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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Dreizehntes Kapitel

Grollende Donner

Es ist nicht weit von Braunschweig zum Elmer Walde und dennoch ging eine Zeit darüber hin, bis man in der Stadt Gewißheit darüber hatte, wie dort das Kriegsglück entschieden.

Unbestimmte Gerüchte freilich kamen genug, aber sie lauteten widersprechend und man glaubte weit lieber denen, welche einen Sieg der Braunschweiger meldeten, als solchen, die von einer Niederlage der Städtischen sprachen.

Aber mit so ungläubigem Kopfschütteln man es auch aufnahm, dennoch trat von Tag zu Tag das Gerücht von einem vollständigen Sieg der Stiftischen am Elmer Walde bestimmter auf. Die Bauern brachten es mit ihren Früchten zu Markt und die Kaufleute führten es mit ihren Waren zum Thore hinein. Länger und länger wurden die Gesichter der Burgensen und an den Gildetafeln fiel manch höhnisches Wort. Den übermütigen Stadtjunkern wurden die Schläge dort mehr gegönnt, als wie den Feinden Braunschweigs, den Stiftischen.

Und endlich kam auch die förmliche Bestätigung. An einem Dienstag war es, in der Woche vor Palmarum, da erschienen zwei Boten bei Seiner Gestrengen, dem ersten Bürgermeister der Altstadt. Der eine kam zu Fuß, schlich sich unbemerkt zum Stadtthore hinein und zu dem Hause mit den sieben Türmen. Verlangte auch vam Damme heimlich zu sprechen und wollte doch nicht sagen, von wem er käme. Erst als er Seiner Gestrengen gegenüberstand, gab er sich als ein Bote des in Jerxheim eingeschlossenen Bannerträgers van Walmede zu erkennen, dem es endlich geglückt war, der Stiftischen Wachen zu umschleichen. Und da die Botschaft, welche er brachte, böse genug war, hatte ihm Walmede befohlen, nur unter vier Augen sie dem Bürgermeister mitzuteilen.

Aber die Vorsicht half nicht viel. Denn kaum hatte er seinen geheimen Bericht beendet, da kam der zweite Bote. Der schlich sich nicht vorsichtig zum Thore hinein, sondern meldete sich mit klingenden Trompeten an. War auch niemand anders, als ein Herold des magdeburgischen Erzbischofs. Der überbrachte einen Bericht, welchen der gefangene Herzog Ernst über die Schlappe, so er erlitten, hatte in Magdeburg aufsetzen lassen und zur Beglaubigung sein herzoglich Insiegel daran gehängt. Ferner meldete er darin, wer auf der Wahlstatt geblieben, wer verwundet und wer in Feindes Hand gefallen sei. Auch wie viel Lösegeld der Erzbischof für die Stadtjunker verlange und wie viel für den Fürsten selbst und seine Mannen. Dies letztere sei aber die Stadt auch zu zahlen verpflichtet, da Herzog Ernst nur für ihren Vorteil zur Fehde ausgeritten sei. Keine geringe Summe aber war es, welche da zusammen kam, runde viertausend Mark Silbers.Eine feine Mark = 16 Lot Silber fein = 14 Thaler Preußisch Cour. Nach dem jetzigen Wert des Geldes kann man aber annehmen, daß eine Mark damals vier- bis fünfmal so viel wert war als heute. Die obige Summe würde daher dem Wert von 250+000 Thalern entsprechen, oder in Reichsmünze 750+000 Mark.

Waren doch allein an die sechzig fürstliche Mannen gefangen worden, die sollten nun alle mit städtischem Gelde ausgelöst werden.

Vam Dammes Eigenschaft war es sonst nicht, die Sachen schwer zu nehmen. Dazu hatte er zu viel Glück in seinem Leben gehabt. Selbst wenn sein Himmel düster umzogen gewesen, hatten doch immer wieder die Strahlen der Glückssonne siegreich die drohenden Wolken durchbrochen. Auch hatte er – und nicht mit Unrecht – eine große Meinung von seiner Geschicklichkeit, sein Schifflein selbst bei stürmischer See und zwischen gefährlichen Klippen hindurch zu steuern. Doch diesmal verlor er Zuversicht und Selbstvertrauen. So schlimm hatte er sich den Stand der Dinge nicht vorgestellt, wenn er auch langst vermutet, daß ein Unglück geschehen sei. Der kleine fette Mann fiel wie vom Schlage getroffen in einen Sessel, er rang nach Atem, seine Augen quollen aus den Höhlen, kalter Schweiß feuchtete seine Haut und angstvoll griffen seine Hände an den Stuhllehnen auf und nieder. Doch der Anfall ging vorüber und Seine Gestrengen fanden in so weit ihre Fassung wieder, um sich ruhiger Überlegung widmen zu können.

