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Ein Sohn der Sonne

Jack London: Ein Sohn der Sonne - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleEin Sohn der Sonne
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150624
projectid022dc6ef
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Parlays Perlen

I.

Der Kanake am Ruder drehte das Rad, und die Malahini ging in den Wind und richtete sich auf. Die Toppsegel wurden schlaff, Seisinge klatschten, Baumtaljen knarrten, dann krengte das Schiff und legte sich mit prallen Segeln auf die andre Seite. Obwohl es noch früh am Morgen war und der Wind kräftig wehte, waren die fünf weißen Männer, die über das Achterdeck schlenderten, nur leicht bekleidet. David Grief und sein Gast, der Engländer Gregory Mulhall, waren noch in Pyjamas, und ihre bloßen Füße steckten in chinesischen Pantoffeln. Kapitän und Steuermann trugen dünne Hemden und ungestärkte weiße Leinenhosen, während der Superkargo sein Hemd noch unschlüssig in den Händen drehte. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, und er kehrte seine nackte Brust durstig dem Winde zu, der doch keine Kühlung brachte.

»Schön schwül für eine solche Brise«, klagte er.

»Und was braut sich da im Westen zusammen? Das möchte ich gern wissen«, verlieh Grief seinerseits der allgemeinen Mißstimmung Ausdruck.

»Der Wind hält nicht an«, meinte Hermann, der holländische Steuermann. »Er ist die ganze Nacht unstet gewesen, fünf Minuten hier, fünf Minuten da, eine Stunde wieder anderswo.«

»Wir kriegen etwas«, prophezeite der Kapitän, indem er mit allen zehn Fingern seinen buschigen Bart hob und die Brust vergebens dem Winde aussetzte. »Seit vierzehn Tagen ist das Wetter ganz verrückt. Und seit drei Wochen haben wir keinen richtigen Passat mehr. Es ist alles verdreht. Gestern abend bei Sonnenuntergang tanzte das Barometer, jetzt tanzt es wieder – aber die Wetterpropheten sagen ja, das hätte nichts zu bedeuten. Trotzdem gefällt es mir nicht. Es fällt mir auf die Nerven, wissen Sie. So tanzte es auch, als wir die Lancaster verloren. Ich war damals Schiffsjunge, aber ich weiß es noch heute. Nagelneuer Viermaster, Stahlschiff, erste Reise. Brach dem Alten das Herz. War vierzig Jahre lang bei der Gesellschaft gewesen. Schwand direkt hin, war kaum ein Jahr später tot.«

Trotz des Windes und der frühen Stunde war die Hitze zum Ersticken. Der Wind flüsterte von Kühle, brachte sie jedoch nicht. Wenn er nicht mit Feuchtigkeit gesättigt gewesen wäre, hätte er geradeso gut aus der Sahara wehen können. Es gab weder eine Spur von Nebel, noch war es diesig, und doch lag über allem gleichsam ein feiner Schleier. Abgegrenzte Wolken waren nicht zu sehen, aber der ganze Himmel war von einer kompakten Wolkenschicht überzogen, so daß die Sonne nicht hindurchdringen konnte.

»Klar zum Halsen!« befahl Kapitän Warfield langsam und scharf. Die braunen, mit Schwimmhosen bekleideten Kanaken setzten sich schlaff, aber doch schnell in Bewegung. »Hart an den Wind!«

Der Rudergast griff in die Speichen und drehte das Rad ganz herum, und die Malahini schwang sich frisch in den Wind.

»Weiß Gott, sie ist eine Hexe!« rief Mulhall bewundernd. »Ich ahnte nicht, daß Ihr Südseehändler mit Jachten segelt.«

»Ursprünglich ging sie in Gloucester auf Fischfang«, erklärte Grief. »Die Gloucesterboote sind nach Bauart, Takelung und Segelfähigkeit alles Jachten.«

»Jetzt haben Sie ja den Kurs gerade darauf zu gesetzt – warum fahren Sie nicht ein?« kritisierte der Engländer.

