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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Zehntes Kapitel.

Karl war am folgenden Morgen in der Frühstunde an seinem Posten in der Antichambre des Kaisers.

Die Drohung, welche die Worte der Fürstin K. am Abende vorher enthalten, versetzten ihn jetzt in große Beklommenheit.

Obwol er das reinste Bewußtsein hatte, nahm ihm doch der Gedanke, daß der Kaiser, den er so tief verehrte, ihm zürnen könne, alle Zuversicht.

Nachdem er eine Weile geharrt, kam plötzlich sehr rasch da Ponte aus dem Cabinet des Fürsten geschossen, mit hochrothem Gesichte, strahlend vor Aufregung und Freude, Arme und Beine wie Telegraphenflügel bewegend. Er wollte an Karl vorübereilen, als dieser ihn durch einen Gruß auf sich aufmerksam machte.

Ach, mein junger Freund! rief er aus, denken Sie, welches Glück! Der Kaiser hat mir noch gestern Abend sagen lassen, ich solle in aller Frühe vor ihm erscheinen, und als ich eben vor ihn trete, hat er mein Werk unaussprechlich gelobt und hat eine Liste in der Hand mit meinem Namen oben darauf und den Namen des Componisten und aller Acteurs, und hinter jedem steht eine Zahl geschrieben.

Seht, da Ponte, sagte der Kaiser zu mir, da habe ich vom Rosenberg diese Liste bekommen und zugleich die Bestimmung des Douceurs, das Ihr und der junge Componist Weigl und die Acteurs erhalten sollt, – und zugleich nimmt der Kaiser eine Feder und sagt: So schenkt Rosenberg; dann macht er hinter jede der Zahlen eine Null und sagt: So schenkt der Kaiser! Denken Sie sich, funfzig Dukaten hatte mir Rosenberg zugedacht, jetzt bekomme ich fünfhundert! O glücklicher da Ponte – o großer Monarch! Aber ich muß zu Weigl – Addio, mein junger Freund!

Halten Sie! Nur noch ein Wort. Weßhalb ist die Gräfin Tondini nicht in Ihrem Stücke aufgetreten?

Daß der Henker sie hole! rief der glückliche Hofdichter aus – sie ist mir krank geworden, und ich habe meine Zuflucht zur Ferraresi nehmen müssen. Das Stück wäre ganz anders ausgefallen mit der Tondini – aber Addio, Addio!

Da Ponte eilte davon und überließ mit dem ganzen Egoismus des Glücklichen Karl seinen Sorgen. Dieser hatte freilich nicht lange Zeit, sich der neuen Unruhe, womit da Ponte's Worte ihn erfüllten, hinzugeben, denn nach wenigen Augenblicken öffnete sich die Thür, welche zum Cabinet des Monarchen führte, Joseph erschien selbst auf der Schwelle und winkte Karl hereinzutreten.

Der Kaiser erlaubte sich keinerlei Bequemlichkeiten; so war er denn jetzt um die frühe Stunde bereits in seinem vollständigen Anzuge, und, wie immer, in der von den Fürsten des österreichischen Hauses sonst nicht getragenen Uniform, in welcher Karl ihn zuerst gesehen, und welche so einfach wie nur immer möglich war. Aber er blieb nicht stehen wie gewöhnlich, wenn er Jemandem Audienz gab, sondern ruhte in einem Armsessel, mit der Haltung eines Ermüdeten, und Karl fiel es auf, wie mager er geworden. Die starke Nase war spitz geworden, die Wangen hatten sich gehöhlt, das helle Auge lag tiefer als sonst und seine Lider waren geröthet durch einen jener Flüsse, die ihn so oft heimsuchten.

Sie thun Ihre Pflicht nicht! sagte er, nachdem er Karl eine Weile mit einem Ausdruck von kalter Strenge, ja Härte fixirt hatte. Ich wünsche von meinen Beamten, daß sie geruhen mögen, nur ein Viertheil von dem zu thun, was ich arbeite – aber es scheint, ich werde es nicht dahin bringen!

