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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Achtes Kapitel

Herz und Gewissen

Unweit des Wolfenbütteler Fürstenschlosses liegt die Pfarrkirche zu St. Longinus. Um sie scharten sich zu jener Zeit, von welcher wir erzählen, die wenigen niederen Häuser der Stadt Wolfenbüttel.

Eines der stattlichsten derselben war das Kloster der Dominikanerinnen, ein Tochterhaus des reichen und angesehenen Klosters zu Drübeck.

Hier hatte Ilse vam Damme durch Vermittlung der Schwester Albina Aufnahme gefunden. Nicht als einer Novize, sondern als einer Obdachlosen hatte sich ihr das Asyl zum einstweiligen Aufenthalt geöffnet.

Der Ritter Doring zwar durfte dasselbe nicht betreten, doch war es ihm unbenommen, das anstoßende Haus des Klostermeiers zu besuchen, welcher die Grundstücke des Klosters in Pacht hatte. Durch die langen Jahre seines Wolfenbütteler Aufenthalts war er demselben wohl bekannt geworden. Und wie Schwester Albina Ilse unter den Schutz der frommen Nonnen gestellt, so empfahl Rolef sie der Obhut der Frau des Klostermeiers, welcher würdevollen Matrone er rückhaltlos sein Verhältnis zu der Jungfrau offenbarte. Und diese sorgte mit dem Interesse, das die meisten Frauen an derartigen Verhältnissen nehmen, dafür, daß die Liebenden sich oft genug unter ihrem Dache sprechen konnten.

Rolef bemerkte bei diesen Zusammenkünften ebensowenig wie auf der Reise, welche er vom Lager vor Twieflingen nach Wolfenbüttel gemeinsam mit den Frauen zurückgelegt hatte, jemals wieder den Schatten, welcher sein erstes Wiedersehen mit Ilse zum Schluß verdunkelt hatte. Dagegen wollte es ihm manchmal erscheinen, als ob in dem Verhältnis zwischen Ilse und Schwester Albina ein etwas gezwungener Ton herrsche. Doch war ihm dies Verhältnis selbst viel zu gleichgiltig, um über seine Entdeckung und ihren etwaigen Grund nachzudenken oder gar Ilse darüber zu befragen.

In der That hatte er sich nicht getäuscht. Es war zwischen Ilse und Schwester Albina eine Entfremdung eingetreten. Nicht als ob auch nur ein minder gutes Wort zwischen ihnen gewechselt wäre! Und dennoch fühlten sie beide, daß zwischen ihnen eine Kluft bestand, welche sich täglich vergrößerte.

Wodurch aber ward diese Kluft gebildet?

Schwester Albina erwartete, daß Ilse eine Frage an sie richten werde. Ilse wußte das, aber sie konnte sich nicht entschließen, diese Frage zu stellen.

Allerdings mußte eine ungünstige Beantwortung derselben ihr kaum wiedergewonnenes Glück vernichten. Darum stellte sich Ilse nicht einmal selbst diese Frage, sie drängte sie zurück in ihr tiefstes Innere, soweit zurück, daß sie sich kecken Mutes vorsprach, diese Frage sei überhaupt nicht vorhanden. Und dann war doch wahrhaftig kein Grund, eine solche Frage an eine andere zu richten, und sei die andere auch die beste Freundin und die Weiseste und Wohlwollendste unter allen Menschen.

»Hast Du mir nichts zu sagen?« Schwester Albina sprach die Worte nicht aus, aber deutlich waren sie in dem tiefen Blick ihrer großen, seelenvollen Augen zu lesen, am deutlichsten, als sie von Ilse Abschied nahm, um nach Drübeck zu gehen.

Aber auch da hatte ihr Ilse nichts zu sagen!

Sie war eine glückselige Braut, nichts anderes wollte sie sein, keinen anderen Gedanken wollte sie haben, als an ihr Glück, nur Sonnenschein sollte um sie sein, auch nicht ein Schatten von dem, was vergangen, sollte diesen Sonnenschein trüben.

Darum sah auch Rolef den Schatten nicht wieder auftauchen, den er einmal bemerkt hatte.

