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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Vierzehntes Kapitel.
Oberst Desmond

Kaum war Robert Johnson fünf Minuten fort, als dem Inspektor eine Visitenkarte überbracht wurde. Er las darauf den Namen: Oberst Hugo Desmond.

»Lassen Sie den Herrn herein,« befahl der Inspektor, während er im stillen dachte: »Ein merkwürdiges Zusammentreffen. Schade, daß ich Mr. Johnson nicht etwas länger hier behalten habe, das hätte mir Zeit und Mühe ersparen können. Sonderbar wäre es, wenn des Obersten Besuch etwas mit ihm zu schaffen hätte!

Der Oberst trat ein und verneigte sich. Er trug einen dicken pelzverbrämten Ueberrock und Pelzhandschuhe, in der Hand hielt er einen Seidenhut und einen Stock mit goldenem Knopf. Sein grauer Bart funkelte vom Frost und die Augen blickten düster unter den buschigen Brauen hervor.

»Herr Inspektor Byrnes, wenn ich recht vermute?« sagte er.

»Zu dienen. Nehmen Sie Platz, Oberst Desmond. Was führt Sie hierher?«

»Man sagt, wer sich selbst nicht zu helfen weiß, kann bei Ihnen Hilfe finden,« entgegnete der Oberst lächelnd. »Mir ist ein Gegenstand abhanden gekommen, den ich hochschätze – aus Gefühlsgründen – es ist ein Andenken an einen lieben Freund; mir liegt daran, ihn womöglich wieder zu erlangen. Vielleicht geben Sie mir einen guten Rat in der Angelegenheit!«

»Was für ein Gegenstand ist es denn?«

»Ein silbernes Cigarettenetui – russische Niello-Arbeit, mit einem Monogramm auf dem Deckel.«

Bei dieser höchst unerwarteten und erstaunlichen Mitteilung des Obersten verzog der Inspektor keine Miene.

»Aus welchen Buchstaben besteht das Monogramm?« fragte er nach kurzem Bedenken.

»Aus den Anfangsbuchstaben meines Namens, H. D.«

»H. D.!« wiederholte der Inspektor bei sich. »Ob es wohl dasselbe ist? – Wir lasen doch L. H. – aber L. und D. sind leicht zu verwechseln.« Laut sagte er: »Wie groß ist das Etui?«

»Etwa drei bis vier Zoll lang und nicht ganz drei Zoll breit. Es ist von massivem Silber, innen vergoldet. Unter fünfzig Dollars ist eine solche Dose nicht zu haben.«

»Wann und wie haben Sie dieselbe verloren?«

»Die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht meinen,« versetzte der andere. »Ich kann wohl sagen, daß mir das Etui erst heute ganz aus den Augen entschwunden ist.«

»Haben Sie es denn verloren, oder ist es Ihnen gestohlen worden?«

»Ich glaubte zu wissen, wo es war, aber als ich hinging, um es zu holen, war es inzwischen fortgenommen worden.«

»Wo glaubten Sie denn, daß es sei?«

»Hm – bei einem Pfandleiher!«

»Wenn Sie meine Hilfe bei Wiedererlangung des Etuis wünschen, Oberst Desmond,« sagte der Inspektor in frostigem Ton, »so müssen Sie mir die Sache in allen Einzelheiten mitteilen. Widerstrebt Ihnen das aus irgend welchem Grunde, so läßt sich natürlich nicht weiter darüber reden.«

»Die Geschichte ist etwas seltsam, aber ich werde sie Ihnen wohl erzählen müssen. Es kam so: Vor etwa vier Wochen, gegen Ende des letzten Monats, vermißte ich das Etui zuerst; es war aus dem Schubfach meines Schreibtischs genommen worden.«

»Wissen Sie von wem?«

»Mein Verdacht fiel auf ein Mitglied meines eigenen Haushalts – aber ich hatte keine bestimmten Beweise, mochte auch nicht weiter forschen – hierüber kann ich mich nicht genauer erklären. – Mein Zweck war, das Etui zurückzuerlangen, mochte es genommen haben, wer da wollte!«

»Gut. Und dann?«

»Ich machte meinen Entschluß bekannt, und bald darauf wurde mir ein Pfandschein zugestellt; das Etui war versetzt worden und konnte gegen den Schein eingelöst werden.«

