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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Fünftes Kapitel.

Am Fürstenhofe.

Vierundzwanzig Stunden später finden wir Rolef wieder in Wolfenbüttel.

Er hatte genug erfahren, um seine Versuche beginnen zu können, Ilse aus der Gewalt der Schnapphähne zu befreien.

Twieflingen! Vor dem Wort war die Dunkelheit geflohen wie vor der aufgehenden Sonne. Haus Twieflingen, an der Straße zwischen Braunschweig und Magdeburg gelegen, war ursprünglich eine lüneburgische Enklave im Wolfenbütteler Gebiet, aber bei der Entfernung des Landesherrn war es längst zu einem Zufluchtsort ritterlichen Raubgesindels geworden, welches auf der belebten Handelsstraße fette Weide fand. Die Burg war berüchtigt weit und breit, nur bei Tag, und dann auch nur unter doppelter Bedeckung wagten die Warenzüge an ihrem Fuße vorüber zu ziehen. In ihren Verließen schmachtete mancher Gefangene, der Auslösung durch klingende Münze harrend.

Nach den Äußerungen der alten Bäuerin erschien es Rolef daher höchst glaubwürdig, daß die Räuber Ilses und der Schwester Albina Twieflingen als ihr Reiseziel bezeichnet hatten, und keinen Augenblick zögerte er, als Grund seiner Pläne die Annahme zu betrachten, daß die geraubten Frauen eben dorthin gebracht seien.

Aber so wertvoll es für ihn war, durch diese Entdeckung einen festen Anhaltspunkt gewonnen zu haben, so konnte er sich doch nicht verhehlen, daß durch den Rückzug der Räuber nach jener Burg die Rettung Ilses außerordentlich erschwert wurde. Die Genossenschaft, welche dort hauste, war zahlreich, durch Eid und Ritterwort einander zu gegenseitigem Schutze verbunden, für einen einzelnen geradezu unbesiegbar, selbst für eine größere Macht hinter den festen Mauern des Schlosses schwer zu bewältigen. Aber waren es ihrer viele, so zählten sie auch viele Feinde. Es gab wenige Bürger in Braunschweig und Magdeburg, welche nicht bei dem Namen Twieflingen ergrimmt mit geballter Faust auf den Tisch schlugen und fluchend versicherten, nicht eher wollten sie ruhen, als bis die Twieflinger Schnapphähne mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten. Und ebenso dachten manche Fürsten, welche nur mit Kummer den ihrem Gebiete durch das Raubunwesen zugefügten Schaden ansahen. Der »Quade« freilich gehörte nicht zu diesen; ob er auch in Wolfenbüttel zunächst saß, hatte er doch eher sein Wohlgefallen an den Bedrängnissen der Städter, als daß er seine ritterlichen Freunde darob gescholten hätte. Anderer Meinung aber war der Erzbischof von Magdeburg und ebenso der eigentliche Herr von Twieflingen, Herzog Albrecht, der Wettiner, welcher in Celle Hof hielt. Der letztere verfolgte die Schnapphähne mit eiserner Strenge, und seitdem er jüngst wieder Frieden mit dem »Quaden« und Herzog Friedrich geschlossen, ließ er ihre Bestrafung sein Hauptaugenmerk sein. Darauf gründete Rolef Doring seine Hoffnungen. Es war am Morgen nach dem Abende, an welchem Maria von Schwichelde und Irmgarde Kyphod ihn in den Schloßhof von Wolfenbüttel hatten einreiten sehen, als Rolef seinen jugendlichen Gebieter aufsuchte, welcher schon in den Frühstunden ebenfalls dorthin zurückgekehrt war. Gewohnt, stets ohne Säumen Zulaß zu diesem zu finden, welcher sich weit häufiger seinen Freund als seinen Herrn zu nennen liebte, vernahm der Ritter mit Staunen, daß der Fürst weder für ihn, noch für sonst irgend jemanden zu sprechen sei. »Fürstliche Gnaden werden sich von dem frühen Morgenritt erholen wollen«, äußerte Rolef zu dem vor dem Gemache des Herzogs Wache haltenden Diener, und fragend setzte er hinzu: »Ist nicht bestimmt, wann der Herzog wieder sichtbar sein wird?«

»Mir ist nichts bekannt«, entgegnete der Diener und zuckte die Achseln. Es lag in dem Wesen desselben, eines alten Graubartes, welcher noch aus den Zeiten Herzog Magni stammte, etwas so bestimmt Abweisendes, daß sich Rolef kurz umwandte und ging.

»Es scheint«, murmelte er, »ich soll für meinen Ungehorsam bestraft werden, den ich bei der Hornburg gezeigt.«

Auf dem Altan vor dem Fürstenhause traf er Irmgarde. »Wartet auch die auf das Erwachen des Herzogs?« fragte sich Rolef. Sie wandte ihm den Rücken, als er aus der Thür trat, und überhörte auch wohl seinen Schritt, als er sich ihr näherte. Denn als sie sich nun kurz vor der steinernen Balustrade umwandte und ihn plötzlich vor sich stehen sah, schrak sie leicht zusammen. »Ah, Ritter Doring«, sagte sie, mit den schönen Augen ihn freundlich begrüßend. »Überall anders wähnte ich Euch, nur nicht hier in Wolfenbüttel. Seid Ihr von Eurem geheimnisvollen Ritt mit Herzog Friedrich schon zurückgekehrt?«

»Schon seit gestern Abend, schöne Jungfrau«, entgegnete Rolef, sich Irmgarde anschließend, »und seit heute Morgen weilt auch Herzog Friedrich wieder im Schloß.«

»In der That? Das zerstört viele, sehr viele und sehr weitgehende Vermutungen. Was sage ich, Vermutungen? Als solche traten dieselben gar nicht einmal auf. Die klugen Leute, welche sie aussprachen, waren viel zu klug, um nur zu vermuten, sie wußten es vielmehr ganz genau, so genau, daß ein Irrtum unter keiner Bedingung möglich war.«

»Und was wußten sie so genau, Jungfrau Kyphod?«

»Nun, den Zweck Eures geheimnisvollen Rittes.«

»Natürlich, aber ich meine, was bezeichneten sie mit solcher Sicherheit als diesen Zweck?«

»Das hätte ich Lust, Euch raten zu lassen.«

»Versuchen wir es. Eine Jagd? Das wäre viel zu gewöhnlich, läge viel zu nahe, zumal kein Einhorn, kein Drachen mehr in unseren Wäldern hausen, deren Erlegen die schönste Jungfrau des Landes mit ihrer Hand belohnen würde.« Diese Worte waren mit einer verbindlichen Verbeugung gegen Irmgarde begleitet. »Eine Fehde? Aber mit wem? Gegen wen hätte der Herzog mit so kleinem Gefolge ausziehen können? Es sei denn zu einem Überfall friedlicher Kaufleute, aber ich glaube, man weiß in Wolfenbüttel, daß Herzog Friedrich dieser Leidenschaft nicht fröhnt. Jedoch was bleibt dann noch? Allenfalls ein Besuch auf einer benachbarten Burg –«

»Oder an einem befreundeten Hofe«, fiel Irmgarde ein.