»Versuchen Sie es, Kapitän Warfield«, schlug Grief vor. »Zeigen Sie ihm, was es heißt, bei starker Ebbe eine Laguneneinfahrt zu forcieren.«

»Gerade–aus!« rief der Kapitän.

»Gerade–aus!« wiederholte der Kanake und holte das Rad um eine Achtelwendung herum.

Die Malahini lag gerade mitten in der schmalen Rinne der Einfahrt zu der Lagune in der Mitte des Atolls, das ein längliches Oval bildete. Das Atoll sah aus, als wären drei während der Entstehung zusammengestoßen und aneinander hängengeblieben. Einzelne Gruppen von Kokospalmen wuchsen am Ufer, an andern Stellen aber war der Strand so niedrig, daß keine Palmen dort wachsen konnten, und durch diese Lücken sah man die Lagune hindurchschimmern, deren Oberfläche glatt wie ein Spiegel war. Sie war viele Quadratmeilen groß, und diese ganze Wassermasse hatte bei Eintritt der Ebbe nur einen einzigen Ablauf, die schmale Rinne. So eng war sie, daß sie beim Gezeitenwechsel einem reißenden Strom glich. Das Wasser kochte und siedete und bildete fast eine einzige weiße Schaummasse, und immer wieder wurde die Malahini unter diesem Anprall aus der Richtung und gegen eine der Seiten der Rinne gedrängt. Als sie bereits halbwegs drinnen waren, zwang die gefährliche Nähe eines Riffes sie, das Schiff quer in die Strömung zu legen, die sie schnell wieder in die See hinaustrieb.

»Es wird Zeit, daß wir Ihren kostbaren neuen Motor in Gebrauch nehmen«, spottete Grief gutmütig.

Dieser Motor war offenbar ein wunder Punkt Kapitän Warfields. Er hatte so lange darum gequält und gebettelt, bis Grief endlich nachgegeben hatte.

»Er wird sich schon eines Tages bezahlt machen«, entgegnete der Kapitän. »Warten Sie es nur ab. Er ist besser als eine Versicherung, und Sie wissen ja, daß die Versicherungen das Risiko in den Paumotus nicht tragen wollen.«

Grief zeigte auf einen kleinen Kutter, der achtern von ihnen ebenfalls gegen die Strömung ankämpfte. »Ich wette ein Fünffrankenstück, daß die kleine Nuhiva uns überholt.«

»Sicher«, räumte Kapitän Warfield ein. »Ihre Maschinenkraft ist zu groß. Im Vergleich mit ihr sind wir das reine Linienschiff, und dabei haben wir nur vierzig Pferdekräfte. Sie hat zehn und ist leicht wie ein Vogel. Sie könnte über den Gischt der Hölle schliddern, aber diese Strömung mit ihren zehn Knoten ist doch zuviel für sie.«

Und mit zehn Knoten Geschwindigkeit wurde die Malahini von der Ebbe in die See hinausgestoßen und gepufft.

»In einer halben Stunde läßt die Strömung nach, dann können wir einfahren«, sagte Kapitän Warfield mit einer Verdrießlichkeit, die sich aus seinen nächsten Worten erklärte: »Er hat kein Recht, die Insel Parlay zu nennen. Auf den offiziellen Seekarten, auch auf den französischen, ist sie Hikihoho bezeichnet. Bougainville entdeckte sie und ließ ihr den Namen, den sie bei den Eingeborenen hatte.«

»Was bedeutet ein Name?« mischte sich der Superkargo ins Gespräch und hielt in seiner Beschäftigung, sich das Hemd über den Kopf zu ziehen, inne. »Da liegt sie, gerade vor unsrer Nase, und der alte Parlay ist da mit seinen Perlen.«

»Wer hat die Perlen gesehen?« fragte Hermann und blickte von einem zum andern.

