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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Siebentes Kapitel.

Die Sternbrüder.

Hell schien der Mond und die Sterne glitzerten, wie sie nur in einer kalten Winternacht zu funkeln pflegen. Blinkend, fast blendend dehnten sich weithin beschneite Felder, und wo sich auf ihnen ein einzelner Baum erhob, warf derselbe einen tief dunklen Schatten. Schnell trabten die Reiter dahin, sie konnten darauf gefaßt sein, daß die »Uthrider« zu ihrer Verfolgung ausgesandt würden, sobald man Rolefs Flucht bemerkt, da war es wünschenswert, vorher die Feldmark der Stadt im Rücken zu haben.

»Ist das die Landwehr?« fragte Kyphod, plötzlich sein Pferd anhaltend und auf ein einzelnes Haus deutend, welches in geringer Entfernung vor ihnen lag.

Rolef bejahte.

»Es ist besser, man bemerkt uns dort nicht, zu leicht fänden sonst die Uthrider unsere Fährte«, fuhr Kyphod fort. »Wir müssen in einem Bogen das Haus umreiten.«

»Aber dann wird der Schnee unsere Spur verraten«, wandte Rolef ein.

»So aufmerksam sind die Uthrider nicht«, lachte Kyphod, »Und überdies seht: an jenem Rain, die hohe Hecke entlang, hat sich der Schnee nicht sammeln können. Dort hinterlassen die Pferdehufe auch keine Spuren.«

Ein niederer Wall zog sich zwischen zwei Feldern hin, gekrönt von einer breiten und dichten Dornhecke, An der gegen den Wind geschützten Seite führte ein schmaler Streifen entlang, welcher mehr oder weniger von Schnee frei geblieben war. Und da der Boden hart gefroren war, konnte allerdings ein Pferdehuf hier keine Spur zurücklassen.

»Reitet Ihr voran«, fuhr Kyphod fort, »Ihr kennt die Gegend und müßt den Weg angeben.«

Rolef folgte der Weisung und führte seinen Begleiter zunächst die Hecke entlang und dann in einem weiten Bogen um die Landwehr herum. Als sie die Straße wieder erreicht hatten, setzten sie sich von neuem in Trab, und ließen die Pferde erst wieder in Schritt fallen, als die Straße in einen Wald einbog, wo sie durch die schützenden Bäume den Blicken etwaiger Verfolger entzogen waren. Jetzt erst gewann Rolef Zeit, das Äußere seines Begleiters zu mustern.

War es die andere Tracht oder eine veränderte Haltung, weit größer schien ihm der Fremde als bisher. Unter dem Mantel trug Kyphod statt des weiten grünen Kittels einen engen, aus in Öl hartgesottenem Leder gefertigten Lendner, mit Eisenringen unterlegt und mit eben solchen Buckeln beschlagen, den »Dupfing«, einen lose und weit über die Lenden herabhängenden Gürtel aus viereckigen, beweglich an einander gefügten Gliedern und an demselben eine große braune Ledertasche; Schwert und Dolch aber hingen ihm an Ketten von der Brust herab. Die Beine staken noch in denselben eng anliegenden roten Hosen, das Haupt bedeckte ein einfacher offener Eisenhelm ohne jegliches Abzeichen.

Auch seiner eigenen Ausrüstung konnte Rolef jetzt mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Vorn am Sattel hingen Helm und Schwert, an der anderen Seite ein mittelgroßer Schild mit dem rot und gelb quadrierten Wappen der Doring. Ein zusammengerollter Mantel war hinten am Sattel festgeschnallt. Rolef löste die Riemen, denn in seinem kurzen Scheckenrock begann ihm die Kälte der Winternacht empfindlich zu werden, zumal jetzt, wo die Pferde in Schritt gingen und seine innere Aufregung anfing sich zu legen. Nachdem er den Mantel auseinander gefaltet, fand er darin eine eben solche lederne Tasche verborgen, wie sie Heinz Kyphod am Gürtel trug, und als er dieselbe öffnete, glänzte ihm rotes Gold daraus entgegen.