Das Resultat dieser Überlegung war ein Entschluß, der des Bürgermeisters sonstigem Wesen nicht entsprach, nämlich den Stier bei den Hörnern zu fassen. Morgen war Mittwoch, der Tag, an welchem der Rat der fünf Weichbilde zur gemeinsamen Umsprache zusammentrat, und bei dieser Gelegenheit wollte vam Damme den Ratsgenossen das Unglück mitteilen und eine Besprechung dessen einleiten, was jetzt zu thun sei. Denn nachdem einmal die ganze Stadt wußte, daß vom Erzbischof von Magdeburg ein Herold eingetroffen sei, mußte es auch bald bekannt werden, welche Nachricht er gebracht, da blieb keine Zeit, erst den einen oder den andern bei Seite zu nehmen, wie der Bürgermeister es sonst liebte, und durch vertrauliches Flüstern den Ansichten der Wohlweisen diejenige Richtung zu geben, welche in der Umsprache den Absichten Seiner Gestrengen am genehmsten war. Brachte er nicht selbst die Sache morgen zur Sprache, so würde es von Seiten der Gegner geschehen, dies aber dünkte ihm mit Recht als das Schlimmste.

Nachdem er seinen Entschluß gefaßt, ging er zu Frau Margarete und Ilse hinüber. Hatte er ihnen doch nicht nur das Unglück mitzuteilen, so gemeines Wesen betroffen, sondern auch ein solches, welches sie im besondern heimgesucht. Junker Vörsfelde war schwer verwundet in Feindeshand gefallen. Mit dem Pferde gestürzt, hatte er sich nicht schnell genug wieder aufraffen können, zweimal war die Flut des Angriffs und der Flucht über ihn weggegangen und bös hatten ihn die Hufe der schweren Rosse zugerichtet. Nun lag er in Magdeburg, so berichtete Herzog Ernst, aber wenig Hoffnung sei, ihn am Leben zu erhalten.

Wie Ilse das aufnahm? Tile vam Damme achtete wenig darauf. Er erzählte es in einer Art und Weise, als ob nicht sein zukünftiger Schwiegersohn, sondern irgend ein entfernter Bekannter des Hauses schwer krank darnieder läge. Viel zu sehr war sein Geist von anderem in Anspruch genommen. Auch ging er bald wieder. Es lag ihm noch viel heute Abend zu thun ob.

»Ich fürchte, wir gehen einer schweren Zeit entgegen«, sagte Frau Margarete ahnungsvoll, als sie mit Ilse allein war.

»Schwer?« wiederholte diese erstaunt.

»Der Vater sah sorgenvoll aus.«

»Um Vetter Vörsfelde schien er sich nicht viel Sorge zu machen.«

»Und Du?«

»Ich denke, daß seinem Übermut dies Wundlager ein heilsamer Dämpfer sein wird. Vielleicht hilft es ihm auch erkennen, wie wenig wohlgethan es ist, einer Jungfrau Hand anzunehmen, welche sich nur gezwungen in die seinige legt.«

Frau Margarete schüttelte das Haupt, und ihr Antlitz, welches trüb genug ausgeschaut in der letzten Zeit, nahm einen noch sorgenvolleren Ausdruck an.


Ein scharfer, eisig kalter Wind wehte am Abend des Karfreitags durch Braunschweigs Straßen, ein Abschiedsgruß des scheidenden Winters. Vor der Zeit ließen schwarzgraue Wolken die Nacht hereinbrechen, klatschend und sprühend schlugen die großen Regentropfen, untermischt mit vereinzelten Schneeflocken, gegen die erbebenden Fenster. Kreischend flogen die Wetterfahnen und knarrend die Hausschilde hin und her. Auf den hohen Giebeldächern wankten die Schornsteine und nicht alle vermochten der tobenden Windsbraut zu widerstehen, welche manchen gebrechlichen umwarf und die Steine mit losgelösten Schindeln auf die Straße niederschmetterte. Heulend suchte der Wind, in einem Hofe oder einer Mauerecke gefangen, seinen Ausweg, zu den weitgeöffneten Thüren der Kirchen stürmte er hinein, stieg zu den dunkeln Wölbungen empor, ließ die mattbrennenden Kerzen auf den florumhüllten Altären hin und her flackern und die wenigen Gläubigen, welche trotz des Unwetters die Abendmesse besucht, in der scharfen Zugluft fröstelnd zusammenschauern.

