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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Fünftes Kapitel.

Mehre Tage waren vergangen. Lambert kam von seiner Feldarbeit heim. Obwol er sich in seiner düstern Stimmung von dem übrigen Gesinde während der Arbeitstunden möglichst entfernt gehalten, hatte er doch einen Ehrenpunkt darein gesetzt, an tüchtigem Zugreifen und rühriger Kraft Keinem der Andern nachzustehen, sie vielmehr Alle zu übertreffen. Herr Tafelmacher hatte lächelnd zugeschaut, wie kräftig der junge Bauer die große Heugabel beim Auf- und Abladen zu schwingen gewußt, und war nicht wenig zufrieden mit der neuen für den Hof gewonnenen Arbeitskraft.

Einige Male hatte Lambert Mariannen gesehen. Worte hatte sie nicht mit ihm gewechselt, aber seine Gedanken waren viel mit ihr beschäftigt. Er fand sie schön – begehrenswert – er fluchte dem Mephistopheles von altem Preußen, der ihm böse Gedanken in den Kopf gesetzt, welche ihm keine Ruhe ließen. Marianne war frisch und fröhlich, eine gesunde Natur, wie nur die freie Landluft sie, fern von der ermattenden Atmosphäre der Städte, reift. Aber zugleich hatte sie das Reizende, Verlockende der vornehmen Erziehung und Geburt. Für Menschen niederer Herkunft liegt etwas unendlich Verführerisches in der hohen Stellung eines weiblichen Wesens. Während die Eitelkeit sie stachelt, hat eine solche Erscheinung den großen Reiz, den das Fremdartige auf Männerherzen übt; dem Drange, zu idealisiren, kommt der äußere Glanz einer bevorrechteten Lebenssphäre entgegen.

Lambert fühlte sein Herz von Groll und Rachedurst wider die Familie seines Gutsherrn erfüllt. Wenn er nach vollbrachter Tagesarbeit in der Dämmerung durch den Garten und den Park wandelte, machte es ihm Freude, sich mit einem verderbenbrütenden Wolf zu vergleichen, der Nachts eine stille Hürde umschleicht; das verborgen glimmende Feuer seines Hasses schürte er wie einen Zündbrand, bestimmt, an eine Mine gelegt zu werden, die Verderben und Zerstörung in das Haus bringt, unter dem sie gegraben ist. Vor Allen aber richtete sich sein Groll wider Marianne; denn ihm selber unbewußt hatte sich nach und nach alles Demüthigende seiner Lage in dem Gedanken zusammengezogen, daß er unter Mariannens Augen in Knechtsgestalt umhergehen mußte. Darum schlug sein Herz so stürmisch, wenn er sie sah. Darum haßte er sie. Es war ein unbewußter Drang in ihm, der ihn hätte die Welt dafür geben lassen, wenn er sie hätte fühlen lassen können, wie die Schöpfung den Mann über das Weib gestellt und wie dieses sich als Dienerin des Mannes fühlt, sobald Beide als Person der Person sich gegenübertreten und der Strom ihrer individuellen Lebensexistenzen zusammenfließt.

Nach solchen Gedanken trat dann wieder der alte Hauptmann mit seinem ruchlosen Lächeln vor seine Seele.

Eines Abends trat der Domherr zu ihm, als er im Park auf einer Rasenbank lag und dem Girren der Ringeltauben lauschte, die mit ihren tief gurgelnden Tönen das Gehölz erfüllten, in welchem sonst tiefe, abendliche Stille herrschte. Bisher hatte noch Niemand von der Herrschaft mit ihm gesprochen. Der Domherr war von der größten Freundlichkeit. Er schien nachdenklich, zerstreut, ja unruhig. Lambert merkte diesen gedrückten Zustand des alten Herrn, und deßhalb ließ er bald die schweigsame Verstocktheit fahren, die er anfangs zeigte, und ging offen und theilnehmend in das Gespräch ein. Dieses nahm eine Wendung, welche auf den Hauptmann Zerrwitz führte, und der Domherr fragte endlich: Habt Ihr kürzlich dem Hauptmann Zerrwitz ein Geheimniß anvertraut?

Ich? ein Geheimniß? und wer könnte das Ihnen verrathen haben?

Er selbst.

Lambert schüttelte den Kopf.

Junger Mensch, es handelt sich um das Glück einer Familie – antwortet mir offen – ist ein Geheimniß da, um welches Ihr wißt, und das eine Heirath Karl's von Schwalborn mit der Tochter des Hauptmanns Zerrwitz zu einem Glück für unser Haus machte? Ihr seht, ich bin ganz offen gegen Euch gewesen – seid es ebenso gegen mich! Jedenfalls erinnert Euch, was von der Antwort, die Ihr mir gebt, abhängt.

