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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Zweites Kapitel.

Am folgenden Morgen finden wir unsere Familie um den Frühstückstisch versammelt, der in einem großen Zimmer des Erdgeschosses von Haus Schwalborn stand. Die Fenster, welche nach dem Garten hinausgingen, waren von den Wipfeln der nächsten Obstbäume vor den Strahlen der Sonne geschützt, und der Raum hatte dadurch etwas Schattiges und Düsteres bekommen. Dunkles Holzgetäfel erhöhte diesen Eindruck. An den Wänden umher hingen die Bilder der Vorfahren, Physiognomien ohne große Bedeutung, anständige Gesichter ehrenwerther Leute, in deren Zügen weder große Leidenschaften noch große Schicksale sich aussprachen. Nur Ein Bild machte eine Ausnahme dies stellte eine Klosterfrau dar, deren blasses, sanftes Gesicht mit einem Ausdruck von Melancholie aus der Stirnbinde und den Linonfalten hervorsah, daß es Einem das innerste Herz rührte. Neben ihrem Bilde hing sonderbarer Weise ein anderes, augenscheinlich von gleicher Hand gemalt und in gleichen Rahmen gefaßt, das einen stattlichen, derben, keckblickenden Bauer darstellte. Wie dieses Plebejergesicht in der Ahnengalerie des freiherrlichen Hauses Schwalborn Aufnahme gefunden, ist ein Räthsel, dessen Lösung wir erst von der Zukunft erwarten können.

Die Gesellschaft war auffallend still heute, beinahe gedrückt. Gnaden Mama hatte sich am Abend zuvor mit dem Verwalter gezankt, und demzufolge war ihre gefältelte Nachthaube noch diesen Morgen weit tiefer über das linke Ohr gezogen als über das rechte, – in Umstand, der allen Hausbewohnern einen unerfreulichen Eindruck machte, denn er deutete auf stürmische Witterung. Der Freiherr von Schwalborn grübelte über die roth angestrichene Stelle des Reichspostreiters nach, welche der Hauptmann am Abend zuvor ihm mitgetheilt hatte; und diese Stelle enthielt genug, um einen ruhigen Mann von gesunden Grundsätzen ärgerlich zu machen. Ja, ja, es gingen Dinge in der Welt vor, welche Guntram von Schwalborn durchaus nicht gefielen; der Hexentanz der »Vernunft« in Frankreich wirbelte in immer weitern Kreisen umher und kam somit näher und näher. Am stillsten war der Domherr; dem war immer, als hätte er ein schlechtes Gewissen, wenn die gestrenge Dame verdrießlich war, und er vermied es, seine Schwägerin anzusehen. Aber desto aufmerksamer war er für ihre Bedürfnisse; er schob ihr bald die Butterdose aus Meißner Porzellan zu, bald hielt er ihr mit graziösem Lächeln die silberne Zuckerschale hin, – kleine Dienste, an welche Karl heute seltsamer Weise gar nicht dachte; mit Karl mußte überhaupt etwas vorgegangen sein; er hatte am Abend zuvor Cölestinen nach Hause begleitet – war zwischen Beiden etwas vorgefallen? Marianne, die allein um seinen Ritterdienst wußte, sah ihn forschend an. Er war blaß, war zerstreut und ließ endlich gar den Deckel der Milchkanne auf seine Tasse fallen, daß der Henkel derselben abbrach und die dicken Kaffeetropfen auf Mariannens lilaseidenes Fichu spritzten.

Du bist heute sehr ungeschickt, Karl! sagte seine Mutter unwillig.

Es ist nur der Henkel, Gnaden Mama.

Eine Tasse ohne Henkel ist, was ein Mensch ohne Zopf, lieber Karl. Marianne, wirf die Tasse in den Schloßgraben.

Marianne ging, um zu gehorchen, und Karl entfernte sich, ohne sein Frühstück zu beenden.

Trotzkopf! sagte Frau von Schwalborn entrüstet. Da geht er. Was hat der Junge? Guntram, du solltest solch ein Betragen nicht dulden.

Was meinst du, liebe Agnes?

Ich meine, daß die Jugend von heute immer mehr ausartet. Hast du den Lambert Kersting neulich im Sonntagsstaat in der Pfarrkirche gesehen? Geputzt wie ein Zierbengel aus der Stadt. Weiße Weste, silbergrauen Frack, zwei Uhren, ganz wie der ärgste Muscadin.

