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Ein Sohn des Volkes. Erster Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Erster Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Erster Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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Viertes Kapitel.

Die Uhr des Amalienhofes in der kaiserlichen Burg zu Wien schlug Mittag.

Karl's Herz pochte laut und ungestüm, als er durch die Corridore und hallenden Säle dieser Burg schritt. Eine Fülle historischer Erinnerungen, großer Gestalten der Vorzeit, glänzender Bilder und stolzer Gedanken stürmte in diesen hohen Palasträumen der Habsburger, der stolzen Ferdinande und der großen Maria Theresia auf ihn ein.

Aber es fiel ihm auf, wie still es in den Räumen der Burg war. Er hatte in dem Palaste des Kaisers Fülle und Gedränge erwartet. Statt dessen eilten vereinzelt und lautlos einige Lakaien in schwarzsammtnen, hellgelb galonnirten Livreen über die glatten Parquets – hier und da stand ein Hatschier mit seiner Partisane und in seltsamer spanischer Tracht – endlich vor einer hohen Flügelthür hatte ein Thürhüter ganz in schwarzem Anzuge, ebenfalls nach spanischem Schnitte, Posto gefaßt. Er öffnete, ohne ein Wort zu sagen, und Karl trat in eine schmucklose Art von Galerie ein, welche jener berühmte Controllorgang war, der Schauplatz so vieler kleinen Dramen voll Interesse und – voll poetischer Gerechtigkeit. Ein Adjutant, der in diesem Raume auf und ab schritt, bedeutete Karl, zu warten.

Nach einer Weile öffnete sich die dem Eingange gegenüber liegende Thür, und ein Mann trat auf die Schwelle – es war der Kaiser selbst. Er rief rasch und heftig, wie ungeduldig, die Frage aus: Ist noch Jemand da? und als er Karl wahrnahm, winkte er ihn zu sich, indem er in sein Cabinet zurücktrat. Karl folgte ihm. Das Cabinet des Kaisers hatte eine überaus bescheidene Einrichtung und machte einen auffallenden Eindruck von Kälte und Leere, so phantasielos war die ganze Ausstattung des Raumes, in welchem Joseph II. wohnte und arbeitete. Eine unermeßliche Menge Acten und Schreibereien bedeckten die Tische, an jenes Wort Friedrich's erinnernd, der den Kaiser ein lebendiges Repertorium von Handschreiben und Dekreten nannte. Zwei Secretaire mit überwachten und von Arbeit erschlafften Gesichtern schoben eben ihre Papiere zusammen und entfernten sich.

Bis halb Zwei, meine Herren, sagte der Kaiser zu ihnen, und dann wandte er sich zu Karl. So freundlich der Kaiser sonst gegen Jedermann war, so ruhten doch jetzt seine hellen Augen vom reinsten, von jenem berühmten »Kaiser-Augenblau« mit einer gewissen Strenge auf unserem Helden, ja, es war, als läge ein Ausdruck von Verdrießlichkeit in seinen Zügen. Es mochte ihn gereuen, daß er in jener Raschheit seines Charakters, die er schon so oft theuer hatte büßen müssen, ein Versprechen gegeben, welches vielleicht nur schwer, vielleicht gar nicht zu erfüllen war. Und das nun gar einer bloßen Laune, der zufälligen Wendung eines scherzhaften und neckenden Gespräches mit einer Dame zulieb! Welche Anstellung in seiner Nähe verdiente dieser junge Mensch, zu welchem Amte war er tauglich? welchen Charakter hatte er? Der Kaiser wußte von allem dem nicht das Mindeste. Er mußte das unglückliche Glückskind ins Verhör nehmen.

Sie sind nicht fern von der Grenze meiner rebellischen Niederlande zu Hause? Denkt man bei Ihnen auch, wie die da im Westen?

Vielleicht denkt ein Theil des Volkes so, aber man handelt anders – zwischen Denken und Handeln ist bei den Deutschen eine größere Kluft, als bei ihren Nachbarn.

Das heißt, sie sind Schlafmützen, und es ist Indolenz, wenn sie mir treu bleiben?

Majestät …

Sprechen Sie frei heraus, was Sie denken!