Wird er für immer fern bleiben? Oder hätte Ilse besser gethan, mit der Vergangenheit ganz, ehrlich und klar abzuschließen, ehe sie sich so rückhaltlos ihrem gegenwärtigen Glücke hingab?

Rolef wenigstens hatte das gethan.

Der erste Mensch, welcher auf Schloß Wolfenbüttel von dem Glück erfuhr, welches ihm die letzten Tage gebracht hatten, war Herzog Friedrich, der zweite – Irmgarde Kyphod!

Als er sie am ersten Tage nach seiner Rückkehr aufsuchte, trat sie ihm mit strahlendem Antlitz entgegen, und als er, an ihr letztes Gespräch anknüpfend, damit begann, daß jetzt vollständige Klarheit zwischen ihnen herrschen müsse, lachten ihre schwarzen Augen ihn so froh und siegesgewiß an wie noch nie. Nachdem er aber seinen Bericht beendet, da lachte ihr Mund auch noch und lächelnd wünschte ihm ihr Mund alles Gute und Schöne zu seiner Vermählung, ihre Augen aber blickten dabei so starr, daß es Rolef fröstelte. Er dankte für ihre Teilnahme, indem er ihre Hand an seine Lippen führte, dieselbe war kalt wie Eis. Noch einmal suchte er ihre Augen, aber sie hatten sich hinter den Vorhang der langbewimperten Augenlider verborgen, nur um den Mund lag noch, wie von einem Zauberer festgebannt, dasselbe artige Lächeln. Und wie vor einem Zauber graute Rolef vor diesem Lächeln, er atmete auf, als die Thür zwischen ihnen lag.

Am andern Morgen begegnete er ihr auf dem Schloßhof. Wäre es noch möglich gewesen, ihr auszuweichen, so hätte er es gethan, aber sie hatte ihn schon bemerkt und kam geraden Weges auf ihn zu.

»Ist es nicht zu unbescheiden«, fragte sie vollständig unbefangen, »wenn ich Euch bitte, Ritter Doring, mich zu Eurer Braut zu führen?«

Rolef sah sie nicht ohne Erstaunen an, aber in ihrem schönen Antlitz war auch nichts zu entdecken, was auf einen Kampf hätte schließen lassen, den sie in ihrem Innern durchgekämpft. Dasselbe war so glatt, so ruhig wie ein Spiegel, nicht wie der Spiegel eines Sees, welchen der leiseste Luftzug zu kräuseln vermag, sondern wie der unbewegliche Metallspiegel, in dessen blanker Fläche Irmgarde so gerne ihre Schönheit bewunderte und mit dessen Hilfe sie es gelernt, in ihrem Mienenspiel nichts von dem zu verraten, was ihre Seele bewegte.

Das Erstaunen des Ritters entging ihr nicht. »Ich möchte gern die Braut desjenigen kennen lernen«, fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, »welchen ich schon so lange als meinen brüderlichen Freund betrachte.«

Rolef wußte, daß sie ihn eine Zeitlang nicht nur als brüderlichen Freund betrachtet, sondern gern ihm einen weit innigeren Namen gegeben hätte. Desto höher schätzte er ihre Rücksicht, daß sie ihm jetzt versicherte, nie etwas anderes in ihm erblickt zu haben. Gern ging er daher auf Irmgardens Gedanken ein und schlug ihr vor, ihn gleich jetzt zu Ilse zu begleiten.

Seitdem sah man die Jungfrau Kyphod oft bei den Dominikanerinnen und im Hause des Klosteramtmanns. Zumal nachdem Schwester Albina Wolfenbüttel verlassen hatte, ward sie dort ein fast täglicher Gast.

