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Ein tragisches Geheimnis

Julian Hawthorne: Ein tragisches Geheimnis - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJulian Hawthorne
titleEin tragisches Geheimnis
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunSiebente Auflage
firstpub
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Neuntes Kapitel.
Ein häuslicher Sturm

Fräulein Lieschen stand am Fenster des Kabinets im ersten Stock. Hatte sie Robert Johnson erwartet – war es ein zufälliges Zusammentreffen oder der innere Zug des Herzens? Sie sah ihn die Straße heraufkommen und ehe er noch die Hand an die Glocke legte, war sie schon die Treppe hinabgeeilt und hatte die Thür geöffnet.

Vor der Eingangsthür befand sich ein gedeckter Portikus, eine Art Vorbau, der zwar nach der Straße zu offen war, aber doch geschützt genug für eine kleine Empfangsfeierlichkeit, von der Lieschen ein paar sehr rosige Wangen mitbrachte. Dann traten die beiden höchst ehrbar in den Vorsaal ein, und leise schloß sich die Thür hinter ihnen.

Der Vorsaal, wie dies bei den meisten Häusern New-Yorks der Fall ist, erhielt sein Licht nur durch ein rundes Fenster oberhalb der Thür. Es war ein etwa acht Fuß breiter Raum, links führte eine Thür in das vordere Wohnzimmer, hinter welchem sich noch ein durch Flügelthüren von letzterem getrenntes Gemach befand. An der rechten Seite des Vorsaals, der Wohnstubenthür gegenüber, hing ein sechs Fuß hoher und etwa vier Fuß breiter Spiegel, um den wie ein Rahmen ein Gestell zum Aufhängen der Hüte angebracht war. Stand nun die Wohnstubenthür offen, so erblickte man in diesem Spiegel den gerade gegenüberliegenden Kamin im Wohnzimmer nebst einem über diesem befindlichen Wandspiegel, in welchem nicht nur der größte Teil des Wohnzimmers selbst im Bilde erschien, sondern auch das dahinter liegende Gemach, da die Flügelthüren zu letzterem meist geöffnet waren. Ob man diese Einrichtung zufällig oder absichtlich so getroffen, ist schwer zu sagen. Gewiß ist nur, daß jemand, der im Vorsaal stand, leicht Gelegenheit finden konnte, eine unbefugte Neugier zu befriedigen (wie aus der genauen Ortsbeschreibung ersichtlich) – und unter die neugierigen Leute mußte Robert Johnson in diesem Augenblicke entschieden gerechnet werden.

Er stand mit Lieschen Pond neben dem Hutrechen und fragte sie, wie es ihr ergangen, seit sie einander zuletzt gesehen, als er plötzlich in dem Spiegel etwas gewahr wurde, wobei ihm die Frage auf den Lippen erstarb. Schweigend lenkte er Lieschens Aufmerksamkeit darauf hin und beide betrachteten mit Staunen und Verwunderung, was ihnen der Spiegel zeigte.

In dem hintern Wohnzimmer standen zwei Personen beieinander, eine Dame – Mrs. Desmond, und ein Johnson unbekannter Mann. Letzterer war kaum mittelgroß, von dunkler Gesichtsfarbe mit dichtem schwarzem Haar und lebhaften Augen. Er war einfach gekleidet und gehörte offenbar den unteren Ständen an.

Robert und Lieschen sahen Mrs. Desmond, die schöne vornehme Frau, die Dame der großen Welt, ihre Arme um den Hals des Mannes schlingen und ihn zärtlich auf beide Wangen küssen, worauf jener die Liebkosung erwiderte. Dann hielten sie einander bei den Händen und sprachen so leise zusammen, daß die Zuschauer in dem düstern Vorsaal kaum den Laut der Stimmen vernahmen.

