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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
projectid1f23d3fb
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Achtzehntes Kapitel.
Verhaftet

Am folgenden Morgen kam der Bericht von Charlottens Zusammenkunft mit Mc. Gloin, der dem Inspektor gerade in seine Pläne paßte. Aeußerlich ging im Bureau zwar alles in gewohnter Ordnung, aber für die Eingeweihten war leicht ersichtlich, daß unter der Hand allerlei vorbereitet wurde.

Auch in Gooleys Schenke blieb den Vormittag über alles still; erst gegen vier Uhr fanden sich etliche Gäste ein. Der Mann, den wir schon früher dort gesehen haben – jener stille Fremde, der keine Beachtung erregte und niemand lästig fiel, kam an den Schenktisch, trank ein Glas Bier und zog sich mit einer Cigarre an den Tisch im Hintergrund zurück. Der große Gooley las seine Rennzeitung weiter, welche die Ehre hatte, ihn unter ihre Abonnenten zu zählen. Der Kellner bestreute in hergebrachter Weise den Boden mit frischem Sägemehl, in dem vergeblichen Versuch, den Geruch von abgestandenem Bier und schlechtem Tabak zu verscheuchen, der von dem Lokal ganz unzertrennlich schien. Zwischen den Gläsern und Flaschen schauten die kühnen Gesichter der Helden des Faustkampfs herab und die grimmen Boxerhandschuhe thronten in der Mitte – ein schroffer Gegensatz zu der obwaltenden friedlichen Ruhe.

Die Thür ging auf und herein strolchte Mike Mc. Gloin, gefolgt von seinem Busenfreund Fred Banfield. Sie nahmen am vordersten Tische Platz. Mike sah bleich und verstört aus, als habe er böse Träume gehabt, auch Banfield blickte düster drein. Das Licht vom Fenster fiel auf Mc. Gloins Gesicht; hätte man ihn photographieren wollen, seine Stellung konnte nicht besser gewählt werden. Das unscheinbare Individuum im Hintergrunde verwandte kein Auge von dem Paar. Sie bestellten sich Schnaps und waren bald in eifrigem Gespräch.

Da trat ein unerwartetes Zwischenspiel ein. Mr. Gooley sah von der Zeitung in die Höhe. Wie auf obrigkeitlichen Befehl war die Thür aufgerissen; ein großer Mensch mit blondem Schnurrbart trat ein, unter dem Arm ein Bündel Plakate. Er sah sich mechanisch im Zimmer um, streifte mit den Blicken die beiden Männer am Tisch, das Individuum im Hintergrund und den großen Gooley. Sie alle erkannten in ihm einen Gerichtsdiener des Bezirks, der mit seinen Anschlagzetteln die Runde in den Schenken machte.

»Hier soll einer aufgehängt werden,« sagte er zu dem Wirt und ging gerade auf die Wand zu, vor der Mc. Gloin und Banfield am Tische saßen. Dort war eine Reihe Haken angebracht; an einen derselben befestigte er das Plakat, wandte sich und verließ das Zimmer.

Banfield rückte auf seinem Stuhl herum und blickte nach dem baumelnden Zettel. In großen Buchstaben war darauf folgender Anschlag zu lesen:

Fünfhundert Dollars Belohnung!
werden demjenigen ausgezahlt, welcher die Personen oder die Person zur gerichtlichen Anzeige bringt, die
am 30. Dezember 1881
den Mord an Louis Hanier
verübt hat.

Als die Bedeutung dieser Worte Banfield zum Bewußtsein kam, bückte er sich herab und flüsterte seinem Gefährten zu: »Um Himmelswillen, Mike, sieh das an!«

Mc. Gloin ahnte nicht, wie forschend die Augen des unscheinbaren Individuums auf ihm ruhten. Er sah hin, wandte den Blick wieder ab und zuckte lächelnd die Achseln. »Schon recht,« sagte er, »sie setzen keine Belohnung aus, wenn sie selbst wissen, wie sie den Thäter fangen sollen.«

Am Abend saß Inspektor Byrnes in seinem Bureau, nahm Depeschen in Empfang und erteilte Befehle. Im Vorzimmer waren einige Dutzend Mann von der New-Yorker Polizei versammelt. Sobald der eine oder andere derselben einen Auftrag erhielt, entfernte er sich auf der Stelle. Von den Zurückbleibenden wußte keiner, wohin ihre Gefährten gingen. Strenge Verschwiegenheit ist Gesetz im Polizeibureau; jeder Fahnder kennt nur das Geschäft mit dessen Ausführung er betraut ist. Die muskelstarken kräftigen Männer, die hier ihres Auftrages harrend beisammen standen, sprachen von allem andern, nur nicht von der Sache, die im Werke war.

Daß etwas Wichtiges ausgeführt werden sollte, wußten sie wohl und jeder wartete mit der unerschütterlichen Ruhe, die sein Beruf bedingte, auf den Augenblick, in dem er ins Zimmer des Polizeichefs gerufen würde.

Vor dem Inspektor lag auf dem Tisch ein Papier, auf welchem nebst bezüglichen Anmerkungen fünf Namen verzeichnet standen, sie lauteten:

Michael E. Mc. Gloin.
Robert Morrisey.
Thomas Healy.
Frederic Banfield.
Charles Gooley.

Diese fünf Personen sollten verhaftet werden. Welcher Verbrechen sie beschuldigt waren, hätte keiner der damit beauftragten Polizisten erraten können.

Die Festnehmung sollte unfehlbar vor sich gehen, aber mit so wenig Aufsehen wie möglich, im Notfall mit Hilfe einer Droschke, wenn der Verhaftete sich ungebärdig oder auffallend benahm.

