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Ein Stadtjunker in Braunschweig

: Ein Stadtjunker in Braunschweig - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEgbert Carlssen
titleEin Stadtjunker in Braunschweig
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Zwölftes Kapitel

Jagdgeschichten

Mit offenen Armen war Irmgarde Kyphod auf Burg Dorstadt aufgenommen worden. Ihre Freundin Maria v. Dorstadt hing an ihr mit fast leidenschaftlicher Zärtlichkeit, und auch deren Mutter, die Edelfrau, hielt große Stücke von der schönen, klugen und freundlichen Tochter des Amtmannes, von der sie wohl zu sagen pflegte, sie verbinde mit der holdseligsten Jugendfrische die bedächtige Sorgsamkeit des Alters. Keine angenehmere Unterbrechung des langweiligen Landlebens, gegen dessen Eintönigkeit die Monotonie des heutigen noch unterhaltend genannt werden müßte, konnten sich daher Mutter und Tochter denken, als dieser überraschende Besuch Irmgardes. Von einem kurzenBesuch durfte gar keine Rede sein, so bald lasse man den lieben Gast nicht wieder fort, hieß es; das kleine Gemach, welches Maria bewohnte, mußte groß genug sein, auch noch Irmgarde aufzunehmen. Und als diese vorschützte, nicht auf einen längeren Besuch eingerichtet zu sein, sprengte der Burgherr selbst einen Reitenden nach Wolfenbüttel, um das Erforderliche nachzuholen.

Am nächsten Tage kam auch der Quade nach seinem Jagdhaus Heiningen. Er brachte nur ein kleines Gefolge mit, unter den wenigen war aber Herzog Friedrich. Kein geringerer Grund hatte den Quaden zu diesem Jagdausfluge bestimmt, als die Botschaft seines Heininger Försters, im dortigen Forst sei ein Bär »bestätigt«. Das war eine doppelt willkommene Kunde zu einer Jahreszeit, wo die Schongesetze die Pürsch auf Edel- und Schwarzwild verboten und neben Fuchshetzen und Reiherbeizen nur Raubwild dem eifrigen Weidmann zur Befriedigung seiner Leidenschaft dienen konnte.

Doch wurde die Erwartung der Jäger, wenigstens zunächst, getäuscht. Der Bär, durch die warmen Frühlingstage aus seinem Winterschlafe geweckt, hatte schon wieder nach einem anderen Revier gewechselt, aber man mochte der guten Äsung wegen auf seine baldige Rückkehr hoffen. Um dann unverzüglich zur Stelle zu sein, beschloß der Fürst einstweilen in Heiningen zu bleiben. Am Abend des ersten Tages aber ritt er zu seinem Freunde und Genossen im Sternbunde, dem Edlen v. Dorstadt, hinauf. Da klangen laut im Palas die schweren Humpen, während darüber in der Kemnate Herzog Friedrich bei den Frauen saß und sein Herz an Irmgardes schwarzen Augen erquickte, welche ihn so ermunternd anstrahlten, und an dem holden Lächeln, das ihren roten Mund bei seinen Schmeichelworten umspielte.

Indessen war Rolef Doring nach Wolfenbüttel zurückgekehrt, nicht so leichten Herzens, wie er ausgeritten. Am Morgen nach seiner Rückkehr suchte er den Amtmann auf und stattete ihm Bericht über die Ausführung seines Auftrages ab. Der empfing ihn mit gewohnter Freundlichkeit. »Es ist still hier«, meinte er, »der Herzog jagt in Heiningen. Ihr solltet ihm nach.«

»Ich bin nicht aufgefordert, mit zu jagen«, erwiderte Rolef bescheiden.

»Das ist wahr, aber – wißt Ihr was – ich gebe Euch morgen eine Botschaft an Fürstliche Gnaden. Seid Ihr einmal dort, wird Euch der Herzog schon da behalten; er schätzt Euch als tüchtigen Jäger.«

Es geschah so, wie der Amtmann vorgeschlagen und in der That lud Herzog Otto Rolef ein, die Jagd auf Meister Petz mitzumachen. Indessen vergingen noch einige Tage, bis es diesem Biedermann gefiel, sich wieder einzustellen. Doch gab es bis dahin Unterhaltung genug für die Ritter! Fuchshetzen und Reiherbeizen füllten den Tag aus und abends wurde gebechert und gewürfelt, entweder in der großen Trinkstube des Jagdhauses oder oben im Palas der Burg Dorstadt.

