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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Fünftes Kapitel.
Das silberne Cigarettenetui

»Die neue Entdeckung,« bemerkte der Inspektor, »kommt etwas sehr spät.«

»Doch noch rechtzeitig genug,« entgegnete Schleppfuß. »Bis jetzt hat sich Frau Hanier zu schwach gefühlt, um irgend etwas anzugreifen, aber heute hat sie, mit Hilfe ihrer alten Freundin, der Madame Groux, angefangen nach ihren Sachen zu sehen. Dabei ist es herausgekommen. Wenn ich nicht zufällig heute Abend hingegangen wäre, hätten wir es vielleicht nie erfahren, denn Frau Hanier scheint keine Ahnung zu haben, von welcher Wichtigkeit es ist.«

»Wovon sprechen Sie denn eigentlich?« –

»Von dem silbernen Cigarettenetui.«

»Davon ist allerdings noch nicht die Rede gewesen.«

»Nein; aber es war da und jetzt ist es verschwunden! Wenn es wieder zum Vorschein kommt, wird es uns auf die rechte Fährte bringen, oder ich müßte mich sehr irren! – Es traf sich nämlich so: In den letzten Tagen habe ich, wie Sie wissen, bei den französischen Gesellschaften, deren Mitglied Hanier war, Erkundigungen eingezogen. Heute Abend fiel mir nun ein, ich könne mir von der Frau die etwaigen Abzeichen und Orden, die er als Mitglied getragen, aus seinem Schrank oder seiner Kommode heraussuchen lassen, dann würde man ja sehen, ob irgend ein Geheimbund, etwas Anarchistisches oder Nihilistisches dahinter stecke. Bei Lebzeiten mochte er es wohl vor seiner Frau verborgen haben. Da er aber keines natürlichen Todes starb, blieb ihm nicht Zeit jede Spur sorgfältig zu vertilgen, und die Nachforschung konnte immerhin zu einem Ergebnis führen.«

»Mir scheint, Sie sind etwas auf den Holzweg geraten,« meinte der Inspektor kopfschüttelnd.

»Ich erwähne dies nur beiläufig,« fuhr Schleppfuß eifrig fort, »um zu erklären, weshalb ich heute Abend in dem Hause war. Frau Hanier, die sich zu angegriffen fühlte, bat mich, mit Madame Groux zu sprechen und so fragte ich diese nach dem und jenem, was sich vielleicht bei Haniers Sachen gefunden habe und dabei erzählte sie mir, die Diebe hätten nicht nur das Geld aus der Schublade gestohlen, sondern auch das Cigarrettenetui, das Hanier erst kürzlich geschenkt erhalten.

»›Wie sah denn das Etui aus?‹ fragte ich.

»Sie sagte, es sei sehr elegant gewesen, aus echtem Silber, getriebene Arbeit; schon an sich sehr wertvoll und obendrein ein zwanzig Dollarschein darin statt der Cigaretten. Das Geschenk war Hanier am Weihnachtsabend durch einen besonderen Boten zugeschickt worden, der auch noch andere Sachen brachte, aber nichts so Kostbares wie das Etui. – Sie war zufällig im Laden, als es ankam und Frau Hanier oben. Es scheint, daß Hanier alljährlich zu Weihnachten Geschenke erhielt und manchmal auch zu seinem Geburtstag. Die Desmonds, bei denen er früher im Hause war, schickten ihm zuweilen Geld, die reicheren französischen Familien, die von ihm ihren Wein bezogen, kleine Extravergütungen; auch bekam er ein oder zweimal Prämien von den Gesellschaften, deren Mitglied er war. ›Weil er so allgemein beliebt war‹, meinte die Frau. Wer ihm das Cigarettenetui geschenkt hatte, wußte sie nicht; bei dem Paket war nichts Schriftliches und wenn Hanier auch vielleicht vermutete, wer der Geber sei, so äußerte er sich doch nicht darüber. Während der Weihnachtswoche ging es in dem Laden sehr lebhaft zu, so daß Hanier kaum zu Atem kam und abends zu müde war, um sehr mitteilsam zu sein. Das Cigarettenetui hatte er übrigens nicht in die Geldschublade gelegt, sondern in eine Porzellanvase auf dem Kaminsims im Hinterzimmer. Madame Groux war es erst wieder eingefallen, als sie die Vase sah, die unversehrt an ihrem Platze stand, während fast alles andere zertrümmert umherlag; als sie aber hineinschaute, war die Vase leer.