Noch leerer als in den Kirchen war es auf den Straßen. Wie ausgestorben war die Stadt, nicht einmal ein freundliches Licht blinkte einladend durch die runden, bleigefaßten Scheiben; denn Vorsicht und Aberglauben gebot bei solchem Unwetter an dem Trauertage der Christenheit, mit Ausnahme der Kirchen, das Licht zu löschen.

Düster gähnte die sich quer unter dem Wall durch erstreckende Thorwölbung von St. Ludgeri; mit gedehntem Geheul stießen sich die Windwellen durch die dunkle Halle und wirbelten am Ausgang hinaus aufs freie Feld, in tollem Tanze die kahlen Äste der Bäume schüttelnd und mit dem Schnee und dem Regen abgerissene Zweige jauchzend mit sich hinweg führend.

Wahrlich man hätte glauben sollen, bei solchem Unwetter wäre der wilde Geselle, der Sturm, keinem lebenden Wesen begegnet. Hielt sich doch ein jedes Tier wohlgeborgen in seiner Höhle, in seinem Schlupfwinkel. Und die Menschen, saßen die nicht dicht zusammengedrängt um den Ofen, dessen dicke Kachelwände noch belebende Wärme ausstrahlten, wenn auch das Feuer im Innern ausgebrannt oder gelöscht war, und erzählten sich beim Klatschen des Regens und Heulen des Windes gruselnd von Hexen und Kobolden, oder verglichen das heutige Unwetter mit dem, von welchem bei der Todesstunde des Weltheilandes die Priester zu reden wußten?

Gewiß, das hätte man denken sollen, und dennoch fand der Sturm auf seinem Wege zwei rüstig fortschreitende Männer, welche es wagten, sich seiner Wut auszusetzen. Und dieselben strebten nicht einmal den schützenden Mauern der Stadt zu, sondern entfernten sich mit jedem Schritt weiter von denselben. Sogar die Außenhäuser, jene gebrechlichen Hütten, welche außerhalb des Thores die Landstraße noch eine kurze Strecke besäumten, ließen sie hinter sich, und bald darauf bogen sie auch von dieser selbst ab und wandten sich rechts aufs freie Feld, wo sie nach etwa hundert Schritten vor einer erbärmlichen Lehmhütte Halt machten, deren halb verfaultes Strohdach nur wenige Fuß über dem Erdboden hervorragte.

»Nun weißt Du, warum ich Dorings Geld nicht nehmen wollte«, sagte der ältere der beiden Männer, als sie vor der Lehmhütte ihre nächtliche Wanderung beendeten, zu seinem Gefährten, und trotz seiner bedächtigen Weise, zu sprechen, waren die Worte schwer zu verstehen. Denn kaum aus dem Munde gekommen, riß sie der Sturm fort und verwehte sie in alle Winde. »Nun weißt Du auch, wie ich Dir wieder zu dem Deinen verhelfen will«, fuhr er fort und stieß mit seinem Stabe zweimal schnell hinter einander gegen ein morsches Brett, welches wohl die Thür dieser elenden Hütte vorstellen sollte. »Bald aber auch wirst Du hören, daß der Tag der Vergeltung nicht mehr weit ist. Doch sorge, daß Dein Herz dann nicht schwach sei, sondern gehärtet in Haß, und daß Dein Arm nicht vor der Zeit müde werde zur Rache!«

Die primitive Thür öffnete sich, die beiden Männer stiegen einige Stufen hinunter und befanden sich dann vor einer zweiten, welche ein weit weniger morsches Aussehen hatte, vielmehr aus festen Eichenplanken gefertigt war. Das war zwar augenblicklich nicht zu sehen, denn es herrschte eine solche Finsternis, daß für den Unkundigen überhaupt nichts von einer Thür zu bemerken war. Nur der Wissende mochte die Stelle finden. Nachdem Meister Holtnicker wiederum zweimal schnell hinter einander dagegen gestoßen, klang ihnen eine Stimme aus der Dunkelheit entgegen, welche fragte: »Wer seid Ihr?«