Ilse kam der neuen Freundin, welche ja Rolef ihr zugeführt hatte, mit rückhaltlosem Vertrauen entgegen. Und der Zauber, welcher von Irmgardens eigenartiger Schönheit, ihrer Anmut und bestrickenden Liebenswürdigkeit ausging, umfing bald auch sie. Niemand aber sah das freudiger als Rolef. Das Gelübde, welches er am Lager des sterbenden Holtnicker abgelegt, mahnte an seine Erfüllung, Herzog Friedrichs Pläne reiften ihrer Vollendung entgegen, heimliche Boten kamen und gingen zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig, nicht minder zwischen dem jungen Fürsten und seinem Stiefvater in Celle. Da war auch für den Ritter Doring nur noch wenig Zeit, holder Minne zu leben. Wochenlang mußte er von Wolfenbüttel abwesend sein, meistens – nur den Eingeweihten sichtbar – in Braunschweig, nicht allein um die städtischen Rüstungen gegen den »Quaden« zu betreiben, sondern auch um zwischen den grollenden Parteien zu vermitteln, die Rückkehr der vertriebenen Burgensen einzuleiten, die Sühnbedingungen festzustellen, unter denen der Stadt Wiederaufnahme in den Hansabund gewährt werden sollte, und endlich Sorge zu tragen, daß alle einflußreichen Posten mit solchen Männern besetzt wurden, deren Abneigung gegen den »Quaden« ebenso gewiß war, als ihre Zuverlässigkeit und Treue gegen die Söhne Herzog Magni. Aber nicht allein in die Vaterstadt rief ihn die Pflicht. Auch das lag ihm ob, der Stadt Vorschläge den verbannten Geschlechtern zu übermitteln, die Häupter derselben aufzusuchen, sei es in Magdeburg und Goslar, sei es an den Bischofssitzen von Halberstadt und Hildesheim, um sie zu überreden, daß jetzt die Liebe zur teuren Heimat ihnen mehr gelten müsse als der Groll ob des erlittenen Unrechts, auch das lag ihm ob, die Gestrengen und Wohlweisen der Hansastädte Braunschweig günstig zu stimmen und sie zu vergewissern, daß künftig in der Stadt Heinrichs des Löwen wieder Recht und Gesetz gelten sollten und die zum Regiment Berufenen wie früher, wenn auch durch das Geschehene gewitzigt und nicht mehr in hochmütiger Abgeschlossenheit, sondern im Einverständnis mit Gilden und Volk, die Herrschaft üben würden. Alles das mußte jetzt erledigt werden und zwar in so kurzer Zeit, daß nur nie ermüdender Eifer dieser Aufgabe gerecht werden konnte. Darum war es für Rolef eine Beruhigung, daß eben jetzt, wo er Ilse so wenig sein konnte, die Geliebte an Irmgarde eine Freundin fand, deren Heiterkeit und Anmut ihr am besten die bitteren Stunden der Trennung versüßen konnten.

So war der Heumonat dahingegangen und der Erntemond ins Land gekommen, als man eines Tages die Jungfrau Kyphod vom Schloß zu dem Hause bei Sankt Longini schreiten sah. Und zwar befließ sie sich größter Eile. Die Erklärung stand auf ihrem Antlitz geschrieben, dasselbe drückte die äußerste Besorgnis aus.

Ohne erst, wie es sonst ihre Gewohnheit war, bei den Dominikanerinnen anzuläuten und nach Jungfrau Ilse zu fragen, schritt sie geraden Wegs zum Haus des Klostermeiers. Wie sie es gehofft, traf sie dort Rolef Doring mit Ilse im Gemach der Hausfrau. »Ihr müßt fort«, rief sie ihm zu, die Thür noch in der Hand, »gleich müßt Ihr fort, ohne Aufenthalt, der ›Quade‹ will Euch festsetzen lassen, er ist außer sich vor Wut, noch nie habe ich ihn so gesehen!«

»Aber was ist denn geschehen? Heilige Jungfrau! Was hast Du gethan, Rolef?« Ilse rief es in höchster Angst, indem sie sich an seine Brust schmiegte.

»Genug habe ich gethan, Geliebte«, lachte Rolef, »um den ›Quaden‹ zu erzürnen, und denke noch ein Erkleckliches mehr zu thun.« Und sich zu Irmgarde wendend, fuhr er fort: »Hat er gehört, daß mich die Braunschweiger zu ihrem Stadthauptmann gekürt?«

»Das hat er erfahren und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Bitte, haltet Euch nicht auf, er hat befohlen, die Thore zu schließen und das ganze Schloß, die ganze Stadt nach Euch zu durchsuchen.«

»Aber mit welchem Recht?« rief Ilse. »Du bist nicht sein Dienstmann. Herzog Friedrich ist Dein Herr.«