An den Reiherbeizen nahm auch das Edelfräulein v. Dorstadt mit ihrer Freundin Irmgarde gern teil. Dann waren sie meistens die ersten mit den beiden Fürsten, Respekt und Galanterie ließen die Ritter des Gefolges sich zurückhalten. Herzog Friedrich wich kaum von Irmgardes Seite und doch geschah es ihm manchmal in der Hitze der Jagd, daß er von ihr abkam. Suchte er nach ihr, fand er sie meistens weiter rückwärts, inmitten des Gefolges. »Sie sei keine schneidige Reiterin«, scherzte Irmgarde dann, »um mit den hohen Herren gleichen Schritt halten zu können.« Seltsamer Weise bemerkte der junge Herzog aber fast immer in größerer oder geringerer Nähe der Jungfrau den Knappen Doring; ja, mehr als einmal überraschte er sie im eifrigsten Gespräch. Dann zogen sich seine Augenbrauen finster zusammen und es dauerte geraume Zeit, bis Irmgardes munteres Lachen ihn wieder in gute Laune versetzte.

Und nicht nur dann mußte er in ihrer Nähe Rolef begegnen. Auch wenn im Palas der Burg die Becher lustig zusammen klangen und Herzog Friedrich sich fortstahl, um zur Kemnate hinauf zu steigen, stieß er dort auf den Knappen. Zuerst war ihm das nicht so unrecht gewesen. Er fand, daß er viel ungestörter mit Irmgarde plaudern konnte, wenn Rolef indessen Mutter und Tochter Dorstadt unterhielt. Aber schon das nächste Mal bemerkte er plötzlich sich selbst in der eifrigsten Unterhaltung mit Frau und Maria v. Dorstadt, während Irmgardes holde Augen den Knappen so vertraulich anlachten, daß es ihm fast das Herz abdrückte. O, diese Hexe! Und dennoch hing an dieser Hexe sein Herz mit aller Innigkeit, mit aller Leidenschaft einer ersten Liebe.

So kam der Abend heran, an welchem endlich Herzog Otto die ersehnte Meldung von der Rückkehr des Bären erhielt. Sofort erging der Befehl, alles zur Jagd auf den nächsten Morgen vorzubereiten. Schon vorher hatte man die Richtung bestimmt, in welcher der Bär gejagt werden sollte, hatte der Fürst einen freien Platz ausgewählt, wo er das Tier mit den ausgesuchten Hunden seiner Leibhatz erwarten und, wenn diese Meister Petz niedergezogen, ihn »stechen«, das heißt mit dem Eberspieß fällen wollte. Nun wurden noch in der Dämmerung des Abends die Garne gerichtet, welche um den Platz des Herzogs das Entkommen des Tieres zu verhindern hatten, eine Vorkehrung, die ebenso viel Umsicht als Erfahrung erforderte. Auch wurden an beiden Seiten entlang des Weges, welchen man den Bär zu treiben beabsichtigte, geeignete Stellen, entsprechend den bekannten Wechseln des Wildes, bestimmt, an welchen, durch Gebüsch verdeckt, je ein Trupp Jäger mit den erforderlichen Hatzhunden aufgestellt werden sollte, um das Ausbrechen des Wildes zu verhüten.

Schon früh am nächsten. Morgen war alles auf seinem Posten. Der Heininger Förster sprengte mit seinen Knechten den Bären auf. Die Jagdhunde, denen zum Stellen und Niederziehen schwere Hatzhunde beigegeben waren, wurden auf die Fährte gesetzt und mit lautem Gekläff trieb die Meute den verdrossen vorwärts trollenden Gesellen zu immer schnellerem Lauf. Gleichzeitig begann die Treibwehr langsam vorzurücken. Aber Meister Petz hatte keine Lust, das Schauspiel nach dem von den Jägern entworfenen Plane durchzuführen. Er versuchte auszubrechen, und als ihn die dort aufgestellte Hatz daran hindern wollte, nahm er die Hunde an und begrüßte die auf ihn einstürmenden mit wuchtigen Schlägen seiner gewaltigen Tatzen, Unter solchen Umständen blieb nichts übrig, als den Herzog herbei zu holen, damit derselbe an Ort und Stelle das Werk vollende. Schnell war der Fürst zur Stelle und wütend stürzten sich die Hunde seiner Leibhatz, voran die prächtigen schwarzen Doggen mit dem weißen Stern, auf den zottigen Petz, Aber dieser, ein kräftiges Tier, erwehrte sich auch der neuen Angreifer, ein Tatzenschlag traf die eine Dogge in die Weichen und riß ihr den Bauch auf, daß das Tier heulend zu seinem Herrn zurückkroch, um zu dessen Füßen zu verenden.