Das ist ein toller Bursch! sagte der Domherr; er hat sich den schwarzen Hengst, den der alte Kersting großgezogen, zum Reitpferde dressirt, daß es eine Lust ist, die beiden Wildfänge zu sehen; man weiß nicht, wer toller, der Schwarze oder der Blondkopf.

Ich glaube in der That, Sie haben noch Ihre Freude daran, mon frère!

O keineswegs, keineswegs, Frau Schwester!

Du solltest dem Ding ein Ende machen, Guntram.

Ach, laß doch den Bauerburschen sich seines Lebens freuen, antwortete der Freiherr.

Das nennst du, sich seines Lebens freuen?! Den Herrn machen, über seinen Stand hinaus wollen, das Volk mit seinem Beispiel verderben, nach der neuen Weise tanzen, welche die tolle hirnwüthige Canaille in Frankreich aufspielt – Gnaden Mama wurde immer heftiger –, nein, das soll ein Ende haben, das dulde ich auf unsern Gütern nicht! Bitte, Herr Bruder, ziehen Sie die Klingel.

Was willst du thun, Agnes?

Den Verwalter kommen lassen. Der hochmütige Bauerbursche soll unterducken. Du wirst ihn auffodern lassen, sein Dienstjahr anzutreten.

Liebe Masoeur! sagte der Domherr erschrocken. – Agnes, warf der Freiherr ein, ich würde dir rathen, dies erst näher zu überlegen. Wir haben seit zwei Generationen nicht mehr unser Recht auf die Kinder des Schulzen geltend gemacht!

So wird es desto eher Zeit, daß wir es thun, damit dieses Recht nicht durch Verjährung verloren gehe!

Wir haben Verpflichtungen gegen die Familie, sagte der Freiherr Guntram von Schwalborn seufzend, und indem er auf das Bild des Bauers deutete, fügte er hinzu: Der Alte dort war ein Ehrenmann!

Ehrenmann hin, Ehrenmann her! eiferte Gnaden Mama – sollen wir deßhalb seinen Enkel einen Lump werden lassen?

Es ist mir nicht Alles klar in unsern Verhältnissen zu dieser Bauerfamilie; für alle Fälle meine ich, wir sollten die Leute nicht reizen!

Die gestrenge Hausfrau hatte auf solche Warnungen keine andere Antwort als den Ausruf: Einfältiges Geschwätz! und dann wandte sie sich zu dem unterdeß erschienenen Verwalter mit dem Auftrage:

Gehe Er noch diesen Morgen zum Schulzen Kersting; suche Er den Lambert auf und sage Er ihm, am Ersten folgenden Monats soll er sein Knechtjahr auf unserm Hofe antreten, und wenn er nicht komme, werde man ihn holen lassen.

Der Verwalter machte ein verwundertes Gesicht und blickte auf den gnädigen Herrn und den Domherrn hinüber. Dieser zog die Achseln und jener blies eine Wolke blauen Rauchs aus seinem Meerschaum auf. So nahm er schweigend seinen Rückzug, draußen aber murmelte er: Lambertule, Lambertule, was wirst du sagen – quid dices! Das heiße ich eine saure Botschaft tragen!

Der Verwalter war ein Mann, der seine Schule durchgemacht und in dem ein gewisser kaustischer Witz, ein trockner Humor sich entwickelt hatte. In jenen Tagen der guten alten Zeit gab es der Verhältnisse, Dinge und Vorgänge wahrlich genug, an denen ein Mann von gesundem Sinn, den der Zufall außerhalb dieser Verhältnisse und Vorgänge gesetzt, zum lachenden Philosophen werden konnte. Das war denn unser Verwalter, Herr Benedict Tafelmacher hieß er, auch geworden. Er lächelte fast immer, und heute lächelte er ganz besonders, als er sich den alten hochbeinigen Fuchs satteln ließ und unterdeß die großen verzinnten Sporen anschnallte, um den Befehl der gnädigen Frau auszurichten; einen mächtigen Regenschirm unter dem Arm, ein dreieckiges Hütlein auf den wohlfrisirten Locken, saß er dann auf und trabte zum Hofthore hinaus.

