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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Dreizehntes Kapitel.
Kreuzverhör

Am Nachmittag des folgenden Tages gegen drei Uhr erhielt Inspektor Byrnes auf dem Hauptpolizeiamt eine Botschaft, welche bewirkte, daß er sofort nach seinem Hute griff und das Haus verließ.

Wie wir uns erinnern, war Schleppfuß bei seiner Forschung nach dem silbernen Cigarettenetui in dem Leihhaus des Mr. Salomon Sibley plötzlich auf ein Hindernis gestoßen. Er erfuhr, das Etui sei allerdings dort versetzt gewesen, aber tags zuvor (wie ihm berichtet wurde) durch denselben Mann, der es verpfändet, wieder eingelöst worden. Trotz aller Bemühungen hatte er seitdem keine weitere Spur entdecken können.

Der Leser, welcher genauere Kunde hat als Schleppfuß, weiß, daß Robert Johnson zugegen war, als das Etui verpfändet wurde, daß er aus ihm allein bekannten Gründen den Pfandschein fälschte, eine Verkleidung annahm, um für den Eigentümer des Etuis zu gelten und sich letzteres wirklich verschaffte, daß er ferner das darin verborgene Pergament entdeckte und herausnahm.

Doch wird man Johnson schwerlich für einen gemeinen Dieb ansehen – dazu verfolgte er viel zu tief angelegte und weitreichende Pläne. Wie hübsch und kostbar auch das Cigarettenetui an sich sein mochte, so wird doch niemand glauben, dieses selbst habe seine Begierde gereizt. Daß der Eigentümer so großen Wert darauf legte, hatte zuerst seine Neugier, seinen Argwohn erregt und die Entdeckung des Pergamentstreifens ihn anscheinend vollkommen befriedigt. Nun dieser Zweck aber erreicht war, brauchte er das Etui selbst nicht mehr, ja sein Besitz wurde ihm sogar lästig, weil es an sich auffallend und leicht kenntlich war. Er war daher entschlossen, sich desselben sofort wieder zu entäußern. Sollte er es verkaufen, es einschmelzen, fortwerfen oder verpfänden? – Nach reiflicher Ueberlegung entschloß er sich endlich zu letzterem; es war dann noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der rechtmäßige Eigentümer es wiedererhielt. Zuerst beabsichtigte er, es Mr. Salomon Sibley abermals in Verwahrung zu geben, allein daraus wären Unannehmlichkeiten für ihn entstanden. Er hätte wieder die Verkleidung anlegen müssen und – so kurze Zeit verstrichen war – konnte doch der Betrug mit dem falschen Schein von Sibley entdeckt worden sein. An Leihhäusern, in denen man weder von ihm noch von dem Etui etwas wußte, war jedoch kein Mangel und so begab er sich denn am Tage nach dem Maskenball in eines derselben, das sich in der Bowery befand, nicht weit von der Ecke der Prinzenstraße.

Er trat ein und übergab es einem Ladendiener. Dieser drehte es zwischen den Fingern, betrachtete den Kunden und zog sich dann in den Hintergrund des Ladens zurück. Es vergingen drei bis vier Minuten und da der Gehilfe nicht wieder kam, klopfte Johnson auf den Ladentisch. Bald darauf erschien jener.

»Nun,« sagte Johnson, »wie viel wollen Sie mir auf das Pfandstück leihen?«

»Sie werden es sofort erfahren, wir lassen eben untersuchen, was es wert ist,« war die Antwort.

»Das kann doch nicht so lange dauern,« entgegnete Johnson.

»Der Herr ist gerade bei Tische,« versetzte der andere, »er kommt im Augenblick.«

Wieder vergingen mehrere Minuten und Johnson wurde ungeduldig.

»Hören Sie,« sagte er, »wenn Ihr Herr erst ein Festmahl von vierzehn Gängen verzehren muß, will ich ihn nicht bemühen. Ich habe Eile. Geben Sie mir das Etui zurück, ich will zu einem andern gehen, dem das Essen nicht so wichtig ist.«

»Wie Sie wünschen,« entgegnete der Ladendiener, »aber der Herr kommt im Augenblick. Er ist schon damit beschäftigt.«

Die Art und Weise des Burschen war Johnson auffällig.

