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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Zweites Buch.

Der Kampf ums Erbe.

Erstes Kapitel

Walpurgisnacht

Wallende Nebelschleier umzogen die Granitstirne des Brockens; über den breiten Sumpfflächen und torfreichen Mooren, welche seine höchste Kuppe umgeben, lagerten dichtgeballte Wolken. Aber nur um ein Geringes vermochte ihr feuchter Odem die schneidende Schärfe der Luft zu mildern; an den Spitzen des hohen Riedgrases und des grauen wolligen Mooses schimmerte weißer Reif, nicht minder an den Nadeln der Tannen, deren knorrige, weit ausgreifende Wurzel nur eine verkrüppelte, kaum einige Fuß über den Erdboden sich erhebende Spitze zu treiben vermocht, und an den Flächen und Ecken der in weiten Zwischenräumen zerstreuten, aus dem Ried aufragenden Granitblöcke. Unermüdlich tränkten die Wolken die langgestreckten Sumpfflächen, unermüdlich rieselte und rann es aus den Mooren thalwärts in schmalen, oft kaum merklichen Rinnsalen. Hier zwischen moosigem Gestein verschwindend, finden sich dort zwei dieser Wässerchen zusammen, ein drittes gesellt sich zu ihnen, ein viertes – und vereinigt plätschern sie, die Moor- und Sumpfregion der Brockenkuppe verlassend, in stetigem Wachsen zwischen den Granitklippen dahin, um dann aufs neue in die Erde zu verschwinden und sich durch die Höhlungen hindurch zwischen den Felstrümmern und dem festen Untergrund ihre unterirdische Bahn zu suchen. Nur ein dumpfes Brausen verkündet hie und da den Weg des Gewässers, seltener zeigt es sich dem Blick durch eine Spalte des zerklüfteten Gesteins. Aber nicht lange mehr verträgt es das nächtliche Dunkel, es will hinaus ans Tageslicht, und das sumpf- und nebelgeborene Kind des Brockens hüpft lächelnd und strahlend als Prinzeß Ilse hervor, begrüßt vom funkelnden Sonnenschein, der hier unten im Thale das Regiment führt, wenn auch dort oben auf der Felsenkuppe noch drohende Wolken thronen.

Wie sie dahin tanzt in heiterer jugendlicher Lust unter schattigem Laubdach, wie ihre klaren Fluten hier üppigen Farrenkräutern und langhin rankenden Bärlappen zum Spiegel dienen, um dort brausend und schäumend über die Granitblöcke hinabzustürzen, welche sich ihrem Lauf entgegenstemmen. Aber nur kurze Zeit ist es ihr vergönnt, so in kecker Ausgelassenheit dahin zu tänzeln, schnell ist das felsige Waldthal durchmessen, die Berge bleiben zurück, die Ebene nimmt sie auf.

Von Wiesen und Feldern begrenzt, in größerer Entfernung von niedrigen bewaldeten Höhenzügen begleitet, windet sie sich jetzt in weitem Bogen der Oker zu.

Manch' freundliches Dorf spiegelt sich dort in ihren Fluten, manches Wehr hält sie in ihrem immer noch schnellen Laufe auf und über manches Mühlenrad müssen ihre Wellen sprudelnd und rauschend hinüber. Erst dort, wo sie den nordwärts gerichteten Lauf dem Westen zuwendet, tritt eine Hügelkette wieder dicht an ihr Bett heran und zieht sich neben demselben entlang bis zur Vereinigung von Ilse und Oker.

Zwischen Berg und Bach führt die Landstraße, im Jahre des Herrn 1381 wohl bewacht von der Veste Hornburg. Unweit Hornburg liegt das Dorf Achim und wieder in einiger Entfernung vom Dorfe eine einsame Mühle.

Laut tönte das Klappern der Räder in den knospenden Wald hinüber, die Landstraße hinauf und hinab. Die Strahlen der Abendsonne fielen schräg auf die Wellen des Baches, wie sie in eiligem Lauf aus dem Mühlgraben herausgeschossen kamen.

Seinen Fluten entgegen schritt ein junges, schlankes Mädchen in einfachem schwarzem Gewande von grobem Stoff. Das schmale blasse Gesicht war von dichten blonden Flechten umrahmt, die jedoch größtenteils von einem unter dem Kinn durchgeschlungenen ebenfalls schwarzen Tuche verhüllt waren. Der Blick der großen dunkelblauen Augen war zu Boden gesenkt, die Lippen des feingeschnittenen Mundes fest aufeinander gepreßt. So ging sie mit gefalteten Händen langsam ihres Weges.

In der Thüre der Mühle stand eine ältere, starkknochige Frau, welche, die Augen mit der Hand gegen die blendenden Strahlen der Sonne schützend, die Straße hinuntersah, der einsamen Wanderin entgegen. In den groben Zügen ihres Gesichtes, dem es jedoch an Wohlwollen nicht fehlte, lag ungeduldiges Erwarten, und dasselbe steigerte sich mehr und mehr, als ihre Augen die Nahende so langsam, selbstvergessen herankommen sahen. Ja zuletzt bezwang sie die Ungeduld nicht länger, sie öffnete den Mund und rief laut: »Jungfer Agnes!«

Die Angerufene schrak förmlich bei dem Klang des Namens zusammen, sie erhob den Kopf und die Frau in der Thür gewahrend, nickte sie derselben zur Antwort eifrig zu, indem sie zugleich ihren Schritt beschleunigte.

Nun hatte sie die Mühle erreicht und streckte der Frau die Hand entgegen. »Ich bin lange ausgeblieben, Grete«, sagte sie, »Du hast doch nicht mit der Abendsuppe gewartet?«

Frau Grete schüttelte den Kopf, indem sie in ihrer schwieligen, starkknochigen Hand die schmalen, feinen Finger gutmütig drückte, welche sich hineingelegt hatten. »So spät ist es noch nicht«, sagte sie, »aber ich wurde so ungeduldig –«

»Du weißt, es ist heute der Tag«, unterbrach sie das junge Mädchen.

»Gewiß weiß ich es«, fuhr die Frau fort, »glaubt Ihr, ich würde je den Todestag Eurer Mutter vergessen? Aber während Ihr drüben in Achim auf dem Gottesacker waret, habe ich so mancherlei erfahren, was Euch angeht – doch kommt mit herein, wir wollen es drinnen besprechen.«

Das junge Mädchen folgte ihr ins Haus, als aber Frau Grete eine Thür rechter Hand öffnete, sagte Jungfer Agnes: »Laßt uns hinaufgehen, droben bei mir sind wir am ungestörtesten.«

Damit stieg sie voran, eine schmale, steile Treppe hinauf. Oben empfing sie ein niedriges, enges Gemach, in welches, als nach Osten gelegen, schon die Schatten des Abends hineindunkelten. Doch war es noch hell genug, um die ärmliche Ausstattung desselben erkennen zu können. Kahle, weißgetünchte Wände, eine graue Balkendecke, ein einfaches Lager, über welchem, roh in Holz geschnitzt und mit grellen Farben bemalt, das Bild des Gekreuzigten hing, und eine schmale, niedrige Truhe, über die eine alte Decke gebreitet war. Das kleine Fenster war in die Höhe geschoben und mit dem Klappern der Mühlräder drang eine köstlich erfrischende, mit feinstem Wasserstaub untermischte Luft herein.

Jungfer Agnes sank, nachdem sie eingetreten, erschöpft auf das Lager. Sie wies auf die Truhe, die Frau zum Sitzen einladend, und fragte: »Nun, liebe Grete, was ist es, was Du gehört hast?«

»Jochen ist noch immer nicht zurück«, erwiderte die Frau.