»Was war die Nummer des Pfandscheins?«

»Neunhundertdreiundachtzig.«

»Und der Name des Pfandleihers?«

»Salomon Sibley; sein Laden ist in der dritten Avenue, bei der 23. Straße.«

»Was thaten Sie darauf?«

»Ich begab mich heute früh mit dem Schein nach dem Leihhaus, zeigte ihn vor und verlangte das Etui. Der Pfandleiher besah den Zettel, machte ein erstauntes Gesicht, ging fort, besprach sich mit einer andern Person, kam dann zurück und brachte mir den Bescheid, das Etui sei schon vor einiger Zeit eingelöst worden.«

»Wie konnte es eingelöst werden, wenn Sie den Pfandschein hatten?«

»Das fragte ich Mr. Sibley auch. Er erwiderte, der Mann, welcher das Etui abholte, habe den Schein vorgezeigt, dieser sei mit dem Duplikat im Buch verglichen worden und richtig befunden. Dabei habe er sich natürlich beruhigt. Doch gab er zu, daß mein Schein ebenso echt aussähe wie der andere und einer von beiden selbstverständlich gefälscht sein müsse. Da ich nun weiß, daß der meinige echt ist, so muß der andere nachgemacht sein.«

»Ein Pfandschein läßt sich wohl fälschen,« bemerkte der Inspektor, »aber sich die richtige Nummer zu verschaffen und die genaue Beschreibung des Gegenstandes ist schon schwieriger. Haben Sie eine Ahnung, auf welche Weise dies geschehen sein kann?«

»Nicht die geringste,« entgegnete der Oberst mit Bestimmtheit.

Der Inspektor überlegte eine Weile. »An welchem Tage wurde das Etui bei Sibley versetzt?« fragte er endlich.

»So viel ich weiß am 31. Dezember.«

»Sie ließen es also eine Zeitlang dort, bevor Sie hingingen, um es einzulösen?«

Der Oberst biß sich auf die Lippe. »Im Augenblicke brauchte ich es nicht gerade; meinen Hauptzweck hatte ich erreicht, ich wußte, wo es war; im Besitz des Scheins glaubte ich meiner Sache so sicher zu sein, als hätte ich das Etui bereits in der Tasche. Im Drang zahlreicher Geschäfte kam ich erst heute dazu, mich danach umzusehen.«

»Ganz begreiflich,« erwiderte der Inspektor, dem des Obersten augenblickliche Verlegenheit natürlich nicht entgangen war. »Wie lange war wohl das Etui versetzt, ehe Sie den Schein erlangten?«

Der Oberst errötete flüchtig. »Genau kann ich das nicht sagen; vielleicht drei oder vier Tage.«

»Das wäre vollkommen genügende Zeit, um die Fälschung ins Werk zu setzen. Die einfachste Erklärung ist, daß die Person, welche das Etui nahm und es versetzte, sich eine Nachbildung von dem Pfandschein machen ließ, ehe sie denselben ablieferte.«

»Ich bezweifle stark, daß die Sache sich so zugetragen hat,« versetzte der Oberst kopfschüttelnd. »Auch ist der gefälschte Schein erst bei Sibley vorgezeigt worden, nachdem ich bereits seit mehreren Tagen im Besitz des richtigen war. Ginge die Fälschung von der Person aus, welche das Etui genommen hat, so würde sie den nachgemachten Schein unverweilt benutzt haben.«

»Das läßt sich hören,« meinte der Inspektor. »Es scheinen demnach mindestens drei Personen bei der Sache beteiligt zu sein. Erstens Sie selbst; dann ein Glied Ihres Haushalts, welches das Etui genommen hat, und drittens die Person, welche den gefälschten Pfandschein vorzeigte. Letztere muß doch von Sibley oder seinem Gehilfen gesehen worden sein. Hat man sie Ihnen beschrieben?«

»Es soll ein älterer Mann mit einem Bart gewesen sein; der Gehilfe behauptete, er habe gedacht, ich sei es selber. Er sagte, er habe ihn sogleich wiedererkannt.«

Der Inspektor blickte seinem Besucher voll ins Gesicht und sagte ruhig: »Der Gehilfe kannte Sie also schon? Davon haben Sie bis jetzt nicht gesprochen. Wenn er den Fälscher mit Ihnen verwechselt hat, muß er doch mit Ihrer äußeren Erscheinung schon vorher vertraut gewesen sein.«

Dieser Einwurf traf den Obersten völlig unvorbereitet; er errötete sichtlich und kam etwas aus der Fassung. »Ich meinte« – stotterte er endlich – »ich habe mich ungeschickt ausgedrückt; ich wollte sagen: als mich der Gehilfe sah, glaubte er, ich sei derselbe, welcher den gefälschten Schein vorgezeigt hatte.«

Der Inspektor mußte innerlich lachen; er fing an, die Sache zu begreifen. Offenbar suchte der Oberst etwas zu verbergen, nämlich die Thatsache, daß er selbst das Cigarettenetui versetzt hatte. Dem Inspektor war wohl eine derartige Vermutung aufgestiegen, doch fehlte ihm noch die Gewißheit. Ehe er sich diese verschaffte, wollte er noch in eine andere Sache Klarheit bringen.