Die Augen des Kaisers wurden starr, seine Oberlippe hatte – wie immer, wenn er zürnte – sich stark aufwärts gezogen.

Karl war über des Kaisers Worte erschrocken; obwol er nichts Gutes erwarten durfte, hatte er doch einen solchen Vorwurf, so scharf und zornig ausgesprochen, nicht gefürchtet. Um so tiefer wurde er dadurch verletzt, und dieses Gefühl gab ihm allen seinen Muth wieder.

Ich glaube diesen Verweis nicht verdient zu haben, Majestät, sagte er mit fester Stimme und dem Kaiser offen ins Gesicht sehend.

Wenn man ihn nicht verdient hätte, würde der Kaiser ihn nicht ertheilen. Ist nicht eine Supplik des Rittmeisters Tondini eingelaufen? Weßhalb ist diese Bittschrift einfach eingetragen, ohne irgend eine Bemerkung, wie dringend ihre Erledigung sei? Der Graf ist ein wackerer alter Krieger, Invalide, seine Nichte ihrer Subsistenzmittel durch eine meiner Verordnungen beraubt – weßhalb hat Er sich nicht danach erkundigt und das eingeschrieben? War es nicht meine Pflicht, auf der Stelle zu Hülfe zu kommen? Es ist durch eine Verkettung von mehren Umständen ein großes Unglück durch Seine Nachlässigkeit entstanden. Er ist zur Strafe dafür Seines Dienstes entlassen! Er kann gehen.

Verzeihung, Majestät, wenn ich nur noch ein Wort zu sprechen wage.

Nun?

Ich habe die Supplik des Grafen Tondini durchaus nicht durch Fahrlässigkeit unberücksichtigt gelassen. Die Bittschrift hat meine ganze Theilnahme erregt. An demselben Morgen, an welchem dieselbe in meine Hände gekommen, habe ich sofort den Bittsteller aufgesucht und ihm als Unterstützung die Summe von hundert Louisdor eingehändigt.

Als Ihr Geschenk?

Unter der schonendern Form eines angebotenen Darlehens.

Joseph U. haßte Antworten, welche seine Aussprüche widerlegten. Jene Scheu vor Widerspruch, welche großen Herren eigen ist, ging bei ihm so weit, daß er Denen, welche ihm eine treffende und seine Behauptungen umstürzende Antwort gaben, den Rücken wandte und sie Pedanten schalt. Sein Gesicht erheiterte sich deßhalb nicht durch Karl's Erwiderung, er wandte es ab, blickte durch das Fenster, und Karl nahm ein Zucken, wie eine schmerzliche Bewegung, um seine Lippen wahr.

Es bleibt mir nur noch übrig, Ew. Majestät meinen Dank für die Gnade zu Füßen zu legen, womit mir erlaubt worden ist, eine Zeitlang meinem Kaiser persönlich dienen zu dürfen.

Karl machte nach diesen Worten eine tiefe Verbeugung und wollte gehen.

Wenn es wahr ist, was Sie sagen, so können Sie in meinem Dienste bleiben, sagte der Kaiser, indem er offenbar sich selber bezwang.

Ew. Majestät würden mir eine höhere Gnade gewähren, wenn Sie geruhten, mir meine Entlassung zu geben. Ich möchte aus Wien abreisen.

Wie Sie wollen. Kommen Sie darum ein, antwortete der Kaiser, Sie sollen eine ehrenvolle Entlassung erhalten, denn ich habe Ihnen soeben Unrecht gethan. Man hat mir schlecht berichtet.

Er wollte Milde und Freundlichkeit in seine Stimme legen, aber er schien von einer zu tiefen Verstimmung befangen; das Lächeln, mit welchem er Karl entlassen wollte, wurde ein nichtssagendes Verziehen der Lippen.

Karl entfernte sich.

