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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Siebentes Kapitel.

[Fehlerhafte Benennung der Kapitel im Buch: auf Kapitel 5 folgt Kapitel 7. Re.]

Als Lambert am andern Morgen erwachte, fand er ein Billet auf dem Tische seiner Schlafkammer liegen, das am gestrigen Tage für ihn angekommen war und welches er am Abend bei seinem Heimkommen in der Dunkelheit übersehen hatte: denn Licht und Feuerzeug gehörten nicht zu dem Inventarium seines Dachstübleins. Er riß das Billet auf. Es lautete: »Der Domherr wird mit Ihnen geredet haben. Wenn Ihre Antworten, wie ich nicht zweifle, befriedigend ausgefallen sind, so bleiben Sie während des nächsten Tages bei der Hand. Dieser Tag kann Ihnen die Freiheit bringen. Ihr Freund Zerrwitz

Lambert steckte den Zettel mit bitterem Lachen zu sich und ging an seine Arbeit. – –

In dem grünen Familienzimmer, wo wir schon einmal die Mitglieder des Hauses Schwalborn versammelt fanden, war das Frühstück aufgetragen. Gnaden Mama kam zuerst aus ihren Gemächern herunter und begann ihr Tagewerk damit, einen Schrank aufzuschließen, um die Zuckerdose, die aus bewegenden Gründen von ihr außerhalb der Obhut des Gesindes gehalten wurde, herbeizuholen. Karl wanderte draußen vor dem Hause schon seit langer Zeit auf und ab. Als er seine Mutter erblickte, kam er eilig herein. Gnaden Mama – sagte er nach der eingeführten respectvollen Begrüßung – ich habe eine dringende, recht dringende Bitte an Sie – mit der Erfüllung werden Sie mir einen Stein vom Herzen wälzen und vielleicht ein großes Unheil verhüten – ich bitte, fragen Sie mich nicht nach meinen Beweggründen.

Was das für Umschweife sind! Was ist's, was soll ich?

Schicken Sie noch heute den Lambert vom Hofe.

Den Lambert? Daß ich nicht gescheit wäre! Tafelmacher sagt, der Bursche arbeite für vier!

Einerlei – und wäre es ein Herkules – er ist kein Knecht für uns. Der Mensch ist über das Dienen und die Knechtsarbeit hinaus – wir hätten nicht thun sollen, was wir gethan haben; und ich bin bange, daß unsere Härte gegen ihn sich rächen wird. Sie sollen sehen, es gibt ein Unglück, wenn er bleibt!

Gnaden Mama setzte verwundert über die eifrigen Geberden, womit Karl diese Worte begleitete, die schwere silberne Zuckerschale hin, und indem sie beide Arme mit großem Nachdruck in die Seite stemmte, sagte sie: Karl, du weißt, ich lasse mir kein X für ein U machen. Dahinter steckt etwas. Heraus mit der Sprache! Was ist mit dem Lambert?

Nun, wenn Sie es denn durchaus wissen wollen, so will ich es Ihnen unumwunden gestehen! Der Mensch hat die Verwegenheit …

Nun?

Bis zu Mariannen aufzusehen.

Was sagst du da? Unmöglich!

Frau von Schwalborn war im höchsten Grade – nicht eigentlich erstaunt, sondern unangenehm afficirt; sie machte eine Bewegung, als ob sie etwas abschütteln wolle, das sie fatal berühre, etwas Unreines, das ihr nahe gekommen. Der Bauer erhob seine Augen bis zur Freiin von Schwalborn! Das war eine zu ausgemachte und offenbare Verrücktheit, als daß ein verständiger Mensch sich darüber hätte erhitzen können.

Ja, ja – sagte Gnaden Mama deßhalb, sich augenblicklich fassend, mit großer Ruhe – es war mir immer ein widerwärtiger Mensch, dieser studirte Schlingel. Du hast Recht. Fort mit ihm! Tafelmacher soll ihn noch diesen Morgen vom Hofe jagen und ihn mit dem Einschließen ins Halseisen bedrohen, so er sich wieder allhier blicken läßt. Der verrückte Mensch! Hätte ich noch einen Funken Theilnahme für ihn und Sorge, daß er sich bessere, so würde ich ihn durch den Gerichtshalter eine Zeit lang ins Loch sperren lassen. Aber jetzt ist er mir in seiner Ruchlosigkeit zu widerwärtig. Er mag laufen, wohin er will!