»Lieschen,« fragte Robert im Flüsterton, »hast du schon je so etwas gesehen?«

»Niemals,« entgegnete Lieschen in großer Aufregung, »ich traue meinen Augen kaum.«

»Kennst du den Mann?«

»Nein, aber er ist schon mehrmals hier gewesen, er soll früher hier in Diensten gestanden haben.«

»Ist er je hier gewesen, wenn Oberst Desmond zu Hause war?«

»Ich glaube nicht!«

»Schon gut. Ich werde Näheres über ihn erfahren. Inzwischen habe ich einen Auftrag für dich: Ueberbringe Mrs. Desmond diesen Brief – er reichte ihr des Obersten Billet – und gieb acht, wie sie aussieht und was sie sagt, wenn sie ihn gelesen hat. Wahrscheinlich wird sie sich bald nachher ankleiden, um auszugehen. Ich wünsche zu wissen, ob sie sich vorher in ihres Mannes Zimmer begiebt, um etwas aus seinem Schreibtisch oder seiner Kommode zu holen und mitzunehmen. Wenn sie das thut, so suche zu erfahren, was es ist. – Das genügt für jetzt. Ein andermal erkläre ich dir alles. Der Mensch ist im Begriff fortzugehen; ich will ihn nicht aus den Augen verlieren! Lebewohl!« –

»O Robert, ich bin ganz unglücklich darüber!«

»Mache dir keinen Kummer, mein Herz! Du bist zu gut für die Welt. Die Sache läßt sich nicht ändern.« –

Robert verließ das Haus ebenso geräuschlos, wie er es betreten, eilte die Stufen hinab und auf die andere Seite der Straße, wo er stillstand, um zu warten. Kurz darauf kam der Unbekannte aus der Hausthür. Er war ein Mann von recht angenehmem Aeußern zwischen 35 und 40 Jahren. Sein schwarzer Anzug – wahrscheinlich sein bester – hatte einen schlechten altmodischen Sitz. Als er die Eingangsstufen herabkam, war er bemüht, sich seinen Seidenhut, der ihm offenbar zu klein war, fest auf den Kopf zu setzen. Robert Johnson hielt ihn für einen französischen Koch im Sonntagshabit. – Ein schöner Liebhaber für eine Dame wie Mrs. Desmond! –

Der Mann eilte, die Arme schlenkernd, mit gesenktem Kopf und raschen Schritten dahin. Johnson folgte ihm auf der andern Seite der Avenue. Beim Hotel Delmonico bogen sie in die 26. Straße ein und wandten sich dann nach rechts. Nun kreuzte der Unbekannte den Broadway nach der sechsten Avenue und ging auf der südlichen Straßenseite weiter, bis an ein kleines altes Haus mit einem Vorbau, das von der Zeit und dem Wetter stark mitgenommen war, so daß sich der ehemals weiße Anstrich in ein schmutziges Grau verwandelt hatte. Ueber der Thür des Hauses stand in großen Buchstaben: Louis Hanier, Wein- und Liqueurhandlung. Der Mann trat hinein und Johnson folgte ihm, ohne zu zögern.

Er fand den Unbekannten hinter dem Ladentisch eben damit beschäftigt, Hut und Ueberrock aufzuhängen. Es mußte der Besitzer sein – es war Louis Hanier. – »Aus den Frauen ist doch schwer klug zu werden, das muß ich sagen!« dachte Robert Johnson bei sich.

Es war Freitag, der 28. Dezember. Kaum 36 Stunden später war Louis Hanier, wie wir wissen, ein toter Mann; aber Johnson, dem nicht gleich uns die Zukunft entschleiert war, betrachtete ihn nichtsdestoweniger mit Interesse.

»Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?« fragte Hanier, der sich umwandte und Johnson im Laden stehen sah.

»Ich möchte Ihren Liqueur versuchen, Mr. Hanier,« versetzte der andere, »und wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollen, wird es mich freuen.« Der Weinhändler verneigte sich lächelnd und brachte eine Flasche nebst zwei Gläsern herbei.

»Diese Sorte wird Ihren Beifall haben,« sagte er.

