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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.
In Gooleys Schenke

Der Besitzer eines vielbesuchten Lokals in der 27. Straße war bei seinen Genossen unter dem Namen Gooley bekannt. Für ein uneingeweihtes Auge besaß dies Lokal durchaus keine Reize. Es war ein niedriger, schmaler und düsterer Raum, in dem sich rechts ein langer Schenktisch befand; sein Licht erhielt er nur durch ein mit Spinnweben bedecktes Fenster, welches nach dem Hof hinausging. Einige Tische und ein halbes Dutzend Stühle standen umher; die schmierigen Tapeten hatte die Feuchtigkeit arg mitgenommen, sie hingen an manchen Stellen in Fetzen herunter; die Decke war von Tabakrauch geschwärzt und die Dielen mit Schmutz besudelt. Zwischen den Flaschen- und Gläserreihen hingen über dem Schenktisch verschiedene Farbendrucke und Holzschnitte, welche Theaterprinzessinnen in mehr oder minder auffallendem Kostüm darstellten, ein Porträt des damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten und eine ganze Sammlung von Bildnissen amerikanischer Preiskämpfer. Letztere stachen am meisten ins Auge und erhielten noch einen besonderen Schmuck durch ein Paar schäbige Boxerhandschuhe, die mit einem rot und grün gestreiften staubigen Seidentuch umwunden, im Mittelpunkt der Galerie prangten.

Diese Handschuhe hatte Mr. Gooley einst in einem Kampfe getragen, den er mit einem Preiskämpfer zu bestehen gehabt, dessen Name nicht bis zu uns gedrungen ist. Er hatte seinen Gegner besiegt und dadurch nicht nur seinen eigenen Ruhm noch vergrößert, sondern auch eine bedeutende Geldsumme erstritten, die ihn in den Stand setzte, die Schenke, deren Herr und Haupt er jetzt war, mit der ganzen Einrichtung zu erwerben. Damals war Mr. Gooley eine Leuchte der Arena gewesen und seine Erinnerungen aus jener Zeit umgaben ihn noch immer mit einer Art Glorienschein. Seine Ansicht galt bei seinen Kunden und Genossen als Gesetz in allen Fragen, welche die edle Kunst des Faustkampfes betrafen; ja bei gewissen Gelegenheiten (wenn irgend ein unbefugter Eindringling die geheiligten Bräuche der Schenke verletzt hatte), war er wohl hinter seinem Schenktisch hervorgeschritten und hatte dem Schuldigen in regelrechtester Form seine gerechte Strafe angedeihen lassen. Gooleys alter Ruf und stete Schlagfertigkeit trugen ihm alljährlich eine runde Summe Geldes ein, denn hieraus entsprang die Beliebtheit seines Lokals. – Der Ehrgeiz tritt in verschiedenen Formen auf und unter den jungen Burschen, welche die Nachbarschaft der 27. Straße unsicher machten, herrschte das stolze Streben, den mächtigen Gooley zum Freund und Genossen zu haben. Sie wiederholten seine Aussprüche und rühmten seine Thaten, tranken daneben seinen Schnaps und rauchten seine Cigarren. Waren es auch keine Leute von feinsten Sitten und vornehmster Bildung, so hatten sie doch durstige Kehlen und brachten Geld in den Taschen mit! Große Geister legen ja keinen Wert auf die äußeren Dinge dieser Welt, wenn es nur nicht am Wichtigsten fehlt – und Gooley war auch ein großer Mann.