»Jetzt verstehe ich Sie,« sagte er; »der Fälscher muß Ihnen also wirklich ähnlich sehen, oder, was wahrscheinlicher ist, seine Verkleidung absichtlich gewählt haben, um für Sie gehalten zu werden. Vielleicht gelingt es uns, zu erraten, wer er ist. – Sie stehen an der Spitze einer großen Druckerei und Gravieranstalt, wenn ich nicht irre?«

»Ja, aber was hat das mit der Sache zu thun?«

»Es ist nur eine Hypothese, die ich aufstelle. Natürlich sind viele Leute in der Anstalt beschäftigt, von denen einige Sie persönlich kennen müssen. Stehen Sie vielleicht mit einem Ihrer Angestellten in besonders enger Verbindung, so daß er mit Ihnen sowohl im Geschäft, als auch in Ihrem Hause verkehrt?«

»Dies ist nur bei einem jungen Mann der Fall, in den, ich ganz besonderes Vertrauen setze,« bemerkte der Oberst nach einigem Nachdenken. »Ich schätze ihn sehr hoch, sowohl wegen seiner Tüchtigkeit im Beruf als um seiner selbst willen.«

»Darf ich um den Namen dieses Mannes bitten,« unterbrach der Inspektor.

»Er heißt Robert Johnson, ein geborener Engländer, der vor acht oder neun Monaten mit vorzüglichen Empfehlungen in unser Geschäft eintrat. Von einem Verdacht gegen ihn kann keine Rede sein; es ist auch nicht der geringste Anlaß, noch irgend ein erdenklicher Beweggrund vorhanden, der ihn mit der Sache in Verbindung brächte.«

»Dann müssen wir eben anderswo suchen,« bemerkte der Inspektor, der nach solcher Bestätigung von Johnsons Angaben über sich selbst mit diesem fertig zu sein meinte. Er gedachte nun einen kleinen Kunstgriff zu versuchen, um sich zu überzeugen, ob Oberst Desmond (aus einem bisher noch nicht ersichtlichen Grunde) das Cigarettenetui selbst, in eigener Person, bei Sibley verpfändet hätte. Der Oberst saß vor ihm, sein Pelzrock stand offen und eine schöne Uhrkette hing heraus; das gab dem Inspektor einen Anknüpfungspunkt.

»Das wichtigste ist jetzt,« sagte er, »daß wir den Verfertiger des gefälschten Pfandscheins ausfindig machen. Haben wir ihn erst, so wird das Cigarettenetui von selbst zum Vorschein kommen – wenn es überhaupt noch vorhanden ist. Das wird jedoch einige Zeit erfordern – wie lange, läßt sich noch nicht feststellen. Für jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten, Herr Oberst, es ist schon spät.« Er zog seine Uhr und sah danach, dann hielt er sie ans Ohr. »Wissen Sie genau, welche Zeit es ist?« fragte er, »mir scheint, meine Uhr geht nach.«

Der Oberst nahm seine Taschenuhr nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit heraus. Der Besitzer eines solchen Prachtstücks durfte auch mit Recht stolz darauf sein, nicht nur, daß im innern Werk alle neuen Erfindungen angebracht waren, auch das Aeußere war aufs glänzendste ausgestattet, das Gehäuse von massivem achtzehnkarätigem Gold und der Deckel reich mit Diamanten, Rubinen und Smaragden besetzt. Der Inspektor kannte die Uhr beim ersten Blick: es war dieselbe, welche Sibley dem Schleppfuß so umständlich beschrieben hatte, weil sie auf jenen einen so tiefen Eindruck gemacht, und die erhobene Anleihe von fünf Dollars sich so schlecht damit zusammen reimen ließ. So war es also Oberst Desmond selbst, der das Cigarettenetui versetzt hatte; er war es, der um Mitternacht nach Haniers Haus gegangen war, um es von ihm zurückzufordern; es mußte des Obersten Frau gewesen sein, von welcher es Hanier als Weihnachtsgeschenk erhielt. Die Beziehungen zwischen Hanier und den Desmonds bedurften also zunächst der Aufklärung und Erläuterung. Daß damit auch das gewaltsame Ende des französischen Weinhändlers in Zusammenhang stand, schien also kaum mehr zu bezweifeln. Schleppfuß war trotz allem auf der rechten Fährte gewesen. – Warum der Oberst solchen Wert auf das Cigarettenetui legte, und welcher Feind es ihm so geschickt entwendet hatte – das waren Dinge von untergeordneter Wichtigkeit, die sich später ergründen ließen. Hier handelte es sich um die Hauptsache – ob gegen den reichen und angesehenen Obersten der Schuldbeweis zu erbringen war, daß er den unbekannten und unbemittelten Händler ermordet habe, oder daß der Mord von ihm ausgegangen sei.