Holtnicker nannte seinen und seines Sohnes Namen, worauf man das Zurückschieben von Riegeln hörte und auch diese zweite Thür sich öffnete. Hinter derselben hing ein dichter Teppich bis zum Boden herab, welcher verhindert hatte, daß ein Strahl das im Innern brennende Feuer durch die Ritzen der Eichenthür verriet. Um das Feuer saßen acht Männer, alle bis auf einen in der Tracht der niederen Stände, meistens in reiferen Jahren, Zwei etwa im Alter des jungen Holtnickers.

»Ihr kommt spät, wir warten schon lange«, empfing Asche Kamla, der Gerber, die Eintretenden.

»Der Bote aus Wolfenbüttel ließ mich so lange warten«, entgegnete Vater Holtnicker.

»Was hat er gebracht?« riefen mehrere Stimmen zugleich.

»Davon nachher«, sagte derjenige von der Gesellschaft, welcher durch reichere Kleidung hervorstach. Und sich dann zu Meister Holtnicker wendend, fuhr er fort: »Hat Euer Sohn geschworen?«

»Er hat in meine Hände den Eid geleistet.«

»Gut! Dann soll er uns willkommen sein. Wollt Euch setzen, Meister, und auch Ihr, junger Bursch. Und nun sagt der Ordnung nach, was der Amtmann Kyphod Euch aus Wolfenbüttel zu wissen thut.«

In der Weise des Sprechers lag etwas, was eben so sehr von der ruhigen Bestimmtheit Holtnickers, als von Asche Kamlas ungeschlachtem Benehmen abstach. Etwas Vornehmes oder vielmehr etwas, das vornehm sein sollte, aber auffallend an das Gebahren des Truthahns erinnerte, welcher sich einbildet, der Beherrscher des Hühnerhofes zu sein. Der Mann war ein reich gewordener Wollenweber von der Breitenstraße. »Den reichen Klaus« nannte man ihn für gewöhnlich, sein eigentlicher Name aber war Klaus Lodewiges.

Meister Holtnicker kam seiner Aufforderung nach und berichtete, Kyphod habe ihm bedeuten lassen, nicht mehr lange mit Ausführung ihres Vorhabens zu zögern. Jetzt sei die beste Zeit. Die Burgensen seien geschwächt, die Blüte ihrer Jugend liege auf der Walstatt am Elmewalde, oder sei mit in Jerxheim eingeschlossen, oder schmachte in den Magdeburger Verließen. Auch Herzog Ernst mit seinen Mannen sei die Stadt jetzt glücklich los, an dem die Burgensen sonst einen kräftigen Rückhalt gehabt hätten. Darum solle man die Gunst des Augenblicks benutzen und losschlagen.

»Ich meine, des Amtmanns Rat sei weise und wohlbedacht«, sagte Klaus Lodewiges würdevoll.

»Er kann gut raten«, brummte ein anderer, »er braucht seine Haut nicht zu Markte zu tragen.«

»Ist Euch Eure Haut zu lieb, Meister Schiefelbein«, schrie Asche Kamla, »so bleibt zu Hause!«

»An einem fehlt es uns noch«, fuhr Holtnicker bedächtig fort, »und sobald sich das findet, sage auch ich: Schlagt los! Wir hier Versammelten sind ja wohl entschlossen, mit Gewalt unsere Ketten zu brechen. Viele andere fühlen auch wie wir das erdrückende Gewicht dieser Ketten, aber dennoch fehlt ihnen der Entschluß, sie abzuschütteln. Um sie nun zu diesem Entschluß zu bringen, um die Masse mit uns fortzureißen, dazu bedürfen wir etwas, das auch den Ruhigsten unter ihnen sein Bedenken vergessen läßt, ein Ereignis, vielleicht eine Gewaltthat der Burgensen, welche jedes Herz entflammt und auch des Trägsten Blut kochen macht. Sonst bleiben wir doch im Augenblick der That allein, ja, die uns unterstützen sollten, wenden sich vielleicht noch gegen uns.«

»Ich meine«, sagte der würdevolle Klaus Lodewiges und setzte in langer Rede seine Meinung aus einander. War aber genau das Nämliche, was Meister Holtnicker gesagt, nur mit etwas anderen Worten. Denn darin war der »reiche Klaus« stark, anderer Leute Gedanken sich anzueignen und mit gewichtigen Redensarten aufgeputzt als seine eigenen auszukramen.

