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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Zehntes Kapitel.
Die Geheimschrift

Es war gegen ein Uhr nachts, also zu spät, um nach Jersey City zurückzukehren, besonders da Johnson schon vor dem Frühstück wieder auf dem Platze sein wollte. Wenn sich die Sachen überhaupt weiter entwickelten, mußte bald etwas Entscheidendes geschehen! – So begab er sich denn für den Rest der Nacht nach dem Grand Union Hotel in der 42. Straße O. und war um acht Uhr morgens bereits wieder unterwegs, um das Haus der Desmonds zu überwachen.

Er hätte keinen Augenblick später kommen dürfen. Schon von ferne sah er die Thür sich öffnen: der Oberst und seine Frau kamen heraus; ersterer in einem langen Ulster, und Mrs. Desmond so vermummt, daß sie kaum wiederzuerkennen war. Sie gingen zu Fuß bis zur sechsten Avenue, wo sie in die Pferdebahn einstiegen. Johnson benutzte den unmittelbar darauf folgenden Wagen und stieg gleich ihnen an der 26. Straße aus. Um unerkannt zu bleiben, zog er die Krämpe seines Hutes tief ins Gesicht. Offenbar wollten sie nach Haniers Haus; es mußte seltsam zugehen, wenn er auch jetzt keinen Aufschluß über das Geheimnis erhielt!

Zu seiner Verwunderung fand Johnson vor der Weinhandlung eine große aufgeregte Menschenmenge versammelt. Ein Schutzmann hielt Wache an der Thür. Die Leute standen in Gruppen beisammen, starrten nach den Fenstern des ersten Stocks und sprachen laut und heftig. Auch der Oberst und seine Frau blieben stehen – sie schienen ganz außer sich! Was war denn vorgefallen? –

Johnson wandte sich mit dieser Frage an jemand aus der Menge – einen Mann mit gewölbten Schultern, scharfen dicht beisammenstehenden Augen und schleppendem Gang.

Der Gefragte warf dem Engländer einen durchdringenden Blick zu und erwiderte: »Der Eigentümer des Ladens, Louis Hanier, soll heute Nacht hier ermordet worden sein.« –

»Ermordet – heute Nacht!« wiederholte der andere, »um welche Zeit?«

»Bald nach Mitternacht, glaube ich,« versetzte der Mann und schlürfte weiter.

Bald nach Mitternacht! Johnson überlief es kalt und sein Blick schweifte unwillkürlich zu den Desmonds hinüber.

Der Verdacht, der in ihm aufgestiegen, schien zu ungeheuerlich, um glaubhaft zu sein. Mrs. Desmond? – Es war unmöglich! Wäre der Oberst hineingegangen, man hätte denken können ... aber die Frau, welche noch tags zuvor des Toten Wangen geküßt, die zarte, feinfühlende Frau aus der höheren Gesellschaft – daß sie eine solche That verübt haben sollte, war zu widernatürlich! Und doch – wenn er sich an die Heimlichkeit des Besuchs erinnerte, an die Vorsicht, die Stunde, den wahrscheinlichen Beweggrund – was sollte man davon denken! – Wer konnte überdies wissen; welchen Druck ihr Mann auf sie ausgeübt hatte. Auch war sie eine Französin – Johnson meinte bei seinen englischen Vorurteilen, daß sich damit vieles erklären ließe.

Warum aber, wenn sie wirklich die Thäterin des Verbrechens war, hatte sie den Schauplatz desselben wieder aufgesucht? Wollte sie sich nur schadenfroh an dem Anblick weiden? – Dies anzunehmen, wäre abgeschmackt. Auch war ihr Aussehen keineswegs danach angethan. Sie hatte den Schleier halb zurückgeschlagen und in ihren Zügen malten sich Kummer und Entsetzen. Sie schien kaum zu wissen, was sie that; der Oberst jedoch, der sich vollkommen beherrschte, obgleich sein düsteres Antlitz einen seltsam grimmigen Ausdruck trug, zwang sie, ihren Arm in den seinen zu legen und sich seiner Leitung zu überlassen. Sie entfernten sich bald, kehrten auf demselben Wege zurück, den sie gekommen waren und verließen den ganzen Tag über das Haus nicht mehr.