Als er allein war, erhob sich der Kaiser und ging eine Weile in seinem Cabinete auf und nieder. Seine Züge waren düster; der schmerzliche Zug um seine Lippen zuckte wieder auf und über seine großen hellen Augen lag wie ein Schleier, den der öftere sanfte Niederschlag der Lider nicht entfernte. Ein paar Mal drückte er die Hand auf die Brust, in welcher das Herz krankhaft schlug, dann warf er die Schultern zurück und holte tief Athem, um Erleichterung gegen die Brustbeklemmung zu bekommen, welche ihn peinigte. Zuweilen fuhr er auch mit der flachen Hand über die Stirn, oder blickte auf die prachtvolle Pariser Pendule aus Alabaster und Gold, welche ihm seine Schwester Marie Antoinette geschenkt hatte, als er in Versailles war. Welche Gedanken mochten sich regen unter der hohen Stirn des edeln Kaisers, den seine Zeitgenossen den Menschenfreund auf dem Throne nannten? Dachte er beim Anblick ihres Geschenks an eben jene Schwester und ihr drohendes Schicksal, welches mit jedem Pendelschlage der Uhr ihr näher rückte? Dachte er an sich selbst, fühlte er den Schmerz seines Looses, fühlte er, daß er hier, in den Gemächern seiner Kaiserburg, mitten unter seinen Garden und Hatschieren, doch eigentlich nichts sei als ein gehetztes Wild, und fühlte er dies doppelt schmerzlich, weil der Druck, der auf seiner Brust lag, mit dem physischen Gefühle der Unruhe das moralische noch verstärkte?

Es war auch so kalt und so öde rings um ihn her. Vor den Fenstern dunkle Mauern der Palastflügel oder beschneite Dächer; in seinem Cabinete ein Wust von Acten, Schreibereien, feindlichen Pamphleten wider ihn selbst, Entwürfen und Bänden voll Gesetzen, die sich ihm eben so feindlich erwiesen hatten, wie das wüthendste jener Pamphlete. Die vergoldeten Gesimse und Leisten der Mauern, die ihn umgaben, sahen so matt und kalt aus, und die mythologischen Götter auf den Supporten und Deckengemälden nun gar, das war Alles bei der Beleuchtung eines verschleierten Wintertages so unaussprechlich schal und abgeschmackt – es war wahrhaft trostlos für einen Mann in Trauer. Er setzte sich nach einer Weile, ergriff eine Feder, tunkte sie ein – und warf sie heftig fort. Es war, als habe ihn ein Ekel ergriffen an dem Werkzeuge, mit dem er ein neues goldenes Zeitalter heraufzuzaubern gehofft und nichts als Drachenzähne gesäet. – Laß den Strom rinnen, wie er rinnt, flüsterte er. Aus allem Edelsten, was ich für die Menschheit habe thun wollen, ist mir statt Segen ein Feind erstanden. Wie viel Schöpfungen, so viel Wunden in meinem Herzen! Ich bin jung und schon am Ende meiner Kraft – und an diesem Ende muß ich mir sagen: Ich habe sie umsonst vergeudet, ich habe meine Welt nicht verstanden! Ich habe Licht gewollt: diese Welt aber ist da für die Finsterniß; ich habe Wahrheit gewollt: diese Welt aber ist da für die Täuschung; ich habe Glück gewollt: diese Welt ist nicht da für das Glück! Arme Staatsmänner, die ihr euer Jahrhundert an die Quellen platonischer Weisheit führen und es tränken wollt aus den goldenen Schalen der Vernunft – wie seid ihr so kurzsichtig! Um die Menschheit liegt ein dämonisches Gewebe geschlungen, fest, unausrottbar, aller Philosophie der klaren Köpfe zum Trotz, sich am meisten versteckend gerade vor dem hellen Auge, und doch da, doch der ewige böse Feind, den kein Erzengel kettet! Ihr wollt die Welt unterjochen mit dem Sinne und werdet es schmerzlich inne, daß der Unsinn stärker ist als der Sinn, wie die Nacht länger ist als der Tag in dieser winterlichen Welt! Tausende von Sternen glänzen in dieser Nacht – die Fackeln der Intelligenz, welche die Denker entzündet haben; aber wie sie auch leuchten, die Nacht bleibt Nacht! Mir ist weh und traurig zu Muthe. Meine Vergangenheit ist umsonst dahin, meine letzte Hoffnung ist wie die aller Menschen – ein Wunder, ein Unglaubliches, Unerfaßliches.

