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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Sechzehntes Kapitel.
Eine Vertraute

Für Charlotte, die Mc. Gloin schon von Ansehen kannte, hatte es keine Schwierigkeit, mit ihm zusammenzutreffen. Sie war ihm von vornherein nicht geneigt gewesen und fühlte sich auch jetzt nicht zu ihm hingezogen; doch nahm sie ein Interesse an ihm, ähnlich wie der Advokat an seinem Klienten, der Künstler an seinem Bilde. Er war der Stoff, mit dem sie in ihrem neuen Berufe arbeiten sollte! – Aus wie verschiedenartigen Beweggründen die Mädchen den Männern Aufmerksamkeiten erweisen, wissen diese ja nie; Mc. Gloin war sicherlich weit entfernt zu ahnen, welche Zwecke Charlotte dabei verfolgte.

In der Verstellungskunst war sie Meisterin. Ihre natürliche Anlage in dieser Richtung zur vollsten Entwickelung zu bringen, dazu hatte der verhältnismäßig kurze Aufenthalt in der Großstadt genügt. Auch mit den Nachtseiten derselben, mit den krummen Wegen und Schlupfwinkeln war sie bekannt geworden und trotz ihrer guten Erziehung daheim hatte sie sich rasch mit Sprache, Sitten und Gebräuchen der Gosse vertraut gemacht. So war sie denn für ihr Geschäft wohl ausgerüstet.

Mc. Gloin, der sich gern seines Glücks bei den Weibern rühmte, war bisher über Charlottens sichtbare Gleichgültigkeit etwas beleidigt gewesen. Ihre plötzliche Würdigung seiner Person hätte einem älteren und weniger eingebildeten Menschen wohl verdächtig erscheinen können; er aber hielt sie nur für den unausbleiblichen Sieg, der ihm früher oder später gewiß war. Ihre anfängliche Sprödigkeit machte ihn zugleich noch eifriger in seiner Bewerbung um ihre Gunst, als er sonst wohl gewesen wäre. Sie dagegen bestärkte ihn zwar in dem Glauben, er habe Eindruck auf sie gemacht, hielt ihn sich aber wohlweislich fern genug, um ihn stets mehr zu reizen.

»Mit dir geht mir's anders, Mike,« sagte sie zu ihm, »wie mit andern Männern. Ich weiß, du machst dir nichts aus mir und ich wäre dir bald zum Ueberdruß. Aber ich habe noch nicht alles Gefühl verloren und mag mich nicht an dich wegwerfen. So laß uns denn gute Freunde sein und weiter nichts.«

Mc. Gloins Erwiderung auf solche Worte kann man sich denken. Doch hat dieses Liebesgespräch in seiner Verzerrung wenig Anziehendes oder Unterhaltendes; wir übergehen es daher soviel wie möglich mit Stillschweigen. Das Ende davon war, daß der Bursche sich bethören ließ und bereit war, alles zu thun – wenigstens seinen Reden nach – um Charlottens Bedenken zu besiegen. Ueber ihre Gespräche mit ihm erstattete sie Bericht im Hauptquartier und endlich wurde beschlossen, einen Versuch zu wagen, ob er mit der Sprache herausgehen würde.

Charlottens Wohnung lag in einer abgelegenen aber ziemlich anständigen Gegend der Stadt, westlich vom Washington Square. Sie bestand aus Wohnzimmer und Schlafzimmer, die durch einen schmalen Gang verbunden waren, in welchen an jedem Ende eine Thür mündete. Die Zimmer gingen beide nach dem Vorsaal hinaus, neben welchem sich noch ein kleiner Verschlag befand zur Aufbewahrung von Koffern und Schachteln. Mc. Gloin hatte bisher des Mädchens Adresse nicht gekannt; zur Erreichung des Zweckes aber schien es nunmehr geboten, daß sie ihm bei sich Einlaß gewährte. Als Inspektor Byrnes ihr seine letzte Anweisung erteilte, empfahl er ihr, einen tiefen Blick in die geheimen Falten von Mc. Gloins bösem Gewissen zu thun. »Wir haben Grund anzunehmen, daß er etwas sehr Schlechtes begangen hat,« fügte er hinzu; »wundere dich nicht, wenn sich herausstellt, daß es eine große Missethat ist.«