Während seiner langen Auseinandersetzung rutschte einer der Versammelten unruhig hin und her. Das war Hans Eckermann, jener Schmied, welcher mit Holtnicker und Asche Kamla dem Auszuge der Stadtjunker nach dem Elmewalde zugesehen hatte. Machte auch wohl hie und da einen Versuch, den »reichen Klaus« zu unterbrechen, aber dies hatte nur zur Folge, daß der ihn würdevoll anschaute und dann den soeben gesprochenen Satz noch einmal mit gehobener Stimme wiederholte.

Als nun endlich Lodewiges Rede zu Ende war, brach Hans Eckermann los: »Ich weiß was, um das ganze Volk gegen die Burgensen in Aufruhr zu bringen.«

Aller Augen wandten sich verwundert dem Schmied zu, welcher fortfuhr, indem er dabei mit der geballten Faust auf sein Knie schlug, als bearbeite er auf dem Amboß ein Stück glühendes Eisen: »Ihr wißt, Kort Doring, der Bürgermeister, ist nicht ohne Kunde davon, wie es unter den Gilden gährt, und daß allerhand geplant wird, den Burgensen zum Schaden. Wißt auch, daß er es nicht mit scheelen Augen ansieht, sondern sich freuen würde, wenn wir dem Tile vam Damme und seinem Anhange etwas am Zeuge flickten. Heute nun, auf dem Heimwege von der Frühmesse, holte er mich ein und ging eine Strecke neben mir her. Sprach von allerlei, fragte nach dem Handwerk und so weiter. Und als ich über die schlechten Zeiten klagte, meinte er: ›Ja, ja, das Brot wird nächstens noch teurer werden, als es jetzt schon ist.‹ Ich schaute ihn verwundert an, da sprach er weiter: ›Es soll ein neuer Scheffelpfennig aufgelegt werden.‹ – ›Ums Himmels willen‹ rief ich, ›das trifft uns geringe Leute am härtesten!‹ – ›Mag wohlsein‹, erwiderte er, ›aber seht, von den Geschlechtern sind viele am Elme gefangen und ebenso der Herzog Ernst mit an die sechzig seiner Mannen. Für alle die verlangt der Erzbischof jetzt hohes Lösegeld. Das muß die Stadt aufbringen und daher ist vom Rat ein neuer Scheffelpfennig beschlossen.‹ – ›Bei der Barmherzigkeit Gottes‹, wandte ich ein, ›sind denn die Geschlechter nicht reich genug, selbst die Ihrigen auszulösen?' – ,Hab's auch gemeint', sagte der Bürgermeister, ,muß aber doch wohl nicht so sein. Der reiche vam Damme wenigstens behauptet, nicht einmal seinen eigenen Schwiegersohn lösen zu können –'«

Der Schluß der Erzählung verhallte in dem sich erhebenden Tumult. Welche Wirkung die Verkündigung des neuen Scheffelpfennigs auf die Masse haben würde, konnte man jetzt schon an der Erregung der wenigen sehen. Nur mit Mühe vermochte sich Holtnicker endlich Gehör zu verschaffen. »Habt Ihr schon anderen von dem erzählt, was der Bürgermeister gesprochen?« fragte er den Schmied.

»Nein, Gevatter«, erwiderte dieser.

»Dann haltet auch ferner reinen Mund. Überraschend muß diese Kunde wirken, wenn sie zünden soll. Dann aber wird sie auch wie ein Blitz einschlagen. Und damit die Flamme schnell und unaufhaltsam um sich fresse, laßt uns jetzt überlegen, was wir dazu vorbereiten müssen.«

Sie rückten noch enger um das Feuer zusammen und eifrig gingen die Worte hin und her. Und wie die Rede gleich einem Weberschiff hin und her fuhr, wob sich ein Netz, dicht genug, um selbst den gewandten Tile vam Damme zu fangen und so kräftig gewirkt, daß auch die alterprobte Kraft braunschweigischer Geschlechter es nicht wird zerreißen können. Und wie sich so Masche an Masche fügte, sank mehr und mehr das Feuer in der Mitte der Beratenden zusammen und mit seiner erwärmenden Flamme erlosch in der Brust der Männer der letzte Funke erbarmenden Mitleids mit denen, so ihrer Rache verfallen waren.

