Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Levin Schücking >

Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Es war, als ob das Schicksal Karl habe strafen wollen für die verächtliche Geringschätzung, mit welcher er Cölestinens Ideen über Resignation und die Demuth des Herzens aufgenommen, die sich zur Unterwürfigkeit unter höhere Fügungen und zur Entsagung auf Erdenglück bereitet, ohne zu murren.

Er sollte nun selbst entsagen, er sollte nun selbst fühlen, daß die Resignation schwer und nur das trauervolle Ergebniß eines tief schmerzlichen Kampfes zu sein pflegt. In diesem Kampfe war er befangen und konnte nicht zum Siege kommen.

Seine Neigung niederhalten, das Feuer in seiner Brust ersticken, mit Gewalt über sich Herr werden – ja, das glaubte er, hätte er gekonnt! Aber Bianca aufgeben, ihre unerfahrene, reine, schöne Seele das Spielzeug eines Andern werden lassen, und dazu noch dieses Menschen, dieses Lambert, gegen den Karl seit jenem abendlichen Zusammentreffen in der Allee zu Schwalborn in tiefster Seele eine Antipathie hegte – das war mehr, als er vermochte, das war eine übermenschliche Aufgabe!

Und durfte er so handeln? durfte er ruhig zusehen, wie eine Schlange sich in die Nähe dieser schönsten Tochter Hevens schleichen wollte, um sie zu verderben? Gesetzt auch, es würde dadurch in der That das vermieden, was die Fürstin K. fürchtete und was doch immer im Schooße der ungewissen Zukunft, im Reiche der Möglichkeiten und Vermuthungen lag – durfte Karl seine Zustimmung dazu geben, daß so schlechte Mittel zum guten Zweck angewendet würden? Aber, sagte er sich, war es nicht die lächerlichste Ueberhebung von Lambert, zu glauben, er könne das Herz der Italienerin gewinnen, es komme da nur auf sein Wollen an? Und während er sich dies sagte, peinigte ihn die qualvollste Angst, daß der tollkühne, trotzige Mensch gerade dazu geschaffen sei, ein Mädchen wie Bianca zu bestechen und zu gewinnen. So schwankte Karl fortwährend zwischen den peinigendsten Empfindungen hin und her. Er wurde von einer furchtbaren Unruhe umhergetrieben; er suchte die Einsamkeit und wich den theilnehmenden Fragen seines Oheims aus, den sein blasses, verstörtes Aussehen erschreckte, und zuweilen fühlte er sich einer Verzweiflung nahe, die ihn den Tod wünschen ließ.

Bianca sah er nicht während dieser Zeit, und eben so wenig suchte er Lambert auf, der auch zu ihm nicht kam. Er begann sich damit zu beruhigen, daß Lambert seinen Vorschlag vergessen haben werde; diese Hoffnung faßte immer festere Wurzeln in ihm, und sie ermuthigte und tröstete ihn, als er sich endlich mit dem Aufbieten seiner ganzen moralischen Kraft zu dem Entschlusse durchgearbeitet hatte, Bianca nicht wieder sehen zu wollen – um ihr weiteres Schicksal sich nicht zu kümmern, jeden Gedanken an sie zu ersticken, als sei sie todt für ihn.

Und doch war sein ganzer Tag, sein ganzes Dasein nur Ein Gedanke an sie!

Eines Morgens kündigte ihm sein Oheim an, für den Abend sei ein großes Fest beim Fürsten Auersperg angekündigt und eine Einladung dazu für Karl wie für den Gesandten eingelaufen.

Es soll ein Festspiel von da Ponte aufgeführt werden, setzte der Freiherr von Meichelbeck hinzu – aber es ist noch ein Geheimniß!

Karl erblaßte bei diesen Worten. Ein Festspiel von da Ponte! Der verhängnißvolle Abend war gekommen, an welchem Bianca den ersten entscheidenden Schritt in ihre neue Laufbahn setzen wollte!

Karl befand sich den ganzen Tag über in einer furchtbaren Aufregung. Mit Zittern sah er den Abend nahen. Endlich faßte er, von seiner Unruhe umhergetrieben, den Entschluß, zu da Ponte zu gehen und ihn zu fragen, ob denn nichts mehr Bianca zurückhalten könne, das Werkzeug eines frivolen Planes zu werden, der sie ins Verderben stürzen müsse. Er begab sich in die Wohnung des Dichters, aber da Ponte war nicht daheim, und Karl war dies wie ein geheimnißvoller Fingerzeig, daß er seinen Entschlüssen treu bleiben solle.