»Sie verstehen sich ohne Zweifel darauf,« entgegnete Johnson; »man hat mir gerühmt, was Sie für ein Kenner sind.«

»Ich treibe das Geschäft schon lange. Aber wer hat Ihnen das gesagt?« –

»O, eine Dame, die ich kenne – Mrs. Desmond,« erwiderte Johnson, den Franzosen scharf beobachtend. Hanier blickte in augenscheinlicher Verlegenheit zu Boden. »Sie sprach sehr anerkennend von Ihnen und Ihrem Geschmack,« fuhr jener fort.

»Sie sagten, daß sie zu Ihrer Bekanntschaft gehöre?« forschte Hanier aufblickend.

»Ich habe Geschäftsverbindungen mit Oberst Desmond und sehe die Dame gelegentlich. Sie haben mit der Familie in Verbindung gestanden, wie ich höre?« –

Hanier fuhr zusammen, bezwang sich aber sogleich und erwiderte rasch: »Das heißt, ich hatte eine Zeit lang die Oberaufsicht von Oberst Desmonds Weinkeller und das Amt eines Tafeldeckers im Hause.«

»So, so! – Es ist ein sehr angenehmes Haus, das muß ich sagen; alles aufs beste eingerichtet! Mrs. Desmond ist eine geborene Französin, eine ausnehmend schöne Frau!«

» Elle est en effet très bien! sie könnte nicht besser sein,« sagte Hanier, sein Liqueurglas zum Munde führend.

»Mich wundert nur, daß Sie nicht in der guten Stelle geblieben sind: ich dächte, Sie müßten sich da sehr wohl befunden haben!«

»Ja, aber man kann nicht immer thun, was man möchte; es giebt Gründe, wissen Sie: Ich habe Familie, eine Frau und sechs Kinder; die kann man im fremden Hause nicht alle bei sich haben, und immer eine besondere Wohnung für sie zu mieten, ist unbequem. Es bot sich die Gelegenheit, ein kleines Geschäft zu erwerben, ich wollte sie nicht von der Hand weisen, und voilà tout!« sagte Hanier achselzuckend.

»Der Oberst wird sehr bedauert haben, Sie zu verlieren,« bemerkte Johnson und blickte den andern forschend an. »Wahrscheinlich bestellt er Sie immer zur Hilfe, wenn er eine große Gesellschaft geladen hat?« –

»O nein – mein Geschäft nimmt mich zu sehr in Anspruch,« entgegnete der Franzose, unruhig hin und her rückend. Es kam ihm offenbar sehr gelegen, daß gerade mehrere Kunden eintraten, die er bedienen mußte. Johnson verließ den Laden.

»Es liegt klar am Tage,« sagte er zu sich selbst, daß es sich hier weder um Politik, noch um eine geheime Gesellschaft handelt. Der Mensch ist nicht mehr und nicht weniger als ihr Liebhaber. Der Oberst ist dahinter gekommen und hat ihn an die Luft gesetzt. – Mir scheint nur, daß ich keinen Nutzen daraus ziehen kann. Sie weiß nicht um ihres Mannes Geheimnisse, daher kann man sie auch nicht durch Drohungen bestimmen, sie zu verraten. Immerhin schadet es nicht, sie in der Gewalt zu haben; vielleicht ist sie doch noch auf eine oder die andere Weise zu brauchen. Nun muß ich aber den Obersten im Auge behalten! Die Sache wird bald zur Entscheidung kommen.«

Unter solchen Selbstgesprächen hatte er die Ecke der Avenue erreicht und blieb stehen. »Morgen muß ich Lieschen so wie so sprechen; am besten ist, wir verabreden es gleich jetzt!« überlegte er. »Ich treffe sie allein, denn Mrs. Desmond muß schon unterwegs sein.«

So betrat er also die Wohnung der Desmonds zum zweitenmal und sah sich bald Lieschen Pond gegenüber. Mrs. Desmond hatte das Haus bereits verlassen.

»Nun, hat sie etwas mitgenommen?« fragte Johnson.

