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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Achtes Kapitel.

Am Fürstenhofe.

Eintönig vergingen für Rolef die nächsten Wochen. Gelegenheit, die goldenen Sporen zu erwerben, gab es vor der Hand nicht, wohl aber fand der Knappe Doring genug Gelegenheit, als gewandter Fechter sich hervorzuthun. Und seines Schwertes Schärfe errang ihm eine Stellung, welche die Mannen des Quaden dem Stadtjunker sonst gar zu gern verweigert hätten. Man lernte ihn achten, aber allein stand Rolef trotzdem; der Spott, welchen man ihm nicht mehr wie anfangs ins Gesicht zu schleudern wagte, machte sich hinter seinem Rücken desto breiter. Den zum Schilde Geborenen war und blieb er der Stadtjunker.

Den Gegensatz zwischen ihm und seinen neuen Genossen empfand Rolef selbst am schärfsten. Aufgewachsen in einem gesetzlich geordneten Gemeinwesen, konnte er das Gebahren dieser in schrankenloser Ungebundenheit sich gefallenden Ritter nicht verstehen, und gewohnt an eine gleichmäßige, erfolgreiche Beschäftigung, vermochte er kein Behagen an einem Leben zu finden, in welchem es nichts gab als Zweikämpfe, Zechgelage und Jagden.

Die Jagden! Gott sei Dank, die gab es noch. Eifrig lag das herzogliche Gefolge, voran der Fürst selbst, dem Weidwerk ob, zumal wie es die Jahreszeit der älteren Jagdsitte nach mit sich brachte, den Sauhetzen; aber auch der Wildkatze stellte man fleißig nach und aus den verschneiten Harzschluchten trieb der strenge Winter dann und wann ein Rudel Wölfe ins Okerthal hinunter. Streifte Rolef aber nicht im Walde umher, dann war er meist mit Heinz Kyphod zusammen. Da er des Schreibens und Lesens nicht unkundig war, vermochte er ihm bei den zahlreichen Geschäften zur Hand zu gehen, welche demselben als Amtmann des Herzogs oblagen, und die sich während Kyphods langer Abwesenheit in Braunschweig erst recht aufgehäuft hatten. Eine erquickliche Tätigkeit war das freilich nicht. Dazu fehlte ihr der rechte Zusammenhang. Denn Heinz Kyphod war ängstlich zu verhindern bemüht, daß Rolef einen Einblick in die Verhältnisse des Herzogs, vor allem in seine Pläne gegen Braunschweig gewinne.

»Nun, von morgen an werden wir ein anderes Leben führen«, meinte der Amtmann eines Tages, als er mit Rolef die Schreibstube verließ.

»Wird es eine Fehde geben?« fragte Rolef erfreut.

Kyphod schüttelte den Kopf. »Nicht das. Wir werden schönen Besuch bekommen. Der Herzog richtet sich mehr und mehr in Wolfenbüttel häuslich ein. Vor kurzem hat er auch befohlen, daß seine Gemahlin von Göttingen hierher übersiedele. Vorgestern ist sie abgereist, diese Nacht ist sie bei dem Ritter v. Schwichelde auf der Liebenburg. Morgen holen wir sie ein.«

Das erhöhte Leben, welches im Schlosse herrschte, bestätigte des Amtmanns Worte. Wolfenbüttel war lange nicht fürstliche Residenz gewesen. Herzog Otto und seine Mannen hatten mit dem vorlieb nehmen müssen, was sie vorgefunden, als sie sich in den Besitz der Feste setzten, doch wurde auf des Fürsten Befehl sofort begonnen, die verödeten und verwahrlosten Räume des Schlosses zu neuem Glanze aufzufrischen. Jetzt mußte die letzte Hand ans Werk gelegt werden. Noch beim Scheine von Fackeln bemerkte Rolef im Vorübergehen, wurde an der »Kemnate«, dem zur Wohnung der Herzogin bestimmten rechten Flügel des Fürstenhauses, gearbeitet, um alles zum Empfang der hohen Frau würdig vorzubereiten.

Nicht weniger herrschte im Ritterhaus, der Wohnung der Dienstmannen, wo auch Rolef untergebracht war, noch regeres Leben als gewöhnlich, und ebenso in dem daneben befindlichen Marstall.

