

»Ich kann mir's denken! Nun, und –?«

»Er sagt: ›Abgemacht!‹ so gleichgültig – ein Dollar wäre ihm auch genug gewesen. Ich nehme einen Schein und will ihn ausfüllen, aber die Feder war so schlecht, daß ich Isaak zurief, er sollte mir eine neue bringen. Eine schlechte Feder ist zum verzweifeln!«

»Da haben Sie recht!« Schleppfuß zitterte förmlich vor nervöser Erregung.

»Während Isaak die Feder holt, hätten Sie nur den Mann sehen sollen! Nein, die Ungeduld! Erst steht er auf einem Fuß, dann auf dem andern, zieht den Bart durch die Finger, trommelt auf dem Ladentisch, knöpft zuletzt seinen Ueberzieher auf und holt heraus« – hier hielt Sibley inne und blies neue Rauchwolken von sich.

»Was denn?« fragte Schleppfuß in atemloser Spannung.

»Eine Uhr!« fuhr Sibley fort. »Aber Freund, was für eine! So etwas sieht man nicht alle Tage. Nach neuester Erfindung, von Gold, wenigstens zwei Zoll im Durchmesser, Chronometer, Remontoir, und wenn man auf eine Feder drückt, schlägt sie die Stunde. Solche Uhr ist fünf- bis sechshundert Dollars unter Brüdern wert.«

»Ja, aber, was soll denn das –?«

»Warten Sie nur, das Beste kommt noch! Der Deckel war über und über mit Edelsteinen besetzt. In der Mitte ein Diamant, zehnkarätig und rings herum Rubinen und Smaragden. Die Uhr hat einen Wert von zweitausend Dollars mindestens. Auf der Stelle hätte ich selbst ihm hundert Dollars darauf geliehen!« –

»Hat er denn die Uhr auch versetzt?« fragte Schleppfuß.

»Das ist's ja gerade, bester Freund,« entgegnete Sibley und legte seinen kurzen Finger an die lange Nase. »Das that er nicht – er dachte gar nicht daran. Er sagte nur: ›Machen Sie doch schnell! Um 11 Uhr werde ich in der Stadt erwartet;‹ und dann steckte er die Uhr wieder in die Tasche. – Nun frage ich nur, wenn der Mann eine Uhr für zweitausend Dollars mit sich herumträgt, weshalb kommt er in meinen Laden und versetzt eine Dose für fünf Dollars? Wie? Vermutlich, um einem Pfandleiher etwas zu verdienen zu geben. Anders kann ich mir's nicht denken.«

Nach diesen Worten lehnte sich Sibley in seinen Stuhl zurück, mit der Befriedigung eines Mannes, der sich auf seine Klugheit etwas einbildet.

Auf Schleppfuß hatte er einen großen Eindruck gemacht, wenn auch aus ganz andern Gründen, als er meinte. Nach einer Pause sagte jener:

»Wie sah denn der Mann aus? War es ein junger Bursche, kurz von Wuchs, mit blondem Haar und glattem Gesicht?« –

»Nein, nein, nein, ganz fehlgeschossen!« rief der Pfandverleiher. »Fünfzig Jahre war er wenigstens, hatte einen grauen Bart und schwarze zusammengewachsene Augenbrauen – ein großer Mann – größer als ich,« fügte er hinzu, als sei er der Maßstab für alle menschliche Größe.

Schleppfuß zweifelte jetzt nicht länger, daß er die rechte Spur gefunden; er hatte schon seine ganze Fassung wiedergewonnen und folgte der alten Gewohnheit – die ihm zur zweiten Natur geworden – den wahren Zweck seines Forschens zu verbergen, selbst wenn kein Grund dazu vorhanden war.

»Den Mann kenne ich nicht,« sagte er. »Vor ein paar Tagen war es? Vielleicht gleich nach Weihnachten?«

»Nein, kurz vor Neujahr,« entgegnete Mr. Sibley und blickte gedankenvoll ins Leere.