»Ich habe nichts gesehen,« war die Antwort; »ich gab ihr den Brief und blieb im Zimmer, während sie ihn las. Ein Ausruf entfuhr ihr und sie schien in großer Unruhe. Erst ging sie im Zimmer auf und ab, zerriß den Brief und warf die Stücke ins Feuer; dann blieb sie am Fenster stehen und nagte an der Lippe, wie sie thut, wenn sie Sorgen hat. Zuletzt sah sie nach der Uhr und rief: ›O, es ist schon zu spät, ich würde nicht mehr zur rechten Zeit kommen!‹ Nun mußte ich ihre Sachen holen, weil sie sofort ausgehen wollte. Ich half ihr beim Anziehen und bin gewiß, daß sie nichts mitgenommen hat. O Robert!« rief das junge Mädchen in kläglichem Ton, »was kann es nur sein? Es läßt mir keine Ruhe; ich habe es ja gesehen, doch kann ich's nicht glauben, daß sie es wirklich gethan hat! Sie war immer so gut – eine so feine Dame! Meinst du, daß ihr Mann es entdeckt hat und sie jetzt dafür büßen lassen wird?«

»Wie soll ich das wissen?« versetzte Robert gleichmütig. »Wenn eine verheiratete Frau sich wie eine Thörin mit einem französischen Bedienten einläßt, darf sie sich nicht wundern, wenn sie eins abbekommt. Ich glaube übrigens nicht, daß der Brief mit der Geschichte etwas zu thun hat. – Worauf es mir nun ankommt, ist zu erfahren, auf welchem Fuß sie von jetzt ab miteinander stehen. Mir scheint, es geht hier nicht alles mit rechten Dingen zu, und wenn dem so ist, müssen wir Anstalt treffen, dich aus dem Hause zu entfernen. Auf meine Veranlassung bist du hierhergekommen; sehe ich aber, daß etwas geschieht, was sich nicht gebührt, so lasse ich dich nicht hier. Wenn sie morgen Abend ausgehen, suche zu erforschen wohin? und sobald sie fort sind, hänge ein weißes Taschentuch aus dem Kabinetfenster! Ich werde in der Nähe sein und deine Mitteilungen in Empfang nehmen.«

Nachdem Robert ihr diese Anweisung erteilt hatte, ging er an sein Geschäft. Am folgenden Abend, Sonnabend, den 29. Dezember, war Oberst Desmond mit seiner Frau zum Mittagessen ausgebeten. Lieschen, das gute, romantische Mädchen, hing wie verabredet ein weißes Tuch aus dem Kabinetfenster und saß erwartungsvoll da, wie ein Edelfräulein des Mittelalters, das in seinem Erker auf das Erscheinen des schönen Ritters harrt.

Nicht lange, so hörte sie die Glocke läuten und Robert an den Diener die Frage richten, ob der Oberst zu Hause sei? – er habe einen wichtigen Auftrag vom Geschäft – wenn Miß Pond zu sprechen wäre, könnte er denselben an sie ausrichten. Natürlich war dies nur ein Vorwand, den Robert brauchte, um jeden Argwohn zu vermeiden, als habe er etwas Persönliches mit Miß Pond zu verhandeln. Wahrscheinlich ein sehr durchsichtiger Vorwand, wie meist in solchen Fällen. Indessen kam doch Lieschen zu einem Gespräch mit Robert in den Vorsaal herab.