Wollte man sich aber vergewissern, ob Oberst Desmond wirklich den Galgen verdiene, so durfte er vor allem keinen Argwohn schöpfen, daß das Auge des Gesetzes auf ihm ruhe. Behielt er vollkommene Zuversicht und Freiheit der Bewegung, so würde er sicherlich früher oder später selbst die Glieder zu der Kette schmieden, welche zu seiner Ueberführung dienen konnte. Seine Helfershelfer würden entdeckt, seine Zwecke, sein früheres Leben offenbart werden. – Dann konnte im gegebenen Augenblick die Gerechtigkeit zur Hand sein, um das Vergeltungsamt zu üben.

Als Oberst Desmond aufstand, um sich zu entfernen, erlaubte sich der Inspektor noch zum Schluß einen kleinen Angriff auf seine Nerven, der nicht ohne Erfolg war.

»Ehe Sie gehen,« sagte er, »möchte ich mich noch überzeugen, ob ich alle Daten richtig aufgefaßt habe. Nicht wahr, Sie sagten, das Etui sei am dreißigsten Dezember versetzt worden?«

»Am einunddreißigsten, so viel ich weiß. Der dreißigste war ein Sonntag.«

»Ganz richtig! – Das andere Datum bezieht sich auf ein für mich so wichtiges Ereignis, daß ich es wahrscheinlich unwillkürlich genannt habe.«

»So?«

»Ja, ich dachte an Louis Haniers Ermordung. Sie werden davon gehört haben.«

Der Oberst ließ einen seiner Pelzhandschuhe fallen und bückte sich, um ihn aufzuheben.

»Ich! – ja, ich erinnere mich – es geschah zu der Zeit; ich habe den Mann gekannt. Doch, ich habe Sie lang genug aufgehalten und empfehle mich Ihnen.«

»Sie werden von mir hören, Herr Oberst,« sagte der Inspektor die Thüre öffnend, »bis dahin – leben Sie wohl!«

Eine Stunde später war Schleppfuß ins Bureau gerufen worden und der Polizeichef hatte ihm einen kurzen Bericht über die Unterredung erstattet. Jetzt berieten sie über die einzuschlagenden Mittel und Wege.

»Die von Ihnen gefundene Fährte scheint sich immer mehr als die richtige zu erweisen,« sagte der Inspektor, »aber bis jetzt fehlt noch jeder mögliche Beweggrund. Wir müssen auf Haniers früheren Aufenthalt bei den Desmonds zurückgehen, uns bei seinen damaligen Mitbediensteten erkundigen, auf welchem Fuße er mit seiner Herrschaft gestanden. Seine Stellung als Tafeldecker muß angenehm und einträglich gewesen sein, und doch hat er sie aufgegeben. Wir müssen erfahren, aus welchem Grunde und ob er von seinem Herrn entlassen wurde oder sich freiwillig dazu entschloß. Ferner brauchen wir genaue Nachricht über Oberst Desmonds Lebensweise, seine Gewohnheiten und Bekanntschaften. Auch Ihre erste Annahme – daß irgend eine geheime Gesellschaft dabei im Spiele ist – ermangelt vielleicht nicht der Begründung. Eine Entdeckung, die ich bei dem Cigarettenetui gemacht habe, legt den Gedanken an einen Geheimbund ziemlich nahe.«

»Darauf bin ich begierig, Herr Inspektor!« rief Schleppfuß eifrig.

