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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Drittes Kapitel.

Nach wenigen Augenblicken befand sich Karl an der Seite seines Oheims mitten in den glänzenden Gesellschaftssälen des Fürsten Kaunitz. Der Metternich des achtzehnten Jahrhunderts hatte vor dem des neunzehnten auch das voraus, daß er freigebig die Wissenschaft und die Kunst liebte; dafür hatte die letztere seine goldstrotzenden Gemächer mit ihren auserlesensten Schöpfungen geschmückt, und Karl war geblendet von der Pracht, die ihn umgab. Diese Gemälde, diese kostbaren Gobelins, diese hohen Girandolen, deren flammende Wachslichter sich zehnfach in den schönen hohen Trumeaux widerspiegelten – dieser ganze Pomp im Geschmacke der Zeit Ludwig's XV., an dessen Hofe Kaunitz die Hochschule für seine diplomatische Kunst und seinen Geschmack gefunden – das alles war für unsern jungen Landedelmann so überraschend, so fesselnd, daß sein Oheim ihn unter den Arm nehmen mußte, um ihn fortzuziehen.

Komm nur, Jüngelchen, komm nur, sagte er, ich muß dich erst dem Fürsten und der Dame des Hauses vorstellen – hernach versenke dich in Bewunderung, so tief wie du willst!

Der Fürst Kaunitz stand im folgenden Saale zwischen zwei ergrauten Kriegsmännern, denen er sehr lebhaft in französischer Sprache etwas erzählte.

Als er den nahenden Freiherrn von Meichelbeck mit seinem Neffen erblickte, winkte er den Gesandten heran.

Hören Sie zu, Baron, hören Sie zu, sagte er, es ist äußerst merkwürdig – Sie wissen doch, daß Prinz Nassau neulich behauptete, er habe einen persischen Schimmel, der alle meine Pferde schlage? Nun denken Sie, dieses Wunderwerk von einem Schimmel ist hier, der Nassau hat ihn mit Extrapostpferden von Warschau kommen lassen! Das nenne ich Eigensinn und Verschwendung! Heute Morgens hat denn der Allerweltsschimmel in meiner Sommerreitbahn seine Künste gezeigt, und wer glauben Sie, daß um achtzehn Zoll höher gesprungen ist? Mein alter Scheck aus der Ukraine – der alte Scheck hat ihn rein todt gemacht – o, es war ein superber Satz – ganz magnifique, ich hätte ihn selber nicht besser machen können, nicht wahr, Lacy, Sie waren dabei, nicht wahr?

Der Angeredete legte das Zeugniß, zu welchem er aufgefodert, durch eine leichte Verbeugung ab.

Apropos, Baron, Sie haben in der verflossenen Nacht einen Courier mit wichtigen Depeschen erhalten – unsere Wiener Zeitung hat es bereits gemeldet – darf man fragen?

Durchlaucht halten zu Gnaden, versetzte der Gesandte höflich ablehnend, indem er sein Gesicht in so tief ernste und geheimnißvolle Falten zog, als knüpfe er sie wie ein Tuch über einem Dinge zusammen, das ja nicht ans Tageslicht kommen dürfe: es betrifft Familienangelegenheiten meines gnädigsten Herrn.

Nun, Sie wissen, ich bin nicht neugierig, versetzte der Fürst mit einem sarkastischen Zuge von Ironie um den Mund; aber, fügte er hinzu, wen haben Sie denn da mitgebracht?

Ich habe mich unterstanden, meinen Neffen und Attaché, den Baron Karl von Schwalborn, mitzubringen, um ihn Ew. Durchlaucht gehorsamst vorzustellen und Hochdero Gnade zu empfehlen.

Karl machte eine tiefe Verbeugung, der Fürst, der eine Idiosynkrasie gegen alles hatte, was ihm »Junker« zu sein schien, nickte, ohne ein Wort zu sagen, mit demselben ironischen Lächeln dem Vorgestellten zu und fuhr dann in seinem Gespräche über seinen Schecken fort.

