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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Sechstes Kapitel

Klaus Lodewiges

Der Gang unserer Erzählung erfordert, daß wir den Leser in die Mauern der Stadt Braunschweig zurückführen.

Der Wunsch Klaus Lodewiges' war erfüllt. Die Hände, welche Wolle gekratzt, waren auf das Rathaus gekommen, gerötet von dem Blute desjenigen, welcher sie dieser Ehre für unwürdig erklärt hatte.

Zufrieden war der reiche Klaus deshalb aber doch nicht.

War er Ratsmann geworden, konnte er auch Bürgermeister werden – so rechnete er.

War denn Meister Holtnicker nicht auch Bürgermeister im Hagen geworden und hoch angesehen bei alt und jung in Braunschweig? Und wer war Holtnicker? Ein armseliger, verganteter Gerber; er Klaus Lodewiges aber war reich und die Schreckenstage des Jahres 1374 hatten ihn noch reicher gemacht. Wie viel Sachen waren damals nicht um einen Spottpreis feil gewesen, wer Geld hatte, konnte die schönsten Häuser und die einträglichsten Meierhöfe für ein Geringes kaufen, gar nicht einmal zu reden von den wohlgefüllten Warenlagern der getöteten und vertriebenen »Burgensen«, welche der Pöbel geplündert hatte, dann aber seinen Raub um jeden Preis zu Geld zu machen suchte. Auch Belehnungen waren zu kaufen. Die Lehengüter der Vertriebenen waren ja vom »Quaden« eingezogen, um dann an den Meistbietenden von neuem verliehen zu werden. Wer aber konnte so viel bieten, als Klaus Lodewiges? Und dennoch war es für dasjenige, was er dafür erhielt, nur sehr wenig. Da war es kein Wunder, daß das Vermögen des reichen Klaus sich seit 1374 um das Dreifache vermehrt hatte. Aber auch das war kein Wunder, daß der reiche Mann trotzdem noch nicht zufrieden war, daß der Ehrgeiz ihn nicht ruhen ließ, bis er von dem glücklich eroberten Sitz an der Seite der Ratstafel auf den Sitz oben vor der Ratstafel gelangt sein werde, auf den Sessel des ersten Bürgermeisters, »der des Rades Wort sprikt.«

Er konnte es nicht ertragen, weniger zu sein als ein armseliger Gerber, welcher als Bürgermeister stets dem Ratsmann vorantrat. Der Neid fraß an seinem Herzen und es fehlte auch nicht an jemandem, welcher den Neidteufel stets von neuem reizte, wenn er je anfing lässig zu werden. Dieser jemand aber war Heinz Kyphod, der Amtmann. Denn Klaus Lodewiges war das Haupt der Göttinger Partei, so genannt, weil sie zur Fahne Otto des Quaden von Göttingen geschworen hatte, und deshalb wünschte Kyphod den reichen Klaus auch zum Haupt der Stadt zu machen.

Eben jetzt war die Möglichkeit dazu vorhanden. Derjenige, welchen man zunächst auf den Stuhl Tile vam Dammes gesetzt hatte, Hans v. Northeym, ein unbedeutender Mann und deshalb allen Parteien genehm, weil er keiner gefährlich werden konnte, war gestorben. Wer an seine Stelle treten sollte, die Frage bewegte alle Gemüter in den Mauern der Stadt. Die Zeiten waren ernst; eine feste Hand war am Steuer von nöten, um das Schiff Braunschweigs trotz der von allen Seiten aufsteigenden Stürme, trotz drohender Klippen und Sandbänke flott zu erhalten und endlich wieder in den Hafen sicherer gesetzlicher Ordnung zu steuern.

Denn das sah jetzt jeder Bürger ein, daß es ihm mit nichten besser erging als vor dem Aufstande des Jahres 1374. Ausgeschlossen von dem Bunde der Hansa und ihres mächtigen Schutzes beraubt, mußte jetzt dem Kaufmann um seine Warenzüge schwerer bangen als je vorher. Die Folge dieser Unsicherheit war, daß es mit Handel und Wandel bergab ging und daß die ihres Absatzes beraubten Gewerbe zu feiern gezwungen waren. Dabei steigerte das Gemeinwesen seine Ansprüche an den einzelnen mehr und mehr. Nur ein Jahr lang war es dem neugewählten Rate gelungen, ohne die Schoßerhöhung auszukommen, welche der alte Rat geplant. Dann mußte auch er zu diesem Mittel greifen. Und wie der Geldbeutel, so wurde auch die Wehrkraft des Bürgers höher als je angestrengt. Um das Wohlwollen des »Quaden« sich zu erhalten, leistete die Stadt ihm Heeresfolge, so oft und wohin er nur wollte, zumal während der Lüneburger Fehde eine schwere Last. Weder Tag noch Nacht konnte der Bürger sicher sein, daß er nicht »zu der Stadt Not und Behuf« aufziehen mußte, und dennoch klagt der Chronist: »Niemand war, der die von Braunschweig draußen leiden wollte, also daß ihnen von den Landwehren Hände und Füße abgehauen wurden.« Das aber galt als Strafe des Aufruhrs und Meineids, deren sich die Braunschweiger gegen ihr altes Regiment schuldig gemacht, und solche Strafe vollzog jetzt draußen an dem einzelnen wer nur immer Macht dazu hatte und Lust dazu verspürte.