Lambert sah den Domherrn lange schweigend an. Man sah, er sammelte seine Gedanken. Seine Lippen zuckten und das Feuer seines schmalen, mandelförmigen Auges blitzte doppelt stark.

Nun – eine Antwort – Lambert, die Ihr verantworten könnt vor der Wahrheit und als treuer Diener Eurer angeborenen Herrschaft!

Als treuer Diener meiner angeborenen Herrschaft, versetzte bitter lächelnd der junge Mensch, sage ich Ihnen, daß ich allerdings der Bewahrer eines Geheimnisses bin, das einen solchen Fall wie den, von dem Sie sprechen, betrifft. Aber ich habe geschworen, es zu bewahren. Zerrwitz weiß so wenig davon, wie Sie wissen.

Und kann nichts vermögen, es Euch zu entreißen? Zerrwitz hat mir doch von einem überraschenden Glücke, von einem großen Schatze gesprochen!

Hat er? Nun, gelogen hat er nicht. Aber nehmen Sie mir nicht übel, daß ich schweige. Sie wissen ja, was meine Zunge bindet.

Und wenn es unter dem Siegel der Beichte wäre?

Unter dem Siegel der Beichte? Ich weiß nicht, ob ich es darf. Doch – sei es – ist es eine Sünde, so will ich auch eine Sünde auf mich nehmen für meine angeborene Herrschaft, als ihr treuer Diener, wie Sie sagten, ehrwürdiger Herr. Also unter dem Siegel der Beichte, dessen Bruch die ewigen Höllenstrafen rächen!

Sub sigillo confessionis, sagte der Domherr und machte ein Kreuz, wobei seine Hand zitterte unter dem Einflusse der innern Spannung.

Lambert, der aufgestanden war, während der Domherr sich auf die Rasenbank gesetzt hatte, ließ sich jetzt wieder neben ihm nieder, und dann flüsterte er ihm mit halblauter Stimme Mittheilungen zu, welche den Hörenden immer heftiger bewegten.

Als er geendet, stand dieser rasch auf.

Nun ist Alles gut – Gott, welches unselige Wirrniß, welche tiefe Trübsal löst dies mit Einem Male! So hatte der Hauptmann doch Recht! Nun, ich will eilen, und sobald ich einen günstigen Augenblick finde, will ich mit meinem Bruder sprechen. Karl dauert mich mit seinem Liebeskummer: er siecht dahin! Und wenn der rechte Moment gekommen, dann mag Zerrwitz mit Euch eintreten; dann nehmt Ihr das Wort, Lambert, und beschwichtigt den Sturm, der sich bei meinem Bruder und, ach! bei meiner Schwägerin erheben wird; nicht, Ihr werdet es? – Der Domherr nahm zärtlich des jungen Bauers Rechte.

Ich will, wenn es sich um Glück und Leben zweier Menschen handelt, kein Pedant sein.

Voll Freude über diese Versicherung schüttelte der Domherr dem jungen Bauer die Hand, und dann eilte er davon, dem Herrenhause zu. Um das Benehmen des Domherrn bei dieser Scene zu verstehen, ist es nöthig, einer langen Unterredung zu erwähnen, welche er am Morgen dieses Tages mit Zerrwitz gehabt hatte. Voll zärtlicher Sorge und Unruhe hatte er seit dem Augenblicke, wo Karl ihm seine Geständnisse gemacht, diesen beobachtet: er hatte einen tiefen Kummer am Herzen seines Neffen zehren sehen, und da er selbst ein weiches Herz besaß, so hatte er es nicht an Zuspruch und Trostesworten fehlen lassen wollen. Aber diese Tröstungen hatten keinen weitern Erfolg gehabt, als Karl zu Ergießungen seiner Leidenschaft zu veranlassen, die zu tief und zu gewaltig war, als daß sie den Oheim nicht endlich hätte rühren sollen. Eine Stimme nach der andern wurde im Herzen des würdigen alten Herrn für die jungen Leute laut. Freilich wagte er nicht, sich selbst diese Sympathie zu gestehen; in seinen Gesprächen mit Karl suchte er vielmehr diesem alle Hoffnungen eifrig zu zerstören. Aber er that dies mit einer so heftigen Beredtsamkeit, daß es schien, als ob er unruhig nicht allein gegen Karl's Leidenschaft, sondern auch gegen die eigene Schwäche anzukämpfen das Bedürfniß fühle. Vielleicht wäre er siegreich in diesem Kampfe gewesen, wenn Karl ihm mit Gründen geantwortet hätte. Aber Karl duldete schweigend, und der Beredtsamkeit bleicher Wangen und umflorter Augen war der Domherr nicht gewachsen.

