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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Siebzehntes Kapitel.
Enthüllungen

Zu einer frühern Stunde desselben Abends hatte sich Schleppfuß in dem Hauptpolizeiamt eingefunden.

Daß er etwas Neues brachte, sah ihm Inspektor Byrnes gleich am Gesicht an.

»Was giebt es heute?« fragte er lächelnd. »Haben Sie Entdeckungen über Oberst Desmond gemacht, oder den Fälscher des Pfandscheins aufgespürt?«

»Mit dieser Sache werden wir, denke ich, bald im Reinen sein,« entgegnete der andere, sein Notizbuch herausziehend, in welches er während seines Berichtes zuweilen einen Blick warf. »Zuerst wollte ich der Fälschung auf die Spur kommen. Ich fragte daher bei Sibley, was für Kunden etwa im Laden gewesen, als das Cigarettenetui versetzt wurde. Wir machten uns alle drei daran, die Bücher zu untersuchen. Für das Etui war der Pfandschein Nr. 983 abgegeben worden, der vorhergehende für einen Ueberzieher mit seidenem Futter, und der folgende – 984 – für eine silberne Uhr. Einen dieser Scheine mußte der Mann erhalten haben, den wir suchen. Den Ueberzieher hatte ein gewisser Karl Schnabel verpfändet, der schon öfters im Laden gewesen war; er gehörte zu einer kleinen deutschen Schauspielertruppe und schien nicht der Mann für ein solches Unternehmen. Auch mußte sein Geschäft beendet gewesen sein, und er hatte in dem Laden nichts mehr zu suchen, als der Eigentümer des Etuis eintrat. Sibley hatte ihn bedient und behauptete, er habe sein Geld genommen und sei gleich fortgegangen.«

»Also Nr. 984,« sagte der Inspektor.

»Das schien außer Frage. Ein Mann namens Robertson war im Buch eingetragen – John Robertson, wohnhaft Broadway Nr. 1280. Weder Sibley noch sein Gehilfe konnten sich im Augenblick an ihn erinnern. Ich empfahl ihnen, darüber nachzudenken und suchte unterdessen die angegebene Adresse auf; wie ich erwartete, war aber Broadway Nr. 1280 keine Person des Namens bekannt.

Als ich zu Sibley zurückkam, war dem Gehilfen Isaak inzwischen eingefallen, daß der Mann, welcher sich Robertson nannte, hereingekommen sei, während Sibley den Eigentümer des Etuis bedient habe; Sibley war dagegen der Meinung, es sei schon jemand im Laden gewesen, er kann sich aber irren, da er zu sehr mit dem Aussehen und Benehmen seines Kunden beschäftigt war, um etwas anderes zu beobachten. Isaak schien seiner Sache ganz gewiß; auf meine Frage, wie der Mann ausgesehen habe, erwiderte er, er sei jung gewesen, frisch von Gesichtsfarbe und habe mit etwas ausländischem Accent gesprochen – nicht wie ein Deutscher oder Franzose, auch nicht irländisch, eben nicht so wie ein Eingeborener. Ich riet auf einen Engländer, und als ich Isaak einige Sätze vorsprach, sagte er, so habe es geklungen.«

»Ein junger rotwangiger Engländer? – Das würde auf Robert Johnson passen,« sagte der Inspektor nachdenklich.

»Das fiel mir gleich ein,« rief Schleppfuß mit befriedigter Miene. »Der Name hatte einen mir so bekannten Klang – John Robertson, dachte ich bei mir – auf einmal wußte ich's! Das muß Robert Johnson sein, mit verstelltem Vornamen – ein Pseudonym, wie man es wohl im Drang der Umstände wählt. Ich wollte mir hierüber Gewißheit verschaffen, begab mich geraden Wegs nach Jersey City, fand Johnsons Wohnung und verlangte ihn zu sprechen. Die Wirtin sagte, er sei in seinem Geschäft in New-York und würde erst spät zurückkommen. Ich plauderte mit ihr, wobei sie ihn aus allen Kräften lobte. Als ich fragte, ob er jeden Abend zu einer bestimmten Stunde nach Hause käme, sagte sie, im allgemeinen wohl, aber er wäre auch schon länger hintereinander weggeblieben.

