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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Drittes Kapitel.

Irmgarde.

»Wie lange soll das noch so fortgehen, Irmgarde?«

Irmgarde erhob ein wenig das schöne Haupt und warf unter den langen Augenwimpern hervor der Fragenden einen freundlichen Blick zu, indem sie in ruhigem, ja gleichgiltigem Tone erwiderte: »Ich weiß es selbst nicht, meine Liebe.«

Maria v. Dorstadt – oder vielmehr wie sie jetzt hieß, Maria v. Schwichelde, denn schon seit drei Jahren war sie des jüngeren Ritters v. Schwichelde Frau, welchem der »Quade« einen Burgmannssitz auf Wolfenbüttel eingeräumt hatte – also Maria v. Schwichelde zuckte heftig am Faden des Spinnrockens, so daß derselbe riß und auch ihre Stimme klang heftig, als sie wiederholte: »Du weißt es selbst nicht? Das ist es ja eben. Du weißt nicht, was Du willst. Wie wäre es sonst möglich, Jahre hindurch ein so unbestimmtes Verhältnis fortzuspinnen? Aber das kannst Du mir glauben, viele giebt es, welche dadurch irre an Dir werden. Sogar die Mutter! Und welche Stücke hat die früher auf Dich gehalten. Niemand war in ihren Augen so schön, so klug, so gewandt und so tugendsam als Du. Jetzt aber –«

»Nun jetzt?«

»Spricht sie ganz anders über Dich, dessen kann ich Dich versichern.«

»Also nicht mehr schön?« lächelte Irmgarde. »Nicht mehr klug? Nicht mehr gewandt? Und – o weh! – nicht mehr tugendsam?«

»Du solltest einer Frau nicht spotten, welche es so gut mit Dir meint, wie meine Mutter.«

Irmgarde stand auf und indem sie den Kopf der Freundin zwischen beide Hände nahm, drückte sie einen Kuß auf deren Mund, als müsse sie den unwilligen Zug fortküssen, welcher denselben umspielte.

»Ich Deiner Mutter spotten, Liebe? Wie kannst Du das denken? Nichts liegt mir ferner als das. Und wenig würde mich mehr schmerzen, als wenn sie wirklich ihr gütiges Urteil über mich geändert hätte. Aber das mag ich auch nicht glauben. Denn was kann man mir denn eigentlich zum Vorwurf machen?«

»Zunächst, sagt sie, sei es nicht klug von Dir, dem Herzog Friedrich fort und fort zu gestatten, Dir zu huldigen, oder, wie die anderen sagen, Dir nachzulaufen, ohne ihn doch zu einem entscheidenden Schritte bestimmen zu können. Denn viele, die ernste Absichten auf Deine Hand hatten, sind dadurch abgeschreckt worden.«

»So? Wer zum Beispiel?«

»Wozu soll ich Dir die Namen nennen? Du wirst sie schon wissen. An Ritzerove will ich Dich nur erinnern, an Heiso v. Frestorf, an Günther v. Bobente. Könnte noch viele aufzählen aus dem Land Oberwald und nicht minder aus dem Wolfenbüttelschen. Das ist ja auch nicht zu verwundern. Dein Vater gilt für reich, und ist er auch nur ein Schreiber und kein Kriegsmann, so seid ihr Kyphods doch ein ritterbürtig Geschlecht, wie nur eins im Herzogtum. Du selbst aber –«

»Bin nicht mehr schön«, fiel Irmgarde ein, »nicht mehr klug –«

»Willst Du aufhören!« Frau v. Schwichelde preßte halb lachend, halb unwillig ihre Hand auf den Mund der Freundin und schmollend setzte sie hinzu: »Kannst Du denn gar nicht einsehen, wie wichtig das ist, was ich Dir gern sagen möchte?«

Irmgarde faßte die Hand, welche ihr den Mund verschlossen, und küßte sie. »Gewiß sehe ich es ein, mein treues, sorgliches Herz. Gern würde ich auch ändern, was Du und Deine Mutter und – ich weiß es wohl – noch manche andere an mir auszusetzen finden. Aber wie soll ich es ändern. Den Herzog zwingen, sich auszusprechen, kann ich nicht.«