Am nächsten Morgen kam Oberst Desmond jedoch eine halbe Stunde früher als gewöhnlich die Stufen seiner Hausthür herunter. Statt in der sechsten Avenue die Stadtbahn zu benutzen, bog er in die dritte Avenue und ging in gleicher Richtung weiter, unterwegs die Läden mit Aufmerksamkeit musternd. Als er auf einem Schild die Worte las: »Sibley & Co., Pfandverleiher«, blieb er einen Augenblick zögernd stehen – dann trat er über die Schwelle. Robert Johnson folgte ihm; sie standen durch eine Scheidewand getrennt in zwei Abteilungen für die Kunden neben einander und waren zufällig die einzigen im Laden.

Ein kleiner ältlicher Mann mit einer ungeheuern Nase – offenbar der Ladenbesitzer, bediente den Obersten und bald darauf erschien vor Johnson ein jüngeres Individuum, um nach seinem Begehr zu fragen.

Johnson fiel im Augenblick nichts Ueberflüssiges ein, dessen er sich entledigen könnte, um seine Gegenwart an dem Orte zu rechtfertigen; er mußte zu seiner Uhr greifen, obgleich er diese nur ungern, selbst auf kurze Zeit, entbehrte. So löste er sie denn so bedächtig wie möglich von der Kette und übergab sie dem Händler, welcher sich entfernte, um sie zu besichtigen.

Aus allen Kräften gab nun Johnson acht, was in der nächsten Abteilung vor sich ging. Der Oberst zog einen Gegenstand heraus und fragte: »Wie viel dafür?«

Der alte Pfandverleiher betrachtete das Ding, welches so zum erstenmal in Johnsons Gesichtskreis kam. Es war ein kleines, flaches, silbernes Etui, viertehalb Zoll lang und einen Zoll dick; augenscheinlich ein ausländisches Fabrikat, weder englisch noch amerikanisch, kunstvoll ausgeschmückt und reich graviert. Auf einem Deckel war ein Monogramm – soviel Johnson sehen konnte, die Buchstaben L. H.

Ob es ihn überraschte, daß das Etui zum Vorschein kam, wußte er kaum selbst. Zuerst stutzte er wohl, doch sagte er sich sofort, er hätte nichts anderes erwarten sollen. Es kam dadurch wenigstens Licht in die jüngsten Vorgänge. – Dies war es, worauf sich der Oberst in dem an seine Frau gerichteten Brief bezog, welchen Johnson geöffnet hatte, ehe er ihn überbrachte.

Hatte Mrs. Desmond ihrem Mann das Etui übergeben? Lieschens Bericht zufolge war dies nicht der Fall. Und warum nicht? Hatte sie es nicht finden können? – Der Oberst hatte in seinem Billet erwähnt, es liege in der Schreibtischschublade rechter Hand. Wenn es sich dort nicht vorfand, wer war schuld an seinem Verschwinden? Entweder einer der Diener oder Mrs. Desmond selbst! Aber Mrs. Desmond hatte die Diener nicht befragt, sondern sich nach Lieschens Beschreibung von vornherein so benommen, als wisse sie, daß es nicht zu finden sei. So mußte sie also wissen, was daraus geworden war! Hatte sie es aber selbst an sich genommen – aus welchem Grunde konnte das geschehen sein? – Einzig und allein, um es jemand anderem zu geben. Und wem?

Nur einer, das sagte sich Johnson, konnte hier in Frage kommen – Louis Hanier mußte der Empfänger des Etuis gewesen sein! Wie eine Eingebung kam dem Engländer dieser Gedanke. Sie hatte es ihm als Liebespfand gegeben, und ihre Aufregung bei Empfang des Billets entstand aus der Besorgnis, der Oberst möchte den Sachverhalt entdecken und sie zur Rede setzen, wie sie dazu käme, dem Weinhändler solche Gunst zu erweisen.