In dieser Stimmung traf ihn der Hauptmann. Zerrwitz hatte, nachdem er Lambert's Mittheilungen gehört, rastlos über Planen gebrütet. Der junge Bauer hatte ihm Hoffnung gemacht, daß er für Karl und Cölestine das Siegel brechen werde, das auf seine Lippen gelegt war. Es kam also darauf an, das Verhältniß einer Katastrophe zuzuführen. Auf Lamberts letzte Worte, als er von ihm schied: »Ich will einen Feuerbrand in das Haus dieser Schwalborn schleudern, und Sie fodern von mir, ich soll ihnen eine Million in den Schooß schütten?« legte er kein Gewicht. Es war die Eingebung einer zornigen Aufwallung. Wie sollte sie Stich halten gegen die sichere Aussicht auf die Freiheit, welche Lambert einst von Karl erhalten mußte, wenn er dessen Glück begründete!

Um jene Katastrophe herbeizuführen, schien Karl selbst dem Hauptmann zu unentschlossen, besonders seiner Mutter gegenüber zu ängstlich. Doch glaubte er bemerkt zu haben, daß Karl auch seinen Eigensinn besitze, und daß, wenn er einmal über den Knoten des offenen Geständnisses hinüber sei, er sich fürder jedenfalls fest und unerschütterlich zeigen werde.

Mag der Domherr die heißen Kastanien aus dem Feuer holen! sagte er und ging, den Domherrn aufzusuchen. Er theilte diesem Lambert's geheimnißvolle Verheißung mit. Der Domherr, dessen Seele arglos und leichtgläubig wie die eines Kindes war, nahm sie mit Begierde auf; er ließ sich zu Allem überreden, was der Hauptmann wollte, denn sein Herz blutete ja, wenn er an seines Neffen und Lieblings Kummer dachte. Nur wollte er zuerst selbst mit Lambert sprechen. Dies geschah, wie eben erzählt wurde. –

Als der Domherr nach dem Gespräche mit Lambert froh von dannen eilte, sah der junge Bauer ihm hohnlächelnd nach.

Alter Thor! sagte er, geh und plaudere und sprich ein Wort aus, das wie ein Blitz in dieses stolze Haus schlagen und Frieden und Eintracht aus seinem letzten Winkel schrecken wird! Baue auf mich! ha, ha, ha! auf meine »Dienertreue für die angeborene Herrschaft« – du sollst sie kennen lernen! Ueber meine Lippen soll es nicht kommen, was diese sentimentale alte Nonne deinem Hause für Schätze hinterlassen hat, falls ein Schwalborn hochherzig genug ist, ein armes bürgerliches Mädchen zu heirathen.

Während Lambert diese Worte sprach, öffnete sich die Gartenthür des Herrenhauses, und drei jugendliche, anmuthige Gestalten schritten zwischen einer Hecke von Oleander- und Lorberbüschen die Stufen hernieder, welche zu den zierlich abgezirkelten, mit Buchs und Grasnelken eingefaßten Blumenbeeten des Gartens führten. Es waren Karl, Cölestine und Marianne. Sie nahten sich langsamen Schrittes Lambert, der jetzt durch den Garten eilte, um seine Kammer aufzusuchen. Lambert's Züge erhellten sich nach und nach wunderbar, während seine Blicke feurig auf der vollen, jugendlich frischen Gestalt Mariannens hafteten. Als die Drei in seiner Nähe waren, ließ Marianne den Arm Cölestinens fahren, der in dem ihrigen geruht hatte, und neigte sich zur Seite über einen Centifolienstamm. Karl und Cölestine schritten weiter; sie schienen das Zurückbleiben Mariannens nicht zu bemerken. Diese wollte eine Rose abpflücken; sie riß und zerrte an dem Zweige, aber vergebens. Der zähe Ast wollte nicht abreißen.

Es war charakteristisch für Lambert, daß in diesem Augenblick der anmaßende Gedanke in ihm aufstieg: Sollte sie meinethalb an dem Strauche stehen geblieben sein? Doch klopfte sein Herz heftig und seine Stimme zitterte, als er, rasch herbeispringend, den Zweig erfaßte und sagte: Erlauben Sie mir – ich will ihn lösen.

Er überreichte ihr die Blume und sagte leise: Es ist Ihr Knecht, der Ihnen die Rose gibt!