Gooleys persönliche Erscheinung war nicht gerade schön zu nennen. Seine gelbe Haut, das wollige Haar, die dicken Lippen deuteten auf afrikanisches Blut in seinen Adern, während seine kaukasische Abkunft sich in herrschsüchtigem Wesen, in anmaßender streitsüchtiger Gemütsart und in dem Hochmut kundthat, mit welchem er allen Abkömmlingen aus dem Negergeschlecht den Eintritt in seine Schenke verweigerte. Er war über mittelgroß, breitschulterig, mit kurzem Hals und langen Armen; sein Gewicht betrug etwa 180 Pfund; seit seinen streitbaren Tagen, in denen er 157 Pfund wog, hatte er an Fülle zugenommen. Sein schwerer wackelnder Gang galt für einen Beweis von besonderer Muskelstärke; er verstand zu prahlen und zu bramarbasieren wie ein wahrer Eisenfresser. Alles in allem war Gooley der rechte Mann am rechten Orte. Seine Feinde meinten wohl, er sei ein böser Mann an einem bösen Orte, aber die Menschen finden nun einmal stets Vergnügen am Tadeln – der frühere Preiskämpfer mit dem Mulattengesicht paßte wirklich ganz an den Platz, der ihm vom Geschick bestimmt war.

An einem Januarabend schlenderte in die Schenke ein Mann, der einen schäbigen Ueberrock trug und eine schmierige Mütze, die einst schwarz gewesen, die aber Zeit und Wetter gebräunt hatten. Er ließ sich einen Schnaps geben, den er bezahlte und zog sich dann mit einer gleichfalls erstandenen Cigarre in den Hintergrund der Stube zurück, um sie zu rauchen. Er gehörte nicht zu den Stammgästen, doch war er in den letzten Tagen hier öfters aus- und eingegangen und schien häufig eins über den Durst zu trinken. Jetzt saß er am Tisch, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die Cigarre im Munde und das Schild der Mütze tief ins Gesicht gedrückt.

Niemand gab acht auf ihn oder sprach ihn an und er schien allmählich in Schlummer zu sinken. Seine Cigarre ging aus, er lehnte nach einer Seite über und der Kopf fiel ihm auf die Brust herab.

Unter der Gruppe, die um den Schenktisch versammelt war, hatte sich indessen eine belebte und interessante Unterhaltung entsponnen. Die Hauptsprecher waren zwei junge Männer, der eine groß und vierschrötig, der andere dick und untersetzt. Ihr Streit drehte sich darum, welches die wirksamste Methode sei, seinen Gegner im Faustkampf zu Boden zu schlagen. Der große Bursche (dem in seinen Reden eine Auswahl von Flüchen und Beiwörtern zu Gebote stand, welche weit über den Rahmen dieser schmucklosen Erzählung hinausgeht), verteidigte den uralten Gebrauch von der Schulter ab zum Schlag auszuholen und prophezeite jedem die schmählichste Niederlage, der sich gestattete, von diesem allein richtigen Grundsatz abzuweichen. Der untersetzte Tapfere dagegen verschwor sich hoch und teuer, daß noch kein vom Weibe Geborener zu Falle gebracht worden sei, außer durch einen besonders schulgerechten Stoß, den er mit ausdrucksvollen Bewegungen praktisch zu erläutern wünschte; hierin wurde er jedoch sehr beeinträchtigt, weil sein Rock zu groß war und er die Aermel, aus welchen die Finger kaum hervorsahen, immer erst zurückstreifen mußte.

Da der vierschrötige Bursche jedoch ungebührlich zu lärmen und zu toben begann, um den Dicken nicht zu Worte kommen zu lassen, fühlte sich der große Gooley bewogen, sich ins Mittel zu legen und dem Schreier zu bedeuten, er solle sofort seine Meinung für sich behalten, sonst hätte ihm sein Kopf die längste Zeit auf den Schultern gesessen. Dies schien der ehrenwerte Redner krumm zu nehmen, und nachdem er seine Ansicht über die ganze Gesellschaft zum Abschied noch dahin geäußert hatte, daß er sich den Henker um sie und ihr Gewäsch kümmere, stolperte er aus der Thür, begleitet von den ausdrucksvollen Spott- und Scherzreden, durch welche sich die Klasse von Menschen, die sich bei Gooley versammelte, ganz besonders vorteilhaft auszeichnet.

Nachdem er fort war, richtete der kurze Dicke mit den langen Rockärmeln an Gooley die Frage, ob er glaube, daß jener Mensch beabsichtige, als Preiskämpfer aufzutreten.