Rolef betrat den letzteren, um den Knecht aufzusuchen, welchen ihm Herzog Otto zugeteilt hatte. Denselben fand er mit dem Putzen der Pferde beschäftigt. Er erteilte ihm noch mehrere Befehle für morgen, wegen Zäumung der Rosse und Rüstung der Festgewänder. Dann begab er sich in die Trinkstube des Ritter-Hauses.

Da ging es hoch her. Die Kunde von der bevorstehenden Ankunft der Frauen hatte allgemeinen Jubel erregt. Denn Herzog Otto liebte ein prächtiges Hoflager, und um seine Gemahlin, Frau Margaretha, des Herzogs Wilhelm von Jülich und Berg Tochter, sammelten sich viele schöne und adelige Frauen, »valde, valde, valde pulchrae« nennt sie der Chronist, »sehr, sehr, sehr schön«, und weiter erzählt er von ihnen, sie seien geschmückt gewesen mit purpurnen Gewändern und Gürteln, deren silberne Schellen bei jeder Bewegung klangen: Schur, schur, schur, kling, kling, kling.«Et fuerunt hic mulieres, valde, valde, valde pulchrae, purpureis indutae vestibus et cingalis procinctae sonantibus: schur, schur, kling, kling, kling. Siehe Zeit- und Geschichtsbeschreibung von Göttingen und Havemanns Geschichte der Lande Braunschweig, I., 3. Abschnitt, 3. Kap.

War auch keiner von den wilden Gesellen des Quaden, welcher unter diesen Schönen nicht eine »Herrin« verehrte, um die er warb in holder Minne, und das einzige, was ihren trotzigen Übermut, welcher sogar dem Gebot des Lehnsherrn nicht immer gehorchte, zu beugen vermochte, war ein Blick aus den schönen Augen der Herrin.

Um die Frauen drehte sich daher ausschließlich das laute Gespräch in der Trinkstube und auf ihr Wohl wurden die vollen Zinnkrüge wieder und wieder geleert. Aber dies fröhliche Treiben konnte Rolef nur trüb stimmen. Die Herrin, welcher er diente, weilte daheim in Braunschweig, er gedachte ihrer täglich, ja stündlich – aber ob sie »dem armen Pickelhering« treu geblieben, ob sich ihr Herz nicht von ihm abgewendet, nachdem er ihren Vetter verwundet, vielleicht getötet? Gehässig genug – davon war Rolef überzeugt – würde man ihr den Vorgang dargestellt haben!

»Auch Du mußt Dir jetzt eine Herrin suchen!« rief ihm Heino Ritzerowe zu, einer seiner Mitknappen.

»Dann wird er nicht mehr so ein sauertöpfisches Gesicht machen«, setzte der Ritter Pusteke hinzu.

»Laßt mir mein Gesicht«, fuhr Rolef auf, »was geht es Euch an?«

»Nicht so hitzig«, begütigte Ritzerowe, »Du siehst wahrhaftig aus als wie sieben Wochen Regenwetter.«

»Und wenn es nun die Sehnsucht wäre nach meiner trauten Herrin«, entgegnete Rolef ruhiger, »was mein Herz schwer macht und mein Antlitz trübe?«

»Aha, an eine Braunschweiger Jungfrau hat er sein Herz verloren«, spottete der Ritter Pusteke.

»An eine Jungfrau«, rief Rolef erregt, »welche so schön und adelig als nur eine an unseres Fürsten Hof!«

Die Worte erregten einen allgemeinen Tumult. Doch eben jetzt trat der Herzog ein, welcher es liebte, seine Abende im Kreise seiner Mannen, bei Becher und Würfeln zu verbringen. Da legte sich der Lärm. Als man sich aber spät in der Nacht trennte, zog Pusteke Rolef bei Seite und raunte ihm zu: »Beim nächsten Turnier werden wir eine Lanze darum brechen, Knappe Doring, welche die schönere ist, meine Herrin oder die Eure.«

Ein eisiger Wind wehte von den Harzbergen herüber, als der nächste Morgen anbrach. Aber das kränkte keinen der Ritter, denn die Sonne schien hell, und blendend ergoß sich ihr Schimmer über die Schneeflächen. Gegen Mittag setzte sich von Schloß Wolfenbüttel der Zug in Bewegung, welcher die Frauen einholte. Voran der Herzog selbst auf einem Rappen, dessen Zaumzeug von blankem Silber glänzte. Er war in purpurfarbenen Sammet gekleidet, der reich mit Hermelin verbrämt war. Silberne Schellen klangen an seinem Gürtel und auch an Zügel und Sattel des Pferdes. Ein glänzendes Gefolge ritt hinter ihm drein, an die zwanzig zum Schilde Geborene, unter ihnen auch Rolef Doring und Heinz Kyphod. Und jeder der Mannen hatte sein Bestes angetan, sich zu Ehren der erwarteten Schönen zu schmücken. Von manches Schulter wehte wohl auch ein farbiges Band oder es leuchtete eine helle Schleife an seinem Pelzbarett als Gruß und Erkennungszeichen für die holde Herrin, welcher man entgegenzog.