»Jeder weiß es«, lautete die Antwort des Superkargos. Dann wandte er sich an den Rudergast: »Tai-Hotauri, was weißt du von den Perlen des alten Parlay?« Der Kanake antwortete, beehrt durch die Ansprache: »Mein Bruder tauchen für Parlay drei, vier Monate, und er machen viel Rede von Perlen. Hikihoho sehr guter Platz für Perlen.«

»Und dabei«, unterbrach ihn der Kapitän, »hat kein Perlenhändler ihn je dazu gebracht, sich auch nur von einer einzigen Perle zu trennen.«

»Und man erzählt sich, daß er einen ganzen Hut voll für Armande hatte, als er nach Tahiti fuhr«, spann der Superkargo sein Garn weiter. »Das ist fünfzehn Jahre her, und seitdem hat er mit jedem Jahre mehr aufgehäuft. Er hat die Schalen aufbewahrt, und jeder weiß, daß es Hunderte von Tonnen sind. Man sagt, jetzt sei die Lagune leergefischt. Mag sein, daß er deshalb die Auktion angekündigt hat.«

»Wenn er wirklich verkauft, wird es das größte Perlenjahr, daß es je in den Paumotus gegeben hat«, meinte Grief.

»Sagen Sie mal,« rief Mulhall, der ebenso wie die andern von der feuchten Schwüle gepeinigt wurde, »was bedeutet die Geschichte eigentlich? Wer ist dieser alte Seeräuber denn überhaupt? Was sind das für Perlen? Was soll all diese Geheimniskrämerei?«

»Hikihoho gehört dem alten Parlay«, erwiderte der Superkargo. »Er hat ein Vermögen in Perlen, hat sie seit Jahren aufgespeichert und vor einigen Wochen bekanntgemacht, daß er sie morgen alle an die Händler verauktionieren will. Können Sie die Schonermasten in der Lagune sehen?«

»Ich sehe acht«, sagte Hermann.

»Was haben die in diesem schmutzigen Atoll zu suchen?« fuhr der Superkargo fort. »Es gibt nicht eine Ladung Kopra hier das ganze Jahr. Sie sind nur zur Auktion gekommen. Und darum sind wir auch hier. Und darum stampft die kleine Nuhiva da achtern, obgleich es über meine Begriffe geht, was die kaufen kann. Sie gehört Narii Herring, einem Halbblutengländer, und er führt sie selbst, aber seine einzigen Aktiven sind seine Frechheit, seine Schulden und seine Whiskyrechnungen. Auf diesem Gebiet ist er ein Genie. Er schuldet so viel, daß es keinen Kaufmann in Papeete gibt, der an seinem Wohlergehen nicht den lebhaftesten Anteil nähme. Sie geben sich direkt Mühe, ihm einen Verdienst zu verschaffen. Sie müssen es tun, und das weiß und benutzt er. Ich schulde keinem Menschen etwas. Und was ist die Folge? Wenn ich heute auf dem Strande umfiele, würde man mich ruhig liegen und sterben lassen. Man hätte nichts zu verlieren. Aber Narii Herring? – Wenn der umfiele? Das Beste würde nicht gut genug für ihn sein. Man hat schon zuviel Geld in ihn hineingesteckt, als daß man ihn liegenließe. Man würde ihn bei sich aufnehmen und wie einen Bruder pflegen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, ehrlich seine Rechnungen bezahlen ist ein schlechtes Geschäft.«

»Was hat dieser Narii denn mit der Sache zu tun?« fragte der Engländer, der die Kürze liebte. Und zu Grief: »Was ist das für ein Unsinn mit den Perlen? Fangen Sie von vorn mit der Geschichte an.«

