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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Fünftes Kapitel.

Diese Prophezeiung des Freiherrn von Meichelbeck erfüllte sich vollständig. Karl hatte erst wenige Wochen seines täglichen Dienstes gewartet, als er bereits trotz aller frischen, unverkümmerten Jugend seines Herzens eine unsägliche Verachtung der Masse der Menschen seinen Geist beschleichen fühlte. Hatten ihm frühere Erfahrungen, Lambert's Benehmen z. B. oder jene Scheußlichkeiten eines blutigen Volksvergnügens, die ihn unlängst mit Entsetzen erfüllt, das Volk roh und thierisch erscheinen lassen, so war es ihm jetzt zuweilen, als blicke er in einen Abgrund von Jämmerlichkeit und Niedrigkeit.

Zwei Mal im Tage brachte ein Adjutant des Kaisers ihm die eingelaufenen Bittschriften in sein Arbeitszimmer in der Hofkanzlei. – Die kurzen Auszüge waren bald gemacht, aber um gewissenhaft die seinen Bemerkungen bestimmte Rubrik des Supplikenbuchs ausfüllen zu können, ließ Karl sich die Mühe nicht verdrießen, möglichst viele der Bittsteller selbst aufzusuchen, sich nach ihren Verhältnissen zu erkundigen, sie zu beobachten, ihre Klagen anzuhören. Dabei schärfte sich mit wunderbarer Schnelligkeit sein noch unsicherer psychologischer Blick, und der Enthusiasmus der Wohlthätigkeit, welcher ihn erfüllte, wurde kühler und kühler. Wie manche Schuld trat an ihn heran und hatte sich in die zerrissenen Gewänder des Unglücks gehüllt – wie manches Laster heuchelte sich in die Larve gekränkter Unschuld – wie manche Lüge kam mit frecher Miene und foderte das Eigenthum der Armuth für sich als ihr Recht! Die Faulheit verlangte Steuern vom Fleiße; von den Summen, welche der Pflug des Landmannes und das Werkzeug des Handwerkers dem Staate aufbringen mußten, wollten Scharen von nichtsthuenden Schmarotzern zehren – und doch waren alle solche Erfahrungen nichts im Vergleich mit dem Eindrucke, den die Art der Bitten auf Karl hervorbrachte. Dieser hätte nie geglaubt, nie geahnt, daß der Eigennutz und die Habsucht so aller Scham entblößt auftreten, daß der Ehrgeiz selbst, um nur seine Zwecke zu erreichen, so ohne Anstand in den Rock der Niederträchtigkeit schlüpfen, die Eitelkeit so demüthig am Boden kriechen könne. Um aus dem großen Borne der kaiserlichen Freigebigkeit einen Tropfen nur zu erlangen, schien einer Menge dieser Bittsteller kein Mittel zu niedrig; es war eine Unmännlichkeit, ein Krümmen im Staube, ein Wegwerfen der Menschenwürde, eine »Verhündigung« vor der Person des Kaisers, um eine Pension, ein Gnadengeschenk, ja einen Orden, eine kleine Anstellung zu erhalten, daß ein wahrhafter moralischer Ekel den jungen Hofsecretair beschlich, wenn er so manche dieser Bettelbriefe durchgelesen hatte.

Zuweilen ließ der Kaiser ihn zu sich rufen, um ihm mündlich einen Auftrag zu geben oder eine Erläuterung zu verlangen.

Als er eines Morgens in das Cabinet des Kaisers beschieden wurde, traf er Kaunitz bei ihm. Der Kaiser saß an seinem Arbeitstische, ihm gegenüber der Fürst, der seine schwächliche Figur in eine Unzahl Röcke zugeknöpft hatte und aus einem Actenhefte vorlas. Karl blieb wartend an der Thür stehen. Der Vortrag des Ministers endete mit dem dringenden Rathe, eine Maßregel des Kaisers, welche den lebhaftesten Widerspruch bei den Ungarn gefunden hatte, zurückzunehmen.

Als Kaunitz fertig war, sprang der Kaiser auf und ging im Zimmer auf und ab.

Zurücknehmen! Lehren Sie mich ein Wort sagen, Kaunitz, und ich will zurücknehmen!

Welches Wort, Sire?

Den Trost Ludwig's XV.: Après nous le déluge!

Kaunitz zuckte mit den Achseln.

Vor einer Sündflut brauchen wir nicht zu bangen. Der liebe Gott hat bei der ersten ihre völlige Fruchtlosigkeit eingesehen.

Sie sind ein Spötter. Mir ist ernst zu Muthe. Ich sehe den Untergang Oesterreichs vor Augen. Das Gesetz, das ich cassiren soll, ist eins der Bänder, womit ich die Monarchie zusammenzuschmelzen hoffte, und diese Bänder reißen eins nach dem andern!

Wir haben ja die pragmatische Sanction! warf Kaunitz ein, mit einem Tone, der unbestimmt ließ, ob es ihm Ernst oder Ironie sei.

Das ist ein Stück Papier; um diese bunte Mischung von verschiedenen Völkern und Stämmen aneinander zu binden zu einem Reiche, bedarf es eines andern und mächtigern Zaubers.

Aber wenn hinter dem Stück Papier die Gewalt, ja die deutsche Kaisermacht steht, um es aufrecht zu erhalten, sagte Kaunitz wieder mit einem unmerklichen Anflug von Spötterei, denn er sah den Kaiser in einer Stimmung, in welche ernsthaft einzugehen er nichts weniger als Lust hatte, um seine Klugheit nicht zu vergeuden und die Perlen seiner Diplomatie nicht den Hunden einer bissigen Stimmung vorzuwerfen.