»Oder an einem befreundeten Hofe«, wiederholte Rolef. »Jedoch zu welchem Zwecke? Vielleicht um Bündnisse zu schließen –«

»Vielleicht um ein sehr festes Bündnis zu schließen«, unterbrach ihn Irmgarde, indem sie die schwarzen Augen zu ihm erhob und ihr roter Mund ihn neckisch anlächelte.

»Ein sehr festes Bündnis?« fragte Rolef nicht ohne Erstaunen.

»Ein sehr inniges Bündnis«, fuhr Irmgarde fort, und es war reizend anzusehen, wie ihr anmutiges Antlitz von Mutwillen strahlte.

»Ich hab's«, rief Rolef, »von einem Brautritte schwatzten die Leute.« Im stillen aber setzte er hinzu: »Also deshalb ist Jungfrau Irmgarde hier schon auf dem Altan« Und in diesem Gedanken fuhr er fort: »Darüber kann ich Euch aber vollständig beruhigen, Herzog Friedrich denkt nicht an eine Brautschau.«

»Mich beruhigen?« Der Ton, in welchem Irmgarde die Worte sprach, und der tiefe Blick, mit dem ihre schönen Augen denselben begleiten, mußten wohl Rolef zwingen, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er sah sie erstaunt an, aber ihre Augen hielten seinen Blick aus, nicht stolz und vorwurfsvoll, wohl aber fragend, mit einer unaussprechlichen Angst fragend und voll innigen Flehens, ihre Sprache zu verstehen und es dem Munde zu erlassen, Dolmetsch des Herzens werden zu müssen.

Rolef las diese Angst und diese Bitte in ihrem Blick – und dennoch verstand er beides falsch. »Euch beruhigen?« fuhr er fort, indem er seinen Mund zu einem Lächeln zwang. »Nun ja, auch Euch und Euch nicht mehr als jeden anderen Insassen Wolfenbüttels. Denn ganz Wolfenbüttel würde doch in nicht geringe Aufregung geraten, wenn Herzog Friedlich wirklich zur Brautschau auszöge.«

Über die schwarzen Augen sanken die langen Wimpern wie in müder Schwere herab. Stürmisch hob sich Irmgardens Brust, aber fest preßte sich ihr roter Mund zusammen. Ein leises Beben zitterte durch ihre Stimme, als die Lippen sich nach einer kurzen Pause wieder öffneten und auf Rolefs letzte Worte entgegneten: »Wohl würde ganz Wolfenbüttel in Aufregung geraten, aber damit entkommt Ihr mir nicht, Ritter Doring. Könnt Ihr es leugnen, daß Ihr soeben die Verpflichtung fühltet, mich, eben mich ganz besonders beruhigen zu wollen? Ah, Ihr schlagt die Augen zu Boden, Ihr besinnt Euch auf eine neue Ausrede? Gebt Euch keine vergebliche Mühe! Ich lese zu deutlich in Euren Zügen, daß auch Ihr glaubt, wovon ganz Wolfenbüttel schwätzt, aber daß auch Ihr glauben könnt –«

Rolef unterbrach sie. »Verzeiht, Irmgarde«, sagte er, ihre Hand ergreifend, »ich konnte nicht ahnen, daß Euch mein Wort verletzen würde. Was hat sich denn geändert, seit wir uns zuletzt sahen?«

Ihr Auge traf ihn mit einem flammenden Blick, in dem die ganze südliche Leidenschaft ihres mütterlichen Blutes durchbrach, aber sie entzog ihm schnell ihre Hand und die feine Oberlippe schürzend, daß die weißen Zähne hell hervorblitzten, sagte sie: »Verändert? O, es hat sich gar nichts verändert, es ist alles noch so, wie es schon seit Jahren ist. Eis bleibt Eis und Blinde sind blind!«

Wie ein Blitz zuckte es vor Rolef in grellem Lichte auf, »Irmgarde«, flehte er, nach ihrer Hand haschend, »laßt es klar werden zwischen uns.«

Ihre Hand ließ sich fangen, ihr Auge senkte sich scheu zu Boden und dann hob es sich wieder und voller Erwartung und glühenden Verlangens begegnete es seinem Blick – da klang die Stimme Herzog Friedrichs aus der Thür des Fürstenhauses. »Guten Morgen, schone Jungfrau, guten Morgen, edler Ritter. Welch ein erfreulicher Anblick, meine beiden treuesten Freunde hier meiner wartend zu finden.«

Er schritt gemächlich auf die beiden zu, während Rolef schnell von Irmgarde zurücktrat. Die letztere erwiderte den Gruß des Fürsten nur mit einer stummen Verneigung, und als er ihr jetzt gegenüberstand und fortfuhr: »Das bedeutet Glück für den ganzen Tag, Jungfrau, so früh am Morgen schon sich Eures Anblicks freuen zu dürfen« – da entgegnete sie mit niedergeschlagenen Augen und lächelndem Munde: »So denkt mein Vater auch, darum hat er mich in die Schreibstube bestellt, um ihm bei seinen Pergamenten zu helfen. Möge in der That dieser Tag ein glücklicher für Euch sein, Fürstliche Gnaden.« Und nach einer zweiten kurzen Verneigung wandte sie sich die Stufen hinab, ging eiligen Schrittes über den Burghof und verschwand in der Thür, welche zum Arbeitsgemach ihres Vaters führte.