So kam der Abend heran. Karl drängte seinen Oheim, und Beide waren die ersten der Gäste, welche sich in den glänzenden Gemächern des Fürsten versammelten. Nach und nach füllten sich die Säle und an Karl streifte die weiße Mousselinrobe der Fürstin K. vorüber. Sie blickte mit einem ernsten, strafenden Blicke auf ihn, doch schien ihm, als ob ihre Augen ihm winkten. Er nahte sich ihr deßhalb, als er nach einer Weile bemerkte, daß sie in einem Eckdivan eines der Seitencabinete Platz genommen und allein sei; er mußte den Augenblick benutzen, denn Fürstin K. war gewöhnlich von einem ganzen Kreise demüthiger Anbeter umgeben. Ihr Blick lag kalt und stolz, wie vorher, auf ihm, als er schüchtern herantrat.

Sie sind ein unbrauchbarer Mensch – ein Narr – sagte sie. Sie haben Alles, was ich für Sie gethan, ruhig angenommen und dann sich davongemacht und nichts weiter von sich hören lassen! Und doch war es so leicht, was man von Ihnen verlangte!

Für mich war es nicht leicht, durchlauchtigste Frau. Sie pressen mir gewaltsam ein Geständniß aus, das schwer über meine Lippen will, aber das ich preisgebe, weil ich fühle, daß ich der Rechtfertigung in Ihren Augen bedarf. Ich war gebunden – ich durfte und konnte meine frühern Gelübde nicht brechen!

Aber mich täuschen, mich glauben lassen, daß Sie meine Aufträge ausführen würden – das konnten Sie?

Ich habe sie entschieden abgelehnt, diese Aufträge.

Sie haben mir nicht gesagt, daß Sie diese Italienerin nicht liebten.

Karl's einzige Antwort war ein tiefes Erröthen.

Kurz, Sie sind meiner Theilnahme unwürdig und auch der Gnade des Kaisers. Der Kaiser wird Sie morgen vor sich bescheiden.

Die Fürstin stand auf, wandte Karl den Rücken und entfernte sich. Niedergeschlagen begab der Letztere sich zu seinem Oheim, der in der Nähe stand und die kurze Unterredung beobachtet hatte.

Was sind das für Geheimnisse und Geflüster mit der böhmischen Wlasta, Jüngelchen? fragte er hastig.

Lieber Oheim, es sind nicht meine Geheimnisse, versetzte Karl; aber das wollte ich Ihnen anvertrauen: ich tauge nicht für Ihre Wiener Gesellschaft; ich möchte viel lieber mit meinem Jagdhunde und meiner Flinte allein auf unsern Haiden daheim sein, als in dieser kostbaren und glänzenden Vergnügungsanstalt, deren Glanz Niemanden amusirt und deren Kostbarkeit Niemanden freut. Ich werde vorläufig meine Pferde der Fürstin K. zurücksenden und mein Bittschriftenamt niederlegen. Haben Sie nicht in irgend eine Weltgegend einen Courier zu senden?

Karl, rasest du? versetzte der diplomatische Oheim und nahm eine Prise, welcher eine höchst energische Bewegung seiner Nasenspitze folgte. Hast du meine Lehren vergessen? Mach' kein Aufhebens! – Was hast du mit der Fürstin K.? Einen dépit amoureux? Und darum wollt ihr euch eure zarten vierfüßigen Liebespfänder zurücksenden? Unsinn!

Es entstand eine Bewegung im Saale – der Kaiser war angekommen. Er schritt mit dem Fürsten Auersperg und den Herren seines Gefolges durch das Gemach, in welchem Karl mit seinem Oheim sich unterhielt; im zweiten Saale fand er eine Dame, bei welcher er eine Zeitlang verweilte: es war die Erzherzogin Elise, seine Nichte. Eine Weile darauf wurde im Hintergrunde des großen Raumes eine Flügelthür geöffnet, die in eine bedeckte, aus Bretern aufgeschlagene und mit Draperien bekleidete Galerie führte. Der Kaiser reichte der Fürstin Auersperg den Arm, Kaunitz führte die junge Erzherzogin, und nach ihnen begab sich die ganze Gesellschaft ein paar Stufen hinunter in die Galerie, an deren Ende ein Gartentempel, eine geräumige Rotunde sie aufnahm. Kein Licht brannte in diesem Raume, man setzte sich beim Scheine der Fackeln, welche in der Galerie brannten und ihr Licht durch die offene Eingangsthür bis in den Tempel ergossen. Aber als Alles Platz genommen, schloß sich die Thür dieses Raumes und man befand sich in vollständiger Dunkelheit.