›An Feiertagen vermutlich, oder bei ähnlicher Veranlassung,‹ warf ich ein. – ›Ja,‹ meinte sie, ›einmal um Neujahr sei er am Freitag nach der Stadt gefahren und erst am folgenden Montag Abend zurückgekommen.‹ – Das wäre gerade die Zeit, als der Mord begangen und das Etui versetzt wurde.«

Der Inspektor nickte zustimmend. »Sein Alibi würde er demnach nicht beweisen können,« bemerkte er.

»Freilich nicht! Aber ich war noch nicht ganz befriedigt. Die Fähre von Jersey City ging um ein Uhr ab; ich telegraphierte an Isaak, er solle mich um zwei im Astor Haus treffen. Von dort begab ich mich mit ihm nach der Gravieranstalt und erwirkte mir die Erlaubnis, mit einem Freunde durch die Geschäftsräume zu gehen und das Verfahren zu besichtigen. Ich hatte Isaak gesagt, wenn er jemand sähe, der John Robertson ähnlich sei, solle er ihn mir zeigen. Wir kamen durch verschiedene Säle, zuletzt in die Druckerei; da stand Johnson und sprach mit dem Faktor. Ich ließ mir nichts merken, aber als Isaak zufällig hinübersah, faßte er mich beim Arm und rief: ›Da steht er, das ist der Mensch, der die silberne Uhr versetzt hat. Ich würde ihn überall wiedererkennen.‹«

»Gut,« sagte der Inspektor, »das haben Sie sehr geschickt angestellt. Daß Johnson den Schein gefälscht hat, scheint erwiesen. Aber wie soll man es sich erklären? Was kann er für einen Zweck gehabt haben?«

»Nun, ich denke mir's so,« entgegnete Schleppfuß, »Johnson muß des Obersten Feind sein, sich aber in sein Vertrauen eingeschlichen haben. Der Oberst, dem er offenbar zu schaden sucht, hat keinen Verdacht gegen ihn. Er ist vor nicht einem Jahr aus England gekommen und in sein Geschäft eingetreten! Sieht das nicht aus, als sei er herübergekommen, oder geschickt worden, um etwas gegen ihn zu unternehmen? Der Oberst ist Irländer, sein Treiben zum Teil geheimnisvoll. Als ich neulich auf dem Maskenball war, brachte mich Mc. Bride, der Droschkenkutscher, auf seine Spur. Er trug einen roten Domino und ich sah noch vier oder fünf andere in gleicher Verkleidung. Sie tauschten Zeichen miteinander und kamen schließlich hinter den Coulissen zusammen. Ich schlich mich in ihre Nähe, so daß ich etwas von ihrer Unterhaltung hören konnte. Es waren lauter Irländer; so viel ich verstand, sprachen sie über England, über Urkunden und politische Beschlüsse – was mich überraschte, denn ich war auf Enthüllungen über die Mordthat gefaßt. Plötzlich wurde mir klar, daß sie Mitglieder eines Geheimbundes – daß sie Fenier sein müßten.«

»Das klingt nicht gerade unwahrscheinlich,« bemerkte der Inspektor. »Und was weiter?«

»Ein unerwarteter Zwischenfall trat ein, es entstand ein großer Krach, ein Brett fiel um und alles stob auseinander. Erfahren konnte ich weiter nichts; aber ich habe mir die Sache überlegt und bin zu folgendem Schluß gekommen: Robert Johnson ist –«

Schleppfuß wurde durch ein Klopfen an der Thüre unterbrochen. Der eintretende Polizeidiener flüsterte dem Inspektor etwas zu, was diesen in Staunen zu versetzen schien. »Lassen Sie ihn herein!« sagte er und fügte, sich an Schleppfuß wendend, hinzu: »Hier kommt Robert Johnson selbst!«

In der That erschien der Engländer bald darauf und grüßte den Polizeichef ehrerbietig.