»Das ist für Eure Ausrüstung«, sagte Kyphod des Jünglings Verwunderung bemerkend. »Euer Vater hätte Euch gerne selbst ausgestattet, aber dazu fehlte es an Zeit, darum giebt er Euch das Gold mit, übergenug, um Euch in Wolfenbüttel zum schmucksten Ritter zu machen.«

Rolef befestigte die Tasche an seinem Gürtel und gedachte mit innigem Danke des Vaters liebevoller Sorgfalt. Den Mantel warf er um die Schultern, löste sodann den Helm vom Sattel und bedeckte sich damit das Haupt. Das Schwert aber lockerte er in der Scheide und drehte es so, daß ihm der Griff jederzeit handgerecht war.

Es ist etwas Wunderbares um eine Winternacht im Walde bei klarem Mondenschein und funkelndem Sternenlicht. Nichts von jenem berückenden Zauber einer monddurchglänzten Maiennacht, nichts von jenem geheimnisvollen Flüstern und Treiben, wenn der Nachtwind leise durch den Wald zieht, in sanftem Rauschen sich die Blätter zu einander neigen, lauter die Quellen murmeln und an ihren Ufern wie träumend der Blumen geschlossene Blütenkelche schwankend nicken, wenn der Leuchtkäfer im feuchten Moose blinkt und weithin tönt der Nachtigallen sehnsüchtiger Wechselgesang. Nichts von alledem, ringsumher ernstes Schweigen, blendender Glanz, kalte Majestät. Dazwischen tiefe, unheimliche Schatten, die sich scharf auf dem weißen Schnee abzeichnen, nichts entdeckend dem spähenden Auge, wohl aber es irre führend durch äffende Formen. Nur selten unterbricht ein Ton die nächtliche Stille, und dann ist es statt Nachtigallengesang das Bellen hungriger Füchse oder auch wohl der klagende Schrei der Wildkatze, welche von den Harzbergen auf Raub ausgegangen ist. Ermüdend wirkt dies stets gleichmäßig blendende Flimmern, einschläfernd die Kälte, das fast lautlose Schweigen der schlummernden Natur. Auch Rolef empfand diese einschläfernde Kraft und die stetige Bewegung des in ruhigem Schritt einherschreitenden Pferdes wirkte auf ihn wie das Schaukeln einer Wiege. Es war so wohltuend, die Augenlider zu schließen, statt immer dasselbe grelle Licht zu schauen, welches die Schneemassen zurückwarfen. Träume umfingen ihn, bald fester Schlaf.

Aus diesem weckte ihn der laute Anruf seines Gefährten. Hastig fuhr er empor, so daß er bei der raschen Bewegung fast das Gleichgewicht im Sattel verloren hätte. Und unwillkürlich streckte er die Hand nach dem Griff seines Schwertes aus. »Lasst stecken«, beruhigte Kyphod, die Hand auf seinen Arm legend, »das macht unnötigen Lärm. Seht dorthin! Was erblickt Ihr da im Schatten der großen Buche?«

Rolef wandte den Blick nach der angegebenen Richtung, indem er wie Kyphod sein Pferd anhielt. »Ich sehe nichts«, meinte er, »und doch – eben blinkte etwas – bei Sankt Autor! – hinter der Buche steht ein Mann.«

»Dann steht er dort auch nicht umsonst und steht nicht allein«, sagte Kyphod. »Ich fürchte, wir sind in einen Hinterhalt geraten.«

Rolef spähte rings umher, und den Kopf rückwärts wendend, entfuhr ihm ein halb unterdrückter Schrei der Überraschung. Einige hundert Schritte hinter ihnen hielt mitten auf der Straße im hellen Mondenlicht ein Reiter in voller Rüstung, Haupt und Gesicht durch den Stechhelm geschützt, die Lanze zum Stoß eingelegt.

»Vorwärts!« rief Rolef seinem Begleiter zu und gab seinem Pferde die Sporen. Zugleich riß er das Schwert aus der Scheide, den Schild vom Sattelknopf zu lösen, fand er keine Zeit mehr.

Einen grellen Pfiff ließ der Reiter hinter ihnen bei Rolefs Bewegung erklingen und rings um sie her ward es im Wald lebendig. Waffenklirren und laute Zurufe ertönten, Rolef entgegen aber, um eine Biegung der Straße trabten vier Reiter, wie derjenige hinter ihnen, in voller Rüstung mit eingelegten Lanzen. Aber ehe der Jüngling noch dieselben erreichte, war Kyphod neben ihm und fiel ihm in die Zügel. »Keine Übereilung«, rief ihm der Amtmann zu, »die Übermacht ist zu groß, wir müssen sehen, in Güte uns abzufinden.«

Nun waren die Gewappneten neben ihnen, auch der in ihrem Rücken war herangekommen. »Lasst mich mit ihnen reden«, sagte Kyphod, und einen musternden Blick auf die Reiter werfend, fragte er: »Seid ihr vom Sternerbund?«

»Was geht es Euch an?« tönte es zurück.