Nicht ohne Verwunderung sah ihr Herzog Friedrich nach. »Was bedeutet das?« sagte er halb zu sich selbst, halb zu Rolef. »Will sie mich eifersüchtig machen mit Dir? Oder ist sie des Spieles auch müde geworden, wie ich seiner schon längst müde bin, o, so müde! Nun, dem heiligen Georg sei Dank, es naht sich dem Ende. Komm mit, Doring, ich habe Besuch bekommen, sehr überraschenden Besuch und sehr erfreulichen! Der Himmel rötet sich im Osten. Möge endlich die Nacht ein Ende nehmen und die Sonne meines Glückes nicht mehr zu lange auf sich warten lassen.«

 

Um dieselbe Stunde stand Heinz Kyphod vor seinem Gebieter, dem »Quaden«.

»Zum Henker mit Deiner langen Einleitung, Heinz«, rief der letztere, »heraus mit der Sprache! Wo hat der Bursche gesteckt?«

»Auf der Hornburg oder bei der Hornburg vielmehr hat Herzog Friedrich geteidingt zwischen den Braunschweigern und Halberstädtern.«

»Du machst mich lachen, Heinz. Der Bursche und teidingen! Der, welcher kein halb Dutzend Worte ohne Anstoß sprechen kann und trotz seiner sechsundzwanzig Jahre rot wird, wenn man ihn ansieht. Der wäre ein Friedensstifter? Geh zum Henker mit solchen Vermutungen, wenn ich ernsthaft mit Dir sprechen will. Dergleichen Scherze sind gut, wenn man nach der Mahlzeit beim Wein –«

»Ich ersuche Eure Fürstlichen Gnaden auf das dringendste, die Sache nicht als Scherz aufzufassen. Es ist mir durchaus Ernst mit dem, was ich gesagt.«

»Dann bist Du falsch berichtet. Glaubst Du denn, daß es Leute giebt, welche diesen Gelbschnabel, diesen Jammerprinzen, der nicht einmal zwischen zwei raufenden Hunden Frieden stiften kann, geschweige denn zwischen gerüsteten Heeren, zum Schiedsrichter zwischen sich anrufen?«

»Angerufen hat man ihn darum nicht, aber er hat sich dazu angeboten. Zunächst in Braunschweig, da ist der Rat in seiner Not darauf eingegangen. Dann in Halberstadt, Ihr wißt, Bischof Albrecht ist froh, wenn er Ruhe hat, und sein Hauptmann, der Ritter von Barby, ist ein alter Kampfgenosse Herzog Magni und hat auch geraten, die Vermittelung anzunehmen –«

»Der verfluchte Graubart!« rief der »Quade« dazwischen. »Er war von Anfang an nicht für die Fehde, trotzdem es seines Amtes ist, zu Felde zu liegen.«

»Kurz und gut«, fuhr Kyphod fort, »die Teidung kam zustande und ihr Erfolg war ein vollständiger. Im Frieden und Eintracht sind Städtische und Stiftische von einander geschieden.«

»Während ich mir die größte Mühe gegeben, sie gegen einander zu hetzen!« Die Zornesader auf der niedrigen Stirne des »Quaden« schwoll dick an, er sprang auf, lief im Gemach auf und ab und dann plötzlich vor Kyphod stehen bleibend; sagte er: »Ich glaube es doch noch nicht, ich kann es nicht glauben. Wer ist Dein Gewährsmann?«

»Ein Braunschweiger, der mit bei der Teidung war, einer von jenen, die damals in den Rat gekommen sind, Klaus Lodewiges.« »Der Mann ist zuverlässig?«

»Ein aufgeblasener Geck, aber auf die Treue seiner Berichte kann ich mich verlassen!«

»Höllisches Elend! Dann soll mir mein Vetter büßen. Glaubt er mich betrügen und meine Wege kreuzen zu können, wie es ihm beliebt?« Zornig stampfte bei den Worten der Fürst mit dem Fuß auf den Boden, dann durchmaß er wieder mit hastigen Schritten das Gemach, indem er wilde Flüche murmelte und dazwischen zusammenhanglose Wortes hervorstieß. »Du bist daran schuld!« rief er plötzlich, dicht vor Kyphod Halt machend.

»Ich?« fragte dieser verwundert, indem er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.

»Ja Du, Du und nochmals Du!« wiederholte der Fürst, jedesmal kräftig dazu auf den Boden stampfend. »Du hast mich davon abgehalten, längst diesem Narrenspiel ein Ende zu machen. Hätte ich, wie ich es schon vor Jahren wollte, die Ritterschaft zusammentreten und mich zum Herrn des Wolfenbütteler Landes ausrufen lassen, dann wäre ich diesen heimtückischen Burschen los gewesen, während ich jetzt fürchten muß, daß er mir doch noch einmal ein Bein stellt. Aber ich weiß auch, warum Du das thatest. Nicht an mich dachtest Du dabei, nicht an den Vorteil Deines Fürsten und Lehensherrn, sondern an Deinen eigenen und den des Milchgesichts, Deiner Tochter. Verflucht der Augenblick, in dem ich auf Deinen Plan einging, durch sie von Friedrich einen Verzicht zu bekommen!«

Immer röter war das Antlitz des Sprechenden bei dieser heftigen Rede geworden, immer lauter und kreischender seine Stimme, aber in gleichem Maße wich aus Kyphods Gesicht die Farbe, leichenblaß war dasselbe anzuschauen. Als nun der »Quade« seine Wanderung oder vielmehr seinen Dauerlauf im Zimmer wieder aufnahm, entgegnete der Amtmann in ehrerbietigem Tone und mit leiser, aber fester Stimme: »Euer sonst so fürtreffliches Gedächtnis täuscht Euch, Fürstliche Gnaden. Wollt nicht vergessen, daß ich gegen Euern Plan damals einwandte, nicht allein die Ritterschaft, auch die Städte müßten in der Huldigungsfrage gehört werden, und daß das Votum der Städte dahin ausfiel, nur als Vormund Herzog Friedrichs Eurer Fürstlichen Gnaden huldigen zu können. Wollt Euch ferner erinnern, daß dieser Vorbehalt wiederkehrte, wenn Ihr den Heeresbann des Herzogtums aufbotet, sei es gegen Lüneburg, sei es gegen andere Feinde, daß sogar die Stadt Braunschweig, die Euch doch nach dem Aufruhr mehr zu Willen sein mußte, als irgend eine andere, nicht ohne denselben Eurem Rufe Folge leistete, ja daß selbst ein Teil der Ritterschaft sich bei der Heeresfolge dieses Vorbehalts nicht enthielt. Diese Gründe gestattete ich mir damals gegen den Plan Eurer Fürstlichen Gnaden anzuführen, diese Gründe waren die einzigen, welche mich bestimmten, von demselben abzuraten und darauf hinzuweisen, daß vielleicht eine Möglichkeit vorliege, auf anderem Wege zum Ziele zu kommen. Persönlicher Eigennutz oder Rücksicht auf das Glück meiner Tochter haben mich dabei nicht geleitet, und ich bin überzeugt, daß auch Ihr, Fürstliche Gnaden, Euch dieser Einsicht nicht verschließen werdet, wenn Ihr das, was vorgegangen ist, in Euer Gedächtnis zurückruft.«