»Hast Du ihn fortgeschickt?«

»Ich? Kein Gedanke. Nach dem Mittagessen ist er auf und davon, ohne jemandem ein Wort zu sagen.«

»Nun, das ist noch nicht so lange, da wird er schon wieder kommen.«

»Das ist noch nicht lange? Aus der Arbeit zu laufen, mir nichts, dir nichts. Und zumal, wo Kort mit dem Esel nach Hornburg war? Der kommt nicht wieder, Jungfer, des seid versichert.«

»So mußt Du einen anderen und besseren Knecht nehmen.«

»Um das ist es mir nicht bange. So einen, wie den, kriege ich bald wieder. Aber die Sache macht mir aus einem anderen Grunde Sorge. Auch in Hornburg hat Kort allerlei gehört.«

»Nun, so sprich doch! Was ist es?«

»'S ist wieder Krieg im Lande, Jungfer.«

»Daß Gott erbarm!« »Ja freilich, daß Gott erbarm. Die Städtischen sind von Burg Hessen ins Halberstädter Stift gefallen – so haben sie Kort in Hornburg erzählt und haben des Bischofs Leute ausgepocht. Ergrimmt darüber, ist der Bischof wider sie ausgezogen und hat auch einen Haufen gegen Hornburg entsandt. Die in Hornburg rüsten sich auf alles, aber ehe die Stiftischen dorthin kommen, kommen sie zu uns. Wer weiß, was dann aus uns wird.«

»Wir müssen es machen wie bei der letzten Fehde«, sagte das junge Mädchen gelassen, »mit dem Vieh und der fahrenden Habe in den Wald. An der Mühle können sie nicht viel zerstören, und was verdorben wird, müssen nachher die droben auf der Burg wieder machen lassen. Die Mühle gehört zur Burg.«

»Ach, bei der letzten Fehde lebte mein Mann noch. Und dann der Bursch, der Jochen! Der macht mir die meiste Sorge.«

»Was hat nur Jochen mit der Geschichte zu thun?«

»Und danach fragt Ihr, Jungfer?«

»Du meinst – ah – jetzt versteh ich Dich – meinetwegen könnte er uns einen Possen spielen wollen?« »Das ist es«, sagte die Frau und nickte zur Bekräftigung mit dem Kopfe dazu. »Ich fürchtete vorhin schon, als Ihr so lange ausbliebt, er habe Euch aufgelauert, denn der Bursche ist wie toll und rachsüchtigen Gemüts. Nun – den Heiligen sei Dank – das ist nicht geschehen – aber wie, wenn er jetzt dem reisigen Haufen entgegen ist, welcher gen Hornburg zieht, und den Gesellen von Euch und uns erzählt, daß sie hier einfallen –«

Das junge Mädchen unterbrach sie kopfschüttelnd: »Ist es Raubgesindel, so kommen sie auch ohne Jochen, und sind es ehrliche Reiter –«

»Sie plündern alle«, klagte die Frau.

»Dann müssen wir eben wieder in den Wald hinauf.«

»Auch dort kennt Jochen Weg und Steg.«

»Aber ob ihm auch dahin die Reiter folgen werden? So bequem liegt es ihnen wenigstens nicht, als die Mühle hier unten an der Straße.«

Das war ein schlechter Trost und auch Frau Grete ließ es nicht als solchen gelten. »Wenn er ihnen goldene Berge verspricht«, meinte sie, »werden sie ihm schon folgen. Und dann Ihr, Jungfer?«

Ein halb unterdrückter Seufzer beantwortete die letzten Worte. An einer anderen Erwiderung, welche ihr auf der Zunge lag, wurde die Jungfer durch ein leises Klopfen an der Thür gehindert.

Frau Grete erhob sich hastig und öffnete; draußen stand eine Magd und berichtete, Schwester Albina sei unten und bitte, die Nacht in der Mühle zubringen zu dürfen.

Der Name wirkte fast zauberhaft auf das junge Mädchen. »Schwester Albina«, wiederholte sie freudig, und dann war sie auch schon emporgesprungen und an Frau Grete vorüber die steile Treppe hinunter geeilt.


Draußen vor der Thür der Mühle hielt ein aus wenigen Personen bestehender Zug. Den Mittelpunkt desselben bildete eine weibliche Gestalt im weißen Gewande mit dem schwarzen Mantel und Schleier der Dominikanerinnen darüber, welche in einem stuhlartigen Sattel auf einem Maulesel saß, neben ihr hielt ebenfalls auf einem Maulesel eine zweite Frau in der Tracht der dienenden Schwestern. Drei reisige Knechte umgaben die Gruppe, welche von dem sich hinausdrängenden Gesinde der Mühle mit teils neugierigen, teils ehrfurchtsvollen Blicken betrachtet wurde.

Den meisten unter ihnen war sie keine fremde Erscheinung, die Schwester Albina aus dem wenige Meilen entfernten und durch seine strenge Zucht ausgezeichneten Kloster Drübeck. Albina hieß sie nach der sagenhaften Gründerin ihres Klosters, deren sächsischer Name Adelbrin von den christlichen Missionaren in Albina umgeformt war. Auch sie führte diesen Namen erst seit ihrem Eintritt in den Orden, ehemals nannte man die dem ritterbürtigen Geschlechte der Dithmars Entsprossene Gertrud.

Nun aber war sie schon lange in weitem Umkreise als Schwester Albina bekannt und geliebt. Ja sogar an manchen Fürstenhöfen nannte man ihren Namen mit Hochachtung. Denn der Ruf tadelloser Ordnung, dessen sich Kloster Drübeck erfreute, bewog nicht wenige der umwohnenden Dynasten und Fürsten, demselben ihre Töchter zur Erziehung anzuvertrauen. Sogar Thüringens Landgrafen verschmähten diese Stätte frommer Zucht nicht und ebensowenig die Herzoge des vielverzweigten welfischen Hauses. Welche aber von den Fürstentöchtern eine Zeit lang in der Hut der frommen Frauen von Drübeck gewesen war, die wußte auch von Schwester Albina zu erzählen und ihrem milden Ernst und liebevoller Sorgfalt.

Als die Nonne jetzt Jungfer Agnes aus der Thür der Mühle treten sah, ließ sie sich vom Esel gleiten und die sich ehrfurchtsvoll Verneigende zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn. »Da bin ich einmal wieder, liebes Kind«, sagte sie einfach. »Auf der Hornburg wollten sie mich über Nacht behalten, dann aber hätte ich morgen so eilig hier vorbei gemußt. Da entschloß ich mich lieber, in der Obermühle um ein Nachtlager anzuklopfen.«

»O, Ihr seid ein Engel, Schwester Albina«, flüsterte das junge Mädchen, »und wie die Engel heißt man Euch überall seligen Herzens willkommen.«

Die Nonne schüttelte verweisend das Haupt, aber die Müllerin, welche jetzt auch hinzutrat, fiel ein: »Ja, wie eine Abgesandte des Himmels erscheint Ihr uns heute. Denn Ihr trefft uns in großer Angst und Sorge.«

»Möchten die Heiligen mich würdigen, sie von Euch zu nehmen. Und was ist es, was Euch quält?« Die letzte Frage war schon in der großen Wohnstube der Mühle rechts vom Hausgange gethan, in welche die Nonne mit ihrer Begleitung getreten war. Und als die Müllerin ihr Leid geklagt, fuhr Schwester Albina nicht ohne gutmütigen Spott fort: »Da glaube ich fast, daß meine reisigen Begleiter Dir noch mehr wie himmlische Boten erscheinen, Grete Ursleve, als ich selbst. Doch danke ich jetzt dem Himmel, daß der Herzog zum Schutze sie mir aufgedrungen hat. Nun können sie wenigstens für diese Nacht der Obermühle Schutz gewähren, vorausgesetzt, daß deren Besitzerin uns nicht wieder von dannen weist.«

Nicht nur mit Worten beteuerte Grete Ursleve ihre Bereitwilligkeit, die so außerordentlich erwünschten Gäste da zu behalten, auch durch die That bewies sie, von welchem Wert ihr deren Ankunft war. Was die Mühle zu bieten vermochte, wurde für dieselben herbeigeholt. Um Schwester Albinas bescheidene Bedürfnisse zu befriedigen, wäre das freilich nicht nötig gewesen, aber die Nonne hatte nicht unrecht, wenn sie der Müllerin zutraute, daß deren Freude über ihr Erscheinen heute geringer sei, als über das der drei gewappneten Männer.

Und diese ließen denn auch dem guten Willen der Frau Grete volle Gerechtigkeit widerfahren.

Wahrend dieselben in der Mühle noch rüstig zulangten und mit dem Gesinde derselben Freundschaft schlossen, die Müllerin aber sich von der dienenden Schwester erzählen ließ, wie die Nonnen die dem Kloster vor kurzem entwachsene Prinzessin Bertha v. Grubenhagen zu ihrem Vater nach Salzderhelden geleitet hätten, welche Ehren man Schwester Albina am herzoglichen Hoflager erwiesen und wie diese sich dennoch immer gleich bleibe in demütiger Einfachheit, wandelte die also Gerühmte mit Jungfer Agnes draußen in eifrigem Gespräche auf und ab. Jungfer Agnes? So nannte sie das junge Mädchen nun freilich nicht, da sie so vertraut mit ihr redete, wohl aber oft »meine liebe Elisabeth« oder auch wohl kurzweg »Ilse«. Denn die wir hier in der einsamen Mühle bei Achim wiederfinden, war in der That niemand anders als Ilse vam Damme, die Tochter Seiner Gestrengen des weiland ersten Bürgermeisters der Altstadt Braunschweig.

Wie sie dahin gekommen war?