»Ich bin des Herzogs von Göttingen Amtmann, Heinz Kyphod.«

Einer der Reiter ließ das Kettengeflecht herunter, was er über dem Gesichte trug. »Höllisches Elend!« schrie er, indem er einen prüfenden Blick auf Kyphod warf, »das ist wahrhaftig unser Heinz.«

»Kein Zweifel, Edler v. Dorstadt«, lachte der Amtmann, »kein Zweifel, daß ich's bin. Und somit bitte ich Euch, uns in Frieden ziehen zu lassen, mich und meinen Begleiter.«

»Wer ist Euer Begleiter?«

»Des Bürgermeisters von Braunschweig Sohn, Rolef Doring.«

»Ein Braunschweiger! Dann können wir ihn nicht durchlassen.«

»Er hat mir das Leben gerettet, darum muß er seine Vaterstadt meiden.«

»Wo wollt Ihr hin?« mischte sich ein anderer Reiter ein, und dumpf klang die Stimme unter dem Stechhelm hervor.

»Nach Wolfenbüttel zum Herzog.«

Die Ritter sprachen leise mit einander, Heinz Kyphod trieb sein Pferd dicht an sie heran und unterhandelte flüsternd mit ihnen. Indessen musterte Rolef ihre Erscheinungen. Sie trugen sämtlich wie Heinz Kyphod den Lendner mit metallenen Buckeln beschlagen und an Schulter- und Ellenbogengelenken durch Eisenplatten geschützt, darunter jedoch ein Kettenhemd, welches auch Hals und Kopf umschloß. Den letzteren bedeckte entweder ein offener Eisenhelm oder der sogenannte Stechhelm, an Gestalt nicht unähnlich einem umgestürzten Topfe, mit schlitzartigen Öffnungen für Augen und Mund. Wer den Stechhelm nicht trug, hatte zum Schutz des Gesichtes das Kettengeflecht des Halses über dasselbe hinaufgezogen. Auch die Beine staken in eng anliegenden Lederhosen, mit Metallschienen beschlagen und vor allem am Knie mit Eisenplatten versehen. Die lange Ritterlanze bildete mit Schwert und Dolch, welche durch Ketten an der Brust befestigt waren, die Ausrüstung; an Helm und Schild sah man kein Wappenabzeichen, sondern nur einen einfachen silbernen Stern.

Jetzt kam Heinz Kyphod zu Rolef zurück. »Sie trauen nicht«, raunte er ihm zu, »wir müssen uns in Geduld fassen. Geschehen wird uns nichts, des Herzogs wegen, doch unsere Reise dürfen wir nicht fortsetzen, ehe sie nicht ihr Unternehmen beendet haben. Ob wir einige Stunden später nach Wolfenbüttel kommen, kann uns am Ende auch einerlei sein. Im Namen Eures Vaters bitte ich Euch, fügt Euch willig ihren Anordnungen.«

Rolef blieb kaum etwas anderes übrig, als dieser Bitte nachzukommen.

Der Reiter, den Kyphod »Edler v. Dorstadt« angeredet hatte, kam auf Rolef zu. »Ihr Burgensen«, sagte er, »dünkt euch zum Schilde geboren und der Amtmann hat uns gesagt, Ihr wäret ein tapferer Bursch, der Dienst suche beim Göttinger Herzog. Darum wollen wir Euch als Rittersmann behandeln. Folgt dem Knechte dort, der wird Euch nach Burg DorstadtDie im 17. Jahrhundert ausgestorbene Familie der Edlen von Dorstadt hatte ihren gleichnamigen Stammsitz am linken Ufer der Oker bei Heiningen. Vgl. Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig: 1. Bd. 2. Abschn. 6. Kap. führen, von wo Ihr morgen weiter reiten könnt. Vorher aber gebt Euer Wort, keinen Fluchtversuch zu machen und nichts von dem zu verraten, was Ihr gesehen habt.«

Rolef schlug in die dargebotene Hand. »Ich will es Euch versprechen«, sagte er.

»Nun denn, auf Wiedersehen in Wolfenbüttel«, nickte Dorstadt.