Ja, so mußte es sich zugetragen haben! Wahrscheinlich hatte sie versucht, ihren Mann glauben zu machen, er habe das Etui selbst verloren; das war ihr nicht gelungen. Als er ihr an jenem Abend versicherte, er möchte es nicht um hunderttausend Dollars verlieren, war sie in Angst geraten, hatte ihren Entschluß geändert und am nächsten Morgen ein volles Geständnis abgelegt. Hierauf war ihr vom Obersten befohlen worden, das Etui zurückzufordern und er war selbst mit ihr nach Haniers Haus gefahren, damit seinem Befehl wirklich Folge geleistet werde.

Soweit war alles verhältnismäßig klar. Nun aber kamen wieder schwierigere Punkte. Ganz abgesehen von dem Mord, der völlig unerklärlich war und auch Johnson nicht näher anging, konnte er nicht begreifen, warum die Frau das Haus allein betreten; warum der Oberst bei dem Besuch solche Vorsicht beobachtet hatte, und vor allem, warum er das Cigarettenetui, dessen Wert er so hoch anschlug, hier für wenige Dollars bei einem Pfandverleiher versetzte? – Ueber diesen letzten Punkt wenigstens wollte sich Johnson Gewißheit verschaffen, und das Glück war ihm dabei günstig.

Der Pfandverleiher legte das Etui auf den Ladentisch. »Für dergleichen,« sagte er, »findet sich schwer ein Abnehmer; aber ich will Ihnen fünf Dollars dafür geben.«

»Abgemacht,« sagte der Oberst mit rauher Stimme, »aber eilen Sie sich, ich werde in der Stadt erwartet.«

Der Pfandverleiher brummte etwas vor sich hin und ging an sein Pult, um den Schein auszufüllen. Als darauf wegen einer passenden Feder noch eine Verzögerung entstand, wurde der Oberst ungeduldig.

»Ihr Name und Ihre Adresse, wenn ich bitten darf?« fragte der Händler endlich.

Der Oberst zauderte einen Augenblick und erwiderte dann: »Louis Hanier, 26. Straße, W. Nr. 144.«

Der Pfandverleiher händigte dem Obersten den Schein aus; dieser ergriff ihn hastig und verließ den Laden. Gleichzeitig brachte der Gehilfe, der Johnson bediente, dessen Uhr zurück mit der kurzen Bemerkung: »Viertehalb Dollars!«

»Das genügt mir,« sagte Johnson. »Mein Name ist – John Robertson; die Adresse: Broadway Nr. 1280 – bitte um das Geld!« –

Die Bücher der Pfandverleiher sind so eingerichtet, daß die Scheine aufeinanderfolgende Nummern tragen; sie werden, ähnlich wie die Gepäckzettel, doppelt ausgefertigt und in der Hälfte abgerissen. Soll dann der Schein eingelöst werden, so vergleicht man ihn mit dem Duplikat im Buch, auf welchem ebenfalls Name und Adresse des Verpfänders und die Beschaffenheit des Pfandstücks eingetragen sind. Stimmen beide überein, so wird der Artikel ausgehändigt. Die Scheine sind in Blanko graviert und werden schriftlich ausgefüllt.

Johnsons Zettel, der nächste nach dem, welchen der Oberst erhalten, war ein genaues Abbild des letzteren, nur die Nummer und die schriftlichen Angaben waren anders. Indessen wußte Johnson die Nummer seines Vorgängers, denn die seinige war 984. Er steckte den Pfandschein sorgfältig in seine Brieftasche, nahm die viertehalb Dollars an sich und ging fort.