Der Bauer wird die Köpfe zusammenstecken, der Bauer wird in einige Gährung gerathen, sagte er für sich hin, während der alte Fuchs in seinen gewohnten kurzen Trab fiel, den keine Göttermacht beschleunigt hätte. Nun, schadet gar nichts, schadet durchaus nicht. Der Bauer muß gezwickt werden, sonst sticht er. Rusticus ungentem pungit, pungetem ungit, das ist ein altes Sprüchwort. Aber den Botenlohn, den ich mir verdiene, gebe ich für minder als eines Hellers Werth dahin!

Der Domherr hatte sich unterdeß auf sein Zimmer zurückgezogen; Karl suchte ihn hier auf und warf sich in einen Lehnstuhl am Fenster, während er seine Füße auf den Rücken eines großen braunen Wolfshundes von vorzüglicher Schönheit legte. Der Domherr nahm eine Filetarbeit, in welcher er eine leichte Jagdtasche strickte. Was hast du, lieber Karl? Du bist so düster, sagte er, als sein Neffe fortwährend stumm blieb.

Ich bin unglücklich.

Unglücklich? Wie leicht die Jugend dieses Wort ausspricht! Weißt du denn, was Unglück ist? O nein. Deine frischen Augen haben noch nicht in den Abgrund geblickt, den die Erfahrung uns Aelteren unter dem Boden unserer Existenz ausgehöhlt zeigt. Du ahnst das Leid nicht, das auf beiden Seiten unsern Lebensweg umgibt. Du weißt nicht, wie viel Wehe und Elend der Mensch zu dulden hat – oft nur um verjährter, eingewurzelter Vorurtheile willen, die den Fittich des aufstrebenden Genius lähmen, die Begeisterung eines thatkräftigen, edeln Willens in Fesseln schlagen und das Herz vom Herzen reißen!

Karl sprang bei diesen Worten auf und ergriff die Rechte seines Oheims. Mein Gott, Onkel, das sagen Sie? O, wie wahr, wie wahr ist, was Sie sagen!

Was hast du, Karl? Ich erschrecke dich, indem ich dir Dinge schildere, von denen dein junges, harmloses Herz keine Ahnung hatte – ja, es ist so, leider ist es so – die süßesten, erhebendsten, die herrlichsten Gefühle des menschlichen Herzens müssen brechen an Schranken, welche doch eigentlich nur die Willkür aufgerichtet hat. Der Schlendrian einer harten, blinden, dummen oder eigensüchtigen Scheinmoral hat sich zum Richter aufgeworfen und verdammt sie als dem Katechismus eines längst nicht mehr gültigen Gesellschaftsdogmas zuwider.

Der Domherr war warm geworden. Wer weiß, welche Erinnerungen aus jüngern Tagen sein Herz schwellen machten, als er so sprach! Wie sollte er, der Verehrer einer süßlich tändelnden Poesie, auch stets unempfindlich gewesen sein gegen die romantischen Empfindungen des Herzens, welche diese Poesie in jeder Zeile hauchte und auf welche er beim frühen Eintritt in seinen Stand hatte für ewig Verzicht leisten müssen!

Aber seine Aufregung kam bei weitem nicht der Karl's gleich. Mit hochgeröthetem Gesicht hatte er des Oheims Hand gedrückt, während dieser sprach, und jetzt warf er sich schluchzend an seine Brust und sagte: Oheim – mein theurer Oheim – verzeihen Sie mir, daß ich auch Ihnen mistraute, auch gegen Sie mein Herz verschloß!

Karl – Junge – um Gottes willen, was ist dir?

Ich will es Ihnen sagen, versetzte Karl, sich fassend, ich will Ihnen Alles sagen, denn ich sehe ja, Sie werden mich verstehen, mich mit meiner Leidenschaft unter Ihren Schutz nehmen!

Leidenschaft? Schutz nehmen? Was soll das heißen?

Hören Sie, Onkel. Ich liebe. Ich hege eine Leidenschaft, die zugleich zu heftig und zu hoffnungslos ist, um mir nicht in die Tiefen meiner Seele den brennendsten Schmerz zu senken.

Ha – und wen, Unglücklicher?

Ich liebe Cölestinen!

Der Domherr fuhr aus seinem Sessel auf, und indem er beide Hände auf die Schultern Karl's legte, sagte er heftig: Karl, Karl! was muß ich von dir hören! Du? Cölestine? Eine Bürgerliche ohne Herkunft – eine Protestantin? Gott im Himmel! Unglücklicher Mensch! Wie kannst du einer solchen ruchlosen Thorheit dich hingeben?