»Ich wünsche Ihnen einige Mitteilungen zu machen, Herr Inspektor,« sagte er, »die Ihnen vielleicht von Nutzen sind; sie betreffen mich selbst und einige andere Personen. Soll ich vor diesem Herrn sprechen?« fügte er mit einem Blick auf Schleppfuß hinzu.

»Unbesorgt,« entgegnete der Inspektor; »er weiß wahrscheinlich mehr von Ihnen als ich.«

»Ich zweifle nicht daran, daß er vieles weiß,« erwiderte der andere, »auch ist dies, um die Wahrheit zu gestehen, der Grund meines Hierseins. Seit meiner letzten Unterredung hier mit Ihnen hat man mir nachgespürt – das weiß ich. Sie würden früher oder später entdeckt haben, was ich vielleicht zu verbergen wünschte. So halte ich es denn für das Beste, alles zum voraus aufzuklären. Auch möchte ich einigen Mißverständnissen vorbeugen, in die ich selbst verfallen bin und welche auch Ihnen Schwierigkeiten verursachen könnten.«

Nach dieser Einleitung erzählte er seine Geschichte, deren Inhalt wir hier wiedergeben.

Sein Name war wirklich Robert Johnson, er stammte aus England und stand im Dienste der englischen Geheimpolizei. (Als dies herauskam, nickte Schleppfuß zustimmend; seine Vermutung hatte sich bestätigt.) Er war nach New-York geschickt worden, um Oberst Desmond zu überwachen, den man für eins der hervorragendsten Mitglieder des Fenierbundes hielt. Den englischen Behörden war eine Anzahl Depeschen und Dokumente in die Hände gefallen, welche von Feniern herrührten, aber alle in einer Geheimschrift geschrieben waren, deren Schlüssel, wie man glaubte, sich in Oberst Desmonds Besitz befand. Johnsons Auftrag ging dahin, kein Mittel unversucht zu lassen, um hierüber Gewißheit zu erlangen, sich womöglich die Geheimschrift zu verschaffen und dieselbe nach England zu schicken.

Daß er Graveur war, hatte bei der Wahl den Ausschlag gegeben. Als Angestellter in Oberst Desmonds Gravieranstalt, konnte er, ohne Argwohn zu erregen, mit dem Mann, den er betrachten sollte, in persönliche Beziehung treten. Bald stand denn auch Johnson mit dem Obersten auf vertrautem Fuße und wußte ihn durch das Interesse, welches er für die Sache Irlands äußerte, noch mehr für sich einzunehmen. Ohne etwas von den Geheimnissen des Bundes zu verraten, ließ der Oberst durchblicken, der junge Mann könnte mit der Zeit selbst Aufnahme finden, wozu sich dieser bei verschiedenen Gelegenheiten bereit erklärte.

Teils um sich Zutritt im Hause des Obersten zu verschaffen, teils aus anderen näher liegenden Gründen, setzte Johnson durch, daß Lieschen Pond Gesellschafterin bei Mrs. Desmond wurde. Ohne daß sie selbst eine Ahnung von seinem Beruf oder von seinen eigentlichen Zwecken hatte, gelang es ihm mit ihrer Hilfe, sich über alles, was im Hause vorging, ziemlich auf dem Laufenden zu erhalten. Er überzeugte sich, daß Mrs. Desmond nichts von des Obersten geheimen Plänen wisse. Sie war nur eine schöne Frau mit großer musikalischer Begabung und Freude an ästhetischen Genüssen, aber ohne Verständnis für Geschäfte und Politik.