»Glaubst Du, der schütze seine Mannen gegen die Wut des ›Quaden‹?« fragte Irmgarde spöttisch. »Er denkt nicht daran. Weißt Du, was er gesagt hat? Ein Ritter, der sich von meineidigen Krämern zum Hauptmann küren lasse, könne nicht länger sein Dienstmann sein.«

»O, dieser Wankelmütige«, schluchzte Ilse. »Hat er Dich nicht sonst seinen besten Freund genannt?«

»Ja, ja, er ist wankelmütig«, stimmte Rolef zu und bei diesen Worten wechselten in seinen Zügen Ernst und Spott wundersam mit einander. »Er ist schwach und unbeständig. Auf seinen Schutz kann ich mich nicht verlassen. Mir bleibt nichts als die Flucht.«

»Und zwar die eiligste Flucht«, drängte Irmgarde. »Ich beschwöre Dich, Ilse, halte ihn nicht länger auf. Jeder Augenblick Verzögerung kann ihm den Tod bringen.«

Noch einen Kuß drückte Rolef auf Ilses Mund, dann setzte er den Helm auf, welchen Irmgarde schon bereit hielt. Ilse folgte ihrem Beispiel und reichte ihm das Schwert. »Geh, geh, eile Dich«, flüsterte sie dabei, indem eine Thräne nach der anderen sich von den Wimpern löste und über die schmalen Wangen herabrieselte. Jetzt war das Schwert umgürtet, noch ein Händedruck, noch ein Lebewohl, das dumpf unter dem Stechhelm hervorklang – dann war er fort.

Irmgarde schloß die weinende Ilse in ihre Arme. »Er wird wiederkommen«, tröstete sie, »und dann wird er Dich mit sich nach Braunschweig führen, in sein väterliches Haus. Daran mußt Du jetzt denken, wie schön das Wiedersehen sein wird und wie herrlich es werden wird, wenn ihr erst zusammen in Deinem geliebten Braunschweig Haus haltet.«

Sie führte bei den Worten die Freundin zu einem Sessel am Fenster und drückte sie sanft auf denselben nieder. Sie selbst aber setzte sich auf einen Schemel zu Ilses Füßen, legte die Hände auf deren Kniee und stützte den Kopf darauf.

»Ach, wenn ich nur wüßte, ob er glücklich fort gekommen ist?« seufzte Ilse, »Wenn die Thore nun schon geschlossen sind und des ›Quaden‹ Reisige ihn fangen, ihn auf die Burg schleppen –«

»Nicht doch«, unterbrach Irmgarde sie lächelnd. »Darüber brauchst Du Dich nicht zu sorgen. Noch wird er den Händen der Häscher entgehen. Nicht umsonst haben mich meine Füße so schnell von der Burg hierhertragen müssen, nicht umsonst bat ich so drängend, Euren Abschied zu kürzen. Jetzt noch kann er entkommen; in kurzem freilich wäre die Flucht unmöglich gewesen.«

»Ja, ja. Du hast ihn gerettet«, rief Ilse stürmisch, »und ich habe Dir noch nicht einmal gedankt. Du beste, liebste Freundin, o wie bin ich Dir zu Dank verpflichtet!«

Sie beugte sich herab und streichelte Irmgardens Antlitz und küßte sie auf die schönen Augen. »Jede hätte das gethan«, wehrte Irmgarde ab, »jede, die Euch lieb hat und hörte, was ich hören mußte. Aber es war ein Glück, daß ich es hörte, daß der ›Quade‹ mit der Nachricht in meines Vaters Schreibstube stürmte und in seiner Wut nicht daran dachte, daß möglicherweise in dem Zimmer über ihm zwei sehr wachsame Ohren sein möchten und zwei sehr hörsame Ohren. Das war ein Glück, ebenso wie damals der gute Einfall der Schwester Albina in der Obermühle, Dich für eine Nonne des Klosters Drübeck auszugeben.«

Ilse fuhr sich leicht mit der Hand über die Stirn. »Das nützte nur damals nicht viel«, meinte sie gleichgiltig, »wir gerieten nachher ja dennoch in die Gewalt der Schnapphähne.«