Gooley versetzte jedoch, bei dem käme es mehr auf große Worte als auf Thaten heraus. »In dieser Hinsicht,« fügte er hinzu, »hätte er große Ähnlichkeit mit ›Mike.‹«

Hierauf warf ein anderer die Frage hin, was denn aus Mike geworden sei; er lasse sich ja seit ein paar Tagen garnicht mehr sehen.

Mr. Gooley versicherte jedoch dem Frager zur Beruhigung, Mike sei ganz obenauf; er habe erst kürzlich der Schenke einen Besuch gemacht, um seinen Revolver zu holen, den er dagelassen.

Nun erkundigte man sich scherzhaft, ob Mike vielleicht Jemand mit der Waffe das Lebenslicht hätte ausblasen wollen. Dies erregte ein schallendes Gelächter, aber Mr. Gooley klärte die Sache auf und erzählte, Mike habe sich eines Abends hier in der Schenke gütlich gethan, aber die Zeche nicht bezahlen wollen. Da nun der Wirt kurz zuvor gesehen, wie er mehrere Banknoten in die Tasche geschoben, sei er damit nicht zufrieden gewesen; darauf habe Mike seinen Revolver aus der Tasche gezogen, wie ein Kind, das ein neues Spielzeug hat und es allen zeigen will – und ihn Mr. Gooley als Faustpfand angeboten. Obgleich es nun (wie der Schankwirt mit Nachdruck bemerkte) nicht seine Gewohnheit sei, statt klingender Münze knallende Waffen anzunehmen, so wäre er doch in diesem Ausnahmefall von seinen Grundsätzen abgegangen. Mike hatte sich entfernt, war jedoch ein paar Tage vor Neujahr wiedergekommen, um seine Schuld zu bezahlen und die Pistole zurückzunehmen.

Ein Mitglied der Gesellschaft wünschte noch zu wissen, wie hoch sich der Wert des Faustpfandes wohl belaufen habe? Worauf Gooley erwiderte, derselbe würde die angekreidete Schuld gerade gedeckt haben. Es sei ein Ding mit weißem Griff und Nickelbeschlag gewesen, für das ein richtiger Trödler wohl drei bis vier Dollars herausgerückt hätte.

Die Unterhaltung spann sich noch lange in ähnlicher Weise, mit gemütlicher Breite fort. Man sprang von einem Gegenstand zum andern über; einige Gäste verließen das Lokal, neue kamen hinzu. – Die ganze Zeit über hatte der Fremde an dem Tisch in der Ecke in tiefem Schlummer verharrt und nur von Zeit zu Zeit durch harmonisches Schnarchen einen Beweis seiner Bewußtlosigkeit gegeben.

Die Mütze war ihm auf die Nase gerutscht, und in rührender Selbstvergessenheit streckte er ein Bein von sich. Und doch – so seltsam es klingen mag, die Augen dieses harmlosen Schläfers standen nicht nur weit offen, sie beobachteten sogar mit besonderer Schärfe, und gewiß horchten auch seine Ohren nicht minder eifrig, wenn man es ihnen auch nicht ansah. – Was hatte das zu bedeuten? – Sollte dies anscheinend so verkommene Individuum geheime Studien über den Charakter und die Unterhaltung der liebenswürdigen Gäste in Gooleys Schenkstube anstellen?

Wie dem auch sei, der Mann rührte sich nicht vom Fleck, bis die Uhr unter den Boxerhandschuhen auf Mitternacht zeigte und der letzte Nachzügler ihm zum Abschied scherzhaft in die Ohren gebrüllt hatte: »Wagenwechsel! Alles aussteigen!« – Erst dann erhob sich der schäbige schweigsame Gast langsam, reckte Arme und Beine und kramte in seinen Taschen nach einem Zündholz, um seine Cigarre anzuzünden; da er keins fand, schwankte er zur Thüre hinaus, murmelte ein Lebewohl für den tapferen und ehrenwerten Besitzer der Schenke und verschwand draußen in der Nacht. – Die frische Luft schien jedoch eine wunderbare Wirkung auf den schläfrigen Trunkenbold auszuüben. Er richtete sich kerzengerade in die Höhe, eilte mit sicheren, schnellen Schritten die gasbeschienene Avenue nach der 9. Straße hinunter und pfiff sich dabei ein munteres Liedchen. Vor einem anspruchslosen, aber behaglichen Wohnhaus blieb er stehen, klingelte und fragte den öffnenden Diener, ob der Inspektor zu sprechen sei.

