Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Levin Schücking >

Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Karl wanderte eine Zeitlang auf dem Glacis auf und ab in heftigem Kampfe mit sich selbst, oder nein, im Kampfe nicht – er hatte ja gesiegt über alle die blendende Verführung, alle Gewalt der Lockung, womit ein blitzartig auf ihn eindringender Augenblick des Rausches ihn überwältigen wollte. Aber er war deßhalb nicht minder in einer außerordentlichen Aufregung. Und wenn man auf den Grund seiner Seele hätte sehen können, so würde man hier ein Geheimniß gefunden haben, das ihm selber nicht bekannt, ein Geheimniß, traurig und unheilverkündend für die, welche die Siegerin in der verflossenen Stunde seines Kampfes geblieben. Auch sie hätte ausrufen können: Noch solch ein Sieg, und ich bin verloren!

Dieses Geheimniß aber war: Karl war Cölestinen treu geblieben, indem er der Pflicht gedachte, welche ihn an sie binde. Nichts ist gebrechlicher als der Ring der Treue, wenn ihn die Pflicht schmiedet!

Karl erinnerte sich des Rendezvous, das da Ponte ihm gegeben. Es war ein Kaffeehaus, und Karl fand es bald in der angegebenen Straße; eine ungeheure blanke Messingkanne, von einem Mohren gehalten, der halb so groß war wie sie, bezeichnete es. Ein Kaffeehaus von damals war eine durchaus verschiedene Anstalt von dem, was heute diesen Namen in Wien trägt, wo das öffentliche Leben der großen Stadt, ihre Literatur, ihre politische Opposition, vor Allem ihre Tagespresse hier die Foyers findet, während das Café für Commis voyageurs und Löwen die Hochschule des guten Tones ist. Das Kaffeehaus, welches Karl betrat, war eine große geweißte Stube mit Tischen von blankgebohntem Eichenholz; rings umher liefen Bänke, bedeckt von schwarzledernem Polster; hier und da saß ein vereinzelter Gast, unter denen kein einziger Raucher, denn das Rauchen galt noch für Unsitte, und man begnügte sich mit dem Schnupfen; als Marqueur fungirte ein gesetzter Mensch von 50 Jahren, eine respectable gepuderte Persönlichkeit mit stattlichem Zopf und weißer Halsbinde. Eine lange Weste von rothem Tuch mit zwei Reihen kugelrunder Zinnknöpfe, Jacke und Schürze aus grünem Tuch, kurze Beinkleider, Schuhe mit Schnallen, Strümpfe gestreift wie die Haut eines Zebra, das bildete die Erscheinung eines Marqueurs von 1790 – und ehrenfest wie er ist der ganze Ton dieser stillen und höchst soliden Vergnügungsanstalt. Karl fand seinen Freund hinter einem der Tische, einer Triester Bastflasche gegenüber, ein großes Glas mit Aqua d'oro, in welchem noch die Goldplättchen schwammen, vor sich; zu diesem geistigen Genusse gesellte da Ponte das Agrement, welches ihm das Verspeisen eines Häufleins von »Kipfel« und »Eiernem« gewährte.

Marqueur – Freund – Geliebter – Ganymed, ein Glas hierher! schrie da Ponte, als er seinen Bekannten sah, dem Aufwärter nach, corpo di dio! maledetto! – setzen Sie sich, mein Freund!

Er rückte für Karl einen Armsessel heran und dann rannte er voll Hast dem harthörigen Marqueur nach.

Karl blickte unterdeß in die Zeitung, welche auf dem Tische vor ihm lag. Es war das Haupt- und Leibblatt jener Zeit, die Neuwieder »Gespräche aus dem Reiche der Todten«. Welche Ironie des Schicksals, das Hauptorgan der deutschen politischen Presse von 1790 nannte sich: Gespräche aus dem Reiche der Todten!

Da Ponte kehrte mit einem Glase zurück, da er nicht abwarten konnte, bis der dienstbare Geist in den Zebrastrümpfen damit anlangte – er wäre im Stande gewesen, wie einst Molière aus Aerger über seine langsamen Träger aus der Sänfte zu springen, sie selbst auf den Rücken zu nehmen und damit im Schweiße seines Angesichts bis an sein Haus zu rennen.

Und nun? fragte Karl, nachdem er von dem Goldtranke versucht – Sie sind strahlend von Heiterkeit – welchen Erfolg hat Ihr Gang gehabt?

Den allerbesten – den glänzendsten! rief da Ponte aus, ich habe die schönsten Verheißungen – ich fürchte nichts mehr – ich fürchte meine anonymen Feinde so viel, wie mein Don Giovanni den Corregidor von Sevilla! Und Aufschlüsse habe ich bekommen – Ausschlüsse – o, ich bin fein – junger Cavaliere – der da Ponte ist fein wie ein Maulwurfsauge!