Während der Kaiser sich so den schmerzlichen Empfindungen hingab, die seine letzten Lebenstage verbitterten, eilte Karl aus der Burg in die Rauhensteingasse. Von da Ponte's Nachricht, Bianca sei erkrankt, von des Kaisers Worten, es habe sich ein Unglück für Tondini ereignet, beunruhigt, wollte er auf der Stelle Aufklärung und Gewißheit suchen. Die Wohnung des kranken Grafen stand leer. Von der Frau des Hausmeisters hörte Karl, die junge Dame selbst sei gefährlich erkrankt und in einer Sänfte fortgebracht, man wisse nicht, wohin. Der alte Offizier sei gleich darauf von dem Haushofmeister eines vornehmen Hauses in einer Carrosse abgeholt worden, um bei einem reichen frühern Kriegsgefährten, der sich seiner erinnert, eine bessere Pflege zu bekommen. Weiteres wußte die Frau nicht und hatte sich mit all der Gleichgültigkeit einer Großstädterin um ihres Nachbars Wohl und Wehe auch um Weiteres nicht gekümmert. Karl richtete nun seine Schritte der Wohnung Lambert's zu. Dieser war wieder nicht zu Hause. Zur Fürstin K. zu gehen, konnte er nicht übers Herz bringen – so blieb er in der peinlichsten Unruhe, blieb mehre Tage hindurch in derselben, denn Lambert war seltsamer Weise nie zu Hause zu treffen. Endlich entschloß sich Karl, an seinen Vater um die Erlaubniß zu schreiben, entweder zurückzukehren oder eine Reise nach Italien zu machen, da ihm die Atmosphäre der großen Stadt immer unerträglicher, ihr Thun und Treiben voll Materialismus, Genußsucht und Roheit immer widriger wurde. Dazu kam noch, daß die Gesellschaft, welche die seinige, weil die seines Oheims, des Gesandten, war, unter dem Einflusse eines Trauerfalles sich tief erschüttert zeigte und alle Bewegung, alles Leben derselben plötzlich stockte. Neue Anknüpfungen, welche Karl zerstreut hätten, waren also auch nicht zu hoffen gewesen, wenn er sie überhaupt gewünscht hätte. Aber er wünschte sie nicht, diese Gesellschaft hatte ihm täglich mehr einen trostlosen Eindruck von Leerheit, sittlicher Verkommenheit und vernachlässigter Bildung gemacht. Deßhalb hatte ihn die heftigste Sehnsucht erfaßt, fortzukommen – wie sie jedes edlere, unverdorbene Jünglingsgemüth nach einem Aufenthalte von einigen Monaten in der Kaiserstadt anwandelt.

Der eben erwähnte Trauerfall war der Tod der Erzherzogin Elise, des Lieblings des Kaisers, der, tief erschüttert von der Nachricht, selbst bedenklich erkrankt war.

Während Karl sich mit dem Briefe an seinen Vater beschäftigte, klopfte es an seine Thür. Es war Lambert, der eintrat.

Lambert! Sie endlich einmal! Ich war mindestens zehnmal in Ihrer Wohnung.

Wenn ich offen sein soll – ich bedaure nicht, daß Sie mich verfehlten – eine Unterredung mit Ihnen wäre mir unangenehm gewesen, so lange ich mit einem etwas unruhigen Gewissen Ihnen hätte gegenüberstehen müssen.

Mit unruhigem Gewissen?

Ja – bis gestern drückte es mich: seit dieser Nacht bin ich von der Pein befreit!

Karl sah seinen Landsmann mit verwunderten Blicken an – dieser hatte übrigens etwas in seinem Wesen, seinen Zügen, dem unsteten Blicke seiner Augen, das durchaus noch nicht auf eine vollständige Beruhigung des Gewissens hindeutete.

Wie soll ich Sie verstehen, Lambert? fragte Karl.

