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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Viertes Kapitel.

Die Schnapphähne.

Bald war Rolef des ersten Schreckens, welcher ihn an der Klosterpforte von Drübeck überwältigt, Herr geworden. Von neuem hatte er den Thürklopfer dröhnend niederfallen lassen, und als darauf zum zweiten Male das Gesicht der Schwester Pförtnerin zum Schalter herausschaute, bat er, die Frau Äbtissin sprechen zu dürfen, da er einigen Aufschluß über die Vermißten geben könne. In Gewährung dieser Bitte erschien denn nach einiger Zeit das Antlitz jener Würdenträgerin am Schalter. Die Unterredung, welche Rolef mit ihr hatte, war nur von kurzer Dauer, aber sie gewährte ihm über zwei wichtige Punkte vollkommenen Aufschluß. Der eine dieser Punkte war, daß die Äbtissin nicht die geringste Kunde davon hatte, daß überhaupt eine Jungfrau Ilse vam Damme auf der Welt sei, geschweige denn, daß dieselbe dem ihrer Leitung untergebenen Kloster angehöre. Daraus folgte aber für Rolef, daß Ilse die Gelübde jedenfalls noch nicht in feierlich bindender Form abgelegt hatte, ja die Hoffnung wurde in ihm rege, daß Schwester Albina nur zum Schein und um Ilses Rettung zu ermöglichen, dieselbe für eine Nonne ihres Klosters ausgegeben. Aber auf der anderen Seite stellte sich zum zweiten auch heraus, daß diese Rettung trotzdem nicht gelungen war. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß Schwester Albina mit ihrer Begleiterin längst Kloster Drübeck hätte erreicht haben müssen, wenn ihr nicht unterwegs ein neuer Unfall zugestoßen wäre.

Noch in Beratung mit der Äbtissin darüber, wie die Nachforschungen nach den Vermißten einzuleiten seien, bemerkte Rolef einen Mann, welcher langsam auf die Klosterpforte zu hinkte. Derselbe war barhaupt und stützte sich auf einen Baumast, welchen er erst vor kurzem im Walde gebrochen haben konnte. Er trug einen Lendner und Beinschienen, war aber ohne Waffen, in das beschmutzte Gesicht hing das Haar in wirren, von Blut zusammengeklebten Strähnen hinein, unter denen es in langsamen Tropfen über die linke Wange blutig herabquoll. Die ganze Erscheinung rief sofort in Rolef den Gedanken wach, daß der Mann mit der Gewaltthat in Verbindung stehen müßte, welche gegen die Reisenden verübt war. Mit wenigen Schritten stand er dem Hinkenden gegenüber und fragte ohne Umschweif: »Was wißt Ihr von Schwester Albina?«

Der Mann blieb stehen und stützte sich erschöpft auf seinen Knüppel. »Bei allen Heiligen«, sagte er langsam und keuchend, »ich kann nichts dazu.«

Rolef bemerkte jetzt, daß der Mann am linken Bein und am Kopfe schwer verletzt war. Schnell vervollständigte er im Geiste den Thatbestand. »Ihr seid überfallen«, sagte er, »und habt Euch tapfer gewehrt. Das sieht man. Ihr sollt gleich Stärkung haben und verbunden werden. Setzt Euch einstweilen auf jenen Baumstamm und erzählt mir, wie es gewesen ist.«

Er unterstützte den Verwundeten, welcher sich mit seiner und des Knüppels Hilfe nach dem bezeichneten Baumstamme hinschleppte. Die Äbtissin, welche den Vorgang vom Schalter aus beobachtet hatte, öffnete die Pforte und schritt auf die Gruppe zu. Nach kurzer Zeit folgte ihr eine dienende Schwester mit Brot und einem Krug Wein.

Indem der Verwundete diesen Stärkungen eifrig zusprach, die Äbtissin aber die dienende Schwester ins Kloster zurückschickte, um Verbandzeug und Wundbalsam zu holen, begann der Mann seinen Bericht. Mit den zwei anderen Reisigen des Herzogs zum Salze habe er Schwester Albina und eine andere Jungfrau hierher nach Drübeck leiten sollen. Gestern Abend hatten sie gerechnet, hier einzutreffen, und solche Rechnung würde sie auch nicht getrogen haben, wenn sie nicht kurz vor Sonnenuntergang von einer großen Schar Gewappneter überfallen worden wären. Sie hätten sich zur Wehre gesetzt, aber der Übermacht gegenüber sei das nutzlos gewesen. Einer seiner Genossen sei getötet, den anderen hätten die Schnapphähne verwundet mit sich geschleppt, ihn selbst aber für tot auf dem Platze gelassen. Die Frauen, auf deren Entführung es abgesehen gewesen, hätten sie auch von dannen geführt, trotzdem Schwester Albina mit gewaltigen Worten die Rache des Himmels ihnen angedroht. Die Nacht über müsse er bewußtlos dagelegen haben, aber die Morgenfrische habe ihn wieder zu sich gebracht. Da habe er sich aufgerafft und hierher geschleppt, um die Unthat zu melden, damit man den Räubern nachsetzen könne.