Ein Knecht faßte die Zügel von Rolefs Pferd und führte dasselbe vorsichtig in den Wald hinein, ein anderer folgte mit Heinz Kyphod. Sie gewannen bald einen schmalen Pfad, eben breit genug, daß neben dem Pferd noch ein Mann gehen konnte. Die Tiere traten unsicher auf, der Schnee setzte sich in Ballen unter ihre Hufe, herabhängende Äste streiften die Reiter und schüttelten ihren Schnee auf sie aus. Heinz Kyphod zog es vor, abzusteigen und hinter den Pferden herzugehen, Rolef folgte seinem Beispiel.

»Was haben die Ritter vor?« fragte er, nachdem er eine Zeitlang schweigend neben dem Amtmann hergegangen war.

»Einen Überfall.«

»Wer mag mitten in der Nacht durch den Wald ziehen, wenn ihn nicht die äußerste Not zwingt, wie uns?«

»Erst nach Sonnenaufgang kommen die, auf welche sie warten. Aber die Ritter sind früher zur Stelle, um die Straße zu bewachen, damit niemand den Erwarteten entgegen reite und sie warne.«

»Darum hat man auch uns nicht durchgelassen?«

»Ihr sagt es.«

»Konnten wir nicht unser Wort geben, niemanden zu warnen?«

Kyphod zuckte die Achseln, Rolef blieb stehen. »Es sind Braunschweiger Bürger, denen sie auflauern«, rief er, »darum getrauten sie sich nicht, mich auf mein Wort vorbei zu lassen.«

»Das kann ich Euch nicht sagen«, meinte Kyphod, wiederholt die Achseln zuckend, »Eins aber weiß ich, wir können uns freuen, so davon gekommen zu sein.«

Mißmutig ging Rolef weiter. Eine Gewalttat gegen seine Mitbürger, das war das erste, was er von denen erlebte, deren Genosse er werden wollte. »Was wäre uns geschehen, wenn Ihr nicht die Ritter gekannt hättet?« fragte er nach einer Pause.

»Man hätte uns ausgeplündert und nach Braunschweig zurückgeschickt.«

»Ist das ritterlich?«

»Fragt so nicht zum zweiten Male, junger Freund. In der Welt, die Euch jetzt aufnimmt, gilt nur ein Recht, das Recht des Stärkeren. Was der Starke tut, ist gut, ist ritterlich – wer unterliegt, mag seine Taten büßen.«

»Denken alle so vom Sternerbund?«

»Die meisten, und alle hassen die Städte. Mancher liegt auf der Landstraße nicht aus Not, um seine leeren Kammern und Keller neu zu füllen, sondern nur aus Haß.« »Und es sind ihrer viele?« fragte Rolef weiter.

»Vom Rheinstrom bis nach Thüringen und von der Wetterau bis zur Leine und Oker reicht der Bund. An die zweitausend zum Schilde Geborene mag er zählen, und darunter hohe Herren, die Grafen von der Mark, v. Katzenellenbogen und Nassau-Dillenburg; ja selbst ein Bischof gehört zu ihnen, der Paderborner Prälat Spiegel zum Desemberge. Herzog Otto von Göttingen aber steht an der Spitze und neben ihm sein Schwager Gottfried v. Ziegenhain.«

Indessen hatte der Pfad allmählich bergaufwärts geführt und mündete jetzt auf eine Waldlichtung. Nachdem man dieselbe überschritten, sah man sich vor einer künstlich vertieften Kluft, jenseit welcher sich ein mächtiger Brückenturm erhob. Einer der Knechte ließ einen lauten Ruf ertönen, welchen er gleich darauf noch zweimal wiederholte. Da löste sich vom Turm eine Fallbrücke und legte sich über die Kluft. Kaum hatten sie dieselbe überschritten, schnellte sie hinter ihnen wieder in die Höhe und schloß so die Torhalle, in welche sie eingetreten waren. Aus der Halle an der anderen Seite herausgetreten, sahen sie sich vor einer zweiten Kluft, hinter welcher erst die eigentliche Burg aufstieg. Dieselbe bestand aus einem im spitzen Winkel vorspringenden Mittelbau, welchen zwei starke Türme flankierten, von denen der eine den anderen um ein geringes überragte. Das so gebildete Dreieck ward auf der den Ankömmlingen zugewandten Seite durch eine hohe Mauer mit einem festen Tor abgeschlossen, die Spitze des Dreiecks ragte in das jenseit sanft abfallende Waldtal hinaus.