»Ich fragte sie, ob die zwanzig Dollars in dem Etui geblieben wären, was sie verneinte; dann bemerkte sie ausdrücklich, es sei unmöglich gewesen, das Etui in der Vase zu sehen, und wer nicht wußte, daß es darin war, hätte dort schwerlich danach gesucht.«

»Ein bemerkenswerter Umstand!« warf der Inspektor hin. »Wer sich das Etui aneignete, muß also den Versteck gekannt haben und zu den Stammgästen der Weinstube gehören. Warum die Vase unversehrt geblieben, ist jedoch nicht ersichtlich. – Ob wohl Hanier das Etui den Gästen gezeigt hat?« –

»Ich fragte Madame Groux danach,« entgegnete Schleppfuß; »soviel sie wußte, hatte es niemand gesehen, vielleicht nicht einmal seine Frau und Kinder. Da er kein Raucher war, trug er es nicht in der Tasche und wollte es doch als Kostbarkeit recht sicher verwahren. Die Vase erschien ihm vorerst der geeignetste Versteck, gerade weil sie so zugänglich war, daß niemand es dort vermutete. Am Weihnachtsmorgen hatte er es hineingelegt und wie die Freundin glaubte, nicht wieder herausgenommen. Sie meinte das bestimmt versichern zu können, weil Hanier noch am letzten Tage seines Lebens mit ihr davon gesprochen, als sie in den Laden kam, um Spiritus zu kaufen. Sie erinnerte sich noch genau seiner Worte: ›Ich werde das Ding aus der Vase nehmen‹, hatte er gesagt, ›und es auf die Bank bringen. Da ist es sicher aufbewahrt, und wenn ich dann später mein eigenes hübsches Haus habe, kann ich es als Schmuck auf dem Tisch in der guten Stube auslegen.‹«

»Die Sache ist wirklich sonderbar,« überlegte der Inspektor, »wird aber kaum von praktischem Nutzen für uns sein. Da das Etui aus Silber war und so leicht kenntlich, haben es die Diebe natürlich sofort eingeschmolzen. Kann Madame Groux uns nicht sagen, woher es stammt, werden wir es schwerlich von anderer Seite erfahren.«

»Meine Ansicht geht dahin,« fuhr Schleppfuß voll Eifer fort, »daß ein und dieselbe Person – aller Wahrscheinlichkeit nach eine Frau – Hanier das Etui schenkte, es am Abend des 29. Dezember stahl und ihm später das Leben nahm.«

Der Inspektor zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Das geht über mein Verständnis!« sagte er.

»Lassen Sie mich nur weiter berichten! Es kam ganz zufällig zur Sprache. Als Madame Groux Haniers letzte Worte über das silberne Etui erwähnte, schlug sie sich auf einmal vor die Stirn und rief: ›Wie konnte ich das nur vergessen! Das ist ja die Hauptsache!‹ – Und nun teilte sie mir mit, Frau Hanier habe ihr erzählt, an jenem Abend, als sie eben zu Bett gegangen waren, – der Laden unten sei geschlossen gewesen und alles in Ordnung gebracht – da habe es auf einmal an der Eingangsthüre geklopft. Zuerst gaben sie nicht acht darauf in der Meinung, es sei irgend ein angetrunkener Mensch, der sich einen dummen Spaß machen wolle. Wie sich aber das Klopfen mehrmals wiederholte, schnell und bestimmt, als ob jemand wirklich Einlaß begehre, da stand Hanier auf und schaute zum oberen Fenster hinaus. Er sagte, an der Ecke stehe eine Droschke, wer aber an der Thür war, konnte er wegen des Vorbaus nicht sehen. Er zog Schlafrock und Pantoffeln an und ging hinab. Frau Hanier war liegen geblieben, sie hörte ihren Mann die Thüre öffnen und jemand hereinlassen, dann vernahm sie Schritte, die durch den Laden nach dem Hinterzimmer gingen. Von dem Gespräch, das nun folgte und wohl zehn bis fünfzehn Minuten dauerte, konnte sie nichts verstehen, doch unterschied sie ganz deutlich eine Frauenstimme. Sie zerbrach sich den Kopf, wer es sein könne; ihren Louis kannte sie zu genau, um eifersüchtigen Gedanken Raum zu geben. Dazu hatte sie ihr ganzes Leben lang nie den geringsten Grund gehabt. Ihre Neugier wurde jedoch rege und sie wollte eben aufstehen und an die Treppe gehen, als die beiden aus dem Hinterzimmer zurückkamen, worauf Hanier die Person hinausbegleitete und die Thür verschloß und verriegelte. Als er wieder heraufkam, fragte sie ihn, was es gäbe; er war aber sehr schläfrig und sagte nur: ›Ach, das ist eine lange Geschichte – von dem Weihnachtsgeschenk – morgen erzähl' ich's dir.‹ – Dann legte sie sich nieder und schlief gleich ein. Etwa eine Stunde später begannen dann die seltsamen Geräusche. Beim Aufwachen war sie erst der Meinung, die fremde Frau sei noch unten, bis ihr einfiel, daß die Thür ja verschlossen sei. Sie weckte ihren Mann und fragte: ›Kann das wohl die Person von vorhin wieder sein?‹ er meinte, das sei unmöglich, dann horchte er und sagte: ›Vielleicht doch – ich kann mich irren – es wird schon so sein!‹ – Nun stand er abermals auf, seine Frau auch, und eine Minute später erhielt er die Todeswunde.«