»Ich werde mein Bestes thun, Herr Inspektor,« erwiderte das Mädchen; »ich denke, ich kann ihn herumbringen!«

»Du würdest damit dem Gericht einen großen Dienst erweisen,« sagte er. »Es ist eine häßliche Aufgabe für ein Mädchen, aber ich verlasse mich auf dich. Jetzt geh', und möge es gelingen!«

Am Nachmittag teilte Charlotte ihrer Wirtin mit, zwei Freunde würden sie zum Abendessen besuchen. Der eine, den sie ihren Bruder nannte, werde wahrscheinlich eine Stunde vor ihr eintreffen, seinen Namen nennen und in ihrer Wohnung auf sie warten. Den andern würde sie selbst mitbringen.

Bei Gelegenheit hatte sie schon erkundet, wie viel geistige Getränke Mc. Gloin vertragen könne und in welchem Stadium er am mitteilsamsten zu sein pflegte. Sie sorgte nun für Vorrat und traf andere notwendige Einrichtungen, dann legte sie ihre besten Kleider an und ging aus. Es war gegen sieben Uhr.

Um acht Uhr wurde an der Glocke gezogen und ein Herr erkundigte sich, ob Fräulein Charlotte schon zurück sei. Als die Wirtin dies verneinte, fragte er, ob das Fräulein nicht hinterlassen habe, sie erwarte ihren Bruder zum Abend? Nachdem er sich als diesen Bruder vorgestellt, ließ ihn die Wirtin hinaufgehen. Er begab sich oben in die Wohnung und man hörte nichts mehr von ihm. Er war wirklich ein sehr ruhiger und geduldiger Mensch, denn es wurde zehn Uhr, ehe Charlotte mit ihrem Freunde nach Hause kam.

Als die zwei eintraten, war die Wohnstube leer und nirgends eine Spur von dem »Bruder« zu entdecken. Charlotte warf aber sogleich einen Blick auf das Kaminsims. In der linken Ecke stand eine kleine Pyramide, aus Pappe zusammengekniffen. Dieser Anblick schien sie zu beruhigen; sie warf die Pyramide ins Feuer und widmete sich ganz der Unterhaltung ihres einzigen sichtbaren Gastes.

Mc. Gloin war offenbar in bester Laune und sehr mit sich und seinem Geschick zufrieden. Er legte Hut und Ueberzieher ab, warf seinen Cigarrenstummel fort und näherte sich dem Mädchen mit süßen Blicken, um sie zu umarmen. Sie aber wich ihm aus und schob den Tisch zwischen sich und ihn.

»Laß das sein, Mike,« sagte sie, »ich habe dir's zur Bedingung gemacht, ehe ich dich herbrachte! Thust du's nicht, so bist du zum letztenmal hier gewesen! Wir wollen zusammen gemütlich zu Abend essen und einen langen Schwatz halten. Wir kennen uns ja noch so gut wie gar nicht und wenn wir Freunde sein sollen, gehört das dazu! Willst du dich vernünftig benehmen oder nicht?«

»So ein Mädchen ist mir noch nicht vorgekommen,« brummte Mc. Gloin unzufrieden. »Du weißt, ich habe mich in dich vergafft und willst mich nur zum Besten haben!«

»Ich weiß ja noch gar nichts von dir,« erwiderte das Mädchen und stellte das Abendessen auf dem Tisch zurecht, während Mc. Gloin sich's auf dem Sofa bequem machte. »Du hast mir nie etwas von dir erzählt. Ein hübsches Gesicht kann auch der schlechteste Kerl haben, und ich glaube, du bist ein ganz schlimmer Kunde.«

»Ich, ein schlechter Kerl!« rief er, in Gelächter ausbrechend, »wie kommst du zu solchem Sparren?«

»Man sagt doch, du kennst weder Scham noch Gram und schreckst vor nichts zurück!«

»Ein Mann kann doch keine Memme sein! – oder möchtest du das?«

»Bewahre! Ein Mann muß sich als Mann zeigen, das versteht sich! Und wenn ich wüßte, daß einer mich gern hat, dem könnte ich viel vergeben. Aber was nützt das Gerede! Ein guter Schluck wird dir lieber sein.«

Sie holte eine Flasche Champagner aus dem Schrank, entkorkte sie geschickt, ohne einen Tropfen zu vergießen, füllte zwei Gläser und reichte eins Mc. Gloin, der es auf einmal hinunterstürzte.

