Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070602
projectideb9c3cd7
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Der Pickelhering.

Dasselbe Rathaus der Altstadt, welches die Huldigung der Stadt geschaut, sah am Abend eines der nächsten Tage ein prächtiges Fest, welches Herzog Ernst den Geschlechtern Braunschweigs gab. Zu gleicher Zeit floß aber auch in den Trinkstuben der Gilden auf fürstliche Kosten Bier und Wein in Strömen, und selbst für die gemeinen Leute waren in den Ratskellern der fünf Weichbilde Fässer aufgelegt, deren schäumender Inhalt zu manchem Trinkspruch auf den neuen Landesherrn begeisterte.

Gar prächtig war der große Saal auf dem Rathause anzuschauen. Von dem tiefdunkeln Grün der Tannenzweige, mit denen die Wände bis oben hin bekleidet waren, hoben sich glänzend die bunten Wappen ab, abwechselnd das des Fürsten und das der Stadt an einander gereiht, darüber aber sah man in leuchtendem Kranze die kleineren Schilde der einzelnen Geschlechter sich hinziehen. Nur eines Geschlechtes Wappen fehlte, und das Geschlecht war doch eines der ältesten in Braunschweig. Aber den rot und gelb quadrierten Schild der Dorings hatte der Herzog ausdrücklich fortzulassen befohlen. Hunderte von Wachskerzen waren an den Wänden verteilt und ebenso waren die mächtigen Kronleuchter von blinkendem Messing dicht mit Kerzen besteckt. Wie die Wände waren auch die Pfeiler, welche die Decke trugen, mit Tannenreisern geschmückt, und außerdem prangten an ihnen flatternde Fahnen, stets eine mit den Farben des Herzogs und eine mit den Farben der Stadt quer über einander gelegt. So hatte es der Fürst bestimmt. Im Hintergrunde des Saales aber saßen auf einer Gallerie, welche zwischen hohen, bis an die Decke des Saales reichenden Tannenbäumen hing, die Spielleute, fast verdeckt durch das dichte Gezweig, und wie Vogelsang aus den Kronen der Bäume klangen die lustigen Töne der Fiedeln und Rauschpfeifen herab, der Harfen und Quinternen, dazwischen aber brummten die Rybeben und rasselte das Tämmerlin.

Nach ihren Klängen führte man in schleifendem Schritt Saal aufwärts, Saal abwärts den Reigen. Alles strahlte in bunten Gewändern und alle Gesichter leuchteten in heller Fröhlichkeit. Die Frauen und Jungfrauen trugen eng den Oberkörper umschließende Gewänder, welche erst unterhalb des weit und lose herabhängenden Gürtels sich in Falten erweiterten und an Hals und Nacken einen viereckigen Ausschnitt zeigten. Darüber legte sich ein anderfarbiges, aber ebenso knappes Überkleid, das hinabreichte bis zum Gürtel und dessen Ärmel vom Ellenbogen ab weit und faltig herunter hingen. Vom Halsausschnitt aber lief bis hinab zum Gürtel ein reichverzierter Streifen. Das Haar trugen sie teils lose oder in Locken, teils auch, wie es erst kürzlich Sitte geworden, zu beiden Seiten dicht geflochten und die Flechten um das Ohr aufgebunden. Darüber sah man bei den Frauen große, jedoch nicht unförmliche weiße Hauben, während im Haar der Jungfrauen ein Kranz schimmerte. Wenn aber unter den langen Gewändern hervor ein Füßchen sichtbar wurde, so bemerkte man an demselben, daß die Spitze des Schuhes etwas nach aufwärts gebogen war, gleich dem Schnabel eines Schiffes.

Weit mehr noch war das bei der Fußbekleidung des männlichen Geschlechtes der Fall. Zumal die Sachsen und Böhmen im herzoglichen Gefolge, welche das Neueste vom Kaiserhofe in Prag mitbrachten, gefielen sich in hoch aufstrebenden Schnabelschuhen, deren vorderste Spitze wohl, um sie aufrecht zu erhalten, durch ein goldenes Kettchen mit dem Bein verbunden war; ja bei einigen tönten sogar Schellen an den Spitzen dieser Schuhe. Auch an dem eng anliegenden Scheckenrock oder an dem lose über die Lenden herabhängenden Gürtel klangen hie und da Schellen, doch war das noch keineswegs allgemein. Eigentlich waren es nur die Fremden, die das trugen, und der eine oder andere Stadtjunker, dem es keine Ruhe gelassen, bis es auch an seinem Rock lustig klimperte. Jedoch auch der Nachahmungssüchtigste unter den Stadtjunkern hatte eine andere Mode nicht nachzuahmen vermocht, welche die Fremden ebenfalls mitgebracht, nämlich die der Schnurrbarte, eine Sitte, welche die deutschen Ritter erst von den czechischen angenommen hatten, nachdem die Luxemburger in Prag neben der Königskrone von Böhmen auch die deutsche Kaiserkrone trugen.

Wir sagten vorhin, alle Gesichter hätten geleuchtet in heller Fröhlichkeit. Doch war das eigentlich nicht ganz richtig. Zumal ein Gesicht zeigte nichts von Heiterkeit, sondern herben Ernst, und das war eines der schönsten. Ilse vam Damme ging mit ihrem Vetter, dem Junker Vörsfelde, im Reigen. Sein Antlitz strahlte und er redete gar eifrig auf Ilse ein, aber er bekam nur kurze Antworten. Dennoch mochte er die Augen nicht von ihr abwenden, selbst wenn er ihre Hand losließ, um an der anderen Seite des Saales, wie der Tanz es wollte, die Reihe entlang zu schleifen, verschlang er sie förmlich mit seinen Blicken.

War es doch auch ein wahrer Augentrost, sie anzuschauen. Um ihre hoch aufgerichtete Gestalt floß ein Unterkleid von schwerster weißer, mit Silberfäden durchzogener Seide, das knappe Obergewand aber war von tiefrotem Sammet, der Streifen vom Halsausschnitt bis zum Gürtel hinab, wie auch dieser letztere selbst glänzte von Gold und Edelsteinen. In den dichten Flechten des goldblonden Haares jedoch trug sie ein Kränzlein, dessen Blätter waren von eitel Golde und statt der Blumen schimmerten darin Rubinen und Smaragden. Das war ein Geschenk des Herzogs. Er selbst hatte es ihr heute Abend aufgesetzt und dabei geflüstert, auch dies Kränzlein solle werben für seinen lieben Getreuen, den Junker Vörsfelde. Ilse aber trug es mit einer Miene, als seien die Rubinen feurige Kohlen und die zierlichen Goldblätter glühendes Eisen.

Sie gönnte ihrem Tänzer nur kurze Antworten und ansehen that sie ihn schon gar nicht. Und doch war er gar nicht so übel anzuschauen. Selbst sein dickes, rotes Gesicht hatte durch den Schnurrbart etwas mehr Ausdruck bekommen, und der dunkelgrüne Scheckenrock mit goldenen Ketten und lederfarbenem Gürtel, sowie die knappen grün und gelb gestreiften Beinkleider standen seiner kräftigen, wenn auch nicht großen Gestalt wohl an. Auch wußte er beim Reigen gar zierlich mit dem Fuße zu schleifen, und dann klangen hell die Schellen an seinen Schnabelschuhen.

