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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Drittes Kapitel.

Freund oder Feind?

Es war am anderen Tage um dieselbe Stunde, da ließ ein im Hause Doring gar seltener Gast den Thürklopfer an der eichenen Hausthüre dröhnend niederfallen. Das war aber niemand anders als der erste Bürgermeister der Altstadt, Tile vam Damme, in eigener Person.

Seine Gestrengen hatte sich schon eine Stunde vorher ansagen lassen, und so wurde ihm die gewichtige Hausthüre beim ersten Ton geöffnet und er von zwei Dienern über die Stiege in das obere Erkergemach geführt, das gestern die Besprechung zwischen Sohn und Vater gehört hatte. In der Thür stand Kort Doring, die lange sehnige Gestalt hoch aufgerichtet, und nötigte Seine Gestrengen herein mit kalter Höflichkeit, welche nicht die geringste Freude blicken ließ über den seltenen Besuch des Jugendfreundes.

Sie standen sich gegenüber, die beiden Ersten der Stadt, und schauten sich prüfend in die Augen. Hatten ein gar verschiedenes Aussehen. Kort Dorings lange, magere Gestalt umschloß ein enganliegendes Gewand von gleichmäßiger rotbrauner Farbe, die sich selbst auf die Schuhe erstreckte, welche von gleichem Stoff wie die Beinkleider mit denselben in eins geschnitten waren. Um die Lenden trug er einen weiten, herabhängenden, silbernen Gürtel von viereckigen, beweglich an einander gefügten Gliedern und an diesem, in schwarzer Lederscheide, einen kleinen Dolch mit silbernem Griff. Dies knappe, einfache Gewand ließ ihn noch größer erscheinen, als er war, und fast jugendlich nahm sich darin der Sechzigjährige aus. Einen anderen Anblick gewährte Tile vam Damme. Von mittelgroßer Figur, war er stark beleibt, und während Kort Dorings scharf geschnittenes Antlitz mit der vorspringenden Nase und den blitzenden, braunen Augen etwas Adlerartiges an sich hatte, zeigte sein Gesicht verschwommene Züge; man mußte förmlich erst nach den beiden wasserblauen Äuglein suchen, welche zu beiden Seiten der flachen Nase schimmerten. Auch er trug den kurzen und engen Scheckenrock, aber von hellblauer Farbe, mit goldenen Knöpfen, der Gürtel war von blankem Stahl mit Gold eingelegt, und die knapp anliegenden Beinkleider hochrot. Darüber hing ihm der »Trappert«, der schimmerte violett und die herabhängenden Ärmel zeigten blaugraues Futter. Vorn am Halse aber hing ihm die gleich den Beinkleidern rote Gugel, welche er beim Eintritt ins Haus vom Haupt gezogen hatte.

Wie gesagt, die Männer hatten sich einen Moment prüfend in die Augen geschaut, dann veranlaßte Kort Doring seinen Gast, an einem in der Mitte des Gemaches stehenden Tische Platz zu nehmen, auf welchem eine prächtige silberne Kanne mit zwei Bechern von demselben Metall und gleich edler Arbeit stand. Darauf setzte er sich ihm gegenüber, füllte aus der Kanne die Becher mit süßem Malvasier und brachte seinem Gast den Willkomm.

»Möge es Deinem Hause wohlgehn«, erwiderte Tile vam Damme und leerte den Becher, während Kort Doring nur an seinem genippt.

»Die Worte sind lange nicht über Euer Gestrengen Lippen gegangen«, meinte Kort Doring.