Mein Leben ist ein Beweis, wie wenig die Gewalt vermag, versetzte der Kaiser düster. Und die deutsche Kaisermacht? Die schlüpft Oesterreich aus den Händen über seiner unseligen Lage daheim; Habsburg ist ein Hirt, der seine Völkerheerde nicht verlassen darf, damit sie nicht auseinanderläuft. Unterdeß wandelt Deutschland andere Wege und Habsburg kann nicht folgen.

Eure Majestät fodern ungeduldig von dem Augenblick das Resultat, welches nur ein halbes Jahrhundert vollenden kann, warf Kaunitz ein. Genug, daß Sie es unternommen haben, aus den »Erbländern« ein österreichisches Reich, eine Monarchie zu machen. Das Werk vollenden werden Ihre Nachfolger, wird die Geschichte.

Glauben Sie, Kaunitz? Und wenn ich Ihnen nun sage, daß die Geschichte gerade das Umgekehrte thun wird? In diesen Ungarn steckt der Keim unsers Untergangs. Indem ich die Monarchie zusammenschmelzen wollte, habe ich sie zugleich deutsch machen wollen. Das ist mislungen. In den Kampf der Ungarn wider meine Politik mischt sich ein Element, welches früher unserer Staatskunst fremd war: die Nationalität. Tritt dazu der Freiheitsschwindel, den die französische Revolution in die Welt wirft, so ist ein Dämon unter den Völkern losgelassen, der Oesterreich über den Haufen stürzt. Wie die Ungarn werden einst auch die Czechen, die Lombarden, die Galizier – vielleicht bis zu den Panduren und Croaten hinab – eine nationale Unabhängigkeit fodern. Wenn sie nun einst alle kommen, wenn sie alle sich erheben wider das deutsche Wien, das deutsche Habsburg – was dann? Wissen Sie ein Mittel, sie zu fesseln, Kaunitz? – weiß Er eins, junger Mann? wandte der Kaiser sich an Karl, vor dem er in diesem Augenblick auf seiner heftigen Wanderung durch das Zimmer stehen blieb.

Majestät – ein Mittel gäb' es –

Die Völker müßten immer einen so hinreißend bezaubernden, einen so glühend geliebten Kaiser haben wie mich, will Er sagen – ich kenne diese hohlen Redensarten.

Das wollte ich nicht sagen, Sire, versetzte Karl mit Nachdruck. Ich wollte sagen, daß so viele verschiedene Völker sich immer in einem Staate zusammenhalten lassen, so lange dessen Princip ein alle gleich lockendes und mit sich fortreißendes, z. B. die Initiative der Humanität oder der Ruhm ist, also in einem kriegerischen und erobernden Staate.

Darin liegt viel Wahres, sagte der Kaiser zu Kaunitz gewendet.

Bleibt Oesterreich an Siegen und an Ehren reich, so hat es von der Verschiedenheit seiner Nationalitäten nichts zu fürchten – fuhr Karl fort; aber – wenn Eure Majestät mir weiter zu reden erlauben – sobald es kein Ruhm mehr ist, ein Oesterreicher zu sein, dann freilich wird man vorziehen, ein Czeche, ein Magyar zu sein. Und so glaube ich, daß, wenn Oesterreich sich schwach, sich verzagt, in seiner Politik lässig und kurzsichtig zeigt, wenn es unter den Völkern sich in die zweite Stelle drängen läßt, es bald die letzte einnehmen wird!

Oesterreich müßte also immer ein kriegerischer Staat bleiben? Aber wenn die Verhältnisse uns einen langen Frieden aufzwingen, wenn unterdeß jener Dämon sich entwickelt –

Er wird nicht in allen Stämmen sich zugleich, in gleichem Maße entwickeln, fiel Kaunitz ein: man wird deßhalb immer die Nationalität des einen mit dem bändigen können, was an Anhänglichkeit an Habsburg im andern übrig geblieben; und besonders wird es nützlich sein, die Nationalitäten durcheinander zu würfeln, so daß keine unvermischt in ihren Sitzen bleibt und eine ungestörte Alleinherrschaft in ihrem eigenen Hause erringt. Man muß es machen wie die Instrumentenbauer: sie leimen zwei Stücke aus verschiedenen Holzarten zusammen, und dann zieht und dehnt es sich nicht!

Eine zusammengeleimte Politik! sagte der Kaiser, indem er sich in seinen Armsessel niederwarf und den Kopf auf die Hand stützte. Mir ist bange um Oesterreich! Es zu retten, ist eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen fühle! Wollte Gott, meine Nachfolger wären es! Wollte Gott, ein Habsburg wäre groß und stark genug, das deutsche Element in meinen Staaten durch eine Eroberung zu verstärken, die es in alle Zeit mächtig genug machte, die nichtdeutschen Länder festzuhalten und zu beherrschen! Diese Eroberung müßte die Deutschlands sein. Ein deutsches Reich, nicht mit einem Schattenkaiser, wie ich es bin, sondern mit einem Selbstherrscher, dem man von der Nordsee bis zum adriatischen Meere gehorchte, wie man in Brandenburg und Pommern Friedrich dem Einzigen gehorcht – Das könnte die Aufgaben lösen, unter welchen Oesterreich unterliegt. Glauben Sie nicht, Kaunitz, daß eine Herstellung der alten königlichen Macht in Deutschland durch ein Eroberergenie, welchem die Heere Oesterreichs zu Gebote ständen, ausführbar sei?

Kaunitz klopfte mit den Fingern auf den Deckel seiner Tabatière; es schien ihm nicht der Mühe werth, auf eine so ausschweifende Idee einzugehen.