»Eine sonderbare Geschichte!« sagte der Inspektor, »mich wundert, daß Madame Groux es nicht gleich erwähnte.«

»Ueber der Mordthat hat sie alles vergessen, bis das Fehlen des silbernen Etuis sie daran erinnerte.«

»Aber wer weiß, ob Hanier dies überhaupt gemeint hat – er kann ebensogut von einem der andern Geschenke gesprochen haben.«

»Das waren lauter Verbrauchsartikel, Zucker, Butter, zwei Hähnchen, ein Tuchkleid für Frau Hanier und dergleichen. Nur das Cigarettenetui war etwas zum Aufbewahren, ein Andenken, nur auf dieses konnte Hanier anspielen!« –

»Gut, nehmen wir an, daß die Person – oder sagen wir die Frau – wegen des silbernen Etuis kam. Entweder hat sie ihren Zweck erreicht – oder nicht. Wenn sie das Etui zurückerhielt, so ist es nicht denkbar, daß sie eine Stunde später wieder kam und den Mord verübte. Mußte sie Hanier aus dem Wege räumen, warum that sie es nicht gleich beim erstenmal? – Erhielt sie aber das Etui nicht – dann ist die Art ihrer Rückkehr noch unbegreiflicher. Um nichts und wieder nichts setzt doch niemand Freiheit und Leben aufs Spiel. War sie das erste Mal ins Haus gekommen, ohne Gewalt zu gebrauchen, weshalb sollte sie beim zweiten Mal die Thüre sprengen? Hatte ihr auch Hanier die Rückgabe des Etuis beim ersten Besuch verweigert, das zweite Mal konnte er es nicht, da er im Bette lag und schlief: also gelangte es in ihren Besitz – es ist ja auch verschwunden! Wenn sie es denn hatte, warum lockte sie Hanier noch heraus und schoß ihn tot? – Das ist gerade so unwahrscheinlich, als daß eine Frau in dem Laden herumrumort und die ganze Verwüstung angerichtet haben soll! – Verlassen Sie sich darauf, der Mörder war eine ganz andere Person! – Den ersten nächtlichen Besuch mit dem Mord in Verbindung bringen wollen, heißt meiner Ansicht nach nur in die heilloseste Verwirrung geraten. Beide Vorgänge sind unverständlich und geheimnisvoll, aber wir müssen sie gesondert betrachten, wenn wir dahinter kommen sollen.« –

Es entstand eine kurze Pause. Schleppfuß sah nachdenklich zu Boden, dann blickte er auf: »Was Sie da sagen, Herr Inspektor,« hob er an, »klingt sehr einleuchtend und richtig; aber, wenn mich nicht alles täuscht, lassen sich die beiden Vorgänge doch vereinigen, ohne daß man annimmt, es sei dabei mehr als eine Person beteiligt gewesen.«

»Lassen Sie mich immerhin Ihre Meinung hören, bis jetzt ist ja alles nur Vermutung,« erwiderte der Inspektor und lehnte sich in den Stuhl zurück. Er kannte seinen Untergebenen durch und durch; seinem Urteil traute er nicht allzuviel, doch schätzte er seinen Scharfsinn, seine Erfindungsgabe, der er schon manchen nützlichen Wink zu verdanken hatte.

