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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Wiener Erlebnisse

Erstes Kapitel.

Es waren beinahe vierzehn Tage verflossen, seitdem der Domherr und Lambert Kersting den Herrenhof von Schwalborn verlassen. Der Freiherr Guntram und seine stattliche Gemahlin saßen sich an demselben Steintische unter der alten Linde gegenüber, an dem wir sie, umgeben von einem kleinen Kreise zufriedener und blühender Gesichter, beim Beginn unserer Erzählung erblickten. Jetzt waren ihre Züge umwölkt; die beiden bejahrten Leute saßen allein und verlassen da; fort- und davongeflogen waren ihre Kinder, als ob sie nie welche mit Sorge und Angst großgezogen; kein muthwilliger Scherz, kein helles, fröhliches Lachen wurde mehr laut in den Umgebungen des verödeten Herrenhauses. Der Freiherr sah vergebens die Allee zum nahen Dorfe hinunter, durch welche früher um diese Stunde der steife preußische Soldat mit festen Schritten anmarschirt kam, um den sehnsüchtig harrenden Freund erst mit dem »Reichspostreiter« zu ärgern und dann im Taroc zu schlagen. Cölestinens schlanke Gestalt glitt nicht mehr rasch an den Baumstämmen vorüber, um zu ihrer Seelenfreundin Marianne zu eilen und ihr die Rührung mitzutheilen, welche sie eben aus Lafontaine's neuestem Romane geschöpft. Es war Alles in Groll und Feindschaft, Alles auseinandergesprengt.

Das kommt bei deinen energischen Maßregeln heraus, ma chère, seufzte der Freiherr. Mein Leben ist verbittert!

Lieber Guntram, wenn Kraft und Entschiedenheit ebenso wenig kosteten, wie Schwäche und Geduld, was hätten dann die Schlafmützen voraus? Die Welt würde dann beneidenswürdig reich sein an großen und starken Charakteren. Es wäre gut, wenn du darüber etwas nachdächtest, mon cher!

Da kommt Tafelmacher, sagte der Freiherr nach einer Weile.

Was will Er, Tafelmacher?

Gnädiger Herr, sagte der Verwalter, der mit einer tiefen Verbeugung herantrat, der alte Bauer, der Kersting, ist da; er will Ew. Gnaden sprechen und um einen Paß für den Lambert bitten.

Einen Paß? fragte der Freiherr verwundert.

Wohin will er denn? fiel Frau von Schwalborn neugierig ein.

Er hat Jemanden gefunden, der ihn mit sich nach Paris nehmen will; es ist ein reicher Herr, der aus Cleve kommt, Cloots heißt er, Baron Cloots …

Cloots, der Phantast?

Cloots, der Lump? sagte Gnaden Mama, der seinen christlichen Namen verleugnet und sich umgetauft hat in – in – wie heißt es –? Es lautet beinahe wie Antichrist!

Anacharsis, sagte der Freiherr. Was meinst du dazu, Agnes?

Laß ihm einen Paß schreiben, in Gottes Namen – gib ihm Pässe, so viel er haben will, bis ins Land, wo der Pfeffer wächst, hinein!

Sagt dem Gerichtshalter, er solle den Paß ausfertigen, befahl der Freiherr.

Aber haltet uns den Schulzen vom Leibe – es ist mir durchaus nicht darum zu thun, eine Conversation mit ihm zu haben, setzte die Dame hinzu.

Der Verwalter verbeugte sich und ging.

Da reisen zwei schöne Subjecte zusammen, fuhr Frau von Schwalborn fort. Es ist gar nicht auszusagen, wie viel verrückte Köpfe jetzt auf einmal in der Welt auftauchen. Wenn mir der Junge, der Karl, nur wieder zur Vernunft kommt! Fort mußte er von hier – aber daß du darauf bestanden hast, ihn nach Wien zu schicken – es will mir nicht in den Sinn. Seine römisch-kaiserliche Majestät Josephus der Andere – richtig ist es auch bei dem nicht im Kopfe – richtig ist es nicht – dabei bleib' ich und lasse es mir nicht abdisputiren!