»Allerdings«, lächelte Irmgarde, »aber dennoch war Eure Lage dann eine andere. Als Nonne des reichen Drübecker Stifts hielten Euch die Räuber, auf ein hohes Lösegeld hoffend, in Ehren, wenn auch in strenger Haft; ob sie dieselbe Rücksicht auf eine arme Verlassene genommen hätten, die noch dazu des Verrats bezichtigt war –«

»Bitte, Irmgarde, laß uns davon nicht sprechen«, unterbrach sie Ilse, »das war eine trübe Zeit, an die ich ungern zurückdenke.«

Oft hatte Ilse schon so gebeten, es war eigentümlich, an ihre Rettung durch Schwester Albina mochte sie nicht erinnert sein. Und ebenso eigentümlich war es, daß Irmgarde dennoch immer wieder das Gespräch auf diesen Punkt hinzulenken strebte. Für sie mußte der Vorfall einen ganz besonderen Reiz haben, daß sie trotz Ilses Abneigung nicht müde ward, stets darauf zurückzukommen. Neugierde konnte das nicht sein, sie kannte ja den Hergang genau. Oder gab es doch vielleicht etwas darin, was sie noch nicht wußte und was Ilse sie auch nicht wissen lassen wollte? Und war es vielleicht eben das Schweigen Ilses über diesen einen Punkt, was Irmgarde wünschen ließ, auch in diesem einen Punkte klar zu sehen?

Wie dem auch sein mochte, bisher hatte sie immer den Gegenstand fallen lassen, wenn Ilse so bestimmt bat, nicht davon zu sprechen. Auch heute schien sie das thun zu wollen, erheischte doch gerade heute Ilses erregtes Gemüt doppelte Rücksicht, Zwar sind die Menschen, wenn sie gemütlich erregt sind, auch am wenigsten imstande, ihre Gefühle zu verbergen, selbst solche, welche für andere ein Geheimnis bleiben sollen. Doch daran dachte Irmgarde wohl nicht, oder wenn sie daran dachte, so wies sie es weit von sich, diesen Umstand zu benutzen, um Ilse ein Geheimnis abzuringen.

Sie stützte den Kopf auf die Fläche der rechten Hand und schlug mit einem wunderbar innigen Ausdruck die schönen Augen zu der Freundin auf. »Wie kannst Du glauben, daß ich Dich quälen will«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »daß ich Erinnerungen in Dir wach rufen will, welche Dir peinigend sind? Wir wollen von etwas anderem sprechen. Weißt Du wohl, welcher Gedanke mir so manchmal durch den Kopf zieht?«

»Wie soll ich das wissen?«

»Ich denke manchmal« – Irmgarde schaute bei diesen Worten an der Freundin vorbei und betrachtete nachdenklich einen Rosenstock, welcher auf dem Fenstersims stand, als ob auf dessen Blütenblättern die Gedanken geschrieben wären, welche sie Ilse mitteilen wollte – »ich denke manchmal, wenn ich Dein und Rolefs Schicksal an mir vorüberziehen lasse, daß Ihr der größten Gefahr, welche Euch drohte, entronnen seid, ohne sie einmal recht zu ermessen. Denn alles das, was Euch widerfahren ist, bedeutet wenig gegen das, was ich meine. Wie nahe lag es Dir in der Einsamkeit der Obermühle und in dem vertrauten Verkehr mit der frommen Schwester Albina, dem Beispiele derselben zu folgen und auch den Schleier zu nehmen. Ja, noch mehr! Wie nahe hätte es gelegen, daß Du in jenem Augenblick der äußersten Gefahr Dich nicht nur von der Schwester für eine Nonne ausgeben ließest, sondern ihr in der That gelobtest, eine Nonne zu werden. Und ein solches Gelübde, zwar dem Gesetze nach nicht bindend, da ja sogar die Novize nach dem Prüfungsjahr ihr erstes Gelübde wieder zurücknehmen kann, hätte dennoch durch die Umstände, unter welchen Du es abgelegt, eine solche Kraft gewonnen, daß es Dich für immer von Rolef hätte scheiden müssen. Denn das Opfer, welches Du Gott darbrachtest, damit er Dich aus drohender Gefahr retten sollte, konntest Du nicht mehr zurücknehmen, nachdem er Dich aus dieser Gefahr gerettet. Seine wunderbare Hilfe war das sicherste Zeichen, daß er sein Ohr Deinem Flehen geöffnet und Dein Opfer in Gnaden angenommen hatte. Wolltest Du es jetzt wieder zurückfordern, seinen äußersten Zorn würdest Du auf Dich lenken, auf Dich und den Geliebten.«