Da ergrimmte der Quade. Den Eberspieß in der nervigen Faust schritt er auf den Bären zu, welcher, den würdigeren Feind gewahrend, die Hunde abschüttelte, sich auf die Hinterbeine stellte und mit zornigem Gebrumm dem Fürsten entgegen lief. Aber die Meute ließ nicht ab von ihm, die großen Hatzrüden sprangen hoch an ihm hinauf, verbissen sich in sein zottiges Fell und zogen ihn von neuem nieder. Da versetzte ihm der Quade mit dem Spieß den Todesstoß.

Indessen hatte sich eine andere Scene auf dem ursprünglichen Standpunkte des Fürsten abgespielt, wo auch Herzog Friedrich seinen Platz angewiesen erhalten hatte. Durch das Hetzen des zottelpelzigen braunen Fremdlings war auch das andere Wild im Forst rege gemacht, hauptsächlich die Sauen, an denen das Revier reich war. Aber ungestört ließen die Jäger die Tiere, als zur Zeit nicht jagdbar, sich wieder in der Dickung verbergen.

Nur Herzog Friedrich, hingerissen von der Jagdlust und dem jugendlichen Eifer, sich hervorzuthun, konnte der Versuchung nicht widerstehen, ein dicht neben ihm durch das Gestrüpp brechendes »hauendes Schwein« anlaufen zu lassen. Er stellte sich ihm mit dem Eberspieß entgegen, aber ohne genügende Erfahrung in der Führung der Waffe verfehlte er die richtige Stelle und verwundete das Tier nur leicht am Kopfe. Dadurch zur äußersten Wut gereizt, griff jetzt der Eber den Prinzen an, der in der Verwirrung nicht einmal Zeit fand, das Schwert zu ziehen, der Spieß war ihm schon beim ersten Anprall durch die Wucht des anstürmenden Tieres aus der Hand geglitten. Glücklicher Weise bemerkte Rolef seine Notlage und stürzte sich zwischen ihn und das wütende Tier. Was dem Prinzen mißlungen, glückte ihm, das Schwein jagdgerecht anlaufen zu lassen. Aber Dank erntete er nicht dafür. »Zum Teufel!« rief der junge Herzog, welcher endlich sein Schwert aus der Scheide bekommen hatte und mit der blanken Klinge in der Luft herumfuchtelte, »was fällt Euch ein, Knappe Doring? Wie könnt Ihr es wagen, Euch hier einzumischen!«

Erstaunt sah Rolef auf, dann trat er bescheiden zurück. »Entschuldigt, Fürstliche Gnaden«, sagte er, »ich fürchtete –«

»Was fürchtetet Ihr?« unterbrach ihn der Herzog heftig. »Fürchtetet Ihr, ich könnte mit dem Schweine nicht allein fertig werden? Höchst unnütze Furcht! Ja, naseweise Besorgnis! Bleibt mir ein anderesmal mit Eurer ungebetenen Einmischung vom Halse!«

Die laute Stimme des jungen Fürsten, welcher in seinem Zorn immer gellender sprach, lockte die anderen Jäger herbei. Unter ihnen trat auch der Quade heran. »Wer hat das Schwein gestochen?« fragte er mit gerunzelter Stirne.

»Ich, Fürstliche Gnaden«, sagte Rolef vortretend.

»Wißt ihr Stadtjunker so wenig, was Brauch auf der Jagd?« schalt der Herzog.

»Besser als gewisse Fürsten«, brummte der Edle v. Dorstadt halblaut, welcher den Vorgang mit angesehen hatte.

Herzog Friedrich wurde dunkelrot, der Quade aber sah erstaunt auf seinen Freund. »Was soll die dunkle Rede?« rief er, heftig mit dem Fuß aufstampfend. »Höllisches Elend! Heraus mit der Sprache!«

Da trat Herzog Friedrich vor. »Ich ließ das Schwein zuerst anlaufen«, sagte er.

»Das mißlang aber«, vollendete der Edle v. Dorstadt, sich den Bart streichend, »und das gereizte Tier würde den Herzog häßlich zugerichtet haben, hätte sich nicht der Knappe Doring dazwischen geworfen.«

Ein kaum unterdrücktes Lachen ging durch die Reihen der Jäger. »Ei, ei, Vetter«, knurrte der Quade und er konnte nicht verhindern, daß auch um seinen Mund ein verstecktes Lachen spielte, »ei, ei, Vetter, seid Ihr so erpicht auf Jagdruhm, daß Ihr mir zur Schonzeit meine Sauen totstechen wollt?«