Daß Ew. Majestät Unterthanen in meiner Heimat nicht handeln wie Rebellen, kann ich unmöglich Indolenz haben nennen wollen; daß ein Theil von ihnen so denkt, wie eine Partei in den Niederlanden denkt, mag dagegen jeden harten Ausdruck verdienen.

Weßhalb? Wissen Sie denn, ob diese Menschen in ihrer Dummheit, womit sie sich gegen meine Gesetze auflehnen, nicht höchst weise sind? Wissen Sie denn, ob es nicht die Aufgabe des Monarchen ist, zu hemmen, das Vorurtheil zu schützen und das Veraltete zu stützen, statt auf der Bahn des Fortschritts und der Aufklärung fortzureißen? Ist es denn so wahr, daß der Monarch als Steuermann des Staatsschiffes das Ruder zu führen habe? Wenn die Fürsehung nun wollte, daß der Geist der Volksentwickelung, der Genius einer Nation der Steuermann des Schiffes sei und der Monarch mit seinem Adel nur der nothwendige Ballast? Hätten dann Ihre Junker, die mit meinem Steuern so unzufrieden sind, nicht am Ende Recht?

Karl, der nicht wußte, ob der Kaiser im Ernst oder ironisch diese paradoxe Behauptung aussprach, wollte etwas antworten, aber Joseph unterbrach ihn rasch abspringend: Wollen Sie mir in meinem Heere dienen?

Auf Karl's Zügen spiegelte sich etwas wie unangenehme Ueberraschung und Enttäuschung.

Sie wollen nicht – weßhalb nicht? Welche Anstellung verlangen Sie von mir? – Der Kaiser sagte dies in raschem, ungeduldigem Tone, und bei aller Aufregung, in welcher Karl sich befand, fühlte er sich doch durch die Art, womit Joseph II. zu ihm sprach, verletzt. Er hatte alle die tiefe Reizbarkeit, welche der Jugend eigen ist und ihr so manchen innern Schmerz bereitet, den der ältere, auf einer festen Lebensstellung fußende Mann nicht mehr kennt.

Ich verlange keine Anstellung von Ew. kaiserlichen Majestät, versetzte er deßhalb mit zuckender Lippe. Durch Vermittlung meines Oheims, des Freiherrn von Meichelbeck, und der Frau Fürstin von K. ist mir der Befehl zugekommen, um diese Stunde vor dem Angesicht des Kaisers zu erscheinen, da ich in seinen unmittelbaren Dienst gezogen werden solle. Ohne diesen ausdrücklichen Befehl würde ich nie gewagt haben, Ew. kaiserlichen Majestät mich vorzustellen, und noch in diesem Augenblick kann ich nicht denken, daß ich der angedeuteten Gnade würdig sein sollte.

Also Sie verlangen nichts?

Ich bin in zu tiefer Verehrung für Ew. kaiserlichen Majestät Person auferzogen, um nicht etwas zu erbitten.

Und das ist?

Daß es Ihnen gefallen möge, Sire, zu glauben, es gebe bei uns Edelleute, welche Gut und Blut für ihren Kaiser zu opfern bereit sind, ohne deßhalb Gedanken an Gnaden und Anstellungen zu nähren.

Der Kaiser schien die Gemüthsstimmung zu durchschauen, welche aus Karl sprach, und dies gewann sein Wohlwollen.

Eh bien, sagte er und fragte plötzlich wieder abspringend: Herrscht Dürftigkeit oder Wohlstand in Ihrer Heimat? Was thut man für jene?

Wohlstand und Armuth sind da; jener gibt dieser, wie ein Herr seiner Sklavin, weil er keine Lumpen sehen mag, nicht wie ein starker Bruder seiner schwachen und siechen Schwester!

Der Kaiser schwieg einen Augenblick, während sein Blick fortwährend forschend auf den Zügen des jungen Mannes ruhte. Dann sagte er:

Sie wollen nichts von mir! Gut – ich will Sie über Die setzen, welche etwas von mir wollen!

Der Kaiser setzte sich, schrieb einige Zeilen nieder, faltete und siegelte sie und sagte dann zu Karl: Tragen Sie diese Zeilen zu Sonnenfels.