Nun war Irmgarde ja doch wieder – wenn auch auf einem Umwege – bei dem Einen Punkt angelangt. Und jetzt war er ihr kein Geheimnis mehr. Ohne Ilse anzusehen, wußte sie, welchen Eindruck ihre Worte auf die Freundin gemacht hatten. Ilses Kniee zitterten, ihre ganze Gestalt bebte.

Ohne die Augen von dem Rosenstock zu verwenden – doch leuchteten diese schönen Augen jetzt in triumphierendem Glanze – fuhr Irmgarde fort: »Sieh, liebe Freundin, alles das ging mir so durch den Kopf, und dann dankte ich dem Herrn so recht von Herzen für Euch, daß er Euch an dieser größten aller Gefahren gnädig vorübergeführt hat. Jetzt magst Du Dir die Zukunft mit den rosigsten Bildern schmücken. Wie aber müßte sich diese Zukunft gestalten, wenn Du jenes Gelübde in der That abgelegt hättest? Könntest Du denn nur einen ruhigen Augenblick in dem Gedanken haben, daß Dein größtes Glück, der Besitz Deines Rolef, ein Raub an Deinem Gotte sei?«

Ein ächzendes Stöhnen rang sich aus Ilses Brust. Jetzt erst wandte Irmgarde den Blick ihr wieder zu. »Was ist Dir?« fragte sie erstaunt. »Komm, wir wollen das Fenster öffnen – es ist so heiß hier – der Schrecken, die Aufregung des Abschieds – Du bist erregt – da ist diese dumpfe Schwüle Gift – frische Luft wird Dir wohl thun.«

Bei den Worten hatte sie schon das Fenster in die Höhe geschoben. Nun lehnte sie Ilses Kopf an ihre Brust. »Du siehst ordentlich blaß aus«, fuhr sie fort, »warum hast Du nur nicht eher etwas gesagt? Wird Dir jetzt nicht besser? Wie erquickend die Luft aus dem Klostergarten hereinströmt! Jetzt können wir auch ganz sicher sein, daß Rolefs Flucht gelungen ist. Hätten sie ihn ergriffen, so würden wir das Getümmel gehört haben.«

Ilse machte sie mit sanfter Gewalt los. »Ich bin wieder ganz wohl«, sagte sie leise. »Es war nur eine vorübergehende Schwäche. Offenbar infolge der Gemütsbewegung und der dumpfen Luft.«

»So kann ich Dich mit gutem Gewissen allein lassen, mein teures Herz?«

»Gewiß. Horch, schon läuten sie im Kloster zur Abendmesse. Ich muß hinüber.«

»Auf Wiedersehen morgen.«

»Auf Wiedersehen! Und nochmals tausend Dank!«

Ilse war allein. Sie sank am offenen Fenster in die Kniee und rückhaltlos brachen jetzt die heißen Thränen hervor. Nun war die Frage gestellt, welcher sie so lange scheu ausgewichen, gestellt und beantwortet! War sie noch eine glückliche Braut? Konnte sie es noch sein?


So oft Irmgarde Kyphod auch in den folgenden Tagen Ilse vam Damme sah, niemals berührte sie wieder den Vorgang in der Obermühle bei Achim. Dagegen wußte sie Ilse sonst gar mancherlei zu erzählen.

Offener Krieg – so berichtete sie – zwischen Herzog Otto und der Stadt Braunschweig stehe vor der Thür. Der Fürst sei über Dorings Entkommen in die größte Wut geraten und auf seinen Befehl habe Herzog Friedrich dessen Auslieferung als seines Dienstmannes vom Rat verlangen müssen. Da sich der Rat derselben geweigert, wolle der »Quade« sie mit Gewalt erzwingen. Viele tapfere Ritter würden mit ihm ziehen, außer den Mannen seines Gefolges: Kort van dem Steinberge und Herr Hans van Schwichelde der Ältere, beide Vasallen des Bischofs von Hildesheim, auch mit den Velthems auf der Asseburg sei ein Bündnis geschlossen und ebenso mit den Weverlingens von Bansleben. Zwar habe Rolef Doring gesagt, als er solches erfahren: »Viel Feind, viel Ehr!« – Aber diesmal könne es den Braunschweigern schlecht gehen, alle seien gegen sie und niemand wolle ihnen helfen.

