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Ein Sommer in London

Theodor Fontane: Ein Sommer in London - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
titleEin Sommer in London
authorTheodor Fontane
publisherInsel
addressFrankfurt
isbn3-458-33423-8
senderreuters@abc.de
created20040604
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Parallelen

Es gibt Leute, die alles Raisonnement über den Charakter eines Volkes, geschweige ein Parallelenziehen zwischen dem einen und andern, eine müßige Beschäftigung nennen, und einem versichern, daß man von Glück sagen könne, in Darlegung solcher Ansichten nicht jedesmal die Kehrseite der Wahrheit zu seinem Glaubensbekenntnis gemacht zu haben. Ich gebe das teilweis zu; aber es hat mir jederzeit auch ferngelegen, dem Leser Weisheit predigen oder ihm tiefste Anschauungen und Aufschlüsse geben zu wollen. Die immer nur beziehungs- und bedingungsweise Richtigkeit alles dessen, womit ich meine Briefe vielleicht mehr erweitert als bereichert habe, ist von Anfang an niemandem einleuchtender gewesen als mir selbst, und dem eigentlichsten Zweck dieser Zeilen: zu unterhalten und anzuregen, hat immer nur das Verlangen eines unumwundenen, mir selber Bedürfnis gewordenen Bekenntnisses zur Seite gestanden, aus dem – teils im Zusammenklang, teils im Widerstreit mit andern Meinungen – sich eine Wahrheit entwickeln möchte.

So schreit' ich denn heut zu Parallelen zwischen deutschem und englischem Wesen, unbekümmert um die Müßigkeit oder Gewagtheit des Vorhabens, und benutze diese meine letzten Tage auf Londoner Grund und Boden, zum Niederschreiben von Vergleichungen, wie sie sich meinem Aug' und Urteil im Laufe eines halbjährigen Aufenthaltes aufgedrängt haben.

England und Deutschland verhalten sich zueinander wie Form und Inhalt, wie Schein und Sein. Im Gegensatz, zu den Dingen, die – von der Tuhularbrücke an bis nieder zur winzigsten Stecknadel – in keinem Lande der Welt eine ähnliche, auf den Kern gerichtete Gediegenheit aufweisen wie in England, entscheidet unter den Menschen die Form, die alleräußerlichste Verpackung. Du brauchst kein Gentleman zu sein, du mußt nur die Mittel haben, als solcher zu erscheinen und du bist es. Du brauchst nicht Recht zu haben; du mußt nur innerhalb der Formen des Rechtes dich befinden und du hast Recht. Du brauchst kein Gelehrter zu sein, du mußt nur Lust und Talent haben durch Mäzenatentum oder Mitgliedschaft wissenschaftlicher Vereine, durch Aufstöberung und Edierung alter, längstvergessener Schwarten, vielleicht auch durch Benutzung vertraulicher Mitteilungen die Rolle des Gelehrten zu spielen und du bist ein Gelehrter. Überall Schein. Nirgends ist dem Scharlatan-Unwesen so Tür und Tor geöffnet, wie auf dieser britischen Insel, nirgends verfährt man kritikloser, und nirgends ist man geneigter, dem bloßen Glanz und Schimmer eines Namens sich blindlings zu überliefern.

Der Deutsche lebt um zu leben, der Engländer lebt um zu repräsentieren. In Deutschland lebt man glücklich, wenn man behaglich lebt, in England, wenn man beneidet wird. Der Deutsche lebt um seinetwegen, der Engländer – versteht sich in egoistischem Sinne – um anderer willen. Er will ihnen nichts geben, aber er will empfangen: Lob, Ehre, Bewunderung. Der Engländer repräsentiert immer, ich glaube auch wenn er allein ist. Er weiß: Übung macht den Meister, und man hat in der Öffentlichkeit nur das, was man im geheimen übt. Man spricht von englischem Komfort, und mit Recht; aber man darf das Wort nicht falsch übersetzen. Der Engländer hat tausend Bequemlichkeiten, aber er hat keine Bequemlichkeit. Er hat die weichsten Teppiche, die besten Polster, die schärfsten Rasiermesser; sein Toilettentisch ist ein Bazar, eine Ausstellung im kleinen; er hat Regenschirme, die man in die Tasche stecken kann, und Sackpaletots, die dem Komfort auf Kosten der Schönheit huldigen, er hat das alles, und dennoch – keine Bequemlichkeit. Woher das? Der Engländer lebt wie ein Fürst, zum mindesten wie ein Minister: an die Stelle der Bequemlichkeit tritt der Ehrgeiz. Er ist immer bereit zu empfangen, Audienz zu erteilen, den Wirt des Hauses, den Vertreter einer Firma, eines Amtes, eines Namens zu machen; er wechselt dreimal des Tages seinen Anzug; er beobachtet bei Tisch – im sitting- und im drawing-room – bestimmt vorgeschriebene Anstandsgesetze, er ist ein feiner Mann, eine Erscheinung die uns imponiert, ein Lehrer, bei dem wir nolens volens in die Schule gehen, er ist alles mögliche Gute und Große, aber er ist langweilig, und mitten in unser Staunen hinein mischt sich eine unendliche Sehnsucht zurück nach unserem kleinbürgerlichen Deutschland, wo man so gar nicht zu repräsentieren, aber so prächtig, so bequem und gemütlich zu leben versteht.