Nein, es war kein gutes Wohnen in Braunschweig. Geschädigt durch die »Verhansung« der Stadt, durch die schweren vom »Quaden« verlangten Herrendienste und durch die versteckte und offene Feindschaft der Umwohnenden, mit drückenden Auflagen belastet, in ihrer bürgerlichen Nahrung gehindert und von einem Neulingsregimente mit mißtrauischer Strenge überwacht, sehnten alle eine Änderung dieses kaum noch erträglichen Zustandes herbei. Aber wie eine solche erreichen?

Hell und verführerisch klang des »Quaden« Lockpfeife, und Klaus Lodewiges ward nicht müde, auf ihr zu spielen. Wollte ihn doch der »Quade« zum ersten Bürgermeister machen, darum dachte er, wes Brot ich eß, des Lied ich singe. Aber es fehlte auch nicht an Leuten, welche ebenso unermüdlich darauf hinwiesen, wie wenig Nutzen bisher die Stadt von der Freundschaft des Göttinger Herzogs gehabt. Denn in der That hatte Otto, so weit seine Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Stadt gingen, wenn er sie brauchte, dennoch stets taube Ohren, wenn die Bürger mit Klagen über die Unthaten seiner Mannen zu ihm kamen und Ersatz für ihre geplünderten Warenzüge und ausgepreßten Meierhöfe verlangten. Mit Recht fragten darum besonnene Männer, ob das die Pflichten eines Schutzherrn erfüllen heiße, mit Recht schauten sie sich nach einem Mittel um, sich dieses Oberherrn zu entledigen und einen anderen Beschützer zu gewinnen.

In diese Erwägungen hinein traf das Anerbieten des jungen Friedrich, eine Vermittlung zwischen der Stadt und dem Halberstädter Bischof herbeiführen zu wollen. Selten kam ein Anerbieten gelegener; denn diese Fehde gegen Halberstadt, welche Braunschweig durch die Übergriffe ihrer raublustigen und unbotmäßigen Besatzung auf Burg Hessen aufgezwungen war, verwünschte jedermann innerhalb des Weichbildes. Und die schnelle und glückliche Erledigung der Teidung, sowie das freundliche, bescheidene und dennoch so recht fürstliche Auftreten des Herzogs Friedrich ließ in der Brust der meisten Bürger, welche derselben anwohnten, neue Hoffnungen emporkeimen. Auch Klaus Lodewiges gewahrte den günstigen Eindruck, welchen der junge Fürst auf seine Mitbürger machte. Aber nicht angenehm berührte ihn diese Wahrnehmung, vielmehr berichtete er sogleich an Heinz Kyphod darüber und verfehlte nicht, auf die bösen Folgen hinzuweisen, die aus dem Vorgehen Friedrichs für Herzog Otto erwachsen könnten.

Und nun traf die Göttinger Partei noch ein zweites Unglück. Das war die Nachricht von dem Unternehmen, welches Herzog Albrecht von Lüneburg gegen das feste und gefährliche Twieflingen plante. Wie schädigend dies Raubnest auch für Braunschweigs Handel war, ist von uns schon früher erwähnt, nun war es wiederum nicht der »Quade«, sondern ein anderer der benachbarten Fürsten, welcher die Stadt von diesem fressenden Übel zu befreien auszog. Herzog Albrecht versäumte auch nicht, durch geheime Sendboten den Städtern versichern zu lassen, wie ihn zu diesem Unternehmen hauptsächlich die Teilnahme für Braunschweig bewogen, dessen Gedeihen ihm wegen der eigentlichen Herren der Stadt, seiner Stiefsöhne Friedrich und Bernt, warm am Herzen liege – und die Folge solcher Versicherung war, daß die Anzahl der Bürger immer größer wurde, welche sich vom »Quaden« abwandten und ihre Hoffnungen auf die jugendlichen Söhne Herzog Magni und den Fürsten aus dem Stamme der Wettiner in Celle setzten.

Klaus Lodewiges fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen schwankte, und er beschloß, etwas zu thun, was sein Ansehen neu zu festigen geeignet war.

Was aber das sein sollte, darob sann er vergeblich nach. Und da ihm trotz alles Nachdenkens dennoch nichts Vernünftiges einfallen wollte, schickte er in seiner Not wiederum einen Boten an seinen Freund Kyphod und ließ den um einen guten Rat bitten. Der aber ließ antworten, er werde selbst kommen. Und so geschah es auch.