Zuerst fuhr er mit der Bahn bis zur Parkstation und begab sich von da zu Fuß nach der Aktiendruckerei und Gravieranstalt, wo Oberst Desmond, wie er erfuhr, erst vor wenigen Minuten eingetroffen war. Im Laufe des Vormittags hatte er Veranlassung, den Obersten wegen einiger geschäftlicher Anordnungen zu befragen. Als er in sein Zimmer trat, fand er ihn in sich gekehrt am Tische sitzen; vor ihm lag eine Zeitung ausgebreitet.

Nachdem die Geschäftsangelegenheit erledigt war, sagte der Oberst:

»Dieser Mord ist wirklich zu seltsam!«

»Welchen Mord meinen Sie?« fragte Johnson, der nicht abgeneigt war, die Auffassung des andern von ihm selbst zu erfahren.

»Die Geschichte mit Louis Hanier in der 26. Straße. Sie müssen davon gehört haben.« –

»O ja, heute Morgen las ich es in der Zeitung. Ein Zank mit der Frau, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht. Hanier war ein Ehrenmann, ein fleißiger Arbeiter; er stammt aus einer braven französischen Familie; seine Frau hat einen trefflichen Ruf. Sie lebten im besten Einvernehmen.«

»Sie müssen einen späteren Bericht gelesen haben!«

Der Oberst schwieg einen Augenblick, dann sah er auf. »Nein,« sagte er mit augenscheinlichem Widerstreben, »ich spreche aus eigener Erfahrung, ich stand früher in Beziehung zu dem Mann.«

»Wirklich?«

»Er war in meinem Hause angestellt – ein trefflicher Weinkenner. In Frankreich hatte er schlechte Geschäfte gemacht und da er anfangs hier in bedrängten Umständen war, willigte er ein, bei mir eine Zeitlang das Amt eines Tafeldeckers zu übernehmen. Ich bedauere jetzt, daß ich damals nicht in ihn drang, bei mir zu bleiben! Ich habe seinen Wert nicht genügend erkannt und lernte ihn erst schätzen, als es – zu spät war!«

»Hegen Sie irgend welche Vermutung, wer den Mord begangen haben kann?«

»Es ist mir ganz unerklärlich, ein vollständiges Geheimnis. Ein Mann wie er! – Die Nachricht hat mich förmlich erschüttert. Ich betrachte ihn – fast wie zu meiner Familie gehörig, und Mrs. Desmond ist von dem Schlag womöglich noch härter betroffen als ich. Wenn die Polizei nicht bald eine Spur auffindet, hätte ich gute Lust, eine Belohnung für die Entdeckung des Thäters auszusetzen.«

Diese Bemerkungen des Obersten hatten nur die Wirkung, Johnson in seiner Ueberzeugung zu bestärken, daß dieser selbst Haniers Mörder sei. Als er in der Zeitung las, daß die That um ein Uhr nachts verübt worden, hatte er sich alles nochmals überlegt und war jetzt der Meinung, der Oberst müsse, nachdem er seine Frau nach Hause begleitet, wieder zurückgekehrt sein und den Gegenstand seiner Eifersucht mit kaltem Blut totgeschossen haben. Der Zeit nach stimmte dies genau; hätte Johnson nur wenige Minuten gewartet, statt in das Hotel zu gehen, so würde er jetzt vielleicht den vollen Schuldbeweis gegen den Thäter in Händen haben. Wie die Sachen standen, besaß er nur die moralische Gewißheit. Was des Obersten Versicherung der Hochachtung für sein Opfer betraf und seine Absicht, eine Belohnung für Festnahme des Mörders auszusetzen, so war der Zweck leicht zu durchschauen. Er wollte einfach der Untersuchung zuvorkommen und hielt es für geratener, seine frühere Verbindung mit Hanier gleich einzugestehen, statt es auf eine Entdeckung ankommen zu lassen. Hätte er eine Ahnung gehabt, wie genau Johnson bereits unterrichtet war, er würde sich sicherlich einen andern Vertrauten ausgewählt haben. In dem, was der Oberst über seine Frau und deren peinliche Erregung gesagt hatte, lag ein wahrhaft grausiger Humor. Johnson dachte mit bitterem Lächeln daran, wie wenig beneidenswert Frau Desmonds augenblickliche Gemütsverfassung sein mochte.