Wer die Räuber waren, darüber war Rolef nach dem, was er in der Obermühle gehört, keinen Augenblick im Zweifel. Er fragte daher auch nicht viel nach ihrem Aussehen, sondern nur, wohin sie sich gewandt. Doch wußte der Reisige darüber schlechterdings keine Auskunft zu geben. »So müssen wir suchen«, murmelte Rolef, »suchen und hoffen.« Und so wenig Hoffnung erweckend auch des Reisigen Bericht war, dennoch schlug Rolefs Herz hoffnungsvoller als vorher. Warum? Er sah sich wieder einer Macht gegenüber, welcher ein frischer Mut, unermüdliche Geduld, ein starker Arm und ein scharfes Schwert die Geliebte abringen konnten, nicht der geheimnisvollen Macht der Kirche, deren Waffen, einer anderen Welt entnommen, für den tapfersten Rittersmann unbesiegbar blieben.

In einem zum Kloster gehörigen, aber außerhalb der Klausur liegenden Gebäude ließ die Äbtissin den Verwundeten unterbringen. Die sorgsamste Pflege desselben dünkte ihr desto mehr Pflicht, als sein Blut zum Schutze einer Nonne Drübecks geflossen war. Auch für sein Pferd fand Rolef dort Unterkunft, er selbst aber machte sich nach einem flüchtigen Imbiß sogleich nach der Stätte des Überfalls auf und zwar in Begleitung einiger Dienstleute des Klosters, welche die Leiche des gefallenen Reisigen holen wollten, um dieselbe in geweihter Erde zu bestatten. Doch hatte der Ritter vorher die schwere Rüstung abgelegt; in leichter Kleidung, nur das getreue Schwert unter dem Arm, schritt er den Dienstleuten voran.

Nach der genauen Beschreibung des Verwundeten war es nicht schwer, den Platz aufzufinden. Wäre Rolef gestern nicht bereits im Dunkel der Nacht an der Stelle vorbei gekommen, so hätte ihm gleich auffallen müssen, daß hier etwas Außerordentliches geschehen war. Aber umdüstert von nächtlichen Schatten, hatte er freilich weder den zerstampften Boden, noch die zerstreut umherliegenden zerbrochenen Waffen, noch die Leiche des Erschlagenen bemerken können, welche dicht am Wege ins Gesträuch gestürzt war. Auch die Spur der Räuber konnte man jetzt beim hellen Tageslicht unschwer erkennen. Und während die Klosterleute mit dem Leichnam sich nach Drübeck zurückwandten, folgte Rolef ohne Aufenthalt der gefundenen Fährte.

Dieselbe führte ihn quer durch den Wald mehrere Stunden lang fort, bis sie auf der großen Straße einmündete, welche von Hildesheim über Halberstadt nach Magdeburg lief. Hier in dem Wirrsal einander sich kreuzender Fahrgeleise und Hufspuren verlor sie sich aber auch und es blieb Rolefs Berechnung überlassen, die Richtung herauszufinden, nach welcher sich die Schnapphähne gewandt, ob Magdeburg zu oder nach Nordwesten ins Hildesheimische. Er entschloß sich für das letztere, und zwar aus dem Grunde, weil das Bestreben der Räuber vor allem dahin gerichtet sein mußte, möglichst schnell das Halberstädter Stiftsgebiet zu verlassen, und sie in der Richtung nach Magdeburg zu noch Tage lang dasselbe durchziehen mußten. Daher setzte er nach der Hildesheimer Seite hin seinen Weg auf der Straße fort.

Es war so recht ein Tag von den ersten des Mai's. Eine weißliche Dunstschicht war über den Himmel ausgebreitet, welche sich hie und da zu größeren Wolken verdichtete, dort auch wohl einem Stück blauen Himmels den Durchblick gönnte, im ganzen aber den Azur nur matt durch ihre wallenden Schleier durchleuchten ließ. Leise, kaum merkbar strich der Wind über die Felder, die niedrigen grünen Halme des Korns in steter schwankender Bewegung erhaltend. Die Büsche und Sträuche, welche streckenweise am Straßensaum fortliefen oder auch wohl vereinzelt zwischen den Äckern standen, hier einen Grenzstein beschattend, dort eine sumpfige Bodensenkung bezeichnend, prangten bereits im zarten Grün junger, kaum entfalteter Blätter, aber über die Alten des Waldes war erst ein sammetartiger Flaum ausgebreitet, der eher in einem leisen bräunlichen als grünlichen Farbenhauche schimmerte. Die Strahlen der im Zenith stehenden Sonne suchten ihren Weg durch die dunstige Atmosphäre, aber trotzdem oder vielmehr weil sie diese weißliche Dunstschicht erst durchbrechen mußten, trafen sie, wenn sie trafen, mit doppelt starker Glut.