Das Netz war fertig, der Plan vollendet, da sagte Klaus Lodewiges: »Eins haben wir noch vergessen, liebe Freunde; notwendig wird es sein, daß einer von uns der Anführer ist, dessen Befehle die anderen befolgen. Wollt den jetzt bestimmen.«

»Da ist keine lange Wahl nötig!« rief Asche Kamla. »Schon vor Monaten hat uns Amtmann Kyphod einen Anführer bezeichnet, nämlich den Meister Holtnicker.«

Der reiche Klaus wurde rot wie ein kollernder Truthahn. »Wollen Braunschweiger Bürger fremdem Befehl bei solcher That gehorchen?« fragte er mit mühsam verhaltenem Ärger.

»Nicht einem Befehl, sondern einem guten Rat folgen wir«, erwiderte der Schmied Eckermann, »Holtnicker ist der richtige Mann zum Anführer.«

»Ja, das ist er!« – »Holtnicker wollen wir folgen!« – »Er soll unser Führer sein!« so tönte es bunt durch einander. Sie drängten sich um den Erwählten und schüttelten ihm kräftig die Hand.

Klaus Lodewiges erhob sich indessen und zog den Mantel wie fröstelnd um die Schultern. »Es ist schon spät«, sagte er, »man erwartet mich zu Haus, Gehabt euch wohl!« Damit verschwand er hinter dem Teppich. Man hörte, wie er den Riegel von der Eichenthür zurückschob, dieselbe hinter sich zuzog und dann die äußere Thür aufstieß.

»Glaubt der Geldsack, ihn würden wir zum Haupt küren?« fragte Asche Kamla.

»Es scheint so«, meinte Holtnicker mit bedenklichem Kopfschütteln. »Er ist beleidigt. Hoffentlich wird er nicht darob unserer Sache untreu.«

»Keine Furcht!« lachte der Schmied. – »Wißt Ihr nicht, daß er den alten Doring bis aufs Blut haßt?«

»Warum?«

»Schon vor Jahren wollte er in den Rat, und da er Geld hat, war er nicht ohne Aussichten. Aber Kort Doring hintertrieb's. ›Eine Hand, die Wolle gekratzt‹, hat damals der hochmütige Junker gesagt, ›könne man nicht auf dem Rathaus brauchen.‹ Das wurde dem reichen Klaus wieder erzählt und seitdem hat er einen tödlichen Haß auf den Bürgermeister geworfen.«

 

»Ah, da bist Du! Das ist mir lieb. Ich hatte Dich auf später bestellt, wenn ich von meinem Ritt zurück wäre; da Du mir jetzt in den Weg läufst, können wir es gleich abmachen.«

Der Quade kam die Treppe vom Fürstenhause herunter; am Fuße derselben traf er mit Heinz Kyphod zusammen, an welchen die obigen Worte gerichtet waren.

Kyphod machte eine zustimmende Verbeugung und ging neben dem Fürsten her, welcher sich dem Marstall zuwandte.

»Was befehlen Fürstliche Gnaden?«

»Hast Du Nachrichten aus Braunschweig?« fragte Herzog Otto, indem er in der offenen Thür des Stalles stehen blieb.

»Soeben ist ein Bote gekommen. Es ist beschlossen, nächste Woche loszuschlagen.«

»Ah, das ist gut.«

»Am Montag muß der Rat das Lösegeld für die Gefangenen von den Gemeinen fordern, volle viertausend Mark, denn die Versuche seiner Abgesandten, dem Erzbischof etwas von dem Geforderten abzudingen, sind erfolglos geblieben.«

»Daran bin ich nicht unschuldig«, lachte der Quade.

»Ein neuer Scheffelpfennig soll die Summe aufbringen. Das wird natürlich böses Blut geben bei den Gilden und gemeinen Leuten, und diese Gelegenheit wollen die Verschworenen benutzen. Sie hoffen, das Ansinnen des Rates werde die Lammesgeduld der Masse endlich zerreißen.«

»Das wäre also übermorgen?«

Kyphod bejahte.