Und wiederum ein anderesmal erzählte sie, heute seien die Fürsten – Herzog Otto und Herzog Friedrich – wirklich zu Felde geritten gen Braunschweig. Und schon am nächsten Tage wußte sie zu berichten, durch Hunger wolle man die Städtischen zwingen, aus ihren Mauern hervorzukommen und sich mit den Rittern im freien Felde zu messen, schon sei ihnen alle Zufuhr abgeschnitten, ihre Meierhöfe aller Vorräte beraubt, die Bauern der umliegenden Dörfer hätten schwören müssen, künftig ihren Kram nach Wolfenbüttel statt nach Braunschweig zu Markt zu führen – und wer sich dessen geweigert, dem sei Haus und Hof niedergebrannt. Sechs Dörfer habe man so in Flammen aufgehen lassen.

Nur wie im Traume hörte Ilse alle diese Nachrichten. Und dennoch betrafen sie alle Rolef, den Geliebten. Aber in ihrem Innern tobte ein Kampf, gegen welchen derjenige um die Mauern Braunschweigs ihr gering deuchte. Wie sehnte sie sich jetzt nach Schwester Albina, wie bereute sie es jetzt, sich nicht der erfahrenen, mütterlichen Freundin entdeckt, nicht ihr die Frage vorgelegt zu haben, ob wirklich das Gelübde an jenem Morgen in der Obermühle sie für immer von Rolef trennen müsse. Nun mußte sie selbst und mußte allein sie suchen, eine Antwort zu finden. O dieses entsetzlich qualvolle Grübeln! An und für sich war ihr Gelübde nicht bindend, o nein gewiß nicht, jeden Augenblick konnte sie es zurücknehmen, ausdrücklich oder stillschweigend, die Ordensregel gebot ja sogar ein ganzes Jahr der Prüfung. Aber war es schon Sünde, einem Menschen dasjenige, was wir ihm, um seine Hilfe zu gewinnen, in der Stunde der Not gelobt, zu verweigern, wenn er uns die erbetene Hilfe geleistet, wie viel mehr mußte es Sünde sein, dem ewigen Gott gegenüber so zu handeln. Wahrlich Irmgarde hatte wohl recht, wenn sie behauptete, daß eine solche Sünde Gottes schwerste Strafen herabziehen müßte.

Ach und dennoch war es so unendlich schwer, dem Geliebten zu entsagen und mit ihm all dem Glück, welches sie sich an seiner Seite geträumt. Namenlos schwer war es, jetzt, wo ihr das holdeste, das reinste Liebesglück winkte, sich abzuwenden und in der Enge einer dumpfen Klosterzelle alle Hoffnungen des Lebens zu begraben. Nein, das konnte sie nicht vollbringen, das ging über ihre Kräfte. Und daher begann sie stets von neuem wieder zu grübeln, ob es denn wirklich keinen andern Ausgang gäbe, ob sie denn in der That verzichten müsse.

Wie Irmgarde darüber dachte, das wußte sie. Und wie sie würden andere Menschen denken, davon war sie überzeugt, wie sie vor allem würde Schwester Albina denken. Alle werden sie verurteilen. Auch Rolef? Wird auch er sich abwenden, wenn er hört, daß der Schwur, mit dem sie sich ihm zum Weibe gelobt, eine Sünde war, weil sie sich vorher schon einem Anderen, Höheren versprochen? »Auch ihm wird grauen vor Dir«, sagte ihr eine Stimme in ihrem Herzen, »und so wie er Dich einst geliebt, wird er Dich dann verabscheuen lernen.«

Qualvolle Tage, qualvolle Nächte! Immer denselben Gedanken denken zu müssen; Eins würde diese Qual enden, das wußte sie. Ein mutiger Entschluß! Aber sie konnte ihn nicht fassen. Auf halbem Wege erlahmten ihre Kräfte. Wenn sie sich zu dem Vorsatz durchgekämpft hatte, Wolfenbüttel zu verlassen und nach Drübeck zur Erfüllung ihres Gelübdes zu pilgern – mit dem Vorsatz war sie schon zu Ende. Ihn auszuführen vermochte sie nicht.