Oheim – das sagen Sie mir? und eben noch sagten Sie …

Ei, was ich eben sagte, darauf kommt es nicht an – das war im Allgemeinen gesagt – ich dachte an ganz andere Fälle – du wirst doch nicht glauben, ich würde damit eine Verbindung gutheißen zwischen dem Reichsfreiherrn von Schwalborn und einer Zerrwitz?

Der Domherr legte eine besondere verächtliche Betonung auf den plebejischen Namen.

Karl warf sich in die Sophaecke und verhüllte sein Gesicht mit den Händen.

Herr des Himmels – wenn das deine Mutter erführe! stammelte der Domherr und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten, indem er in höchster Beklommenheit an den Nägeln kaute. Was ihn beängstigte, war nicht allein eine scenenreiche, allen Frieden des Hauses scheuchende Zukunft, in welche Karl's Geständniß ihn blicken ließ; es waren auch schmerzliche Gedanken an die eigne Verantwortlichkeit. Wie – so würden diese Gedanken, in Worte gefaßt, etwa gelautet haben – wie würde es dir ergehen, armer Desibodus Ehrembrecht, wenn Gnaden Mama wüßte, auf welche Pfade du ihren Sohn und Stammhalter gebracht! Wie würde sie dir die unschuldige Schäferpoesie vorwerfen, mit welcher du ihn genährt – die milden, süßflötenden Götter und Göttinnen deiner Idyllen würden unter ihren Händen eine Schar Dämonen werden, die dich umbrächten! Armer, armer Desibodus Ehrembrecht!

Er fühlte sich völlig rathlos.

Wie lange nährst du diese unselige Leidenschaft? fragte er nach einer langen Pause.

Karl antwortete nicht.

Ich hoffe nicht, daß du dich ihr erklärt hast.

Ja, lieber Onkel, das habe ich, gestern, als ich Cölestinen heimführte. Der Hauptmann war noch in sein Spiel bei meinem Vater vertieft; ich brachte sie bis an ihre Hausthür. Als sie mir gute Nacht sagte – da ward mir so weich ums Herz, daß mir die Stimme versagte und Thränen meine Augen füllten. Sie sah es. Sie schied nicht, sondern hielt lange meine Hand in der ihren. Ich küßte endlich ihre Hand, und meine Thränen fielen darauf. Sie drückte meine Hand, sah mich mit einem unaussprechlichen Blick an – und – schlüpfte über ihre Schwelle!

Schlüpfte über ihre Schwelle! rief der Domherr, der voll Angst zugehört hatte, tief Athem holend – das ist also Alles?

Es ist genug, uns fürs Leben Eins und unzertrennlich zu fühlen!

Ja, ja, lächelte der Domherr, wir kennen das! – Er griff heftig nach seinem Hut und spanischen Rohre.

Wohin wollen Sie? fragte Karl, ängstlich auffahrend – was mein überschwellendes Herz Ihnen anvertraute, werden Sie nicht misbrauchen, lieber Onkel!

Misbrauchen? nein – darüber sei ruhig.

Er eilte ohne weitere Erklärungen aus dem Zimmer. – –

Der Domherr hatte beschlossen, augenblicklich mit Cölestinens Vater zu sprechen. Er machte sich ungesäumt nach dessen Wohnung auf den Weg. Als er vor dem freundlichen kleinen Landhause stand, welches Hauptmann Zerrwitz bewohnte, war er bereits zur Hälfte beruhigt. Seine peinigendsten Beängstigungen waren untergegangen in der Ueberzeugung, daß der Hauptmann mit seiner Entschlossenheit und Thatkraft gewiß rasch das richtige Mittel auffinden würde, um der verdrießlichen Verirrung der beiden jungen Leute aufs nachdrücklichste ein Ende zu machen. Und dann waren ja auch Cölestine wie Karl so wohlgerathene und einsichtsvolle junge Leute, daß es nicht schwer sein konnte, sie zur Vernunft zu bringen.

Cölestine öffnete dem Domherrn die Hausthür. Sonst hatte er die Gewohnheit, sie freundlich lächelnd zu begrüßen, auch wol, wenn Niemand zugegen war, der einer solchen Compromittirung seiner Würde Zeuge, ihre schmale und sammtne Hand zu küssen. Heute erwiderte er ihre Frage nach seinem Wohlergehen mit einem sehr strengen, väterlich strafenden Blick und eilte dann schweigend über den Hausflur an die Thür vor des Hauptmanns Wohnzimmer.