»Ist es nicht ein fürtrefflicher Gedanke, sich also mit klingenden Schellen zu zieren?« fragte er.

»Ihr kommt mir damit vor wie ein Schlittenpferd«, erwiderte sie kopfschüttelnd.

Der Junker lachte. »Vergleicht mich nur immerhin damit«, schmunzelte er, »will 's Euch nicht wehren. Bin ja gern bereit, mich von Euch am Zügel leiten zu lassen, wie ein Pferd, und zu ziehen an dem Schlitten, der da heißt: das Glück Eures Lebens.«

Schmetternde Fanfaren klangen in den Saal, zwischen hinein in die Tanzmusik. Das waren die Trompeter des Herzogs, die riefen zur Tafel. Ilse ließ schnell die Hand des Junkers los und wollte ihn mit einem kurzen Kopfnicken stehen lassen. Aber das war nicht nach seinem Geschmack. Er blieb an ihrer Seite, indem er flüsterte: »Mein gnädigster Herr hat mich Euch zum Tischnachbarn bestimmt, schöne Base. Laßt Euch darum mein Geleit gefallen.«

Ilse atmete tief auf, ihre Augen spähten Hilfe suchend nach der Mutter, aber diese schritt bereits an der Seite des Herzogs zum Saale hinaus in die anstoßenden Gemächer, wo die Tafel bereitet war. Auch die anderen Alten ordneten sich zum Zuge, da legte Ilse von neuem ihre Hand in diejenige ihres Vetters, ohne jedoch verhindern zu können, daß sich dabei ein leiser Seufzer über ihre Lippen stahl.

Sie hatte freilich wohl Grund zu seufzen. Der Herzog hatte es nicht bei der ersten Werbung für seinen Junker bewenden lassen. Nicht nur aus Zuneigung zu diesem, ihm selbst war der Gedanke lieb, die schöne Ilse an seinen Hof zu ziehen. Und von Frau Margarete mehr oder weniger abgewiesen, hatte er sich an den Bürgermeister gewandt. Der aber schien gar nicht so abgeneigt, als seine Frau vielleicht gehofft. Junker Vörsfelde war ein Kind seiner Base, auch einer vam Damme; heiratete er Ilse, so blieb, rechnete Tile, das Geld doch immerhin in der Familie. Zwar waren die Vörsfeldes Dienstmannen und ihr Besitz gering. Aber Herzog Ernst hatte seine Bereitwilligkeit durchblicken lassen, nicht nur nach des Bürgermeisters Tode den Junker mit dem heimfallenden vam Damme'schen Lehen zu belehnen, sondern demselben sogar einen Burgmannssitz auf Schloß Wolfenbüttel einzuräumen. Dies alles machte Vörsfelde für den Bürgermeister zu einem gar nicht zu verachtenden Schwiegersohne. Darum ließ er dessen Werbung um seine Tochter – wenigstens einstweilen – nicht ungern zu.

Was aber Ilse bei dieser ganzen Angelegenheit, welche doch über das Glück ihres Lebens entschied, fühlte – das war ihm völlig gleichgiltig. Er dachte gar nicht einmal daran, darnach zu fragen. Und Ilse erwartete auch nicht, gefragt zu werden. Ebenso fern lag ihr der Gedanke, Widerspruch zu erheben, wenn ihr Vater ihr den Vetter Vörsfelde zum Gatten bestimmen sollte. Und dennoch vermochte sie nur mit innerem Grauen an diese Verbindung zu denken. Kein Wunder daher, daß sie still und ernst vor sich niederblickte, während alles um sie her scherzte und lachte. Wie vorhin beim Tanze, so erhielt auch jetzt ihr Nachbar nur kurze Antworten, und es gelang ihm nicht, auf ihrem Antlitz ein auch noch so flüchtiges Lächeln hervorzulocken, so viel Mühe er sich auch gab.

Und Zeit genug dazu hatte er. Zehnmal hinter einander wurden die Schüsseln gewechselt und jedesmal erschienen nicht weniger als drei Gerichte. Auch war die Tafel aufs prächtigste geschmückt. Da sah man unter anderem als Schauessen goldene Häuser und Türme, in denen lebendige Vögel umherflatterten. Was freilich ein Gast von heute zuerst gesucht hätte, würde er nicht gefunden haben, Gabeln und Teller. Beides kannte man noch nicht. Je zwei Personen aßen aus einer Schüssel mit den Händen und mit Beihilfe der Messer, deren jeder Gast – selbst die Damen – eines bei sich führte. Dagegen wiesen die Gerichte selbst die allerkunstvollsten Formen auf. Speisen erschienen in der Gestalt von gewappneten Männern, Pfauen und Schwäne, Hühner, Enten und Tauben saßen mit Federn in ihrer natürlichen Gestalt in den Schüsseln, nicht als Schaugerichte, sondern gekocht und zum Essen. Ferner ward ein Gebüsch aufgetragen, in welchem sich gebackene Vögel schnäbelten, und darunter ein krystallhelles Wasser, in welchem gebackene Fische schwammen. Auch einen Pelikan konnte man sehen, aus Kuchenteig geformt und auf seinen Flügeln mit dem Wappen des Herzogs und dem der Stadt geschmückt, der öffnete sich mit seinem Schnabel die Brust, daraus quoll statt des Blutes dunkelroter Wein, die Jungen aber, welche darnach die Köpfe erhoben, waren gebratene Tauben. Allgemein lobte man die Erfindungsgabe des Küchenmeisters, und als, wie es Sitte war, zu seinen Gunsten ein Schaugericht herumging, aus Brotteig bereitet, bemalt und vergoldet, in welches jeder der Gäste eine Münze zu legen pflegte, da kargten die Gäste nicht und der Küchenmeister erntete einen ansehnlichen baren Dank.Die Beschreibung eines Gastmahls im 14. Jahrhundert findet sich in Buntings Braunschweig-Lüneburger Chronik, herausgegeben von Meybaum 1620. Vergl. auch die Beschreibung der Hochzeit Dieterik v. Quitzows in Klödens: »Die Mark Brandenburg unter Karl IV., Berlin 1846.

Auch an Weinen mancherlei Art war Überfluß. Zu gleicher Zeit wurden von den Schenken mehrere Sorten herumgereicht. Zwar verlangte die gute Sitte, sich nötigen zu lassen, doch waren dazu auch besondere Personen bestellt, die sogenannten »Umbitter«, welche fortwährend um die Tafeln gingen, nach dem Rechten sahen und jeden, der eine Pause machte, nötigten, herzhaft zuzulangen. Auch wurden Gesundheiten ausgebracht und von den Fanfaren der herzoglichen Trompeter begleitet. Man trank einander fleißig zu, immer höher stieg der Jubel und immer lauter ward die Festesfreude.

Endlich kam die letzte Gesundheit, das war die des Herzogs auf seine liebe und getreue, auch allezeit werte und lang blühende Stadt Braunschweig. Ilse atmete auf, der reichlich genossene Wein hatte ihren Vetter kühn und immer kühner gemacht, seiner Liebesbeteuerungen konnte sie sich kaum noch erwehren. Und dabei mußte sie von rechts und links Anspielungen hören und kaum versteckte Glückwünsche hinnehmen, von denen sie doch jeder wie ein Dolchstoß ins Herz traf.