Er sprach dies mit einer Betonung, die Mariannen verwirrte. Aber auch ohne solche Betonung hätten die Worte eines so gewandten und gebildeten Mannes, der sich ihren Knecht nennen mußte, sie beschämt. Sie suchte ihre Verlegenheit zu verbergen, indem sie ihr erröthendes Gesicht über den vollen Kelch der Rose beugte, deren Blätter kaum dunkler flammten, als die Wangen des jungen Mädchens.

Als sie sich dann zum Gehen wandte, setzte er mit Bitterkeit hinzu: Und weil es Ihr Knecht ist, wären es weggeworfene Worte, wenn Sie ihm dankten.

Ich danke, Lambert, sagte Marianne; und um ihre Unfreundlichkeit wieder gut zu machen, setzte sie hinzu: Sie sagen das so bitter – Sie sind nicht gern bei uns – ich kann es mir denken – es thut auch uns leid, meinem Bruder Karl und mir.

Lambert's Herz schlug hoch auf. In der Bewegung Mariannens zum Fortgehen, während sie noch sprach, schien ihm nämlich eine Auffoderung enthalten, sie zu begleiten, während sie doch nur beängstigt den Bruder einzuholen suchte.

Sprechen wir nicht davon, versetzte er. Wir haben als Kinder oft zusammen gespielt. Erinnern Sie sich noch der Zeit?

O gewiß, antwortete Marianne, froh, das Gespräch in einer so unverfänglichen Wendung begriffen zu sehen. Wir waren oft zusammen und wären es noch öfter gewesen, wenn unsere Spiele nicht gewöhnlich in einem Kampfe zwischen Karl und Ihnen geendet hätten. Sie wollten ihn immer tyrannisiren, und das schönste und beste Spielzeug mußte immer in Ihren Händen sein. O, Sie waren ein recht dreister, verwegener Bube!

Das bin ich wol noch, rief Lambert lachend: das Schönste und Beste scheint mir immer noch wie nur für mich da!

Das ist unrecht. Man muß sich bescheiden.

Das kann ich nicht. Noch in diesem Augenblick brennt meine Seele vor Verlangen nach dem Schönsten und Besten, was die Welt umschließt.

Das waren wieder Worte, die Mariannen erschreckten. Lambert aber sprach eifrig weiter. In seinem Herzen ging eine seltsame Umwandlung vor. Wie erschien ihm Marianne jetzt, wo sie freundlich und doch mit einer für ihn schmeichelhaften Befangenheit mit ihm sprach, so anders als früher! Um seinen Haß gegen sie mußte es ein kläglich Ding gewesen sein! Er vergaß auf einmal seinen ganzen Groll, und seine Seele öffnete sich warmen, erhebenden Empfindungen. Es war ihm, als werde seine Brust weiter, sein Wesen reicher um eine ganze Welt.

Marianne hörte ihm zu und wurde von einem gewissen Zauber erfaßt, der sie umstrickte. Indem sie den verwegenen und hochfliegenden Gedanken des jungen Mannes lauschte, die dieser unter dem Einflusse seiner Stimmung keck heraus in die Seele des Mädchens warf, fühlte sie etwas von der süßen Unruhe, der wollüstigen Beklommenheit, womit wir den Reiz des Verbotenen und Gefährlichen auf uns wirken lassen.

Nach etwa einer halben Stunde erst fuhr sie aus einer träumerischen und gefährlichen Selbstvergessenheit auf. Sie besann sich, daß sie diesem Gespräch nicht länger zuhören dürfe.

Sie fragte ängstlich: Wo ist mein Bruder geblieben? Ich sehe ihn nicht mehr!

Lassen Sie die Beiden, Cölestinen und Ihren Bruder – versetzte Lambert lächelnd; sie sind um die Ecke jener Taxuswand gebogen und gewiß glücklicher allein!

Marianne sah ihn mit einem fragenden Blick an.

Ihr Bruder liebt Cölestinen, fuhr Lambert fort.

Mein Bruder? Cölestinen?

Er wirbt um sie, sie hat ihm ihre Hand zugesagt und er wird sich in den nächsten Tagen, vielleicht morgen, seinen Aeltern erklären.

Um Gottes willen! und Sie … woher wissen Sie …?

Ich weiß es. Sie werden sehen.

Marianne hing mit zu inniger Liebe an ihrem Bruder, um von dieser Nachricht nicht völlig überwältigt zu werden. Sie blickte Lambert mit dem Ausdruck des höchsten Staunens, dann mit rathloser Verzweiflung an. Ihr Bruder liebte – hoffnungslos – die Tochter des Hauptmanns.