Der Hauptmann war damit beschäftigt, das Schloß einer langen Entenflinte vom Roste frei zu scheuern, und bewillkommnete mit einem nachlässigen Kopfnicken den Domherrn, der, indem er seinen brüsken Freund begrüßte, keine von den Formeln der Höflichkeit vergaß, welche die gute Sitte jener Tage vorschrieb.

Nehmen Sie Platz, Herr von Schwalborn.

Der Domherr setzte sich, stülpte den Hut auf sein spanisches Rohr und legte die Hände gefaltet darüber, um den Augenblick abzuwarten, wo der alte Soldat es für passend halten würde, seinem Besuche mehr Aufmerksamkeit als seinem Flintenschlosse zu schenken.

Dieser Augenblick schien aber nicht eintreten zu wollen.

Er ist doch ein ungehobelter Roturier, dachte der Domherr und fühlte, daß jeder verfließende Moment es ihm schwerer mache, zu beginnen.

Ein schöner Tag heute! hob der Hauptmann nach einer Weile an, während er die Nuß festschraubte.

Zu warm! sagte der Domherr seufzend und die Stirn wischend.

Machen Sie sich's bequem, wie ich! Rock aus! – Der Domherr lächelte mit vieler Würde. Er wußte, was er sich schuldig war.

Ich habe eine seltsame Unterredung mit meinem Neffen gehabt, begann er, um einmal das Eis zu brechen.

Nun? sagte der Hauptmann, anscheinend mit großer Gleichgültigkeit und doch gespannt aufhorchend.

Und nun komme ich zu Ihnen. Ich wollte Ihnen einen Wink geben – eine bloße Andeutung wird Ihnen genügen, und Sie werden ein Ende machen!

Ich verstehe Sie nicht.

Zwischen Karl und Cölestinen hat sich ein Liebeshandel entsponnen.

Ei was! sagte der Hauptmann, indem er seine Arbeit unterbrach und den Domherrn anschaute.

Ja, ich habe mich ebenso gewundert wie Sie! erwiderte der Domherr, obwol er auf den Lippen des Hauptmanns ein so maliciöses Lächeln schweben sah, als ob dieser sich durchaus nicht verwundere. Der Domherr wurde ganz irr an ihm.

Es ist sehr, sehr zu verwundern, sagte jener; sie ist ein gutes, hübsches Mädchen, und er ein gescheiter, schmucker Bursche.

Es ist sehr zu verwundern, sagte der Hauptmann mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt.

Der junge Freiherr von Schwalborn, versetzte der Domherr etwas piquirt, hat sonst freilich noch keine Anlage zu thörichten Streichen bewiesen. So wird denn hoffentlich auch dieser ohne schlimme Folge bleiben. Ich denke, Sie säumen nicht, mit Ihrer Cölestine ein ernstes Wort zu reden, ihr allen Umgang mit Karl zu verbieten und nöthigenfalls sie für eine Zeitlang fortzuschicken. So ist die Verdrießlichkeit still beseitigt, ohne daß die Familie meines Bruders beunruhigt und durch ärgerliche Scenen belästigt wird.

Der Hauptmann sah den Domherrn eine Weile schweigend an.

Herr Domcapitular, sagte er dann mit seinem maliciösesten Lächeln, ich sehe ganz die Verpflichtung ein, die mir als tieferstehendem bürgerlichen Menschen obliegt, Alles zu opfern, um jeder Beunruhigung der hochfreiherrlichen Familie vorzubeugen, ja nöthigenfalls das Einzige, was ich auf Erden besitze, mein Kind, von mir zu geben, um Ihrem Hause ärgerliche Scenen zu ersparen. Ich sehe das sehr wohl ein, sehr wohl! Doch wird Ihre eigene erleuchtete Einsicht es Ihnen sagen, welch ein unerhörtes Glück für mich und meine Tochter dann liegen würde, in eine Verbindung mit einem so vornehmen, so grenzenlos und unaussprechlich adeligen Hause zu treten. Wie aber wollen Sie, daß wir selbst ein Glück leichtsinnig von uns stoßen sollen? Denken Sie, die unermeßliche Ehre! Glauben Sie denn, ich sei nicht ehrgeizig wie ein anderer Mensch auch?