Mit Freuden ergriff sie die erste Gelegenheit, welche sich bei der Rückkehr in den Tanzsaal darbot, von ihrem Vetter frei zu kommen. Der gehobenen Stimmung der Gäste zu entsprechen, hatte der Herzog »Pickelheringe« bestellt, das waren »gelernte Narren«, wie sie deren in jeder Stadt wohnten, Leute, die ein Gewerbe daraus machten, mit ihren Spaßen die Gaste zu ergötzen. Mit einem gemeinsamen Gesänge, der von den drolligsten Gebärden und seltsamsten Gesichtsverziehungen begleitet war, empfingen sie die Gesellschaft, als dieselbe in den Tanzsaal zurückkehrte. Das gab ein allgemeines Gelächter; ein Drängen entstand, denn jeder wollte die Pickelheringe so nahe wie möglich sehen. Da ward es Ilse nicht schwer, sich von dem Junker Vörsfelde loszumachen. Auch Frau Margarete hatte sich zurückgehalten, wie alles vorwärts drängte; so trafen Mutter und Tochter zusammen.

»O Mutter, muß ich denn den Vetter heiraten?« fragte Ilse. »Mir graut bei dem Gedanken!«

»Der Herzog wünscht es, erst eben hat er noch zu mir davon gesprochen; und der Vater scheint nicht abgeneigt, den fürstlichen Wünschen entgegen zu kommen. Aber es ist noch nichts Bestimmtes abgeschlossen. Immerhin mußt Du Dich mit dem Gedanken daran vertraut machen.«

»O Mutter, sprecht Ihr mit dem Vater«, flehte Ilse, Thränen in den Augen.

Frau vam Damme drückte ihrer Tochter fest die Hand. »Ich will 's versuchen. Aber ob ich was erreichen werde? – Hoffe nicht zu viel.«

Es war unmöglich, länger vertraut mit einander zu reden. Die Pickelheringe hatten ihr Lied beendet, zerstreuten sich unter die Menge, trieben allerhand Possen, sprangen im Saale hin und wieder, lagen auch wohl unversehens der Länge nach auf der Nase, zum größten Gelächter der Zuschauer, welche auf und ab wogten. Einer der Pickelheringe hatte sich an Ilse gemacht, sie schenkte den tollen Redensarten, welche er an sie verschwendete, anfangs wenig Beachtung. Plötzlich aber fragte er mit gedämpfter Stimme und auf den Wappenkranz an der Wand zeigend: »Warum fehlt dort der Schild der Dorings?«

Verwundert schaute Ilse in das Gesicht des Narren, aber vergebens spähte sie unter der dick aufgetragenen Schminke nach bekannten Zügen. »Seit wann ist es Sitte, mit seiner Feinde Wappen die Wand zu schmücken?« fragte sie zurück. »Und sind nicht die Dorings des Herzogs Feinde?«

»Ist auch in Eurem Herzen Schild und Name der Dorings ausgelöscht?« fragte der Narr weiter.

»Wer mag so keck sein, danach zu fragen?« flüsterte Ilse, in eine Fensternische tretend.

Der Narr folgte ihr. »Einer, dem es keine Ruhe läßt«, sagte er, »seit es heißt, Ihr würdet Frau von Vörsfelde.« »Lieb und wert wird mir auch dann noch Schild und Name der Dorings bleiben«, erwiderte Ilse, tief errötend.

»O Ilse, so ist Eure Verbindung gewiß mit dem Vetter!« rief der Narr mit einem Ausdruck, der schlecht zu seinem Anzug paßte.

Ilse war nicht länger ungewiß darüber, wen sie vor sich hatte. »Warum habt Ihr so lange Zeit verstreichen lassen, ohne Euch um mich zu bekümmern?« flüsterte sie.

»Habt Ihr mich nicht fortgewiesen?«

»Es war nicht so bös gemeint.«

Der Narr faßte ihre Hand. »Wirklich nicht, Ilse? O wie glücklich mich das macht! Und, Ilse, wenn es wahr ist, daß Euch der Schild der Dorings nicht unlieb geworden, so gebt mir Gelegenheit, Euch in Ruhe sprechen zu können.«

Sie entzog ihm ihre Hand, doch hatte sie vorher den Druck der seinigen leise erwidert. »Gelegenheit gab es genug in den letzten Wochen. Warum bliebt Ihr fern überall, wo Ihr mich treffen konntet?«

»Ich durfte meinem Vater nicht ungehorsam werden. Es war sein Gebot, mich von allen Festen zu Ehren des Herzogs fern zu halten. Sonst würdet Ihr mich heute Abend nicht in dieser Maske sehen. Aber ich konnte es nicht mehr aushalten, Euch nicht sprechen zu dürfen, darum schlich ich mich als Pickelhering hier ein. Doch alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, ist mir unmöglich. Darum gewährt mir eine Zusammenkunft, ich beschwöre Euch, Ilse!«

Er hatte wiederum ihre Hand gefaßt, sie atmete tief und hastig, die Tanzmusik forderte zu neuem Reigen auf, Ilse mußte sich entscheiden. »Ich bin morgen Nachmittag bei der Base Gustede, von dort nehme ich den Rückweg am Wall entlang«, flüsterte sie kaum hörbar. Und mit einem Händedruck trat sie aus der Fensternische in den Saal zurück.

Junker Vörsfelde hatte indessen weidlich mit über die Pickelheringe gelacht – er war in der fröhlichsten Stimmung und dazu trug nicht wenig bei, daß auch er allerlei Anspielungen auf seine bevorstehende Verbindung mit Ilse hörte, ja viele Bekannte ihn unumwunden zur Eroberung der schönen und reichen Base vam Damme beglückwünschten. Nichts Lieberes konnte er hören. Und als nun die Musik wieder begann, suchten seine Augen sofort nach Ilse, um sie zum Reigen zu führen. Aber sie war nirgends zu finden. Doch dort, am anderen Ende des Saales. Er eilte auf sie zu, da trat ihm ein Pickelhering in den Weg und redete ihn an. Barsch wies er ihn ab, aber damit war es diesen Gesellen gegenüber nicht gethan, die ließen sich nicht so leicht abschütteln. Auf jedes Wort Vörsfeldes hatte der Narr eine Antwort, schnell bildete sich ein Kreis von Zuhörern um die beiden, welche jedes Wort des Narren mit lautem Lachen belohnten. War es doch die Zeit der Narrenfreiheit, von der wir erzählen. Endlich riß sich Vörsfelde los, aber nun war es zu spät, schon schritt Jungfrau Ilse am Arm eines anderen Tänzers dahin.

Grollend zog sich der Junker in eine Ecke des Saales zurück, hier traf ihn der Herzog. »Was heißt das«, rief ihn dieser an, »warum führst nicht Du die Jungfrau vam Damme im Reigen?«

»Ein anderer ist mir zuvorgekommen«, murmelte Vörsfelde verdrießlich.

»Schau einer den langsamen Gesellen«, lachte der Herzog. »Auf die Weise wirst Du Jungfrau Ilse nicht zum Ehegemahl erringen,« Damit ließ er den Junker stehen.

Dieser verwandte kein Auge von Ilse, und sobald der Reigen geendet, eilte er auf die Jungfrau zu, um beim Anfang des nächsten Tanzes zur Stelle zu sein. Aber da war schon wieder der verwünschte Pickelhering!