Der andere nahm das Etui aus einem Schubfache und öffnete es: »Sehen Sie,« sagte er, »hier ist eine kleine Feder; als ich darauf drückte, sprang dies geheime Fach auf – es ist jetzt leer – aber wahrscheinlich ist etwas darin gewesen – ein Papierstreifen zum Beispiel. Dieser kann für den Besitzer von größtem Werte gewesen sein. Nehmen wir an, der Oberst habe ihn der Sicherheit wegen dort hineingelegt. Mrs. Desmond, die nichts davon wußte, machte es Hanier zum Geschenk, in dem Glauben, es sei ihrem Manne garnichts daran gelegen. Dieser entdeckt den Verlust, stellt Erkundigungen an, erfährt die Wahrheit und begiebt sich in der Mordnacht mit seiner Frau nach Haniers Haus, um das Etui zurückzufordern. Er erhält es – und der Mord wird begangen – ob mit, ob ohne seine Mitwirkung, lassen wir für jetzt dahingestellt. – Am Montag darauf versetzt er es.«

»Aber, meinen Sie denn,« fragte Schleppfuß, »daß das Papier in dem Geheimfach war, als er es versetzte?«

»Ich zweifle nicht daran,« erwiderte der Inspektor.

»Warum verpfändete er es dann?«

»Gerade aus dem Grunde. Er wollte das Etui an einen sicheren Ort bringen, wo außer ihm niemand dazu gelangen konnte. Ein Leihhaus schien hierfür vortrefflich geeignet. Die Erfahrung hatte ihn belehrt, daß das Etui in seinem eigenen Hause gefährdet sei; bei einem Pfandleiher konnte es höchstens die Polizei suchen – ein sehr unwahrscheinlicher Fall; wir selbst sind ja, wie Sie wissen, durch den reinsten Zufall darauf gestoßen.«

»Sehr wahr,« versetzte Schleppfuß, »ich bin überzeugt, daß Sie recht haben.«

»Ein ähnlicher Zufall kann den Fälscher des Pfandscheins mit den näheren Umständen bekannt gemacht haben. Wie hat er die richtige Nummer erfahren? Er mag mit Oberst Desmond zugleich im Laden gewesen sein; er kann ihm dahin gefolgt sein.«

»Sehr wohl möglich,« murmelte Schleppfuß.

»Wenn er zu gleicher Zeit im Laden war, muß sich eine Spur davon vorfinden! Gehen Sie zu Sibley und erkundigen Sie sich, welche Gegenstände unmittelbar vor und nach dem Cigarettenetui versetzt worden sind. Schreiben Sie die Namen und Adressen der Personen auf und forschen Sie nach ihnen. Einer muß der Fälscher sein; werden wir seiner habhaft, so verschafft er uns wohl genauere Kunde über Desmond.«

»Nur ist höchst wahrscheinlich, daß der Mann, den wir suchen, Namen und Adresse falsch angegeben hat,« bemerkte Schleppfuß.

»Wohl möglich, aber wir kommen ihm vielleicht doch auf die Spur! Der Eigentümer des Revolvers mit weißem Griff hat auch Namen und Adresse falsch angegeben, trotzdem wissen wir, wer er ist und können über kurz oder lang seiner habhaft werden.«

»Viel wird uns das nun nicht mehr nützen,« versetzte der andere.

»Das ist noch garnicht ausgemacht. Bis jetzt steht noch nichts fest. Spricht auch der Schein gegen Oberst Desmond, so ist er doch vielleicht gänzlich unschuldig. Aber selbst wenn er um den Mord weiß, braucht er ihn nicht begangen zu haben. Er hat sich vielleicht eines Helfershelfers bedient und dieser kann sich das Cigarettenetui angeeignet haben, um den Anstifter des Verbrechens in seine Gewalt zu bekommen. Auf alle Fälle hat jener um das Geheimfach gewußt und den Inhalt desselben entwendet.«

Schleppfuß rieb sich die Hände vor innerer Aufregung. »Das wäre interessant!« murmelte er. Die Verwicklung, in welche die Angelegenheit geriet, war ganz nach seinem Geschmack.

»Ein Punkt in Robert Johnsons Zeugnis fällt mir auf,« sagte der Inspektor nach einer Pause. »Seine Beschreibung von dem Manne, der ihm das Etui auf dem Ball verkaufte, stimmt zwar mit Sibleys Bericht über den Herrn, der es am 31. Dezember verpfändet hat, so ziemlich überein. Im allgemeinen paßt sie auch auf Oberst Desmond. Auf diesen kann sich jedoch Johnsons Beschreibung nicht beziehen, da er mit dem Obersten genau bekannt ist. So könnte es sich nach allem doch noch herausstellen, daß der Oberst das Cigarettenetui gar nicht selbst versetzt hat.«

»Oder vielleicht, daß Johnson gelogen hat,« schlug der andere vor.

»Seine Aussage hat sich bis jetzt bestätigt,« erwiderte der Inspektor, »aber wir werden ja sehen.«

Nachdem die Unterredung noch eine Weile gedauert hatte, zog sich Schleppfuß zurück.

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