Das ist ein großes Unglück! sagte sie nach einer Pause. Thränen quollen über ihre erbleichenden Wangen.

Lambert ergriff ihre Hand; sie ließ sie ihm wie willen- oder gedankenlos: sie war ja nur mit Karl beschäftigt. Weinen Sie nicht – weinen Sie nicht, Marianne – freuen Sie sich dieser Nachricht – Ihr Bruder liebt! rief Lambert aus, froh, der ganzen radicalen Heftigkeit seiner von der Revolution entflammten Seele nachgeben zu können. Weßhalb sollte Ihr Bruder nicht die Tochter des Hauptmanns lieben? Weil sie von anderem Stande, von anderem Glauben ist? Was ist der Glaube gegenüber den Offenbarungen des Herzens? Diese sind ewig wie die Sterne, und der Glaube ist eine vergängliche Fiction vergangener Jahrhunderte; der Stand ist ein nichtiger Gedanke der Menschen, als sie noch Kinder waren! O, wie ist alles das so klein und jämmerlich, wenn es sich den urewigen Rechten der göttlichen Menschenbrust entgegenstellen will! Ein Nichts, eine Spiegelfechterei des Affen wider den ruhigen Siegerschritt des Helden, der die Welt befreit, der Vernunft! Marianne – ich bin ein Leibeigener – aber ich liebe Sie – dadurch bin ich Ihnen gleich und ebenbürtig.

Marianne entzog ihm zitternd ihre Hände und wandte sich, um wie ein gescheuchtes Reh davonzufliehen. Sie eilte die Schloßtreppe hinauf und verschwand im Innern des Gebäudes.

Lambert blickte ihr eine Weile nach. Dann wandte auch er sich, um elastischen, kühnen Schrittes in die Gebüsche des Parks sich zu vertiefen. Alle Stimmen seines Innern jauchzten laut auf: wer sein Selbstgespräch, die Gedanken, welche er den verschwiegenen Aesten der hohen Wipfel über seinem Haupte anvertraute, hätte belauschen können – der würde Zeuge des Dithyrambenschwunges einer verwegenen, aber voll dichterischen Feuers glühenden Jünglingsseele geworden sein. Die Linden der Alleen hauchten ihren süßesten Blütenduft und die Nachtluft fächelte weich seine glühenden Wangen. Die weißen Blütendolden des Hollunders schimmerten wie fernher schwebende Feenangesichter durch das Dunkel der Büsche, und die Sterne zuckten so emsig durch das Laubgewölbe, als wollten sie leise niedersinken auf die sinnenberauschte Welt voll Sehnsucht und voll Liebe. Es war die wonnevollste Stunde, die je für Lambert geschlagen.

Wie ganz anders, mit wie viel bitterern Empfindungen erfüllt floß dieselbe Stunde zweien Herzen dahin, die sich in seiner Nähe härmten und zu verbluten glaubten unter dem Kummer dieser Nacht!

Cölestine und Karl saßen auf der Steinbank einer Nische, welche durch einen Einschnitt in eine Taxuswand gebildet war. Karl hatte seiner Geliebten den Erfolg seiner Eröffnungen an den Oheim mitgetheilt; daß er diesen, von dem er vor allen Menschen Wohlwollen und Nachgiebigkeit gegen seine Wünsche erwarten durfte, durch sein Vertrauen anfangs in eine Art Verzweiflung gebracht und jetzt noch immer nicht erweicht, hatte ihn aufs tiefste niedergeschlagen. Er wagte nicht mehr, zu hoffen. Cölestine sah anfangs stumm vor sich nieder. Dann legte sie den Arm um die Schulter ihres Freundes und sagte: Verzagen Sie nicht, Karl, unser stilles Glück ist ja nicht zu zerstören: es ist ewig und kann uns nie geraubt werden. Unsere Liebe mag verschwiegen und verhüllt vor dem Auge der Welt in unserer Brust ruhen bleiben. Sie wird wie ein stiller, wunderkräftiger See sein, den Niemand kennt und den ein Engel hütet! Wir werden täglich unsere Seelen darin baden, und der Schmerz wird nicht an uns haften können, sondern untergehen in der krystallenen Welle der Empfindung, die ewig rein, ewig beseligend bleibt.