So bleib du dabei, liebe Agnes, ich bin weit davon entfernt, mit dir darüber zu disputiren. Wer glauben kann, daß Wien nicht das einzige und letzte Bollwerk der Ordnung in der Welt, daß der Sohn der großen Kaiserin Maria Theresia nicht der Inbegriff der höchsten Regentenweisheit ist, dem habe ich nichts mehr zu sagen!

Der Freiherr stand auf, that einige sehr heftige Züge aus seinem Meerschaum, und dann entfernte er sich schmollend und in seinem Heiligsten tief gekränkt.

Geh du nur, du wirst es sehen! sagte Frau von Schwalborn, ohne von ihrem Strickstrumpf aufzublicken oder die Verstimmung ihres Gatten einer Notiznahme zu würdigen.

Dieser setzte sich in einen Gartenstuhl, auf dessen Rücklehne er den Kopf legte, rauchte und hielt die Augen auf das Storchnest über seinem Dache gerichtet, das jetzt von den flügge gewordenen Jungen verlassen und verödet war, wie sein eigenes Haus. Er dachte an Karl, dem sein Herz nachzog mit aller Fülle väterlicher Liebe und Sorge. Karl war auf Reisen geschickt worden. Er sollte in der Fremde seine unglückliche Leidenschaft vergessen. Nach Wien hatte man ihn gesandt, in Wien war ein Bruder seiner Mutter, ein Freiherr von Meichelbeck, Gesandter eines kleinen deutschen Hofes; von diesem sollte er in die Welt eingeführt werden und, dem Glanze des vornehmsten Hofes der Erde nahe gebracht, einsehen lernen, in welche Verirrungen seine unberathene Einbildungskraft gerathen, als sie in dem Herzen einer Demoiselle Zerrwitz einen auch nur oberflächlicher Rücksichtnahme werthen Gegenstand gesehen.

Wo war Karl in diesem Augenblicke? Der alte Freiherr hatte ja auch die Reise zu verschiedenen Malen gemacht, und indem er sich ein Bild der ganzen Route vorzustellen suchte, während er so mit zurückgelegtem Kopfe in die blaue Luft sah, berechnete er die Entfernung, welche ihn von dem lieben Sohne trennte. – In Nürnberg, in Regensburg konnte er jetzt sein; – womit mochten sich seine Gedanken beschäftigen – flogen sie seinen Schritten voraus, mit freudiger Hast dem Ziele zu? oder waren sie an der stillen Heimat haften geblieben und schwebten hier sehnsüchtig um Cölestinens rebenumsponnenes Fenster, während sie gereizt und erkältet von dem Bilde der Aeltern und dem verlassenen Vaterhause sich abwandten?

Darüber grübelte Guntram nach und wurde weich darüber; das Feuer seines Meerschaums erlosch, seine Arme verschränkten sich über der Brust, und als sein Blick auf ein Fenster fiel, hinter welchem Mariannens jetzt auch verödetes Zimmer lag, beschlich ein tief wehmüthiges Gefühl das gute und biedere Herz des alten Freiherrn von Schwalborn.

Karl war übrigens viel weiter, als sein Vater glaubte, und vielleicht auch schon weiter, als die kühnsten Hoffnungen seiner Mutter reichten, wenn sie an die Heilung seines Herzens dachte.