Was sie zu erzählen hatte, klang sehr aufregend. Mrs. Desmond war erst nach der gewöhnlichen Mittagszeit zurückgekehrt, aß fast nichts und schien sehr niedergeschlagen und beunruhigt im Gemüt; dann zog sie sich oben in ihre Gemächer zurück und blieb den ganzen Abend allein, bis der Oberst nach Hause kam. Bald darauf wurde viel und laut verhandelt, doch verstand Lieschen nur wenig – einen Satz jedoch sprach der Oberst mit großem Nachdruck und vernehmlich genug: »Es muß sich finden!« rief er, »nicht für zehntausend Dollars – nein nicht für hunderttausend, möchte ich es verlieren.« – Weiter geschah jedoch nichts, bis zum nächsten Morgen. Der Oberst war sehr früh auf und schien in allen Zimmern des oberen Stockwerks nach etwas zu suchen. Endlich betrat er das Schlafgemach seiner Frau. Seine Stimme, die gewöhnlich leise und tief war, wurde jetzt plötzlich laut, zornig, ja drohend; zugleich hörte Lieschen Mrs. Desmond heftig schluchzen. Das ging so mit kleinen Pausen und Windstillen eine volle Stunde fort. Dann kam der Oberst angekleidet und mit wütendem Gesicht zum Frühstück herunter und bestellte, daß Mrs. Desmond auf ihrem Zimmer frühstücken werde. Lieschen, die hinaufging, um ihre Herrin zu bedienen, fand sie mit rotgeweinten Augen und Thränenspuren auf den Wangen, zitternd vor Erschöpfung und nervöser Aufregung. In diesem Zustand brachte sie den größten Teil des Tages zu; sie sprach wenig und erwähnte das Vorgefallene mit keinem Wort. Gegen Abend nahm sie sich mit Gewalt zusammen und äußerte gegen Lieschen, daß sie und ihr Mann ausgebeten seien. Eben war sie mit ihrer Toilette fertig, als der Oberst nach Hause kam, sich sofort in sein Zimmer begab und rasch ankleidete, worauf beide in den Wagen stiegen und fortfuhren. So lautete Lieschens Bericht.

Offenbar war irgend eine Katastrophe hereingebrochen, die den Frieden des Hauses zerstört hatte. Robert, der doch einen Schlüssel zu dem Rätsel besaß, von dem Lieschen nichts wußte, war ebensowenig im stande wie sie, eine befriedigende Aufklärung zu finden. Allem Anschein nach war Hanier dabei im Spiele – doch schien der Brief die unmittelbare Ursache des Zwistes zu sein und in dem Brief hatte sicherlich nichts auf den früheren Tafeldecker bezügliches gestanden! Was konnte aber andererseits einen solchen Zornesausbruch veranlassen, wenn es nicht eben dieser Tafeldecker war? – Johnson wurde nicht klug daraus, so viel er sich auch den Kopf zerbrach.

Mittlerweile beruhigte er Lieschen, so gut er konnte und begab sich in Erwartung fernerer Ereignisse langsam nach dem Hause, wo das Ehepaar Desmond zu Gaste war. Es konnte wohl noch zwei bis drei Stunden dauern, ehe die Gesellschaft auseinanderging und das Wetter war abscheulich, naß und stürmisch. Johnson besaß indessen ein gesundes Phlegma und ließ sich nicht leicht aus der Fassung bringen, selbst nicht durch widriges Wetter. Mit seinem wasserdichten Mantel und einer kleinen Tabakspfeife versehen, spazierte er, in seine Gedanken vertieft, von 9 Uhr abends bis nach 11 Uhr in der Nähe des Hauses auf und ab. Endlich fuhr der erste Wagen vor, nahm seine Insassen auf und rollte davon; ihm folgte ein zweiter und ein dritter, bis zuletzt Oberst Desmonds Coupee an der Reihe war. Das Ehepaar schritt die Eingangsstufen herunter, wurde von einem Diener mit geöffnetem Regenschirm an den Wagen geleitet, stieg ein und fuhr fort. Johnson steckte die Tabakspfeife in die Tasche und trabte ihnen nach.

Er glaubte, sie würden nicht nach Hause fahren, aber darin täuschte er sich. Sie schlugen sofort den Heimweg ein und als dies Johnson klar wurde, fürchtete er schon, sein langes Warten sei ganz vergeblich gewesen. Der Wagen hielt vor dem Hause, der Diener sprang herab, öffnete den Regenschirm, dann den Wagenschlag, der Oberst und seine Frau stiegen aus und gingen die Stufen hinauf, zu dem schützenden Portikus. Nun sprang der Diener wieder auf den Bock und der Wagen rollte nach dem Stalle. Johnson wartete nur noch, daß die Hausthür sich öffnen werde und das Paar verschwinden.