Ich deutete wohl schon anderenorts darauf hin, wie das Repräsentationsgelüst den Engländer mit der Macht einer fixen Idee beherrscht. Dies Gelüst erzeugt natürlich auch eine besondere Begabung, und der allerunbedeutendste Engländer hat mehr Form, Haltung und Rednertalent, als ein ganzes Kollegium deutscher Stadträte zusammengenommen. Ich wohnte mit einem jungen Walliser zusammen, einem Menschen von gewöhnlicher Bildung und mäßigen Naturanlagen. Als aber sein Geburtstag herankam und wir ihn mit einer lustigen Festlichkeit überraschten, verbeugte er sich gegen uns ohne einen Anflug von Verlegenheit und hielt eine Ansprache, die mich durch die Feinheit und Abrundung in Erstaunen setzte. In Deutschland hätten wir unter einer gewissen gemütlichen Gesichterschneiderei jedem einzelnen die Hand gedrückt und hinterher erklärt, vor Rührung nicht sprechen zu können. Oh diese repräsentativen Gaben der englischen Nation die Ursache oder die Folge jener großen Repräsentation sind, die an der Spitze des Landes steht, dürfte schwer zu entscheiden sein. Ich glaube, daß eine Wechselwirkung stattfindet, und daß in demselben Maße wie jenes Repräsentationsbedürfnis einst die Parlamente schuf, diese hinwiederum das Bedürfnis und die Begabung zu jener Höhe gesteigert haben, auf der wir sie jetzt erblicken.

Das deutsche Leben hat etwas von einem Gymnasium, das englische von einem Kadettenhaus. Wie Mannigfaltigkeit und Uniformität stehen sie sich einander gegenüber. Man trete in eine Gymnasialklasse – welche Buntheit! Neben dem Sohn des Edelmannes, der beim Direktor eine hohe Pension bezahlt und mit Sporen in die Klasse kommt, sitzt der Sohn des Dorfschulzen, der eine Bodenkammer bewohnt und allsonnabendlich eine Kiste voll Viktualien als Nahrung für sich und als Miete für seine Wirtin erhält. Er trägt einen langen blauen Rock und einen Einsegnungshut. Er hat kein Silber in der Tasche, geschweige einen Goldstreifen um die Mütze, wie sein adliger Nachbar, der Râpé schnupft und den Lehrer verachtet, der noch bei Nessing und Karotten steht. Aber das Bauernkind darf seine Armut leichten Sinnes tragen, denn er ist klug und fleißig und gescheit, und überholt den noblen Pensionär, der auf einer der letzten Bänke Dambrett und Sechsundsechzig spielt. Die Fadenscheinigkeit des Rocks gilt bei uns noch als Nebensache, und wer was kann und weiß, der ist der erste. Die Gaben des Geistes rangieren vor den Gaben der Geburt.

In dem Kadettenhaus England ist es anders. Eine aristokratische Haltung zieht sich durch das Ganze. Das Äußere tritt sofort in sein Recht, um nicht zu sagen in den Vordergrund. Die Gleichheit in Erscheinung und Lebensweise ist frappant. Die Taillen sind gleich lang, die Krawatten gleich steif; der Scheitel sitzt auf jedem Kopf an derselben Stelle und die Gleichartigkeit des Anstands macht es schwer, zwischen Hoch und Niedrig zu unterscheiden. Die Eßzimmer, die Speisen selbst bieten eine überraschende Ähnlichkeit, und die erste und letzte Klasse, gleich steif bei Tische sitzend, handhaben Messer und Gabel in derselben vorschriftsmäßig-gentilen Weise. Die Wissenschaften werden gepflegt und die Auszeichnung innerhalb ihrer wird belobt, aber die adlige Haltung der Schule bringt es mit sich, daß ein Howard, ein Mowbray, ein Sutherland die ersten Plätze einnehmen, auch wenn sie nichts haben, als ihren Namen und Titel – und der Glanz hinwiederum, nach dem das Ganze strebt, macht den Reichtum zum Nebenbuhler des Geburtsadels, und beide – wie verfeindet untereinander – zu Siegern über den Geist.