Sie scherzen, sagte der Domherr sehr erschrocken.

Bewahre mich der Himmel, in so ernster Angelegenheit zu scherzen!

Aber …

Ich weiß, was Sie sagen wollen. Der Abstand zwischen unserer Niedrigkeit und der Schwalborn'schen Höhe ist so groß, daß selbst ein so wohlerzogener Mann, wie Sie, nicht Anstand nimmt, mich darauf aufmerksam zu machen, ohne befürchten zu müssen, daß er mich verletze. Aber machen Sie sich die Mühe nicht, lieber Domherr! König Cophetua liebte eines Bettlers Tochter und – doch Sie sind in solchen Geschichten bewanderter denn ich … stellen Sie sich die rührendsten Situationen aus ihnen allen vor und … nehmen Sie unsere Partei.

Herr Hauptmann, wie kommen Sie mir vor – erlauben Sie mir doch, meine Gedanken auszusprechen – ich bin weit entfernt, etwas für Sie Verletzendes in Beziehung auf Geburt zu äußern – aber bedenken Sie doch – Sie sind Protestant.

Ja, das bin ich! und beim Teufel … hohnlachte der Hauptmann laut auf … das freut mich am meisten! Sagen Sie, Domherr, wollen Sie uns beistehen?

Ich sollte …

Karl's Werbung um meine Tochter seinen Aeltern erklären, befürworten – der Bursche hat selbst nicht den Muth, zu sprechen.

Ums Himmels willen, welche Idee!

Ich bitte Sie darum!

Fodern Sie nichts, was meinem Gewissen, meiner … ja, meiner Ehre zuwider ist.

Wir sprechen uns noch darüber, sagte der Hauptmann mit unerschütterlicher Zuversicht.

Lächerlich, wahrhaft lächerlich! rief der Domherr desto entrüsteter aus, sprang auf und eilte nach sehr kaltem Abschiede davon. Der Hauptmann ließ ihn ruhig gehen, ohne ihn zu begleiten.

Als der Domherr fort war, ließ Zerrwitz seine angenommene Ruhe fahren und schritt mit untergeschlagenen Armen heftig in seiner Stube auf und ab.

Zerrwitz war von einem brennenden Ehrgeize besessen, und die vielen Demüthigungen, welche der bürgerliche Officier, selbst im Heere eines Friedrich des Großen, hatte über sich ergehen lassen müssen, konnten diesen Ehrgeiz nur bis zu einer ins Krankhafte gehenden Reizbarkeit ausbilden. Durch seine Verhältnisse jetzt an einen Erdfleck gebannt, wo er weit und breit nur Eine Familie fand, die sich an Rang und Ansehen über ihm dünkte, war es natürlich, daß sich alle seine Gedanken auf diese Familie richteten. Er war zornig, daß es ihm nicht einmal in einem Dorfe vergönnt, der Erste zu sein. Die adelstolze Familie kränkte ihn fortwährend – am meisten dadurch, daß sie augenscheinlich ihn gar nicht kränken wollte, sondern im Bewußtsein ihrer größern Vornehmheit nur das Gegentheil beabsichtigte und ihn augenscheinlich durch ihren Umgang zu ehren glaubte. Man schlug seine Einladungen mit einer würdevollen Gemessenheit aus, aber man bestürmte ihn mit Vorwürfen, wenn er eine Einladung ablehnte. Man sprach in seiner Gegenwart von Mesallianzen, von bürgerlichen Emporkömmlingen, als ob es gar nicht anders möglich sein könne, als daß er oder irgend ein anderer verständiger Mann darüber gerade so denke, wie man in Schwalborn darüber dachte! Man trug bei jeder Berührung die vollständigste Sicherheit zur Schau, daß dem bürgerlichen preußischen Hauptmanne nicht einfallen könne, sich für gleichen Stoffes zu halten, wie den ehemaligen österreichischen Dragoner-Lieutenant von Adel. Diese Sicherheit, dieses Bewußtsein war es, was den Hauptmann am meisten kränkte. Denn er fand trotz seines Ingrimms dawider gar kein Mittel, keine Waffe. Ausdrückliche Ueberhebung und Ausbrüche des Hochmuths hätte er mit Aussicht auf Erfolg befehden, demüthigen können. Aber gegen dieses stille innere Hoheitsbewußtsein war sein Ehrgeiz wehrlos. Die Formenroheit, die trotzigen Manieren, die er ihm gegenüber geflissentlich annahm, brachten ihn nicht weiter, und indem er fühlte, daß sie etwas von einem kindischen Ungezogensein hatten und ihn eher erniedrigten als hoben, wurde seine Seele noch erbitterter. Und doch vermochte er den Umgang mit den Schwalborns nicht aufzugeben. Dazu überwog der Ehrgeiz in ihm zu sehr den Stolz!