Verschiedene Gründe sprachen dafür, daß der Schlüssel zu der Geheimschrift, nach welchem Johnson forschte, sich wirklich in des Obersten Besitz befand, aber lange wandte er vergeblich allen Scharfsinn auf, um ihn zu entdecken. Er mußte an einem Ort verwahrt sein, der leicht zugänglich war, wo ihn aber niemand als der Oberst erlangen konnte.

Endlich geriet Johnson doch noch auf die richtige Fährte. Er hatte von einer Zusammenkunft Kunde erhalten, welche bei einem Führer des Fenierbundes stattfinden sollte. An dem hierzu bestimmten Tage übergab der Oberst ihm das Billet an seine Frau, in welchem er diese aufforderte, ihm sein Cigarettenetui zu bringen. Johnson öffnete den Brief im Beisein des Chefs der englischen Geheimpolizei von New-York und da der Inhalt verwunderlich schien, wurde beschlossen, die Spur weiter zu verfolgen.

Da trat ein unvorhergesehenes Hindernis ein. Mrs. Desmond konnte der Aufforderung ihres Mannes nicht Folge leisten. Das Cigarettenetui schien verschwunden. Wo war es? – Durch Lieschens Bericht gelangte Johnson zu dem Schluß, Mrs. Desmond müsse es Hanier geschenkt haben. Der Auftritt zwischen Mrs. Desmond und Hanier, dessen Zeuge Lieschen gewesen, ließ dies als sehr glaubhaft erscheinen, während des Oberst sichtliche Besorgnis über das Schicksal des Etuis die Annahme nahe legte, daß etwas wichtiges dahinter stecken müsse. Was Lieschen von dem häuslichen Sturm erzählt hatte, deutete auf ein von Mrs. Desmond abgelegtes Geständnis und die nächtliche Fahrt zu Hanier konnte nur den Zweck haben, das Etui wieder zu erlangen. Der Mord brachte jedoch eine unerwartete Verwicklung in die Angelegenheit.

Wer konnte der Thäter sein? – Die Umstände, welche Johnson bekannt waren, sprachen mit großer Wahrscheinlichkeit für des Obersten Schuld. Haniers Einverständnis mit Mrs. Desmond und die Möglichkeit, daß er das Geheimnis des Cigarettenetuis entdeckt haben könnte, waren genügende Beweggründe. Der Oberst, der kurz zuvor in Haniers Haus gewesen war, konnte noch rechtzeitig dahin zurückgekehrt sein, um die That zu vollbringen.

Johnson beschrieb nun, wie er seine eigenen Zwecke weiter verfolgt und sich das Etui von dem Pfandleiher verschafft habe, wobei ihm seine Fertigkeit im Gravieren sehr zu statten kam. Die entdeckte Geheimschrift hatte er durch den New-Yorker Agenten sofort an die englischen Behörden geschickt. Als er sich aber des Cigarettenetuis wieder entledigen wollte, indem er es im ersten besten Leihhaus versetzte, war er vom Inspektor verhaftet worden, der allen Pfandverleihern Befehl erteilt hatte, jeden, der sich mit dem fraglichen Gegenstand einfände, zurückzuhalten. Auch sein Abenteuer auf dem Maskenball erwähnte Johnson und den Mißgriff, den er begangen, weil Lieschen Pond das ihrer Herrin vorgeschriebene Kostüm angelegt hatte.

»Soll ich hieraus folgern,« fragte der Inspektor bei dieser Stelle der Erzählung, »daß Sie Oberst Desmond des Mordes beschuldigen und Anklage gegen ihn erheben wollen?«

»Hätten Sie diese Frage gestern an mich gestellt,« entgegnete jener, »ich würde dieselbe sehr entschieden bejaht haben; heute kann ich sie mit noch weit größerer Entschiedenheit verneinen!«

Bei dieser Antwort zog der Inspektor die Augenbrauen in die Höhe und Schleppfuß fuhr von seinem Stuhl empor, bezwang sich aber wieder und blickte den Engländer mit atemloser Spannung an.