Frau von Schwalborn ließ sich in den Armsessel nieder, während Karl ihr einen Schemel unterschob. Bring mir mein Sacktuch, Karl, fuhr sie fort. Mariannen sagst du nichts. Das Kind darf nichts ahnen. Das versteht sich. Aber sage mir doch – woher weißt du … wie hat sich der Mensch verrathen? Nein, still, ich höre Mariannen kommen – geh lieber gleich zum Tafelmacher und sage ihm meine Willensmeinung in Betreff des Schlingels. Keine Minute Aufschub.

Karl ging, während Marianne eintrat. Die Blicke beider Geschwister begegneten sich – es lag eine ungewöhnliche Kälte darin. Der Morgengruß stockte auf Beider Lippen. Marianne sah blaß und überwacht aus.

Gnaden Mama begann ihr Frühstück einzunehmen, während dessen sie ein stilles Selbstgespräch führte. Marianne hatte sich in eine Fensterbrüstung gestellt, um das Erscheinen des Vaters und des Oheims abzuwarten. Bald darauf trat Karl wieder ein. Aber kaum hatte er seiner Mutter ein paar Worte zuflüstern können, als sich draußen auf dem Corridor ein großer Lärm erhob. Man hörte die Stimme des Freiherrn Guntram laut und heftig erschallen, während sein Bruder Desibodus Ehrembrecht beschwichtigende Worte dazwischenmischte. Die Thür flog auf, und hochgerötheten Gesichts trat der Hausherr ein. Ihm folgte mit der niedergeschlagensten Armensünderphysiognomie der Domherr.

Was habt Ihr denn, um Gottes willen? fuhr Frau von Schwalborn auf – welcher Lärmen ist das am frühen Morgen?

Marianne, geh hinaus und verbiete dem Gesinde, ins Zimmer zu kommen – sagte der Freiherr. Liebe Agnes – ich habe eben eine Eröffnung anhören müssen, die ich aus Desibod's Munde nicht erwartet hätte. Denke dir ums Himmels willen, mein Bruder will durchaus den langen Schlingel da verheirathen, und – beim Henker – er hat mir eine äußerst passende Partie in Vorschlag gebracht!

Oheim – lieber Oheim, was haben Sie gethan! rief Karl zu Tode erschrocken. Seine Mutter aber sah voll Erstaunen auf und stemmte wieder die Arme in die Seite, diesmal mit noch weit größerer Feierlichkeit als vorher.

Nun? sagte sie gedehnt und streng.

Denke dir, er will, ich soll in die Verlobung Karl's mit … mit Cölestine Zerrwitz einwilligen!

Mon frère! rief Frau von Schwalborn mit einem Blicke voll tiefster Entrüstung aus. Ist denn alle Welt über Nacht toll geworden?! Ich hoffe zu Gott, daß dies ein schlechter, miserabler Spaß ist!

Des Domherrn Muth und Entschlossenheit war zu seiner ersten Eröffnung an seinen Herrn Bruder vollständig aufgebraucht; dem zornigen Worte seiner Schwägerin wußte er nichts mehr entgegenzusetzen, als einige zitternde Worte. Aber Masoeur, stammelte er – Sie werden doch Ihren einzigen Sohn nicht unglücklich sehen wollen. Sie wollen doch um solcher Hindernisse willen, welche schon sehr einsichtige Leute Vorurtheile genannt haben …

Vorurtheile? mein Sohn soll eine Person ohne Geburt, eine Protestantin heirathen – du gerechter Himmel – mon frère, was muß ich erleben?!