Man reiste schon bedeutend rascher, als in den patriarchalischen Zeiten, in welchen der ehemalige Reiteroffizier Maria Theresia's seine Fahrten nach der Kaiserstadt gemacht. Karl war bereits in Wien. Er war seit einigen Stunden bei seinem Oheim richtig und wohlbehalten eingetroffen. Der Freiherr von Meichelbeck wohnte in einem schönen Hause in der Leopoldstadt. Er war ein freundlicher, lebhafter und doch, wie es Karl schien, kalter Mann, der den Neffen nach seiner Weise herzlich, aber immer ziemlich kühl empfing, und nach einer Viertelstunde Hin- und Herredens über die ferne Familie und Karl's Reiseerlebnisse ihn ohne Umstände wegsandte, weil er nun durchaus seine Siesta halten müsse. Karl war ein wenig beleidigt darüber. Aber er vergaß den Aerger wenige Minuten nachdem er sich mit einem förmlich brennenden Schaudurst in das Wogen und Treiben der großen Stadt gestürzt. Tausend Dinge verlangten hier seine Aufmerksamkeit. Bald waren es glänzende Läden, bald die wunderlichen Trachten fremdländisch redender Menschen, bald die Gebäude, bald Züge Militairs, von Gold strotzende Carossen, herrliche Ungarpferde, frappante Physiognomien – was ihn fesselte und jeden Augenblick stillstehen ließ. Er sah am Stephansdome hinauf, er durcheilte die Höfe der Burg, er schlenderte über Kohlmarkt, Graben, Kärnthnerstraße, die Glacis – er hätte Alles verschlingen mögen mit den Augen, in solcher Aufregung war er. Dies war ja Wien, der geistige Mittelpunkt der Welt, in welcher er gelebt, die hohe Schule der Lebensanschauung, in deren Traditionen ein Cavalier aus katholischem Hause von damals auferzogen wurde – dies war das Wien seines Vaters, das Wien, welches der Pol seiner frühesten Reisewünsche gewesen, das Wien Maria Theresia's und Joseph's des Zweiten, die Kaiserstadt endlich, in welcher sich Alles concentrirte, was die deutsche Welt von 1790 an Großartigkeit, an historischer Poesie und an Macht besaß.

Wien war Karl wie eine zweite Heimat. Und es war seltsam: in den wenigen Häusern, die er in den ersten Tagen seines Aufenthalts betrat, wehte ihm derselbe eigenthümliche Duft entgegen, der in den dunkeln getäfelten Gemächern seines väterlichen Hauses herrschte und den er sonst nirgends in der Welt bemerkt hatte.

Ermüdet kehrte er von seinem ersten Ausfluge in der Dämmerung zu seinem Oheim zurück. Dieser erwartete ihn zum Abendessen und schien nach seiner Siesta jetzt in der freundlichsten und mittheilsamsten Stimmung von der Welt. Er war ein magerer Mann über Mittelgröße, Karl's Mutter, seiner Schwester, auffallend ähnlich; ein geröthetes Gesicht deutete eine Neigung für den Wein mit größerer Aufrichtigkeit an, als es sich für eine Diplomatenphysiognomie eigentlich ziemen wollte. In der That sah Karl mit großer Verwunderung den alten Herrn bald eine Flasche Menescher Ausbruch, dann mehre Gläser echten Cyperweins und endlich einen großen Becher des schwersten und feurigsten Tokaiers leeren, ohne daß dadurch seine Seelenruhe nur im geringsten erschüttert worden wäre. Das Souper fand in einem kleinen Gartensalon statt, dessen Wände mit Estrich bedeckt waren, die in sinniger Abwechselung ein blaues Haus mit einem Ziehbrunnen und einen blauen Reiter auf einem dicken blauen Hengst, dann wieder den Ziehbrunnen, dann wieder den Reiter darstellten. Die Flügelthüren zu dem kleinen Garten standen offen und ließen den Duft der Resedabeete in das Gemach. Während des Essens schüttete Karl dem Oheim seine von den Eindrücken des Tages bewegte und überströmend volle Seele aus. Der Oheim schwieg. Als aber die Speisen abgetragen waren, schob der alte Herr seinen Lehnstuhl an die offene Thür und hieß Karl ein Gleiches thun.

Ich habe mit dir noch zu plaudern, guter Junge, sagte er, und während er sprach, lächelten seine schmalen Augen sehr verschmitzt und die Nasenspitze bewegte sich seltsamer Weise immer in gleichem Tact mit der Oberlippe. Nach den Beobachtungen, die ich über dich mache, muß ich dir gestehen, daß du einen Fehler hast, Karl, und ich kann nicht eilig genug dich davon zu heilen suchen, wenn irgend etwas aus dir werden soll.

Und dieser Fehler ist, lieber Onkel?