Und doch wäre diese Idee die beste gewesen, welche die österreichische Politik zur Zeit Joseph's II. und nach dem Tode Friedrich's des Großen nur hätte fassen können. Während Frankreich in die Zuckungen der Revolution fiel, England erschrocken ihm zuschaute und sich gern jeder Kraft alliirte, die auf dem Continent Frankreichs Einfluß aufwägen konnte; während in Preußen ein Friedrich Wilhelm II. regierte – da hätte Oesterreich seinen Napoleon haben müssen, und Deutschland wäre jetzt ein großes Reich, mit einer Macht, stark genug, um für ewig alle Vasallenländer Treue zu lehren! Das Haus Habsburg hat den Zeitpunkt nicht benutzt: es hat die Kaiserwürde immer tiefer sinken und endlich ganz fallen lassen. So ist es dahin gekommen, was Joseph II. ahnte, als seine Unionsversuche am Nationalitätsgefühl der Ungarn scheiterten. Seine Völker streben auseinander. Es wird sie zusammenhalten wollen und in diesem Kampfe wider die Natur und den Entwickelungsgang der Geschichte untergehen. Oesterreich hat Deutschland aufgegeben, es hat seine Mutter verlassen, und dafür ereilt es die Strafe der Kinder, welche Vater und Mutter nicht ehren.

Aber kehren wir zu unserm Helden zurück, der, den Kopf voll Gedanken, das Arbeitszimmer des Kaisers verließ. Als er Abends bei seinem Oheim in dem kleinen Garten unter einer Laube verblühten Gaisblattes saß, erzählte er ihm von dem Gespräch, das er angehört.

Ja, ja, sagte der Freiherr von Meichelbeck, es mag unserm glorreichen Josephus mitunter etwas schwül werden. Was unsere Weisheit auch zimmert – es ist immer nur das Schaugerüst für eine zukünftige Revolution. Das wird so lange dauern, bis die Staaten gar nicht mehr gebaut, sondern in die Luft gestellt werden.

In die Luft? Das lautet paradox!

Von einem alten Diplomaten freilich! Aber steht nicht die Kirche auch in der Luft? Und steht sie nicht seit beinahe zwei Jahrtausenden ganz ohne Aufwand Kaunitz'scher Staatsklugheit und ohne die Stütze Laudon'scher und Lacy'scher Bayonnette? Aber das sind ernste Dinge, welche uns die Ruhe dieses schönen Herbstabends trüben; erzähle mir etwas, wobei man nicht an die Zukunft zu denken braucht, die eine höchst widerwärtige Zugabe zum Leben ist, ein falscher und bitterer Beigeschmack an der süßen Schüssel des Daseins. Es werden dir ja genug lustige Curiosa vorkommen und hundert verwunderliche Käuze, die des Kaisers Gnade in Anspruch nehmen!

Wunderliche Käuze in der That, aber selten lustige, und wenn man so sieht, wie die Menschen sich dem Monarchen gegenüber entwürdigen, so kann man ihn nur bewundern, daß er den Glauben an die Menschen nicht verliert und nicht zu einer tiefen Verachtung ihrer aller kommt, daß er noch den unverwüstlichen Muth behält, mit eigener Aufopferung an ihrem Wohle zu arbeiten!

Der Oheim machte ein Gesicht, als ob er andeuten wollte, daß er seine eigenen Gedanken darüber habe. An ihrem Wohle? Liebes Karlchen, sagte er, es gibt eine Geschichte, in die man die Thaten der Monarchen einträgt! Und dann bringst du nicht in Anschlag, daß dir Manches ein unwürdiges Wegwerfen scheint, was dem nicht so vorkommt, dem damit geschmeichelt werden soll.

Weßhalb nicht?

Entwürdigen kann sich der Mann nur vor dem Manne, die Götter der Erde aber …

Joseph II. will nichts sein als ein Mensch, im schönsten Sinne des Wortes. Er ist ja der bewundernswürdige Ausdruck der Humanität, zu der unser Jahrhundert sich aufzuschwingen ringt; und was dieses letztere angeht, so sehe ich für dasselbe kein anderes Heil als durch einen Weisen auf dem Throne, wie Joseph der Andere ist!

Ich sehe, ich muß meinen Unterricht von neulich wieder aufnehmen, lächelte der alte Freiherr.

Bemühen Sie sich nicht, lieber Oheim, Sie werden mir meinen Enthusiasmus nicht ausreden, und ich werde nie glauben, daß die sittliche und politische Weiterentwickelung des Volks anders als von oben, von solchen Regenten, wie unser Monarch ist, oder durch solche Rathgeber der Krone, wie Kaunitz, wie Sonnenfels sind, kommen werde. Nur Eins möchte ich einräumen: es scheint mir fast, als wenn Joseph II. zu sehr Mensch und Philanthrop wäre und zu menschlich aus dem Nimbus herausträte, der einer illusionen- und wunderbedürftigen Masse halber dem Königthume noth thut, und der als divum numen um die alten Imperatoren lag, deren Nachfolger unser Kaiser ist. Joseph vertauscht zu oft die gesicherte Stellung des Herrschers mit der precairen und gefährlichen des geistreichen Mannes. Seine Sucht, das letzte Wort zu behalten, läßt ihm oft Niederlagen zu Theil werden, und sein persönliches Selbstgefühl macht ihn zuweilen den Schild seiner Würde vergessen, den er nie ablegen sollte.

Da hast du Recht, fiel der Oheim mit seinem stereotypen Lächeln ein; er selbst sagte einst, als man ihm eine alte Krone zeigte und ihn aufmerksam machte, wie leer an Steinen und Zierath sie sei: »Ueberhaupt ist jede Krone ohne Kopf eine leere Sache.« Ich aber frage dich, was wäre ein Königskopf ohne Krone? Uebrigens wollen wir nicht länger streiten; Jeder muß durch Erfahrung klug werden, und du sitzest ja jetzt an der Quelle der Erfahrungen. Was ich dir sagen wollte, ein Lakai war da, der dich einlud, morgen Abend zur Fürstin K. zu kommen.