So beschränkte er sich darauf, bis die Stunde einer Demüthigung gekommen, das Verhältniß so hinzunehmen, wie es war, und nur zu seiner vorläufigen Herzensbefriedigung dem Freiherrn und seiner Gemahlin stets gerade so viel unangenehme Dinge beizubringen, wie ihm irgend einfallen wollten.

Eines schönen Tages aber machte der Hauptmann, dessen Auge, wie das eines alten Fuchses, nichts außer Acht ließ, was im Kreise seiner Beobachtung lag, die Entdeckung, daß sich der junge Erbe von Schwalborn in seine Tochter Cölestine verliebt habe.

Diese Entdeckung versetzte ihn in eine heftige Gemüthsbewegung. Eine Verbindung der jungen Leute war nicht nur ein Glück für seine Tochter, wie es die Welt nennt und es der Hauptmann, der in dieser Beziehung um keine Staffel höher stand als die Welt, ebenfalls ansah; noch näher trat ihm dabei die Hoffnung auf die glänzende Befriedigung seines innern Grolls, wenn die hochmüthige Familie da drüben den einzigen Sohn und Erben mit der Tochter des armen bürgerlichen Mannes zum Altare schreiten sehen müsse.

Vielleicht hätte ein anderer Mann in des Hauptmanns Lage mit gerechtem Stolze den Gedanken von sich abgewiesen, seine Tochter einer Familie aufzudrängen, die auf sie als ihrer unwürdig herabsah. Aber der alte Preuße hatte leider diesen Stolz nicht. Doch beschränkte er sich anfangs darauf, die beiden jungen Leute zu beobachten. Er fand sie zu seinem großen Verdrusse zu schüchtern und zu sentimental. Aber zu schlau, sichtliche Begünstigungen ihres Verhältnisses durchblicken zu lassen, suchte er vorläufig der Freundschaft zwischen Cölestinen und Mariannen jeden möglichen Vorschub zu leisten. Er wußte wohl, daß sich von Cölestinens Seite in dies Verhältniß viel von dem Egoismus der Liebe mische, daß sie oft nicht der Freundin allein, sondern der Schwester des Geliebten Ergießungen ihres Herzens machen werde, welche dem Letztern nicht unenthüllt bleiben konnten. Nebenbei suchte er Cölestinens Gedanken von zu vager Schwärmerei zurückzuhalten und auf die »praktischen« Bedingungen des Lebens zurückzuführen.

Du bist meine gute, verständige Tochter, sagte er einst zu ihr, als sie ihm die Wange küßte, um ihm gute Nacht zu wünschen. Ich habe nichts mehr, was mir Freude verspricht auf der Welt, als dich. Du wirst mir auch keinen Kummer machen, nicht wahr? Du liest mir zu viel – werde nur nicht überspannt, mein Kind. Sei immer offen gegen mich!

Cölestine blickte wie schuldbewußt zu Boden.

Du weißt ja, ich werde deinen Neigungen nie Gewalt anthun. Folge den Eingebungen deines Herzens – mir ist es Eins, wohin sie dich ziehen, wenn sie dich nur nach einem bestimmten Ziele ziehen. Du magst einen Bauerburschen oder einen Prinzen lieben – mir ist es gleich; aber du mußt ihn dann auch heirathen wollen. Nur nichts ohne Ziel und klar ausgesprochenen Zweck!

Cölestine hielt ihre Neigung tief im geheimsten Winkel ihres Herzens verschlossen, so daß sie keine Ahnung davon hatte, der Vater könne diese Worte mit bestimmter Beziehung gesprochen haben. Aber desto ermuthigender wirkten sie in ihrer schüchternen Seele; und als sie gestern Karl's weiches, inniges: Gute Nacht! hörte, seine Hand in der ihren zittern fühlte, da überließ sie sich dem Gefühle, dessen Wogen über ihr zusammenschlugen; mit einem warmen Händedruck sagte sie Alles. Sie war sein!

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