Ach, manche von denen, welche die Wut des Volkes in den entsetzensreichen Apriltagen des Jahres 1374 aus Braunschweig vertrieben, hätten sich glücklich geschätzt, eine solche Zufluchtsstätte gefunden zu haben. Zunächst freilich waren die Vertriebenen überall freundlich aufgenommen. Zumal in den Städten der Hansa, mit deren Geschlechtern die Braunschweiger »Burgensen« seit lange verwandt und verschwägert. Und die sich dorthin gewandt, denen ward es auch in der Zukunft am wohlsten, die Städte kündigten ihnen die Gastfreundschaft nicht; mußten sie auch das harte Brot der Verbannung essen, freundliche Fürsorge suchte es ihnen schmackhafter zu machen. Ein härteres Schicksal traf die, welche bei den benachbarten Fürsten Schutz gesucht hatten. Denn diese ließen sich bald bereit finden, mit dem neuen, aus den Empörern hervorgegangenen Rat zu Braunschweig in Unterhandlungen zu treten, und einzelne Fetzen Landes, welche sie vom städtischen Gebiet erhielten, ja auch bare Geldsummen machten sie willig, den vertriebenen Burgensen ihren Schutz zu entziehen.

Auch hier ging der »Quade« mit schlechtem Beispiel voran. »Sie« – nämlich die Empörer – »gaben Herzog Otto eine Summe Geldes, damit er den Vertriebenen und Entleibten ihre Güter nahm«, berichtet der Chronist, und überdies bestätigte der neue Rat dem Herzog den Besitz des wichtigen Wolfenbüttels. Dafür vermittelte der »Quade« aber auch ähnliche Geschäfte zwischen demselben und anderen Fürsten. So mit dem Halberstädter Bischof. Derselbe wurde mit dem Schloß Hornburg gelockt. Er hatte es Tile vam Damme vor langen Jahren verpfändet für achtzehnhundert Mark Silbers, und daher hatte sich auch hierher Frau Margareta mit Ilse gewandt, nachdem das Schicksal ihres Gatten entschieden war. Jetzt aber bot es der neue Rat, behauptend, nicht der Bürgermeister, sondern die Stadt Braunschweig sei Pfandbesitzerin, dem Bischof als Preis eines Bündnisses an, und der hochwürdige Herr ließ sich leicht vom »Quaden« bestimmen, zuzugreifen. Eines schönen Tages erschienen seine Mannen auf dem Schloß, die Frauen vam Damme wurden ausgewiesen und sie würden, wie so manche Schicksalsgenossen, keine Stätte gehabt haben, ihr Haupt hinzulegen, wenn sich ihrer nicht in dieser Bedrängnis ein treuer Vasall angenommen hätte.

Dieser Vasall aber war der Obermüller von Achim. Die Obermühle gehörte seit alten Zeiten zu der Hornburg und war mit derselben in den Pfandbesitz der vam Dammes übergegangen. Nun sollte der Müller wieder dem Bischofe zinsen, das konnte er nicht wehren, aber ihn erbarmten die ihres Eigentums beraubten Frauen. Durch die vam Dammes war Hans Ursleve auf die Mühle gekommen, insbesondere durch Vermittlung der Frau Margareta, und zwar unter Bedingungen, welche milder waren, als sie sonst Seine Gestrengen zu bewilligen pflegte. Aber des Müllers Frau, die Grete, war von der Bürgermeisterin aus der Taufe gehoben, und daher war Frau vam Damme ihr ein warmer Fürsprech. Damals dachte sie nicht, wie sehr sich das einst lohnen würde, jetzt in ihrer hilflosen Verlassenheit durfte sie es erfahren.

Freilich lange genoß sie die Gastfreundschaft der Obermühle nicht. Seit den Schreckenstagen des Aufruhrs siechte sie dahin, und nach drei Jahren begrub man sie auf dem Gottesacker zu Achim. Wen der einfache Sarg barg, welchen man dort in die Erde senkte, wußte außer Ilse und den Müllersleuten nur noch Schwester Albina. In so großer Zurückgezogenheit und Verborgenheit hatten die vam Dammeschen Frauen auf der Mühle gelebt, selbst ihre Namen hatten sie verändert. Sie wußten, daß der Haß der neuen Machthaber zu Braunschweig gegen ihr Haus mit dem Blute ihres Gatten und Vaters noch nicht gestillt sei, daß dieselben sich vielmehr jeder Gelegenheit freuen würden, auch an den Hinterbliebenen des Gerichteten ihr Mütchen kühlen zu können. Gebot den Frauen dies Bewußtsein Zurückhaltung, so nicht minder der Wunsch ihr Unglück in der Stille zu tragen, nicht unter den neugierigen und schadenfrohen Blicken der Welt und unbehelligt von nichtssagenden Trostesworten und überflüssigen guten Ratschlägen.

So dachte Frau Margareta und ebenso dachte Ilse. Nur der Schwester Albina hatte sich die erstere entdeckt oder vielmehr: Schwester Albina hatte Frau Margareta entdeckt. Denn beide waren Jugendfreundinnen aus einer Zeit, in welcher die Nonne noch Gertrud von Dithmars hieß. Und daher hatte sie leicht bei einer Rast in der Mühle die alte Freundin wieder erkannt, welche ohne Ahnung, wen das Nonnenhabit berge, sich vor der Dominikanerin nicht so ängstlich zurückhielt als vor anderen Gästen, die hie und da in der Mühle herbergten. Schwester Albinas treuem Herzen hatte Frau Margareta auch sterbend die Obhut ihrer Tochter anvertraut, und schwerlich ward je ein solches Vermächtnis gleich gewissenhaft erfüllt, als wie dieses von der Dominikanerin. Das that aber vor allem Not, als nach dem Abscheiden ihres Hans Grete Ursleve allein der Mühle vorstehen mußte und Ilses Lage dadurch in mehr als einer Hinsicht noch schutzloser wurde als vorher. –

Der Mond war heraufgekommen und durchglänzte die frische Frühlingsnacht. Über die schnell dahinjagenden Fluten des Mühlgrabens spannen seine Strahlen ein breites silbernes Band und silbern erglänzten die feuchten Schaufeln der Räder und funkelten die einzelnen Tropfen, welche von denselben herabrieselten. Denn Grete Ursleve hatte der Mühle für die Nacht Stillstand geboten, Kort, der zweite und nach Jochens Entweichen einzige Mühlknecht, sollte mit den Reisigen der Nonne die Mühle vor feindlichem Überfall schützen. Daher schossen die Wellen ungehindert unter den Radschaufeln dahin.

»Also was ist es mit diesem Jochen?« fragte die Nonne.

»Grete meinte schon vor einiger Zeit«, erwiderte Ilse, »er sehe mich immer mit so eigenen Blicken an. Und neulich paßte er mir auf und hielt mich fest und sprach allerlei wildes Zeug an mich hin. Ich wies ihn in Ruhe zurecht und seitdem hielt er sich auch still und fern von mir, aber auch von allen anderen Menschen. Nun, das fiel nicht weiter auf, denn etwas Verschlossenes und Menschenscheues hat er immer gehabt. Wir meinten, die Sache sei vorbei und vielleicht ist sie es auch und es ist unnötige Sorge, mit der wir uns plagen.«

Die Nonne schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht«, sagte sie bestimmt. »Ich fürchte, Gretens Angst ist nur zu gegründet. Aber vielleicht haben es die Heiligen so gefügt, um uns die Augen zu öffnen. Schon lange beunruhigt mich Deine Lage, liebes Kind. Und dieser Vorfall mit Jochen zeigt mir aufs neue, wie wenig Sicherheit Dir dieselbe bietet. Jedes Knechtes frechen Gelüsten setzt sie Dich aus. Das kann nicht länger so weiter gehen.«

»Aber wie es ändern? Wohin soll ich mich wenden, wenn ich die Obermühle verlasse?«

»In der Welt hast Du Angst, darum suche Schutz bei Dem, der die Welt überwunden hat. Leg von Dir, was weltlich und eitel, und gelobe Dich Dem, dessen Macht unerschütterlich und dessen Liebe unveränderlich ist.«

Die Nonne war bei den feierlich gesprochenen Worten stehen geblieben und beide Hände ihrer Begleiterin fassend, sah sie derselben voll und tief in die Augen. Aber diese senkte den Blick zur Erde und ihre blassen Wangen wurden noch blässer. Mit leiser, bebender Stimme entgegnete sie: »Nicht vergessen habe ich, was Ihr neulich gesagt, nein, hin und her getragen habe ich es im Herzen und hin und her gewälzt in meinen Gedanken. Auch als ich heute auf meiner Mutter Grab betete, flehte ich zu den Heiligen und zur Jungfrau, mir einen Entschluß ins Herz zu geben, den rechten Entschluß. Aber ich kann ihn nicht fassen.«