Diese Einladung hatte etwas Unangenehmes für Karl; er scheute die Fürstin – aus ihren leidenschaftlichen Augen hatte ihn etwas angeblitzt, das seiner klaren, reinen Natur einen fatalen Eindruck machte, etwas Dämonisches, seinem Wesen Widerstrebendes. Zum vollen Bewußtsein war dieser Eindruck freilich nicht in ihm gekommen – auch hatte er heute keine Muße, darüber nachzudenken, denn als er sich auf sein Zimmer zurückzog, um sich zur Ruhe zu begeben, fand er einen Brief aus der Heimat auf dem Tische, der ihn in die größte Aufregung versetzte. Der Brief war von Cölestinen, ein langer Brief, mindestens sechszehn Seiten der zierlichsten, regelmäßigsten Handschrift, und auf allen sechszehn Seiten nicht Ein orthographischer Fehler. Cölestine schüttete allen Kummer der Einsamkeit, allen Schmerz der Sehnsucht darin aus – schwärmerische Worte voll weichster Empfindung richtete sie an ihren Geliebten; er sah sie hinter ihrem rebenumsponnenen Fenster sitzen, die Blicke in die Abendröthe senkend und eine unendliche Bedeutung legend in jede Erinnerung an ihn – jede Blume, die er ihr geschenkt, als ein Heiligthum hütend, jedes Wort, welches er zu ihr gesprochen, sich wieder und wieder vorsagend, als läge ein unergründlicher tiefer Sinn für sie darin. Er sah mit Schrecken Cölestinen in dieses Gefühlsleben, in diese Dämmerung, welcher nur aus einem Sterne Licht zuströmte, sich einspinnen und die Welt darüber vergessen. – Eine Resignation, ein Verzagen lag in dem ganzen Briefe, das, weit entfernt, mit froher und jugendlicher Zuversicht in die Zukunft zu blicken und ein ordentliches, gesundes Stück Glückseligkeit, wie jeder Sterbliche darauf Anspruch machen kann, zu hoffen, nicht einmal in der Hoffnung ein Glück zu suchen schien. So ganz war sie in stillem Brüten über die Vergangenheit verloren und verlangte nichts Anderes von der Welt, als nicht aus diesem Zustande aufgeschreckt zu werden.

Noli turbare circulos meos! sagte Karl, nachdem er den Brief gelesen, und schritt dann in großer Bewegung auf und ab. Er war äußerst unzufrieden mit Cölestinen.

Ich habe ihr doch geschrieben, in welcher Welt voll Leben und Thätigkeit, in welchem Mittelpunkte großartiger Bewegung ich lebe! rief er unmuthig aus – sie wünscht mir kein Glück dazu – das Alles ist ihr nichts – nicht einmal der Kaiser interessirt sie, denn in drei Worten wird sie fertig mit ihm! Gott, könnte ich sie nur einmal hier mitten in den Strudel des Lebens, dicht an den Webstuhl der Geschichte bringen, könnte sie sehen, wie die Menschheit strebt, ringt und sich abkämpft, wie alle Springfedern des Geistes, alle Muskeln männlicher Thätigkeit spielen und arbeiten in einer solchen Welt, an einem Herde des Lebens!

Wie ungerecht sind die Männer!

Es verdroß Karl, daß Cölestine, die daheim im stillen Dorfe geblieben, nicht genau dieselbe Stimmung mit ihm mehr habe, der in die Schule des Lebens getrieben war. Es verdroß ihn, daß sie die neuen Eindrücke, welche sein Geist empfangen, nicht theile, obwol sie ja keine Ahnung von diesen Eindrücken haben konnte! Er zürnte ihr darum und hätte doch selber nicht vermocht, sich in die alten Stimmungen wieder zu versetzen, die er ja auch durchlebt hatte! Vielleicht lag auch eine kleine Beleidigung seiner Eitelkeit darin, daß sie nicht größere Wichtigkeit an seine Erlebnisse, seine Stellung knüpfe, als an ihre Empfindungen.

Nur zwei Nachrichten aus der Heimat enthielt der Brief: Lambert, schrieb Cölestine, sei nach Paris gewandert und habe nichts von sich hören lassen; selbst sein Vater, der Schulze, habe keinen Brief von ihm, wie dieser dem Hauptmann geklagt, der jetzt viel auf dem Hofe des alten Bauers verkehre. Dafür sei ein junger französischer Marquis auf Haus Schwalborn angekommen. Marianne sei aus dem Stifte zurückgekehrt, wohin sie zum Besuch einer Verwandten unmittelbar nach der häuslichen Katastrophe von Gnaden Mama gesandt worden war; der junge Franzose mache dem Fräulein gewaltig den Hof, und wie man sage, mit Erfolg – Bestimmteres wußte Cölestine nicht, da Marianne den Umgang mit ihr abgebrochen hatte.

Karl konnte lange keinen Schlaf finden, nachdem er sich niedergelegt. Er entwarf tausend Plane, wie er jetzt, durch seine Anstellung gewissermaßen unabhängig geworden, Cölestinens Schicksal mit dem seinigen verbinden und sie ihrem unthätigen, welken Gefühlsleben entziehen könne, damit sie in der frischen Atmosphäre gesunder Thätigkeit erstarke und damit kräftigere Farben irdischer Gesundheit auf die Wangen zurückkehrten, die durch den Passionsblumenduft ihrer Empfindungen den Schmelz verloren. Er dachte über die ganze Richtung nach, welche sein Oheim, der gute Domherr, den jungen Gemüthern gegeben, die in seiner Nähe lebten, und beschloß, gleich morgen an Cölestinen alles das zu schreiben, was sein Herz erfüllte. Er wollte sie warnen vor jener Sentimentalität, in die so mancher edle Geist einer Generation verfallen, welche gesunde Herzens- und Gemüthsnahrung, welche einfache Religiosität als zu ungebildet beseitigt und dafür die schwächliche Schwärmerei eines Literaturpietismus eingeführt hatte, an dem nun die Seelen kränkelten.