Oker aufwärts, entgegen den Harzbergen ging der fröhliche Ritt. Schon sah man von weitem Börsums Türme glänzen, da ging eine Bewegung durch die Reihen. »Sie kommen, sie kommen!« rief einer dem anderen zu, die scharfen Sporen preßten sich an die Weichen der Pferde, und was die Tiere laufen mochten, ging es den Nahenden entgegen.

Die bildeten auch einen stattlichen Zug. Voran ein Trupp Gewappneter, vor denen der Marschall des Landes Oberwald ritt, Berthold v. Oldershausen, dann eine lange Reihe prächtig geschmückter Schlitten, welche dennoch keinen schöneren Schmuck aufweisen mochten, als die holden Frauen, deren rosige Gesichter aus dem schützenden Pelzwerk herausglänzten. Diesen leichten Schlitten folgte eine Anzahl schwererer, welche nur durch doppelte Bespannung mit den ersteren Schritt zu halten vermochten. Die führten das Gepäck und die Dienerschaft. Den Schluß aber bildete wiederum ein Trupp Geharnischter.

Als der Marschall v. Oldershausen den Herzog mit den Seinen bemerkte, ließ er halten. Der Fürst grüßte vorbeisprengend die ihm zujauchzenden Ritter nur mit einer Handbewegung und parierte sein Pferd erst vor einem reich vergoldeten Schlitten, welcher die Gestalt eines Löwen zeigte und bespannt war mit vier unter kostbaren Decken fast verborgenen Schimmeln. Neben dem Schlitten hielt auf einem Fuchsen ein Jüngling von kaum zwanzig Jahren, dessen schmächtige Gestalt wenig zum Stahlhelm und dem eisenbeschienten Lendner paßte. Im Schlitten aber stand hoch aufgerichtet eine schöne stolze Frau, um deren Schultern sich weich und warm der mit Hermelin verbrämte Purpurmantel legte. Ihr Antlitz leuchtete, die Kälte hatte die sonst blassen Wangen rosig gefärbt, die Züge waren regelmäßig, aber nicht ohne herbe Strenge. Auch das Lächeln war spröde, welches um ihren Mund spielte, als sie jetzt die kleine Hand zum Willkomm in die des herzoglichen Gemahls legte, und dieser sich herabbeugend einen Kuß auf den weichen wildledernen Handschuh drückte. Dann wandte sich der Fürst lachend zu dem jugendlichen Reiter: »Sieh da, als Kriegsmann kommt Ihr heute, Vetter? Ist Euch der Helm nicht zu schwer?« Und ohne die Antwort des beschämt errötenden Jünglings zu beachten, ritt er zum nächsten Schlitten, aus welchem seine beiden jungen Söhne Wilhelm und Otto ihm jubelnd die kleinen Hände entgegen streckten. Mit denen scherzte und lachte er, für die nur wenig älteren Insassen des nächstfolgenden Schlittens aber hatte er nur ein flüchtiges Kopfnicken. Und es waren doch, wie auch der jugendliche Reiter, seine Mündel, die Söhne Herzogs Magni.

Das fürstliche Gefolge hatte sich verteilt, hielt oder ritt die lange Schlittenreihe auf und nieder. Das war hin und her ein Grüßen und Neigen, ein Augenwinken und Händeschütteln. Was mit Worten gesagt wurde, war nicht das meiste, auch nicht das süßeste. Das Aufleuchten eines strahlenden Augenpaares, das hold vertraute Lächeln, welches sich um einen Mund legte, solche Zeichen sprachen mehr als alle Worte. Nur Einem leuchteten keine Augen, lächelte kein Mund. Das war Rolef. Mächtig überkam ihm das Gefühl der Einsamkeit, unwillkürlich hefteten sich seine Blicke auf den jugendlichen Reiter neben dem Schlitten der Herzogin. Der hielt auch inmitten des fröhlichen Jubels so verlassen wie Rolef, still und ernst auf seinem Roß, ja seine Augen blitzten zornig – nur wenige der Ritter hatten ihn begrüßt und er war doch der Erbe, ihr zukünftiger Herr.