»Donnerwetter!« rief er und wischte sich den Mund mit der Hand, »das ist ein Stoff – den lasse ich mir gefallen! Unter drei Dollars kriegt man so etwas nicht zu kaufen!«

»Schlechtes Zeug halte ich nicht,« erwiderte das Mädchen und warf den Kopf zurück, »und natürlich bekommst du vom besten!«

»Nicht jede kann einem so ein Getränk vorsetzen,« bemerkte er. »Aus welcher Kasse mag wohl das Geld dazu fließen? das möchte ich wissen!«

»Ich habe meine Geheimnisse so gut wie du,« war die Antwort; »wenn du weißt, wem mein Geld zu gute kommt, brauchst du nicht lange zu fragen, wo ich's hernehme.«

»Da hast du recht,« nickte ihr Gefährte beifällig. »Wer sich das Geld verschaffen kann, der bekommt's, so ist's in der ganzen Welt! Wenn du weißt, wo du's hernehmen sollst – um so besser. Ausgeben wollen wir's schon zusammen, auch das, was mir in die Tasche fällt. Damit können wir zwei uns ein behagliches Leben machen! Was meinst du?«

»Mir ist's nicht um dein Geld zu thun, Mike,« entgegnete sie mit zärtlichem Blick und füllte sein Glas von neuem. »Du hast wohl auch nicht allzuviel übrig. Wie solltest du auch! Ich habe nie gehört, daß du irgend ein Gewerbe treibst.«

»Wer arbeitet, hat doch nicht etwa das meiste Geld!« sagte Mc. Gloin mit geheimnisvollem Augenzwinkern. »Ich sage nur dies – sobald ich Geld will, kann ich's haben! Ein Kerl, der New-York kennt wie ich, braucht nicht Hungers zu sterben – auch nicht zu verdursten, was das anbetrifft.«

»Wer's glaubt! – Wenn du morgen zwanzig Dollars haben wolltest, wie würdest du sie dir verschaffen?«

Mc. Gloin trank sein Glas aus und goß sich wieder ein. »Was kümmert's dich!« rief er, »das ließe sich schon machen. Ich kenne ein Dutzend Leute, die mir eine Hand leihen würden, wo fünfmal mehr zu holen wäre. In jeder Kunstreiter- und Seiltänzerbude von New-York kennt man mich so gut wie beim Rennen und Preisfechten. Sie wissen alle, daß sie besser daran thun, gut Freund mit mir zu sein, als mich zum Feinde zu haben. Das kannst du dir auch merken.«

»Du bist doch kein Faustkämpfer, so viel ich weiß!«

»Wenn es not thut, kann ich meine Hände schon gebrauchen; aber man braucht einem Burschen nicht gerade die Fäuste fühlen zu lassen, wenn man ihm eins eintränken will!«

»Sprich nicht so, sonst fürchte ich mich,« rief das Mädchen; »ich bin froh, daß ich kein Mann bin – ich möchte dich nicht zum Zorn reizen, mir wär's bange um mein Leben.«

»Mir ist's schon recht, daß du ein Mädchen bist, du gefällst mir; wer sich was mit dir zu schaffen macht, mag sich in acht nehmen. Ich leide es nicht und es könnte ihm leicht an den Kragen gehen!«

»Oho, Mike, wie du prahlst! Du würdest keinen Mann umbringen, weil er schön mit mir thut – du sprichst nur so!«

»Wirklich, meinst du? Na, ich sage nichts. – Aber höre einmal, du trinkst ja gar nicht! wir wollen teilen, was noch in der Flasche ist.«