Um so nachdrücklicher wollte er seine Geliebte davor warnen, als er ja selbst von dieser Richtung soeben noch umstrickt und befangen gewesen; ja, eigentlich schüttelte er sie erst in diesem Augenblicke ganz und gar völlig ab, wo sie ihm in Cölestinens Briefe so unangenehm entgegentrat, und wo er vorbereitet war auf einen solchen innern Umschwung des Geschmacks durch die Erfahrungen und Erlebnisse seiner letzten Wochen, die ihm den Blick ins wirkliche Leben eröffnet hatten. Und wie himmelweit war dieses wirkliche Leben von dem lügnerischen, rosen- und vergißmeinnichtumkränzten Spiegel entfernt, den die Lieblingsdichter seines guten Oheims Ehrembrecht ihm vorgehalten hatten! Karl's Natur aber war zu gerade und unverkümmert, um nicht überall vor Allem zuerst die Wahrheit zu verlangen.

Als er endlich den Schlummer fand, wurde er von ängstlichen Träumen gepeinigt. Er glaubte Cölestinen zu sehen, die ein bleiches Haupt über die Wellen eines reißenden Flusses erhob und ihn zur Hülfe rief: er wollte sich vom Ufer in die Tiefe stürzen, um zu ihr zu schwimmen, aber er vermochte es nicht, weil endloses Geschlinge und Gerank von Schilf und Wasserpflanzen, eine riesige Vegetation – wie eines Urwaldes – ihn aufhielt und umspann – diese Ranken bewegten sich, wurden lange, endlos lange lebendige Wesen, Schlangen und Gewürme – und während er mit ihnen kämpfte, sank Cölestine mehr und mehr und stieß endlich einen furchtbaren Angstschrei aus – er riß sich mit verzweifelnder Gewalt los, er war neben ihr, die Wellen spülten über ihren Kopf fort – er tauchte hinunter, ein Griff, er faßte ihre Schulter, brachte sie empor ans Licht – da blickte ihn lächelnd, hold, schönheitstrahlend das Gesicht der Italienerin an – seine Sinne schwanden, er fühlte nur noch, wie sie ihn jetzt in ihre Arme nahm und ihn ans Ufer trug.

Es ist seltsam, welch tiefen Eindruck ein Traumbild zurücklassen kann – als Karl erwachte, war seine ganze Seele erfüllt von dem lächelnden Antlitz der Undine, die ihn aus den Wogen des Stromes getragen. Er verschloß den Brief Cölestinens und verschob die Antwort auf spätere Zeit, weil es ihm unangenehm. Nachdem er seines Morgendienstes beim Kaiser gewartet, eilte er mit dem Vorsatz nach Hause zurück, den Kammerdiener seines Oheims zu befragen, ob er noch keine Spuren der räthselhaften Gräfin entdeckt. Aber bevor er heimkam, begegnete er seinem Freunde, dem Dichter. Da Ponte schien in großer Aufregung zu sein.

Sieh da, mein junger Cavalier, und so früh schon? Was hat Sie den Armen des Morpheus entrissen?

Da Ponte hätte seine Dichtereigenschaft compromittirt geglaubt, wenn er das gemeine Wort Schlaf statt eines mythologischen Ausdrucks gebraucht hätte, wie ihn noch heute die Sänger des »österreichischen Parnasses« lieben.

Karl beantwortete seine Frage, indem er ihm mittheilte, welche Function er am Hofe bekleidete.

Ah, Signor Cavaliere, hätte ich das geahnt! So nahe der Person des Kaisers stehen Sie – und ich habe einen Beschützer in der Nähe des Kaisers so nöthig!

Was ist Ihnen widerfahren? Sie sind aufgeregt, in Hast …

Das hat seine höchst natürlichen Gründe – Sie sehen mich in der kläglichsten Angst und Verzweiflung, in welche je ein armer Poet gerathen! Sie erinnern sich doch der schönen italienischen Gräfin, welche Sie bei mir sahen?

Was ist mit ihr – sprechen Sie – sagte Karl, indem er rasch die Farbe wechselte.

Nun, mit ihr nichts – aber mit mir armen Teufel desto mehr – man droht mir mit Stilet und Mord, wenn ich sie in meinem Stücke auftreten lasse, und mein Stück soll aufgeführt werden, und ich weiß Niemanden in aller Welt, der zu ihrer Rolle paßt! Es ist die Rolle einer Göttin, und sie ist in der That eine Göttin.

Aber wer droht Ihnen?

Weiß ich es? Da sehen Sie dieses anonyme Billet, dieses duftige Brieflein mit dem Rosenstrauch als Vignette. Dieses leibhaftige Latet anguis in herba!

Karl las das Billet – es enthielt in der That alle die Drohungen, welche da Ponte angegeben hatte.

Das ist seltsam, höchst seltsam – was wollen Sie thun?

Ja, das frage ich mich seit dem Augenblicke, wo ich den Zettel erhielt, eine schlaflose Nacht hindurch bis zu dieser Stunde! Was würden Sie thun?

Ich würde mich durch anonyme Drohungen nicht von dem abbringen lassen, was ich einmal beschlossen.

Ah, Signor Cavaliere, Vostra eccellenza verlangt die schöne Italienerin wiederzusehen, und kümmert sich nicht darum, ob es auf Kosten von da Ponte's heilen Rippen geschehen wird.