Der Monarch wandte sich ab und war im nächsten Augenblick aus dem Cabinet verschwunden. Der Thürhüter trat ein und winkte Karl, ihm zu folgen. Als dieser durch die nächsten Zimmer schritt, sah er durch ein offenes Fenster den Kaiser unten im Hofe, sowie er ihn verlassen hatte, in der schlichten Uniform, im großen abgetragenen Hute und den hohen Stiefeln mit klirrenden Sporen, zu Pferde steigen, um seinen gewöhnlichen Spazierritt in den Prater zu machen. Der Graf Rosenberg, sein Liebling, erwartete ihn und hielt ihm den Bügel.

Nach einigen Minuten stand Karl in der geheimen Hofkanzlei und wurde in das Arbeitszimmer des berühmten Hofraths Sonnenfels geführt, der mit großer Lebhaftigkeit ihm entgegensprang und im Nu das Handbillet des Kaisers aufgerissen, gelesen und wieder gelesen hatte. Dann fuhr der kleine bewegliche Mann mit dem ausdrucksvollen Judengesicht in seinen Sessel zurück, winkte Karl, sich niederzulassen, und sagte, während sein lebhaftes Mienenspiel keinen Augenblick aufhörte: Der Kaiser ernennt Sie zum Hofsecretair – wie heißen Sie? woher sind Sie? – Sie erhalten 600 Gulden Gehalt – Sie müssen im Sommer um fünf, im Winter um sechs Uhr im Vorzimmer des Kaisers sein, weiter haben Sie nichts zu thun; nach einer Stunde, wenn Sie nicht gerufen werden, können Sie wieder gehen. Eine hübsche Stelle das und von Einfluß, Sie können sich Glück wünschen, ich habe nicht so hoch anfangen dürfen, ich war fünf Jahre lang gemeiner Soldat, dafür sind Sie Junker und ich war ein armer Judenbube. Wie lange sind Sie schon in Wien? Haben Sie schon die Schauspiele besucht? Man hat mich neulich als Hanswurst auf die Bühne gebracht, weil ich ihnen den Hanswurst nicht wie Gottsched feierlich ausgetrieben, sondern habe einmauern lassen – du lieber Gott, ein Mann darf sich nicht irre machen lassen, wenn man auch mit Koth beworfen wird – nun, Sie werden auch schon Ihre Erfahrungen machen, ich kann mich mit dem Bewußtsein trösten, daß Wien heute das Vergnügen einer gesitteten, regelmäßigen Schaubühne empfindet, und das ist mein unverwesendes Siegeszeichen! Sie werden sich mit dem Bewußtsein trösten können, daß Sie Hunderten von Armen und Leidenden die einzelnen Bäche aus dem großen Strome der Gnade unsers unvergleichlichen Joseph des Andern zulenken – ja, das ist es. Haben Sie mir noch etwas zu sagen?

Erlauben Sie mir wenigstens, Ihre Fragen zu beantworten, und gestatten Sie mir auch eine Frage, versetzte Karl, der ein Lächeln über die seltsamen Allüren des Männchens im grünen Schnürrock nicht unterdrücken konnte. Er gab dann dem Hofrath die Auskunft über sich, die dieser verlangt hatte, und schloß mit den Worten: Und nun muß ich Sie noch um Aufklärung bitten, wozu der Kaiser mich bestimmt und was ich in seinem Dienste thun soll.