»Dann wende ihm den Rücken.«

»Weißt denn Du, wie oft das schon geschehen ist? Aber kommt er dann wieder, er, der keinen Freund, keinen Vertrauten hat – «

»Außer dem Stadtjunker, dem Doring.«

Über Irmgardes Gesicht flog bei dem Namen eine leichte Röte, welche aber Frau v. Schwichelde entging. Auch klang der Jungfrau Stimme nicht minder ruhig als vorher, indem sie erwiderte: »Dem Doring? Wahr ist's, der hält sich noch allein zu ihm. Aber er versteht den Herzog auch nicht. Und siehst Du, das ist es, was es mir unmöglich macht, den armen einsamen Fürsten auf die Dauer zurückzuweisen. Wende auch ich mich von ihm, dann steht er ganz allein. Den Schmerz ihm zuzufügen, dazu habe ich zu viel Mitleid mit ihm.«

»Und deshalb opferst Du Dich für ihn auf. Das darfst Du aber Deiner selbst wegen nicht. Kann Herzog Friedrich wirklich nicht ohne Dich leben, mag er Dich zu seinem Weibe küren. Viel Glück freilich wird auch dann nicht dabei herauskommen, denn Schwichelde sagt –«

»Was sagt Schwichelde?« fragte Irmgarde, indem sie ihren Platz wieder einnahm.

»Abgesehen von allem anderen sei er auch noch viel zu jung für Dich.«

»Da hat Dein Gatte recht. Es taugt nicht, wenn die Frau älter ist als der Mann.«

»Und wäre er noch ein rechter Mann«, fuhr Frau Maria eifrig fort, »aber sag nur einmal selbst, giebt es im ganzen Lande einen unselbständigeren, wankelmütigeren Schwächling, als diesen Fürsten? Darum ist ihm auch kein Ritter hold und alle wünschen, Otto der Streitbare möchte für immer ihr Herr bleiben.«

»So sagt auch mein Vater«, nickte Irmgarde, »und dennoch kann ich Euch nicht Recht geben. Wankelmütig nennst Du Herzog Friedrich? Wann hat er sich mir gegenüber so gezeigt?«

Frau v. Schwichelde lachte laut auf. »Darin hast Du recht. Unentwegt läuft er Dir nach. Aber was er auch Dir gegenüber zeigt, ist die vollständige Unfähigkeit, einen kühnen Entschluß zu fassen. Doch genug davon! Ich sehe schon, Dein Herz erlaubt Deinem Kopfe, der sonst so klar denkt, nicht, auch hierin klar zu denken. Mir aber wirf später nicht vor, daß ich mir nicht alle Mühe gegeben, Dir die Augen zu öffnen.«

Bei diesen Worten war sie aufgestanden und hatte begonnen, im Zimmer auf und ab zu gehen, während Irmgarde ihre bequeme, im Sessel zurückgelehnte Lage in nichts veränderte. Wie sie es liebte, hatte sie die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf gegen die Polster gestützt und über die schönen großen Augen die langbewimperten Lider fast ganz herabsinken lassen. Aber der kurze Atem, der schnell und heftig sich hebende und senkende Busen und eine leichte gleichmäßige Röte, welche sich über ihrem Antlitz gelagert, bewiesen, daß das Gespräch sie mehr erregt, als die Ruhe der äußeren Haltung verraten mochte.

»Mein Herz soll meinem Kopf nicht gestatten, klar zu denken?« fragte sie nach einer nicht kurzen Pause und ihr Mund zwang sich bei den Worten zu einem Lächeln. »Meine weise Freundin, das ist ein großer Irrtum. Wenn Herzog Friedrich heute am Tage sich eine ebenbürtige Gemahlin wählte, würde mein Herz ebenso ruhig schlagen, wie augenblicklich, ja, ich kann noch mehr sagen, es würde eine aufrichtige, reine Freude empfinden. So wenig hat mit dem Herzog in dem Sinne, wie Du meinst, mein Herz zu thun. –«