Karl hatte bis jetzt schweigend diesen Wortwechsel angehört, entrüstet über seinen Oheim, der ohne sein Mitwissen einen solchen Schritt gethan, erschrocken über die Folgen eines solchen unzeitigen Geständnisses. Aber da nun einmal die Sachen so weit gediehen, trat er entschlossen seiner Mutter einen Schritt näher und sagte: Liebe Mutter, ich bitte Sie um Gottes willen, mich ruhig anzuhören. Ich weiß nicht, was meinen Oheim vermocht hat, sich in meine Angelegenheit auf diese unberufene Weise zu mischen; aber da er mein Geheimniß einmal ausgesprochen hat, so darf ich nicht länger schweigen. Ich liebe Cölestinen; es klebt kein Flecken, kein Hauch an ihr, der mir verböte, dies aller Welt zu gestehen, und sobald Sie ruhig meine Worte anhören wollen, werde ich Sie um Ihre Einwilligung zu einem Bunde bitten, den ich fest entschlossen bin, zu knüpfen!

Karl, Karl! was muß ich hören? – Aber das ist Ihr Werk, mon frère! schrie Gnaden Mama außer sich – Ihr Werk ist es! Sie haben dem Jungen solche Thorheiten in den Kopf gesetzt – ich habe immer mit Schrecken daran gedacht, was einmal aus dem überspannten Wesen werden müsse – aus Ihren gottlosen Poetenbüchern und Versen und Reimereien – ja, gottloses Zeug haben Sie mit dem Jungen getrieben, Mondschein und Liebelei und Veilchendüfte und Bücherlesen – das ist lauter ungesundes Zeug und Teufelsverlockung! Wenn mir solch ein Geßner und Jacobi und Hölty und Boje ins Haus käme, einen Tritt würde ich den Fuchsschwänzlern geben! Nun hat der Junge den Unsinn im Kopfe stecken, und wer wird ihn wieder herausbringen!

Der Domherr fuhr hin und her, als ob er auf Kohlen stände. Er hatte vorhin, ehe er sich zu seinem Bruder begeben, zu Lambert geschickt, um diesen herbeizuholen, und nun blickte er fortwährend nach der Thür in krampfhafter Spannung, ob diese nicht endlich sich öffne und der Retter eintrete. Lambert sollte ja mit seinen Eröffnungen ihm zu Hülfe kommen und ihn aus der Klemme ziehen. Wo blieb Lambert, Lambert, an dem sein letztes Heil hing!

Unterdeß fuhr Gnaden Mama zu eifern fort: Dies ist ein unglücklicher Morgen – ein Morgen, worin ich wie in einem Tollhause bin! Sagen Sie nur, mon frère, wie kommen Sie …

Liebe Masoeur – verschonen Sie mich mit Ihren Vorwürfen – ich habe geredet, was mir der Hauptmann Zerrwitz aufgetragen, und dieser versichert, wenn Sie einwilligten, würde ein großes Glück über Ihr Haus kommen!

Ein großes Glück?! O dieser windige, verlogene Preuße! Also der steckt dahinter? Dachte ich's doch! Karl wäre nie auf solche ruchlose Gedanken gekommen. Die hochmüthige Mamsell und der Herr Papa – die also haben den einfältigen Jungen verführen wollen! Und Sie sind von so charmanter Gefälligkeit, sich zum Werkzeuge herzugeben!

Masoeur! sagte der Domherr aufwallend.

Frau von Schwalborn riß heftig an der Klingel. Ich will hier einschreiten, daß Ihr Eure Freude daran haben sollt! fuhr die eifernde Dame fort – eine solche Scene, wie diese, soll sich nicht mehr in meiner Gegenwart wiederholen!

Ein Diener war eingetreten.

Wenn der Hauptmann Zerrwitz und seine Tochter sich vorstellen, um ihre Aufwartung zu machen, so sind wir verhindert, sie zu sehen. Versteht Er?

Ja wohl, sagte der Bediente und wollte sich entfernen, als der Domherr ihn zurückhielt und ihn anschrie: Um Gottes willen, wo ist denn der Lambert, weßhalb kommt der Lambert nicht?

Der Lambert ist fort.

Fort?!

Ja, Ew. Gnaden; Herr Tafelmacher hat ihn auf Befehl der gnädigen Frau so eben im Beisein der Dienerschaft vom Hofe gejagt.