Keineswegs ohne Unterbrechung hatte der Amtmann diese lange Rede vollendet. Wildes Lachen, Flüche, höhnische Bemerkungen hatte der »Quade« genug dazwischen geworfen, aber Kyphod kannte seinen Herrn zu gut, um sich dadurch irre machen zu lassen. Als er jetzt geendet, warf sich Herzog Otto fluchend in seinen Sessel. »Ja, ja, Du warst immer außerordentlich weise«, rief er, »und jetzt ernten wir die Früchte Deiner Weisheit. Höllisches Elend! Warum machst Du ein Gesicht wie ein Schulmeister? Ihr Schreiber seid Euch alle gleich, einen Sparren im Kopf habt Ihr alle und dabei wißt Ihr vor Hochmut nicht zu bleiben. Geh! Wenn ich Dich brauche, werde ich Dich rufen lassen. Geh! Ich will jetzt allein sein, um darüber nachdenken zu können, wie ich aus der Patsche wieder herauskomme, in die Du mich hineingeritten hast.«

Auch diese ungnädige Entlassung nahm Kyphod mit derselben unbeirrten Ruhe hin, mit welcher er seine Rechtfertigungsrede gehalten hatte. Er wußte, daß die Stunde bald genug schlagen würde, in welcher ihn der Fürst wieder zu sich rief, und überdies brauchte er den »Quaden« gerade so gut, wie der »Quade« ihn. Eine Lösung ihres Verhältnisses mußte auch seine Pläne stören, und daher ließ er sich die fürstlichen Scheltworte gefallen und ging, ohne eine Silbe weiter darauf zu entgegnen.

Heiter freilich war sein Antlitz nicht, als er das Gemach des Herzogs verließ. Und auch als er auf den Burghof in die Maiensonne hinaustrat, blieben die Wolken auf seiner Stirn lagern. Er ging quer über den Hof nach seiner Wohnung und als er in seine Schreibstube getreten war, schlug er die Thür kräftig hinter sich zu und ließ sich mit einem Fluch auf einen Stuhl fallen.

»Guten Morgen, Vater. Ist Dir etwas Unangenehmes begegnet?«

Irmgarde war es, welche so frug. Sie saß an dem mit Folianten und Pergamentrollen bedeckten Tische Kyphods, das Haupt hatte sie auf die Rechte gestützt und schaute unter der vorgehaltenen Hand nach ihrem Vater hinüber.

Derselbe antwortete ihr mit einer anderen Frage: »Wie stehst Du mit Herzog Friedrich?«

Irmgarde lehnte sich in den Sessel zurück und indem sie einen prüfenden Blick auf ihre schlanken, weißen Finger warf, erwiderte sie: »Nicht anders als vor einem Monat, als vor einem Jahr.«

»Wie gleichgiltig Du das sagst! Mir aber ist das nicht gleichgiltig. Unerträglich wird mir dies endlose Hinziehen.«

Die schlanken weißen Finger falteten sich ineinander, während die langen Wimpern fast ganz die schwarzen Augen bedeckten. Ebenso ruhig wie vorher sagte Irmgarde: »Ich kann es nicht ändern, Vater.«

»Höllisches Elend! Du mußt, Du wirst es ändern. Ich, Dein Vater, befehle es Dir!« Kyphod war bei den Worten zornig aufgesprungen und dicht vor seine Tochter hingetreten. Langsam hob sich der Vorhang der Augenlider und indem Irmgarde ihren Vater mit einem vollen Blick ansah, sagte sie gelassen: »Befiehl, was ich thun soll, ich werde gehorchen.«

Der Amtmann wandte sich unwillig ab. »Thörichtes Kind, sagt Dir das nicht Dein eigener Verstand? Wozu verlieh Euch Weibern Natur die Gabe, Männerherzen zu fesseln, wozu Dir insbesondere Schönheit, Anmut und Klugheit? Und Du fragst mich alten Graukopf, was Du thun sollst, um einen Jüngling von sechsundzwanzig Jahren zu Deinem Sklaven zu machen.«

»Weil ich es schon so lange vergeblich versucht habe«, erwiderte Irmgarde, aber ihre Stimme klang nicht mehr so ruhig wie vorher, die innere Aufregung tönte hörbar hindurch.

»Vergeblich?« spottete Kyphod. »Warum vergeblich? Weil Du es als eine kindische Spielerei betrieben hast und nicht als eine Angelegenheit, von welcher Deine ganze Zukunft abhängt –«

»Meine Zukunft? Ja«, fiel Irmgarde mit bitterem Lachen ein, »meine Zukunft ist allerdings besiegelt durch diese Jahre, in denen ich auf Deinen Befehl nur für den Herzog Augen haben durfte. Längst könnte ich die Gattin eines edlen Ritters sein, könnte auf eigener Burg als Herrin schalten und walten, hätte ich einem der vielen Freier Gehör schenken dürfen, welche mich umwarben.«

»Ah, da habe ich Dich, wo ich wollte«, sagte Kyphod, seine Tochter mit einem eigentümlichen Blicke ansehend. »Die anderen Freier, welche Dich umwarben, da liegt es. Anderen gehörte Deine Neigung, anderen schenktest Du Dein Herz, da blieb Dir freilich nicht genug Muße, Dir die Hand eines Herzogs zu erobern.«

»Und das machst Du mir zum Vorwurf? Nicht allein, daß Du mich gezwungen hast, der Stimme meines Herzens nicht folgen zu dürfen, auch dazu willst Du mich zwingen, daß mein Herz einen lieben soll, den es nicht lieben kann. O Vater, das geht über die Kraft eines Menschen hinaus.«