»Ihr müßt mir schon helfen«, sagte Grief zu den andern, als er seine Erzählung begann. »Der alte Parlay ist ein Sonderling. Nach dem, was ich von ihm gehört und gesehen habe, ist er nicht ganz richtig. Aber wie dem auch sei – hier ist seine Geschichte: Parlay ist ein Vollblutfranzose. Er erzählte mir mal, daß er aus Paris sei, und sein Akzent ist auch rein parisisch. Er kam vor langer Zeit hierher und begann zu handeln, als noch etwas dabei zu holen war. Als er nach Hikihoho kam, wohnten etwa hundert elende Paumotuaner auf der Insel. Er heiratete die Königin – nach Brauch der Eingeborenen. Als sie starb, gehörte ihm alles. Die Masern brachen aus, und es blieb nur ein Dutzend von den Eingeborenen übrig. Er sorgte für sie, gab ihnen Arbeit und war ihr König. Nun hatte die Königin vor ihrem Tode einem Mädchen das Leben geschenkt. Das war Armande. Als sie drei Jahre alt war, schickte ihr Vater sie in die Klosterschule auf Papeete. Mit sieben oder acht Jahren schickte er sie nach Frankreich. Sie beginnen die Situation zu erfassen, nicht wahr? Das beste, vornehmste Kloster war nicht zu gut für die einzige Tochter eines Paumotuaner Inselkönigs und Kapitalisten, und wie Sie wissen, kennt das alte Frankreich keine Farbenunterschiede. Sie wurde wie eine Prinzessin erzogen und betrachtete sich auch selbst als eine solche. Außerdem hielt sie sich auch für ganz weiß und träumte nichts von finsteren Vorurteilen.

Jetzt kommt die Tragödie. Der Alte war immer ein bißchen verdreht gewesen und hatte jetzt den Despoten auf Hikihoho so lange gespielt, daß er selbst fest glaubte, es sei alles in Ordnung, sowohl mit dem König wie mit der Prinzessin. Als Armande achtzehn war, ließ er sie kommen. Er hatte Geld wie Heu. Er hatte sich ein großes Haus auf Hikihoho und einen mörderlich feinen Bungalow in Papeete gebaut. Sie sollte mit dem Neuseeländer Postdampfer ankommen, und er segelte auf seinem Schoner nach Papeete, um sie dort abzuholen. Und er hätte das Unglück vielleicht doch noch verhütet, trotz der alten Hühner und Ochsen in Papeete, wenn der Orkan nicht gekommen wäre. Es war das Jahr, als Manu-Huhi unterging und etwa elfhundert Menschen ertranken.«

Die andern nickten, und Kapitän Warfield sagte: »Ich fuhr damals auf der Magpie, wir flogen an Land, Besatzung, Koch und Magpie saßen eine Viertelmeile landeinwärts in den Kokospalmen, bei der Taiohaebucht, die als ein ganz sturmsicherer Hafen gilt.«

»Also schön«, fuhr Grief fort. »Derselbe Orkan kriegte auch den alten Parlay zu fassen, und er kam mit seinem Hut voll Perlen drei Wochen zu spät in Papeete an. Er hatte seinen Schoner auf Rollen setzen und eine halbe Meile über Land schaffen müssen, ehe er wieder auf dem Wasser war. Unterdessen war Armande in Papeete angekommen. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Nach französischer Sitte machte sie Antrittsbesuche beim Gouverneur und beim Hafenarzt. Sie begrüßten sie zwar, aber keins von ihren Hühnern war für sie zu sprechen oder machte ihr einen Gegenbesuch. Sie gehörte nicht zu ihrer Kaste, hatte keine Kaste, und auf diese rücksichtsvolle Art brachten sie ihr das bei. Ein junger Leutnant von einem französischen Kreuzer verlor zwar sein Herz, aber nicht seinen Kopf an sie. Stellen Sie sich vor, was das für ein Schlag sein mußte für dieses junge Mädchen, das verfeinert, schön und wie eine Aristokratin erzogen war, das die beste Erziehung genossen hatte, die Frankreich zu bieten hatte. Das Ende können Sie sich vielleicht denken.« Er zuckte die Achseln. »In dem Bungalow war ein japanischer Diener. Er sah es. Sagte, daß sie es getan hätte wie ein echter Samurai. Nahm einen Dolch – kein Stoß, kein wilder Sturz in die Vernichtung – nahm den Dolch, setzte die Spitze ruhig gegen ihr Herz und preßte ihn langsam mit beiden Händen hinein.