Unweit der Straße bemerkte Rolef einen Bauernhof, Er beschloß, sich hier zum Mittagsbrot einzuladen, in der Hoffnung, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, ob ein den Räubern ähnlicher Trupp Reiter vorüber gezogen. Als er eingetreten und den vorderen Teil des langgestreckten Raumes durchschritten hatte, in welchem sich zu beiden Seiten die Streu für das jetzt ausgetriebene Rindvieh hinzog, fand er hinten beim Feuer, dessen Rauch sich nach Belieben einen Ausweg durch die Öffnungen des Daches suchte, und in dessen Flammen ein großer schwarzer Kessel an langer Kette herabhing, eine einzelne, schon hochbejahrte Frau. Er mußte seine Bitte zweimal wiederholen, ehe sie ihn verstand. Dann erhielt er auch nur ein nichts weniger als freundliches und aufmunterndes Kopfschütteln zur Antwort, und als er die Alte anschrie: »Warum nicht?« antwortete sie kurz: »Der Bauer hat's verboten.«

»Warum hat er's verboten?« fragte Rolef mit erhobener Stimme weiter.

Aber die Alte schien ihn trotzdem nicht zu verstehen, denn sie antwortete mit einem Blick auf das Schwert, welches Rolef unter dem Arm trug: »Ihr könnt mich totschlagen, ich kann mich nicht wehren, aber ich darf Euch nichts geben, mein Sohn will es nicht.«

Wiederum schrie Rolef die Alte an: »Warum will er es nicht?«

Aber er erhielt auch diesmal keine Antwort. »Sie sind alle hinaus«, spann die Alte ihren Faden weiter, um die Herde wieder zusammen zu treiben, welche Eure Freunde auseinander gejagt und in den Wald gesprengt haben. Aber bald kommen sie wieder, hütet Euch, dann kann es Euch schlecht gehen.«

Rolef horchte auf. Gieb mir nur einen Schluck Milch«, bat er, »die Zunge klebt mir am Gaumen, dann will ich auch weiter, meinen Genossen nach.«

Das Wort »Milch« mußte die Frau verstanden haben. Sie wiederholte es mehrere Male und schüttelte stets dabei den Kopf. Dann begann sie von neuem: »Schlagt mich tot! Ich darf es nicht und ich will es auch nicht. Den schönsten Farren haben die Euren aus unserer Herde genommen, Ihr kriegt keine Milch.«

»Es waren Frauen dabei«, warf Rolef ein, »die bedurften kräftiger Speise, sonst hielten sie es nicht aus.«

»Frauen?« grinste die Alte, wieder an dem einen Worte haften bleibend. »Frauen?« Daß Gott erbarm! Mögen saubere Frauen sein, die mit solchem Gesindel nach Twieflingen ziehen, nach dem verrufenen Räubernest.«

»Woher weißt Du«, rief Rolef wie erschrocken, »daß wir aus Twieflingen sind?«

Er erhielt keine Antwort und mußte seine Frage noch einmal und noch lauter wiederholen, bis die Alte entgegnete: »Wir sind nicht so dumm, wir Bauersleute, als ihr Schnapphähne denkt. Wir haben auch Ohren, und Siverd, der Kuhjunge, hat auch Ohren. Hat's wohl gehört, wenn sie ihn auch banden, als sie in seine Herde fielen und liegen ließen wie einen Klotz Holz. Hat's wohl gehört, daß die Euren von Twieflingen sprachen, und seiner Bande wußte er nachher auch wieder ledig zu werden. Jawohl, wir sind nicht so dumm –«

»Gehab Dich wohl«, unterbrach sie Rolef und schritt dem Ausgang zu.

»Möge die Jungfrau Euch bessern«, schrie ihm die Alte nach, »daß Ihr wieder ein ehrlicher Mensch werdet.« Sie schlug ein Kreuz und bückte sich und schob ein frisches Scheit Holz unter den Kessel. »Gott und die Heiligen wollen uns vor den Schnapphähnen bewahren!« murmelte sie dabei.

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