Du hast viel zu viel Respect vor tausend mittelmäßigen Dingen; du läßt dir zu sehr imponiren – ich glaube, dein guter Onkel Desibod hat dir diese blaue Vergötterungslust beigebracht. Nichts schädlicher als das, mein Junge. Wenn du nicht bald zu der Einsicht kommst, daß Alles in der Welt höchst menschlich, klein und erbärmlich ist, so wirst du dein Leben lang an der Nase herumgeführt werden. Du schüttest mir da deinen Enthusiasmus aus über die Größe unserer erhabenen Kaiserfamilie, die Höhe des Stephansdomes, die Schönheit der Stadt Wien, und wenn man dich hört, sollte man meinen, die Welt sei ein Ausbund von Vortrefflichkeit. Ich aber sage dir, Jüngelchen, sie ist durchaus eine Pfuscherarbeit, und das präge dir getrost als erste aller Wahrheiten ein: das Meisterstück der Schöpfung, der Mensch, ist unserm lieben Herrgott leider am vollständigsten misrathen!

Ich bin allerdings zu Pietät und Respect erzogen worden, lieber Onkel, versetzte Karl etwas beleidigt, und ich glaube, daß man wohl daran gethan hat, mich so zu erziehen!

So, glaubst du in der That, lieber Junge? Stimmt dies mit deinen pädagogischen Principien überein? sagte der Diplomat mit einem Anfluge von Spott.

Ich glaube, sagte Karl lächelnd, Sie finden es höchst respectwidrig, daß Ihr Neffe Ihnen zum Trotz vor etwas in der Welt Respect haben will.

O nein, versetzte der alte Herr und der spöttische Zug um seine schmalen Lippen trat noch stärker hervor; nur begreife ich dann nicht, wie deine Pietät gegen deine Vettern nicht deinen Verstand vor Verzerrung in schlechte Witze bewahrt hat!

Der Oheim lachte laut auf über seine treffliche Anspielung, Karl wurde dunkelroth und sagte flammenden Auges: Lieber Onkel, Sie werden fühlen, daß Sie sich in diesem Augenblick inkompetent machen, über schlechte Witze zu Gericht zu sitzen!

Nun, ich wollte dich nicht beleidigen – lassen wir das – nach wenig Tagen, die du hier in Wien verlebst, wird dein Herz geheilt sein – man muß nur nie viel Aufhebens von etwas machen, darin liegt alle Weisheit beschlossen – merke dir das, Karlchen. Nichts bewundern, nie viel Aufhebens machen – und milde urtheilen – das sind die drei Spitzen der höchsten Lebensweisheit! Was deinen unmenschlichen Respect und gläubigen Enthusiasmus für alle möglichen Dinge angeht …

Sie beurtheilen mich falsch, lieber Onkel; glauben Sie mir, ich sehe klar und bis auf den Grund der Wahrheit, hundert Vorurtheilen gegenüber, welche die Welt beherrschen!

Die Welt wird aber von tausend Vorurtheilen beherrscht, und du hast es also immer noch mit einem Rest von neunhundert zu thun; darunter sind tüchtige Bursche, sage ich dir, Vorurtheile, die Hand und Fuß haben und manchem armen Teufel das Leben sauer machten! Eh bien – was wollte ich sagen? ja, ich will einen Unterricht mit dir beginnen, du sollst eine Art moralische Cur durchmachen, ehe ich dich in die Welt lancire; du nennst mir ein beliebiges Ding, das deinen Enthusiasmus erregt, und ich zeige dir, daß es ein Ausbund von Unbedeutendheit und bedauerlicher Schwäche ist. Stelle eine Gestalt vor mich hin, einen Helden, zeige mir die stolzeste Stirn, ich bin bereit, mein Aschenkreuz darauf zu machen und ihm das memento quia pulvis es et in pulverem reverteris zuzurufen.

Das möchte Ihnen doch zuweilen schwer fallen – zum Beispiel, wenn ich Ihnen die Stirn Joseph's II. zeigte!

Der Oheim nahm eine Prise, als ob er der bei seinen Gesprächen thätig mitwirkenden Nasenspitze erst eine Erholung gönnen müsse, und dann sagte er mit einem so pfiffigen Gesichte, als sei er im Stande, den Spruch vom schlummernden Homer auf den lieben Herrgott selber anzuwenden:

Was bewunderst du an ihm?