Da Ponte rieb sich die Hände vor Vergnügen.

Karl bemerkte jetzt erst, daß sein Gesicht ein auffallend hohes Roth zeigte. Vielleicht würde die Farbenlehre eine interessante Bereicherung erhalten haben, hätte man die mysteriösen Beziehungen dieses Roth zu dem Gelb in seinem Glase einer wissenschaftlichen Untersuchung gewürdigt. Karl begnügte sich aber damit, aus dieser Färbung auf eine besondere Bereitwilligkeit zu offenen Mittheilungen in dem kaiserlich königlichen Hoflyriker da Ponte zu schließen, und er irrte darin keineswegs.

Was hat Migazzi Ihnen gesagt? fragte er.

Der? Er hat mich gar nicht sehen wollen.

Und das hat Sie mit so viel Zuversicht erfüllt?

Nein, das nicht – aber es ist ein magerer, gelber, kleiner Mann zu mir gekommen mit dunkeln brennenden Augen – ja, ja, mit einem Paar Augen wie Kohlen – der hat mir gewinkt, hat mich am Arm gefaßt und aus der Antichambre in ein Cabinet geführt – da hat er nach meinem Anliegen gefragt, und ich habe ihm Alles erzählt und ihm das anonyme Billet gezeigt und meine Angst geschildert – da hat der Kleine mich am Knopf gefaßt und hat mir gesagt: Seien Sie ruhig – es sind leere Drohungen – ich kenne die Hand, welche dieses Billet schrieb. Eine Dienerin hat diese Zeilen geschrieben, die eben so wenig ein Stilet zu handhaben weiß, wie diejenige, deren Befehl sie erfüllte, als sie einen Brief dieses Inhalts absandte.

Wer war der kleine, gelbe Mann, der das Alles wußte?

Der Almosenaustheiler der Fürstin K.

Der Fürstin K.? Das ist seltsam! rief Karl überrascht aus.

Soll ich Ihnen nun sagen, was ich über dies Alles denke? Die Fürstin K. will nicht, daß unsere schöne Gräfin in meinem Stücke auftrete. Frage: Welchen Grund kann sie haben? Antwort: Sie liebt den Kaiser. Das ist ein offenbares Geheimniß. Also, sie fürchtet, daß der Kaiser diese Schönheit sehe. Habe ich recht geschlossen?

Ohne Zweifel. Nun weiter. Wie kommt es, daß der Oheim unserer Gräfin Bianca Tondini, der alte zerschossene Rittmeister, der nichts heil behalten hat, als seine lange Habichtsnase und seinen Adelstolz, einwilligt, seine Nichte auf der Bühne erscheinen zu sehen? Warum kommt dieser kleine schwarze Mann und verräth seine eigene Gebieterin gegen mich, den Fremden? Antwort: Es muß Leute geben, welche nichts dagegen haben, daß Seine geheiligte apostolische Majestät Kaiser Josephus der Andere, immer Mehrer des Reichs und Verehrer der Frauen, unsere im Fleische wandelnde Schönheitsgöttin Signora Bianca erblicken! Zu diesen Leuten gehört vielleicht Seine Eminenz, welche der Tondini einen Empfehlungsbrief an mich gab, selber, sicher aber der Aumonier der Fürstin K., der alte Tondini und mein Freund, der Abbate Ladoni, der bei Tondinis aus- und eingeht und dem Mädchen von meinem »Tempel der Flora« vorplauderte – kurz, ein ganzes Complott, welches sich durch die Schönheit der Macht versichern will! Ich kenne diese Junker und Schwarzröcke – ja, ja, ja, – o, der da Ponte ist fein, fein wie das Haar einer Angorakatze!

Karl war von diesen Enthüllungen höchst unangenehm betroffen.

Wer ist der alte Rittmeister? fragte er.

Der alte Bartolomeo Graf Tondini – ein wunderlicher Kauz, seit einigen Monaten hier, um einen Proceß zu betreiben, arm wie eine Kirchenmaus und trotzig und hochfahrend wie ein Hahn aus Calcutta.