Heinz Kyphod brauchte sich jetzt nicht mehr durch einen roten Bart und das geringe Gewand eines Schusters unkenntlich zu machen, wenn er nach Braunschweig hinein wollte. Im schwarzsammtenen Scheckenrock mit silbernem Dupfing und helltönenden Schellen ritt er, von zwei reisigen Dienern gefolgt und von Klaus Lodewiges und einigen seiner Freunde begleitet, welche ihn schon an der Landwehr empfangen hatten, durchs Stadtthor. Kehrte auch nicht im Schuhhof ein, sondern in dem Hause an der Breitenstraße, welches der reiche Klaus mit jedem Jahre durch eine neue Verschönerung bereicherte. Vor dessen Thor gab es denn bald ein Laufen und Drängen von Ratsmannen und Gildemeistern und anderen angesehenen Bürgern, welche alle kamen, den ersten Beamten und Vertrauten Herzog Ottos zu begrüßen und ihrer Treue zu versichern. Das dauerte bis zum hereinbrechenden Abend, und als es zu Ende war, da fragte Kyphod seinen Wirt mit gerunzelter Stirn: »Waren das alle?«

Klaus Lodewiges zuckte die Achseln. »Alle unsere Anhänger eben nicht«, entgegnete er, »aber wohl alle diejenigen, welche etwas zu bedeuten haben.«

»Dann müßt Ihr sehr thöricht vorgegangen sein. Ich habe manches Gesicht vermißt, auf dessen Anblick ich sicher gerechnet hatte.«

Der reiche Klaus wurde bei dem Vorwurf rot wie ein kollernder Truthahn. Aber er schluckte seinen Ärger hinunter. »Es mag sein, daß wir nicht immer das Richtige gewählt haben«, sagte er mit erheuchelter Bescheidenheit, »aber allein trifft uns auch nicht die Schuld.«

»Nicht? Wen denn sonst noch?«

»Nichts hat so die Reihen unserer Anhänger gelichtet, als wie der Schaden, welchen die Mannen Eures Herzogs fort und fort den Braunschweiger Bürgern zufügen.«

Jetzt war es Heinz Kyphod, welcher die Achseln zuckte. »Immer das alte Lied«, sagte er verdrießlich. »Herzog Otto will nicht Häscher und Henker seiner Freunde und Kampfgenossen werden. Das hat er ein für allemal erklärt.«

»Andere Fürsten denken anders, Herzog Albrecht von Lüneburg –«

»Ist ein Fremder im Lande, ein Wettiner, ohne Zusammenhang mit der eingesessenen Ritterschaft. Ja geradezu feindlich steht er derselben gegenüber, denn nachdem die Städte längst vom Welfenstamme abgefallen und zu ihm übergetreten waren, blieb der Adel noch immer sein Gegner. Für diesen Trotz will der Fürst ihn jetzt züchtigen, darum bricht er seine Burgen, aber nicht den Städten zu Gefallen.«

»Mag sein«, entgegnete Lodewiges, »aber uns Städtern läßt er sagen, es geschehe uns zu Gefallen, und genug von uns glauben es ihm. Dadurch aber gewinnt er an Ansehen und verliert Herzog Otto einen Anhänger nach dem anderen.«

»Höllisches Elend!« fuhr Kyphod auf, »so helft Euch doch selbst. Es giebt, denke ich, außer Twieflingen noch genug Raubburgen, welche Ihr brechen könnt. Nehmt einmal an, es gelänge Euch, Klaus Lodewiges, auf eigene Faust eine solche Burg zu erobern – könnte es denn noch eine bessere Empfehlung geben, um Euch zum ersten Bürgermeister zu machen?«

Der reiche Klaus kratzte sich bedenklich hinter dem Ohr. »Dazu gehört zuverlässige Mannschaft, dazu gehört Belagerungsgerät –«

»Nun ja«, fiel Kyphod ein, »es gehört freilich mancherlei dazu, vor allem ein mutiger Entschluß.« Und dann fuhr er mit verschmitztem Lächeln fort: »Könnte Euch auch mit manchem aushelfen, alter Freund, was Ihr braucht. Kann Otto der Streitbare auch nicht mit offenem Visier gegen die Schnapphähne ausziehen, so kann er es doch auch nicht wehren, daß der eine oder andere seiner Knechte sich an einem solchen Zuge beteiligt. Ihr werdet mich schon verstehen.« Lodewiges verstand den Amtmann allerdings. Da aber jetzt gemeldet wurde, das Nachtmahl sei aufgetragen, ließ man den Gegenstand fallen.


Am anderen Tage kehrte Heinz Kyphod nach Wolfenbüttel zurück. Und trotz allem verließ er Braunschweig nicht unzufrieden. Daß eine Mißstimmung gegen seinen Herrn vorhanden war, ließ sich freilich nicht verkennen, aber er glaubte ein Mittel gefunden zu haben, derselben zu steuern. Daß aber an die Stelle des früheren Wohlstandes Elend und Armut getreten, focht ihn weiter nicht an. Im Gegenteil, er war ganz wohl damit zufrieden. Wohlstand verleiht Selbstbewußtsein, ja verleitet sogar zu trotzigem Übermut, wie ihn die Städter nur gar zu gern gegen Fürsten und Ritter herauszukehren pflegten. Das war nicht die Stimmung, welche Herzog Otto brauchte, um seinen Einzug in die Burg Heinrichs des Löwen zu halten. Armut dagegen erzeugt Demut, daher sollten Demut und Gehorsam die Braunschweiger vor allem lernen, um würdig Otto den Streitbaren bei sich aufnehmen zu können.

In der Seele des reichen Klaus trieb indessen das Samenkorn, welches Kyphod hineingelegt hatte, und dieser keimende Trieb reifte zu dem Entschluß, eine mutige, glänzende That auszuführen, welche die Augen aller Braunschweiger auf den kühnen Urheber richten sollten. Klaus Lodewiges sann und sann, und das Ergebnis seines Nachdenkens war ein Plan, bei dem allerdings die Schlauheit eine größere Rolle als die Kühnheit spielte, und Gold schwerer in die Wagschale fiel als Gewalt der Waffen.