»Bringen Sie es mir sofort wieder,« sagte er, »keine Umstände; haben Sie mich verstanden?«

»Jawohl,« sagte der andere, »seien Sie ganz ruhig, Sie sollen es gleich haben – da ist es schon!«

Während er so sprach, war ein Mann in den Laden getreten. Er wechselte einen Blick mit dem Gehilfen, trat dann auf Johnson zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in freundlichem Ton: »Schon seit einiger Zeit wünsche ich Sie zu sprechen, kommen Sie gefälligst mit, wir gehen nur um die Ecke.«

Johnson wandte sich nach dem Sprecher um. Es war ein Mann von angenehmem Aeußeren, etwa vierzig Jahre alt, stark und wohlgebaut. Er erkannte ihn auf der Stelle, obgleich er nie zuvor persönlich mit ihm verkehrt hatte.

»Sie sind Inspektor Byrnes, wenn ich nicht irre,« sagte er.

Der Inspektor nickte. »Das ist mein Name,« erwiderte er und winkte dem Ladendiener, welcher ihm das Cigarettenetui übergab. »So, nun sind wir fertig,« fügte er hinzu.

»Es wäre mir lieb zu erfahren, was Sie von mir wollen?« fragte Johnson.

»Ich teile es Ihnen sogleich mit, es ist nur eine Kleinigkeit, aber wir können es bequemer auf meinem Bureau besprechen. Kommen Sie!«

Der Engländer zuckte die Achseln, war aber klug genug, keinen Widerstand zu leisten. Der Inspektor faßte ihn unter den Arm und wenige Minuten später befanden sie sich in seinem Zimmer in der Mulberrystraße. Hier nahm der Polizeichef am Tische Platz und auf seine Fragen an den Gefangenen berichtete dieser wie folgt:

»Mein Name ist Robert Johnson; ich wohne in der Friedensallee in Jersey City. Ich bin Engländer und noch kein Jahr in Amerika. Von Beruf bin ich Graveur und in einer hiesigen Gravieranstalt beschäftigt.«

Nachdem der Inspektor diese Antworten notiert hatte, schien er in Nachdenken zu versinken, er strich sich den Bart und sah zu Boden. Plötzlich blickte er auf und fragte: »Kennen Sie viele Leute in New-York?«

»Nicht viele,« entgegnete Johnson, »meist nur die Angestellten im Geschäft; in Jersey City habe ich auch einige Bekannte.«

»Wie heißt Ihre Wirtin dort?«

»Mrs. Pond.«

»Was für Zerstreuungen suchen Sie auf?«

»Ich gehe gelegentlich ins Theater. Manchmal fahre ich in der Bai spazieren oder nach Highbridge. Gestern war ich auf dem Maskenball.«

»Haben Sie sich gut amüsiert?« fragte der Inspektor obenhin und schnippte etwas Cigarrenasche von seinem Rockärmel.

»Vielleicht zu gut,« erwiderte der andere.

»Wer ist der Direktor Ihres Geschäfts?« war die nächste, ziemlich unvermittelte Frage.

»Oberst Hugo Desmond.«

»Sind Sie mit ihm bekannt?«

»Jawohl, ich kenne ihn und er kennt mich.«

»Das ist alles in der Ordnung,« bemerkte der Inspektor bedächtig. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und schlug ein Bein über das andere. Dann fragte er wie aus zufälliger Neugier: »Mit wem gehen Sie gewöhnlich ins Theater oder auf Ihre Ausfahrten?«

Johnson zögerte zum erstenmal mit der Antwort. Da er aber einsah, daß Ausflüchte nur schaden könnten, sagte er, wenn auch mit Widerstreben: »Meist in Gesellschaft einer jungen Dame.«

»So? – Jemand, für den Sie sich interessieren vermutlich. Kennen Sie sie schon lange?«

»Seit ich in Jersey City wohne. Es ist die Tochter meiner Wirtin.«

»Sie wohnen also mit ihr im selben Hause!«

»Nein, sie ist Gesellschafterin bei einer Dame hier in der Stadt.«

»Ah! – Wie heißt die Dame?«

Johnson zauderte. »Mrs. Desmond,« sagte er endlich, »die Frau von Oberst Desmond; sie hat die Stelle auf meine Empfehlung erhalten.«

»Ich verstehe! Das trifft sich für alle Teile angenehm,« bemerkte der Inspektor mit einer Art freundschaftlichem Interesse. »Dann sind Sie wohl auch gestern Abend zusammen auf dem Ball gewesen?«