»Weder zum einen noch zum andern habe ich Dich gezwungen«, sagte der Amtmann kühl. »Ich hielt Dich für ein starkes Weib, wie Deine Mutter eines war, und deshalb wollte ich auf Deinem Haupte das fürstliche Diadem wieder leuchten sehen, was sie meinetwegen abgelegt. Dasselbe zu erlangen zeigte ich Dir den Weg und Du sagtest: ›Ich will diesen Weg gehen.‹ Ist das Zwang? Und bist Du in all' diesen Jahren einmal zu mir gekommen und hast mir gesagt: ›Ein würdiger Ritter wirbt um meine Hand und mein ganzes Herz gehört ihm. Laß mich sein Weib werden und entsage dem stolzen Fürstentraum‹ – sprich hast Du einmal mich so gebeten? Nein! Und nun will ich Dir sagen, was der Grund Deines Handelns war. Du bist halb. Zu ehrgeizig bist Du, um der Herzogskrone zu entsagen, welche ich Dir als Lohn gezeigt, und doch bist Du auch wieder zu weich, um auf das Glück zu verzichten, welches jede Bauerndirne genießt, wenn sie ihrem Schatz um den Hals fällt. Darum hast Du keines von beiden erlangt. Jetzt aber muß es aus sein mit der Halbheit. Du selbst hast es ausgesprochen: Deine Zukunft ist besiegelt. Zurück kannst Du nicht mehr. Entweder bist Du in kurzem des Herzogs erklärte Braut oder es öffnet sich Dir als einzige Zuflucht das Kloster. Darum laß es klar werden, sei ganz und mache ein Ende.«

Ein wunderbares Bild bot Irmgarde während dieser Worte, schnell und kurz ging ihr Atem, ihre Augen sprühten, ihre Lippen zuckten und fieberisch bewegten sich die schlanken weißen Finger auf und nieder. Ja einmal fuhr sie halb aus dem Sessel empor, als wolle sie ihren Vater unterbrechen, doch dann ließ sie sich wieder mit einem tiefen Seufzer zurücksinken, die Augenlider fielen herab und die Hände preßte sie fest ineinander, so daß die weißen Fingerspitzen in dunklem Rosa glühten. Jetzt erhob sie sich: »Es soll klar werden, mein Vater«, sagte sie trocken und gezwungen. Sie beugte sich herab, um seine Hand zu küssen, er aber zog sie in die Höhe und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Da lief ein Zittern durch ihren Körper und unter den langen Wimpern brach ein Thränenstrom hervor. »Zum Henker, Mädchen, laß das Weinen«, knurrte der Amtmann, »geh hinauf und denk nach über das, was ich Dir gesagt.« Sie nickte stumm und stieg langsam die Wendeltreppe empor, welche in ihr oberes Gemach führte. Ihr Vater aber setzte sich zu seinen Folianten und Pergamenten, indem er murmelte: »So sind die Weiber! Faßt man sie einmal hart an und sagt ihnen die Wahrheit, dann fließen gleich die Wasserbäche.«

 

»O, warum konnte ich eben nicht sprechen«, seufzte Irmgarde, als sie allein oben in ihrem Gemach saß, »auch daran ist der Herzog schuld. Stets kommt der Ungeschickte zur unrechten Zeit. Endlich hatte mich Rolef verstanden, ich sah, wie es in seinem Auge plötzlich aufleuchtete, ich wußte, was er sagen würde, als er meine Hand faßte, als er begann: »Irmgarde, laß es klar werden zwischen uns« – mein Herz jubelte auf, da kommt dieser fürstliche Tölpel mit seinen langweiligen Redensarten, mit seinem faden Lächeln und schließt dem Geliebten den Mund – o! – es ist zum Verzweifeln, Doch der Abend soll nachholen, was der Morgen versäumt, nicht ohne Erfüllung soll dieser Tag zu Ende gehen. Dann mag der Vater zürnen und toben, schelten mag er mich, daß ich anfangs auf seinen Plan eingegangen und ihn jetzt doch nicht ausführen wolle – was wußte ich eitles, thörichtes Mädchen denn damals von der Macht der Liebe? Und ist es wahr, was mein Vater sagt, daß es der Zweck all seines Thuns sei, das Glück meines Lebens zu gründen – nun – dann wird er auch nachgeben. Ich muß doch wissen, worin mein Lebensglück liegt, ich allein kann es wissen. Und giebt er nicht nach, dann mag er erfahren, daß ich nicht halb bin, nicht weich, sondern stark, wie meine Mutter. Wodurch war meine Mutter stark? Durch ihre Liebe! Sie gab ihr die Kraft, Vater und Mutter zu verlassen, das Diadem der Fürstentochter von sich zu werfen und Italias lachende Gefilde zu fliehen, um mit dem Geliebten über schneebedeckte Berge zu wandern ins fremde rauhe, nordische Land. Die Liebe! Alles lehrt sie uns, auch das Schwerste: Geduld. Ruhig eines freundlichen Blickes harren, Tage lang sich eines gütigen Wortes freuen, hingeworfen wie ein Almosen, aber aufgenommen mit jubelndem Herzen, gierig, wie der verschmachtende Pilger die wenigen Tropfen schlürft, welche sich in der Höhlung eines Steines erhalten haben – jeden Morgen erwachen mit dem Gedanken: Der heutige Tag wird es Dir bringen, und jeden Abend sich niederlegen mit dem Trost: Heute nicht, aber morgen – o, das alles habe ich ja auch durch die Liebe gelernt. Doch – der Jungfrau sei Dank! – es ist vorüber. ›Klar soll es werden zwischen uns‹ – so sagte der Geliebte – klar wird unser Himmel werden und bis zum Lebensabend wird daran leuchten die Sonne unserer Liebe!«

 

»Kennst Du den noch?« fragte Herzog Friedrich den Ritter Doring, indem er die Thür eines Nebengemachs öffnete und einen jungen Mann heraustreten ließ, der nur um wenige Jahre jünger sein mochte, als der Fürst selbst.

Der Fremde trug das härene Gewand eines Pilgers, welches er über den Hüften mit einem Stricke gegürtet hatte, im Rücken hing ihm der Muschelhut, die Hände hielt er in den weiten Ärmeln seines Rockes verborgen.