Mit einem Feuer, wie es nur den schaffenden Künstler beseelt, setzte Schleppfuß nun seine Ideen auseinander: »Ohne Wissen seiner Frau und seiner vertrauten Freunde war Hanier – so nahm er an – Mitglied eines politischen Geheimbundes, in welchem sich weitgehende Umsturzprojekte vorbereiteten. Er war mit den Häuptern der Verbindung, Leuten von hoher gesellschaftlicher Stellung, genau bekannt und genoß ihr Vertrauen, so daß er mit der Zeit in wichtige Geheimnisse eingeweiht wurde. Möglich, daß das silberne Etui hiermit in irgend einer Verbindung stand – vielleicht war es ein Abzeichen, welches dem Besitzer gewisse Vorrechte verbürgte. – Aus unbekannten Gründen verlor Hanier jedoch das Vertrauen des Bundes – er hatte sich vielleicht geweigert, eine That zu vollbringen, für die er auserlesen worden. – Dadurch entstand die Notwendigkeit, das silberne Cigarettenetui zurückzubekommen und sich Haniers selbst zu entledigen.«

»Nun kam es aber der Gesellschaft vor allem darauf an,« fuhr Schleppfuß mit besonderem Nachdruck fort, »daß der Verdacht des Mordes nicht auf sie gelenkt wurde. Wenn man Hanier tot fand und nur das silberne Etui vermißte, so konnten die zwei Umstände leicht von der Polizei in Verbindung gebracht und dadurch die Entdeckung des Thäters herbeigeführt werden; denn keinem Verbrechen wird so rastlos nachgespürt als einer Mordthat. Hatte aber allem Anschein nach das Verschwinden des silbernen Etuis nichts mit dem Morde zu schaffen, so galt dieser für die That gemeiner Bösewichte und die richtige Fährte – auf welche das Cigarettenetui hinwies – blieb unaufgespürt.« –

»Gesetzt auch,« unterbrach ihn der Inspektor etwas ungeduldig, »es verhielte sich alles wirklich so, wie Sie sagen, so erklärt das weder den zweiten Besuch noch den Einbruch. Es wäre auch auf andere Art ein Leichtes gewesen, der Sache den Anstrich eines gewöhnlichen Raub- und Mordanfalls zu geben.«

»Aber,« warf Schleppfuß mit großer Beharrlichkeit ein, »wie sollten gewöhnliche Diebe denn wissen, wo sich das Etui befand? Nur Hanier selbst konnte enthüllen, an welchem Platz er es verwahrte. Jene Frau erhielt Auftrag, dies von ihm zu erkunden. Sie mußte ihn allein sprechen, darum wartete sie bis Mitternacht. Natürlich war ihm schon von früher her bekannt, daß sie mit der Gesellschaft in Verbindung stehe. Irgend welche auszurichtende Botschaft mußte ihr als Vorwand dienen, das Etui kam nur gelegentlich zur Sprache, denn Hanier durfte vor allem nicht Argwohn schöpfen, daß man Böses gegen ihn im Schilde führe, sonst wäre er auf seiner Hut gewesen und der ganze Plan wäre gescheitert. Nachdem die Abgesandte erfahren, was sie wissen wollte und Hanier ganz in Sicherheit gewiegt war, verließ sie das Haus wieder. Eine Stunde später erfolgte der Einbruch; dabei kann sie Gehilfen gehabt haben, denen sie nur den Versteck des Etuis anzugeben brauchte, ohne selbst zugegen zu sein. – Da aber Haniers Sohn nicht zu sagen weiß, ob es der Schatten eines Mannes oder einer Frau war, den er auf dem Holzhof gesehen – so wäre die Gegenwart der Frau nicht ausgeschlossen. Nach meiner Ansicht war also der erste Besuch die notwendige Vorbedingung und der zweite die Folge des ersten; so erklärt sich auch die seltsame Verwüstung des Ladens, die sonst ganz zwecklos erscheint und ferner« – schloß Schleppfuß mit bedächtigem Kopfnicken, »das aufgeregte und sonderbare Benehmen der Frau, die ich am folgenden Morgen auf der Straße sah.«

»Sie glauben also in ihr die Schuldige zu erkennen?« fragte der Inspektor.