Ja so – das will ich Ihnen sagen – er trägt sich seit einiger Zeit mit der Errichtung der Stelle, welche er Ihnen übertragen – er fühlt, er hat sich überarbeitet, und in der That, dies Leben voll Mühe und Bürden können Seine Majestät so nicht fortführen. Von Morgens Fünf bis Neun gelesen und geschrieben, dann ins Cabinet bis Mittag, dazwischen alle Stunde einmal in den Controlorgang, um allerlei Volk seinen Unsinn auskramen zu hören. Nach einem kurzen Spaziergang oder Ritt um Mittag wieder an die Arbeit, endlich ermüdet und abgespannt zu Tische – taugt gar nichts, das! Nach der Tafel Musik, bis 7 Uhr Audienzen, dann ins Theater, danach in Gesellschaft, nach eilf Uhr noch Sachen von Wichtigkeit ausgearbeitet, dann ein unruhiger Schlaf auf einer Hirschhaut und einem Sack voll Maisblätter – du lieber Herrgott, solch ein Leben ist um einen Menschen von Eisen todt zu hetzen! Der Kaiser hat mir nun aufgegeben, eine Instruction für die neue Stelle aufzusetzen – hier – warten Sie – ach, hier – da haben Sie das Papier, und nun, ich bin sehr beschäftigt, wir hatten Session heute Morgen. – Auf das Glück, Sie wieder zu sehen – leben Sie recht wohl, ich bin erfreut, Sie kennen gelernt zu haben – Sie sind ein Mann, mit dem man sich ganz vortrefflich unterhält; wenn ich Ihnen in etwas dienen kann, wenden Sie sich nur an mich – gehorsamster Diener – küss' Ihnen die Hand!

Der Hofrath hatte mit diesen Worten unsern Helden zur Thür hinauscomplimentirt, und dieser stand draußen auf dem Gange, als kaiserlich königlicher Hofsecretair mit 600 Gulden Gehalt, ohne noch im geringsten etwas Anderes zu wissen, wozu er eigentlich berufen sei, als daß er Morgens um Fünf im Sommer und um Sechs im Winter aufstehen solle.

In seltsam gemischter Stimmung, halb voll Freude, halb voll Unruhe und getäuschter Erwartung, begab er sich nach Hause, wo sein Oheim ihm unruhig entgegeneilte und ihn mit Fragen bestürmte. Karl befriedigte den Freiherrn von Meichelbeck so vollständig er konnte, und dann machten sich Beide an das Studium der schriftlichen Instruction, welche Karl von dem »Montesquieu Oesterreichs« erhalten hatte. Aus diesem Actenstücke nun ging hervor, daß der Dienst des jungen Hofsecretairs darin bestehen sollte, alle für den Kaiser einlaufenden gewöhnlichen Bittschriften um Unterstützungen, Almosen, kleine Belohnungen, Ehrenzeichen &c. an sich zu nehmen und in ein Buch mit verschiedenen Rubriken den Namen des Bittstellers, dann sein Gesuch, dann die seine Ansprüche stützenden Gründe und endlich die Bemerkungen einzutragen, welche der Secretair zu machen finde, nachdem er mit dem Bittsteller gesprochen oder Erkundigungen bei den Behörden über ihn eingefodert, wozu ihm ein Hofconcipist zur Hülfleistung gestellt war. Eine letzte Rubrik in dem Buche blieb leer, um die Entscheidungen des Kaisers aufzunehmen. Abends vor Schlafengehen mußte der Kaiser das Buch auf seinem Tische finden, Morgens früh der Hofsecretair es in Empfang nehmen, um die Entscheidungen des Kaisers auszuschreiben, dessen allenfallsige mündliche Instructionen entgegenzunehmen und der betreffenden vollziehenden Behörde zu übersenden, was gewöhnlich der Cassirer des kaiserlichen »Kammerbeutels« war.

Ein schönes Emploi! rief der Oheim lachend. Du wirst mit sämmtlichen Bettlern der Monarchie zu thun bekommen!

In der That, ich weiß gar nicht, weßhalb ich eine solche Stelle annehmen soll – ich bin nicht hierher gekommen, um eine Stelle zu erhaschen, und habe nicht nöthig, um 600 Gulden meine Freiheit zu verkaufen!

Nicht annehmen – Jüngelchen, bist du nicht gescheit – eine Stelle, die dich fortwährend mit dem Kaiser in Berührung bringt – die so einflußreich gemacht werden kann wie irgend eine im Lande, wenn du geschickt bist und deinen Vortheil verstehst, nicht annehmen – das hieße eine Million ausschlagen, weil Der, welcher sie dir schenken will, mit einem Gulden aufzuzählen anfängt!

Sie mögen Recht haben, Oheim; ich werde viel Gutes wirken können und will es versuchen – ich bin ja nicht gebunden!

Thue das – es wird dich jedenfalls bedeutend fördern, denn du wirst die Welt kennen lernen!

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