Es war nicht mehr weit von ein Uhr; aber der Inspektor war zu Hause und noch wach; wenige Minuten später sah sich der Besucher dem Polizeichef gegenüber.

»Nun, haben Sie Glück gehabt?« fragte letzterer auf den Gruß des andern. »Sie hatten, so viel ich weiß, Auftrag, die Branntweinschenken in der Nähe der 26. Straße zu überwachen. Haben Sie den Eigentümer des Revolvers gefunden, der von ›Evans‹ versetzt worden ist?«

»Was ich gehört habe, kann wohl dazu führen,« war die Antwort.

»Nur weiter – was wissen Sie?«

»Ich war in Gooleys Schenke. Die Burschen da sprachen von einem jungen Schuft, Namens Mike, der sich als Eisenfresser aufspielen möchte. Er hat vor drei Wochen bei Gooley einen Revolver versetzt, statt Schnaps zu bezahlen.«

»Was für einen Revolver?«

»So viel ich gehört habe, muß es ein ähnliches Ding gewesen sein, wie das von ›Evans‹ versetzte. Vom Kaliber war nicht die Rede.«

»Vor drei Wochen, sagten Sie?«

»Ja, aber er hat ihn wieder abgeholt.«

»Vor der Mordthat?«

»Vielleicht nur wenige Stunden vorher; Gooley sagte, ein paar Tage vor Neujahr.«

Der Inspektor ging mehrmals im Zimmer auf und ab, ehe er eine Bemerkung über das soeben Vernommene machte.

»Es kann natürlich etwas daran sein,« sagte er endlich, »aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Wir haben andere Spuren, die weit mehr versprechen, aber selbst die sicherste ist noch zweifelhaft. Die ganze Angelegenheit ist so in Dunkel gehüllt, wie selten eine, und wir werden sie sobald noch nicht enträtseln. Dutzende von Leuten können ihre Revolver in den Schenken verpfändet und sie zur Zeit des Mordes wieder eingelöst haben. Die Kugel paßt vielleicht nicht hinein; auch kann Gooley sich im Datum irren. Wir müssen indessen den Burschen aufsuchen, dem die Pistole gehört. Wie heißt er?«

»Sie nannten ihn ›Mike.‹«

»Weiter keinen Namen?«

»Ich habe keinen gehört und konnte mich nicht erkundigen. Es sind zu schlaue Füchse unter der Bande.«

»Wir müssen den richtigen Namen zu erfahren suchen! – Warten Sie einmal – treibt sich nicht ein Mensch da herum, der schon ein oder zweimal festgenommen worden ist, Namens Muggins.«

»Jawohl, er geht auch manchmal bei Gooley aus und ein.«

»Dann ist's gut. Können Sie ihn finden?«

»Ich glaube wohl, Herr Inspektor.«

»Thun Sie das und bringen Sie ihn mir morgen Abend um acht Uhr ins Bureau. Er darf natürlich nicht wissen, was man von ihm will. Ich denke, ich werde von ihm Näheres über ›Mike‹ erfahren können.«

Der Detektive entfernte sich.

Am Abend darauf, gegen acht Uhr wurde ein heruntergekommenes Individuum auf das Hauptpolizeiamt in der Mulberrystraße gebracht. Der Mensch schien in großer Furcht und Aufregung, was hauptsächlich darin seinen Grund hatte, daß er sich in vollständiger Ungewißheit befand, weswegen er vorgeladen worden. Nachdem er eine Weile im Vorzimmer gewartet, wurde er in ein behagliches, aber düsteres Gemach geführt, in welchem sich die schon früher erwähnte Sammlung von grausigen Andenken und Werkzeugen der Missethäter befand, sowie eine Bildergalerie der Verbrecher selbst. Hier blieb er einige Minuten allein, seinen schlimmen Ahnungen überlassen.