Marianne sah mit einem erschrockenen Blicke ihre Mutter, dann mit wehmüthigem, vorwurfsvollem Ausdrucke ihren Bruder Karl an. Der Domherr aber schlug die Hände voll Schrecken zusammen und sagte: So ist Alles verloren! – Er war außer sich. Lambert war fort, und er – er durfte nicht reden. Ein paar Worte, und Alles wäre geschlichtet gewesen. Aber ein heiliges, unverletzliches Siegel lag auf seiner Lippe. Er stand die Qualen eines Märtyrers aus; er verzweifelte und wünschte sich den Tod. Er lief im Zimmer auf und ab, er weinte wie ein Kind, der greise Mann!

Mon frère, hob Gnaden Mama wieder an, nachdem sie rasch eine große Anzahl Prisen genommen, wenn mir recht ist, so haben Sie sehr lange keine Residenz bei Ihrem Capitel mehr gemacht!

Agnes! fiel der Freiherr Guntram mit strafendem Tone ein.

Aber Agnes ließ sich nicht irre machen. Sie sah mit Befriedigung, wie der arme Domherr endlich ganz zerschmettert aus dem Zimmer stürzte, um ins Freie zu kommen. – Karl, geh auf deine Stube, fuhr sie fort. Ich will mit deinem Vater reden, was mit dir anzufangen, um deine Marotte zu curiren. Marianne, du hast in der Milchkammer zu thun.

Nachdem sie so die Anwesenden fortgeschickt, ging Gnaden Mama mit ihrem Gemahl über die weiter nöthigen Schritte zu Rathe. – –

Lambert schnürte augenblicklich, nachdem auf dem Hofe vor dem Gesinde die Scene stattgefunden, deren der Diener erwähnte, sein Bündel. Er war in höchster Aufregung und bestürmt von den widerstreitendsten Gefühlen, von Liebe und Haß, von Freude, Rachsucht und Zorn. Er freute sich, der Fesseln entledigt zu sein, und fühlte doch die grimmigste Wuth über die schmachvolle Art, wie man ihn fortsandte. Er sagte sich jubelnd, daß er den Staub von seinen Füßen schütteln könne, und doch war die Schwelle, die er überschritt, um nie wiederzukehren, die Schwelle des Hauses, welches Marianne bewohnte. Seine Rachsucht und sein Zorn wendeten sich hauptsächlich gegen Karl. Dieser mußte ihn ja verrathen haben, das war der einzige erdenkbare Grund, daß man ihn fortschickte – sie, Marianne, davon war er überzeugt, hatte keinen Theil an dieser schmachvollen Behandlung.

Als er den Hof verlassen und im Begriffe war, den Weg einzuschlagen, der nach seines Vaters Hofe führte, sah er den Hauptmann daherkommen. Zerrwitz machte seinen gewöhnlichen Morgenspaziergang durch die Kornfelder, noch im kurzen Ginganschlafrock mit dampfendem Meerschaum und in der Klappmütze aus grauem Filz – den stehenden Attributen seines morgendlichen Erscheinens. Er sah gedankenvoll aus, und als er neben Lambert stand, sagte er sehr verwundert: Lambert! Wohin? nach Hause?!

Nach Hause – man hat mir das Vergnügen gemacht, mich heim zu schicken! Ich tauge nicht zum Knecht! ha, ha, ha!

Was ist das? Aber ich habe Sie nöthig in Schwalborn.

Mag sein. Ihr müßt schon sehen, wie Ihr ohne mich auskommt, tapferer Krieger!

Um Gottes willen, wenn Sie nicht bleiben – Sie wissen ja, um was es sich handelt – Sie wissen – haben Sie meinen Brief erhalten?

Ich weiß nichts, gar nichts, edler und ritterlicher Hauptmann! Ich werde geraden Weges unter das Dach meiner Väter heimkehren und dann wahrscheinlich den Wanderstab ergreifen, einen tüchtigen Eichenknittel, um die Welt damit zu erobern, die nöthig zu haben scheint, daß ein tüchtiger Mann sich ihrer annimmt.