Erster Act: Aegyptische Finsterniß. Die Sache wird hieroglyphisch! sagte der Freiherr von Meichelbeck.

Karl, der neben ihm saß, vermochte keine Sylbe zu antworten. Sein Herz schlug so hoch, als wollte es ihn ersticken. Es war ihm, als hinge sein Dasein ab vom Ausgange dieser Stunde. Wird sie erscheinen oder nicht? – nur für diese Frage und für nichts Anderes hatte er Sinn und Leben.

In der Tempelrotunde begannen leise, ferne, verhaltene Klänge hörbar zu werden. Sie schwebten und zitterten über den Häuptern der Anwesenden fort, tönten langsam aus und verhallten, kamen wieder, schwollen, wurden stärker und stärker und rauschten in stolzen Melodien auf. Zugleich zitterte ein Lichtstrahl durch den Raum, und ein rosenrother Schimmer ergoß sich, eine milde Dämmerung verbreitend und nur langsam an Helle wachsend. Plötzlich hoben unsichtbare Sänger einen Gesang an – ein trefflicher Chor begann eine Cantate, und bald fielen unbeschreiblich melodische Stimmen mit den Solos ein. Das Licht wurde stärker, und während die Musik unsichtbar blieb, erkannten die Gäste, daß jene rosige Dämmerung durch einen Vorhang im Hintergrunde des Tempels strahle, vor welchem eine Göttergestalt auf einem hohen Piedestal sich dunkel abzeichnete. Man sah anfangs nichts als ihre edeln Umrisse, wie sie unbeweglich dastand, nichts als den schlanken Bau der Glieder, das vollendet schön gezeichnete Profil. Auf Karl wirkte diese Erscheinung wie ein elektrischer Schlag. Vorgebeugt, weit geöffneten Auges blickte er hin … Bianca mußte diese Göttergestalt sein!

Die Helle stieg und gab der Gestalt einen ganz magischen Reiz. Wie ein schönes Traumbild stand sie da, Blumen durchs Haar geflochten, Blumen im Gürtel, Blumen um den Saum des knapp anliegenden weißen Gewandes, und einen vollen, üppigen Kranz von Blumen in der erhobenen Hand.

Bei einer Stelle der Cantate bewegte sie sich langsam, ihr Fuß hob sich, sie begann eine Reihe Stufen hinabzusteigen, welche von ihrem Piedestal herabführten; mit feierlichem Ernst nahte sie sich dem Sitze des Kaisers, der sich zunächst ihr gegenüber befand; sie kniete nieder und indem sie leise einen Vers in italienischer Sprache flüsterte, dessen Worte die entfernter Sitzenden nicht vernahmen, überreichte sie Joseph II. ihren Kranz. Zu gleicher Zeit flammten, wie durch einen Zauberschlag entzündet, viele Hundert Lampen auf und strahlten durch die Blumenguirlanden, welche die Wände des ganzen Tempels bedeckten, so daß ihr voller und blendend heller Schein auf die Gestalten der knienden Göttin und des Kaisers fiel.

Beim ersten Schritte, welchen die Gestalt von ihrem Piedestal herab gemacht, hatte Karl sie erkannt. Bianca war es nicht!

Das ist die Sängerin Ferraresi – wie sie sich hübsch macht in ihrer rosenrothen Beleuchtung! flüsterte der Freiherr von Meichelbeck seinem Neffen zu. Sie hat Beruf zu dieser Rolle, sie ist es gewohnt, in einem seltsamen Lichte dazustehen.

Karl hätte gern gelacht über den Scherz seines Oheims – denn in der That, er war nie in seinem Leben geneigter gewesen, sich lauten Ausbrüchen der Freude hinzugeben. Bianca war es nicht – er sandte ein stilles Dankgebet zum Himmel auf, daß sie gerettet, und es schien ihm in diesem Augenblicke, als ob ihm jetzt das Opfer, welches er gebracht, bereits vergolten, als ob er seine Entsagung von nun an um die Hälfte leichter tragen werde.