Schwester Albina zog Ilses Arm durch den ihren und so setzten sie ihre Wanderung fort. »Ich kenne Dich lange genug, Ilse«, sagte sie mit sanfter Überredung, »um zu wissen, daß nicht der Gedanke, es könne Dir doch noch einmal aus eitler Weltlust Glück erblühen, Dein Herz vor dem rechten Entschluß zurückbeben läßt. Aber was ist es dann? Wo bietet sich Dir eine gleiche Zuflucht, als bei uns in Drübeck, wo Dir das Kloster eine zweite Heimat werden wird. Und wie kann Dein armes Herz seligeren Frieden finden, als im Dienste Deines Gottes, in Gehorsam, Armut und Keuschheit und nicht in fauler Unthätigkeit, sondern in einer Arbeit, welche gerade Dir ebenso viel Befriedigung gewähren wird, als ich daraus geschöpft? Ich will es dir nur gestehen, Du bist die erste, welche ich aufgefordert, der ich zugeredet habe, den Schleier zu nehmen. Denn schwer ist die Verantwortung, welche ein solcher Rat, ein solcher Zuspruch in sich birgt. Aber so viel ich darüber nachdenke und so oft ich im Gebet Gott und die Jungfrau um wahre Erleuchtung bitte, immer klarer wird es mir, daß ich das Vermächtnis Deiner Mutter nicht besser erfüllen kann, als durch diesen Rat. Und darum vertraue mir, Ilse, und laß es mich wissen, warum kannst Du nicht zum Entschluß kommen?«

Über Ilses blasse Wangen zog eine fliegende Röte. »Gott verlangt ein ganzes Herz«, flüsterte sie kaum hörbar, »und ich kann ihm nur ein halbes geben. Wie ich gekämpft habe, Gott weiß es, aber ich kann des Gefühls nicht Meister werden.«

»Ist kürzlich etwas vorgefallen, was dies Gefühl neu in Dir belebt hat?« fragte die Nonne.

»Nein, durchaus nicht, es lebt seit Jahren in derselben Wärme und Innigkeit in mir fort. Seit jenen Schreckenstagen habe ich den nicht wieder gesehen, welchem es gilt. Aber dennoch ist er mir gleich teuer und mein Herz hängt mit derselben Glut an ihm wie einst.«

»War nicht einst der Junker Vörsfelde Dein Verlobter?«

»Er war es. Mein Vater hatte mich zu seiner Braut gemacht, aber niemals hat ihm mein Herz gehört. Auch hat er sich längst von mir abgewandt, die reiche Erbtochter paßte ihm zur Frau, nicht die arme Vertriebene.«

»Deine Mutter erzählte mir einst von einem Jugendfreund, welcher Dich aus den Flammen des brennenden Hauses gerettet. Ist's der?«

Ilse nickte zur Antwort stumm mit dem Kopfe.

»Weiß er von Deiner Liebe?« fragte die Nonne weiter. »Und erwidert er dieselbe?«

»Unter Schnee und Eis haben wir's einander gestanden und nicht minder in der Glut züngelnder Flammen.«

»Und in all den langen Jahren hast Du nichts wieder von ihm gesehen oder gehört?«

Ilse verneinte mit stummem Kopfschütteln.

»Sollte da nicht auch seine Liebe erloschen sein, nachdem aus der reichen Erbtochter eine arme Vertriebene geworden ist?«

»O nein«, erwiderte Ilse lebhaft und ihre vorhin so zitternde Stimme gewann einen festen, sicheren Klang. »Der ist treu. Ich habe wohl manchmal gedacht, er würde kommen und mich finden. Aber wie sollte er gerade hier mich suchen? Wissen sie doch nicht einmal auf der Hornburg, wohin Mutter und ich uns damals gewendet. Und dann ist er ein Kriegsmann. Er reitet im Gefolge des ›Quaden‹, der ja schon seit Jahren mit den Wettinern in Lüneburg wieder in Fehde liegt und – Gott weiß! – mit wem sonst noch. Da mag ihm wohl in all dem wüsten Getümmel die Zeit fehlen, mich zu suchen.«

»Und warum hast Du ihn nicht aufgesucht, wenn Du doch weißt, daß Du ihn im Gefolge des Quaden findest?«

»So lange die Mutter lebte – das wißt Ihr ja selbst – war daran nicht zu denken. Und später? Sollte ich mein Unglück hinter ihm hertragen?«

»Wenn er Dich so treu und wahr liebt, wie Du glaubst, so bringst Du ihm kein Unglück.«

»Wohl, und in dem Gedanken hätte ich auch damals, gleich nachdem jenes Entsetzliche in Braunschweig geschehen war, ihn aufsuchen und ihm sagen können: Da bin ich, jetzt bleibe ich bei Dir, Du mußt jetzt mein Schutz, Du mußt mir Vater und Mutter sein. Aber nach drei Jahren so noch zu ihm kommen? Und weiß ich, ob er noch beim Quaden ist? Und weiß ich, ob ihn nicht vielleicht schon eine feindliche Lanze getroffen hat oder des Schwertes Schärfe?«

»Oder ob er nicht Kinder auf den Knieen schaukelt und eine andere ihm eine Heimat geschaffen hat?«

Die Worte waren nur halblaut gesprochen, nicht wie an Ilse gerichtet, sondern wie im Selbstgespräch. Aber dem jungen Mädchen entgingen sie nicht.

»Und wenn auch das wäre«, sagte Ilse mit Wärme, »schelten könnte ich ihn darum nicht. Denn dann hätte er es nur gethan, weil er verzweifelt, mich wiederzufinden. Und auch dann hat er mein Bild nicht aus seinem Herzen gerissen, sondern es treu und in Ehren bewahrt. Aber freilich, dann würde ich ihm ein rechtes Unglück ins Haus bringen und mich selbst noch elender machen, als ich schon bin. Nein – ihn aufsuchen, das kann ich, das darf ich nicht. Aber wenn er mich doch noch einmal fände und wäre noch frei, dann, o dann –«

»Und diese nebelhaften Träume, liebes Kind«, fiel die Nonne ein, »machen Dich blind, den Weg zu sehen, welchen Gott Dich führen will. Das sieht meiner klugen und klaren Ilse sonst gar nicht ähnlich. Darum kann ich Dich auch nicht loslassen, jetzt erst recht nicht, wo ich weiß, daß nur ein Schattengebilde zwischen Dir und dem Kloster steht. Die Einsamkeit begünstigt das Träumen, darum komm mit mir, dann werden die Traumgestalten verschwinden.«

»O, wenn ich könnte, wie gern! Aber mit halbem Herzen? Das geht nicht!«

»Mit halbem Herzen?« wiederholte die Nonne mit mildem Lächeln. »Gieb Gott nur erst einmal die Hälfte Deines Herzens, die andere Hälfte wird er schon nachziehen, wenn Du Dich ziehen läßt und nicht eigenwillig widerstrebst. Eben dafür kennt ja unsere Klosterregel das Noviziat. Hast Du ein Jahr bei uns gelebt und denkst doch noch wie heute, so steht es Dir frei, wieder von dannen zu gehen und niemand wird Dich darum schelten, ich am wenigsten. Willst Du denn auch den Versuch nicht wagen?«

Ilse atmete schnell und tief, ihre Finger preßten sich ineinander und im Zucken des feingeschnittenen Mundes, wie im Blick der blauen Augen spiegelte sich der Seelenkampf, der ihr Inneres durchbebte. »Nur bis morgen laßt mir Zeit«, bat sie flüsternd.

Schwester Albina hauchte einen Kuß auf ihre Stirne. »Es ist eine schlimme Nacht«, sagte sie, »Walpurgis, die Hexen reiten zum Blocksberg und bösen Geistern gehört die Luft, gehören Wald und Feld. Aber vielleicht hat Gott gerade diese Nacht gewählt, Dein Herz zu rühren. Seinem Schutze sei empfohlen und dem der Heiligen. Läßt Du sie mit teilnehmen an der Beratung Deiner Gedanken, so wirst Du auch den rechten Weg erkennen.«


Desselben Mondes Strahlen, der die Obermühle bei Achim überglänzte, suchten und fanden ihren Weg durch die knospenden Zweige der Bäume und versilberten den feinen Dunst, welcher aus der Waldwiese emporstieg. Wer zuerst die Lichtung im Mondenscheine durch die Stämme schimmern sah, mochte glauben, einer Wasserfläche sich zu nahen und nicht einer Wiese. Aber kam er näher, so mußte ihn die rotgelbe Glut eines inmitten der Wiese brennenden Feuers davon überzeugen, daß er festes Land und nicht des Wassers beweglich Element vor sich habe.