Der Knecht wiederholte seinen Ruf, wieder legte sich eine Zugbrücke über die Kluft, wieder schritten die Ankömmlinge durch eine Torhalle und betraten nun den Burghof. Hier erwartete sie, eine Fackel in der Hand, ein älterer Mann im bequemen Hausgewande, während ein jüngerer Knecht damit beschäftigt war, die Zugbrücke wieder aufzuziehen. Diejenigen, welche Kyphod und Rolef hergleitet hatten, wechselten flüsternd einige Worte mit dem Alten. Dieser begrüßte die beiden mit mürrischer Höflichkeit und nötigte sie, eine hölzerne Außentreppe hinaufzusteigen, welche rechter Hand in das Innere des Bergfrieds führte, während die Knechte die Pferde in die links liegenden Ställe brachten.

In das Innere des Turmes getreten, schlug ihnen eine warme, aber dumpfe Luft entgegen. Ein kahler gewölbter Raum empfing sie, an dessen einer Seite eine Wendeltreppe in die höheren Stockwerke führte, während sich gegenüber ein Herd mit mächtigem Rauchfang befand. In der Mitte stand ein handfester, roh aus Eichenholz gefertigter Tisch und um ihn herum mehrere ebenso schmucklose Stühle. Der Alte befestigte die Fackel in einem Eisenringe neben dem Herd und stieg nach einem ernsten: »Gehabt euch wohl!« die knarrende Wendeltreppe hinauf.

Kyphod lachte laut auf, als er Rolefs verdutztes Gesicht gewahrte. »Wundert Ihr Euch, daß man uns hier in der Küche läßt?« rief er. »Immer noch besser als im Burgverließ, mein' ich. Freut Euch der Wärme und macht es Euch so bequem als möglich.«

Er ging bei diesen Worten mit gutem Beispiel voran, indem er Helm und Schwert ablegte, auch sich des schweren Lendners entledigte, dann zwei Stühle an den Herd zog und es sich auf denselben bequem machte. Rolef folgte schweigend der Mahnung.

»Träumt von Jungfrau Ilse«, sagte Kyphod, die Augen schließend.

»Wie kommt Ihr auf die?« fuhr Rolef auf.

»Nun, nun, es fiel mir nur eben ein, wie Ihr sie mir damals in den Wagen hobt und wie mir die allzu furchtsame Jungfrau dann trotz Regen und Sturm wieder davon sprang. Jetzt wird sie ja wohl ihren Vetter Vörsfelde heiraten.«

»Man sagt so«, erwiderte Rolef. »Gute Nacht!«

Wie ein guter Schlaftrunk wirkten Kyphods letzte Worte gerade nicht auf Rolef. Jungfrau Ilse und Vetter Vörsfelde – die beiden Namen verscheuchten den Schlummer noch von seinen Augen, als die knarrend sägenden Töne, welche der Amtmann von sich gab, schon lange dessen festen Schlaf bekundeten. Aber auch bei Rolef siegte endlich die körperliche Ermüdung und er versank in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Hornsignale, Waffenklirren, laute Rufe weckten ihn daraus empor. Er fuhr in die Höhe und sah erstaunt um sich. Doch schnell hatte er sich gesammelt. Die Fackel am Herd war fast ganz herunter gebrannt, durch die runden grünen Scheiben der kleinen Fenster fielen gebrochen die schrägen Strahlen der Wintersonne. Sein Gefährte hatte sich schon erhoben und schaute durch eine geöffnete Scheibe auf den Hof hinab, von wo die lärmenden Töne herausdrangen. Rolef trat zu ihm.

»Der Edle v. Dorstadt ist zurückgekommen«, lachte der Amtmann; »aber ich fürchte, die Ritter haben schlechte Geschäfte gemacht. Wenigstens sehe ich nichts von erbeuteten Waren, wohl aber blutige Köpfe.«

Der Edle v. Dorstadt wandte sich jetzt dem Bergfried zu und stieg die an demselben emporführende hölzerne Außentreppe hinauf, Kyphod schloß das Guckfenster und ging dem Eintretenden entgegen. »Nun, wie steht's?« fragte er, ihm die Hand reichend.