Eine Hand legte sich auf Rolefs Schulter und als der Jüngling umschaute, sah er in das Gesicht Kyphods. »Kommt mit«, sagte der Amtmann, »meine Tochter Irmgarde soll den Lebensretter ihres Vaters kennen lernen.«

Rolef nickte und ritt schweigend neben Heinz Kyphod her. Derselbe hielt vor einem der letzten Schlitten. »Rolef Doring«, sagte er mit einer Handbewegung, »von dem ich Dir erzählt habe.«

Die Insassin des Schlittens reichte Rolef die Hand.

»Euch danke ich es, daß ich heute meinen Vater wiedersehen darf.« Voll und weich klang ihre Stimme bei diesen Worten, ein kleiner roter Mund lächelte den Jüngling an und unter hoch geschwungenen Brauen leuchteten ihm zwei feurige schwarze Augen entgegen. Verwirrt stammelte Rolef einige ablehnende Worte, aber sie hielt seine Hand fest. »Nicht so«, sagte sie, »wer Dank verdient, soll sich auch gern danken lassen. Und danken will ich Euch jetzt aus vollem warmen Herzen. Mein Vater ist die Sonne meines Lebens. Ohne Euch wäre diese Sonne für immer untergegangen.«

Sie entließ Rolefs Rechte mit einem herzlichen Druck und fuhr sich dann mit der Hand leicht über die Augen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Dem Beispiel des Herzogs folgend, welcher sich an der Seite seiner Gemahlin hielt, trabten auch die Ritter seines Gefolges neben den Schlitten her, jeder dort, wohin ihn am meisten sein Herz zog. So brauchte auch die Unterhaltung zwischen Rolef und Jungfrau Irmgarde nicht abgebrochen zu werden.

»Unsertwegen habt Ihr viel zurücklassen müssen, was Euch teuer ist«, sagte die letztere, sich in dem Schlitten zurücklehnend, »das bekümmert mich. Ungewohnt wird Euch alles sein, was am Hofe unseres Herzogs Brauch. Aber freilich, wer so des Schwertes mächtig, wie Ihr, dem wird am wohlsten sein, wenn die Waffen klirrend zusammenschlagen. Und Waffenlärm genug giebt es am Hofe Ottos des Streitbaren.«

»Gäbe es nur bald eine Fehde!« seufzte Rolef. »Dies unthätige Stillleben macht mich ganz ungeduldig.«

»Mein Vater hat mir gesagt, Ihr vertriebt Euch wohl die Zeit damit, ihm zu helfen. Das freut mich, dann sind wir Genossen, denn auch meine ungeschickte Hand muß manchmal in seine dicken Pergamentbände dies und jenes eintragen.«

»Um wie viel lieber wird mir nun die Schreibstube werden!«

»Ein Knappe und eine Schreibstube, es ist zum Lachen!« brummte eine tiefe Stimme.

Erstaunt sah Rolef auf. Jetzt erst bemerkte er, daß an der anderen Seite des Schlittens der Ritter Pusteke ritt.

»Ich hoffe Euch bald beweisen zu können, Herr Ritter«, erwiderte Rolef auf dessen Worte, »daß eine Hand durch Führung der Feder nicht verlernt eine Lanze zu regieren.«

Nun sah Irmgarde fragend von einem zum andern.

»Wir wollen beim nächsten Turnier eine Lanze darum brechen, wessen Herrin die schönere sei«, sagte Pusteke, die Jungfrau bedeutungsvoll ansehend.

Der kleine rote Mund lächelte und die feurigen schwarzen Augen erwiderten den Blick des Ritters. Und sich wider zu Rolef wendend, fragte Irmgarde: »Wird Eure Herrin zuschauen, wenn Ihr eine Lanze für sie brecht?«

»Sie weilt in Braunschweig«, erwiderte Rolef.

»O weh! Dann haben auch von ihr wir Euch getrennt, denn unseretwegen habt Ihr doch von Braunschweig weichen müssen. Um so tiefer sind wir Euch verpflichtet. Wie sollen wir nun unsere Schuld bezahlen?«

Jetzt war es Rolef, dem ein freundliches Lächeln und ein feuriger Blick zu teil wurden. »Wenn Ihr zuweilen freundlich mit einem Heimatlosen sprecht, so ist das Lohnes genug«, meinte der Knappe.