Mit kurzen Worten: England ist aristokratisch, Deutschland demokratisch. Wir sprechen tagaus tagein von englischer Freiheit und sehnen uns nach einer Habeas-corpus-Akte und einem Parlamente, das mehr hat als das bloße Recht zu reden. Aber unsere Demokraten, zumal solche die England je mit Augen gesehen, wissen sehr wohl was sie tun, wenn sie den ganzen englischen »Plunder« (wie sie sich auszudrücken lieben) bekämpfen oder bespötteln. Es gibt kein Land, das – seiner bürgerlichen Freiheiten ungeachtet – der Demokratie so fernstünde, wie England, und begieriger wäre, teils um die Gunst des Adels zu buhlen, teils den Glanz und Schimmer desselben zu kopieren. Daher die stereotypen Formen des englischen Lebens: der Kleine wetteifert mit dem Großen, der Arme mit dem Reichen, und innerhalb dieses Wettkampfs zieht der Niedrigstehende doch wiederum den Hut vor dem Lord, dessen Gig an dem seinen vorüberjagt, und betrachtet das Kindeskind eines Baronets oder Members of Parliament als einen Gegenstand seiner besonderen Rücksicht und Devotion. Es ist charakteristisch, was Thackeray – ein Schriftsteller, von dem man mit gutem Gewissen behaupten kann: »jeder Zoll ein Engländer« – über dies bis zur Widerwärtigkeit sich steigernde Gebaren sagt. In seinem berühmten Romane Vanity Fair, der wie kein zweiter (am wenigsten Boz-Dickens) das Londoner Leben vor dem Auge des Lesers erschließt, äußert er sich wie folgt: »Es war am 15. Juni 1815; die Engländer in Brüssel, Napoleon vor den Toren; drei Tage später fielen die Würfel bei Waterloo. Die Herzogin von Richmond gab einen Ball. Der Zudrang nach Billets, das Intriguieren und das Betteln darum erreichte eine Höhe, wie sie nur der begreifen kann, der die Sucht des Engländers, Zutritt in die Kreise der Großen und Vornehmen seines Volks zu gewinnen, jemals mit Augen gesehen hat, und ich wage die Behauptung, daß die Frage 'ob eingeladen oder nicht' ganze Kreise unserer Landsleute damals lebhafter beschäftigte, als die Möglichkeit von Sieg oder Niederlage.«

So weit Thackeray. Und Deutschland? Wir haben Bevormundung und Polizei, und der »beschränkte Untertanenverstand« bildet immer noch die Basis von allerhand Gut- und Schlechtgemeintem; wir werden klein genommen und sind's in unsrer Jagd nach Titeln und Orden, wir sind zu Hunderttausenden noch die Philister und Krähwinkler der Weltgeschichte und stehen doch da als die Träger und Apostel einer echten Demokratie. Das Wort von der Freiheit und Gleichheit ist nirgends weniger eine Phrase, als bei uns. Wir haben keine politische Demokratie, aber eine soziale. Wir haben Klassen, aber keinen englisch-chinesischen Kastengeist; wir haben Schranken aber keine Kluft. Wir haben – Ausnahmen bestätigen die Regel – ein Nebeneinandergehen der verschiedenen Stände, von dem man in England keine Ahnung hat, und wenn es dort dem Reichtum, dem Amt und der Berühmtheit, also wiederum einer Art von Adel, gelingt, sich neben dem Vorzug der Geburt zur Geltung zu bringen, so ist es bei uns das Allgemeingut der Bildung, das ein unsichtbares Band zwischen den Ständen webt, und uns die Zutrittskarten schreibt, die niemand zurückzuweisen wagt.

Und um fortzufahren: Englands Kraft besteht in der anspruchsvollen Schätzung seiner selbst, Deutschlands Größe in der bescheidenen Würdigung alles Fremden. England ist selbstsüchtig bis zur Begriffsverwirrung, Deutschland gerecht bis zur eigenen Preisgebung.

Und nun zum Schluß: England ist praktisch, Deutschland ideal. Wunderbarer Widerspruch! Dasselbe Volk, das den Schein über die Wahrheit setzt, das Millionen im Götzendienst der Eitelkeit und hohler Repräsentation verprunkt, das Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um beim Herzog von Wellington vorfahren und dem alten Herrn einen Kratzfuß machen zu können – dasselbe Volk ist praktisch vom Wirbel bis zur Zeh, von der magna charta an bis zur neupatentierten Häcksellade, und erobert die Welt, nicht – wie sonst wohl Eroberer – aus Ruhm – und Tatendurst, sondern um unterm Zusammenströmen aller Schätze daheim einen praktischen Nutzen und einen komfortablen Platz am Kamin zu haben. Und wir?! Dasselbe Volk, das die Wahrheit liebt und dem Wesen der Dinge nachforscht, es verliert im Suchen nach dem Wirklichsten die Wirklichkeit unter den Händen und wird zum Träumer, dem das Leben in seiner Welt über die Welt da draußen geht.

Sei's drum! und spotten wir seiner nicht; sprechen wir vielmehr mit jenem liebenswürdigen Landsmann, dessen Haus mir allabendlich offensteht und dessen Seele ferngeblieben ist dem Engländertum so vieler seiner Freunde und Bekannten: yes, England, that's the first country of the World, but – Germany still a little before it.Ja, England ist das erste Land der Welt, doch – Deutschland noch ein wenig vorher.

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