Nächst dem Raubneste Twieflingen war es die Asseburg, von welcher Braunschweig am meisten Schaden zugefügt wurde. Dort saßen die van Velthems, ihnen hatte der alte Rat schon vor Jahrzehnten das ursprünglich städtische Schloß für die Stadt »zu treuer Hand zu bewahren eingethan«. Aber seit dem Aufruhr des Jahres 1374 kümmerte die Velthems nicht mehr die ihnen anvertraute Burghut; statt ein Schutz der Stadt zu sein, ward durch sie das Haus ein Zufluchtsort für Raubgesindel der schlimmsten Art, solcher, die »das Land kreuzweis schinden« und das den Städtern abgenommene Raubgut hierher in Sicherheit brachten. Darum gedachte der reiche und ehrgeizige Klaus Lodewiges nunmehr die Asseburg zum Gegenstand seines Unternehmens zu machen.

Eben jetzt schien sich ihm dazu eine günstige Gelegenheit zu bieten. Wie gesagt, sollten List und Gold die Mittel sein, ihm die Wege zu ebnen. Bei einem jener Scharmützel nämlich, wie sie so häufig zwischen der Bedeckung der städtischen Warenzüge und den Schnapphähnen vorfielen, war ein entfernter Verwandter der Velthems, mit Namen Hinrik v. Berkowe, in die Hand der Braunschweiger gefallen. Er war ein berüchtigter Gesell, wilden Mutes und voller Haß gegen die Städtischen, zumal gegen die neuen Machthaber des Jahres 1374. Grausam und roh, dünkte ihm kein Mittel zu schlecht, diesen Haß zu befriedigen, und keine Marter empfindlich genug, Braunschweiger Bürger zu quälen. Sein Schicksal schien daher besiegelt, als man ihn gefangen zum Stadtthor hineinführte, und vielleicht würde er schon auf dem Richtplatze eines sinnvollen Todes gestorben sein, wenn man sich im Rat darüber hatte einigen können, welche Todesart für ihn die qualvollste sein möchte.

Die Obhut des Gefangenen, welcher in demselben unterirdischen Kerker saß, in welchen der Haß Tile vam Dammes einst Rolef Doring geworfen hatte, wechselte von Woche zu Woche unter den Ratmannen des Altstädter Rates, und der Zufall wollte, daß in dieser Woche Klaus Lodewiges die Aufsicht über den Kerker führte. Daraus wollte er Nutzen ziehen.

Er begab sich eines Abends in den Turm, und zwar in jenes Gemach, in welchem wir einst dem Verhör angewohnt haben, welches Eggeling van Strobocke mit Rolef Doring anstellte. Der Kerkermeister mußte ihm den Gefangenen aus seinem unterirdischen Verließ heraufziehen, dann aber den Ratsmann mit dem Schnapphahn allein lassen. Vorher jedoch hatte sich Klaus Lodewiges überzeugt, daß Hinrik v. Berkowe fest genug mit Ketten und Banden verstrickt war, um nicht etwa über seinen Inquisitor herfallen zu können.

Der reiche Klaus begann damit, den Gefangenen mit einem außerordentlich würdevollen Gesicht zu betrachten, indem er die Stirn runzelte, die Augenbrauen in die Höhe und die Mundwinkel herabzog. Berkowe antwortete darauf mit einer scheußlichen Grimasse. Denn die Richter verspotten, noch auf der Folterbank, ja selbst auf der Richtstätte sie verhöhnen und beschimpfen, war in jener Zeit für einen in die Hände der verhaßten Städter gefallenen Ritter nicht minder ein Zeichen mannhaften Mutes und wahren Rittersinnes, als mit eingelegter Lanze in den dichtesten Schwarm der Feinde zu sprengen.

»Wißt Ihr, was Eurer harrt?« fragte Lodewiges.

Der Gefangene antwortete mit einer Wiederholung seiner Grimasse.

»Ihr glaubt, man werde Euch aufhängen, darin irrt Ihr Euch. Ihr sollt gerädert werden.«

»Euer Rad ist nicht mehr zu brauchen«, höhnte Berkowe, »seine Kanten sind stumpf geworden, als Ihr meineidigen Empörer Eure Herren damit tot schlugt.«

»Es ist ein gutes, scharfkantiges Rad aus schwerem Eichenholz mit Eisen beschlagen«, erwiderte Lodewiges.

»Ihr lügt«, lachte Berkowe, »mit Meineid ist es beschlagen und von weichem Holz wie Eure Muttersöhnchen. Meine Knochen sind härter, verlaßt Euch darauf.«

»Vorher sollt Ihr gefoltert werden«, fuhr der reiche Klaus fort.