Und als der Junker, ohne seine Anrede zu beachten, weiter hastete, lief der Narr sprechend und Grimassen schneidend neben ihm her, ja zuletzt warf er sich plötzlich nach Narrenart platt auf den Boden, Vörsfelde quer vor die Füße, so daß dieser über ihn hinstolperte. Das erregte lauten Jubel unter den Gästen. Wütend sprang der Junker wieder auf, aber da stand auch der Pickelhering schon wieder vor ihm und erkundigte sich mit ehrfurchtsvoller Verbeugung nach seinem Wohlbefinden. Jetzt konnte sich Vörsfelde nicht länger halten, er holte mit der Hand aus, doch der Narr lief ihm fort, der Junker, dem Zorn und der reichlich genossene Wein alle Besinnung geraubt, hinter ihm drein, eine tolle Jagd, welche das Gelächter der ganzen Gesellschaft erregte. Und dasselbe erreichte seinen Gipfelpunkt, als der Pickelhering, fast von Vörsfelde ergriffen, mit großer Gewandtheit eine der zur Saaldecke hinauf reichenden Tannen erkletterte, welche die Musikgallerie trugen, oben die wunderlichsten Gliederverrenkungen ausführte und seinen Verfolger mit den lächerlichsten Grimassen beehrte. Auch auf den Baum hinauf wollte ihm dieser folgen, aber auf einen Wink des Fürsten hielten ihn einige Ritter zurück und brachten ihn in ein Nebengemach. »Es ist genug, mein lieber Getreuer«, rief ihm der Herzog lachend zu, »Du hast mich außerordentlich erheitert!«

Als man später nach dem Pickelhering forschte, der Vörsfelde den Possen gespielt, war derselbe nirgends zu finden. Keiner von den Narren wollte es gewesen sein und keinen konnte man mit Bestimmtheit als Thäter bezeichnen.

Jungfrau Ilse aber war für den Rest des Festes davon befreit, mit ihrem Vetter Vörsfelde tanzen zu müssen.

 

Zu jener Zeit, von der wir erzählen, waren die fünf Weichbilde Braunschweigs nicht allein nach außen von einer gemeinsamen Mauer umschlossen, sondern auch noch unter einander durch Wall und Graben abgeschieden. Während aber die äußere Stadtmauer Tag und Nacht gegen plötzlichen Überfall wohl bewacht war, waren diese inneren Wälle nicht mit Wachen versehen und die an ihnen entlang führenden Wege gehörten zu den einsamsten in der ganzen Stadt.

Es war am Tage nach jenem üppigen Feste, mit dem Herzog Ernst die Geschlechter Braunschweigs erfreut hatte. Schon brach der Abend herein, der Schnee fiel in dichten Flocken herab. In eine Ecke der Mauer gedrückt, welche die Altstadt vom Hagen trennte, stand Rolef Doring, den Mantel fest um die Schultern gezogen; ein über den Wall vorspringendes Wachthaus schützte ihn vor dem Schnee. Den Blick hielt er unverwandt auf ein hohes Giebelhaus gerichtet, von dessen Rückseite der Wall nur durch den dazu gehörigen Garten getrennt war. Das war das Haus der Gustede, darin weilte jetzt Ilse – und wenn sie dasselbe verließ, kam sie zu ihm.

Wie ihm bei dem Gedanken das Herz klopfte! Winter und Schnee war um ihn her, aber in ihm war lachender Frühling. Nun erschienen ihm wie ein Traum alle die einsamen Wochen, in denen er Ilse höchstens von fern hatte sehen dürfen, wie ein Traum auch nur die letzten qualvollen Tage, in denen ihm das immer bestimmter auftretende Gerücht von der Geliebten Verlobung mit dem Junker Vörsfelde keine Ruhe mehr gelassen hatte. Er durfte wieder hoffen – hoffen, daß in Ilses Herz doch noch etwas für ihn spräche; und war dies nur der Fall, ward er nur mit ihr einig, so getraute er sich alle äußeren Schwierigkeiten leicht zu besiegen.

Dichter fiel der Schnee und tiefer wurden die Schatten des Abends. Im Hause der Gustede wurde ein Fenster hell und dann noch eines. Ob das Licht hinter jenen Fenstern wohl Ilses liebliches Antlitz überstrahlte? Nun verschwand das Licht, kam dann an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein und verschwand darauf ganz.

Klang das nicht auch durch die Stille des Abends, als werde eine schwere Hausthüre knarrend geöffnet und dann wieder geschlossen?

Rolef trat aus seinem Versteck hervor und spähte den Weg am Walle entlang bis zu der Ecke hinab, wo man vom Gustede'schen Hause herumbiegen mußte. Sein Herz klopfte stärker, er sah eine weibliche Gestalt um diese Ecke biegen – aber o weh! – was war das? – eine zweite folgte ihr – nein, das konnte Ilse nicht sein.

Langsam kamen die Frauen naher, der hohe Schnee hinderte ein schnelles Gehen. Bei der Ungewissen Dämmerung des Winterabends vermochte Rolef noch nichts Genaues zu erkennen. Jetzt blieb die erste der beiden stehen und schaute sich spähend um. Offenbar suchte sie nach jemandem, der sie hier erwarten sollte. So war es doch Ilse? Schnell trat Rolef aus dem Schatten der Mauer heraus und schritt auf die Harrende zu. Ja, sie war's, das erkannte er genau, als auch sie jetzt, ihn gewahrend, ihren Weg fortsetzte und auf ihn zukam.

Nun standen sie sich gegenüber. »Ilse«, rief er, ihr beide Hände entgegenstreckend. Sie zog ihren Mantel fester um sich, ohne die dargebotenen Hände zu beachten. »Wie still es hier ist und wie kalt«, flüsterte sie. Sie zitterte in der That, aber wer mochte sagen, ob vor Kälte oder vor innerer Aufregung.

Auch die andere Frauengestalt war jetzt näher gekommen, Rolef sah fragend zu ihr hinüber. »Kennt Ihr die alte Sybille nicht«, fragte Ilse, »meine Amme? Ich konnte doch nicht allein diesen weiten einsamen Weg gehen.«

Etwas von der winterlichen Kälte um ihn her zog in Rolefs Herz. Das war ganz die alte Ilse in ihrer spröden, abweisenden Art. Aber er ließ diesen kalten Hauch nicht die Wärme seines Herzens ertöten. »Kommt mit an die Mauer«, bat er, »dort haben mir Schutz vor dem Schnee. Sybille mag hier warten und Achtung geben, daß uns niemand überrascht.«

»Nein, sie soll mitkommen.«.

»Aber Ilse –«

»Ich will es so.«

Sie gab Sybille einen Wink und schritt, von derselben gefolgt, auf die Mauer zu. Rolef ging hinter ihnen her und wiederum fühlte er den kalten Hauch von vorhin um sein warmes Herz wehen.

»Haben Euch die Späße des Pickelherings gestern Abend gefallen?« fragte er, als sie an der Mauer standen.