»Wenigstens könnte man das fürs erste in Erwägung ziehen.«

Nachdenklich und schweigend saß der Polizeichef eine Weile da, dann sagte er: »An sich ist die Geschichte so unwahrscheinlich nicht. Aber offen gestanden, bezweifle ich stark, daß sich die Sache so zugetragen hat. Wäre Hanier Anarchist oder Nihilist gewesen, so würden wir darum wissen. Diese Leute kommen aus Europa zu uns herüber, um gegen ihre Regierungen Verschwörungen anzuzetteln – nicht gegen unsere; sie machen große Worte und meistens läuft alles auf leeres Gerede heraus. So versteckte und geheimnisvolle Kunstgriffe, wie Sie da annahmen, hätten gar keinen Zweck. Die Sache mit dem silbernen Etui muß aufgeklärt werden, doch wird sie schwerlich mit dem Einbruch und Mord etwas zu schaffen haben. Bis jetzt ist das meine Ueberzeugung – aber ich kann mich irren. – Morgen erhalten wir Bericht über den Revolver, vielleicht bringt uns das auf die rechte Fährte! Inzwischen mögen Sie immerhin die Angelegenheit mit dem Cigarettenetui weiter verfolgen. Haben Sie sich denn eine genaue Beschreibung davon verschaffen können?«

»Genau genug, um als Anhalt zu dienen. Silberne Cigarettenetuis kommen ja überhaupt nicht so häufig vor. Nach dem, was Madame Groux sagt, scheint es ein russisches Fabrikat, feine Niello-Arbeit, massiv und schwer, mit schöner Gravierung und einem Monogramm verziert – sie meint mit ›L. H.‹, den Anfangsbuchstaben von Louis Haniers Namen – doch das ist vielleicht nur ein Zufall.«

»Ein merkwürdiger jedenfalls. Nur wird die Sache dadurch nicht klarer, soviel ich sehe.«

»Im Gegenteil, noch unbegreiflicher,« bestätigte Schleppfuß mit zufriedener Miene.

»Wenn das Etui wirklich von solcher Wichtigkeit ist, wie Sie meinen,« fuhr der Inspektor fort, »so ist es sicher nicht ins Leihhaus gewandert. Entweder ist es gar nicht mehr vorhanden oder es wird sorgfältig verwahrt. Diebe würden es sofort einschmelzen und als Silberbarre verkaufen. Bei einem so leicht kenntlichen Gegenstand wird die meiste Vorsicht angewendet und wir kommen ihm schwerlich auf die Spur.«

»Wohl wahr,« sagte der andere und zog die Stirne in Falten. »Ich muß eben sehen, was sich thun läßt. Vielleicht finde ich den Droschkenkutscher, der sie gefahren hat. Ich könnte einen Aufruf in die Zeitung rücken, daß der Mann, welcher eine Dame am 29. Dezember um Mitternacht nach der 26. Straße gefahren hat, sich melden soll. Oder ich ziehe bei den andern Droschkenkutschern Erkundigungen ein. Möglicherweise begegne ich auch dem Herrn und der Dame selber – dann will ich sie schon nicht wieder aus den Augen verlieren.«

»Wenn die Sache geheim gehalten werden muß, ist der Kutscher natürlich bestochen worden, um reinen Mund zu halten,« bemerkte der Inspektor. »Auch braucht es gar keine Droschke gewesen zu sein, sondern eine Privatkutsche, die ein Helfershelfer gefahren hat. Aber setzen Sie nur Ihre Nachforschungen fort – wir werden ja sehen, was dabei herauskommt. – Haben Sie sonst noch eine Mitteilung?«

»Für jetzt nicht, Herr Inspektor.«

»Dann, gute Nacht.«

Schleppfuß entfernte sich; der Polizeichef griff nach Hut und Ueberzieher, zündete sich eine Cigarre an und überließ das unheimliche Gemach den dort hausenden Gespenstern.

*

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