Ich will Ihnen erzählen. Sie wissen, was Sie mir damals mittheilten, an jenem Morgen, an welchem wir zuerst uns trafen. Ich habe, als ich allein war, über die Sache nachgedacht, ich habe sie von allen Seiten betrachtet und bin so zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich hier in ein Verhältniß eingeweiht worden, welches durchaus ein entschlossenes Eingreifen verlange, und daß ich wahrscheinlich der Einzige, welcher zu diesem entschlossenen Eingreifen fähig sei. Ich wußte, was Sie nicht wußten, und was die Fürstin K. in weiblicher Zurückhaltung Ihnen verschwieg, wie sie Ihnen denn überhaupt nur zur Hälfte reinen Wein einschenkte: ich wußte, daß dem Kaiser die Frauen gefährlicher sind, als man glaubt, daß hier also wirkliche und volle Gefahr vorhanden, das Kunststück der Aristokraten werde gelingen. Es durfte aber nicht gelingen, es durfte um Oesterreichs, um Deutschlands willen ein so schlimmes Werkzeug der – der Contrerevolution würde ich in Paris sagen – nicht in die Nähe des Monarchen kommen. Ich ging geraden Weges zur Fürstin K., ich wurde vorgelassen, weil ich mich mit einer Botschaft von Ihnen meldete; ich theilte ihr mit, daß ich von Ihnen eingeweiht sei und mich anbiete, ihr in einer Angelegenheit zu dienen, in welcher die Kräfte meines Freundes sich unzulänglich gezeigt. Sie hörte mich an – anfangs schien sie mich unwillig zurückweisen zu wollen – aber bald gelang es mir, sie ahnen zu lassen, wie viel ich für meine politischen Ueberzeugungen zu thun im Stande sei. Die Eifersucht des Weibes war zudem zu lebhaft in ihr aufgeregt, um nicht jedes Mittel willkommen zu heißen, welches ihr Beruhigung versprach. So kamen wir denn überein. Ich übernahm es, durch irgend ein Mittel die schöne Bianca von dem Auftreten auf der Bühne und von jedem Versuche, sich in die Nähe des Kaisers zu drangen, abzuhalten. Als Lohn dafür foderte ich von ihr, daß sie mir dasselbe auswirke, was sie Ihnen schenkte – das Offizierpatent.

Sie wollen in österreichische Dienste übertreten – Sie wollen Ihr Land der »Freiheit« im Stiche lassen?

Lambert sah Karl eine Weile an, als ob er etwas sagen wolle und doch unschlüssig zaudere. Endlich antwortete er: Nun, weßhalb soll ich es nicht offen heraussagen? Sie wissen, ich liebe Ihre Schwester – wäre aber meine Leidenschaft für sie auch verflogen, dann geböte mir der Ehrgeiz allein schon, die Bewerbung, die ich einmal um sie angefangen habe, durchzusetzen. Und das will ich! Deßhalb foderte ich von der Fürstin einen Lohn, welcher den ehemaligen leibeigenen Bauer mindestens nicht mehr lächerlich erscheinen lassen wird, wenn er zurückkommt und um Fräulein von Schwalborn anhält.

Aber wenn meine Schwester nun selbst …

Sie liebt mich – Sie wird auf mich warten, Herr von Schwalborn – ich bitte, kein Wort mehr über diese Episode. Lassen Sie mich fortfahren.

Lambert, ich zittere vor Spannung auf das, was Sie mir erzählen wollen, aber ich muß Sie noch einmal unterbrechen, um Ihnen zu sagen, daß Sie sich eiteln Hoffnungen hingeben. Meine Schwester liebt Sie nicht, sie wird nicht auf Sie warten, denn …

Denn …? Lambert zitterte an allen Gliedern.

Sie ist verlobt, sie ist in diesem Augenblicke vielleicht verheirathet, sie … Gott im Himmel, Sie werden todtenblaß …!

Weiter, weiter, zum Teufel, weiter!

Meine letzten Briefe aus der Heimat kündigen mir ihre Verlobung mit dem emigrirten Marquis Polidore de la Roche an.