Um das Feuer war ein Trupp geharnischter Männer gelagert, deren Pferde in einiger Entfernung zusammengekoppelt standen. Neben diesen lagerten mehrere Knechte, während andere vom Rande der Wiese Ausguck in den Wald hielten. Die Ritter aber – daß es solche waren, sah man an den Helmzierden und bunten Abzeichen der Schilde, wie an den goldenen Sporen – ließen am Feuer den Humpen eifrig herumgehen, welcher dann und wann aus einem ziegenledernen Schlauche mit dunkelrotem Wein neu gefüllt wurde. Die schweren Stechhelme hatten sie neben sich liegen, im übrigen aber waren sie vollständig gerüstet.

»Wahrhaftig, Vörsfelde, es war ein guter Gedanke von Dir«, sagte einer der Ritter, indem er nach einem tüchtigen Zuge den Humpen weiter gab, »dem Bruder Kellermeister in Ilsenburg diesen Schlauch zu entführen. Sein Inhalt schmeckt, als ob er aus dem Lande sei, in dem mein Vetter Otto der Tatentiner,Otto Tarentinus, Enkel von Herzog Heinrich dem Wunderlichen von Grubenhagen, Sohn des Herzogs Heinrich de Graecia und rechter Vetter des bereits früher erwähnten Herzogs Albrecht II. von Grubenhagen, des Herzogs zum Salze, war mit der durch Geist und zügellose Sitte gleich bekannten Königin Johanna von Neapel vermählt. Unter dem Titel eines Fürsten von Tarent regierte er deren Reich und spielte in den damaligen italienischen Wirren eine bedeutende Rolle. der verdammte Glückspilz, den König spielt.«

Junker Vörsfelde verzog geschmeichelt sein dickes, rotes Gesicht zu einem grinsenden Lächeln, während ein anderer Ritter meinte: »Fürstliche Gnaden haben recht, der Wein schmeckt nicht, als ob er von den Mönchen selbst gezogen sei. Er könnte schon aus dem Lande Italia stammen.«

»Jedenfalls wäre der Aufenthalt hier verdammt langweilig«, brummte ein alter Graubart, »wenn wir den Wein nicht hätten.«

»Nur schade«, rief Vörsfelde, »daß nicht auch der zweite Teil meines Vorschlages angenommen ist, nämlich anstatt thalabwärts zu reiten, mit dem Wein zum Brocken hinauf zu ziehen. Es ist ja heute Walpurgis.«

»Gott soll mich bewahren.«, bekreuzte sich der Graubart. »Niemand wird von Diderik van Walmede sagen können, daß er Furcht habe, wenn die Lanzen splittern und Schwerter klirren, aber Walpurgis zum Blocksberg hinauf, das macht einen schaudern.«

»Und doch hättest Du beinahe mitgemußt«, lachte Herzog Ernst von Braunschweig, denn dieser war es, welchen man vorhin mit »Fürstlichen Gnaden« angeredet. »Hätte ich nicht mit dem Stiftshauptmann abgeredet gehabt, ihn hier zu erwarten, würde ich der Lust schwer widerstanden haben, Vörsfeldes Vorschlag zu folgen.« –

Herzog Ernst war älter geworden, seit er damals so frohen Herzens aus Braunschweigs Thoren gegen die Magdeburger gezogen war, weit älter, als die wenigen, seitdem verstrichenen Jahre es rechtfertigten. Aber freilich hatten diese Jahre ihm auch viel Ungemach und Enttäuschung gebracht. Nachdem es ihm endlich gelungen, sich aus seiner Magdeburger Haft, in welche ihn die Niederlage am Elme verstrickt, auszulösen, hatte er wiederum in Braunschweig einreiten wollen, doch die neuen Gewalthaber, welche sich indessen mit dem Quaden verständigt, schlossen ihm die Thore, behauptend, die Huldigung, welche die Stadt dem Herzog im Jahre 1373 geleistet, sei dazumal vom alten Rat durch falsche Vorspiegelungen erwirkt worden. Der Herzog, dem es an der Macht fehlte, sein Recht durchzusetzen, konnte nichts thun, als fluchend abziehen und sein kleines ererbtes Gebiet aufsuchen, die Herrschaft Blankenau südlich von Höxter. Dort hauste er einige Zeit mit seinen Mannen, bald aber trieben ihn Langeweile, Not und der Wunsch, die Stadt für ihren Abfall zu züchtigen, wieder ins Feld. Doch genügten dreihundert Mark Silbers, welche ihm Braunschweig zahlte, um ihn diesmal zu beschwichtigen.

Dreihundert Mark Silbers! Wahrlich, es mußte schon schlecht mit einem Fürsten und Nachkommen Heinrichs des Löwen stehen, wenn ihm eine solche Summe als Preis eines Fehderitts genügte. Nun, länger als ein Jahr hatten die Braunschweiger für diese dreihundert Mark auch nicht Ruhe vor ihm; als das Geld aufgezehrt war, hatte der Herzog auch vergessen, was er dafür gelobt: Frieden mit der Stadt zu halten; er verbündete sich mit dem raublustigen Geschlecht der Weverlinge, auf dem festen Haus Bansleben, und zog mit diesen von neuem gegen Braunschweig zu Felde. Aber die Stadt fand auch einen Bundesgenossen im Quaden, welcher Ernsts Umtriebe im Lande mit Besorgnis verfolgte. Im Angesicht von Bansleben kam es zu einem blutigen Zusammentreffen und einer vollständigen Niederlage des Herzogs und der Weverlinge. Von neuem mußte der erstere sich nach Blankenau zurückziehen, wohin ihm nur noch wenige seiner Mannen folgten. Denn es gab dort jetzt nur noch verzweifelt wenig zu beißen und zu brechen. Mit Recht konnte daher Herzog Ernst seinen Grubenhagener Vetter, den Tarentiner, beneiden, welcher als Haupt der guelphischen Partei in Italien hochgeehrt, eines der schönsten Reiche der Welt beherrschte.

So in mißmutigem Ärger und gezwungener Thatenlosigkeit sich verzehrend, traf ihn die Nachricht, daß der Halberstädter Prälat die Städtischen für ihre Einfälle in sein Gebiet zu züchtigen gedenke. Schnell entschlossen bot er sich dem Bischof zum Bundesgenossen an. Viel war es zwar nicht, was er bieten konnte, sein einst so glänzendes Gefolge war, wie erwähnt, gewaltig zusammengeschmolzen, außer dem alten, getreuen Diderik van Walmede und dem Junker Vörsfelde ritten nur noch vier zum Schilde Geborene und etwa ein Dutzend Knechte mit ihm. Aber auch diese geringe Hilfe nahm der geistliche Herr mit Dank an, schon der Name des Herzogs, hoffte er, würde die Städtischen schrecken. Sogar zu einer baren Summe Geldes verstand er sich, um den Welfen in seiner Ausrüstung zu unterstützen. Denn in und an Blankenau war bereits alles verpfändet, was zu verpfänden war. Daher mußte Herzog Ernst sich schon von seinem Bundesgenossen das nötige Geld schenken lassen, um ins Feld ziehen zu können.

Die Halberstädter wurden vom Stiftshauptmann, dem Ritter v. Barby, geführt, und Herzog Ernst war mit demselben übereingekommen, am Ersten des Wonnemonats gegen Abend an dem Orte zusammen zu treffen, wo wir die Ritter fanden. Von dort wollte man vereint gen Hornburg ziehen und einen Handstreich auf das feste Schloß versuchen. Denn die Burg, welche ja die neuen Gewalthaber von Braunschweig dem Bischof von Halberstadt ohne Rückzahlung des Pfandschillings eingeräumt hatten, um ihn auf ihre Seite hinüber zu ziehen, hatte dieser Prälat trotz ihrer wichtigen Lage sich gezwungen gesehen, indessen schon wieder der Stadt für neue achtzehnhundert Mark zu verpfänden. Nun dachte er die Gelegenheit zu benutzen, sich zum zweiten Male ohne Bezahlung des Pfandschillings in den Besitz des verpfändeten Hauses zu setzen. –

Der alte Diderik van Walmede hatte auf die letzte Bemerkung des Herzogs sich den Bart gestrichen und unmutig das ergraute Haupt geschüttelt, während der Herzog fortfuhr: »Jetzt reut es mich aber fast, so pünktlich gewesen zu sein. Es muß auf Mitternacht gehen, und noch immer läßt sich von den Stiftischen nichts sehen und hören.«

Vörsfelde horchte auf und erhob sich halb aus seiner liegenden Stellung. »Da ist was los«, sagte er, »wie es scheint, ein Bote, Höllisches Element! Wenn die Stiftischen uns sagen ließen, sie kämen erst morgen, und wir vergebens die Walpurgisnacht auf dieser verdammten Wiese zugebracht hätten!«

»Wenn der Gelbschnabel nur nicht so viel von Walpurgis schwatzte«, brummte Walmede. »Sein Übermut zieht uns noch die ganze wilde Jagd auf den Hals.«

Er ertränkte seinen Unwillen in einem tiefen Schluck des dunkelroten Weines der Ilsenburger Mönche, während Vörsfelde aufstand und zwei Knechten entgegenging, die einen Mann zwischen sich führten, dessen weißglänzendes Gewand unzweifelhaft den Müller verriet.