Karl hörte gerührt die Worte seiner Geliebten an, aber er fühlte nicht diese entsagende Kraft in sich, welche sich für himmlische Empfindungen die irdischen Hoffnungen umtauschen läßt. Dem entsagenden, sentimentalen Seelenschwunge seiner Geliebten zu folgen, hatte er Poesie und Schwärmerei genug; aber er hatte doch zu viel praktischen Sinn und zu viel Lebenseinsicht, um die Aufgaben seines Daseins darin zu suchen. Zudem war sein junges Herz ganz ausgefüllt von dem natürlichen Wunsche jeder ersten Liebe: er wollte besitzen. Aber vergebens bot er alle Kräfte seiner Seele auf, um einen Schimmer von Hoffnung festzuhalten. Er sah Cölestinen jenseits eines tiefen und unausfüllbaren Abgrundes stehen, allein, verlassen, ihrer Seelenpein zum Opfer werdend und vergebens die Hände zum unbarmherzigen Himmel erhebend, dessen düstere Wolken in stolzer Schweigsamkeit ruhig über ihrem gramgebeugten Haupte dahinzogen. Er konnte nicht hinüber zu ihr – es war keine Hoffnung, keine! Er legte das Haupt an Cölestinens Brust und schluchzte bitterlich.

Und wer hatte den Abgrund gegraben, der sie trennte?

Ha – wenn gar dieser ganze Abgrund ein eingebildeter wäre – sagte Karl, das Haupt erhebend, wenn sich das Blut unsers Herzens für nichts und wieder nichts ausströmte! Der Glaube – der Adel – welche Rechte haben diese Begriffe, das Opfer unsers Daseins zu fodern – denn dieses Opfer soll ich ihnen bringen, da ich nicht leben kann ohne dich! Was ist der Glaube? Es ist der Ewige und sein immerwährendes Gnadenspenden, zu einem Bilde in unserer Einbildungskraft geworden. Und weil dieses Bild in deiner Brust mit einem oder zwei Zügen lebt, die dem Bilde in meiner Brust fehlen, oder umgekehrt – deßhalb sollen wir getrennt sein auf ewig? O der Thorheit! Jedes Auge hat seinen eigenen Regenbogen, so Jedes Brust ihr eigenes Bild von Gott. Das ist seine Unendlichkeit! Und Adel? Man gestaltet in Frankreich den Staat um und ordnet eine neue Gesellschaft ohne Adel. Und was ist ein Ding werth, das so durch den bloßen Willen des Gesetzgebers aus den Begriffen der Menschen gestrichen werden kann? Cölestine – mir ist, als duldeten wir unter der Schreckensherrschaft eines Tyrannen, der längst todt ist und von dem nur noch die Furcht seines Namens überlebt. Und Tausende dulden mit uns. Aber es regen sich auch Tausende – ja, ich glaube, es ist ein neues Jahrhundert angebrochen, jenseits der Grenzen dieser Landeinsamkeit, in welcher unser Ohr nicht erreicht wird von dem Wehen, das stürmisch die Thore einer neuen Zeit aufreißt. O, könnte ich mit ihnen meine Faust ausstrecken, um die modernde Despotenleiche Vorurtheil, unter deren Schrecken wir keuchen, von ihrem Throne zu schleudern!

Karl war bei diesen Worten aufgesprungen und hatte drohend seine Hände ausgestreckt. Aber Cölestine zog ihn wieder neben sich und sagte:

Verirren wir uns nicht, theurer Karl, in vermessene und verwegene Entschlüsse! Vergessen wir nicht, daß der Drang zu sittlicher Weltordnung die Grundlagen der alten Gesellschaft gelegt hat, und daß der Egoismus, der vom Genusse sich ausgeschlossen sieht, es ist, welcher die neue Gesellschaft aufbaut. Jene mag entartet sein, auch gebe ich zu, daß dieser Egoismus berechtigt sei. Aber die alte Ordnung der Dinge wird vor der neu projectirten Gesellschaft immer die höhere Idee voraus haben, welche sie ursprünglich gestaltete!

Es war spät geworden, und Cölestine nahm Karl's Arm, um sich heim geleiten zu lassen. Als sie den Park verließen, um in die Allee einzubiegen, welche nach dem Dorfe führte, begegnete ihnen Lambert, den seine innere Bewegung unterdeß umhergetrieben hatte. Er folgte ihnen von fern. Er suchte ein Gespräch mit Karl.

Als Karl langsam wandelnd zurückkam, nahte Lambert sich ihm und redete ihn an, Herr von Schwalborn, sagte er, verzeihen Sie mir, daß ich in diesem Augenblicke Ihre Gedanken in Anspruch nehme. Aber was ich Ihnen sagen will, muß jetzt gesagt werden, denn wir sind beide in dieser Stunde in einer hochgespannten Stimmung, die uns berechtigt, auf gleichem Boden zu unterhandeln.