»Heute zum erstenmal seit dem Maskenball,« fuhr dieser fort, »konnte ich zu einer Unterredung mit Miß Pond gelangen. Ich war vorher stets abgewiesen worden, wahrscheinlich, wie ich annahm, weil sie mir zürnte, daß ich Mrs. Desmond hatte beeinflussen wollen, und daß ich nicht der einfache Graveur war, für den ich mich ausgegeben, sondern ein Beamter der englischen Geheimpolizei. Durch unser heutiges Gespräch ist nun das Verfahren des Obersten und seiner Frau in ein für mich ganz neues Licht gestellt worden.

Sie wissen ohne Zweifel, daß Mrs. Desmond eine geborene Französin ist. In ihrem zwanzigsten Jahre machte sie unter dem Namen Mlle. Spinalba ein glänzendes Debüt an der Oper. Zuerst trat sie in Frankreich und Deutschland auf, nahm dann Engagement für London an und sang im Covent Garden Theater. Dort machte Oberst Desmond ihre Bekanntschaft, verliebte sich in sie und bot ihr seine Hand an. Er heiratete sie unter ihrem Künstlernamen in der Ueberzeugung, daß dies ihr wahrer sei; auch blieb ihm unbekannt, daß sie die Tochter eines französischen Handwerkers war und ihr Bruder ein Liqueurfabrikant Namens Louis Hanier.«

»Ihr Bruder!« rief Schleppfuß mit stockender Stimme. »Nun ist alles klar!«

Johnson erzählte nun, wie Mrs. Desmond, die mit ihrem Manne in New-York lebte, hier eines Tages ihren Bruder in seiner verlassenen Lage entdeckte. Ihrem Mann wagte sie nicht die Verwandtschaft einzugestehen; der Oberst besaß starke aristokratische Vorurteile und glaubte, seine Frau gehöre einer vornehmen, wenn auch verarmten Familie an. So entschloß sie sich denn, ihren Bruder als ersten Diener in ihr Haus zu nehmen und er wäre wahrscheinlich bis zum heutigen Tage in dieser Stellung, hätte nicht Oberst Desmond zwischen Hanier und seiner Frau eine, wie ihm schien, ungehörige Vertraulichkeit bemerkt. Dies der Grund, daß der Tafeldecker seinen Abschied erhielt. Mrs. Desmond half ihm jedoch die kleine Weinhandlung mieten und einrichten, auch unterstützte sie ihn sonst mit Geldsummen und Geschenken.

Auf ihr Verlangen verbarg Hanier auch vor seiner Frau, daß ihre Wohlthäterin seine Schwester sei, und der Oberst erfuhr nichts von ihrer fortgesetzten Verbindung.

So kam das Weihnachtsfest heran. Mrs. Desmond hatte am Weihnachtsabend ihre Einkäufe gemacht; als sie spät nach Hause kam, sah sie jedoch, daß sie vergessen hatte, ein Geschenk für ihren Bruder zu besorgen. Es that ihr leid, daß er zum Feste leer ausgehen sollte, da fiel ihr das Cigarettenetui ein, das sie in ihres Mannes Schublade hatte liegen sehen; er schien keinen Wert darauf zu legen, und da er kein Raucher war; glaubte sie, er werde es nicht vermissen. Mit dem, was nun folgte, ist der Leser schon bekannt.