»Wie's steht? Schlecht steht's«, lautete die Antwort. »Sie waren uns zu stark. Den Knappen von Rostorf haben sie gefangen, Schonenberg, Kurt v. Wigenhorst und ich haben uns mit Mühe durchgeschlagen, aber einen Knecht haben sie mir auch niedergeworfen. Höllisches Elend! Ich werd's ihnen vergelten!«

Er gewahrte Rolef und warf demselben einen just nicht freundlichen Blick zu.

»Ihr hättet auch einen andern Weg zu Eurer Flucht wählen können«, sagte er. »Die Uthrider, welche der Rat zu Eurer Verfolgung ausgeschickt, kamen dazu, als wir uns mit der Bedeckung der Wagen herumschlugen. Dadurch gewannen sie die Übermacht.«

Das Obsiegen seiner Mitbürger versetzte Rolef in zu gute Laune, um auf des Ritters unwillige Worte zornig zu erwidern. »An meine Sohlen heftet sich das Unglück«, meinte er mit leichtem Spott. »Wie sehr bedaure ich, daß meine Dazwischenkunft Euer ritterlich Beginnen vereitelt hat.«

Der Edle v. Dorstadt hörte den Spott nicht aus Rolefs Worten heraus oder wollte ihn nicht heraushören. Er wandte sich zu Kyphod: »Kommt mit herauf in den Palas. Ehe Ihr fortreitet, soll man einen Imbiß rüsten. Auch wird einem ein Trunk auf den Ärger gut tun.«

Der Ritter stieg voran die zu den höheren Stockwerken führende Treppe hinauf. Kyphod und Rolef folgten.

Eine Stunde später ritten sie über die äußere Zugbrücke. Burg Dorstadt lag hinter ihnen.

 

Herzog Otto von Göttingen verstand es, seine Zeit zu benutzen.

Während sich sein Vetter Ernst zu Braunschweig in üppigen Festen gefiel, hatte er mit kühnem Überfall das vom verstorbenen Magnus der Stadt verpfändete Wolfenbüttel genommen.

Von hier aus ließ er Ausschreiben an die Stände des Herzogtums ergehen, in welchen dieselben aufgefordert wurden, ihm als Vormund der erbberechtigten Söhne Herzog Magni des Anderen zu huldigen.

Der »Quade« saß vor dem großen buntglasierten Kachelofen eines Gemaches im Fürstenhause zu Wolfenbüttel. Auf dem Sims des Ofens stand ein mächtiger silberner Humpen, aus dem der Herzog dann und wann einen kräftigen Zug tat. Zu seinen Füßen lagen zwei schöne schwarze Doggen, ohne ein anderfarbiges Haar bis auf einen kleinen weißen Fleck, welcher bei beiden gleichmäßig die Stirne schmückte. Darum hielt sie der Fürst besonders wert.

»Ist es nicht, als gehörten sie zu uns«, pflegte er wohl zu sagen, »seht, auch sie tragen den silbernen Stern.«

Vor dem Herzog stand sein Amtmann Heinz Kyphod. Es war wiederum eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Die Kriegsrüstung war verschwunden, von Kopf bis zu den Füßen war er in schwarzen Sammet gekleidet, von dem sich der silberne Dupfing leuchtend abhob, und ebenso eine schwere goldene Kette, welche er um den Hals trug. Mit dieser hatte Herzog Otto vor einiger Zeit seines Amtmannes Dienste gelohnt. Verschwunden war auch der rote Bart, statt dessen sah man ein glatt rasiertes Untergesicht; was aber geblieben, waren die funkelnden grauen Augen.

»Ich kann Dich nicht tadeln und mag Dich nicht loben«, sagte der Fürst. »Zu lang ausschauend sind Deine Pläne.«

Kyphod lächelte. »Im ersten Anfang war mir das Glück günstiger. Ein Zufall brachte Tile vam Dammes Tochter in meine Hand. Damit hätten wir auch über Seine Gestrengen Gewalt erlangt, daß er Euch unterstützt, Fürstliche Gnaden, und nicht Herzog Ernst. Aber die Jungfrau entsprang mir zu früh, daß ich meinen Plan, kaum gefaßt, wieder aufgeben mußte.«

»Was nützt das jetzt?« meinte der Quade achselzuckend. »Warum hast Du sie nicht fester gehalten?«

»Immerhin glaube ich manches erreicht zu haben«, fuhr Kyphod fort. »Die Stimmung gegen den Rat ist in Braunschweig so giftig wie noch nie.«