Der alte Parlay kam mit seinen Perlen. Man sagt, eine davon habe allein einen Wert von sechzigtausend Franken gehabt. Peter Gee, der sie sah, erzählte mir, daß er soviel dafür geboten hätte. Der Alte war eine Zeitlang völlig von Sinnen. Zwei Tage lang steckten sie ihn im Klub in die Zwangsjacke – –«

»Der Onkel seiner Frau, ein alter Paumotuaner, befreite ihn«, warf der Superkargo ein.

»Und dann begann der alte Parlay reinen Tisch zu machen«, fuhr Grief fort. »Drei Kugeln schoß er in den Bengel von Leutnant –«

»Er lag drei Monate im Lazarett«, fügte Kapitän Warfield hinzu.

»Dem Gouverneur warf er ein Weinglas ins Gesicht, mit dem Hafenarzt duellierte er sich, verprügelte seine Diener, schlug im Hospital alles kurz und klein, brach einem Pfleger zwei Rippen und das Schlüsselbein. Darauf ging er, in jeder Hand eine Büchse, zu seinem Schiff zurück vor den Augen des Polizeichefs und der Gendarmerie, die ihn verhaften wollten, und fuhr nach Hikihoho. Man sagt, er habe die Insel seitdem nicht mehr verlassen.«

Der Superkargo nickte. »Das geschah vor fünfzehn Jahren, und er hat sich seitdem nicht von der Stelle gerührt.«

»Hat nur Perlen gesammelt«, sagte der alte Kapitän. »Er ist ein alter Narr. Man kann eine Gänsehaut vor ihm kriegen. Er ist ein richtiger Hexenmeister.«

»Was heißt das?« fragte Mulhall.

»Er macht das Wetter – das glauben wenigstens die Eingeborenen. Fragen Sie Tai-Hotauri. Was, Tai-Hotauri? Was glaubst du, was der alte Parlay mit dem Wetter macht?«

»Er eben der große Wetterteufel«, lautete die Antwort des Kanaken. »Ich weiß. Er brauchen groß Wind, er machen groß Wind. Er brauchen kein Wind, kein Wind kommen.«

»Also wirklich ein richtiger alter Hexenmeister«, meinte Mulhall.

»Kein Glück diese Perlen«, stieß Tai-Hotauri hervor und schüttelte unheilverkündend den Kopf. »Er sagen, er verkaufen. Viel Schoner kommen. Dann er machen groß Orkan, alle fertig, ihr sehen. Alle Eingeborenen sagen so.«

»Es ist jetzt die Zeit der Wirbelstürme«, lachte Kapitän Warfield ärgerlich. »Es fehlt nicht viel, daß sie recht bekommen. Es zieht jetzt gerade einer auf, und mir wäre wohler, wenn die Malahini tausend Meilen von hier weg wäre.«

»Es ist sicher eine Schraube bei ihm los«, schloß Grief. »Ich habe einmal versucht, etwas aus ihm herauszukriegen, aber er ist zweifellos etwas verwirrt. Seit achtzehn Jahren konzentriert sich all sein Denken auf Armande. Manchmal glaubt er, daß sie noch lebt und in Frankreich ist. Das ist einer der Gründe, daß er immer noch die Perlen behalten hat. Und zugleich haßt er alle Weißen. Er vergißt es ihnen nicht, daß sie sie töteten, wenn er auch manchmal vergißt, daß sie tot ist. Hallo! Wo ist der Wind geblieben?«

Die Segel flatterten leer über ihnen, und Kapitän Warfield fluchte. So unerträglich die Hitze auch schon gewesen war, jetzt, da der Wind eingeschlafen war, wurde sie noch ärger. Alle Gesichter troffen von Schweiß, und das Atmen wurde beschwerlich. »Da ist er wieder! – Acht Strich weiter! Die Baumtaljen rüber! Los!«

Die Kanaken sputeten sich, und fünf Minuten später lag der Schoner gerade in der Einfahrt und überwand sogar die Strömung, aber kurz darauf flaute der Wind wieder ab, sprang dann in die alte Richtung um, und Segel und Taljen mußten wieder umgelegt werden.