Das ist eine verfluchte Lüge, Aristokrat! fuhr Lambert auf, indem er Karl am Rockkragen erfaßte, als ob er ihn erwürgen wollte. Dieser schleuderte ihn mit Entrüstung von sich.

Da, auf meinem Schreibtische liegen die Briefe, sagte er – blicken Sie hinein und überzeugen Sie sich – dann – dort ist die Thür!

Lambert hielt sich an einem Sessel aufrecht, dann warf er sich hinein und schrie: Das ist furchtbar, das ist furchtbar – ich habe um ihretwillen dem gräßlichsten Verbrechen getrotzt, ich habe um ihretwillen ein Menschenleben an den Rand des Grabes gebracht, und sie verräth mich!

Mensch, sprechen Sie – was haben Sie gethan – wen haben Sie an den Rand des Grabes gebracht?

Bianca! o, ich bin ein Elender, ich bin verflucht auf immer, ich bin vernichtet!

Er raffte sich auf, ergriff seinen Hut und stürzte zum Zimmer hinaus, die Treppe hinunter, aus dem Hause, ehe Karl noch drei Schritte gemacht hatte, um ihn aufzuhalten und Erklärungen zu verlangen.

Karl wußte in der furchtbaren Aufregung, in welche ihn diese Scene versetzt hatte, kein anderes Auskunftsmittel, als zur Fürstin K. zu eilen. Wenn er nicht von ihr die Ergänzung der schrecklichen Andeutungen erhielt, welche Lambert ihm soeben gegeben, so war Niemand in Wien, der sie ihm hätte ertheilen können. Er war nach wenigen Augenblicken auf dem Wege zu ihr. Als er in ihrem Hotel angekommen, folgte er dem anmeldenden Lakaien auf dem Fuße nach und trat fast mit ihm zugleich in das Cabinet der Fürstin, um nicht zurückgewiesen zu werden. Die Fürstin schien in großer Unruhe, sie kam ihm mit lebhafter Bewegung entgegen.

Durchlauchtige Frau, sagte Karl, ich weiß, daß ich Ihre Ungnade auf mich gezogen habe, aber Sie müssen mir noch einmal Gehör schenken. Ich bin in der furchtbarsten Angst, Sie können nicht unerbittlich sein, Sie können mir ein paar arme Worte nicht versagen!

Es ist gut, daß Sie kommen, ich wollte nach Ihnen senden, versetzte die Fürstin; auch ich habe das Bedürfniß, Aufklärung von Ihnen zu erhalten. Die Sache hat eine schreckliche, eine ganz unsäglich traurige Wendung genommen.

Das weiß ich, aber Niemand, Niemand will mir Rede stehen, um mir zu sagen, was denn eigentlich geschehen!

So hören Sie!

Ich weiß nur, daß Lambert sich bei Ihnen als mein Freund eingeführt, daß er darauf Ihr Vertrauen gewonnen hat.

Ja, fiel die Fürstin ein, so ist es. Mit meiner Einwilligung versehen, zu thun, was ihm am räthlichsten scheine, mit meinen besten Versprechungen entließ ich ihn. Lange, ja, mehre Wochen hindurch hörte ich dann nichts von ihm; aber zwei anonyme Zeilen, welche ich am Vorabende des Festes bei Auersperg bekam, enthielten die Worte: Votre bête noire, qui est si blanche, n'y sera pas! Endlich an diesem Morgen – vor zwei Stunden, taucht er plötzlich vor meinem Portier auf, der Befehl hatte, ihn zu jeder Tageszeit augenblicklich vorzulassen. Er ist anscheinend voll Freude, und doch bemerke ich eine gewisse, trotz aller Mühe übel versteckte Unruhe an ihm. Er sagt mir, das Interesse, welches ich gehabt, die Italienerin nicht auf der Bühne zu sehen, sei mit einem noch größern Interesse zusammengetroffen, welches er habe, Ihre Neigung zu diesem Mädchen zu ersticken. Sein Lebensglück hinge davon ab, daß Sie einer Jugendliebe treu blieben. Er sei einmal in toller Leidenschaft des Zornes und der Rachsucht zwischen Sie und Ihr Glück getreten, oder vielmehr, er habe seine entscheidende Fürsprache Ihnen in dem Augenblicke entzogen, wo er hätte reden sollen; diesen Fehler könne er nur wieder gut machen, indem er Alles, was an ihm sei, aufbiete, Ihre nur zu deutlich ausgesprochene Leidenschaft für die schöne Tondini zu ertödten.