Maria v. Schwichelde blieb stehen und stampfte mit dem kleinen Fuße auf den Boden. »Was ist denn aber der Grund«, unterbrach sie die Freundin heftig, »was kann denn der Grund Deines ebenso auffallenden als rätselhaften Benehmens sein, wenn es nicht Dein Herz ist?«

»Ich habe es vorhin ja schon gesagt«, erwiderte Irmgarde mit ihrem ruhigen Lächeln, »das Mitleid. Der einzige Mensch, zu dem der Herzog noch Vertrauen hat, die Einzige, welche ihn versteht, bin ich. Darum kann ich ihn nicht fortstoßen, das hieße ihn ganz unglücklich machen.«

Frau Maria trat achselzuckend zum Fenster. »Diese feine Unterscheidung der Empfindungen nachzufühlen«, sagte sie, »geht über mein Vermögen. Du setzest Dich dem Gerede der Leute aus, Du opferst Deine Zukunft, um den Fürsten nicht unglücklich zu machen – und dennoch soll er Dir gleichgiltig sein. Das verstehe ich nicht und ebenso wenig verstehen es andere, die klüger sind als ich. Aber thu, was Du willst. Wer nicht hören will, muß fühlen, pflegt Schwichelde zu sagen, wenn er seine Jagdhunde abrichtet und ihr Ungehorsam ihn zur Peitsche greifen läßt.«

»Der Vergleich ist sehr schmeichelhaft für mich«, unterbrach sie Irmgarde lachend.

»Schmeichelhaft oder nicht«, fuhr Maria fort, ohne sich irre machen zu lassen, »jedenfalls paßt er genau. Auch Du wirst die Peitsche fühlen, die Peitsche übler Nachrede und scheuen Zurückweichens. Ja zurückziehen werden sich die Menschen von Dir, das wirst Du schon merken, wenn Du es noch länger so forttreibst, sie werden Dich meiden und dann wirst Du zu spät beklagen, nicht auf mich gehört zu haben.«

Das alles hatte Frau v. Schwichelde halb über die Schulter weg zu ihrer Freundin gesagt, welche es mit niedergeschlagenen Augen angehört und jetzt, nachdem die Strafpredigt zu Ende war, kein Wort der Entgegnung laut werden ließ. Da seufzte Frau Maria mit einem verzweiflungsvollen Blick gen Himmel tief auf und dann schob sie mit einer hastigen Bewegung das Fenster in die Höhe und lehnte sich, ohne Irmgarde zu beachten, hinaus. »Wie kann man nur so thöricht, so unzugänglich sein!« – Ob auch unausgesprochen, deutlicher konnte dieser Gedanke nicht ausgedrückt werden.

Noch immer schwieg Irmgarde und auch ihre bequeme Lage im Sessel veränderte sie in nichts. Und indessen schaute Maria auf den öden Burghof hinaus und beobachtete mit der größten Aufmerksamkeit jede Katze, die an den Mauern entlang schlich und jeden Sperling, der vor der Thür des Marstalls nach einem Körnchen suchte. Aber schon machte ihr gutes Herz ihr Vorwürfe über ihr schroffes Auftreten. Als daher jetzt ein Ritter langsamen Schrittes über die Zugbrücke auf den Burghof geritten kam und sie in demselben Rolef Doring erkannte, benutzte sie mit Freuden diese Gelegenheit, wieder anzuknüpfen. »War nicht der Ritter Doring mit Herzog Friedrich fortgeritten?« fragte sie, indem sie sich aufrichtete und einen Schritt vom Fenster zurück auf Irmgarde zutrat.

Die Frage mußte wohl seltsam mit dem Gedankengange zusammentreffen, welchem sich Irmgarde hingegeben hatte, denn die schönen Augen weit öffnend, richtete sie sich halb erschrocken in die Höhe.

»Der Ritter Doring? Wie kommst Du darauf? Was ist mit ihm?« fragte sie hastig.

»Nun – er reitet nur eben zum Thore herein. Aber wie Du aufschrickst und es ist doch nur des Herzogs Bote!«

Irmgarde hatte sich schon wieder bequem zurückgelehnt. »Ja, nur sein Bote«, lächelte sie träumerisch und die langbewimperten Lider sanken wieder über die strahlenden Augensterne herab.

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