Zunächst habe ich Wichtigeres zu thun – sagte Johnson zu sich – ist dies aber geschehen, so könnte mich's gelüsten, mir des Obersten Belohnung zu erwerben, wenn sie groß genug ausfällt, um der Mühe wert zu sein.

Nach den Geschäftsstunden begab sich Johnson in seine eigene Wohnung nach Jersey City, wo er Mrs. Ponds besorgte Fragen dadurch zur Ruhe brachte, daß er ihr mitteilte, er sei soeben aus Boston zurückgekehrt, wohin er in Geschäften habe reisen müssen.

Nachdem er sich durch einen tüchtigen Imbiß gestärkt, begab er sich auf sein Zimmer und verschloß die Thür. Er zündete die Lampe an, holte aus einer Schublade einen Bogen Pauspapier, eine Stahlplatte und verschiedene Werkzeuge heraus, legte den Pfandschein vor sich hin und begab sich an die Arbeit. Mehrere Stunden lang blieb er ganz in seine Beschäftigung vertieft, aber es war schon spät und er hatte viel Schlaf nachzuholen. So räumte er denn alles fort, löschte die Lampe aus und ging zu Bett.

Die folgenden Abende verbrachte er auf gleiche Weise. Endlich war das Werk vollendet und am Tage darauf fuhr Robert Johnson nicht wie gewöhnlich nach Schluß des Geschäfts über den Fluß, sondern bestieg die Pferdebahn in der sechsten Avenue, um der Barbierstube unweit der 10. Straße einen abermaligen Besuch abzustatten.

Eine Stunde später trat ein Mann in langem Ulster, mit grauem Bart und dunkeln Augenbrauen, den großen schwarzen Filzhut tief ins Gesicht gedrückt, in Sibleys Laden in der dritten Avenue. Er wartete in einer der Abteilungen für die Kunden, bis der Gehilfe erschien.

»Ich habe hier am 31. Dezember ein silbernes Etui versetzt, Nummer 983, und wünsche es einzulösen.«

»Bitte, Ihren Schein!« entgegnete der Gehilfe. Der Kunde legte den Zettel auf den Ladentisch.

»Hier haben Sie ihn,« sagte er.

Der andere nahm das Papier, las die Zahl und sonstige Beschreibung, trat an sein Pult und verglich den Schein mit dem Buch. Dann rief er einige Worte durch ein Sprachrohr, zog an dem Strick eines kleinen Aufzugs und kehrte nach kurzem Aufenthalt mit dem silbernen Cigarettenetui zurück. Nachdem er noch auf einem Papierstreifen den Zins für das versetzte Pfand berechnet, nannte er dem graubärtigen Kunden den Betrag, welchen dieser sofort entrichtete, worauf er das Etui in die Tasche steckte und hinausging.

Er lief mehr als er ging bis zur 23. Straße und sprang in die gerade vorbeifahrende Pferdebahn, die er in der sechsten Avenue wieder verließ. Nach wenig Augenblicken stürmte er in die Barbierstube hinein. Der schwarzäugige Mann befand sich allein darin.

»Nun?« rief er und stand auf.

»Ich hab's,« sagte der andere.

»Ist etwas darin?«

»Ich habe noch nicht nachgesehen. Erst muß ich das Zeug wieder los werden.«

So sprechend warf er den Hut und Ulster ab und riß sich den grauen Bart vom Kinn. Ein nasser Schwamm entfernte die Schwärze der Augenbrauen und bald stand der blonde und rosige Robert Johnson in eigener Person da. Der Schwarze drehte den Gashahn im Laden herunter und verschloß die Thür nach der Straße, dann zogen sich beide in das innere Gemach zurück. Hier nahmen sie am Tische Platz und Johnson zog das Cigarettenetui heraus. Sie betrachteten es zuerst sorgfältig von außen, auch mit dem Vergrößerungsglas.