»Seid Ihr von Halberstadt?« fragte der Fremde den Junker.

»Was will der Bursche?« Mit den Worten trat jetzt auch Herzog Ernst auf die Gruppe zu.

»Er sucht Halberstädter Mannen«, berichtete einer der Knechte, »denen er wichtige Mitteilungen machen könnte.«

»Wir sind Bundesgenossen der Stiftischen«, sagte Herzog Ernst, »also nur heraus mit Deiner Botschaft oder was Du sonst weißt, es ist so gut, als wenn Du es den Halberstädtern selbst sagtest.

Der Müller drehte verlegen seine weiße Kappe zwischen den Händen, dann blies er darüber hin, als störe ihn der Mehlstaub darauf, und sagte endlich zögernd: »Wenn ich sprechen soll, so muß ich erst wissen, wer Ihr seid. Verbündete der Stiftischen – hm, hm – das klingt ganz gut, aber –«

»Ich glaube, der Bursche meint, wir belügen ihn«, wandte sich der Fürst lachend zu Vörsfelde. »Meinetwegen, dann kann er seine Nachricht für sich behalten. Ehe er sich aber wieder von dannen macht, soll man ihm fünfundzwanzig aufzählen, damit er lernt mit einem Herzog von Braunschweig zu verkehren.«

Die Aussicht auf die Fünfundzwanzig oder die Erwähnung des Herzogstitels oder beides zusammen, machten den Müller anderen Sinnes. »Ich wußte nur nicht«, – stotterte er – »und Vorsicht ist immer geraten. Wenn Ihr ein so hoher Herr seid, will ich's gern glauben und Euch meine Nachricht mitteilen.«

Er blies wieder den Staub von der Mütze und es bedurfte eines aufmunternden »Also heraus mit der Sprache!« des Junkers Vörsfelde, ehe er fortfuhr:

»Ihr wollt gen Hornburg ziehen?«

»Was geht das Dich an, Du Schuft?«

»Nichts, ich frage nur, weil Euch Unheil auf dem Wege droht.«

»Ein Hinterhalt?« rief der Herzog.

»So ist es, hoher Herr«, entgegnete der Müller, und nachdem er nochmals vergeblich versucht, den fatalen Mehlstaub von der Mütze zu blasen, fuhr er fort: »An der Ilse, auf dem Wege nach Hornburg, unweit von Achim, liegt eine Mühle, die Obermühle heißt sie –«

»Dort haben sich die Städtischen verborgen?«

»Noch sind sie nicht da, aber ihr Plan war es. Sie wollten sich in der Mühle verstecken, bis Ihr vorbei wäre, und dann die Straße sperren, denn wer die Mühle hat, hat auch die Straße.«

»Wem gehört die Mühle?«

»Sie gehört zur Hornburg.«

»Wie heißt der Müller?«

»Der ist tot, seine Witwe sitzt drauf. Sie heißt Grete Ursleve.«

»Weiß das Weib vom Vorhaben der Städtischen?«

»Freilich. Ich habe sie belauscht, wie sie mit den städtischen Reitern darüber sprach. Da ich aber ein Halberstädter Kind bin und zum Bischof halte, schlich ich davon, um ihren Plan aufzudecken.«

»Und Du sagst, noch seien die Städtischen nicht da?«

»Als ich fortging, waren sie noch nicht da, und es hieß, sie würden erst morgen früh kommen.«

»Da müssen wir das Nest vorher niederbrennen,« meinte Junker Vörsfelde.

»Das soll geschehen«, nickte Herzog Ernst, »und der Müllerin wird man's austreiben, sich in unsere Händel zu mischen.«

»Sie wollte auch eigentlich nicht daran«, erwiderte der Müller, indem er eifrig seine Mütze betrachtete, welche im vollen Mondeslichte weiß schimmerte, und zwischen jedem Satze darüber hinblies, »aber da ist noch eine andere – wer es eigentlich ist, weiß niemand – Jungfer Agnes heißt man sie – aber das ist nicht ihr wahrer Name – die hat den Plan ausgeheckt – sie kann die Stiftischen nicht leiden – keiner dürfe davon kommen diesmal, hat sie gesagt – alle müßten hin werden.«

Dunkle Wolken zogen über den Mond und der Frühlingswind brauste durch den knospenden Wald. Diderik van Walmede sah nach den Sternen und schüttelte bedenklich den Kopf. »'S ist um Mitternacht«, murmelte er, »Jetzt geht's los.«

»Was?« fragte der Herzog.

»Walpurgis«, meinte Walmede achselzuckend, »die wilde Jagd.«

»Walpurgis«, wiederholte der Fürst, »ich will ihnen eine Walpurgisnacht auf der Obermühle machen, oder wie das Ding heißt, daß sie meinen sollen, der Gottseibeiuns wäre leibhaftig gekommen, um sie auf den Blocksberg zu holen. Diese geheimnisvolle Jungfer Agnes muß ja die richtige Hexe sein! Keiner von den Stiftischen solle davon kommen? Höllisches Elend! Von ihnen soll keine davon kommen. – Nimm Dir sechs von den Knechten, Vörsfelde«, wandte er sich zum Junker, »auch kann Dich Schirstede und Heinz Weverlinge begleiten. Der Abrede mit Barby wegen werde ich hier mit den anderen zurückbleiben, doch kommen wir Euch nach, sobald die Stiftischen da sind. Die Mühle umstellst Du, holst die Weiber heraus und was Du sonst Brauchbares findest und brennst das Nest nieder. Wir müssen das abmachen, ehe die Halberstädter kommen – warum sollen wir die Beute mit ihnen teilen? Die Jungfer Agnes aber bringst Du mir her, unversehrt, hörst Du wohl? Kein Haar soll ihr gekrümmt werden, mit der Hexe will ich selbst verfahren, daß sie ihr Lebtag daran gedenken soll.«

Schwärzere Wolken überzogen den Himmel und verhüllten immer häufiger des Mondes silberne Scheibe. Stärker brauste der Frühlingswind durch den Wald und schüttelte grimmig die ächzenden Zweige. Diderik van Walmede bekreuzte sich. »Wenn Ihr die Hexen nur in der Mühle findet«, brummte er, »ich möchte zehn gegen eins wetten, daß sie auf dem Blocksberg tanzen.«

»Ich denke, dann wird der Feuerschein ihrer Mühle sie schon wieder zurückrufen«, lachte Vörsfelde.

»Wenn Ihr sie durch die Luft seht anreiten kommen –« der Graubart faßte den Junker unter dem Arm und zog ihn einige Schritte mit sich fort, um ihm für diesen Fall gute Ratschläge zu geben. Indessen koppelten die Knechte die Pferde los und stülpten Schirstede und Heinz Weverlinge, die beiden Ritter, welche Vörsfelde begleiten sollten, die Stechhelme auf. Der letztere that ein Gleiches, nachdem der alte Walmede seinen Unterricht beendet, und schwang sich in den Sattel. Dann wurden auf einen Wink von ihm dem Müller, ehe er sich dessen noch recht erwehren konnte, beide Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt und das Ende des betreffenden Strickes Vörsfelde in die Hand gegeben. »Siehst Du, Bursche«, sagte derselbe, auf eine Streitaxt deutend, welche an seinem Sattel hing, wobei seine Stimme hohl unter dem Stechhelm hervorklang, »siehst Du, Bursche, wenn Du uns angelogen hast, oder wenn ich merke, daß Du falsches Spiel mit uns spielst, so zerschmettert Dir die Axt den Kopf, ehe Du bis Drei zählst.

Der Müllerknecht hätte sich wahrscheinlich hinter den Ohren gekratzt, wenn seine Hände nicht gefesselt gewesen wären. So nickte er nur stumm, zum Zeichen, daß er Vörsfeldes Worte begriffen.