»Da kommt die Nuhiva«, rief Grief. »Sie hat den Motor in Gang gesetzt. Seht, wie sie angeschossen kommt!«

»Haben Sie die Maschine klar?« fragte der Kapitän jetzt den Maschinisten, einen Halbblutportugiesen; sein Kopf war aus der kleinen Luke vorn aufgetaucht, und er wischte sich mit schmierigem Twist den Schweiß von der Stirn.

»Jawohl«, antwortete er.

»Dann lassen Sie sie angehen.«

Der Maschinist verschwand in seinem Loch, und gleich darauf hustete und spie das Auspuffrohr außenbords. Aber der Schoner konnte nicht mit dem kleinen Kutter Schritt halten, der schnell längsseits kam und vorüberglitt. An Deck waren nur Eingeborene, und der Mann am Ruder winkte ihnen ein spöttisches Lebewohl zu.

»Das ist Narii Herring«, sagte Grief zu Mulhall. »Der große Kerl am Rad – der verwegenste und skrupelloseste Bandit in den Paumotus.«

Fünf Minuten später lenkte ein Jubelgeschrei ihrer eignen Kanaken die Aufmerksamkeit wieder auf die Nuhiva. Deren Motor war zum Stillstand gekommen, und kurz darauf hatte die Malahini sie eingeholt.

Die Kanaken kletterten in die Wanten und jubelten jetzt im Vorbeifahren; der kleine Kutter krengte im Winde und wurde durch die Strömung zurückgetrieben.

»Da lobe ich mir unsern Motor«, sagte Grief beifällig, als die Lagune sich vor ihnen öffnete und sie den Kurs änderten, um zum Ankerplatz zu gelangen.

Kapitän Warfield freute sich augenscheinlich, obwohl er knurrte: »Sie macht sich schon bezahlt, haben Sie keine Angst.«

Die Malahini lief bis zu einer Stelle, wo sie genügend Raum zum Ankern fand.

»Das ist Isaacs auf der Dolly«, bemerkte Grief und winkte grüßend. »Und Peter Gee auf der Roberta. Diese Perlenauktion konnte er nicht versäumen! Und da ist Francini auf der Cactus. Alle sind da. Der alte Parlay wird sicher gute Preise erzielen.«

»Sie haben den Motor noch nicht wieder in Gang«, knurrte Kapitän Warfield freudestrahlend.

Er blickte über die Lagune nach der Nuhiva hinüber, deren Segel durch die Kokospalmen hindurchschimmerten.

II.

Parlays Haus war ein großes, zweistöckiges Gebäude aus kalifornischen Balken und mit verzinktem Eisenblech gedeckt. So unverhältnismäßig groß wirkte es auf dem schmalen Atollgürtel, daß es sich wie ein riesiger Auswuchs über den Sandstreifen erhob und die ganze Insel beherrschte. Sobald die Malahini vor Anker lag, gingen alle an Land, um eine Höflichkeitsvisite abzustatten. Sie trafen verschiedene andre Kapitäne und Händler, die in dem großen Raum die Perlen besichtigten, welche am nächsten Tage versteigert werden sollten. Paumotuanische Diener, Eingeborene von Hikihoho und Verwandte des Eigentümers reichten Whisky und Absinth, und in der neugierigen Gesellschaft ging Parlay selbst herum, stichelnd und spottend, das vermoderte Wrack eines Mannes, der einst groß und mächtig gewesen. Seine Augen waren eingefallen und hohl. Das Kopfhaar war zottig und schien wie sein Bart verkehrt angewachsen zu sein.

»Weiß Gott!« murmelte Mulhall bei sich. »Ein langbeiniger Napoleon der Dritte, aber ausgedörrt, durchgebacken und verbrannt. Und schäbig dazu! Kein Wunder, daß er den Kopf schief hält. Sonst würde er das Gleichgewicht verlieren.«

»Wir kriegen Sturm«, sagte der alte Mann, als er Grief begrüßte. »Sie müssen großen Wert auf Perlen legen, daß Sie an einem solchen Tage kommen.«

»Für die dürfte es lohnen, in die Hölle zu reisen«, lachte Grief heiter und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, auf dem die Perlen ausgestellt waren.