»Man hat mir die Herrlichkeiten dort schon gezeigt«, meinte der Gefangene, mit dem Kopf nach der Thür der Folterkammer deutend. »Es ist jämmerliches Machwerk.«

»Ihr kommt auf die Streckleiter, die Arme in die Höhe gebunden. Dann werden Euch Fackeln unter die Achselhöhlen gehalten.«

»Das wird einen guten Geruch geben.«

Lodewiges zog die Augenbrauen noch höher und die Mundwinkel noch tiefer. Mit dem Burschen war schwer zum Ziel zu kommen. »Habt Ihr schon einen Menschen in heißem Öl sieden sehen?« fragte er nach einigem Besinnen.

»Mit Siverd Dalum haben wir es so auf der Asseburg gemacht«, grinste Verkowe. Das war nun zwar eine Lüge, Siverd Dalum, ein Braunschweiger Kaufmann, lebte noch und harrte in einem Verließ der Asseburg seiner Auslösung. Aber der Richter mußte auf alle Fälle übertrumpft werden.

»Das wird Eure Strafe erhöhen«, meinte Lodewiges. »Wenn Ihr die Unseren so martert, muß man für Euch noch größere Qualen ersinnen. Wie gefällt Euch der Hungertod?«

»Schlecht«, antwortete der Ritter trocken, »doch würde ich mir am dritten Tage den Kopf an der Mauer einrennen.«

Auf diese Weise ging es nicht, das sah der reiche Klaus ein, Tod und Marter machten auf den Gefangenen keinen Eindruck. Die Furcht fand keinen Eingang in sein Herz, aber vielleicht die Habsucht.

»Ihr nehmt es verteufelt leicht, Ritter Berkowe, dem Leben Valet zu sagen«, begann er, den würdevollen Ernst aus seinem Antlitz verbannend und seine Züge zu einem vertraulichen Lächeln zwingend. »Gewiß ist das würdig eines so wohl erprobten und ruhmvollen Kriegers. – Aber trotzdem solltet Ihr das Leben nicht unnütz fortwerfen, zumal jetzt nicht, da es nur von Eurem Willen abhängt, alle Genüsse desselben ohne Rückhalt kosten zu können.«

Hier machte der Ratsmann eine Pause; da sich aber Berkowe zu keiner Antwort herbeiließ, fuhr er fort: »Ich kann mir denken, daß Euch das Leben, wie Ihr es so die letzte Zeit geführt, nicht mehr sonderlich reizt. Stets im Sattel, um armen Bürgern ihre paar Heller abzujagen, und wenn Ihr zu Haus kommt, ein dürftiges Obdach, kärgliche Nahrung, sauren Wein – ist das denn alles der Mühe wert zu leben? Aber wenn Ihr jetzt frei wäret, so könntet Ihr mit dem Landgrafen von Thüringen gen Süden ziehen, er bereitet eine Pilgerfahrt zum Grabe des heiligen Petrus in Rom vor. Das wäre ein anderes Leben! So in prächtigem Waffenschmuck und mit dem Zeichen des Kreuzes geziert durch die Lande reiten, in jeder Stadt und auf jedem Fürstensitz willkommen geheißen und köstlich bewirtet – dann jenseit der Alpen Italiens lachende Gefilde schauen, seine feurigen Weine trinken und schöne Frauen küssen dürfen, endlich am Ziel der Wanderung Vergebung aller Sünden zu finden – ah, das verlohnt sich schon, zu leben. Waret Ihr einmal in Welschland? Nein? Nun, ich war da und ich kann Euch sagen, nur wer Italien gesehen hat, weiß, wie schön es auf dieser Welt ist.«

Das Lied von Italiens Herrlichkeit – wie verlockend klang es durch das ganze Mittelalter jedem Ritter ins Ohr. Das wußte Klaus Lodewiges wohl, als er es dem gefangenen Manne vorsang, der bis jetzt nur einen Weg aus diesem Kerker für möglich gehalten, den Weg zu einem qualvollen Tode. Mit größter Aufmerksamkeit hing dabei sein Auge an Berkowes Zügen, und mit Wohlgefallen bemerkte er, daß der verbissene Trotz in denselben einer gewissen Unruhe und Spannung Platz machte. Darum fragte er: »Nun, hättet Ihr nicht Lust, mit dem Landgrafen nach Rom zu pilgern?«

Aber auf des Gefangenen Antlitz war schon wieder der alte Trotz zu lesen und er beantwortete die Frage des Ratsmannes nur mit seiner früheren Grimasse.

»Ihr glaubt, ich wollte Euch verspotten«, fuhr Lodewiges fort, ohne sich irre machen zu lassen, »aber das ist – beim heiligen Evangelium sei's geschworen! –nicht der Fall. Ich meine es gut mit Euch.«

»Dann würdet Ihr mir nicht den Mund nach Früchten wässern machen«, brummte Berkowe, »welche ich niemals erreichen kann.«

»Warum nicht? Nur zwei Dinge fehlen Euch dazu. Freiheit und Gold. Ich gebe Euch beides.«

»Der Preis?«

»Die Asseburg.«

Im Gesichte des Gefangenen zuckte es wild. Er lachte höhnisch und dann zog er wieder grübelnd die Brauen zusammen. Lodewiges wandte sich ab, um ihm Zeit zur Überlegung zu lassen. Plötzlich fragte der Gefangene mit rauher, gepreßter Stimme: »Wann wollt Ihr eine Antwort auf Euer Anerbieten?«

»Morgen um dieselbe Stunde.«

»Kommt, um sie zu holen.«

Lodewiges atmete auf. Er hatte so viel erreicht, wie er fürs erste hoffen konnte. Er rief den Kerkermeister, welcher den Gefangenen wieder in sein unterirdisches Verließ herablassen mußte. Dann schritt der reiche Klaus guten Mutes seinem Hause zu.