Plötzlich stand der Inspektor im Zimmer; sein fester, kräftiger Tritt war geräuschlos über den weichen Teppich geglitten. Er nahm am Tische Platz und winkte Muggins, näher zu treten, was letzterer ungefähr mit der Miene eines Schuljungen that, der eine wohlverdiente Strafe erwartet.

»Was soll ich denn hier, Herr Inspektor?« stotterte er, »ich habe doch kein Unrecht gethan.«

»Hat man Sie denn schon beschuldigt,« fragte der Inspektor, nachdem er ihn einen Augenblick aufmerksam gemustert. Die Frage schien Muggins nicht zu beruhigen, er mochte wohl ein böses Gewissen haben und fühlen, daß er sich von keiner vorteilhaften Seite zeige.

»Wozu hat man mich dann hergebracht?« fragte er mit einem Anflug von tugendhafter Entrüstung, der ihm sonderbar genug zu Gesichte stand.

»Die Polizei scheint zu meinen, daß Sie ein schlimmer Kunde sind; sie berichtet nichts Gutes über Sie,« versetzte der Inspektor in gemessenem Ton. Er überflog die Notizen, welche auf dem Tische lagen und hielt einen Bleistift in der Hand.

»Ich kann nichts dafür,« erwiderte Muggins gekränkt, »ich gebe ihr keinen Grund.«

»Keinen Grund? Wie lange ist es her, daß Sie die Kleider in der 26. Straße gestohlen haben?«

»Ich bin deswegen verhaftet worden,« gab Muggins zu, »aber man hat mir's nicht bewiesen.«

»Der Zweifel ist zu Ihren Gunsten ausgelegt worden. Aber Sie haben gezeigt, daß Sie die Schonung nicht verdienten – gleich darauf beraubten Sie die Kasse des Cigarrenhändlers in der siebenten Avenue.«

»Ich bin nur hineingegangen, um Feuer zu holen,« klagte Muggins, »jemand anders muß das Geld genommen haben.«

»Man fand es doch in Ihrer Tasche.«

»Das war meines, Herr Inspektor. Ich würde es bewiesen haben – aber man ließ mich nicht!«

»Arbeiten Sie so fleißig, daß Sie immer zehn bis fünfzehn Dollars bei sich tragen? – Mir brauchen Sie mit solchen Flausen nicht zu kommen.«

Muggins trat unruhig von einem Fuß auf den andern und sehnte sich ins Freie.

Der Inspektor blätterte in seinen Notizen.

»Den Wagen haben Sie damals auch mit beraubt. Sie waren im Gefängnis, weil Sie einem Betrunkenen die Uhr aus der Tasche gestohlen haben. Sie stehen im übelsten Rufe. Jetzt sagen Sie mir, wie Sie die letzten vierzehn Tage verbracht haben?«

»So wahr ich hier stehe, Herr Inspektor, seit ich zuletzt aus dem Gefängnis entlassen bin, habe ich nichts verbrochen.«

»Womit erwerben Sie Ihren Unterhalt?«

»Mit meinem Gewerbe.«

»Was ist das für eins?«

»Ich bin Straßenpflasterer.«

»Betreiben Sie das Gewerbe vielleicht in Gooleys Schenke mit Mike und der übrigen Bande?«

»Welchen Mike meinen Sie, Herr Inspektor?«

»Das wissen Sie so gut wie ich,« entgegnete dieser ernst und streng.

»Mike Mc. Gloin? Mit dem habe ich nichts zu schaffen!«

»Ihr zwei habt doch euer Hauptquartier bei Gooley aufgeschlagen.«

»Er bummelt dort herum, aber ich gebe mich nicht mit ihm ab.«

»Soll das heißen, daß ihr euch entzweit habt?«

»Entzweit haben wir uns nicht, aber ich will nichts von ihm. Er prahlt immer damit, daß er einer von den ›Ausgelernten‹ ist und renommiert mit seinen Thaten.«

»So wissen Sie also um seinen letzten Streich?« fragte der Inspektor rasch.