Hören Sie, da Ponte, gehen Sie zum Kaiser …

Der Kaiser soll ja überrascht werden!

Da ist guter Rath freilich theuer – sonst hätte ich mich anheischig gemacht, den Kaiser zu bewegen, daß er eine besondere Leibwache für Lorenz da Ponte errichte, bestehend aus zwölf handfesten Göttern des Olymps mit Unterlieutenantsrang in der Armee.

Da Ponte faßte die Sache von einem viel zu tragischen Gesichtspunkte aus auf, um an leichten Scherzen Vergnügen zu finden. Als lyrischer Dichter konnte er auf sehr schlagende Beispiele hinweisen, die ihn entschuldigten, wenn er von der Pflicht, persönlichen Muth zu beweisen, sich dispensiren ließ. So verbarg er die fieberhafte Aufregung nicht, die ihn forttrieb.

Leben Sie wohl! sagte er; versprechen Sie mir nur, im Nothfalle mir beim Kaiser die Hand über den Kopf zu halten: sagen Sie ihm nach der Vorstellung des Stücks, daß Lorenz da Ponte nur mit Gefahr seines Lebens Seiner Majestät ein solches Schauspiel bereitet habe.

Sie wollen also die Aufführung jedenfalls stattfinden lassen?

Ich sollte mein Stück nicht aufführen, mein Licht unter den Scheffel stellen! rief der Dichter aus; wo denken Sie hin? Lieber zehn Leben lassen! Es handelt sich nur um den nöthigen Schutz gegen diese gottlosen, verbrecherischen, diabolischen Drohungen. Was meinen Sie, wenn ich in den Palast des Cardinals ginge? Migazzi hat mir die Gräfin empfohlen.

Karl konnte diesen Entschluß nur billigen und begleitete da Ponte bis zu der Wohnung des Kirchenfürsten. Als sie sich trennten, ließ er sich von dem Dichter den Ort angeben, wo er ihn am Abende treffen könne, um den Erfolg seines Schrittes zu erfahren.

Es war natürlich, daß da Ponte's Mittheilung Karl's Interesse für die geheimnißvolle Fremde nur noch steigerte. Als er heimkam, rief er den Kammerdiener seines Oheims auf sein Zimmer, um – es war das erste Mal und Karl wurde blutroth dabei – zu fragen, ob dieser in seinen Nachforschungen glücklich gewesen. Das war allerdings der Fall, der Diener hatte sichere Nachrichten, wie er behauptete: er hatte von einem Fourier des Fürsten L. gehört, daß der Jäger des Grafen P. eine Schwester habe, die eine Freundin besitze, welche die verstorbene Beschließerin der Herzogin von A. habe sagen hören, daß eine Dame wie die von Karl beschriebene einmal vor längerer Zeit einen Besuch bei ihrer Gebieterin gemacht.

Und das nennen Sie sichere Nachrichten?

Karl glaubte ein höhnisches Lächeln an dem Munde des Kammerdieners spielen zu sehen, und reizbar wie er war, sagte er rasch: Gehen Sie nur, geben Sie sich weiter keine Mühe!

Am Nachmittage fand sich Karl im Hotel der Fürstin K. ein, die ihn, wie wir erwähnten, zu sich beschieden hatte. Er wurde in ihr Cabinet geführt. Sie war allein, am Schreibtische beschäftigt und winkte Karl, in einem Fauteuil Platz zu nehmen, bis sie fertig sei. Er erhielt dadurch Muße, sie zu beobachten, und das Resultat dieser Beobachtung war eine entschiedene Verstärkung des unheimlichen Eindrucks, welchen sie bereits das erste Mal, in der Soirée des Fürsten Kaunitz, auf ihn gemacht hatte. Es gibt keinen günstigern Augenblick, die Physiognomie einer Person zu beobachten, als wenn sie liest oder schreibt. Beide Beschäftigungen treiben das eigentliche Seelenantlitz des Menschen in seine Züge hervor. Die Fürstin K. zeigte, indem sie schrieb, einen unangenehmen Ausdruck von Schärfe, Strenge und Heftigkeit in ihren festumrissenen Zügen, in dem kalten, stechenden Feuer ihrer Augen; sie war ganz die Enkelin einer jener kriegerischen und unbezähmbaren böhmischen Jungfrauen, welche der Gegenstand so vieler Sagen und Dichtungen sind, und unter deren Scharen vielleicht ihre Ahnmutter kämpfte. Sie war einfach gekleidet, in eine hoch am Halse schließende Robe von grauer Seide mit breiten Volants; eine dunkelrothe Schleife im schwarzen, außerordentlich reichen Haar bildete ihren einzigen Schmuck. Sie warf die Feder fort und wandte sich zu Karl.

Sie haben mir Ihre Versprechungen nicht gehalten, Herr von Schwalborn, sagte sie; nicht ein einziges Mal sind Sie zu mir gekommen, um meine Hülfe oder meinen Rath in Anspruch zu nehmen. Finden Sie sich so leicht in Ihren Dienst?

Er ist nicht schwer und zu untergeordnet, als daß seine Details verdienten, Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, versetzte Karl und fügte dann, um die Dame, der er seine Stellung zu verdanken glaubte, durch diese Wahrung seiner Ueberlegenheit über seine Charge nicht zu verletzen, rasch hinzu: Aber er ist eine herrliche Gelegenheit, dem Kaiser, den Dürftigen und mir selbst nützlich zu werden.

Ihnen selbst? Sehen Sie darauf? Noch so jung und schon so egoistisch?

Mein Egoismus besteht in dem brennenden Verlangen, zu lernen – und mein Dienst ist eine Art Hochschule der Menschenkenntniß – das ist der persönliche Nutzen, den ich daraus ziehe und der mich Ihnen für Ihre Empfehlung beim Kaiser so dankbar macht, gnädigste Frau.