Am nächsten Abende saß er wieder mit Ritter Berkowe im Turme zusammen. »Nun, habt Ihr Euch entschlossen?« fragte er den Gefangenen.

»Ja, ich will es thun«, lautete die Antwort, »wenn Ihr auf meine Bedingungen eingeht.«

»Wie lauten dieselben?«

»Außer uns darf kein Mensch etwas von unserem Übereinkommen erfahren.«

»Die Bedingung wollte auch ich Euch stellen.«

»Den Velthems darf kein Haar gekrümmt werden.«

Lodewiges sah bedenklich vor sich nieder, doch dann sagte er: »Meinetwegen.«

»Heute Abend noch müßt Ihr mich aus diesem verdammten Nest befreien.«

»Je eher, je lieber, aber immerhin kann es darüber Mitternacht werden. Seid Ihr fertig?«

»Die Hauptsache kommt noch. Wie viel wollt Ihr mir zahlen?«

»Fünfhundert Mark Silbers.«

»So billig verkauft sich Hinrik v. Verkowe nicht. Das Vierfache würde gerade meiner Absicht entsprechen.«

»Zweitausend Mark? Seid Ihr von Sinnen?«

»So viel brauche ich zum mindesten, wenn ich mit dem Landgrafen gen Rom ziehen will.«

»Nicht die Hälfte braucht Ihr! Doch will ich Euch die allenfalls geben. Aber nicht einen Heller mehr. Kommt, wir wollen uns auf tausend Mark vereinigen.«

Aber Hinrik v. Berkowe zeigte nicht die geringste Lust, sich mit tausend Mark zu begnügen.

Endlich kam man überein, daß der Judaslohn zwölfhundertNach heutigem Geldeswert ungefähr 200,000 Mark Reichsmünze. Mark betragen solle.

Klaus Lodewiges wiederholte die Summe mehrere Male halblaut und jedesmal ward dieselbe von einem Kopfschütteln begleitet und jedesmal folgte ein Seufzer hinterdrein.

Aber er sagte sich, daß er hätte darauf gefaßt sein müssen, den Ritter Hinrik v. Verkowe nicht billiger zu kaufen. Und so ergab er sich denn – wenn auch brummend und knurrend – in diesen Aderlaß seines Geldbeutels.

Der Aderlaß sollte übrigens – so ward verabredet – nicht auf einmal die ganze Summe zu Tage fördern. Vorläufig bekam Berkowe zweihundert Mark auf Abschlag, der Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn das Unternehmen gelungen sei.

Sodann ging man auf eine Beratung ein, was zu thun sei, um das Unternehmen gelingen zu machen.

Die erste Wirkung dieser Beratung war, daß der Kerkermeister am nächsten Morgen das Gefängnis des Ritters v. Berkowe leer fand. Selbstverständlich war er darüber außerordentlich erstaunt, obgleich niemand so gut wie er hätte Auskunft über den Weg geben können, auf welchem der Ritter den Turm verlassen hatte, denn Klaus Lodewiges hatte kein besseres Mittel gewußt, Berkowe zu befreien, als wie mit dem goldenen Schlüssel das Gewissen des Kerkermeisters zu und die Thür des Gefängnisses aufzuschließen.

Eine zweite Folge der erwähnten Beratung war, daß der reiche Klaus an einem der nächsten Tage – es war ein prächtiger sonnenheller Junimorgen – mit einem stattlichen Gefolge von zwanzig gewappneten Knechten aus Braunschweigs Thoren ritt. Für Geld kann man viel haben und vor allem war es in jener kampfesfreudigen Zeit nicht schwer, binnen kurzem in einer Stadt wie Braunschweig ein reisiges Gefolge zu dingen. Stets harrten dort fahrende Kriegsleute, um sich zu den Fehden der Stadt anwerben zu lassen, oder auch von einzelnen Kaufherren, um ihre Warenzüge gegen die Schnapphähne zu beschützen. Weniger leicht ward es dagegen Lodewiges, seine Mannschaft im Geheimen zu dingen, und doch hatte er es sich in den Kopf gesetzt, daß die Einnahme der Asseburg durch seine Hand eine Überraschung für Braunschweig sein sollte. Ja, auch für seinen Freund und Gönner Kyphod sollte es eine Überraschung sein! Denn hatte es sich der reiche Klaus auch nicht merken lassen, so hatte er es denn doch bitter empfunden, wie wegwerfend ihn der Amtmann im Grunde behandelte. Darum mochte er auch von dessen Unterstützung nichts wissen. Allein wollte er es vollbringen und es gelang ihm auch in der That, bis zuletzt sein Unternehmen in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen. Ja, damit er nicht noch zum Schluß mit überflüssigen Fragen belästigt werde, setzte er die Stunde des Aufbruches so früh an, daß ihm kein Neugieriger auf den Straßen begegnen konnte.