Unterhandeln? und worüber sollten wir unterhandeln? fragte Karl mit einer milden Ruhe, die seltsam mit dem aufgeregten, aus allen Fugen geworfenen Wesen Lambert's contrastirte.

Ueber unser Glück, unser Dasein, über Tod und Leben. Wie jener Gesandte Roms im Schooße seiner Toga, trage ich Krieg und Frieden, Glück oder Vernichtung in meinen Händen und reiche beide Ihnen hin. Was wollen Sie?

Wie soll ich diese Worte verstehen können?

Sie und ich, wir lieben beide – beide ohne Hoffnung – ein Handschlag von Ihnen, und wir können beide so glücklich werden, wie wir sonst elend sein werden.

Erklären Sie sich, Lambert.

Hören Sie; ich besitze einen Talisman, das Herz Ihrer Aeltern zu wenden. Sie werden einen großen Sturm heraufbeschwören, wenn Sie um die Erlaubniß werben, Cölestinen heimzuführen; aber werben Sie, beschwören Sie getrost und muthig diesen Sturm herauf – ich werde Oel in seine Wogen träufeln, und Sie werden glücklich sein. Dagegen …

Nun, dagegen?

Dagegen fodere ich von Ihnen – Ihre Schwester.

Meine Schwester – von mir?

Sie sind Erbe von Schwalborn und werden einst das Haupt der Familie sein – Ihre Einwilligung genügt mir für jetzt; ich kann warten; ich bin jung – Marianne ist es auch!

Karl war wahrlich nicht in heiterer Stimmung an diesem Abend; aber nach den letzten Worten Lambert's konnte er nicht umhin, hell aufzulachen. Des Leibeigenen schlagfertig dreiste, erhitzte Werbung um niemand Geringeres als seine eigene Schwester hatte etwas so unendlich Komisches für ihn, daß er ein lautes Gelächter nicht zu unterdrücken vermochte und auch nicht suchte.

Lambert fühlte sich dadurch tödtlich beleidigt.

Sie lachen! So wissen Sie – Ihre Schwester liebt mich – und sie wird mein – mein, Ihnen zum Trotz – mögen Sie darüber lachen oder weinen!

Lambert – Lambert!

Aber Lambert hörte nicht. Er wandte sich zornig ab und verschwand in dem Schatten der Nacht.

Durch seine letzten Worte hatte Karl allen seinen Ernst wiedergefunden.

Seine Schwester liebte den verwegenen, tollkühnen Burschen? Das war ein Donnerschlag für Karl. Wie feurig er selber auch noch vor einer Stunde den Unterschied des Standes hatte niederreißen wollen, der eine unübersteigliche Mauer zwischen liebenden Herzen aufgeführt habe, zum Hohne der reinsten und edelsten Foderungen der Natur – so wenig war er geneigt, seinem eigenen Systeme bis in solche letzte Consequenzen hinein treu zu bleiben. Seine Schwester – und ein leibeigener Bauer! Das war eine Klippe, welcher das keck segelnde Schiff seiner jungen Philosophie sich nicht gewachsen zeigte. Es gibt gewisse Dinge, über die kommt der Verständigste nicht hinaus – dünne, niedrige Hecken, welche Gewöhnung und anerzogenes Denken aus eitel Rankengeschlinge verkrüppelter Begriffe geflochten haben; und doch stutzt der kühnste Renner eurer Willenskraft davor und verweigert den Satz. Ihr kommt nicht hinüber!

Als Karl heimgekommen war, sah er im Zimmer Mariannens noch Licht brennen. Dieses Zimmer ging auf den Park hinaus, und Marianne hatte ihre Blumen von der Fensterbrüstung gehoben, um sich auf diese zu stützen und die laue Nachtluft einzuathmen. Schwer vom Dufte der Lindenblüten und der Jasmin- und Rosenbüsche des Gartens, legte sich die Atmosphäre wie ein weiches, üppiges Seidentuch warm um ihren Nacken und Busen, dessen zarte Fülle über das offene weiße Nachtgewand zu schwellen drohte. Marianne war sonst nicht eben geneigt, in so später Stunde der Wohlthat eines tiefen und ruhigen Schlummers schwärmerisches Versenken in die stillen Reize einer schönen Sommernacht vorzuziehen. Aber heute war sie seltsam bewegt, der Schlaf floh ihre langen seidenen Wimpern, und es war ihr, als verstehe sie zum ersten Male in ihrem Leben heute die süße Klage des Nachtigallenbusens, die vom unfernen Weiher herüberscholl, als verstehe sie heute zum ersten Male das unruhige Stimmentauschen der Schwäne, die auf dem glatten Spiegel des Bassins in stolzer Anmuth sachte ihre Kreise zogen. Das hatte sie nie gehört: es tönten Rufe und Flüstern unruhiger Wesen aus dem plätschernden Rauschen der Fontaine unter ihrem Fenster. Es war ihr seltsam ums Herz. Die Nacht war auch so wunderbar, so ganz anders wie andere Nächte. Sonst war die Nacht für Marianne eine Art dunkeln Vorhangs gewesen, der niederrollte über Bewegung und Leben des Tages, ein Actschluß im Drama der Existenz, nach welchem Jeder sich heim begibt und Ruhe sucht. Heute war ihr, als beginne die Nacht nur ein neues Drama, als hülle sie in ihre Schatten ein zweites, innigeres, poetischeres Leben ein, das Leben der Empfindung und der Blumen, der Liebe und der Sterne, die so bewegt glühten, während durch Gesträuch und Wipfel und Luft die Odemzüge eines unsichtbaren Wesens hauchten.