»Fürwahr«, rief Rolef, nachdem er die Erscheinung aufmerksam gemustert, »fürwahr, wenn das Pilgerkleid nicht wäre und wenn nicht jede Wahrscheinlichkeit dagegen spräche – und doch, je länger ich Euch betrachte – ja, ja, Ihr seid es, Fürstliche Gnaden, Herzog Bernt.«

»Freilich ist er's«, lachte Friedrich, indem er den Fremden in seine Arme schloß, »freilich ist's mein vielgeliebter Bruder. Er ist nicht leicht zu erkennen, wie? Und Du hättest ihn erst einmal sehen sollen, wie ihm noch der große Bart vom Kinn auf die Brust herabhing, da konnte kein Mensch in dem ehrbaren Pilgersmann meinen lustigen Bernt vermuten.«

»Kommen denn Fürstliche Gnaden aus dem gelobten Lande?« fragte Rolef erstaunt. »Hier hat man doch nichts von einer solchen Pilgerfahrt vernommen.«

»Das wäre auch wohl unmöglich gewesen«, lachte Bernt, »denn –«

»Wir wollen erst aufbrechen zum gelobten Lande«, fiel Friedrich ein, »Mein Bruder ist gekommen, mich abzuholen.«

»Wie, eben jetzt in dieser entscheidungsreichen Zeit?«

»Eben jetzt wollen wir nach dem gelobten Lande pilgern.«

Der Herzog lachte laut auf, als er Rolefs verblüfftes Gesicht gewahrte, und fuhr fort: »Aber nicht nach dem gelobten Lande, an das Du denkst, alter Freund, nicht nach Palästina. Das gelobte Land, von dem ich spreche, ist das einer glücklichen Ehe und segensreichen Herrschaft, und dies gelobte Land wollen Bernt und ich jetzt gemeinsam zu erreichen suchen.«

Bernt nickte und reichte Rolef die Hand: »Ich komme geraden Wegs von Celle und bringe Antwort auf die Vorschläge, welche Bruder Friedrich, wie Euch ja nicht unbekannt, dorthin gerichtet hat. Nun werdet Ihr auch verstehen, warum ich mich in dies Gewand gehüllt. Der ›Quade‹ braucht nichts davon zu wissen, daß wir Brüder uns wiedergefunden haben, ganz abgesehen davon, daß er mich, der ihm vor Jahren davongelaufen, um in Lüneburg Schutz zu suchen, eben nicht mit ausgesuchter Freundlichkeit wieder in Wolfenbüttel begrüßen würde.«

»Das ist richtig«, lachte Rolef, »dazu haben seine Mannen zu oft die Schärfe Eures Schwertes erproben müssen, als Ihr in der Lüneburger Fehde an der Seite des Wettiners, Eures Stiefvaters, gegen uns strittet. Aber daß Ihr jetzt selbst kommt, dünkt mich ein Zeichen, daß Eure Antwort eine uns günstige sei.«

»Und so ist es auch«, fiel Friedrich ein. »Endlich hat man in Celle eingesehen, daß ich recht gethan, als ich mich damals nicht mit Bernt zu ihnen flüchtete, sondern das schwerere Teil erwählte, hier zu bleiben, verachtet zwar und verspottet, aber dennoch durch meine einfache Gegenwart stets allen Vasallen eine Mahnung, daß der jetzige Machthaber im Lande nicht der wahre Erbe, daß seine Herrschaft eine vorübergehende sei und eine Zeit kommen werde, in welcher sie über ihr Verhalten wahrend dieser Übergangszeit Rechenschaft abzulegen haben würden. Und nicht nur das, auch ein Wächter, bin ich dem ›Quaden‹ gewesen; stets in seiner Nähe, meistens ihm zur Seite, sind mir wenige seiner Pläne verborgen geblieben. Dabei wiegte ich ihn in trügerische Sicherheit, denn wer seinen Feind unterschätzt, ist schon halb besiegt, und dafür habe ich gesorgt, daß unser Vetter mich gründlich unterschätzt. Das schwerere Teil freilich habe ich dadurch auf mich genommen, das wissen die Heiligen! Leichter wäre es gewesen, damals Gewalt zu brauchen, wie ihr in Celle wolltet, aber sicherer war mein Weg, Denn kraft Willens unseres verstorbenen Vaters führte Herzog Otto die Vormundschaft über uns, durch Eid und Pflicht waren die Vasallen ihm als Vormund der Erben zur Lehensfolge verbunden; wer mit uns gegen ihn gegangen wäre, hätte die Lehenspflicht gebrochen, deshalb mußte die Zeit seiner Vormundschaft erst abgelaufen sein, ehe wir handeln konnten. Jetzt ist sie abgelaufen, jetzt ist die Zeit zum Handeln da, und ich danke Dir, Bruder, ich danke der Mutter und dem Herzog, unserem Stiefvater, daß ich jetzt vereint mit Euch handeln kann.«

Bernt erwiderte kräftig den Händedruck seines Bruders, dann fuhr der letztere fort: »Freilich so ganz trauen sie mir in Celle immer noch nicht. Denk Dir nur, Rolef, als Beweis, daß ich es ehrlich meine, verlangen sie von mir, daß ich heiraten, wie ich schon vorhin sagte, in das gelobte Land der Ehe einziehen soll.«

»Nicht so mußt Du den Wunsch der Mutter darstellen«, wandte Bernt ein, aber Friedrich ließ ihn nicht ausreden.

»Wertgeschätzter«, rief er, »so ist es und nicht anders. Auch in Celle hat man vernommen, daß ich Irmgarde Kyphod als minnigliche Herrin verehre. Aber das hat man dort nicht wissen können, daß ich das Spiel nur trieb, weil ich die Falle, welche mir die Holde auf Befehl ihres Vaters gestellt, erkannt und statt hineinzugehen, vorzog, stets darum herum zu schleichen, um so die Aufmerksamkeit der Jäger zu fesseln. Das hat man in Celle nicht wissen können, selbst meine kluge Mutter ist nicht auf den Gedanken gekommen, sondern lebt immer noch der Besorgnis, Irmgardens schöne Augen könnten mich für immer unter die Hand des ,Quaden' zwingen. Nun ist Dir wohl erinnerlich, Rolef, daß zu jener Zeit, als unsere Mutter, noch im Witwenschleier, aber in der Hoffnung, dadurch die blutige Fehde um das Lüneburger Land zu beenden, dem Wettiner Albrecht zu einer zweiten Ehe die Hand reichte, dieser bereits aus einer früheren Ehe zwei Töchter besaß. Seit dieselben herangewachsen, war es der Lieblingsgedanke der Mutter, daß jeder von uns Brüdern eine derselben heimführen solle. Bernt ist bereits Bräutigam der Jüngeren und er nimmt meine Werbung um die Hand der Älteren mit nach Celle zurück.