Dummer Schnack! Sie bleiben – sage ich Ihnen – oder der Teufel ist los.

Es würde mir viel Vergnügen machen, ihn sehen und meiner Hochachtung versichern zu können. Aber daß ich auf ihn warte, wird er nicht verlangen.

Dreister Schwätzer!

Glaubt Ihr, ich werde wie ein gehorsames Kind meine Lection aufsagen und Geheimnisse ausplaudern, die dazu dienen sollen, meine Feinde, ja, just meinen Todfeind glücklich zu machen? Adieu, Hauptmann Zerrwitz. Grüßt Euer holdes Töchterlein von mir. »Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes – du hast deinen Mann gefunden!« sagt Spiegelberg. Auf Wiedersehen, tapferer Krieger!

Lambert ging. Der Hauptmann stand, als wenn der Blitz vor ihm eingeschlagen. Ohne Lambert war sein ganzer Plan zu nichte gemacht. In höchster Bestürzung eilte er zum Schlosse, um den Domherrn aufzusuchen. Aber auf dem Hofe schon kam ihm ein Diener entgegengeeilt, ein höchst diplomatischer Bauerbursch, der die Weisung seiner Herrschaft in die unumwundene Anzeige übersetzte, daß man Befehl gegeben habe, den Hauptmann wie seine Tochter abzuweisen, so oft sie nach Schwalborn kämen. Der Domherr sei mit dem Einpacken beschäftigt und wolle abreisen, nachdem er einen Wortwechsel mit seinem Bruder und seiner Schwägerin gehabt, setzte der Diplomat im Zwillichkittel hinzu.

Der Hauptmann stieß seinen kräftigsten Fluch aus. Sein Herz kochte vor Wuth. Statt sich selbst anzuklagen, sah er in Lambert den Verräther, der sein Unglück verschuldete.

Er hatte so sicher darauf gebaut, daß dieser, in der Hoffnung, seine Freiheit geschenkt zu bekommen, alles sagen werde, was man verlange. Und nun ließ ihn der unselige, unerklärliche Mensch so schmählich im Stich. Alle seine Hoffnungen lagen zu Boden. Er hatte sich rächen wollen und war selbst von dem Schlage getroffen, den er auf seinen Feind geführt. Statt des Triumphs hatte sein Ehrgeiz die schmachvollste Niederlage erhalten. Zerrwitz war rathlos, und als er, zu Hause angekommen, das milde, trauernde Antlitz Cölestinens sich über ihre Blumen neigen sah, um ihm ihren Morgengruß zuzurufen – da hätte der harte, steinerne Mann Thränen des Schmerzes und ohnmächtiger Wuth weinen können.

So war mit Einem Schlage der Friede vernichtet, dessen Genius seine schützenden Schwingen über das stille Herrenhaus von Schwalborn gebreitet hatte. An die Stelle der Eintracht war Zorn und Gereiztheit und Rachsucht getreten. Die Kinder sahen sich ihren Aeltern, der Bruder seiner Schwester feindlich gegenüber. Die kindliche und leichtgläubige Marianne war aus allen Geleisen ihres harmonischen Wesens geworfen. Karl's Schmerz grenzte an Verzweifelung.

Das Herz des guten Oheims sah sich blutend aus dem Hause verbannt, worin es sich mit allen seinen Neigungen und Phantasien seit Jahren eingesponnen und so heimisch gefühlt – dafür standen außen zwei erbitterte und verwegene Feinde drohend vor diesem Unglückshause – Lambert und der Hauptmann.

Haben die Leidenschaften diesen Umschwung hervorgebracht? Nicht sie allein. Diese Leidenschaften würden nicht entstanden sein, wenn sie sich nicht hätten nähren können aus dem unsichtbaren Gedankenstoffe, welcher die Atmosphäre jener Tage erfüllte, welcher in jeden Athemzug der Generation sich drängte. – Einen Triumph konnte der alte preußische Hauptmann über den Freiherrn feiern: die Revolution war da – sie war im eigenen Hause des Freiherrn von Schwalborn ausgebrochen.

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