»Heimatlos, das dürft Ihr nicht sagen, das sollt Ihr nicht sein. Wenn wir Euch die Heimat geraubt, müssen wir Euch eine andere schaffen. Einen Vater und eine Geliebte habt Ihr verlassen, nun wohl, einen Vater sollt Ihr bei uns wiederfinden und eine Schwester.«

Es lag fast mehr wie Schwesterliches in dem Blick, welchen die schwarzen Augen bei diesen Worten entsandten. Auch Ritter Pusteke schien der »Schwester« nicht ganz zu trauen. »Eine Heimat«, brummte er, »was ist so eine Stadt für eine Heimat? Eine Burg hoch oben wie ein Adlerhorst, das ist eine Heimat! Aber eine Stadt? Pah! Der Knappe sollte sich freuen, mal aus den dumpfen Mauern herausgekommen zu sein!«

Irmgarde bemerkte die helle Zornesröte, welche in Rolefs Antlitz aufflammte, sie kam ihm mit der Antwort zuvor: »Liegt Pusthausen hoch oben auf einem Berge?« fragte sie den Ritter so harmlos als möglich.

»Das nicht, es ist ein Weiherhaus«, entgegnete der Ritter, sich nicht ohne Verlegenheit auf den Hals seines Pferdes niederbeugend, als ordne er etwas am Zaumzeuge.

»Ein Weiherhaus! Ah! das ist schön, ganz von Wasser umflossen. Aber seht, das ist Braunschweig auch. Mir ist die Stadt immer vorgekommen wie eine große Burg, welche mitten in einem See liegt.«

»Was nützt mir das, wenn ich nicht in der Burg allein bin«, brummte Pusteke.

»Seid Ihr denn in Pusthausen allein?« fragte Irmgards, ohne sich irre machen zu lassen. »Ich glaubte, Ihr säßet zu sieben Pustekes auf dem Haus.«

»Wie genau Ihr das wißt«, brummte der Ritter. Er begriff zu spät, auf welch gefährlichen Kampf er sich eingelassen. Pusthausen war seine schwache Seite. Er teilte in der That das kleine Gut im Magdeburgischen mit sechs Brüdern, und war daher gezwungen, in der Fremde zu dienen. Doch liebte er es, sich das Ansehen eines wohlhabenden Edelmannes zu geben, was ihm auch fern von Pusthausen nicht eben schwer wurde.

»Wie genau ich das weiß«, lachte Irmgard«, »ja seht, das sind die Vorteile der Schreibstube, da lernt man mancherlei, von dem andere nie etwas erfahren.«

Heller Trompetenton schmetterte ihnen entgegen, das Thor von Schloß Wolfenbüttel war erreicht. Die Schlitten mit ihrem schönen Inhalt und ihrer ritterlichen Begleitung jagten über die Zugbrücken, vorbei am Bergfriet, auf den festlich geschmückten Burghof. Und nun war es hübsch anzusehen, wie die Ritter von den Pferden sprangen und die Schönen aus den Pelzen der Schlitten befreiten. Wie dann der Fürst seine Gemahlin die Treppe zur Kemnate hinauf führte und die Frauen und Ritter sich in buntem Zuge anschlössen, ein lachendes, farbenprächtiges Bild, die heiteren, von der Winterkälte rosig gefärbten Gesichter, die in allen Farben leuchtenden Gewänder, die scharrenden Rosse und dazu der blinkende Schnee und der strahlende Sonnenschein.

Spät in der Nacht war es, als heute das Leben auf Schloß Wolfenbüttel erstarb.

»Auf Wiedersehen«, hatte Irmgarde mit einem herzlichen Händedruck zu Rolef gesagt, als er ihr »Gute Nacht« gewünscht. Der Ritter Pusteke aber hatte ihn bei Seite gezogen und ihm ins Ohr geflüstert:

»Was meint Ihr, Knappe Doring, nach dem Lanzenbrechen zu einem Kampfe mit scharfen Schwertern?« worauf Rolef bescheiden erwiderte: »Muß es nicht einem Knappen zur Ehre gereichen, wenn ihn ein Ritter eines Zweikampfes würdigt?«

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