»Ich bin dem Pickelhering dankbar für seine Hilfe«, entgegnete Ilse und zum ersten Mal traf ihn aus den lieben, blauen Augen ein voller, warmer Strahl, »um so dankbarer, als ich von der Seite Hilfe am wenigsten erwarten konnte.«

»Weil Ihr nicht wißt, wie innig dies Herz für Euch fühlt –«

»O ja, ich weiß es«, unterbrach ihn Ilse mit einem Blick auf die Amme, »und weil ich es weiß und auch fest daran glaube, wollen wir davon nicht weiter reden, sondern lieber vom Pickelhering und seinen gestrigen Späßen.« Rolef verstand sie und nun war wieder voller Frühling in seinem Herzen. »Darf denn der arme Pickelhering ein wenig Hoffnung hegen?« fragte er.

Fröstelnd zog sie den Mantel noch enger um sich und schlug die Augen nieder. »Ich gäbe ihm am liebsten«, sagte sie mit bebender Stimme, »statt der Hoffnung volle Gewißheit, aber –«

»Ilse!« jubelte Rolef laut auf.

Da warf sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und stampfte mit dem kleinen Fuß den Schnee, aber um die vollen Lippen spielte ein wunderbar lieblicher Zug. »Nicht unterbrechen!« rief sie, »laßt mich erst aussprechen. Hohe Herren sind dem Pickelhering nicht gewogen, sie zürnen ihm sogar und geben seinem Nebenbuhler den Vorzug, Ihr wißt schon wem. Aber gegen den letzteren hat mir der Pickelhering selbst gestern Abend eine Waffe in die Hand gegeben und er kann versichert sein, daß ich sie redlich gebrauchen werde. Doch wie lange sie vorhalten wird? Jedenfalls für einige Zeit und bis dahin –«

»Werden sich andere Waffen finden«, fiel Rolef glückselig ein. »Wenn nur wir beide –«

Wir beide sind entschlossen«, unterbrach ihn Ilse, das Wort »beide« stark betonend und Rolef voll mit den strahlenden Augen ansehend, »wir beide sind entschlossen, dem armen Pickelhering zu helfen und was in unsern Kräften steht, zu thun, damit er glücklich werde.« Und eine der kleinen Hände stahl sich bei diesen Worten unter dem Mantel hervor und legte sich in die Rolefs. O, nichts in der Welt hätte diesen abgehalten, das teure Wesen an sich zu ziehen und das liebe Gesicht mit Küssen zu bedecken, nur das eine, der innige, vertrauensvoll, aber auch rührend bittende Blick ihrer holden Augen. Darum erwiderte er nur herzhaft den leisen Druck der kleinen Hand.

»Wollt Ihr noch mehr von des Pickelherings Schicksal hören«, fuhr Ilse mit schelmischem Lächeln fort, »so kommt morgen zum Ratsmann van Sunnenberge in der Neustadt. Der ist ja Eures Vaters Freund, darum wird's Euch nicht verwehrt sein, dessen Haus zu betreten, um so weniger, da morgen der Frau van Sunnenberge Namenstag ist und Ihr doch auch dazu Eurer alten Freundin Glück wünschen müßt. Ich wenigstens werde das morgen um diese Zeit thun.«

»Und wie sollte ich das versäumen«, lachte Rolef; »war mir die Frau van Sunnenberge doch immer wie eine Mutter.«

Ilse zog ihre Hand zurück und schickte sich an zu gehen. »Lebt wohl«, nickte sie Rolef zu, so kurz und hochmütig wie nur je. Der hatte auch nichts als einen steifen Abschiedsgruß. So schieden sie.

»Nun Amme«, fragte Ilse, als die beiden Frauen durch den Schnee weiter schritten, »habe ich nicht recht gehabt, als ich Dich versicherte, daß mich nur das Schicksal eines armen Pickelherings zwinge, Rolef Doring aufzusuchen, daß aber von all' dem dummen Zeug, wovon Du sprachst, gar nicht die Rede sei?«

»Ihr habt mich überzeugt, Jungfrau Ilse«, meinte die Alte kopfschüttelnd. »Aber vorher habe ich es nicht geglaubt und verstehen thue ich es auch jetzt noch nicht. Als ich jung war, wußte ich mit so schmucken Burschen, wie Junker Doring einer ist, von anderen Dingen zu sprechen, als von armen Leuten.«

»Die Dorings und vam Dammes sind Feinde geworden«, sagte Ilse kurz.

Da verstummte die Alte.

 

Der arme »Pickelhering« schritt indessen nach der entgegengesetzten Seite. Wohin? Das wußte er selbst nicht. Daran dachte er auch gar nicht. Achtlos stampfte er durch den Schnee, wo ihn der Wind am dichtesten zusammengeweht; achtlos rannte er auch wohl gegen den einen oder anderen der wenigen Wanderer an, welche sich bei dem dichten Schneegestöber und im Dunkel des November-Abends auf die Straße hinaus gewagt hatten. Und als er sich endlich Rechenschaft darüber gab, wohin er geraten war, wo fand er sich da? Nirgends anders, als auf dem Altstadt-Markte, dem Hause mit den sieben Türmen gegenüber, aus dessen weit geöffnetem Thor das rotgelbe Licht der Pechfackeln weit auf den Schnee hinaus glänzte.

Wie viel goldene Zukunftsträume da vor ihm aufstiegen, wie viel Pläne in seinem Kopfe sich kreuzten, auf welche Weise am schnellsten diese goldene Zukunft herbei zu zaubern sei – wer konnte das sagen? Aber wohl das darf man sagen, daß von dem allen, was die Zukunft bringen mochte, nur weniges an das Glück reichte, was jetzt seine Seele fühlte. So voll Sonnenschein ist der Augenblick, in welchem sich zwei Menschenherzen finden.

Da tönten plötzlich lautes Geschrei, Waffenklirren und stampfende Schritte an Rolefs Ohr. Erstaunt aufblickend, sah er in dem Schein der aus dem vam Dammeschen Hause herausleuchtenden Fackeln einen Mann in der Tracht der niederen Stände an sich vorbeistürzen. Einen weiten, grünen Kittel gewahrte Rolef, aus dem die Ärmel einer roten Jacke hervorleuchteten, eine rote Gugel verhüllte den Kopf und das Untergesicht war von einem struppigen, roten Barte bedeckt. Nur wenige Schritte hinter dem Flüchtling lief ein zweiter Mann an Rolef vorüber, im Scheckenrock, mit klingenden Schellen, das blanke Schwert in der Faust. Den vermochte Rolef nicht zu erkennen, recht gut aber hatte er den ersten erkannt, war es doch niemand anders, als der geheimnisvolle Schuster aus Lübeck, dem zu Diensten zu sein ihm sein Vater ausdrücklich befohlen hatte. Ohne sich zu besinnen, stürzte daher der Jüngling dem Flüchtling und seinem Verfolger nach und erreichte beide am Eingang einer der auf den Markt einmündenden Straßen. Der Schuster war hier über die Staffel einer vorspringenden Haustreppe gestürzt, welche unter einer Schneewehe verborgen gewesen. Bittend hielt er die Hände gegen seinen Verfolger ausgestreckt, der das Schwert gegen ihn zückte. In diesem Augenblick kam Rolef hinzu. Mit dem Ausdruck: »Wer mordet Wehrlose?« faßte er den Verfolger am Arm und schleuderte ihn einige Schritte fort. »Unverschämter!« schrie der Überraschte und stürzte sich mit geschwungener Waffe auf Rolef. Doch dieser hatte auch die Wehr von der Seite gerissen und fing den ihm zugedachten Hieb kunstgerecht auf. Jetzt erkannte er, wen er vor sich hatte, es war der Junker Vörsfelde.