Seine Thatkraft, seine großen, durchgreifenden Reformen – seine Weisheit – seine …

Halt! beobachten wir eine gewisse Ordnung. Erstens seine Thatkraft. Ist das bewundernswürdige Thatkraft, mit einer despotischen Gewalt den Einzelnen, den Nationen, den Corporationen Wunden schlagen, für welche man gleich darauf selbst Pflaster bereiten und ängstlich Kräuter suchen muß, damit sie nur ja rasch wieder heilen? Seine Reformen? Lieber Junge, wenn man das Pferd beim Schwanze aufzäumt, so ist das allerdings eine durchgreifende, in allen Gebieten der Geschirrkunde und Pferdedressur höchst einflußreiche Reform – aber auch der bescheidenste Unterthanenverstand fragt dabei, ob diese Reform sich wol zweckmäßig und auf die Dauer wohlthätig erweisen dürfte. Ich weiß nun freilich nicht, ob du dieser Ansicht bist; aber du wirst mir zugeben, daß sich auch das Gegentheil behaupten läßt. Seine Weisheit? Nun, ich habe soeben schon meine Meinung darüber angedeutet. Jedenfalls ist es leicht weise sein, wenn Niemand uns widersprechen darf. Du wirst den alten Fürsten Kaunitz kennen lernen; von den Lippen dieses Mannes wirst du den ganzen Inbegriff Josephinischer Regentenweisheit aussprechen hören. Das, sagen Seine Durchlaucht, das hätte ich selber nicht besser machen können, wenn ein Hofrath ihnen seine Elaboration überreicht, und wenn ein Virtuose ihnen etwas auf der Bratsche vorgeigt, sagen sie dasselbe; und wenn ein Seiltänzer über dem gespannten Strick auf dem Kopfe steht – Seiner Durchlaucht höchstes Lob ist immer: »Das hätte ich selber nicht besser machen können.« Das ist die Devise des Systems: sich Alles zutrauen und dann in Alles von obenher mit Ordres du Mufti hineinschlagen!

Er ist doch ein weiser, ein großer Mann, dieser kaiserliche Genius, der die Fackel der Aufklärung über Oesterreich, über Deutschland ausstreckt!

Ein Dilettant in der Größe ist er. Die Völker Oesterreichs werden durch ihn nie zum Glück und zur »Aufklärung« kommen, wie du es nennst.

Werden sie denn selbst, durch eigene innere Lebensentwickelung je dahin kommen können? Ist es nicht besser, wenn ein Weiser sich an ihre Spitze stellt und sie empor-, sich nachreißt?

Wenn man sie empor- und sich nachreißen will, muß man sie nicht bei den Haaren fassen.

Wird das Volk selbst und allein zu großen Zielen kommen? Ich glaube es nicht. Das Große haben immer nur Einzelne erreicht.

Allerdings, die Massen sind immer unvernünftig – die Einzelnen immer gut. Das aber magst du mir glauben, die Massen sind heute nicht mehr glatte und geschmeidige Oelfarben, mit denen souveraine Pinsel sich ad libitum ihre Karten illuminiren und ein Bild malen können, wie ideologische Schwärmerei es ihnen als Ideal politischer Glückseligkeit zeigt.

Sie haben mir weh gethan, lieber Onkel, und gegen Ihren eignen Grundsatz verstoßen, mild zu urtheilen.

Wir haben genug politisirt, sagte der Onkel gähnend. Ich bin schläfrig und du wirst müde sein. Morgen wollen wir von den Verrichtungen reden, welche du als mein Attaché bei mir haben wirst. Also auf Wiedersehen, Karlchen. Schlafe wohl!

Der Oheim entließ Karl und dieser zog sich in sein Zimmer zurück. Die Fülle von Eindrücken, welche er an diesem Tage empfangen, ließ ihn lange nicht zur Ruhe kommen. Was der Oheim ihm über den edeln Regenten gesagt, den er enthusiastisch verehrte, hallte schmerzlich in seiner Seele nach.

Der Mensch ist schwach. Seine eignen Erlebnisse haben einen geheimen Einfluß auf die Richtung seiner Ueberzeugungen, der deßhalb nicht geringer ist, weil man kaum wagen würde, ihn sich selbst zu gestehen. Seit Lambert Karl durch eine Werbung um seine Schwester empört hatte, fühlte dieser einen Widerwillen gegen das Volk überhaupt. Dieses kecke Nebeneinanderstellen der Verhältnisse Karl's zu Cölestinen und Lambert's zu Mariannen hatte etwas so innerlich Verletzendes, so Demüthigendes für Karl gehabt, daß er sich dafür rächen mußte, und er that dieses durch die Theorie, die er über den politischen Werth des Volks in sich aufbaute. Desto höher mußte das Bild eines Weisen auf dem Throne in ihm steigen, der, stark durch dieselbe Erkenntniß, im Glanze seiner Macht über die Köpfe des Volks dahinschritt und ein wahrer Kaiser der Bildung war. Daher kam es, daß die Reden seines Onkels ihm wie eine Art Blasphemie klangen, die tief in seine junge, verehrungdurstige Seele schnitten.