Der gute Kaunitz hat heute die Stallwache, raunte der Oheim Karl ins Ohr, nachdem Beide sich von ihm zurückgezogen – es gibt Tage, wo kein Wort aus ihm herauszubringen ist, was sich nicht auf Pferde bezöge. An andern sollte man ihn für einen Antiquar halten, denn er spricht nichts als von alten Gemälden. Der Officier neben ihm ist übrigens der berühmte Feldmarschall Lacy, und der andere ist der noch berühmtere Kriegsheld Laudon.

Nach diesen Worten ließ der Oheim Karl stehen, um sich der Fürstin Clary, welche im Hause des Haus-, Hof- und Staatskanzlers die Honneurs machte, vorzustellen. Karl aber konnte von der Gruppe der drei Männer, welche der Gesandte ihm genannt hatte, kein Auge verwenden. Dem Anschein nach auf einen Tisch mit Blumen geneigt und den Duft der Heliotropen einsaugend, ließ er seinen spähenden Blicken volle Freiheit. Kaunitz war ein hochgewachsener, jetzt vom Alter etwas gebeugter Mann, auffallend kostbar und elegant, fast stutzerhaft gekleidet, mit einem Gesichte voll Leben und Intelligenz. Die Stirn hoch, mit einer leisen Einsenkung quer über die Mitte, die starken regelmäßig gezeichneten Brauen hochgespannt, was seiner Physiognomie einen eigenthümlichen Ausdruck von Klarheit, Ueberlegung und Fernsichtigkeit gab – die Nase fein gebogen, der Mund endlich von höchst charakteristischem Schnitte – das ganze Innere des Mannes lag um diese feinen, beredten, kecken Lippen, ein Ausdruck von Sinnlichkeit und von Verwegenheit, von Hochmuth und von Verachtung – eine ganze epikuräische Weltweisheit!

Welche sonderbare Weltordnung! dachte Karl, als er das lebhafte, selbstzufriedene, eine vollständige Ueberlegenheit über den Rest der Menschheit ausdrückende Mienenspiel dieses Voltaire der Politik, dieses »ministiro eretico«, wie Rom ihn nannte, beobachtete – seltsame Weltordnung! In diesem Kopfe hat sich der Gedanke verkörpert, der zwanzig Millionen Menschen regiert, und wenn die feinen Züge dieses blassen Gesichtes um ein Weniges anders liefen, wenn um diese Lippen ein wenig Schwärmerei oder Idealismus statt der strengen Energie und der Skepsis ausgeprägt läge – dann würden diese zwanzig Millionen unter andern Gesetzen leben, als sie jetzt empfangen! Und diese beiden Männer neben ihm, dieser Laudon mit dem strengen langen Degengesichte, dieser Lacy mit dem Rundkopfe voll Entschlossenheit und Scharfblick – diese Männer der Gewalt, welche so symbolisch die lächelnde Politik des Absolutismus in ihre Mitte genommen haben und allein hinreichend sind, um Völker und Reiche unter dieser Politik in Gehorsam zu halten – welche Gruppe bilden sie! Bei Gott, das Leben ist ein Traum, sonst wäre es ein Wunder!

Diese Gedanken drangen mächtig auf Karl ein, während er die immer gleich heitere Physiognomie, die französisch geschulte, mit etwas affectirter Grazie sich bewegende Gestalt des mächtigen Kanzlers beobachtete, die doch immer noch so viel von deutscher Steifheit und Pedanterie durchschimmern ließ, daß sie auf unsern Helden keineswegs einen durchaus günstigen Eindruck machte.

Es wäre unmöglich, sagte Karl sich, seinem Gedankengange folgend, daß eine Person solchen Einfluß auf eine willenlose Heerde von Millionen übte, wenn nicht hinter ihr ein Dogma stände, welches eine Geltung hätte, die es durch ein überirdisches Gepräge, durch eine göttliche Weihe bekommen. Und indem er hierüber nachgrübelte, fiel ihm schwer aufs Herz, wie der Kaiser, die andere, die helle Seite des herrschenden Systems von damals, selber an der Vernichtung jenes Dogmas arbeitete, indem er nicht mit dem Wunder, sondern mit der Philanthropie, der Aufklärung und der Weisheit menschlicher Gedanken regierte.