»Es sind meine Sauen«, brauste der Herzog auf. »Ich bin der Landesherr!«

Da funkelte es wie Wetterleuchten in den Augen des Quaden. Er drehte sich kurz um und über die Schulter sagte er zu seinem jugendlichen Vetter: »Wer Land und Leute regieren will, mag zuerst einmal lernen, einen Jagdspieß regieren.« –


Doppelt fröhlich war heute die Tischgesellschaft auf Burg Dorstadt, wo der Quade zum Abschiede tafelte, denn morgen wollte er mit seinen Rittern nach Wolfenbüttel zurückkehren. Die gelungene Jagd hatte alle in die beste Laune versetzt, nur Herzog Friedrich konnte seines Mißmutes nicht Herr werden, trotzdem er neben Irmgarde saß, welche ihr munterstes Lachen an ihn verschwendete. Erst als sie, des vergeblichen Mühens überdrüssig, sich von ihm abwandte, wurde er gesprächiger, und nun war es wieder Irmgarde, die ihm kurze Antworten gab und ihre Blicke oft nach dem unteren Ende der Tafel wandern ließ, wo Rolef seinen Platz hatte. Als aber die Humpen immer häufiger geleert und die Reden der Ritter immer lauter wurden, erhob sich Frau v. Dorstadt und zog sich mit Maria und Irmgarde zurück. Bald nach ihnen verschwand auch Herzog Friedrich.

Da tönte plötzlich lauter Hörnerklang vor der Burg und bald darauf hörte man auf der zum Palas führenden Treppe die hastigen und schweren Schritte eines Gewappneten. Die Thüre ward aufgerissen und in ihrer Öffnung der Ritter Pusteke sichtbar.

Er schritt hastig auf Herzog Otto zu, beugte leicht das Knie vor ihm und sagte: »Ich bringe das Neueste aus Magdeburg, Fürstliche Gnaden!«

»Heraus damit, was giebt's?«

»Die Stiftischen haben einen großen Sieg am Elmewald erfochten. Busse Dus hat die Braunschweiger Stadtjunker heillos geklopft.«

»Mög es ihm Gott vergelten! Weißt Du Genaueres?«

»Die Braunschweiger hatten sich geteilt. Herzog Ernst mit seinen Mannen und einem Teil der Städtischen erwartete die Magdeburger auf offenem Felde, der Rest der Städtischen war in den Hinterhalt gelegt und sollte erst hervorbrechen, wenn der erste Haufe den weichenden Feind an ihnen vorbei triebe. Busse Dus dachte aber nicht daran, zu weichen, sondern haute im Gegenteil den Herzog mit seinen Mannen, daß die Funken davon stoben. Endlich wurde denen im Hinterhalte die Zeit lang. Sie kamen heran. Aber nachdem Busse Dus mit dem ersten Teile fertig geworden, warf er sich jetzt auf sie und prügelte sie auch noch. Über hundert Gefangene sind nach Magdeburg gebracht, unter ihnen auch der Herzog. Der Rest wird in Jerxheim eng umschlossen gehalten.«

»Mein armer Vetter Ernst«, höhnte der Quade. »Aber warum haben sich Seine Liebden mit den Stadtjunkern eingelassen!«

Keiner war an der Tafel, welcher nicht über die Niederlage der Braunschweiger in hellen Jubel ausgebrochen wäre. Rolef hatte sich still hinaus geschlichen.

Wohl hatten ihm die, welche da geschlagen waren, übel mitgespielt und ihrem aufgeblasenen Hochmut gönnte er den blutigen Lohn. Aber es waren doch seine Mitbürger und die Fahne, welche dort in den Staub gesunken, der stolze, rote Löwe in weißem Felde, das Zeichen der geliebten Vaterstadt. Darüber war der Schmerz mächtiger in ihm, als die Freude über die Niederlage seiner persönlichen Feinde.

Bis spät in die Nacht hinein dauerte im Palas der Lärm des Zechgelages. Schon lange vorher hatten sich die Frauen zur Ruhe begeben. Auch Maria und Irmgarde, wenigstens die erstere. Irmgarde war leise wieder aufgestanden, nachdem die Freundin eingeschlafen, hatte das kleine Fenster geöffnet und schaute in die Mondnacht hinaus. Das that sie an manchem Abend, es ließ sich dann so gut, so ungestört träumen. Da klang eine Stimme zu ihr hinauf, die sang:

»Wenn nächt'ge Schatten dunkeln,
Wenn Mißmut mich umzieht,
Vor Deiner Augen Funkeln
Er schnell von dannen flieht!«

Hastig schloß Irmgarde das Fenster. Es war Herzog Friedrichs Stimme; die mochte sie nicht hören, wenn sie »träumte

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