»Habe ich deshalb weniger an Dein Haus gedacht, Kort? Gewiß nicht.«

»Auch als ich mit unserer Stadt Reisigen zu Felde lag mit Herzog Magnus in der lüneburgischen Fehde und Bodo van Saldern von der Bienenburg aus über meinen Hof zu Halchter herfiel, ihn niederbrannte und fünfhundert Schafe forttrieb? Wüßte nicht, daß sich damals einer von Euch, meinen Freunden, geregt hätte, dem Schnapphahn das geraubte Gut abzujagen.«

Tile vam Damme schüttelte mißmutig mit dem Kopfe, während Doring fortfuhr:

»Und als die Sternbrüder vor Goslar meine Wagen überfielen, die Knechte niederwarfen und die Waren plünderten, fand ich damals Hilfe bei denen, so sich meine Freunde nannten?«

Der fette Mann atmete tief auf, ehe er erwiderte: »Laß die Vergangenheit ruhen, Kort, ich bitte Dich darum, und laß uns ohne Bitterkeit ob der Zukunft verhandeln. Ich bin auch nicht gekommen, von uns zu reden, sondern von der Stadt, deren Regiment uns anvertraut ist. Wir sind an einem Kreuzwege angelangt und mögen wohl bedenken, welchen Weg wir jetzo die Stadt führen sollen.«

»Du überraschest mich«, entgegnete Doring fast spöttisch. »Ich bin es wenig gewohnt, daß Du nach meiner Ansicht fragst, ehe Du der Stadt Wege bestimmst. Wenn Du anderen gestattest, ihre Meinung kund zu geben, pflegt Deine Hand schon alles geordnet zu haben, so daß nur ein Weg offen bleibt und das ist eben der, von dem Du wünschest, daß wir ihn gehen.«

Tile vam Damme richtete sich halb in die Höhe. »Wann ist das geschehen?« fragte er heftig.

»Nun, zum Beispiel erst vorgestern Abend, bei der Ankunft Deines hohen Gastes. Hättest Du früher den Rat zusammengerufen, als wie im letzten Augenblick, wäre wohl schwerlich beschlossen, Herzog Ernst gleich dem Landesherrn zu empfangen.«

Vam Damme hatte sich schon wieder in den Stuhl zurücksinken lassen. Und so schnell und heftig er vorhin die Frage herausgestoßen, so langsam und bedächtig sagte er jetzt: »Ich konnte den Rat nicht eher zusammenrufen, ehe ich nicht selbst des Herzogs bevorstehende Ankunft erfahren. Sobald mir der Junker Isenbüttel des Herzogs Nahen verkündet, ließ ich die Wohlweisen fordern.«

»Was Du sagst«, lächelte Doring. »Wer hätte das geglaubt. Auch Du überrascht durch des Herzogs Ankunft?«

»Wenigstens dadurch, daß er so bald gekommen. Freilich ist er ein Herr von schnellem Entschluß. Darum müssen auch wir jetzt zum Schluß kommen. Welchen Weg soll die Stadt gehen?«

»Du kennst meine Ansicht.«

»Beim Alten zu beharren?«

»Braunschweig ist groß geworden unter dem Schutz seiner Herzoge.«

»Es wäre größer geworden ohne sie, jedenfalls kann es jetzt ihres Schutzes entbehren. Braucht Lübeck eines Schirmherrn oder Hamburg?«

»Die Hamburger streiten noch mit den Holsteiner Grafen ob ihrer Selbständigkeit. Und Lübeck wird schon in den alten Registern der Kaiser allein mit Rom und Pisa, Venedig und Florenz als freie Stadt und Herrschaft genannt. Wir sind nicht Lübeck.«

»Aber wir können werden wie Lübeck. Und welch' ein Schutz ist es denn, unter den Du uns stellen willst. Können unmündige Kinder Schutz gewähren?«

»Aus den Unmündigen werden Erwachsene. Und die Stadt müßte die Unhuld der Erwachsenen tragen.«

»Was brauchen wir dann noch danach zu fragen. Wisse, wozu Herzog Ernst sich erboten hat. Unterstützen wir seine Ansprüche – vom ganzen Erbe Herzog Magni verlangt er nichts als Schloß und Amt Wolfenbüttel, welches ja ein Pfandbesitz unserer Stadt ist – so will er bei Kaiser Carolo, dessen Gunst ihm in hohem Grade zugewandt, ein Wort für uns einlegen, daß Kaiserliche Majestät Braunschweig zur freien unmittelbaren Reichsstadt erklären.«