Der Oheim kam zu Karl zurück, und nachdem er ihm noch einige der Anwesenden genannt, weil sie historische Namen trugen oder eine hohe Stellung am Kaiserhofe einnahmen, stellte er ihn einigen jungen Leuten vor, die bei verschiedenen Gesandtschaften Attachés gleich Karl waren. Dieser wußte jedoch seinem Oheim wenig Dank für diesen freundlichen Versuch, ihm Gelegenheit zu einer Unterhaltung zu verschaffen. Diese Attachés schienen Karl eine unausstehliche Menschenrasse, und nach ihren Gesprächen und ihrem Wesen waren sie vom Morgen bis zum Abend nichts als Frauenbesieger und unwiderstehliche Eroberer –; als liebenswürdige Bösewichter und Herzenbrecher, so schien es, standen sie auf, dinirten sie, legten sie sich zu Bette. Unserm unverdorbenen jungen Helden waren ihre Gespräche ein Greuel, und er zog sich von ihnen zurück, sobald es ihm möglich war. Unbemerkt trieb er sich nun in den glänzenden Räumen umher, bewunderte die Kunstschätze des fürstlichen Wirthes, oder den Schmuck der Frauen, die, fast alle ohne Schönheit, ein kleines verkommenes Geschlecht unbedeutender Gestalten, selbst keinerlei Bewunderung erwecken konnten – und endlich warf er sich ermüdet auf die schwellenden Polster eines Divans in einem Seitencabinet, in welchem sich Niemand anders befand.

Hier kehrten seine Gedanken bald zu dem mächtigsten Eindrucke zurück, welchen er an dem heutigen Tage empfangen, zu der Erscheinung jener schönen Fremden, die er im Hause da Ponte's gesehen. Seine Phantasie begann ihm hundert rührende und herzerschütternde Situationen auszumalen, in welchen die arme Italienerin sich befinden könne. Der Kern aller dieser Träumereien war immer, daß sie aus hochherzigem Edelmuthe den Entschluß gefaßt, alle Hoheit ihres Standes abzulegen, allen Ansprüchen zu entsagen, welche Jugend, Schönheit – solche Schönheit – ihr gaben, und sich gebrochenen Herzens einer Pflicht oder einer grausamen Alternative zum Opfer zu bringen. Je länger Karl so über sie nachdachte, desto heißer flammte in seinem Herzen der Wunsch, das heftige Verlangen auf, für sie einen entscheidenden Schritt thun zu können. – War es nicht wahrscheinlich, daß in dieser großen Gesellschaft von allem, was reich, mächtig und edel war in der Hauptstadt der österreichischen Monarchie, sich zwanzig, hundert Personen befanden, denen er nur ein Wort zu sagen brauchte, um sie in das Schicksal der räthselhaften Fremden rettend eingreifen zu lassen? O, gewiß – hätte nur dieser vermaledeite da Ponte nicht seine Geheimnißkrämerei gehabt – wäre nur der geringste Faden da gewesen, vermittels dessen sich Aufklärung über die schöne Italienerin gewinnen ließe!

Als Karl eine Zeit lang in Gedanken verloren, mit geschlossenen Augen, den Kopf in die Hand gestützt, so gesessen, hörte er neben sich das Rauschen eines seidenen Gewandes. Er sah auf – eine Dame stand vor ihm, über die erste Jugend beinahe hinaus, aber noch immer schön, von edeln, reinen Zügen und eine stattliche Gestalt, die ihr stolzes, ausdrucksvolles Haupt wie eine Königin trug. Ihr Haar war gepudert, aber das schwarze, lebhafte Auge deutete an, daß es dunkel sein müsse; ein leiser Schatten dunkeln Flaums lag auch über der Oberlippe. Sie warf einen forschenden Blick auf Karl, der aufgesprungen war, und sagte dann, während sie sich niederließ und mit einer Handbewegung ihm die Erlaubniß gab, seinen Platz wieder einzunehmen:

Sie waren sehr tief in Gedanken versunken – welchen weltbeglückenden Problemen sannen Sie nach?

Karl kannte die Dame nicht, aber er sah, daß sie vornehm war, »jusqu'au bout des ongles«, und während ihm das Blut ins Gesicht schoß, fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn, daß er vielleicht nur gleich hier zu reden habe, um das Schicksal derjenigen zu wenden, welche ihn mit so ungemessener Theilnahme erfüllte. Deßhalb antwortete er mit aller naiven Unbefangenheit seiner Natur:

Das Problem, welches mich beschäftiget, soll nicht die Welt beglücken, gnädigste Frau, sondern weiter nichts als einen Menschen.