»Und die Männer werden reine Bahn machen?«

»Ich glaube dazu die Rechten ausgewählt zu haben.«

»Nur kein überflüssiges Mitleid! Unausfüllbar muß die Kluft zwischen Stadtjunkern und Gilden werden. Sonst vereinigen sie sich doch wieder gegen mich, statt zu meinen Füßen zu kriechen und gegen einander um Hilfe zu flehen.«

»Fürstliche Gnaden können dessen versichert sein.«

»Den Knappen Doring hast Du fortgeschickt?«

Er ist mit einem Auftrage zum Ritter Schwichelde nach der Liebenburg, von wo er schwerlich vor Montag zurückkehren wird. Ich fürchtete, hier könne er vor der Zeit etwas merken. Ist es doch manchmal, als ob so etwas in der Luft läge. Und eine Warnung an seinen Vater könnte das ganze Spiel verderben.«

»Das wäre verflucht! Mag der alte Griesgram selbst sehen, wie er mit heiler Haut davon kommt.«

Der Fürst sah einen Moment stumm vor sich nieder, dann hob er plötzlich den Kopf und sagte, Heinz Kyphod fest in die Augen sehend: »Ich weiß jetzt auch, an wen mein Vetter sein Herz verloren hat!«

Der Amtmann antwortete nur mit einer stummen Verbeugung.

»Die Herzogin hat mir's gesagt. Frauen haben in solchen Dingen verdammt scharfe Augen. Und meine eigenen Beobachtungen haben es bestätigt. Höllisches Elend! Du willst hoch hinaus, Heinz!«

»Nur zum Vorteil Eurer Fürstlichen Gnaden.«

»Mit dem sich der Deinige wunderbar vermischt«, lachte der Quade.

»Längst würde ich der Sache ein Ende gemacht haben, hätte ich nicht gehofft, sie zu Gunsten meines gnädigsten Herrn ausbeuten zu können.«

»Seit wann spielt die Geschichte?«

»Bald nachdem im Gefolge Ihrer Gnaden, der Frau Herzogin, meine Tochter hieher gekommen war, hielt sie es für ihre Pflicht, mir mitzuteilen, daß Herzog Friedrich in auffallender Weise ihr Aufmerksamkeiten erzeige. Sie wünschte dieselben abgeschnitten, da sie nicht einsehe, wozu die Sache führen solle –«

»Höchst sittsam und vernünftig«, warf der Fürst ein.

»Ich befahl ihr jedoch«, fuhr Kyphod fort, »nachdem ich die Erlaubnis Eurer Fürstlichen Gnaden, auf diesem Wege einen Erbverzicht vom Herzog Friedrich zu erlangen, erhalten hatte –«

»Von Deiner Tochter war damals keine Rede«, unterbrach Herzog Otto.

»Ich wollte mir erst mit eigenen Augen Gewißheit verschaffen, ob Irmgarde sich auch nicht geirrt; und Ihr erlaubtet mir, gnädigster Herr, den Namen der Betreffenden bis dahin –«

»Ja, ja, ich weiß, ich weiß! Nun, Jungfrau Irmgarde hat sich nicht geirrt, das kann jetzt alle Welt sehen. Hat übrigens keinen schlechten Geschmack, mein Vetter. Deine Tochter ist ein schönes Mädchen geworden. Aber das sag' ich Dir, Heinz, ehe nicht der Verzicht in meiner Hand ist, klar und deutlich, daß der junge Herzog alle seine Rechte auf die Erbfolge im wolfenbüttelschen Lande mir überträgt, gebe ich meine Einwilligung nicht. Ich fürchte, er wird hart daran gehen. Erinnerst Du Dich, wie er neulich in Heiningen als Landesherr gegen mich auftrat? Nun, wozu hat Jungfrau Irmgarde ihre hübschen Augen? Mag sie sehen, wie weit sie ihn damit bringt.«

Der herzogliche Rappe wurde vorgeführt. Der Fürst schwang sich in den Sattel, nickte Kyphod zum Abschied zu und sprengte, von einem Diener gefolgt, davon. Er lachte laut auf, als er über die Zugbrücke hinaus war. »Habe ich nur erst den Verzicht«, murmelte er, »mag Jungfrau Irmgarde zusehen, wie sie zu ihrem Prinzen kommt.«