»Also unversehrt schaffst Du mir das Mädchen«, wiederholte der Herzog zum Abschied. Die Ritter neigten grüßend die Lanzen gegen den Fürsten, dann setzte sich der Zug in Bewegung. –

Brausend, klagend, warnend fuhr der Wind um die einsame Mühle am Ilsebach, aber niemand hörte seine Stimme, am wenigsten der zur Wache berufene Müllerknecht Kort. Derselbe saß auf den Stufen vor der Hausthür, eine Hellebarde lehnte neben ihm, sein Haupt hatte er auf die emporgezogenen Kniee gestützt und die knarrend-sägenden Töne, welche er von sich gab, bewiesen seinen festen Schlaf. Nicht minder ruhig schlummerten die drei Reisigen innerhalb der Mühle. Das Los hatte ihnen die späteren Wachen zugeteilt. – Ob sie sich rechtzeitig ermuntern werden? –

 

Der Himmel begann sich im Osten zu röten, als Junker Vörsfelde mit seiner Begleitung die Nähe der Obermühle erreichte.

Zunächst mußte er darüber Gewißheit zu erlangen suchen, ob die Mühle von den Städtischen schon besetzt sei oder noch nicht.

Er schlich sich, von einem Knecht begleitet und Schirstede und Heinz Weverlinge mit den anderen und dem Müller im Walde zurücklassend, dicht an das Haus heran. Dasselbe lag still und friedlich da; bis auf den schlafenden Müllerknecht vor der Thür ließ sich lein lebendes Wesen erblicken. Das deutete nicht auf eine Besatzung von Kriegsleuten. Seinen Knecht schickte Vörsfelde noch weiter vor, um auch die anderen Seiten des Hauses in Augenschein zu nehmen. Derselbe kam mit der Botschaft zurück, daß auch dort nichts Verdächtiges zu bemerken sei.

Vorsichtig, wie sie gekommen, traten sie den Rückweg an. Ihr Unternehmen schien Erfolg und keinerlei Gefahr zu versprechen. Vörsfelde führte jetzt seine ganze Mannschaft heran, nachdem man den Müller, der sie geführt, vorher von seinen Stricken befreit und ihm die Wahl gelassen hatte, ob er sich davon machen oder beim Überfall mitwirken wolle. Er wählte das letztere und erhielt von einem der Knechte eine Streitaxt.

Ungehindert umstellte der Junker mit seinen Leuten die Mühle von allen Seiten. Dann ging er, von den beiden anderen Rittern begleitet und einigen Knechten gefolgt, auf die Hausthür zu. In demselben Augenblick öffnete sich dieselbe von innen und ein Reisiger trat heraus.

Wessen Erstaunen in diesem Moment größer war, ist schwer zu sagen. Ob das Vörsfeldes und seiner Begleiter, welche die Mühle nun doch besetzt fanden, ob das des Reisigen, der sich so plötzlich fremden gewappneten Männern gegenüber sah, die vermutlich nichts Gutes im Schilde führten, oder ob endlich das des schläfrigen Kort, der jetzt vom Waffenklirren erwachte und sich erstaunt die Augen rieb. Aber Junker Vörsfelde war dadurch im Vorteil, daß er wußte, weshalb er da war. Auch das wußte er, daß er durch Überraschung am leichtesten den Eintritt ins Haus erzwingen konnte, und daß es die höchste Zeit war, wenn er noch von diesem Vorteil Gebrauch machen wollte. »Auf sie!« rief er seinen Begleitern zu und stürzte sich mit geschwungenem Schwert gegen die Thür. Die anderen folgten, aber so schnell das alles ging, der Reisige fand dennoch indessen Zeit, Kort hereinzuziehen, die Thür zuzuschlagen und von innen zu verriegeln.

Der Junker donnerte gegen die Thür, die Knechte schlugen mit Streitäxten dagegen – und bald war dieselbe gesprengt. Andere erbrachen die Läden vor den Fenstern des Erdgeschosses und gelangten durch diese in die Mühle. Die Eindringenden wieder hinauszutreiben – daran konnten die Reisigen in der Minderzahl, wie sie waren, nicht denken, sie sorgten nur noch, das Leben der ihnen anvertrauten Nonne zu schützen, zu welchem Zwecke sie sich vor der Thür aufstellten, hinter der Schwester Albina schlief.

Während so Vörsfelde mit den Seinen von vorn eindrang, hatte der Müllerknecht Jochen einen anderen Weg gewählt. Mit der Örtlichkeit genau vertraut, hatte er sich um das Haus herum geschlichen und war mit Hilfe des festgestellten Mühlrades zum Fenster von Ilses Gemach empor geklettert. Durch zwei mit der Axt dagegen geführte wuchtige Hiebe war dasselbe zerschmettert und im nächsten Augenblick stand Jochen in dem kleinen ärmlichen Raum. Aber »Jungfer Agnes«, durch den Waffenlärm schon vom Lager aufgeschreckt, hatte Zeit gefunden, ihr Gewand überzuwerfen, und während Jochen sich durch das enge Fenster zwängte, riß sie die Thür auf und flog die Treppe hinab.

Auf halbem Wege hielt sie an, am Fuß der Treppe fremde Bewaffnete gewahrend. Aber die Furcht vor dem ihr folgenden Jochen war größer als die vor den Fremden. Nach einem Augenblick des Zauderns eilte sie daher die Treppe ganz hinunter. –

Junker Vörsfelde sollte heute aus den Überraschungen nicht herauskommen. Ins Haus eingedrungen, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß die Reisigen, welche ihm gegenüberstanden, keine Städtische waren, sondern das Feldzeichen des Herzogs zum Salze trugen.

»Ihr seid Grubenhagener«, rief er ihnen zu, seine Begleiter zurückhaltend, welche sich auf sie stürzen wollten. »Was habt Ihr hier zu suchen?«

»Die Frage können wir zurückgeben«, erwiderte der Älteste der Reisigen ruhig. »Die Art Eures Besuches ist wahrlich seltsam genug.«

Der Junker Vörsfelde schluckte eine zornige Antwort auf die Äußerung des Reisigen hinunter und sagte nur: »Die Müllerin hier ist im Einverständnis mit den Städtischen auf der Hornburg. Darum wollen wir das Nest auspochen, damit sie uns darin nicht einen Hinterhalt legen.«

»Und wir«, meinte der Reisige, »begleiten die Schwester Albina aus Drübeck zu ihrem Kloster zurück. Habt Achtung vor der frommen Frau, Herr Ritter, und vor dem Zeichen unseres Herzogs.«

Vörsfelde lachte. »Macht, daß Ihr mit Eurer Nonne –« begann er, aber plötzlich hielt er inne, Ilse gewahrend, welche die Treppe herabflog. »Bei allen Heiligen«, rief er verwundert, »ist denn das nicht meine schöne Base?«

Das junge Mädchen hörte den Ruf in ihrer Aufregung nicht, auch verbarg der Stechhelm das Antlitz des Junkers. »Wenn Ihr ein Ritter seid«, eilte sie auf ihn zu, »so schützt eine wehrlose Jungfrau!«

»Wie kommt denn Ihr hierher, Base?« fragte er statt der Antwort. Ilse schaute ihn erstaunt an, da gewahrte sie den silbernen Greif, welcher sich auf seinem Helm spreizte. »Vörsfelde!« – mit dem Ausruf trat sie einen Schritt von ihm zurück.

»Das ist die Jungfer Agnes«, schrie Jochen, »von welcher ich Euch gesagt.« Er drängte sich bei den Worten zwischen Vörsfelde und Ilse. »Warum faßt Ihr sie nicht, wie es der Herzog geboten hat? Soll sie Euch erst noch entkommen?«

Vörsfelde hob die Hand mit dem schweren Panzerhandschuh gegen den Unverschämten, aber dieser entzog sich dem drohenden Schlage durch eiligen Rückzug. »Nichts für ungut, Herr Ritter«, grollte er über den Nacken eines der Knechte hinweg. »Ich sage Euch, sie ist eine Hexe. Wenn Ihr nicht dazu thut, entkommt sie Euch doch noch.«

Hätte nicht der Stechhelm das Antlitz des Junkers verdeckt, man hätte darin lesen können, welche verschiedenen Empfindungen seine Seele aufwühlten. »Führt Ihr hier den Namen Agnes, Base?« fragte er.

Ilse bejahte mit einem stummen Kopfnicken.

»Dann müßt Ihr mir folgen«, fuhr Vörsfelde fort, »um Euch von einer Anklage zu reinigen, die jener Mann gegen Euch erhebt. Es ist der Befehl meines Herzogs.«

»Welches Herzogs?« – Die von einer hellen weiblichen Stimme gestellte Frage veranlaßte den Junker, sich umzusehen. In der Thür ihres Gemaches stand Schwester Albina in stolzer, Ehrfurcht erweckender Haltung, mit ruhigem Blick die Eindringlinge musternd.

»Des Herzogs Ernst von Braunschweig, fromme Frau, wenn Ihr nichts dagegen habt«, sagte Vörsfelde mit leichtem Spott. »Übrigens mache ich Euch darauf aufmerksam, daß Ihr gut daran thut, möglichst bald mit Eurer Begleitung dies Haus zu verlassen.«

»Und wenn ich es nicht thue?«

»Dürft Ihr es mir nicht zum Vorwurf machen, wenn Ihr darin verbrennt.«

»Das heißt?« fuhr die Nonne auf.