»Ich habe noch mehr Vorrat!« rief das Mädchen und brachte eine neue Flasche zum Vorschein. Bei diesem Anblick erheiterte sich Mc. Gloins Gesicht, er lehnte sich behaglich zurück und schmunzelte: »Hier ist's gemütlich, das muß ich sagen! Ich habe nicht übel Lust, gar nicht wieder fortzugehen. Wie wär's, wenn wir die Sache gleich ins Reine brächten?«

Charlotte lachte. »Erst muß ich wissen, wie ich mit dir dran bin, Mike. Was du bist und was du gethan hast, kümmert mich nicht, aber ich muß sicher gehen, daß du's ehrlich mit mir meinst. Bis ich das weiß, unterhalten wir uns eben von Zeit zu Zeit gut miteinander und lassen's dabei bewenden.«

Mc. Gloin stützte die Ellenbogen auf den Tisch und sah zu ihr hinüber. »Was willst du denn eigentlich?« fragte er, »was soll ich thun? Sprich dich aus und sag' mir's!«

»Wie soll ich das wissen,« gab sie zurück. »Thu' was du magst! Aber das sage ich dir, ich will dir nicht zu Willen sein und mit mir machen lassen, wozu dich die Laune treibt; wenn ich nicht auch Gewalt über dich habe und dich zwingen kann, so gut wie du mich! – Jetzt trinke noch eins, alter Kerl!«

»Sag', hast du nichts Kräftigeres als das Zeug?« fragte Mc. Gloin, leerte die zweite Flasche, trank das Glas aus und schlug es auf den Tisch, daß es zerbrach. »Ein Schluck Branntwein wäre jetzt am Platze.«

»Du kannst haben, was du willst, Mike,« versetzte Charlotte und ging wieder zum Schrank. »Hier ist etwas für dich, was dir den Kopf warm machen wird.«

Mc. Gloin mischte sich ein Glas des starken Getränks und schnalzte mit den Lippen. »Das ist das rechte,« sagte er, »das stärkt den Menschen;« dann saß er eine Weile in sich versunken und starrte ins Glas mit unheimlichem Ausdruck. Jetzt sah man ihm den verkommenen und verworfenen Menschen deutlich an, als wären die dunklen Flecken in seinem Gewissen und seiner Erinnerung alle lebendig geworden.

Charlotte bemerkte es und hielt den Augenblick für gekommen, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Was er bis jetzt gesagt hatte, war zu unbestimmt, um vor Gericht als Beweis dienen zu können. Man mußte ihn dazu bringen, besondere Thatsachen anzugeben. Charlotte ging um den Tisch herum, nahm neben Mc. Gloin Platz und legte die Hand auf seinen Arm.

In diesem Augenblick war ein leises Knarren vernehmbar, die Thür nach dem Vorsaal öffnete sich, es entstand ein kleiner Spalt. Das Mädchen wußte, was der Ton zu bedeuten hatte, Mc. Gloin aber war ganz von ihrer Nähe eingenommen. Obgleich der genossene starke Branntwein ihm schon etwas die Sinne benebelte, sah er doch, wie hübsch, wie reizend sie aussah; die angenehme Erscheinung bildete einen wohlthuenden Gegensatz zu den häßlichen Bildern, die vor seinem Geiste aufstiegen.

»Weißt du, Mike,« sagte das Mädchen mit zärtlichem Ton, »was mich zuerst zu dir hingezogen hat?«

»Nun, was denn?«

»Du erinnerst mich an Einen, den ich früher kannte, den ersten Mann, den ich gern gehabt. Damals war ich noch ein junges Ding und wußte nichts von der Welt. So hübsch wie du war er nicht, aber im Ausdruck glich er dir. Wie du eben so dasaßest und vor dich hinstarrtest, kam er mir in den Sinn. An was dachtest du denn?«

»Ich? An nichts!« – Er zuckte die Achseln und rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her.

»Woran sollte ich denken? Ich war nur schläfrig.«

»Er war so alt wie du – aber so schlimm wie er bist du wohl lange nicht. Einen Abend, als wir beisammen saßen – gerade wie wir beide jetzt – erzählte er mir etwas, das er verbrochen. Niemand wußte darum außer mir und niemand anders wird es je erfahren. Ich habe mit keiner Seele davon gesprochen.«

»Wer war der Mensch?« fragte Mc. Gloin.