Und dieser Mensch ist natürlich der, welcher Sie am meisten interessirt, d. h. Sie selbst – versetzte die Dame lächelnd.

Nein, nicht ich – das eigene Glück läßt sich schwerlich durch Nachdenken finden!

Das glaubt man, so lange man so jung ist – später werden Sie anders urtheilen. Aber wen wollen Sie denn beglücken? wer ist der oder die Glückliche, für welche Sie so edelmüthige Absichten – vielleicht gar »redliche Absichten« hegen? Die Dame sprach diese Worte mit offenbar sarkastischer Betonung.

Sie thun mir in der That Unrecht, erwiderte Karl, etwas eingeschüchtert – um mich von dem Verdachte zu reinigen, den Sie auf mich werfen, müssen Sie mir erlauben, Ihnen eine Begegnung mitzutheilen, welche ich heute hatte.

Karl begann zu erzählen, wurde warm dabei, und da die Dame ihm aufs aufmerksamste zuhörte, so boten sie beide den Anblick einer Gruppe von zwei auffallend ernst mit einander beschäftigten Menschen dar.

Plötzlich unterbrach sie eine helle, etwas scharfe, aber sehr wohltönende Stimme: Liebe Fürstin, ich finde, Sie sind außerordentlich absorbirt!

In der Thür des Cabinets stand ein Mann, den Karl schon einmal gesehen zu haben glaubte, ohne zum Bewußtsein über das Wann und Wo kommen zu können. Er war von mittler Größe, stark und gut gebaut, aber außerordentlich mager, das Gesicht dunkelrothbraun gefärbt, und nicht schön mehr, obwol die einzelnen Theile, die hohe gewölbte Stirn, die Adlernase, die starken Brauen, der regelmäßige, kräftig gezeichnete Mund bewiesen, daß er in der Jugend schön gewesen sein mußte. Er war in der einfachen Uniform des Kaiser Joseph Chevauxlegers-Regiments, ohne weiteren Schmuck – doch mußte es ein Mann von Gewicht sein, denn die Dame erhob sich wie erschrocken und antwortete erröthend, mit einem bedeutungsvollen Blicke, in welchem sowol Zärtlichkeit als eine gewisse Scheu lag. Sie sprach ein paar Worte in einer Sprache, von welcher Karl nicht wußte, ob er sie für Ungarisch oder Böhmisch halten solle.

So? antwortete der Fremde – Sie machen mich neugierig – erzählen Sie weiter, fuhr er zu Karl gewendet fort.

Karl schilderte mit allem Feuer seiner entzündeten Einbildungskraft die Schönheit der italienischen Gräfin, welche Schauspielerin werden wollte – er ersparte seinen beiden Zuhörern nicht den geringsten Umstand und setzte Alles hinzu, was da Ponte ihm gesagt hatte.

Ich werde gleich morgen da Ponte sprechen! rief der Reiterofficier mit großer, auffallender Lebhaftigkeit aus – während die Fürstin mit einer Bewegung des Kopfes Karl andeutete, er sei entlassen. Dieser entfernte sich aus dem Cabinete.

Sie interessiren sich auffallend für diese Komödiantin in spe, sagte die Fürstin, als sie mit dem Officier allein war.

Dieser lächelte selbstgefällig – es mußte etwas in den Worten der Dame liegen, das seiner Eitelkeit schmeichelte oder ihm Vergnügen machte.

Sind Sie eifersüchtig, meine Freundin?

Sire, wir Frauen sind Ihnen immer ein so gleichgültiger Gegenstand gewesen, daß ich mich nur wundere, wie diese geheimnißvolle Unbekannte eine Ausnahme zu machen scheint.

Die Psychologen haben zu allen Zeiten behauptet, daß der menschliche Geist am meisten durch das angeregt werde, welches sich ihm unter dem Schleier des Geheimnisses bietet.

Und wir Frauen pflegen argwöhnisch unter den Decken ängstlicher Verhüllung nur das zu vermuthen, was verschleiert zu werden nöthig hat.