Der lachte ingrimmig auf, als er nun ebenfalls gewahr wurde, wer der neue Gegner sei. »Oho, Rolef Doring!« schrie er, »hast Du vergessen, wie Vörsfeldsche Hiebe schmecken?« Und dabei drang er von neuem ungestüm auf den Jüngling ein. Rolef wehrte ihn gewandt ab; des Junkers Hohn trieb ihm das Blut zu Kopf, aber keinen Augenblick verlor er die Besonnenheit.

»Laßt ab, Junker«, rief er Vörsfelde zu, »Ihr seid ein Gast dieser Stadt, das macht unsre Waffen ungleich!«

Der aber glaubte, Mutlosigkeit spräche aus Rolef. »Du bittest um Gnade«, schrie er, »Gnade giebt es nicht! Warum störtest Du mich, einen Unverschämten zu bestrafen!« Damit erneuerte er seine wütenden Angriffe. Nun riß auch Rolef die Geduld. Er fühlte eine gewaltige Kraft in seinem Arm, es war ihm, als kämpfe er nicht nur für sich, sondern auch für die Geliebte. Auch er ging jetzt von der Verteidigung zum Angriff über. Die Schwerter blitzten und die wuchtigen Hiebe folgten sich unmittelbar. Aber immer noch hatte Rolef den Vorteil größerer Ruhe, während Vörsfelde wie ein Berserker wild darauf losschlug. Keine Bewegung des Gegners entging Rolef, da erspähte er eine Blöße, mit schneidiger Schärfe sauste sein Schwert herab, streifte Vörsfeldes Haupt und drang tief in dessen rechte Schulter.

Der Junker taumelte und brach fluchend zusammen. Aber in demselben Augenblick fühlte sich Rolef ergriffen. »Mord! Mord!« klang es um ihn her, rotgelbes Licht umstrahlte ihn, man riß ihm das Schwert aus der Hand und um sich blickend gewahrte der Jüngling im Scheine von Pechfackeln Stadtknechte, Ritter vom Gefolge des Herzogs, ja diesen selbst und an seiner Seite die dicke Gestalt des ersten Bürgermeisters. Der Rotbärtige im grünen Kittel aber war verschwunden.

»Fürwahr, Braunschweigs Bürger haben seltsame Begriffe vom Gastrecht«, mit diesen ungnädigen Worten wandte sich der Fürst an Seine Gestrengen. Da trat Rolef hastig vor und sprach: »Nicht also, Fürstliche Gnaden. Nicht ich habe das Gastrecht verletzt, sondern der da, welcher mich angriff mit blanker Waffe.«

Den kühnen Sprecher maß Herzog ernst mit einem stolzen Blick und wandte sich dann stumm ab, vam Damme jedoch meinte mit höhnischem Lächeln: »Spart Eure Worte, junger Mann, bis Ihr gefragt werdet. Das aber wird bald genug geschehen.« Und sich zu den Stadtknechten wendend, setzte er hinzu: »Führt den Gefangenen in den Turm.

»In den Turm«, schrie Rolef, »ich, der ich nur handelte in gerechter Notwehr!«

Aber unbeachtet verhallten seine Worte; die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem Verwundeten zu, während die Stadtknechte Rolef trotz seines Sträubens fesselten und von dannen führten.

 

Rolef Doring verbrachte eine verhältnismäßig ruhige Nacht. Nachdem sich seine erste Aufregung gelegt hatte und er begann, kühleren Blutes über sein Schicksal nachzudenken, stellte sich ihm dasselbe als keineswegs hoffnungslos dar. Selbst wenn man nicht berücksichtigen sollte, daß er in gerechter Notwehr gehandelt, konnte ihn nur eine Geldbuße treffen, weil er einen freien Mann verwundet hatte, und die mochte sein Vater auch dann leicht erlegen, wenn diese Sühne wegen der Eigenschaft des Verwundeten, als Gast der Stadt, außergewöhnlich hoch bemessen werden sollte.

So unbehaglich daher auch Rolefs Aufenthaltsort – ein unter der Gerichtsstube befindlicher Kerker, in welchen die Gefangenen mittelst einer Fallthür an Seilen herabgelassen wurden, und in welchen Luft und Licht nur durch schmale Mauerspalten hereindringen konnten – zumal jetzt zur Winterszeit war, wo eisige Kälte innerhalb der Gefängnismauern herrschte, der Jüngling tröstete sich mit dem Gedanken, daß diese Mauern ihn nur kurze Zeit beherbergen könnten und er bald wieder als freier Mann in Braunschweigs Straßen umhergehen würde.

Der Morgen brach an, ein später Wintermorgen, um so später für den Gefangenen, als es lange dauerte, bis sein mattes, verdrossenes Licht den Weg durch die schmalen Mauerspalten des Kerkers gefunden hatte. Dann öffnete sich oben die Fallthür und an einem Seil kamen ein Krug Wasser und ein Laib Brot herab. Und wieder vergingen lange Stunden und wiederum öffnete sich die Fallthür und ein Seil wurde mit der Weisung für Rolef herabgelassen, sich daran zu befestigen, da er zum Verhör heraufgezogen werden solle. Der Gefangene kam der Weisung nach und befand sich gleich darauf in der Gerichtsstube.

Auch das war ein kahler und kalter Raum, welcher sich vom Kerker nur dadurch unterschied, daß durch ein kleines Fenster mit grünen, in dickes Blei gefaßten Scheiben das liebe Tageslicht reichlicher eindringen konnte, als durch die Mauerritzen des unterirdischen Kerkers. In einer Nische befand sich eine steinerne Bank, das war der Platz für den zur Abhörung des Gefangenen abgeordneten Ratsmann, daneben sah man eine halbgeöffnete Thür, aus welcher der gelbe Schein von Fackellicht herausglänzte.

Rolef war nicht angenehm überrascht, als er die Züge des Ratsmannes erkannte, der ihn abhören sollte. Eggeling van Strobecke war's, ein Feind seines Vaters und der Dorings überhaupt. Aber noch größer war seine Verwunderung, als nun das Verhör begann. Denn von dem, wegen dessen Rolef geglaubt allenfalls bestraft zu werden, von seinem Zweikampfe mit dem Junker Vörsfelde und von des letzteren Verwundung – von dem war gar nicht, oder nur nebenbei die Rede. Der Hauptgegenstand aller an ihn gerichteten Fragen war der Mann, welchen er Vörsfeldes Rache entzogen. Denn dieser, so erfuhr er jetzt, habe gegen Herzog Ernst und die Ratsverwandten Schmähungen ausgestoßen in Gegenwart einiger Ritter vom Gefolge des Herzogs. Diese, allen voran der Junker Vörsfelde, hatten ihn darob bestrafen wollen, der Fremde habe die Flucht ergriffen und sei von Vörsfelde verfolgt worden. Da sei nun Rolef hindernd dazwischen getreten. Woher er den Mann kenne? Wer derselbe sei? Rolef möge freiwillig bekennen, der Rat wisse mehr als er vielleicht glaube, man sei einer Verschwörung unter den Gilden auf der Spur, an deren Spitze jener geheimnisvolle Fremde stehe, auch Rolef habe sich der Teilnahme an derselben durch die Hilfe, welche er dem letzteren gewährt, verdächtig gemacht. Wenn er aber jetzt offen gestehen wolle, was ihm davon bekannt, sei der Rat geneigt, Gnade für Recht ergehen zu lassen und ihm keine andere Strafe zuzuerkennen, als ewige Verbannung aus den Mauern der Stadt.