»Seinen Namen sage ich dir nicht. Er hat mir vertraut und ich will ihn nicht verraten – selbst dir nicht.«

»Wo ist er jetzt?«

»In Südamerika, glaube ich. Er entkam und wird nie hierher zurückkehren.«

»Er entkam? – Warum mußte er denn fliehen?«

»Was er gethan hatte, kann ich dir sagen,« entgegnete Charlotte nach kurzem Schweigen, »weil du nie erfahren wirst, wer er ist. Er hatte einen Mann ermordet.«

Mc. Gloin stieß seinen Stuhl zurück und blickte rasch im Zimmer umher. Seine Lippen zitterten, aber er preßte sie zusammen und knirschte mit den Zähnen. Er wich Charlottens Blicken aus, wandte sich, griff nach der Flasche und goß sein Glas wieder voll. Nachdem er es rasch geleert hatte, sagte er langsam und mit Nachdruck:

»Er war ein verdammter Narr, einem Mädchen davon zu erzählen!«

Charlotte war bitter enttäuscht, verbarg aber jede Spur einer Kränkung. »Er brauchte es nicht zu bereuen,« erwiderte sie nach einer Pause. »Ich rettete ihm das Leben; ich half ihm sein Alibi beweisen.«

Mc. Gloin schwieg eine Weile; er überlegte offenbar. Ein Zweifel an der Wahrheit von Charlottens Geschichte schien ihm nicht zu kommen, obgleich die Erfindung für einen Unbeteiligten ziemlich handgreiflich war. Ihm gingen ganz andere Dinge durch den Kopf. Ein Geständnis, das einem Mädchen wie Charlotte gemacht war, galt nichts vor Gericht, wenn es nicht durch ein anderes Zeugnis bestätigt oder von einem zuverlässigen Dritten gehört worden war. Sein Verhältnis zu ihr konnte aber dadurch eine erwünschte Wendung erhalten. Vielleicht waren auch noch andere Beweggründe mit im Spiel!

»Höre einmal, Mädchen, wie wär's, wenn ich mich auch zum Narren machte, wie jener Mensch! Du sagst, ich sehe ihm ähnlich.«

»Was meinst du?« rief sie und hielt den Atem an. Ihr Herz klopfte und ihre Wangen glühten. Sollte es ihr doch noch gelingen? Sie drehte sich nach ihm um und ihr Blick traf dabei die Thür, welche sich etwas weiter geöffnet hatte.

»Ich erzähle dir den Streich, den wir neulich unternommen haben,« sagte Mc. Gloin mit unsicherer Stimme und zog den Rockkragen in die Höhe. »Wir waren unserer vier – außer mir Banfield, Healy und Morrisey. Wir mieteten einen Karren und fuhren gegen zehn Uhr aus, um einen Fang zu thun. Banfield fuhr und ich schlenderte mit den andern die Straße entlang, als ob wir mit dem Karren nichts zu thun hätten. Von der Bleecker Straße ging's nach dem südlichen Ende der fünften Avenue, da hielt Banfield vor einem Branntweinladen. Ein Faß mit Rum lag vor der Thür; es war noch Licht im Laden, aber niemand gab acht darauf – wir wollten's wagen! Ich und Healy, wir heben das Faß in die Höhe und wollen's eben auf den Karren schieben, da ruft Banfield: »Achtung, Jungens, es kommt jemand!« Und richtig, hinter der Ecke hervor springt der Schutzmann und läuft uns nach. Er kriegt Healy beim Kragen, aber Banfield versetzt ihm eins vom Karren aus mit dem Peitschenknopf, daß ihm der Schädel dröhnte, dann kam ich herbei und traf ihn hinterm linken Ohr, daß ihm Hören und Sehen verging. Er warf die Arme in die Luft und fiel zu Boden wie ein Hafersack. Morrisey schlug ihm noch eins ins Gesicht zum Abschied; dann machten wir uns aus dem Staube – und das Faß nahmen wir doch noch mit.«