 

»Laßt mich Euer erster Vasall sein, Fürstliche Gnaden«, rief Rolef, indem er das Knie beugte, »welcher zu dieser segensreichen Verbindung Euch Glück wünscht.«

»Nicht so, nicht so, mein alter, lieber, treuer Freund«, lächelte Friedrich, den Ritter in die Höhe ziehend und an seine Brust drückend. Und dabei flüsterte er ihm zu: »Als Vasall magst Du dem Fürsten und dem Lande Glück wünschen, aber nicht als Freund dem Freunde. Auch eine solche Werbung, von der das Herz nichts weiß, ist eine Fürstenpflicht.« Dann fuhr er laut fort: »Aber Verschwiegenheit, alter Freund, Verschwiegenheit! Tiefes Geheimnis muß diese Verbindung noch bleiben. Und nun zu den anderen Nachrichten, welche Bruder Bernt uns aus Celle mitgebracht hat.«

Das waren allerdings Nachrichten von großer Bedeutung und nicht allein für Herzog Friedrich, sondern insbesondere auch für Rolef. Eine starke Macht hatte Herzog Albrecht von Lüneburg, der Wettiner, zusammengezogen, welche in Bälde noch durch Magdeburger Scharen verstärkt werden sollte. Als Zweck dieser Rüstungen gab er an, dem Raubunwesen steuern zu wollen, und in der That beabsichtigte er, wie Rolef gehofft, sich mit Hilfe der Magdeburger zunächst des berüchtigten Twieflingens zu bemächtigen und die Schnapphähne von dieser seiner Burg für immer zu vertreiben. Jedoch dabei blieben seine Pläne nicht stehen. Wie schon früher bemerkt, bildete Twieflingen eine lüneburgische Enklave im Wolfenbütteler Gebiet, das feste Haus mußte somit dem Wettiner, bezüglich seinen beiden Stiefsöhnen Friedrich und Bernt, ein zuverlässiger Stützpunkt werden, wenn es mit dem »Quaden« zum offenen Streite kam, für den es so recht ein Pfahl im Fleische war. Und ferner gedachte der Wettiner seinen Einfluß in der Stadt Braunschweig durch die Vernichtung der dem städtischen Handel so lästigen Twieflinger Schnapphähne zu vergrößern und dadurch den Einfluß des »Quaden« in ähnlicher Weise zu verringern, wie Herzog Friedrich das durch seine mit Erfolg gekrönte Vermittelung zwischen der Stadt und dem Halberstädter Bischof versucht hatte.

Jedoch für diese weitergehenden Pläne hatte Rolef kein Ohr mehr. Ganz hingenommen war er von dem Gedanken, daß sich so bald schon seine Hoffnung erfüllen sollte, Herzog Albrecht und die Magdeburger Twieflingen belagern zu sehen. Nun hatte er ja, was er so sehnlich gewünscht, einen starken Bundesgenossen in seinem Bemühen, Ilse zu befreien.

Sobald daher Bernt geendet, begann Rolef seine Erzählung von dem Unfalle, welcher Schwester Albina und der Jungfrau vam Damme zugestoßen und wie er sicheren Grund habe zu glauben, daß die Schnapphähne sie nach Haus Twieflingen gebracht. Auch verschwieg er nicht, wie teuer Ilse vam Damme seinem Herzen sei, und bat endlich seinen Fürsten um die Erlaubnis, sich dem Unternehmen gegen Twieflingen anschließen zu dürfen.

»O weh«, rief Herzog Friedrich, »stehen die Sachen so? Dann muß ich Dich ja wohl ziehen lassen. Aber nur ungern, höchst ungern thue ich das. Ich hatte gehofft, Du solltest mir die Auseinandersetzung mit Irmgarde erleichtern. Stets war sie Dir gut und von niemanden hätte sie sich lieber für das Mißlingen ihres feinen Planes entschädigen lassen, als wie vom Ritter Doring.«

»Das weiß ich seit heute Morgen auch«, bestätigte Rolef, jedoch ohne in das Lachen des Fürsten einzustimmen, sondern mit großem Ernste. »Und auch deshalb ist es gut, wenn ich sobald als möglich Wolfenbüttel wieder verlasse. Besser als Worte, welche mir zu sprechen ebenso schwer werden würde, als wie Irmgarde zu hören, kann sie dieser schnelle Aufbruch ohne Erklärung, ohne Abschied belehren, daß nichts in meinem Herzen für sie spricht.«

»So reitet mit mir«, warf Herzog Bernt ein, »ich schleiche mich jetzt wieder als Pilgrim aus der Burg, hinunter nach Heiningen. Dort erwartet mich mein Knecht mit ritterlichem Gewände und den Pferden, Bis Mittag will ich Eurer dort harren, dann können wir zusammen nach Celle ziehen.«

»Seid Ihr damit einverstanden, Fürstliche Gnaden?« wandte sich Rolef an Friedrich.

»Was sollte ich dagegen haben, wenn ich Dich doch einmal von mir lassen muß?«

»Dann bitte ich, mich in Heiningen um die Mittagsstunde zu erwarten.«

Beim Mittagessen am heutigen Tage gab der »Quade« die deutlichsten Beweise seiner üblen Laune, besonders ließ er seinen jungen Vetter, welcher neben ihm saß, dieselbe auf das rücksichtsloseste empfinden. Nicht müde ward er, ihn mit halb versteckten Anspielungen zu reizen, welche sogar mitunter das verhüllende Gewand ganz abwarfen und sich frech als nackte Schmähungen zeigten. Jedoch nichts war imstande, den unverwüstlichen Gleichmut Friedrichs zu stören. Offenbar erbitterte das den »Quaden« mehr und mehr und riß ihn zu immer roheren Ausbrüchen hin. Dabei goß er aus seinem schweren silbernen Humpen den Wein in Strömen hinab, so daß das Blut, welches Wut und Ärger schon schnell genug durch seine Adern trieben, durch die Macht des feurigen Getränkes zu noch schnellerem Laufe angespornt wurde.