In dieser Weise fuhr da Ponte fort, Alles mitzutheilen, was er wußte und was er combinirte; so erfuhr Karl denn auch, daß die junge Bianca als Waise im Kloster erzogen, aber durch des Kaisers Maßregeln gegen die geistlichen Stiftungen um ihr Asyl gebracht worden sei; daß sie durch einen gemeinsamen Bekannten da Ponte's und ihres Oheims, einen Abbate Ladoni, veranlaßt worden sei, mit ihrem Entschlusse, auf die Bühne zu gehen, sich da Ponte anzuvertrauen, der ein Werk mit einer vortrefflichen Rolle für sie vorbereite; er erfuhr, daß sie da Ponte bei ihrem ersten Besuche mitgetheilt, wie einzig die Verzweiflung, ihren väterlichen Beschützer und Wohlthäter, den alten Krieger, mit der bittersten Dürftigkeit ringen zu sehen, sie bewege, trotz ihres Standes und Namens Schauspielerin zu werden; er erfuhr endlich Alles, was ihm damals geheimnißvoll erschienen.

Und jetzt – schloß da Ponte sein Geplauder – heben wir die Sitzung auf. Bianca wird in meinem »Tempel der Flora« auftreten, sie wird ihm einen glänzenden Triumph sichern – um das Uebrige kümmere ich mich nicht und bin so froh wie ein Kaninchen!

Sie scheinen vor allen Wissenschaften die Mythologie und die Naturgeschichte zu lieben, Signor da Ponte – wenn man nach Ihren Vergleichen urtheilen darf, bemerkte Karl aufstehend.

Beim Herkules, das thue ich auch! Gott oder Thier – was dazwischen liegt, hol' der Teufel! Die Wahrheit ist in den Extremen!

Sie gingen auseinander, und Karl begab sich heim, das Herz schwer, die Seele zitternd unter dem Eindrucke der Vermuthungen, die da Ponte ihm ins Ohr geraunt.

Der Bediente, welcher ihm im Hause seines Oheims öffnete, sagte, er habe den Befehl, den Herrn Gesandten von Karl's Heimkunft augenblicklich zu benachrichtigen; in der That kam der Freiherr von Meichelbeck nach wenigen Augenblicken in seinem Schlafrocke herbeigeeilt: Menschenkind, glücküberschüttetes, was heißt, was bedeutet das? Die Fortuna sucht dich in allen Masken auf, heut kommt sie gar als Jockey verkleidet mit Sattel- und Handpferd, und welchen Pferden! Um Gottes willen, mein Jüngelchen, was soll das heißen?

Der Oheim zog ihn mit sich fort über den Hof, in die Stallung, zu den zwei prächtigen Thieren, welche hier neben den vier schwerfälligen Wagenpferden des Gesandten standen; Karl war erschrocken, als er sah, wie die Fürstin so unbeirrt von seiner Protestation ihre Vorsätze ausführe, aber er war ein zu harmlos kindlicher Mensch, um nicht einen Freudenruf über den andern auszustoßen, als er die eleganten Kleinode, diese seidenglatten Ideale von Pferdeschönheit wahrnahm, die ihm und Niemand anders gehören sollten!

Seinem Oheim sagte er und wurde dunkelroth dabei: Der Kaiser hat sie mir geschenkt zur Equipirung, er hat mich zum Offizier ernannt! Dann hielt er ihm rasch das Patent hin, wie um seinen weitern Fragen damit zuvorzukommen. –

Am andern Morgen, um die gewohnte Stunde, durchlief Karl die zujüngst eingereichten Bittschriften; die des Rittmeisters außer Dienst, Grafen Bartolomeo Tondini, war unter den ersten. Der Supplicant stellte vor, wie er seiner Verwundungen wegen, die er im letzten unglücklichen Feldzuge im Banat erhalten, den Abschied mit einer kleinen Pension bekommen, wie diese aber kaum hinreiche, ihm in einer Landstadt ein anständiges Auskommen zu sichern, um so mehr, als er die arme Waise seines frühverstorbenen Bruders zu ernähren habe, die bis jetzt in einem Frauenkloster in Verona erzogen, nun aber durch die Aufhebung des Klosters ihres Asyls beraubt worden. Dazu komme, daß er in der Hoffnung, einen in Wien anhängigen Proceß um ein altes Lehngut seiner Familie fördern zu können, in die theure Residenz gezogen, deren ungesundes Klima und Kalkstaubatmosphäre ihn erkranken lassen. In Anbetracht seiner langjährigen Dienste und vor dem Feinde bewiesener Tapferkeit wende er sich nun voll Hoffnung an die kaiserliche Gnade.

Karl trug die Bittschrift in sein Buch ein, ohne irgend eine Bemerkung hinzuzusetzen. Während des Schreibens ward er inne, wie sehr seine Hand dabei zitterte. Er warf die Feder fort, sprang auf und rief sich zu: Ich bin ein wahres Kind – Pfui! ich will doch sehen, ob ich Gewalt habe über mich selbst!

Er beschloß, auf der Stelle zu Tondini zu gehen – so sicher fühlte er sich der Versuchung gegenüber, so trotzig seiner selbst gewiß!

*

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.