So überrascht Rolef auch war, verlor er doch nicht die Mahnung seines Vaters hinsichtlich des Fremden aus den Augen: »Hüte Dich, daß Du nicht ihn verrätst und uns!«

Er antwortete auf die Frage des Ratsmannes, den Fremden habe er gestern Abend zum ersten Male gesehen und sei ihm nur deshalb zu Hilfe geeilt, weil derselbe wehrlos, sein Bedränger aber mit einem Schwert bewaffnet gewesen sei. Auch wiederholte er nochmals, das eigene Schwert habe er nur aus Notwehr gezogen. Da lächelte Eggeling van Strobecke höhnisch und auf seinen Wink wurde die Thüre neben ihm ganz geöffnet. Darin erblickte Rolef beim Schein der Fackeln mehrere kräftige Gesellen und allerlei wundersames Gerät.

»Das ist die Folterkammer, Junker«, sagte der Ratsmann, »Geht einmal hinein und laßt euch drinnen die Werkzeuge zeigen, mit denen man verstockte Verbrecher zum Geständnis bringt. Vielleicht werdet Ihr bei deren Anblick anderen Sinnes. Denn ich kann Euch versichern, an Eurem Leibe werdet Ihr die Überredungskraft solcher Werkzeuge erproben, so Ihr bei Eurem Leugnen beharrt.«

Ohne den Ratsmann einer Antwort zu würdigen, trat Rolef in die Marterkammer. Da empfing ihn der Scharfrichter mit seinen Knechten und erklärte ihm grinsend die verschiedenen Mittel, mit denen man verstockte Gewissen weich macht und willig, durch ein offenes Bekenntnis sich drückender Schuld zu entlasten. Rolef verzog keine Miene, wenn es ihm auch manchmal kalt über den Rücken rieselte. Und als er Eggeling van Strobecke gegenüber stand, entgegnete er auf dessen Fragen, nichts anderes könne er bekennen, als er wisse. Von dem Fremden aber wisse er nichts und ebenso wenig von einer Verschwörung, welche unter den Gilden gegen den Rat gesponnen werde.

»Nun wohl«, rief der Ratsmann, »so bereitet Euch auf die peinliche Frage vor. Wenn der Mond aufgegangen, werdet Ihr sie zu bestehen haben. So lange möget Ihr in der Einsamkeit des Kerkers nachdenken über das, was Eurer wartet.«

Die Fallthüre öffnete sich und Rolef wurde wieder in sein Gefängnis hinabgelassen. Seine Richter waren wohl erfahren in der Kunst, Geständnisse zu erpressen, und wußten, was sie thaten, wenn sie ihr Opfer nicht gleich auf die Folterbank legten. Nichts ist für einen mutigen Entschluß gefährlicher, als wenn seine Ausführung hinausgeschoben werden muß. Neue Bedenklichkeiten tauchen in der Zwischenzeit auf, die Spannkraft der Seele läßt nach und die Gefahr, welche wir sofort zu bestehen entschlossen waren, wächst während der langen Zeit unthätigen Wartens so riesengroß, daß es unmöglich scheint, ihr entgegen zu treten. Auch dieser Probe wollten die Feinde der Dorings Rolef unterwerfen; denn ohne Zweifel mußte ein freiwilliges, vor der Folter abgelegtes Bekenntnis desselben ihnen weit wertvoller dünken, als ein solches, das durch die grauenvollen Martern der peinlichen Frage erpreßt worden war.

Entsetzlich langsam verstrichen die Stunden dem Gefangenen. Die feuchte kalte Moderluft des Kerkers durchfröstelte ihn bis ins tiefste Mark, keine andere Nahrung wurde ihm gereicht, als der Laib Brot und der Krug Wasser, welches man ihm am Morgen heruntergelassen hatte. Blasser und blasser ward das Licht, welches durch die Spalten der Mauer schimmerte, jetzt mochte wohl draußen Nacht die Gefilde bedecken. Gestern um diese Zeit hatte er in Ilses liebe Augen geschaut, hatte er hören dürfen, daß ihr Herz ihm gehöre, hatte sie ihm versprochen, ihn heute bei Frau van Sunnenberge zu treffen. O, dieses Heute! Wie anders war es geworden, als er sich gestern geträumt! Und als das Bitterste empfand er, daß Ilses Vater derjenige war, welcher dieses Heute so qualvoll für ihn gestaltet hatte.

Denn kein anderer konnte es sein. Tile vam Damme kühlte am Sohne den Haß, welchen er gegen den Vater hegte. »Sie sind ein falsches und hochmütiges Geschlecht«, hatte Kort Doring gesagt – jetzt konnte es Rolef aus eigener Erfahrung bestätigen. Aber Ilse? Nein, Ilse war anders – stolz war sie auch, vielleicht konnte man es selbst hochmütig nennen, aber falsch war sie nicht, diese blauen Augen konnten nicht lügen! Aber ach, wann würden diese Sterne wieder auf ihn niederblicken? Würde er sie überhaupt noch einmal wiederschauen, diese Augen voll Liebe und voll Treue?

Diese Frage beschäftigte den Gefangenen mehr als der Gedanke an die bevorstehenden Folterqualen. Und immer dunkler ward es in seiner Seele, Ilse war für ihn verloren, die einzige Antwort gab es nur auf jene Frage. Aber auch ingrimmiger Haß zog mit dieser Antwort in sein Herz, Haß gegen Tile vam Damme und dessen Anhang. Und mit dem Haß erhob sich sein Stolz, und als nun oben die Fallthüre geöffnet ward, roter Fackelglanz herabstrahlte und in dessen Schein das bekannte Seil herunter kam, um den Gefangenen heraufzuziehen, da hob sich Rolefs Herz in freudigem Mute, nur ein Gedanke lebte in ihm, dem Gezüchte zu zeigen, was ein Doring sei.

Hastig befestigte er sich das Seil unter den Armen und schnell war er oben. Aber überrascht schaute er auf, als sich die Fallthüre hinter ihm geschlossen. Dann durchzuckte ihn jähes Entsetzen und mit dem lauten Aufschrei: »Mein Vater!« sank er einer hoch aufgerichteten sehnigen Greisengestalt in die Arme.

»Auch Ihr!« stöhnte er. »Auch Ihr in den Händen dieser Ruchlosen!«

Kort Doring drückte Rolef einen Augenblick fest an sein Herz, dann schob er ihn von sich. »Noch haben sie mich nicht«, lachte er ingrimmig, »und Dich haben sie auch die längste Zeit gesehen. Komm mit!«

Jetzt erst bemerkte Rolef, daß sein Vater allein war, jetzt erst verstand er, daß ihm derselbe die Freiheit brachte. Der Bürgermeister ergriff eine Fackel, welche er neben der Richterbank befestigt hatte und schritt in die Folterkammer voran. Sein Sohn folgte ihm.