»Immer derselbe Gedanke! In Deinem Haupte hat nichts Anderes Raum.«

»Ist der Gedanke nicht wert, daß man ihn festhält Tag und Nacht?«

Kort Doring antwortete mit einer anderen Frage. »Wie kann Kaiserliche Majestät verschenken, was nicht sein ist? Braunschweig gehört den Nachkommen Heinrich des Löwen, wie mag er die Stadt ihnen nehmen und sich selbst geben?«

Da zog ein verschmitztes Lächeln über das breite Gesicht vam Dammes und die kleinen wasserblauen Äuglein leuchteten hell auf. »Glaubst Du, daran hätt' ich nicht gedacht? Hältst Du mich für so unerfahren in Staatsgeschäften? Wohl kann der Kaiser keinem Fürsten eine Stadt nehmen und sie zur Reichsstadt machen, es sei denn, dieser habe sie verwirkt durch Felonie. Wie aber, wenn ein Fürst selbst für seine Stadt solches vom Kaiser erbittet?«

»Was? Die Söhne Herzog Magni wollten ihre Rechte auf Braunschweig aufgeben und ihm reichsstädtische Freiheiten erwirken? Da müßte nicht der ›Quade‹ ihr Vormund sein.«

»Wer spricht von den Söhnen Herzog Magni und vom Quaden? Auch Herzog Ernst erhebt Ansprüche an unsere Stadt.«

»Die Söhne sind die nächsten Erben.«

»Die Erbverhältnisse sind verworren, wer mag entscheiden, wessen Recht das beste. Die Stadt wählt sich den Herrn, welcher ihr am meisten bietet. Und das ist Herzog Ernst. Wenn wir ihm huldigen, so geschieht das nur, damit er beim Kaiser für seine Stadt Braunschweig reichsstädtische Freiheiten erwirken kann.«

Jetzt lächelte auch Kort Doring, aber es war ein bitteres Lächeln. »Fürwahr«, sagte er, »Du bist ein gewiegter Staatsmann, das muß ich loben. Nur eins hast Du vergessen, daß die beste Staatskunst immer die redlichste ist. Redlich aber ist es nicht, wenn Du Herzog Magni unmündigen Söhnen ihr Recht verkümmerst. Und darum kann ich Dich nicht auf dem Wege begleiten, den Du gehen willst.«

Tile vam Damme schüttelte mißmutig den Kopf. »Wer hat uns bestellt, über die Rechte der jungen Herzoge zu wachen? Aber ich mag nicht länger streiten. Kann ich Dich nicht bereden, mit mir zu gehen, so versprich wenigstens, mir keine Steine in den Weg zu werfen.«

»Wie kann ich das versprechen? Ist es nicht meine Pflicht, wie die Deine, über das Wohl der Stadt zu wachen? Thust Du nun etwas, so der Stadt Wohl beeinträchtigt, muß ich Dich daran hindern und werde Dich daran hindern, so viel in meinen Kräften steht.«

Vam Damme erhob sich aus seinem Sessel. »Das klingt, als sagtest Du mir die Fehde an.«

»Es klingt, wie ich's gesprochen habe«, erwiderte Doring ebenfalls aufstehend.

»Ist das Dein letztes Wort?«

»Hast Du je gehört, daß mein letztes Wort ein anderes war, als mein erstes?«

Da stampfte der fette Mann heftig mit dem Fuße auf den Boden und sein Antlitz ward rot vor Zorn. »Das eben ist das Unglück«, rief er; »daß Du eigensinnig bei einem Worte stehen bleibst. Dich zu überzeugen, ist unmöglich. Wohlan, so gehe denn Deinen Weg, ich werde den meinen gehen nach wie vor. Der Hindernisse aber, die Du mir zu bereiten gedenkst, werde ich mich zu erwehren wissen.«

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