Die Fürstin sah Karl eine Zeitlang mit scharfen, forschenden Blicken an.

Sie haben zu viel Stolz, junger Mann, sagte sie dann – tauschen Sie diese Eigenschaft möglichst bald gegen den Ehrgeiz aus.

Hat er Vorzüge vor dem Stolze? fragte Karl etwas betroffen über der Fürstin psychologischen Scharfblick.

Ja, den Vorzug, welchen die Leiter vor der Stelze hat, wenn man steigen will!

Mag sein, aber wenn man nicht steigen will?

Und wer wollte das nicht? sagen Sie mir das, mein junger Hochschüler der Menschenkenntniß. Glauben Sie, Sie seien stolz genug dazu? Ich sage Ihnen ein Wort, und all Ihr Stolz ist dahin, und Sie fühlen den brennenden Durst, sich emporzuschnellen!

Ein Wort? Und das wäre?

Sie sind stolz darauf, »ein begüterter Landedelmann« zu sein. Mit diesem Namen gehen Sie befriedigt durchs Leben und verlangen nichts mehr. Ich nenne Sie einen »unbekannten, obscuren, übersehenen Krautjunker« – sehen Sie, jetzt sind Sie gestachelt und Sie fühlen das Bedürfniß, mit der Welt zu ringen, um emporzukommen! Das thut ein Wort, das thut der Name! – Die Fürstin lachte, während sie so sprach, aber Karl wurde dunkelroth.

Durchlaucht, das ist mehr, als …

Sprechen Sie nicht weiter – ich habe doch Recht – hätte ich es nicht, so würden Sie lachen können; daß Sie verletzt sind, bestätigt am besten, was ich behaupte. Nun, zürnen Sie mir nicht – ich würde Sie nicht verwundet haben, wenn ich nicht auch den Balsam für die Wunde bereit hätte.

Und dieser Balsam ist? fragte Karl, mehr um etwas zu sagen und unbefangen zu scheinen, als aus Neugier nach diesem Balsam; denn er fühlte die lebhafteste Abneigung gegen Alles, was von dieser Frau kommen konnte, die seine jugendliche Empfindlichkeit so tödtlich beleidigt hatte.

Der Balsam ist dies, sagte die Fürstin, indem sie ein gefaltetes Papier vom Schreibtische nahm und Karl überreichte.

Es war ein kaiserliches Patent, welches Karl zum Offizier à la suite ernannte.

Aber, durchlauchtigste Frau …

Beruhigen Sie sich. Dieses Papier verpflichtet Sie keineswegs, den Sponton zu tragen und den ungebildeten Jünglingen der Kaserne eine Wissenschaft beizubringen, welche Sie selbst nicht besitzen. Sie bleiben in Ihrer Stellung beim Kaiser und haben von nun an nur die Pflicht, öffentlich in Uniform zu erscheinen. Wenn Sie dieser schweren Pflicht ein Jahr hindurch Genüge leisten, so setze ich Ihnen meinen Credit zum Pfande, daß Sie am letzten Tage desselben zum Hauptmanne ernannt werden, und verspreche Ihnen alle und jede Unterstützung zum Höhersteigen, wenn Sie unterdeß Geschmack daran gefunden haben sollten.

Legen Sie solchen Werth darauf, mich in Uniform zu sehen? sagte Karl immer mehr überrascht.

Ja, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil Sie sich für Wien nicht zu kleiden wissen und die Uniform dem bisherigen disharmonischen Eindrucke Ihrer Erscheinung ein glänzendes Ende machen wird – versetzte sie spöttisch.

Die Fürstin fand augenscheinlich eine Befriedigung darin, mit Karl ein Spiel zu treiben, in welchem ein frauenhafter Uebermuth sich mit dem Wunsche zu vereinigen schien, ihn ihre geistige Uebermacht fühlen zu lassen. Glaubte sie dadurch den Ehrgeiz in ihm zu reizen, den sie aufstacheln wollte, um ihn als ihr Werkzeug benutzen zu können? Gewiß ist, daß Karl sich niemals weniger geneigt fühlte, das Werkzeug dieser Frau zu sein, als in diesem Augenblicke.

Ich verletze Sie mit dem, was ich sage – fuhr sie ernster werdend und sich zu ihm neigend fort, und doch habe ich Sie zu mir rufen lassen, um Ihr Glück zu machen. Sie lieben. Wenn ich also von Glück rede, so meine ich das Glück Ihres Herzens.

Karl erblaßte. Er sah die Fürstin mit einem Blicke an, worin eben so viel Erstaunen als Unruhe lag.

Sie haben mir, als ich Sie bei Kaunitz sah, fuhr die Fürstin fort, Ihre Leidenschaft verrathen. Nun hören Sie. Es wird morgen oder in den nächsten Tagen eine Bittschrift bei Hofe einlaufen und in Ihre Hände kommen, welche ein alter verabschiedeter Offizier des Regiments Laudon Cuirassiere an den Kaiser richtet. Dieser Mann lebte früher in der Provinz, in Görz, und ist mit einer Nichte, der Waise seines Bruders, hierher gekommen. In dieser Bittschrift verlangt er eine Unterstützung, um den Aufenthalt in Wien, den die Führung eines Processes ihm nöthig macht, fortsetzen zu können, da seine Pension nicht zur Bestreitung der Kosten ausreicht. Sie, mein junger Freund, sorgen dafür, daß diese Bittschrift abschläglich beschieden wird.