Der Kaiser hatte den Kranz der Sängerin, welche ihm eine längst bekannte Erscheinung war, mit freundlichem Danke abgenommen, die Blumengöttin stieg wieder ihre Stufen hinan, und während dessen flog der Vorhang, der dicht hinter dem Piedestal niederhing, empor, Amouretten, Sylphen und andere Gottheiten, welche Tugenden und heroische Eigenschaften des Kaisers vorstellen sollten, umringten die zurückkehrende Göttin und begannen ein allegorisches Spiel, welches nach einiger Zeit mit Schlußgesängen der unsichtbaren Stimmen und einigen Beleuchtungseffecten bei wechselnden Decorationen endete. Diese Decorationen stellten Gegenden aus den verschiedenen Ländern dar, welche Joseph II. beherrschte, oder an welche sich denkwürdige Momente seines Wirkens und Schaffens knüpften. Den Schluß bildete ein in glänzendem bengalischen Feuer strahlender Tempel des Ruhmes, in welchem die Büste des Kaisers prangte, während über ihm, am Himmel der Bühne, die Sterne sich zum Namen Joseph zusammenfügten.

Als das Schauspiel unter vielen Acclamationen beendet war und die Gesellschaft sich wieder in die Empfangzimmer begab, schützte Karl bei seinem Onkel Unwohlsein vor, um die Erlaubniß zu erhalten, sich still entfernen zu dürfen. Es war ihm unmöglich, in dem festlichen Gedränge, diesem Summen und Schwirren, dieser heißen Atmosphäre, diesem halb amusirten, halb gelangweilten Hinlungern so vieler fremden Menschen es auszuhalten. Als die frische kalte Winterluft draußen an seine Wange schlug, athmete er tief und erleichtert auf; dann mit dem stürmischen Schritte, der freudiger Aufregung eigen ist, machte er sich auf den Weg, in die Schenkenstraße, um Lambert aufzusuchen. Die Drohungen der Fürstin K. hatte er vergessen über der Freude, daß Bianca nicht aufgetreten sei. Aber noch drückte ihn eine eifersüchtige Angst, eine wahre Seelenpein, und für diese suchte er Beruhigung, indem er sich aufmachte, Lambert zu besuchen.

Als er in der Wohnung seines Landsmannes ankam, wurde ihm gesagt, dieser sei noch nicht nach Hause zurückgekehrt, kehre überhaupt selten vor Mitternacht heim. Karl mußte sich heimbegeben, ohne eine Antwort auf die stürmische Frage seiner Eifersucht erhalten zu haben.

War es Lambert, der verhindert, daß Bianca aufgetreten?

Während Karl, nachgrübelnd darüber, auf seinem Lager lag und den Schlaf nicht finden konnte, während im Palaste des Fürsten Auersperg das Fest seinen höchsten Schwung bekommen, die Wangen der Weiber in der Lust des Tanzes glühten, die Augen der Männer vom Feuer des Tokaiers widerglänzten – schritt eine dicht in einen Mantel gehüllte Gestalt durch die schneebedeckten verödeten Gassen der Alservorstadt. Sie blieb endlich vor einem langen, düstern Gebäude stehen, aus dessen kleinen viereckigen Fenstern hier und da noch ein dürftiger und verlöschender Lichtstrahl auf die weiß verhüllten Dächer ihm gegenüber floß.

Der nächtliche Wanderer stieg ein paar Stufen empor, die zu einer Thür in diesem dunkeln, gefängnißartigen Gebäude führten; dort ergriff er ein Seil, welches zur Seite niederhing und den Schellenzug bildete; aber statt zu ziehen und die Klingel in Schwung zu setzen, schlug er mit dem festen Knoten, in welchem es endete, dreimal gegen die Pforte.

Nach einer Weile öffnete sich die Thür, der Oberkörper eines stämmigen Menschen, dessen Kopf eine Art runden Pilgerhutes bedeckte, kam zum Vorschein, und der Draußenstehende fragte halblaut:

Nun, wie steht's?

I du mein! Wie soll's stehen? Es sind halt die schwarzen Blattern, schöner kann man sie nicht sehen! Kommen's halt 'n Bissel herauf und schaun's selber!

Schönen Dank für Eure Einladung! versetzte der Andere, wickelte sich in seinen Mantel und ging rasch von dannen.

Es war Lambert.

*

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.