Diese Einleitung über Dinge, welche mich durchaus nichts angingen, fuhr die Fürstin fort, machte mich ungeduldig.

Kommen Sie zum einfachen Berichte und fassen Sie sich kurz, sagte ich, denn Sie spannen mich auf die Folter mit Ihren Liebesgeschichten aus der Provinz.

Sie müssen mich anhören, Durchlaucht, antwortete er darauf, denn wenn Sie die Motive nicht kennen, welche mich antrieben, noch neben dem Wunsche, Ihnen zu dienen, noch neben dem begeisternden Entschlusse, zwischen Kaiser Joseph und ein abscheuliches Complot zu treten: dann würden Sie über meine entschlossene That vielleicht mit einer Härte urtheilen, die ich nicht verdiene.

Gut, gut, aber sagen Sie endlich, versetzte ich, was haben Sie gethan, um Ihren Zweck zu erreichen?

Ich habe eine Radicalcur angewandt, antwortete er mit einem dämonischen Lächeln. Ich habe mich als Schauspieler und als Bote da Ponte's, des Hofdichters, bei Bianca Tondini eingeführt. Ich habe ihr gesagt, da Ponte habe im Interesse der Aufführung seines Stückes durchaus mit ihr zu sprechen, aber er sei krank, und er sehe sich gezwungen, sie zu bitten, sich noch einmal persönlich zu ihm zu bemühen. Bianca ging arglos auf diese Bitte ein, sie nahm Hut und Shawl und folgte mir augenblicklich, da ich mich erboten hatte, sie zu begleiten. Während wir zusammen durch die Straßen schritten, sie dicht verschleiert, theilte ich ihr mit, daß da Ponte seine ehemalige Wohnung verändert, und daß ich sie in ein anderes Haus führen müsse, als in welchem sie den Dichter zum ersten Male gefunden. Wir kamen in eine stille, entlegene Straße; an einem düstern und altfränkischen hohen Giebelhause zog ich die Klingel – ein gemietheter Krankenwärter öffnete und wies uns schweigend eine Stiege im Hintergrunde der Flur hinauf – oben angekommen, deutete ich auf eine Flügelthür am Ende des Corridors und sagte: Gehen Sie dort hinein, dort erwartet Sie da Ponte, Gräfin Bianca; dann verbeugte ich mich und sah noch, wie sie auf die Thür zuging, anklopfte und hinter derselben verschwand – –

Nun, weßhalb stocken Sie? fragte ich Lambert, der eine Pause machte.

Ich kann, versetzte er, mir diesen Augenblick nicht vergegenwärtigen, ohne wieder einen Theil der Beklommenheit, der namenlosen innern Unruhe zu fühlen, die ich empfand, als Bianca Tondini jene Thür hinter sich zuzog. Als sie über diese Schwelle trat, sah sie nicht da Ponte vor sich – nein, sie sah einen Menschen, der mit dem Tode kämpfte. Sie trat an ein Sterbelager, und ein anderer Krankenwärter, den ich wie den ersten bestochen hatte, kam ihrer erschrockenen Frage mit der Antwort entgegen: Sie müssen sich, zu Ihrem Unglücke, in der Straße oder dem Hause geirrt haben – dieses Haus gehört nicht da Ponte, sondern dem Kranken dort, der in den letzten Zügen liegt, und zwar an den schwarzen Blattern, und den deßhalb Frau und Kinder und Gesinde geflohen haben!

Ich werde den Menschen niederschießen wie einen Hund! fuhr Karl bei diesen Worten der Fürstin auf. Er war todtenblaß geworden.