Plötzlich stieß er den silbernen Humpen mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß die ganze Tafel erbebte. Flammenden Auges sprang er empor und mit lauter, rauher Stimme rief er: »Edle und getreue Mannen! Wir alle lieben es, wenn um uns her die Lanzen splittern und die Schwerter blitzen, das Schlachtgewühl ist uns eine Lust, uns allen, nur nicht Seiner Liebden, unserem werten Vetter Friedrich. Der liebt den Frieden, ha, ha, ha, den Frieden, den holden Frieden. Er kann den, Krieg nicht leiden, und wenn er sieht, daß zwei mit einander in Fehde geraten, so läuft er hin, sie wieder zu versöhnen. Nur kein Blutvergießen, das kann er nicht ansehen. Den Frieden liebt er über alles, darum heißt er auch Friedrich. Trinkt auf des friedlichen Friedrichs Wohl, Ihr Mannen, dem gewaltigen Friedensstifter bringen wir's, Heil und Segen ihm, ha, ha, ha, dem friedlichen Friedrich!«

Der »Quade« goß den Inhalt seines Humpens hinunter, aber nur wenige der Ritter folgten seinem Beispiel und stimmten in sein wildes Gelächter ein. Die meisten blickten verlegen vor sich nieder und eine ängstliche Stille lagerte über der Tafelrunde, bis Herzog Friedrich sich erhob und mit einem blöden Lächeln und stotternder Stimme begann: »Werter Vetter, Fürstliche Gnaden! Zu hoch, wirklich zu hoch schätzen Eure Liebden mein Verdienst, es ist nicht der Mühe wert, es so laut vor allen zu rühmen. Wie ich dazu gekommen bin, weiß ich eigentlich selbst nicht, oder das wollte ich eigentlich nicht sagen, ich wollte sagen, ich wüßte es wohl, daß ich nicht von selbst darauf gekommen, nein, wirklich nicht, von selbst fällt mir so 'was nicht ein, dem Ritter v. Barby ist es eingefallen, der ist ein Freund meines Vaters und ein sehr würdiger Mann, der schickte zu mir und ließ mir sagen, ich sollte teidingen, das würde mein Ansehen erhöhen und da bin ich hingegangen und ein Friedensstifter geworden. Daß Ihr aber mich drob so laut rühmt und Euch so über das Ansehen freut, das ich dadurch gewonnen, das ist sehr schön von Eurer Liebden und ich danke Euch dafür. Schwer ist das Teidingen aber nicht; wenn die Städtischen und Stiftischen übereingekommen waren, so sollte es sein, dann sagte ich auch: ›Ja, so soll es sein‹ – weiter hatte ich nichts zu thun. Und nun trinke ich auf das Wohl Eurer Liebden, und daß Gott Euch noch lange dem Wolfenbütteler Lande erhalten möge!«

Sprühenden Blickes, die geballte Faust auf den Tisch gestemmt und die Oberlippe zwischen die Zähne gepreßt, hatte der »Quade« seinen Vetter angesehen, als derselbe sich zum Sprechen erhob, dann war er plötzlich in ein schallendes Gelächter ausgebrochen und auch die, welche vorhin nicht gelacht, folgten jetzt seinem Beispiel – der stotternde Redner mit seinem verlegenen Lächeln und offenen Selbstbekenntnissen wirkte überwältigend komisch. Herzog Friedrich focht das weiter nicht an, er leerte nach dem Schluß seiner Rede ruhig seinen Humpen und setzte sich dann ebenso unbeholfen nieder, wie er aufgestanden war. Nachdem der »Quade« aber endlich seines Lachens Herr geworden, stand er auf und taumelte mehr als er ging zu Heinz Kyphod hin. Er drückte den Amtmann, welcher sich erheben wollte, auf den Stuhl zurück und flüsterte ihm ins Ohr: »Der Ärger und die Sorge von heute Morgen waren unnütz. Der friedliche Friedrich – ha, ha, ha – wird uns nicht gefährlich trotz seines erhöhten Ansehens, ha, ha, das Teidingen ist ja nicht schwer, durchaus nicht schwer, o, der Bursche ist Gold wert.«

Heinz Kyphod widersprach nicht, aber er lachte auch nicht mit den übrigen. Er hatte genau so viel getrunken als Herzog Friedrich, nämlich einen Humpen Wein mit Wasser vermischt.

Schon lange vorher hatte die Gemahlin des »Quaden«, Herzogin Margareta, die Tafel verlassen und mit ihr die anderen Frauen, unter ihnen auch Irmgarde Kyphod. Vergebens hatten der Jungfrau Blicke Rolef an der Tafel gesucht, vorsichtig wagte sie hie und da eine Frage, warum der Ritter nicht erschienen? aber niemand vermochte ihr Auskunft zu geben. Als sie nun allein in ihrem Gemache war, malte sie auf einen Pergamentstreifen die Worte:

»Wer Klarheit wünscht, sei bei Sonnenuntergang vor dem Burgthore.«

Damit schickte sie ihre vertraute Zofe ins Ritterhaus, um es Rolef zu übergeben.

Es dauerte nicht lange, daß die Zofe zurückkam, aber auch der Zettel kam mit ihr zurück und die Nachricht: Ritter Doring sei schon vor Mittag aufgebrochen und mit seinem Knecht fortgeritten; wohin wisse niemand, aber er scheine es auf eine längere Abwesenheit abgesehen zu haben.

»So ist er schon fort«, sagte Irmgarde ruhig, »nun, dann schadet es auch nichts.« Damit entließ sie die Zofe, aber als sie allein war, sank sie wie betäubt in einen Sessel. »Was ist das?« murmelte sie. »Was ist das?« Dann glättete sie ihre Stirn und ein Lächeln spielte um ihren Mund. »Die Eifersucht des Herzogs ist es«, antwortete sie sich selbst auf ihre Frage. »Der Herzog hat heute Morgen Verdacht geschöpft und ihn fortgeschickt, um unser Zusammensein zu hindern. Als ob zwei liebende Herzen sich dadurch von einander reißen ließen. Nur Geduld, meine Seele – dies eine Mal noch Geduld!«

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