Wir haben es aber hier mit einem Gegenstande zu thun, dessen seltene Schönheit und Anmuth sich nur dem Blicke entziehen zu wollen scheint, um nicht grausam alles Andere zu überstrahlen!

Die Fürstin war während dieser Unterredung immer röther geworden; ihr Auge blitzte, und zitternd vor innerer Aufregung zerpflückte sie die Seidenfäden der rothen Schleife an ihrer Brust.

Der Mann, der sich unterdeß neben ihr niedergelassen, schien diese Zeichen, in welchen sich die Bewegung ihrer Seele verrieth, mit boshaftem Vergnügen zu beobachten; und wie um sie noch mehr zu necken, fuhr er fort: Wer ist der junge Mann, welcher uns durch diese merkwürdige Entdeckung verpflichtet hat?

O, einer der liebenswürdigsten Männer, welche ich kenne, Eure Majestät, versetzte die Dame, mit affectirter Lebhaftigkeit einfallend, ein unverdorbenes Herz und voll jener frischen Naivität, die um so anziehender ist, je seltener sie unter unsern jungen Männern sich findet! Er ist Neffe und Attaché von Baron Meichelbeck, wie er mir sagte.

Jedenfalls hat er das neidenswerthere Loos, Ihr Protégé zu sein, Madame.

Ja, das ist er in der That – all den galanten und nicht galanten Herren, welche mir den Hof machen, zum Trotze! versetzte die Fürstin, immer heftiger werdend. Ich hoffe, mein Gemahl wird ihn während des Herbstes zu unsern großen Jagden in Ungarn einladen.

Das heißt, wenn ich Ihnen nicht einen Querstrich mache, schöne Fürstin, und den jungen Liebling des Glückes Ihnen dadurch entziehe, daß ich ihn an mich fessele!

Die Fürstin schlug ihr großes dunkelglühendes Auge auf und sah den Mann, den sie liebte und der Niemand anders als der Kaiser war, mit einem forschenden Blicke an. Welcher versteckte Sinn lag in diesen Worten Joseph's? Hatte das Bild der italienischen Gräfin, welches der begeisterte junge Attaché entworfen, das Herz des Kaisers wirklich in Flammen gesetzt, wie sie im ersten Aufwallen der Eifersucht zu bemerken geglaubt, und lebte ein wirklicher ungeheuchelter Drang in ihm, Den an sich zu ziehen, der allein ihm weitere Auskunft und Anknüpfungspunkte geben konnte? Oder wollte er sein Spiel mit ihr treiben, deren schlecht verhüllte Leidenschaft er ja kannte, wollte er eine Eifersucht schüren, die ihn ergötzte, war dieses Interesse an dem jungen Menschen geheuchelt und hatte nur den Zweck, sie zu ängstigen? Sie wurde nicht klug daraus. Sie antwortete mit spöttischem Lächeln: Ich freue mich, daß Eure Majestät meinem Urtheile so entschieden beirreten. Denn da Sie von je das felsenfeste Princip befolgt haben, nur das erprobte Verdienst an sich zu fesseln und durch Anstellungen zu belohnen, so bestätigt Ihr Entschluß aufs glänzendste alles, was ich zum Lobe des Herrn sagte, den wir freilich weiter nicht kennen, dessen Name sogar Eurer Kaiserlichen Majestät und mir noch unbekannt ist!

Der Kaiser nahm die Stichelei mit der besten Miene von der Welt auf.

Mein Entschluß wird mich wenigstens unruhigen Befürchtungen überheben, während die Herbstjagden auf Ihren Gütern stattfinden und mich Ihrer Gesellschaft berauben, sagte er, plötzlich zu einem Tone so anmuthiger Galanterie übergehend, daß die schöne Fürstin alle Heftigkeit und allen eifersüchtigen Zorn schwinden fühlte.

Majestät belieben mit mir zu scherzen!

Wie könnte ich in einer meinem Herzen so wichtigen Angelegenheit Scherz treiben? Was glauben Sie? Sie sollen gleich selbst sehen!

Der Kaiser erhob sich und winkte einen behenden kleinen Herrn in den besten Jahren heran, der in diesem Augenblicke draußen an der Portière des Cabinets vorüberschoß.