»Bis jetzt kann ich nichts entdecken,« sagte der Schwarze, »sehen Sie etwas?«

»Nicht einmal eine Schramme!«

»Versuchen wir es mit der inneren Seite!«

Das Etui hatte einen gewöhnlichen Verschluß und war leicht zu öffnen. Es war glatt und stark vergoldet im Innern, aber vollkommen leer. Die beiden Männer wechselten einen Blick der Enttäuschung.

»Die hunderttausend Dollars sind für mich unsichtbar,« sagte der Schwarze kopfschüttelnd.

»Ich will noch einmal versuchen,« entgegnete Johnson und nahm das Etui zur Hand. Er befühlte es leicht mit den Fingerspitzen, drückte an einigen Stellen darauf, hielt es dann ans Ohr, schüttelte es und horchte gespannt. Dann verglich er das Gewicht der beiden Seiten des Etuis, das er offen in der Hand hielt. Endlich sagte er: »Noch sind wir nicht geschlagen. Es ist ein besonderer Kniff dabei. Sehen Sie einmal, hier ist die Verkleidung glatt, wäre das Ding massiv, so müßte sich die Gravierung durchdrücken. Das Metallfutter hängt nicht mit dem Deckel zusammen, sondern ist hineingelötet. Auch ist die eine Seite wenigstens ein Achtel Zoll dicker als die andere. Lösen wir den inneren Teil ab, so werden wir's finden.«

»Sie könnten recht haben,« sagte der Schwarze, »aber wenn ein geheimes Fach darin ist, brauchen wir das Futter nicht abzulösen. Irgendwo muß eine Feder angebracht sein. Jetzt fällt mir's ein, ich habe schon solch ein Futteral gesehen – die Feder war im Scharnier – Ah, sehen Sie!«

Während er sprach, hatte Johnson mit der Spitze seines Federmessers auf eine kleine Niete gedrückt, mit welcher das Scharnier an das Etui befestigt schien. Da öffnete sich plötzlich das goldene Futter an der einen Seite des Etuis und bildete eine Höhlung, die zwar kein tiefer Schacht, aber immerhin geräumig genug war, um ein Miniaturbild oder eine Banknote aufzunehmen.

Sie enthielt übrigens weder das eine noch das andere, sondern einen Streifen Pergament, drei Zoll lang und zwei Zoll breit, der mit seltsamen Schriftzügen bedeckt war.

»Sie haben's getroffen,« rief der Schwarze, den seine gewöhnliche Gleichgültigkeit zu verlassen schien, »da sind Ihre hunderttausend Dollars, so wahr ich lebe!« –

»Es sieht wirklich so aus,« sagte Johnson mit funkelnden Augen, nahm das Pergament aus dem Etui und betrachtete es forschend. Die Schrift bestand aus den Buchstaben des Alphabets, die in Reihen geordnet waren. Neben jedem befand sich ein Zeichen von sonderbarer Form. Die beiden Männer studierten die Schriftzüge genau.

»Das kann nicht alles sein,« sagte der Schwarze endlich. »Es giebt nur eine teilweise Erklärung, wir müssen weiter sehen.«

Robert Johnson wandte den Pergamentstreifen um. Beide ließen einen Ausruf der Befriedigung hören. Die Rückseite war gleichfalls beschrieben, mit einer Anzahl Silben, wie sie am häufigsten vorkommen und für jede ein entsprechendes Zeichen. In Verbindung mit dem Alphabet war dies der Schlüssel für das ganze Geheimnis, das die zwei Männer zu erforschen trachteten.

»Kein Wunder,« bemerkte der Schwarze, nachdem er die Geheimschrift genau geprüft, »daß wir sie nicht enträtseln konnten. Sie beruht auf einem ganz neuen Prinzip, das so sinnreich ist, wie mir noch keines vorgekommen!«

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