»Was denn für einen?«

»Keine Ausflüchte, Muggins, hören Sie! – Sie müssen von seinem sauberen Cumpan gehört haben.« Er blickte abermals in seine Notizen.

»Meinen Sie Fred Banfield?« riet Muggins aufs Geratewohl.

»Nein, den andern Burschen – er ist hier aufgeschrieben!«

»Vielleicht Healy oder Morrisey?«

»Nun, lassen wir das einstweilen,« sagte der Inspektor, nachdem er in den Papieren geblättert. »Jetzt handelt es sich um Sie selber. Ein Mann ist in der Nähe von Gooleys Schenke beraubt worden; er war etwas angetrunken, würde aber den Dieb wieder erkennen. Einer von Mikes Bande ist darein verwickelt und Sie könnten nichts Besseres thun, als ein offenes Geständnis abzulegen.«

»Aber ich weiß nichts davon – meiner Treu, nicht das geringste,« beteuerte Muggins mit großem Eifer. »Seit ich zuletzt im Gefängnis war, bin ich die Ehrlichkeit selbst gewesen. Sie können fragen, wen Sie wollen!«

»Wir werden ja sehen, ob Sie Ihre Unschuld beweisen können, mir soll es recht sein. Finde ich aber, daß Sie mir etwas vorgelogen haben, so hüten Sie sich.« – Dann sagte er plötzlich: »Wo waren Sie letzte Nacht zwischen halb eins und zwei Uhr?«

Das Gesicht des Burschen erhellte sich merklich: »Zu Hause,« sagte er, »zu Hause, im Bette! O, das kann ich beweisen!«

»Vielleicht werden Sie dazu Gelegenheit finden,« meinte der Inspektor gleichmütig. »Für jetzt können Sie gehen; aber ich rate Ihnen, daß Sie sich nicht zu Personen gesellen, durch die Sie in Verdacht geraten. Sobald es sich zeigt, daß Sie ein rechtschaffenes Leben führen wollen, werden Sie die Polizei auf Ihrer Seite haben. Treffen wir Sie jedoch auf ungesetzlichen Wegen, so werden Sie früher oder später dafür büßen müssen. Jetzt gehen Sie!«

Muggins schlich hinaus, mit frohem Herzen und vielleicht mit dem keimenden Entschluß, sein Leben wirklich zu bessern. Denn während der Inspektor seine Komödie spielte und das Kreuzverhör mit ihm anstellte, ohne ihn ahnen zu lassen, daß er nicht über seine Thaten, sondern über ganz andere Dinge Mitteilung haben wollte, hatte er ihm zugleich einen guten Rat erteilt, den jener wohl beherzigen konnte. Es ist ebenso sehr Pflicht der Obrigkeit, die Verbrechen zu verhüten, als sie aufzudecken und zu bestrafen. Die besten unter den Sicherheitsbeamten sind sich dessen stets bewußt und handeln auch demgemäß. Als der Polizeichef allein war, stand er auf, schritt einigemal durch das Zimmer und strich sich lächelnd den Schnurrbart.

»Mike Mc. Gloin, Fred Banfield, Healy und Morrisey,« wiederholte er für sich. »Ich werde die Herren nicht vergessen, mit denen Muggins mich bekannt gemacht. Zunächst handelt es sich darum zu erfahren, ob Mc. Gloin und Evans ein und dieselbe Person sind. Stellt sich dies heraus, so wird er uns darüber aufklären müssen, wie es kommt, daß die Kugel in seinen Revolver paßt, durch die Louis Hanier das Leben verloren. Ist dies erst einmal festgestellt, so findet sich wohl das Weitere.

»Uebrigens scheint mir die Sache mit dem Cigarettenetui doch auf eine richtigere Spur zu deuten. Es wäre an der Zeit, daß von dort her einmal wieder eine Nachricht käme!«

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