»Das heißt, daß die Mühle in kurzem an allen vier Ecken angezündet wird«, erwiderte Vörsfelde gelassen.

»Mordbrenner!« schalt Schwester Albina, aber ihre Stimme verhallte ungehört.

»Bindet die Jungfer«, gebot Vörsfelde, »und dann hinaus mit ihr, daß wir fertig werden. Wo ist die andere Hexe, die Müllerin? Daß sie uns nicht entkommt! Und dann angezündet. Schnell, schnell!«

Rohe Hände streckten sich nach Ilse aus, aber mit wenigen Schritten war Schwester Albina neben ihr. Vor keinem Fürsten wären die Kriegsknechte so ehrerbietig zurückgewichen, als wie vor ihr. »Rührt sie nicht an!« gebot die Dominikanerin und neigte sich flüsternd zu Ilse herab. »Ja«, hauchte das junge Mädchen auf die leise Frage der Nonne. Da richtete sich Albina, hoch auf, »Wehe dem, der ihr ein Leids thut!« rief sie, »er vergreift sich an einer Braut Gottes und die schwersten Kirchenstrafen harren seiner. Jungfrau Ilse vam Damme gehört dem Kloster Drübeck an.«

Noch weiter wichen die Knechte von den beiden Frauen zurück, ihre rohen Gewissen zitterten, ein Sakrilegium zu begehen. Nicht so der Junker Vörsfelde. »Das ist elender Betrug«, schrie er, indem er auf Ilse losstürzte und sie von der Nonne fortriß, »Verdammte Gaukelei! Glaubt Ihr, dadurch ließ ich mich irre machen?«

Ein Gemurmel des Unwillens lief durch die Reihen der Knechte, aber von außen herein klang noch lauteres Getöse. »Der Herzog, der Herzog!« rief Heinz Weverlinge, welcher an der Hausthür stand, und ein anderer setzte hinzu: »Die Stiftischen sind bei ihm, ich sehe den goldenen Bären von Halberstadt.«

Vörsfelde zog die sich sträubende Ilse zur Thür hinaus und zum Herzog hin. »Da ist die Jungfer Agnes, wie Ihr befohlen!« rief er. »Seht selbst, wer sich unter der Maske verbirgt.«

Aber schon war auch Albina neben ihm. »Auf Eure Seele kommt es, Fürstliche Gnaden, wenn Ihr Euch an Nonnen von Drübeck vergreift.«

»Was sehe ich, Schwester Albina?« Mit diesen Worten drängte der Halberstädter Stiftshauptmann sein Pferd heran. Das Kloster Drübeck gehörte zum Sprengel seines bischöflichen Herrn und mehr als einmal hatte er mit anderen Nonnen desselben Albina in Halberstadt gesehen. »Ich bitte um Euren Segen, fromme Schwester«, setzte er hinzu, indem er sich ehrerbietig vor ihr verneigte.

Die Nonne begrüßte ihn mit dem Zeichen des Kreuzes. »Wir stellen uns unter Euren Schutz, Ritter von Barby«, sagte sie ruhig.

»Der wird kaum nötig sein«, meinte der Hauptmann, »Fürstliche Gnaden denken nicht daran, Nonnen zu nahe zu treten.«

»Was, Nonnen? Ich sehe nur eine Nonne«, brauste Herzog Ernst auf.

»Auch Ilse vam Damme hat sich dem Altar gelobt«, erwiderte Schwester Albina bestimmt.

»Betrügerisches Gaukelspiel, uns zu äffen«, schrie Vörsfelde dazwischen, »nichts weiter ist es!«

»Darüber zu entscheiden, junger Mann«, entgegnete Barby, »seid nicht Ihr berufen, sondern die Frau Äbtissin von Drübeck und nächst ihr mein hochwürdiger Herr, der Bischof. Ich wiederhole es, die Nonnen stehen unter meinem Schutze.«

Das Recht des Stiftshauptmanns, den Schutz der Nonnen aus einem Kloster zu beanspruchen, welches zum Sprengel seines bischöflichen Gebieters gehörte, war so klar, und, was noch mehr sagen wollte, die Macht, dieses Recht zur Geltung zu bringen, zeigte sich bei einem einzigen Blick auf die stattliche Schar der Stiftsmannen, die hinter dem Hauptmann ritt, so gewichtig, daß Herzog Ernst und sein getreuer Vörsfelde sich gern oder ungern beugen mußten, »Mit der Kirche ist bös Streit anfangen«, sagte der Fürst mit einem Lachen, aus welchem der verhaltene Groll deutlich herausklang. »Darum gieb Dich zufrieden, Vörsfelde. 'S giebt noch genug Mädchen, welche einen schmucken Junker dem Nonnenschleier vorziehen.« Und dann lenkte er, ohne Barby und die Frauen weiter zu beachten, sein Pferd näher dem Hause zu, indem er fragte: »Wo hast Du denn die andere Hexe, die Alte?«

»Sie ist nirgends zu finden«, antwortete ein Knecht für den Junker.

»So steckt das Nest an. Die Flammen werden sie schon heraustreiben«, befahl der Fürst.

Die Knechte wollten der Weisung nachkommen, aber der Stiftshauptmann, welcher einige leise Worte mit Schwester Albina gewechselt hatte, ritt auf Herzog Ernst zu. »Es ist nicht nötig, sie heraus zu räuchern, Fürstliche Gnaden«, sagte er. »Das Haus ist leer. Wie die fromme Schwester dort sagt, haben sich die Bewohner in den Wald geflüchtet.«

»Dann wird es ihnen zur Strafe niedergebrannt«, grollte Herzog Ernst, die Augenbrauen finster zusammenziehend.

»Gestattet, daß ich dem widerspreche«, meinte Barby gelassen. »Dies ist Grund und Boden Seiner bischöflichen Gnaden, wenn auch zur Zeit der Stadt Braunschweig verpfändet. Auf Halberstädter Gebiet zu sengen und zu plündern würde uns aber schlecht anstehen.«

»Ich bin es nicht gewohnt, meine Befehle zurückzunehmen«, knirschte der Fürst. »Zündet an!«

»Und ich beharre auf meinem Widerspruch. Es wird nicht angezündet!«

»Meint Ihr, ich würde von Euch Weisungen annehmen?«

»Nicht anders haben Seine bischöflichen Gnaden geglaubt«, erwiderte Barby in seiner unerschütterlichen Ruhe auf die zornige Frage des Herzogs, »nicht anders haben Seine bischöflichen Gnaden geglaubt beim Abschluß unseres Bündnisses, als daß die Oberleitung des Zuges unbedingt in meinen Händen liegen würde.«

»Dann mögen Eure bischöflichen Gnaden –« Der Rest des Satzes verhallte in dem lauten Klirren der Rüstung, als der Fürst jetzt zornig sein Pferd herumwarf. Aber deutlich waren dann wieder die Worte vernehmbar, welche er über die Schulter hinüber Barby zurief: »Unter solchen Umständen verzichte ich darauf, länger gegen die Städtischen mitzureiten.«

»Aufgesessen!« rief er seinem Gefolge zu, drückte seinem Gaul die Sporen in die Weichen und sprengte ohne Gruß davon, seine Mannen hinter ihm drein, so schnell und bald ein jeder von ihnen aufs Pferd kommen konnte.

»Gott sei Dank, daß wir den fürstlichen Schnapphahn los sind«, sagte der Stiftshauptmann, den Davonreitenden nachsehend. »Hätte ich eher von dem Bündnis gewußt, würde sich der Bischof niemals mit ihm eingelassen haben. Aber sobald ich davon erfuhr, nahm ich mir vor, die erste Gelegenheit zum Bruch zu nutzen.«

»Beim Zusammenstoß mit den Braunschweigern hätten sie uns doch recht von Nutzen sein können«, meinte einer der Stiftsmannen kopfschüttelnd.

»Wahrscheinlich kommt es zu gar keinem Zusammenstoß«, entgegnete Barby. »Beide Teile haben die Vermittlung des jungen Herzogs Friedrich angenommen.«

»Aber was wird der Bischof dazu sagen, daß Ihr Herzog Ernst so habt ablaufen lassen?« fragte ein anderer bedenklicher Ritter.

»Mag er mich drob schelten«, lachte der Stiftshauptmann, »Im übrigen« – und bei den Worten richtete er sich hoch im Sattel auf – »ist es nicht der Ritter v. Barby, welcher den Bischof braucht, sondern der Bischof, welcher den Ritter v. Barby braucht.« –

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