Auch der Amtmann wandte sich seiner Wohnung zu; er rieb sich behaglich die Hände und schlug auch wohl mit den inneren Handflächen gegen einander, als klatsche er sich selbst Beifall. »Einen Verzicht sollst Du haben, mein lieber Quade«, murmelte er dabei, vergnügt schmunzelnd, »einen runden, netten Verzicht, o, einen ganz wunderbaren Verzicht. Wird aber doch nur ein Stückchen Pergament sein, dieser Verzicht, ha, ha, ein Stückchen Pergament, an das sich niemand lehren wird, niemand! Meinst Du denn, mein lieber Quade, ha, ha, meinst Du, ich hätte Lust, der Schwiegervater eines länderlosen Fürsten zu werden!«

Einige Minuten waren vergangen, der Amtmann im Hause verschwunden. Nichts regte sich auf dem Burghof. Da trat aus der noch weit geöffneten Thür des Marstalls ein kaum zwanzigjähriger Jüngling und bog mit schnellen Schritten um die Ecke des Ritterhauses. Dort war ein stilles, heimliches Plätzchen, von der Sonne beschienen, wir haben einmal Rolef Doring dort getroffen. Auch der Jüngling ließ sich dort nieder und starrte lange vor sich hin mit düster zusammengezogenen Augenbrauen.

Was in seiner Seele vorging? – Oft drängt das Schicksal an erziehender und den Menschen zu geistiger Reife bringender Gewalt in einen Augenblick zusammen, was es bei anderen und zu anderen Zeiten auf lange Jahre verteilt. So war es jetzt beim jungen Herzog Friedrich. Hinter der Marstallthür verborgen, war ihm kein Wort von dem entgangen, was der Quade und Heinz Kyphod mit einander verhandelt hatten. Und jedes Wort war wie ein Hammerschlag auf sein weiches Herz gefallen. Aber eine stählende Kraft hatten diese Worte gehabt. Ein liebeskranker Jüngling, fast noch Knabe zu nennen, hatte er zu horchen begonnen, ein gereifter Mann saß er jetzt da, auf dessen düster gefalteter Stirn ein fester Entschluß geschrieben stand.

Und dennoch seufzte er nun tief auf: »O Irmgarde, Irmgarde! Das ist der Schlüssel zu Deinem rätselhaften Wesen. Nur wenn Du Dich Deiner Aufgabe erinnertest, mich um Land und Leute zu bringen, strahlten Deine Augen mich an, sonst lachten sie einem anderen. Aber das ist vorbei, nun für immer vorbei. Besser ein scharfer, schmerzhafter Schnitt, als durch ein krankes Glied den ganzen Leib verfaulen lassen.«

Er richtete sich hoch auf. »Ich werde Eure Pläne zu kreuzen wissen, mein teurer Vetter und Vormund«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Euer Haß und Eure Gier sollen sich stumpf an meiner Geduld beißen. Unverdrossen werde ich ausharren, bis der rechte Augenblick zum Handeln kommt. Bis dahin aber will ich Euch zu schaden suchen, wo und wie ich kann, im stillen, im kleinen und im großen. Hätte ich nur einen Boten nach Braunschweig zu schicken, um den Rat zu warnen. Rolef Doring! Ich habe ihn mir zum Feinde gemacht um Irmgardes willen, aber es handelt sich um das Leben seines Vaters, damit kann ich ihn mir wieder zum Freunde machen. ›Die Dörings sind ein treues Blut‹, pflegte mein Vater zu sagen; wohlan, mag er alles wissen, was ich gehört. Offenheit erwirbt Vertrauen und ich brauche einen, nur einen, dem ich vertrauen kann. Laß sehen. – Reite ich die Nacht durch, kann ich morgen Vormittag auf der Liebenburg sein und Doring dann übermorgen früh in Braunschweig. So wird es gehen. Frisch ans Werk! O, es ist eine Wohlthat, jetzt, gerade jetzt nicht die Hände in den Schoß legen zu müssen, sondern handeln zu können!«

Als der Quade am anderen Tage nach seinem Vetter fragte, hieß es, er sei in den Börsumer Forst. »Herzog Friedrich will gehört haben, daß dort ein Bär bestätigt sei«, setzte Heinz Kyphod hinzu, »und nach den neulichen Vorgängen bei Heiningen laßt es ihm keine Ruhe, bis er sich auch einen Bärenpelz erbeutet hat.«

Da lachte der Quade und die ganze Tafelrunde lachte mit ihm.

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