»Andre haben auch schon ihretwegen die Reise gemacht«, kicherte der Alte. »Sehen Sie diese hier!« Er zeigte auf eine vollkommene Perle von Walnußgröße, die auf einem Stück Sämischleder für sich lag. »In Tahiti hat man mir sechzigtausend Franken für sie geboten. Sie werden morgen ebensoviel oder noch mehr dafür bieten, wenn Sie nicht weggeweht sind. Die Perle hat ein Vetter von mir, ein angeheirateter Vetter, gefunden. Ein Eingeborener. Ein Dieb war er auch. Er versteckte sie, obgleich sie mir gehörte. Sein Vetter, der auch der meine war – wir sind hier alle miteinander verwandt –, tötete ihn um der Perle willen und floh in einem Kutter nach Noo-Nau. Ich folgte ihm, aber der Häuptling von Noo-Nau hatte ihn schon getötet, als ich hinkam. Ach ja, die Perlen hier auf dem Tisch bedeuten manchen Toten. – Trinken Sie ein Gläschen, Kapitän. Ich kenne Ihr Gesicht nicht. Sind Sie neu hier in der Gegend?«

»Es ist Kapitän Robinson von der Roberta«, stellte Grief vor.

Unterdessen hatten Mulhall und Peter Gee sich die Hände geschüttelt.

»Ich hätte nie geglaubt, daß es so viele Perlen auf der Welt gäbe«, sagte Mulhall.

»Ich habe auch noch nie so viele beisammen gesehen«, räumte Peter Gee ein.

»Was können sie wert sein?«

»Fünfzig- bis sechzigtausend Pfund – das heißt, für uns Händler. In Paris –« Er zuckte die Achseln und zog die Brauen hoch, als ob eine solche Summe jede Vorstellung überstiege. Mulhall wischte sich den Schweiß aus den Augen. Alle schwitzten reichlich und atmeten schwer. Das Getränk, das gereicht wurde, war nicht geeist, und sie mußten Whisky und Absinth lauwarm hinunterspülen.

»Ja, ja«, kicherte Parlay. »Viele Tote liegen hier auf dem Tisch. Ich kenne jede einzige dieser Perlen. Sehen Sie diese drei! Vollkommen, nicht wahr? Ein Taucher von der Osterinsel holte sie mir in einer einzigen Woche herauf. In der Woche darauf holte ihn ein Hai, riß ihm einen Arm ab, und Blutvergiftung tat das ihrige. Und sehen Sie diese Barockperle – sie ist nicht viel wert; wenn man mir morgen zwanzig Franken dafür bietet, bin ich froh – aber sie stammt aus zweiundzwanzig Faden Tiefe. Ich war dabei. Dem Taucher platzte die Lunge, er war zwei Stunden später tot. Er starb unter schrecklichen Qualen. Man konnte ihn meilenweit schreien hören. Er war der kräftigste Eingeborene, den ich je gesehen habe. Ein halbes Dutzend von meinen Tauchern ist auf diese Weise zugrunde gegangen. Und es werden noch viele sterben, viele.«

»Ach, hören Sie auf mit Ihrem Krächzen, Sie Unglücksrabe«, schalt einer der Kapitäne. »Es gibt keinen Sturm.«

»Wenn ich ein kräftiger Mann wäre, würde ich machen, daß ich von hier wegkäme«, erwiderte der Alte mit seiner schrillen Greisenstimme. »Aber ihr wollt nicht. Ihr bleibt. Ich würde euch nicht raten, abzufahren, wenn ich glaubte, daß ihr mir folgtet. Aber man kann einen Bussard nicht vom Aas verscheuchen. Noch ein Gläschen, ihr braven Seeleute! Was wagt ein Mann nicht für ein paar Austerntropfen! Dort liegen sie, alle die kleinen Schönheiten. Morgen, Punkt zehn, ist die Auktion! Der alte Parlay hält Ausverkauf, und die Bussarde versammeln sich. Aber der alte Parlay, der einmal stärker war als der Stärkste von euch, wird noch die meisten von euch sterben sehen.«

»Ist er nicht ein abscheuliches altes Vieh?« flüsterte der Superkargo der Malahini Peter Gee ins Ohr.