So bedeutungsvoll daher auch die Nachrichten waren, welche Irmgarde Kyphod ihr täglich zutrug, so nahe die Entscheidung rückte, wer Sieger bleiben würde, Braunschweig unter der Führung ihres teuren Rolef oder der »Quade« mit seinem Anhang – alles trat zurück gegen dieses entsetzliche, peinvolle Grübeln! Erst die Kunde, daß vor Braunschweig die Entscheidung gefallen war, brachte auch ihr die Entscheidung.

Wiederum war es Irmgarde, durch welche sie diese Kunde erhielt. Ein Sieg des »Quaden« – ein großer, glänzender Sieg! Am Lindenberge bei Thiede war es gewesen – so erzählte des Amtmanns Tochter. Von Not und Hunger getrieben waren die Braunschweiger ausgefallen und den Streichen des Ritterheeres erlegen. Viele von ihnen waren geblieben, viele waren gefangen. Mit den letzteren würde Otto der Streitbare heute noch in Wolfenbüttel einziehen, denn hier in Wolfenbüttel wollte er sie richten.

Nur Eines hörte Ilse aus alledem heraus – daß Rolef in Gefahr gewesen. Krampfhaft faßte sie der Freundin Arm. »Lebt er noch?« fragte sie mit halb erstickter Stimme, »Ist er in Freiheit?«

»Wir wollen es hoffen«, entgegnete Irmgarde zögernd. »Noch kennt man nicht die Namen der Gefallenen, auch nicht derjenigen, so gefangen. Es heißt, die Häupter der Stadt seien unter den letzteren. Aber ich vertraue auf Rolefs gutes Schwert, daß er sich durchgeschlagen hat.«

Da klang heller Trompetenton in die Stille der Klostermauern. Irmgarde zog die schwach widerstrebende Ilse mit sich, »Das sind die Fürsten«, rief sie, »komm, wir wollen sie einreiten sehen.«

Vom Garten des Klostermeiers aus konnte man, selbst geschützt durch das dichte Gesträuch, die Straße überblicken, welche zur Burg hinaufführte. Von hier aus sahen auch die Jungfrauen den Zug herankommen. – »Achte auf die Gefangenen«, hatte Irmgarde zu Ilse gesagt. Das Wort bannte Ilse fest, welche sonst dem Anblicke gern ausgewichen wäre.

Nun kamen sie näher, nun zogen sie vorbei. Voran die Trompeter des »Quaden«, dann dieser selbst, zu seiner Seite Herzog Friedrich, hinter ihm die Ritter seines Gefolges. Deren waren es nicht viele, denn seine. Vasallen hatte der Fürst schon auf der Wahlstatt entlassen und ebendaselbst hatten sich auch die Bundesgenossen von ihm getrennt. Desto größer war der Zug der gefangenen Braunschweiger, der nun folgte. Fast unabsehbar erschien er. Feste Bande schnürten die Glieder der Gefangenen zusammen, sonst wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, die wenigen Lanzenknechte zu bewältigen, welche ihnen zur Seite schritten. Aber wer kam da, allen voran, in bestaubter, zerfetzter Kleidung, barhaupt, die Arme auf den Rücken gebunden, das Antlitz voll Scham und Kummer zu Boden gesenkt? Er war es – Rolef!

»Das ist mein Werk«, stöhnte Ilse, mit starren, thränenleeren Augen dem Zuge nachschauend, »Das ist die Strafe für meine Sünde. Ich habe ihn in die Hände seiner Feinde geliefert!« –

Triumphierend schaute Irmgarde Kyphod auf sie nieder. Die Nebenbuhlerin ist nicht mehr gefährlich! Die Zukunft aber gehört derjenigen, welche Rolef Doring Leben und Freiheit zurückbringt. Und Irmgarde weiß, wer die sein wird.

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