Meine Entrüstung war nicht minder groß, als die Ihrige, fuhr die Fürstin fort. Kaum ließ ich ihn seine Geschichte zu Ende bringen. Er hatte sich nach seiner Bubenthat geflüchtet, er hatte sich draußen, hinter dem Vorsprunge eines Gebäudes versteckt und geharrt, bis er Bianca hatte zurückkommen sehen. Mit wankenden Schritten, kaum im Stande, sich aufrecht zu erhalten unter dem Eindrucke des furchtbarsten Schreckens, war sie an ihm vorübergegangen und hatte den Heimweg gesucht. Zwei Tage darauf ist die Krankheit auch bei ihr ausgebrochen. Man hat sie in das Hospital in der Alser-Vorstadt gebracht; ein alter Kriegsgefährte ihres Oheims aber hat sich des nun ganz verlassenen Rittmeisters Tondini angenommen.

Welch furchtbares, welch fluchwürdiges Verbrechen! rief Karl aus.

In der That, versetzte die Fürstin, es hat mich aufs tiefste empört. Ich verhehlte es Lambert nicht. Er gestand, daß er selber die heftigsten Gewissensbisse gefühlt, so lange Bianca's Leben in Gefahr geschwebt. Er hatte daran, wie er versicherte, beim Entwerfen seines Planes gar nicht oder wenig gedacht. Er hatte nur die alle Schönheit vertilgenden Spuren im Auge gehabt, welche diese Krankheit in dem Gesichte zurückläßt. Aber als das Mädchen nun an dem Rande des Todes geschwebt, sei eine namenlose Unruhe und Angst über ihn gekommen. Er habe sich vor Niemandem sehen lassen, er habe tagtäglich zwei, drei Mal durch die bestochenen Krankenwärter Erkundigungen eingezogen; jetzt endlich athme er frei wieder auf: in der verflossenen Nacht sei die Krise eingetreten, Bianca sei gerettet, aber ihre Schönheit für immer dahin! Sie werde nie mehr weder seinen Freund, noch den Kaiser verführen! Deßhalb, schloß dieser fürchterliche Mensch, komme er, um mich an den versprochenen Lohn zu mahnen!

O, überlassen Sie es mir, mit ihm zu rechnen. Er soll seinen Lohn empfangen! rief Karl, seiner nicht mehr mächtig, aus.

Ich werde Ihren Arm nicht zurückhalten. Sie haben die Pflicht; denn wären Sie nicht so thöricht gewesen, der leichten Aufgabe sich zu entziehen, welche ich Ihnen stellte – dieses Unglück wäre nicht geschehen. Sie tragen einen Theil der Schuld, wie ich daran trage. Ich werde büßen, wie ein Weib es kann, indem ich Bianca zu mir nehme und für sie sorge wie für eine Tochter. Sühnen Sie Ihren Theil, wie Sie es glauben thun zu müssen.

Ich werde es! versetzte Karl. Für das, was Sie an Bianca thun wollen, segne Sie Gott, Frau Fürstin; es läßt mich versöhnt von Ihnen scheiden, so feindlich Sie mich auch verfolgt, so unverantwortlich Sie mich beim Kaiser verleumdet haben!

Die Fürstin wollte antworten, ihr Auge leuchtete zornig auf – da trat ein ältlicher, sorgfältig gekleideter Mann, einer der vornehmern Hausbeamten, hastig mit verstörtem Gesichte in das Cabinet – die Fürstin flog ihm entgegen.

Was ist, was ist geschehen, Dominique?

Der Mann sprach mit bleichen Lippen ein paar ängstliche Worte, so leise, daß Karl sie nicht verstand – die Fürstin stieß einen Schrei, einen herzzerreißenden, markdurchdringenden Schrei des tiefsten Schmerzes, des Entsetzens aus, und mit den Worten: O Gott, o Gott – das ist mein Ende! fiel sie ohnmächtig auf den Teppich nieder.

Der alte Diener sprang ihr bei, dann winkte er Karl heftig zu, sich zu entfernen, und dieser verließ, Schrecken und Zorn in der Seele, das Hotel der Fürstin.

*

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