Sonnenfels, sagte er, ich bitte Sie, den Meichelbeck aufzusuchen und ihm zu sagen, er möge mir morgen um Mittag seinen Neffen senden.

Der behende Herr verbeugte sich tief und eilte, seinen Auftrag auszurichten; der Fürstin Züge verdüsterten sich wieder, als sie sah, daß der Kaiser die Sache so ernst nehme; dieser aber schien es nicht zu bemerken.

Sind Sie nun überzeugt, wie viel mir daran gelegen ist, daß Sie sich nicht zu gut unterhalten, wenn Sie von Wien entfernt sind?

Ohne eine Antwort abzuwarten, küßte er ihre Hand, und dann verließ er das Cabinet und schritt durch die Reihen der zurückweichenden Gäste in ein anderes Zimmer, in welchem die verwitweten Fürstinnen Franz und Karl Lichtenstein, Kinsky und die Gräfin Ernst Kaunitz ihn am Spieltische erwarteten, um seine Partie zu machen.

Karl hatte sich unterdeß die Zeit vertrieben, so gut es gehen wollte; er fand nach und nach, daß diese großen Gesellschaften sehr ermüdend seien und unbillig tief in die Nacht verlängert würden, und daß die Menschen in den großen Städten, besonders in der großen Welt, außerordentlich an Lebhaftigkeit verloren haben müßten, um sich so in stundenlangem, monotonem Durcheinandersummen vergnügen zu können; endlich war er aus Mangel an Unterhaltung dahin gekommen, mit untergeschlagenen Armen die hellpolirten Messingknäufe der Brandruthen in einem Kamine anzustarren, die ein paar Dachshundköpfe darstellten und ihm lebhaft die Physiognomie des alten preußischen Hauptmanns Zerrwitz ins Gedächtniß riefen.

Da berührte ein Fächer seinen Arm. Er sah sich um. Es war die Fürstin, mit welcher er vorhin gesprochen und die ihm einen Wink gab, ihr in dasselbe Cabinet zu folgen, in welchem er sie vor einer Weile verlassen.

Kannten Sie den Herrn, mit welchem Sie hier sprachen? fragte sie.

Es war der Kaiser?

Ja. Ich hoffe, Sie gehören zu der Zahl Derer, welche in ihm das sehen, was er ist, der Wohlthäter des Menschengeschlechts, der Weiseste seiner Zeit, und wenn er auch nicht den schönsten und erhabensten Thron der Welt einnähme, doch ein großer und bewundernswürdiger Mensch!

Ja, das thue ich, von ganzer Seele!

Das habe ich erwartet; und es freut mich – es gibt mir die Gewißheit, daß ich Ihr Glück gemacht habe.

Mein Glück – Madame –?

Ich habe den Kaiser auf Sie aufmerksam gemacht, ich habe Sie ihm empfohlen, und die Folge ist, daß Sie in seiner unmittelbaren Nähe eine Stellung annehmen werden, die einflußreich ist, wenn Sie sie nur einflußreich wollen!

Mein Gott – ich – ich bin so neu hier, so unerfahren, so unfähig – ein solches Glück erschreckt mich!

Seien Sie ruhig, man wird Ihnen nichts aufbürden, was über Ihre Kräfte ginge; aber vergessen Sie nicht, daß ich es war, welche Sie erhob, und kommen Sie zu mir, wenn Sie des Rathes bedürfen. Ja, kommen Sie oft zu mir – versprechen Sie mir das – versprechen Sie, in mir Ihre Freundin sehen zu wollen.

Die Fürstin reichte ihm ihre Rechte; Karl war so bestürzt, daß er diese schmale zarte Hand im bisamduftenden, mit Blumen bemalten Handschuh in die seine nahm, statt sie zu küssen, und kaum bemerkte, wie die Fürstin sie ihm mit dem Ausdrucke eines gewissen »Desappointements« in ihren stolzen Zügen wieder entzog. Er war überwältigt, wie im Traume – die Fürstin verließ das Cabinet, jetzt erst besann er sich, daß er ja nicht einmal ihren Namen kenne – er machte sich auf, den Oheim zu suchen, um ihn danach zu fragen, als er diesen schon in großer Lebhaftigkeit auf sich zukommen sah.