Aber, Durchlaucht …

Beruhigen Sie Ihr Gewissen – dem alten Manne soll dadurch nichts entgehen. Sie selbst sollen sein Wohlthäter werden. Begeben Sie sich noch am selben Tage zu ihm, drücken Sie ihm Ihr Beileid aus, daß Sie sein Gesuch nicht haben unterstützen können, versichern Sie ihn jedoch Ihrer persönlichen Theilnahme und bieten Sie ihm hundert Louisdor als Darlehen an – erbitten Sie sich die Erlaubniß, ihn besuchen zu dürfen, die er Ihnen nicht verweigern wird, und dann machen Sie seiner Nichte den Hof, heirathen Sie dieselbe wo möglich. –

Aber um Gottes willen, Frau Fürstin …

Es ist die Dame, welche Sie lieben!

Hier sind die hundert Louisdor – setzte die Fürstin nach einer Pause hinzu, während welcher Karl sie sprachlos anstarrte; dann nahm sie eine Rolle aus dem Schreibtische, legte sie vor Karl auf den Tisch und sagte: Damit Sie mit dem äußeren Luxus und Glanze bei der jungen Dame auftreten können, der einen Erfolg verbürgt, werden Sie beim Nachhausekommen ein Cabriolet mit einem Grauschimmel aus der Ukraine, ein hübsches Reitpferd und einen gewandten Jockey finden, der für sie sorgt! Nun? Sie antworten nicht?

Karl war in der That verstummt vor Ueberraschung. Die Fürstin glaubte, er werde in Jubel ausbrechen und von Dankbarkeit überströmen. Es war die Zuversicht auf diesen Erfolg ihrer Anträge, was ihrem Gespräche im Anfange den Uebermuth gegeben hatte. Desto verwunderter sah sie den jungen Mann an, als er antwortete: Ich kann das nicht annehmen, Durchlaucht.

Und weßhalb nicht?

Die Fürstin war nicht die Frau, der Karl hätte sein Herz erschließen und sein Verhältniß zu Cölestinen offenbaren mögen. Er suchte nach Ausflüchten und fand keine.

Sie sind ein Sonderling! Sie werfen nicht allein Ihr Lebensglück, Ihre Zukunft fort, auch das, was in der Jugend viel wichtiger ist, das Vergnügen, ja, die Befriedigung Ihrer Herzensneigung.

Die Art, wie ich abgesandt werde, für Lohn und Geschenke das Vergnügen und jene Befriedigung zu suchen, scheint mir etwas Demüthigendes, Unwürdiges zu haben.

Thörichte Bedenken! Wissen Sie denn, um was es sich handelt, wissen Sie, daß meine Absicht keine andere ist – als – doch nein, Sie sind noch zu thöricht, noch zu kindisch, als daß ich Sie auf den Grund der Dinge sehen lassen könnte! Aber das bedenken Sie wohl: Jenes Geschöpf, dessen Schönheit Ihnen eine solche Begeisterung einflößte und das diese Bewunderung im unbeschränktesten Maße verdient – jenes Mädchen vom höchsten Adel der Seele, wahrhaft überschüttet mit den Gaben des Himmels, berechtigt zu Allem, worauf Jugend, Gemüth, Verstand, hoher Schwung der Innerlichkeit Anspruch geben können – jenes Mädchen steht am Rande eines Abgrundes. Eine rettende Hand muß sich ihr bieten, und diese Hand kann nur die der Liebe sein. Unter den blasirten, faden und affectirten Zieraffen, die an Empfangstagen meine Salons füllen, kenne ich keinen, der ihr Liebe einflößen könnte, keinen, der eines solchen Geschöpfes würdig wäre. Sie lieben sie, und außerdem haben Sie den unermeßlichen Vorzug der Natürlichkeit frischer Empfindungen; was Ihre äußern Vortheile angeht – die Fürstin lächelte wieder spöttisch –, so haben Sie mich bemüht gesehen, ihnen jede Folie zu verleihen. Sie führen sich obendrein als Wohlthäter in das Haus ein – es kann nicht fehlen, daß Sie dadurch einen günstigen Eindruck machen. – Sie müssen dieses Wesen gewinnen, dessen Erziehung im Kloster, dessen unterdrücktes Lebens- und Liebesbedürfniß sie doppelt und dreifach empfänglich gemacht hat. Ich verhehle Ihnen nicht, daß eben diese Unterdrückung ihr eine krankhafte, verderbliche Richtung gegeben; Sie sollen als ihr Retter sie daraus zurückreißen. In der Brust dieses jungen Mädchens, in dieser glühenden Seele kocht das Gefühl über, es schäumt in diesem Becher eine wilde Gährung erhabener, bewundernswürdiger, aber gefährlicher, ungezügelter Vorsätze und Ideen – Sie sollen diesen Schaum abschlürfen und den höchsten Rausch der Poesie und Liebe daraus trinken – und Sie wollen nicht?

In Karl's Brust war ein heftiger – ein schmerzlicher Kampf.

Die Fürstin sah ihn eine Weile mit zornigen, stechenden Blicken an.

Ich glaube – ich könnte Sie verachten, sagte sie – aber es ist nicht möglich, daß Sie sich weigern – gehen Sie – bringen Sie mindestens dem alten Offizier das Gold dort – Sie wollen doch ihn nicht das Opfer Ihres Eigensinnes werden lassen?! Denn nur durch Sie erhält er diese Wohlthat, mein Wort darauf!

Nein, das Gold werde ich ihm bringen. Das darf ich – aber …

Kein Wort mehr! Wenn Sie bei ihm waren, kommen Sie zu mir zurück, und wir sprechen dann weiter. Bis dahin seien Sie verschwiegen!

Die Fürstin sprach die letzten Worte mit majestätischem Ernste und mit Blicken, in welchen mehr als die ausdrücklichste Drohung lag.

Ich werde wiederkommen und werde schweigen, versetzte Karl und ging, das Herz centnerschwer belastet.

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