Mc. Gloins Bericht war weit weniger zusammenhängend, als wir ihn hier wiedergeben, aber viel eindrucksvoller durch die begleitenden Gebärden. Von Zeit zu Zeit füllte er sein Glas wieder und ehe er ans Ende kam, schwammen ihm die Augen und er lallte nur noch mit schwerer Zunge. Charlotte war bald inne geworden, daß dies nichts mit der Sache zu thun haben könne, welche sie erforschen sollte. Derartige Diebstähle kommen nicht selten vor und werden nicht allzuschwer bestraft. Der Angriff auf die Polizei gab der Sache zwar einen ernsteren Charakter, doch hätte die Behörde schwerlich so große Anstalten getroffen, um den Thäter zu entdecken. Sie war sich also bewußt, daß sie den Hauptzweck ihres Unternehmens verfehlt hatte. Mc. Gloin war entweder unschuldig an dem Verbrechen, dessen man ihn zieh, oder zu schlau, um es zu verraten. Wie dem auch sein mochte, bei dieser Gelegenheit war nichts mehr von ihm zu erlangen; jeder Versuch, ihn noch weiter auszufragen, hätte seinen Argwohn erregt.

So blieb ihr denn nur noch übrig, sich so schnell wie möglich ihres Besuchers zu entledigen. Sie hatte sich zu diesem Zweck mit einem Schlafpulver versehen, das sie ihm in das nächste Glas Branntwein schüttete; bald darauf verfiel er in schweren Schlaf und dumpfe Betäubung. Da öffnete sich die Thür und der so lange verschwundene »Bruder« trat ein.

»Ich that, was ich konnte,« sagte das Mädchen in betrübtem Ton, »aber es war alles umsonst! Die Geschichte ist wahrscheinlich ganz ohne Wert.«

»Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht,« versetzte der andere, »ich werde es im Hauptquartier melden. Er hat zwar nicht gesagt, was wir wissen wollten, aber ich glaube doch, wir haben unsern Mann! Auch die Geschichte mit dem Karren kann uns nützlich sein und dient unsern Zwecken vielleicht eben so gut.«

»Also die ist wahr?«

»Ja wohl, sie ist vor zwei Tagen passiert; man fand den Schutzmann ohne Besinnung und die Thäter entkommen. Er sagt aber, er würde die Kerle wiedererkennen. Wahrscheinlich war dieselbe Bande auch bei der andern Sache beteiligt. Bisher hatten wir keinen Vorwand, sie festzunehmen, was ich hier gehört und gesehen habe, genügt aber vollkommen dazu. Ist Mc. Gloin samt seinen Helfershelfern einmal erst in des Inspektors Händen, so wird die Wahrheit schon an den Tag kommen.«

»Was ich kann, thue ich gern für den Inspektor,« sagte Charlotte, »mich freut, wenn ich ihm doch nützlich gewesen bin. – Was soll mit dem Mann hier werden?«

»Ich will ihn auf das Sofa legen,« sagte der Detektive, »er wird bis zehn oder elf Uhr schlafen. Wenn Sie heute nacht nicht hier bleiben wollen, kommen Sie mit in ein Gasthaus, ich miete dort ein Zimmer für Sie.«

»Nein, danke, ich bleibe hier; ich fürchte mich nicht,« entgegnete das Mädchen mit mattem Lächeln. »Um welche Zeit soll ich morgen ins Bureau kommen?«

»Gegen Mittag; bis dahin habe ich meinen Bericht eingereicht und wenn der Inspektor noch Näheres wissen will, können Sie ihm Mitteilung machen.«

»Gut, ich werde mich einfinden.«

Der Detektive faßte den schlafenden Mc. Gloin unter die Arme und zog ihn auf das Sofa, dann sagte er Charlotte Gute Nacht und ging. Das Mädchen blickte den bewußtlos Daliegenden noch eine Weile an, seufzte dann, ging in ihr Zimmer und schloß sich ein. Das Amt, das sie übernommen, war kein erfreuliches, aber doch besser als ihr früheres Treiben.

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