Da alle fünf schon seit längerer Zeit unter polizeilicher Aufsicht standen, wußte der Inspektor, wo jeder von ihnen zu finden sei. Er konnte demnach seine Anordnungen so treffen, daß die Verhaftungen fast zu gleicher Zeit erfolgten; doch hatte er Sorge getragen, daß die Gefangenen einander nicht zu Gesicht bekamen. Von dem Augenblick an, daß sie sich in den Händen der Polizei befanden, waren sie von allem andern menschlichen Verkehr ausgeschlossen.

Mit der Verhaftung Morriseys, Healys, Banfields und Gooleys waren bereits verschiedene Abteilungen der Polizeimannschaft beauftragt worden, nur Mc. Gloin blieb noch übrig. Diesen wollte der Inspektor selbst übernehmen. Er wählte drei Polizeidiener zu seiner Begleitung; je zu zweien verließen sie das Hauptquartier und trafen an der Ecke der 19. Straße W. und der sechsten Avenue wieder zusammen.

Hier befand sich die Kneipe eines gewissen Macdermott; sowohl dieser als sein Lokal standen bei der Polizei im übelsten Ruf und von den dort an jenem Abend um das Billard und den Schenktisch versammelten Gästen wandelte wohl keiner auf guten Wegen.

Es hatte den ganzen Tag geschneit; die Straßen schwammen in flüssigem Schmutz und dicke schwärzliche Wolken hingen am Himmel. Drinnen in dem großen Raum brannten mehrere Gasflammen; rechts vom Eingang war der Schenktisch, gegenüber führte eine Thür in die Hausflur und eine andere am untern Ende befindliche nach dem Hinterhof.

Die meisten Gäste standen gerade lachend und trinkend um das Billard, auf welchem die Kugeln aneinander prallten – ein liederliches bösartig aussehendes Gesindel, darunter berüchtigte Diebe und Trunkenbolde. Der Wirt saß mit der Cigarre im Munde hinter dem Schenktisch. Sein Anzug bestand aus allen möglichen Kleidungsstücken: erst vor wenigen Monaten hatte er die gestreifte Zuchthäuslerstracht von Sing-Sing ablegen dürfen.

Die Thür öffnete sich; ein großer fremder Mann trat ein, ging schnellen festen Schrittes durch die Gruppe der Billardspieler bis zur hinteren Thür, die er abschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Dann wandte er sich um und stand da, steif und starr wie eine Bildsäule.

Während aller Augen auf ihn geheftet waren, kam ein zweiter Mann herein, verschloß die Thür nach dem Hausflur und stand Wache davor.

Was hatte dieser Ueberfall zu bedeuten?

Die lärmenden Gäste wurden plötzlich still, die Spieler fuhren unruhig mit den Billardstöcken hin und her; Macdermott nahm die Cigarre aus dem Munde und kam hinter dem Schenktisch hervor. In diesem Augenblick ging die Eingangsthür wieder auf; Inspektor Byrnes trat ein, von einem vierten Mann gefolgt, der nach dem Beispiel der andern die Thüre verschloß und sich als Schildwache davor stellte. So waren in kürzerer Zeit, als der Bericht erfordert, sämtliche im Zimmer Anwesende hinter Schloß und Riegel gefangen.

Macdermott wandte sich in sichtlicher Bestürzung an den Inspektor:

»Was um alles in der Welt geht denn hier vor, Herr?« fragte er.

»Halten Sie sich ruhig, dann werden Sie nicht behelligt,« war die strenge Antwort; hierauf befahl er den Fahndern: »Stellt die Leute!«

Dies geschah sogleich. Im Nu war die ganze anwesende Sippschaft in der Mitte des Zimmers zusammengedrängt.

»Stellt euch in eine Reihe, die Hände in die Höhe – allesamt!«

Es waren hartgesottene Spitzbuben, die da standen, aber sie wußten, mit wem sie es zu thun hatten, keiner wagte Widerstand zu leisten, nur einige der frechsten murrten unwillig. Die Arme nach oben gestreckt, glichen sie Schulknaben, die Turnübungen machen.

»Durchsucht sie!« lautete der nächste Befehl.

Nun begann eine aufregende Szene. Ein Mann, der die Hände gen Himmel streckt, während ihm die Taschen geleert werden, ist in keiner beneidenswerten Lage! – Der Zweck der allgemeinen Durchsuchung war zwiefach. Erstens konnte dabei irgend ein verdächtiger Gegenstand zum Vorschein kommen, dessen Besitz von Nutzen war und zweitens blieb der wirkliche Grund der Ueberrumpelung verborgen. Mehrere Minuten lang hörte man nur die Stimmen der Polizisten, welche von dem, was sich in den Taschen der Gefangenen vorfand, ein Verzeichnis aufnahmen. Nachdem jeder sein Eigentum zurückerhalten hatte, sagte der Inspektor: »Fertig!« und rasch auf einen jungen Mann zuschreitend, der in der Mitte der Reihe stand, legte er ihm die rechte Hand auf die Schulter und rief:

»Ich verhafte Sie, Mc. Gloin!«

Trotz seiner Selbstbeherrschung wurde der Bursche aschbleich.

»Was wollen Sie von mir?« stotterte er.

»Das werden Sie erfahren. Führt ihn fort,« wandte er sich an zwei Polizeidiener. »Im Notfall nehmt eine Droschke! Ich lasse euch später rufen!«

Die übrigen Missethäter verharrten in schweigender Spannung auf ihren Plätzen; keiner wußte, ob nicht zunächst die Reihe an ihn kommen werde. Auch der Inspektor stand unbeweglich, bis der Gefangene sich unter Bewachung auf dem Wege nach dem Hauptquartier befand; dann wandte er sich und verließ die Schenke.

*

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