»So so,« begann der andere wieder. »Sonderbar ist's doch. Russische Niello-Arbeit bekommt man nicht oft zu sehen. Könnten Sie mir's wohl einen Augenblick zeigen?«

»Das würde ich mit dem größten Vergnügen thun, bester Freund, ich bin Ihnen stets gern gefällig, das wissen Sie; aber leider bin ich's nicht im stande.«

»Nicht? Und warum denn nicht?«

»Weil die Dose nicht mehr in meinem Besitz ist.«

»Was?« rief Schleppfuß und schnellte in die Höhe. »Sie werden sie doch nicht ...«

»Ei, mir scheint, Sie interessieren sich dafür!« sagte der kleine Sibley nicht ohne Erstaunen. »Hätte ich das gewußt, so –«

»Nicht im geringsten, durchaus nicht!« rief der andere, sich gewaltsam bezwingend. »Aber wenn sie erst um Neujahr versetzt worden ist – wer hat sie denn wieder eingelöst?« –

»Der nämliche Herr, der sie verpfändet hat; das heißt, ich habe ihn nicht selbst gesehen, aber mein Gehilfe Isaak hat den Schein in Empfang genommen und die Dose zurückgegeben. Ja, es ist wunderbar; aber daß er die Uhr in der Tasche trug, ist noch weit merkwürdiger, das muß ich sagen.«

»Wann ist er denn wiedergekommen?« fragte Schleppfuß mit bebender Stimme.

»Isaak!« rief Mr. Sibley durch die offene Thür, die in den Laden führte. Der Gehilfe erschien. »Isaak, wann hat der Herr seine silberne Dose wieder eingelöst?«

»Gestern Abend um halb acht Uhr!« war Isaaks geläufige Antwort.

»Das dachte ich – gestern Abend um halb acht Uhr,« wiederholte Sibley. »Möchten Sie sonst noch etwas wissen, bester Freund?«

»Auf welchen Namen war das Pfand eingetragen?« fragte Schleppfuß, mehr um seine Enttäuschung zu verbergen, als weil er noch irgend welche Aufklärung erwartete.

»Isaak, gieb Antwort dem Herrn auf seine Frage!« befahl Sibley.

»Der Name war Mr. Louis Hanier 26. Straße, Westen, Nr. 144,« berichtete Isaak so schnell wie vorhin.

»Mr. Louis Hanier 26. Straße, Westen, Nr. 144,« wiederholte Sibley, als müsse er des Gehilfen Antwort verdolmetschen. »Haben Sie sonst noch einen Wunsch?« fragte er.

»Nein, weiter nichts!« entgegnete Schleppfuß mit schwacher Stimme.

»Isaak,« wandte sich der Pfandverleiher würdevoll an seinen Gehilfen, »das ist alles, du kannst wieder gehen!« – Und Isaak verschwand auf der Stelle. »Der Bursche ist so klug!« seufzte Sibley, als die zwei wieder allein waren, »ich muß ihn unter dem Daumen halten, sonst wächst er mir über den Kopf.«

Schleppfuß empfahl sich ohne weitere Umstände. Ihm war ganz drehend zu Mute, er mußte sich erst sammeln. Das silberne Etui, das er schon in Händen zu halten glaubte, war ihm wieder entschlüpft; der geheimnisvolle Fremde, den er gleich zu Anfang in Verdacht gehabt, hatte es gegen alle Erwartung versetzt und es ohne jeden möglichen oder denkbaren Grund ein paar Tage darauf wieder eingelöst. – Was sollte das alles bedeuten? –

Und das war nicht einmal das wunderbarste bei der Sache! – Noch mit dem Blut seines Opfers befleckt, hatte der Verbrecher die unbegreifliche Frechheit gehabt, sich den Namen des Ermordeten anzueignen! War das Frechheit? War es List und Schlauheit – oder was war es? Es sah wie der reinste Wahnsinn aus! Wahnsinn! – Schleppfuß stand betroffen still bei dem Gedanken. Wenn nun Louis Haniers Mord wirklich die That eines Verrückten war? Wäre damit nicht vieles erklärt, was ganz unverständlich schien? Von Anfang bis zu Ende war die Sache ohne Sinn und Verstand! Der zweimalige Besuch der Weinstube! Am folgenden Morgen das nutzlose Erscheinen am Ort der That; das Verpfänden des silbernen Etuis, um dessentwillen der Mord verübt worden; das Wiedereinlösen desselben wenige Tage später; die Aneignung von Namen und Adresse des Opfers; die tolle Verwüstung des Ladens – das alles waren nicht Handlungen eines Menschen mit gesunden Sinnen, sondern eines wahren Tollhäuslers. Weshalb war ihm denn das nicht früher eingefallen? –

Er eilte die Straße entlang, ohne zu wissen, wohin, oder was um ihn vorging. Ihm war, als sollte er selber den Verstand verlieren. Wie, wenn er in Bloomingdale nachfragte, ob kürzlich einer der Irrsinnigen aus der Anstalt entsprungen sei? Eben wollte er diesen Plan ausführen, als er in neue Verlegenheit geriet: Wenn auch der Mann verrückt war – wie stand es mit der Frau? – Es ließ sich doch unmöglich annehmen, daß sie gleichfalls von Sinnen sei! –

*

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