Aber eine Minute verging – es vergingen zwei, drei Minuten und immer standen die beiden noch unter dem Vorbau. Der dunkle Schatten ihrer Gestalten zeichnete sich auf der vom Laternenlicht beschienenen Eingangsthür ab. Was in aller Welt thaten sie dort? Hatte der Oberst den Hausschlüssel verloren? Weckte sein Läuten die Diener nicht auf? Bei so unfreundlichem Wetter war es nicht angenehm, vor der Thüre zu stehen, selbst unter dem schönen Portikus, der das Haus schmückte! – Johnson strengte seine Einbildungskraft vergeblich an, um eine Erklärung für dies seltsame Vorkommnis zu finden.

Inzwischen wurde ein fernes Rasseln vernehmbar und eine Droschke kam langsam herangefahren. Der Kutscher hatte wohl seine letzte Tour gemacht und war auf dem Heimweg begriffen. Wie er näher kam, sah man beim Lichtschein seinen Schimmel dahertraben.

Kaum war er an dem Haus vorüber, als die beiden eilig die Stufen herabkamen; nachdem sie noch einige Schritte gegangen waren, rief der Oberst die Droschke an. Der Kutscher hielt, sah sich um und fuhr dicht an das Trottoir heran, worauf der Oberst sich kurz mit ihm verständigte und dann nebst seiner Frau in die Droschke stieg, welche nun ihre Fahrgeschwindigkeit etwas beschleunigte. Mit diesem Rennen Schritt zu halten, machte keine Schwierigkeit. Es ging die Avenue hinunter und dann um die Ecke in die 26. Straße.

Johnson, der hinterhertrabte, stieß einen Ausruf der Verwunderung aus. Das war gegen seine Erwartung! Sollten Sie wirklich nach Haniers Hause fahren? Die Droschke fuhr weiter. Der Zweifel wurde zur Gewißheit. Zwischen der sechsten und siebenten Avenue hielt sie plötzlich an. Eine Minute später stieg jemand aus. Es war jedoch nicht der Oberst, sondern eine weibliche Gestalt – Mrs. Desmond. Sie schlüpfte leise über die Straße nach dem alten Vorbau der Weinhandlung und klingelte. Zuerst blieb alles still. Sie klingelte zum zweitenmal. Bald darauf hörte Johnson die Thüre öffnen und die Frau verschwand.

Das war zu rätselhaft! Wenn der Oberst Argwohn gegen seine Frau hegte und um ihre Verbindung mit seinem früheren Diener wußte, warum ließ er sie mitten in der Nacht allein sein Haus betreten? Wenn er aber keinen derartigen Verdacht hatte, was konnte er oder sie möglicherweise mit Hanier zu schaffen haben?

Es verging einige Zeit, vielleicht eine Viertelstunde, da öffnete sich die Ladenthür von neuem. Mrs. Desmond erschien und stieg schnell in die Droschke. Diese wandte um, fuhr in die fünfte Avenue zurück und hielt etwa fünfzig Schritt vor Oberst Desmonds Wohnung. Hier stieg das Ehepaar aus, der Kutscher erhielt seine Bezahlung und fuhr davon, während die beiden nach ihrem Hause gingen und Johnson bald darauf die Eingangsthür sich öffnen und wieder schließen hörte. Das Paar war endlich daheim angekommen.

Johnson hatte jedoch zum Dank für alle seine Mühe nicht die geringste Idee, was ihr Vorhaben gewesen. Ursache und Zweck des nächtlichen Besuchs blieben ihm ein Rätsel. Die größte Heimlichkeit war dabei beobachtet worden: daß sie ihren eigenen Wagen fortgeschickt und die fremde Droschke von der Straße angerufen hatten, zeugte von der äußersten Vorsicht. Aber, war der Besuch nur von persönlicher oder auch von politischer Bedeutung? – Diese Frage bedurfte einer unverzüglichen Antwort. –

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