Als Mrs. Desmond sah, in welche Aufregung ihr Mann über den Verlust geriet, konnte sie seinen strengen Fragen, seinem Drängen gegenüber nicht länger mit der Wahrheit zurückhalten. So sehr auch der Oberst anfänglich über die Nachricht erstaunte, daß Hanier ihr Bruder sei, faßte er die Sache doch schließlich weit milder auf, als sie gefürchtet hatte. Er äußerte sogar seine Ansicht, was in seinen Kräften stehe zur Verbesserung von Haniers Lage zu thun und ihm bei seinem Fortkommen behilflich zu sein. Vor allem galt es aber ohne Zeitverlust wieder in den Besitz des Cigarettenetuis zu gelangen. Kein Bote konnte mit dem Auftrag betraut werden; so wurde denn beschlossen, daß Mrs. Desmond sich selbst zu Hanier begeben solle und zwar, um Aufsehen zu vermeiden, erst nachdem dieser den Laden zur Nacht geschlossen hatte. Der Oberst ergriff diese Vorsichtsmaßregel in der Besorgnis, die englischen Kundschafter, welche, wie er wußte, in New-York auf der Lauer waren, möchten das Etui und seinen Inhalt aufspüren. Die Heimlichkeit nützte ihm jedoch nichts, da der Mann, gegen welchen er nicht den geringsten Verdacht hegte, ihnen nach der Weinhandlung folgte und aus dem, was dort geschah, seine eigenen Schlüsse zog. Aus Vorsicht hatte der Oberst noch einen Revolver eingesteckt, den er neben sich legte, um das Etui zu unterst in der Tasche zu verwahren. Beim Aussteigen war die Waffe vergessen worden und in der Droschke liegen geblieben.

Als sich am nächsten Morgen die Nachricht von Haniers Mord verbreitete, war Mrs. Desmond natürlich in höchster Aufregung; auf ihre leidenschaftlichen Bitten begleitete sie der Oberst nach der 26. Straße. Sie sahen die Menschenmenge, den Polizeidiener vor der Thür, und erkannten, daß sie nicht zu der Leiche gelangen konnten, ohne sich auffällig zu machen, was sie vor allem zu verhindern wünschten; der Oberst beredete seine Frau, mit ihm nach Hause zu kommen. Tags darauf versetzte er das Cigarettenetui, um es, wie der Inspektor ganz richtig vermutet hatte, an einen vollkommen sicheren Ort zu bringen, wo er doch im Notfall dazu gelangen konnte. In dieser Erwartung sah er sich jedoch getäuscht.

»Es bleibt nur noch zu erwähnen,« fügte Johnson hinzu, »daß der Oberst erwiesenermaßen das Haus nicht verlassen hat, nachdem er mit seiner Frau zurückgekehrt war. Sowohl Miß Pond als zwei Diener können dies bezeugen. Auch fällt durch die Entdeckung des verwandtschaftlichen Verhältnisses jeder mögliche Beweggrund zu der That mit einem Mal fort. Ich habe mit dem Oberst eine Unterredung gehabt und ihm Aufschluß über meine Person gegeben, wie Ihnen jetzt. Auf sein Verlangen mache ich hier die bezüglichen Angaben. Er wird sie bestätigen, falls dies erforderlich scheint. Auch nehme ich Gelegenheit, Ihnen mitzuteilen, daß ich im Begriff stehe, den Dienst bei der englischen Geheimpolizei aufzugeben und mich als Bürger hier im Lande niederzulassen. Miß Pond, um deren Hand ich mich beworben, hat dies zur Bedingung gemacht, wenn sie meinen Wünschen Gehör schenken soll. Ich habe den Auftrag ausgeführt, welchen ich übernommen; meine Thätigkeit in dieser Richtung ist nun zu Ende. Dies, meine Herren, ist alles, was ich zu sagen habe.«

»Wahrlich,« bemerkte der Inspektor, sich an Schleppfuß wendend, »das schlimmste Hindernis, das unser einem begegnen kann, ist, auf eine falsche Fährte geraten. Ihrer Thatkraft und Umsicht haben wir es hauptsächlich zu verdanken, daß wir aus diesen Irrwegen endlich den Ausgang gefunden. Die Ihnen dafür gebührende Anerkennung wird nicht ausbleiben. – Nun gilt es aber, die andere Spur zu verfolgen; ich bin überzeugt, daß sie uns zur Enthüllung der geheimnisvollen Begebenheit verhelfen wird.«

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