Ob Marianne an Lambert dachte, während in ihr die Empfindungen und Offenbarungen eines früher ungeahnten Lebens aufstiegen und ihr Herz zu unruhigem Schlagen bewegten? Gewiß ist, daß sie sehnsüchtig bewegt an Liebe und an Leidenschaft dachte und daß eine seltsame Erregung die Trauer um ihren Bruder und Cölestine dämpfte.

Da klopfte es an ihr Zimmer. Es war Karl, der eintrat, ihr die Hand reichte und sie lange mit ernstem, kummervollem Blicke ansah.

Marianne – weßhalb ruhst du nicht? – Du bist unruhig und bewegt – Marianne, sollte es wahr sein – o, nein, nein – es ist nicht möglich!

Was ist nicht möglich, Karl? Was führt dich zu mir so spät?

Sollte sich dein Herz so unwürdig verirrt haben nein, nein!

Marianne schrak zusammen. Es war nicht Schuldbewußtsein, es war das Zucken aufdämmernder Gefühle unter einer Berührung, die sie noch nicht ertragen konnten. – Ihrer Psyche begannen Schwingen zu wachsen, die noch viel zu zart und schwach, als daß man hätte die Hülle dichter Verpuppung davon wegzerren dürfen.

Du schrickst zusammen – um Gott, Marianne – also dennoch – sei offen gegen mich – ist das Gefühl deiner Würde, des Anstandes zugleich mit deinem Herzen verloren – in der That so ganz und völlig verloren …?

Karl, unterbrach sie ihn, aufs tiefste in ihrer Jungfräulichkeit gekränkt – ich begreife und verstehe dich nicht. Es scheint, daß in deiner Seele irgend ein unwürdiger Verdacht gegen mich keimt – ich bitte dich, sprich ihn nicht aus – es könnte mich vergessen lassen, daß es mein einziger Bruder ist, der mich kränkt.

Und weßhalb bist du gekränkt – könntest du dich von meinen schonenden Worten gekränkt fühlen – ohne – ja, ohne ein Schuldbewußtsein?

Schonende Worte – Schuldbewußtsein – du wirst sehr beleidigend – wie seltsam, daß du deiner Schwester mit solchen Worten gegenübertrittst!

Und weßhalb soll ich nicht meiner Schwester ein ernstes, mahnendes, ein strafendes Wort zurufen, wenn ich sie im Begriff sehe, sich – sich wegzuwerfen?

Gott im Himmel – welche Sprache! Geh, Karl, und lege dich ruhig zum Schlummer nieder – ich werde nie mich wegwerfen und nie das Schuldbewußtsein einer Liebe tragen, welche mein Stand und mein Glaube mir verbieten, welche meine Aeltern vor Kummer tödten würde.

Karl war erblaßt. Er antwortete mit zitternder Lippe: Gute Nacht, Marianne. Mögest du nie erfahren, wie schmerzlich ein Wort verwunden kann!

Er ging. Marianne bereute jetzt bitterlich ihre Heftigkeit. Sie hätte ihn zurückhalten und an seinem Halse ihn um Verzeihung bitten mögen. Aber sie schämte sich dessen und legte sich schmollend zur Ruhe. Karl aber schied von ihr im Herzen gekränkt und überzeugt von der Wahrheit dessen, was Lambert's Zorn ihm verrathen. Weßhalb wäre sie sonst so gereizt, so heftig geworden? – Wer liebt, ist ja ohnehin immer nur zu geneigt, an die Liebe zu glauben.

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