»Eines hat Tile vam Damme vergessen, als er Dich hier einsperren ließ«, sagte Kort Doring. »Die Thüre in die Oker. Das war deine Rettung.«

Er deutete bei den Worten auf eine offene Fallthüre. In der scharfen Zugluft, welche durch dieselbe emporströmte, flackerte das Licht der Fackel unruhig hin und her und rief ein gespenstiges Leben auf den Marterwerkzeugen wach, welche wohlgeordnet an den Wänden hingen.

»Obgleich ich zwischen gestern und heute Abend mein Haus nicht verlassen, war ich doch wohl unterrichtet von Allem, was Dir bevorstand«, fuhr Kort Doring fort. »Sunnenberge hat sich als Freund bewiesen, das werde ich ihm niemals vergessen. Er hat auch einen Gesellen des Scharfrichters bestochen, daß derselbe unvermerkt heute Morgen den Riegel dieser Thüre zurückschob. So mochte es mir vorhin gelingen, sie von unten zu offnen. Jetzt steig herab, ich werde folgen.«

Der Bürgermeister leuchtete in die Tiefe hinunter. Als Rolef hinabblickte, gewahrte er, wie das Licht von einem Wasserspiegel zurückgeworfen wurde, welcher in einer Tiefe von kaum zwanzig Fuß unter ihnen lag. Ein Seil hing von der Thüre zum Wasser hinab. Rolef wollte seinem Vater den Vortritt auf dem Wege zur Freiheit lassen, aber der Alte weigerte sich entschieden, er müsse der Letzte sein, um die Thüre zu schließen.

»Bist du unten, so rufe Libertas!« setzte Kort hinzu. Da zauderte Rolef nicht länger, ergriff das Seil, schwang sich hinab und war in wenigen Augenblicken unten.

»Libertas!« rief er vernehmlich. Ein Kahn schoß aus der Dunkelheit hervor und nahm ihn auf. Sobald der Bürgermeister das von oben bemerkte, löschte er die Fackel, schwang sich hinab, und mit jugendlicher Kraft sich mit der Linken haltend, zog er mit der Rechten die Fallthüre über seinem Kopfe zu. Eine halbe Minute später war er im Boot.

Rolef hatte indessen den Lenker des Bootes erkannt. Der Ratsmann van Sunnenberge war es, seines Vaters treuer Freund. »Ihr werdet wohl die ersten Lebendigen sein, die diesen Weg gemacht haben«, lachte derselbe und trieb mit einem kräftigen Ruderschlage den Kahn in den Fluß hinaus.

»Wozu dient die Thür sonst?« fragte Rolef.

»Nicht alle, die gerichtet werden«, erwiderte sein Vater, »richtet man auf offenem Markte. Die Leichname derer aber, welche in jenem Turme durch Henkersschwert sterben, verschwinden durch die Thüre, welche wir soeben benutzt.«

Ein Schauder lief über Rolefs Körper, an dem Seil, welches ihm zur Flucht verholfen, klebte das Blut der Gerichteten.

Lautlos glitt das Boot im Schatten der Stadtmauer dahin, welche hier von der Oker bespült wurde. An der langen Brücke bei Unserer Lieben Frauen angekommen, ergriff auch der Bürgermeister ein paar Ruder und hieß seinen Sohn ein Gleiches thun. Geräuschlos wurden dieselben eingesetzt und fielen dann auf Sunnenbergs Wink zu gleicher Zeit ins Wasser. Pfeilschnell glitt so getrieben das Boot mit dem Strom dahin. Es war der gefährlichste Augenblick der Fahrt, wo der Kahn, nicht mehr durch den Schatten der Mauer, gedeckt, sich doch noch in Sehweite von derselben befand. Aber der gefährliche Augenblick ging glücklich vorüber, keine Wache rief vom Wall aus das Schiff an und nun fuhr man schon zwischen einsamen, schneeblinkenden Feldern.

»Wir hätten nicht später daran sein dürfen«, sagte Sunnenberge, auf den Mond deutend, welcher jetzt langsam wie eine große, rote Feuerkugel über den Horizont herauf stieg.

»Sechs Uhr«, nickte Kort Doring, »in einer Stunde wird der hochweise Eggeling van Strobecke zum Turme schreiten und eine wohlverwahrte Thüre nach der anderen öffnen lassen, um doch zuletzt das Nest leer zu finden. In dem Augenblicke nicht sein Schafsgesicht sehen zu können ist wahrlich zu bedauern. Er wird es Hexerei nennen, an die Leichenthüre wird er nicht denken, und denkt er daran, so hat unser Freund schon längst den Riegel vorgeschoben. Ha, ha, ha!« Ingrimmig lachte der Alte und sein Sohn stimmte mit Sunnenberge ein.

»Wenn sie Rolefs Flucht bemerken, werden sie natürlich zuerst zu mir kommen. Bis dahin muß ich also wieder zu Hause sein und im Bette liegen«, fuhr der Bürgermeister fort. »Aber da ist ja auch schon die Eiche und Heinz Kyphod hat Wort gehalten.«

Sunnenberge steuerte das Boot dem Ufer zu und als das Kiel auf dem Sande knirschte, hielt er es mit eingestemmtem Ruder fest, so daß Rolef ans Land springen konnte. Neben einer nahe dem Flusse stehenden Eiche hielt, in einen weiten, dunklen Mantel gehüllt, ein Mann mit zwei Pferden.

»Das ist der Mann, welchem Du das Leben gerettet«, sagte Kort Doring zu seinem Sohne. »Du wirst mit ihm nach Wolfenbüttel reiten, denn er ist kein Lübecker Schuster, sondern Herzog Ottos Amtmann, Heinz Kyphod. In Wolfenbüttel wirst Du den Herzog finden, heute Morgen hat er sich der Veste bemächtigt und damit des Schlüssels zum ganzen Lande. Kannst guter Aufnahme versichert sein, Kyphod hält große Stücke auf Dich; er will Dein Fürsprach sein beim Quaden, in dessen Gefolge Du reiten sollst, bis Deine Vaterstadt Dich zurückruft. Lebe wohl und halte Dich brav!«

Ein kräftiger Händedruck begleitete die Worte. Rolefs Brust durchwogten die verschiedensten Empfindungen, Schmerz des Abschiedes und Freude an der wieder gewonnenen Freiheit, Trauer um die verlorene Geliebte und fröhliches Hoffen auf ein lustiges Reiterleben. Aber ein Gefühl beherrschte augenblicklich alle anderen, das war das des bewundernden Dankes für feinen Vater. »Wie soll ich Dir danken«, stammelte er, vor tiefer Rührung kaum der Worte mächtig, aber sein Vater unterbrach ihn. »Mach', daß Du aufs Pferd kommst«, sagte er fast rauh, »Heinz Kyphod ist kein Freund vom Warten.«

Noch einmal drückte Rolef seinem Vater die Hand, auch mit dem treuen Sunnenberge wechselte er einen kräftigen Händedruck. Dann stieß das Boot vom Ufer ab und wurde von den kräftigen Ruderschlägen der Männer wieder stromaufwärts getrieben. Rolef mußte dem Boote nachschauen, wie es im Mondenscheine dahin glitt über die silberne Flut, er konnte sich nicht so schnell losreißen von dem Anblick.

»Hollaho«, klang es von der Eiche herüber, »Euer Pferd wird ungeduldig!«

Da wandte er sich und schritt dem Baume zu.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.