»Nein, das ist kein passender Ort für sie; ich bin allein gegangen.«

»Ja, ja, ein junger Mann sieht gern einmal etwas von der Welt. Es geht lustig genug her auf dem Maskenball, besonders um Mitternacht. Haben Sie dort Bekanntschaften gemacht?«

»Ja, einige; alte Bekannte traf ich nicht.«

Der Inspektor legte den Bleistift hin und richtete sich in die Höhe:

»Ich brauche Sie nicht länger aufzuhalten, Mr. Johnson,« sagte er. »Nur möchte ich Sie noch bitten,« fuhr er fort und zog das Cigarettenetui aus der Tasche, »mir zu sagen, wie Sie in Besitz dieses Etuis gekommen sind?«

»Sehr gerne,« versetzte Johnson mit ruhiger Miene, »aber viel weiß ich nicht davon. Ich habe es gestern Abend zum erstenmal gesehen.«

»Haben Sie es im Ballsaal gefunden oder vielleicht im Speisezimmer aufgehoben?«

»Nein, das nicht,« sagte der andere, der sich schon alles ausgedacht hatte. »Ich fand es heute früh beim Aufwachen in meiner Tasche. Zuerst wußte ich nicht, wie es dahin gekommen war, aber allmählich rief ich mir einige Umstände ins Gedächtnis zurück. Der Champagner, den ich gestern Abend getrunken habe, muß mir wohl in den Kopf gestiegen sein, ich bin nicht daran gewöhnt. Ich tanzte einigemale und kam mit einer Menge Leute zusammen, man wurde nicht vorgestellt, denn alle waren maskiert. Als um zwölf die Masken abgenommen wurden, saßen wir zu dreien oder vieren beisammen und ließen uns zu trinken geben. Ein Herr behauptete, er sei ein Engländer und schien mich sehr ins Herz geschlossen zu haben, doch weiß ich nicht mehr recht, was er that und sagte, ich muß wohl nicht mehr ganz bei mir gewesen sein. Nur erinnere ich mich, daß er die silberne Dose fortwährend aus der Tasche zog und mir zum Beweis seiner Freundschaft und Zuneigung aufdrängen wollte. Um der Sache ein Ende zu machen, nahm ich das Etui an, nachdem er mir gestattete, ihn mit ein paar Flaschen Champagner zu bewirten. Heute Morgen fand ich die Dose in meiner Tasche, machte aber auch die fatale Entdeckung, daß mein Geldbeutel sehr mager geworden war. Da mir nichts an der Dose lag, so zögerte ich nicht lange, dieselbe zu versilbern. Ich ging denn ins erste beste Leihhaus damit, das übrige wissen Sie.«

»Das war freilich ein lustiger Abend,« sagte der Inspektor mit flüchtigem Lächeln. »Könnten Sie mir den Mann beschreiben, der Ihnen das Etui gegeben hat?«

Johnson bedachte, daß der Inspektor vielleicht schon durch Sibley unterrichtet sein könnte, er fand es daher geraten, demgemäß zu antworten. Sich die Stirn reibend, wie um sein Gedächtnis aufzufrischen, sagte er: »Wie er aussah, ist mir nicht mehr recht klar, ich möchte nicht darauf schwören. Irre ich nicht, mag er so zwanzig Jahre älter als ich sein; ein Mann mit markierten, harten Zügen und – so viel ich mich erinnere, trug er einen Bart.«

»Ich bedauere sehr, Mr. Johnson,« sagte der Inspektor, »daß ich Ihnen so viele Mühe verursacht habe. Ich sehe keinen Grund, an Ihrer Erzählung zu zweifeln, die uns vielleicht sogar von Nutzen sein kann. Unter Umständen werden Sie dieselbe wiederholen müssen. Inzwischen hoffe ich, Sie werden mir gestatten, das Cigarettenetui in Verwahrung zu behalten, bis wir etwas Näheres darüber erfahren. Für Sie wird die Sache ohne viel Belang sein, aber Sie wissen, kleine Ursachen haben oft große Wirkungen.«

Er erhob sich zum Zeichen, daß die Unterredung zu Ende sei.

»Ich stehe zu Diensten, Herr Inspektor, sobald Sie mich brauchen,« sagte Johnson und empfahl sich.

Als er die Haustreppe hinabkam, stand auf der andern Seite der Straße ein Mann, der eine Cigarre rauchte. Johnson war kaum zwanzig Schritte weit gegangen, als der Mann seinen Rock zuknöpfte und ihm folgte.

*

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