Mit Ausnahme einer kurzen Mittagsruhe ritten die Männer den ganzen Tag und gelangten gegen Abend in den Wald, welcher damals den Fuß der Asseburg umzog. Hier erwartete sie an verabredeter Stelle Hinrik v. Berkowe. »Es läßt sich gut an«, begrüßte er Lodewiges, »die Velthems sind mit starkem Gefolge gen Twieflingen gezogen, ihren Vettern van Utze zu Hilfe. Nur eine geringe Besatzung ist auf der Burg zurückgeblieben. Wie viel Mannschaft habt Ihr mitgebracht?« Bei den Worten überflog er mit den Augen die Begleiter Lodewiges. »Zwölf, sechzehn, zwanzig Mann – o, das ist mehr als genug! Vier Mann können hier zurückbleiben, die Pferde zu bewachen, denn wir müssen zu Fuß hinauf, der Weg ist zu steil. Also munter – abgesessen und mir gefolgt!«

Man kam seinen Anordnungen nach und ließ sich von ihm durch das Waldesdickicht bergan führen. Unterwegs fragte der Ritter den reichen Klaus: »Habt Ihr das Geld?«

Lodewiges nickte und klopfte auf die Tasche seines Scheckenrockes, daß sie einen vielversprechenden metallenen Klang von sich gab. »In schönen neugeprägten Goldgülden«, antwortete er. »Sobald die Burg mein ist, zahle ich's Euch aus.«

Die Grenze des Waldes war erreicht und jenseit eines schmalen Wiesenstreifens sah man den Burgwall emporsteigen. Hier ließ Berkowe wiederum einige Reisige zurück, damit dieselben schlimmsten Falles die Bewachung der Pferde zur Hilfe herbeirufen könnten, und kroch dann auf allen Vieren, von Lodewiges und seinen Leuten gefolgt, durch das üppige, hohe Gras über die Lichtung. Ohne Unfall erreichte man den Burggraben.

»Es kann uns niemand bemerkt haben«, lachte der Ritter, sich in den trockenen Graben hinunterlassend, »ich weiß bestimmt, daß an dieser Seite keine Wache steht, und überdies mußte im Zwielicht des Abends das hohe Gras unsere Annäherung verbergen.«

Sie folgten ihm in den Graben, wobei er ihnen anempfahl, möglichst alles Geräusch zu vermeiden. Trotzdem konnte sich einer der Reisigen, welche der reiche Klaus mitgebracht, nicht des Lachens enthalten. Unwirsch, wenn auch mit halber Stimme – wies ihn Lodewiges zurecht. »Ich mußte an die verblüfften Gesichter der Besatzung denken«, entschuldigte sich der Knecht, »wenn man uns plötzlich inmitten der Burg gewahren wird.«

Nachdem man den Graben durchschritten und einige Fuß an der anderen Seite emporgeklettert war, öffnete Berkowe mit einem verrosteten Schlüssel eine schwere eisenbeschlagene Thür, hinter welcher eine schmale innerhalb der Mauer emporführende Stiege sichtbar wurde. Auch hier mußten zwei Reisige zurückbleiben, »denn«, sagte der Ritter, »sich den Rückzug zu decken ist eine alte Kriegsregel.« Lodewiges nickte dazu, doch gebrauchte auch er seinerseits eine Vorsichtsmaßregel, nämlich dem die Treppe voransteigenden Berkowe nicht unmittelbar zu folgen, sondern zunächst einen vertrauten Knecht hinter ihm drein gehen zu lassen, welcher die Hand am Dolch und die Weisung hatte, beim geringsten Zeichen eines Verrates den Ritter niederzustechen.

Doch ohne daß eine solche Maßregel nötig geworden wäre, legte man die Stiege zurück und befand sich nun schon auf der Höhe der Mauer in dem bedeckten Wallgange. Die Dämmerung brach stark herein, jedoch fiel immer noch Licht genug durch die Ausschauluken, um erkennen zu lassen, daß der Wallgang an dieser Seite in seiner ganzen Ausdehnung unbesetzt war. Mit angehaltenem Atem, jedes Klirren der Waffen vermeidend und auf das behutsamste auftretend, schlichen sie den Gang entlang. Plötzlich blieb Berkowe stehen. »Tretet hierher«, wandte er sich an Lodewiges, »durch den Bretterspalt könnt Ihr in den Hof hinabsehen und beurteilen, wie schwach die Besatzung ist.« – Der reiche Klaus folgte der Aufforderung, jedoch kaum war er auf die bezeichnete Stelle getreten, so gab der Boden unter seinen Füßen nach und er verschwand mit einem Schrei in der Tiefe. In demselben Augenblicke brach der vertraute Knecht des Ratsmannes unter einem Dolchstoß Berkowes zusammen, die anderen Reisigen aber setzten sich weder zur Wehr, noch ergriffen sie die Flucht, sondern schüttelten sich lachend ob des gelungenen Verrats die Hände. Von Berkowe abgesandt, hatten sie sich in Braunschweig eingeschlichen, um sich mit anderen Kriegsleuten von Lodewiges dingen zu lassen, und diesen Zweck erreichten sie um so leichter, als der reiche Klaus es in seiner Geheimniskrämerei unterließ, vor ihrer Anwerbung Erkundigungen über sie einzuziehen. Heute Abend aber hatte es Berkowe so einzurichten gewußt, daß diejenigen vom Gefolge des reichen Klaus, welche nicht mit dem Ritter im Einverständnis, draußen an den verschiedenen Punkten zurückgeblieben waren, so daß der Ratsmann im entscheidenden Augenblicke bis auf den einen Vertrauten, der leicht unschädlich zu machen war, nur Feinde um sich hatte.