Ach, da bist du ja, Jüngelchen, ich suche dich wie eine Stecknadel – nun, was sagst du jetzt? Ich hoffe, du wirst mir dankbar sein, daß ich dich so erfolgreich zu poussiren suche – nichts Besseres, als einen Onkel von Einfluß haben, das siehst du jetzt – ich habe von dir gesprochen, Karlchen, so bei Diesem und Jenem – verstehst du – und soeben kommt Hofrath Sonnenfels zu mir, um mir zu sagen, daß dich der Kaiser morgen um Mittag sprechen will! He, das hast du nicht gedacht, als du nach Wien kamst? Mach dir nur die Gelegenheit zu nutze und paß deinen Vortheil ab.

Zweifeln Sie nicht an meiner Dankbarkeit, theuerster Oheim; aber sagen Sie mir, wer ist jene Dame in grauer Seide mit der Diamanten-Rivière, die sich so selbstbewußt beim Gange in den schlanken Hüften schaukelt?

Die? Das ist unsere Böhmenherzogin, unsere Zauberin Libussa, die Fürstin Therese von K., die Jugendgespielin und vertrauteste Freundin der Schwester des Kaisers, der Königin Marie Antoinette.

Denken Sie, die hat mich auch empfohlen, und zwar so, daß der Kaiser mich in seinem Dienste anstellen will!

Die Fürstin K.? Die hat dich empfohlen?! rief der alte Freiherr von Meichelbeck überrascht aus, indem sein Gesicht um ein Bedeutendes länger wurde.

Sie hat es mir selbst gesagt, und es handelt sich um eine Anstellung in der unmittelbaren Nähe des Kaisers! Ich bin noch ganz außer mir von freudigem Schrecken!

Nun, so wünsche ich dir Glück, Karlchen, sagte der Oheim, sich fassend, da er an Karl's Unbefangenheit wahrnahm, daß dieser in seiner Unschuld gar nicht ahnte, durch welche kleine Windbeutelei der alte Diplomat sich eben bei ihm ein Verdienst hatte machen wollen. Ich wünsche dir Glück, und wenn du wirklich zu hohen Ehren kommen solltest, so vergiß nicht, daß ich in deiner Nähe bin, um bei vorkommenden Fällen deiner Unerfahrenheit zu rathen und beizustehen!

Sicherlich nicht, lieber Onkel, ich hoffe nur, daß solche Fälle nie in den Nachmittagsstunden vorkommen werden!

Oh, Schalk, was willst du damit sagen? Willst du deinem Oheim alte Gewohnheiten übel nehmen?

Der Freiherr von Meichelbeck drückte bei diesen Worten seinem Neffen sehr zärtlich die Hand; er äußerte die größte Besorgniß, daß Karl sich nicht amusire, er fragte mit höchster Theilnahme, ob die Lakaien ihn auch mit Speise und Trank versehen hätten – er war plötzlich von dem Air von feierlicher Ueberlegenheit, das er seinem Neffen bisher gezeigt, zu der Freundlichkeit eines Bologneserhündchens übergesprungen.

Ich empfehle dir diesen Punsch à la Romaine, Jüngelchen, sagte er, indem er mit der Spitze seines dreieckigen Hutes die Schulter eines servirenden Bedienten berührte. Komm Er hierher, guter Freund – versorge Er mir diesen jungen Herrn hier.

Ich bitte Sie, Onkel, es ist mir nicht möglich – aber Sie thun mir den größten Gefallen, wenn Sie mir noch etwas von der »Zauberin Libussa« erzählen. In welchem Verhältnisse steht sie zum Kaiser?

Verhältniß? Du hast schärfere Augen, als ich dir zutraute, Karlchen. Warum gebrauchst du das Wort Verhältniß?

Weßhalb sollte ich es nicht gebrauchen?

Eh, eh, eh, Jüngelchen, du bist zum Diplomaten geboren!

Wollen Sie mir nicht antworten?

Brauchst du denn noch eine Antwort? Oder soll ich dir le secret de Polichinell offenbaren! Sie ist in den Kaiser verliebt.

Und er?

Der Gesandte zuckte die Achseln.

Nun, und er?

Der Freiherr von Meichelbeck zuckte die Achseln noch einmal so stark wie eben und verlor sich dann höchst diplomatisch im Gedränge.

*

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