Endlich schlummerte er ein. Aber seine Ruhe sollte nicht lange währen. Er fuhr noch mitten in der Nacht aus seinem Schlafe empor, von schrillen Posthornklängen und donnernden Schlägen geweckt, welche gegen das Einfahrtsthor des Hauses geführt wurden, mit einer wirklich staunenswerthen Rücksichtslosigkeit gegen die schlummernde Bevölkerung des ganzen Viertels. Nach einer Weile rasselten die Flügel des Einfahrtsthores auf und eine Kalesche rollte mit dumpfem Dröhnen in den gewölbten Thorweg ein. Etwa zehn Minuten darauf öffnete sich auch Karl's Zimmer. Der Kammerdiener seines Oheims trat mit Licht hastig herein, und eine große versiegelte Depesche nebst einem kleinen Pakete auf den Tisch legend, sagte er: Herr von Schwalborn, ein Courier aus N. ist angekommen – er sagt, es sei sehr wichtig und dringend – der Herr Gesandte will nicht in seiner Nachtruhe gestört sein und läßt Ihnen sagen, Sie möchten die Depesche öffnen und sehen, was es sei.

Nicht gestört sein – ich? stammelte Karl erschrocken – Gott im Himmel, welche Idee! was weiß ich, was zu thun ist! Eine dringende Staatsangelegenheit, und mein Onkel will nicht gestört sein!

Der Kammerdiener antwortete keine Sylbe auf diese Ausrufungen des erschrockenen Attaché, sondern zündete zwei Wachslichter an und entfernte sich.

Karl sprang in höchster Aufregung aus dem Bette – Schrecken, das Gefühl äußerster Rathlosigkeit und eine gewisse Freude geschmeichelter Eitelkeit, daß ihm eine Sache von politischer Wichtigkeit anvertraut werde, bewegten sein Herz zu lauten Schlägen, als er das große Siegel der Depesche aufriß. – Er las:

Monsieur le Baron!

Seine Hochfürstliche Durchlaucht der Herr Herzog befehlen mir eben, in einer äußerst dringlichen Angelegenheit Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Das für das zu der am 18. d. M. stattfindenden Vermählung der Prinzeß Augustine vorbereitete Trousseau bestimmte und von Ihnen in einer wohlrenommirten Porzellanmanufactur zu Wien bestellte Service ist richtig anhero eingelaufen, leider aber hat sich bei Auspackung desselben eine Sauciere und die große Fischschüssel zerbrochen, auch von einer der Tasten das Henkelchen abgestoßen erwiesen. Diesen Schaden werden nun Ew. Hochwohlgeboren durch Ankauf der Ersatzstücke schleunig zu redressiren ersucht, damit der Courier, welcher Gegenwärtiges in Ihre Hände überbringt, sicherlich damit noch vor dem 18. d. M. wieder allhier eintreffen kann.

Das Service hat die vollständige Billigung Seiner Durchlaucht erhalten. Der gnädigste Herr geruhten wiederholt zu bemerken: il a du gout, ce cher Baron, il a du gout – wozu Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin huldreichst hinzuzusetzen beliebten, daß sie nur die Goldränder an den Assietten etwas breiter gewünscht hätten.

Ich bin, mein verehrtester Freund und Gönner, Ihr

ganz gehorsamster Diener
Baron Hornfels, Oberhofmarschall.

N. S. Ich habe die Tasse beigepackt, damit das Dessin nöthigenfalls genau nachgemacht werden kann, wenn kein weiterer Vorrath da ist.

Das ist die Staatsaffaire! rief Karl aus – da hat mein Onkel freilich Recht, weiter zu schlafen, und ich will vorläufig dasselbe thun!

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