Wohl an dreißig Fuß mochte Lodewiges hinuntergestürzt sein, er versuchte sich aufzuraffen, aber ein schneidender Schmerz im rechten Beine hinderte ihn daran. Ohne Zweifel war dasselbe gebrochen. Da ergriffen ihn derbe Fäuste und schleiften ihn trotz seines Geschreies aus dem dunklen Winkel, in welchen er gestürzt war, hinaus in die Mitte des Burghofes. Dort saßen die Gebrüder van Velthem – es waren ihrer viere – mit ihren Genossen, und zu ihnen trat nun auch Hinrik von Berkowe mit seinen Reisigen, welche jetzt alle das Velthemsche Feldzeichen trugen. Zu spät, erkannte Lodewiges, in welche Falle er gegangen war. Aber er gab die Hoffnung noch nicht auf, wenigstens sein Leben zu retten.

»Ihr habt mich überlistet«, redete er Berkowe an, »und Euch das Geld zur Pilgerfahrt nach Rom verschafft, ohne mir die Asseburg zu überliefern. Hier ist das Geld, nehmt es, zählt es nach, Ihr werdet die Summe richtig finden. Ich will Euch Urfehde schwören, nie wieder etwas gegen die Asseburg zu unternehmen oder auf Rache gegen Euch zu sinnen. Aber dann laßt mich frei – o mein Bein, mein Bein!«

Ohne ein Wort der Erwiderung nahm ihm Berkowe das Geld ab und zählte im Scheine der Pechfackeln, welche man angezündet, die schönen vollwichtigen Goldgülden nach. Gert van Velthem aber, der älteste der Brüder, fragte: »Mit welchen Martern drohte Dir dieser Mann, Hinrik, um Dich zum Verrat an uns, Deinen Vettern und Eidgenossen, zu bestimmen?«

»Hundertsiebenundzwanzig, hundertachtundzwanzig«, zählte Berkowe, »ich sollte auf die Streckleiter und mit Fackeln gebrannt werden – hundertneunundzwanzig – dann sollte der Henker mir mit dem Rade die Beine zerschlagen – hundertunddreißig – und mit siedendem Öl wollte man mir den Rest geben.«

»War es so?« fragte Velthem den zitternden und stöhnenden Lodewiges.

In diesem stieg ein entsetzlicher Gedanke empor. »Bei der Barmherzigkeit Gottes«, flehte er, »sagt mir, wie viel ich zahlen soll, um frei zu kommen, ich bin reich, sehr reich, wollt Ihr noch einmal soviel, wie ich dem Ritter dort gezahlt, Ihr sollt es haben, jeder von Euch soll so viel haben, nur laßt mich frei.«

»Weißt Du, was Du verdienst?« fuhr ihn Gert van Velthem an. »Dasselbe, was Du dem Ritter gedroht, sollst Du an Deinem eigenen Leibe erdulden.«

»Barmherzigkeit, Barmherzigkeit«, stöhnte Lodewiges.

Berkowe trat auf ihn zu und schüttelte den Beutel mit den Goldgülden vor seinen Ohren. »Die Summe ist richtig«, lachte er, »das ist Dein Glück, ich sehe, Du bist ein genauer Geschäftsmann. Darum will auch ich für Dich um Gnade bitten. Laß es bei der Strafe des Meineids bewenden, Gert.«

»O, ich bin schon genug gestraft«, rief der reiche Klaus, auf sein gebrochenes Bein deutend, »laßt mich im Übrigen mit Gold büßen, edle Herren. Verlangt, was Ihr wollt, nur laßt mich frei.«

Gert van Velthem schüttelte den Kopf.

»Da Ritter Berkowe für Dich gebeten, mag es bei der Strafe des Meineids sein Bewenden haben. Die aber mußt Du erdulden. Denn Du hast Dich gegen Deine rechtmäßige Obrigkeit aufgelehnt und Deine Dir von Gott gesetzten Herren vom Leben zum Tode gebracht. Bringt ihn fort und thut mit ihm, was Rechtens.«

»Wer giebt Euch ein Recht, mich zu richten?« schrie Lodewiges, aber niemand hörte auf ihn. Sie schleppten den verzweifelt um sich Schlagenden in den äußeren Burghof, wo seiner Beil und Richtblock warteten. Als die Sonne des nächsten Tages emporstieg, war Klaus Lodewiges nur noch ein blutüberströmter, verstümmelter Leichnam. So büßte er die Blutschuld, welche er durch die Hinrichtung Kort Dorings auf sich genommen hatte.

Hinrik v. Berkowe aber ritt mit den schönen, vollwichtigen Goldgülden nach Thüringen, um sich dem Landgrafen zur Pilgerfahrt nach Rom anzuschließen. Wie für seine anderen Sünden hoffte er dort auch für den am reichen Klaus begangenen Verrat Ablaß zu finden.

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