»Das ist was Rechtes«, unterbrach ihn der Herzog. »Sie schimpfen, aber sie schlagen nicht los.«

»Der Unverstand der Burgensen bürgt dafür, daß das Volk diesmal losschlägt. Zu stramm zieht der Rat jetzt die Zügel an. Und die Uneinigkeit im Rat verspricht den Gilden Erfolg.«

»Der alte Doring brummt, weil sie seinen Sohn haben foltern wollen?«

»Nicht allein deshalb. Er ist gegen vam Damme aufs tiefste erbittert. Ich habe auch das Meinige dazu getan, diesen Haß zu schüren.«

»Und er würde mir Beistand leisten gegen seiner Stadt Regiment?«

»Als dem Vormund der rechten Erben.«

Über des Quaden Gesicht zog ein höhnisches Lächeln. »Seinen Sohn hast Du mit hergebracht?«

Kyphod nickte: »Er mag uns als Geisel für des Alten Willfährigkeit dienen.«

»Ich kann die Stadtjunker nicht leiden«, brummte Herzog Otto. »Nun muß man den Burschen noch gut behandeln, sonst wird der Alte vor der Zeit aufsässig.«

»Lasst ihn in Eurem Gefolge mit reiten, Fürstliche Gnaden, er ist ein schmucker Bursche.«

»So ein Milchgesicht! Lieber schicke ich ihn nach Göttingen zur Herzogin.«

»Für die Verbindung mit Braunschweig kann er uns hier sehr nützlich werden.«

»Wartet er draußen?«

»Jawohl, Fürstliche Gnaden.«

»So ruft den Burschen herein. Ich will ihn mir 'mal ansehen.«

Kyphod kam dem Befehl nach und Rolef stand vor dem Fürsten. Der Quade musterte ihn von oben bis unten und dann wieder von unten bis oben. Auch die beiden Doggen waren aufgestanden und schnupperten an Rolef herum. Dann legte sich die eine wieder vor dem Ofen zurecht, während die andere sich neben ihren Herrn setzte und den schönen Kopf auf dessen Bein legte.

Der Fürst streichelte seinen Liebling.

»Kannst Du reiten?« fragte er Rolef.

»Jawohl, Fürstliche Gnaden.«

»Auch eine Lanze regieren?«

»Auch das.«

»Bist Du schon in einer Fehde mitgeritten?«

Rolef nickte, »Gegen den Hildesheimer Bischof.«

»Was treibst Du bei Deinem Vater?« fragte der Fürst weiter.

»Ich sehe auf unseren Meierhöfen zum Rechten.«

»Also ein Bauer. Immerhin besser als ein Krämer.«

Der Herzog ließ nochmals seine Blicke prüfend über Rolefs Gestalt gleiten. Der Stadtjunker gefiel ihm besser, als er selbst geglaubt. Oder war es, weil seine Hunde Rolef nicht angeknurrt? Er streichelte den Kopf der Dogge, welche neben ihm saß, und das Tier klopfte dazu mit dem Schwanz auf den Boden.

»Gefällt Dir der neue Kumpan?« fragte der Fürst, und der Hund klopfte zur Antwort noch stärker als bisher.

»Ihr Dörings achtet euch als ritterbürtig?« wandte sich Herzog Otto wieder an Rolef.

»Wir sind freie Leute auf freiem Erbe und reiten seit Alters in der Herzoge Gefolge, gleich denen zum Schilde Geborenen.«

»Nun wohl, so magst auch Du als Knappe in dem meinigen mitreiten. Siehe zu, daß Du Dir bald die goldenen Sporen verdienst.«

Rolef war entlassen. Im Vorzimmer wartete er auf Kyphod, welcher ihm bald nachkam. »Ihr habt Glück, junger Freund«, lächelte der Amtmann.

»Warum?« fragte Rolef.

»Nun, weil Ihr unter die Mannen eines der tapfersten Fürsten aufgenommen seid.«

»Des Quaden? Das war ja von Anfang an in Aussicht genommen.«

»Allerdings«, bestätigte Kyphod. »Aber«, fuhr er lächelnd fort und seine grauen Augen funkelten den Jüngling seltsam an, »vom Quaden sprecht hier nicht zu laut. An seinem Hofe wird Herzog Otto bellicosus genannt, das ist verdeutscht ›der Streitbare‹.«

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