»Und wenn es nun wirklich Sturm gibt?« meinte der Kapitän der Dolly. »Hikihoho ist noch nie weggeblasen worden.«

»Um so mehr Grund, zu fürchten, daß es geschehen wird«, erwiderte Kapitän Warfield. »Ich würde nicht so sicher sein.«

»Wer krächzt nun?« schalt Grief.

»Ich würde mich ärgern, wenn ich den Motor verlieren sollte, ehe er sich bezahlt gemacht hat«, antwortete Kapitän Warfield finster.

Parlay eilte mit erstaunlicher Gewandtheit durch den menschenvollen Raum zu dem Barometer an der Wand.

»Sehen Sie, meine braven Seeleute!« rief er frohlockend.

Der am nächsten Stehende las das Barometer ab. Die ernüchternde Wirkung war klar auf seinem Gesicht zu lesen.

»Es ist um zehn Strich gefallen.« Mehr sagte er nicht, aber alle Gesichter wurden ängstlich, und jeder schien am liebsten sofort aufbrechen zu wollen.

»Hören Sie!« befahl Parlay.

In der Stille schien die Brandung ungewöhnlich laut zu tosen. Es klang wie ein mächtiges, brausendes Gebrüll.

»Die See fängt an, hoch zu gehen«, sagte einer, und sie drängten sich an die Fenster.

Durch die Lücken zwischen den Kokospalmen blickten sie auf das Meer. Reihe auf Reihe rollten riesige glatte Wogen auf den Korallenstrand. Einige Minuten starrten sie, leise sprechend, auf den seltsamen Anblick, und in diesen wenigen Minuten erkannten sie deutlich, daß die Wogen an Größe zunahmen. Dies Anschwellen der See bei völliger Windstille war unheimlich, und sie senkten unwillkürlich ihre Stimmen. Der alte Parlay jagte ihnen förmlich einen Schrecken ein, als er plötzlich sein abgerissenes Krächzen wieder aufnahm:

»Es ist noch Zeit, in See zu stechen, meine Herren. Sie können die Schiffe noch mit den Booten über die Lagune bugsieren.«

»Schon gut, Alter«, sagte Darling, der Steuermann der Cactus, ein stahlharter Bursche von fünfundzwanzig Jahren. »Der Sturm weht aus Süd und wird vorbeigehen; wir werden nichts davon spüren.«

Ein Aufatmen ging durch den Saal. Man begann wieder, sich zu unterhalten, und die Stimmen wurden lauter. Einige von den Händlern traten sogar wieder an den Tisch, um die Prüfung der Perlen fortzusetzen.

Aber das Krächzen Parlays wurde noch lauter.

»Recht so«, ermunterte er sie. »Und wenn die Welt unterginge, würdet ihr noch weiterkaufen «

»Morgen werden wir auf alle Fälle kaufen«, versicherte Isaacs.

»Dann müßt ihr den Kauf schon in der Hölle abschließen.«

Das allgemeine ungläubige Gelächter brachte den Alten auf. Heftig wandte er sich an Darling.

»Seit wann wissen Kinder mit Stürmen Bescheid? Und wo ist der Mann, der die Richtung der Orkane in den Paumotus bestimmen kann? Aus welchen Büchern haben Sie das? Ich befuhr die Paumotus, ehe der Älteste von euch geboren war. Ich weiß Bescheid. Im Osten ziehen die Orkane fast eine gerade Linie, hier im Westen machen sie eine scharfe Kurve. Wie kam es, daß der Orkan im Jahre 91 Auri und Hiolau wegriß? Die Kurve, meine braven Burschen, die Kurve! In ein bis zwei Stunden, spätestens in drei haben wir den Wind. Hören Sie!« Ein mächtiges Krachen erschütterte das Korallenfundament des Atolls. Das Haus erzitterte. Die eingeborenen Diener drängten sich, die Absinth- und Whiskyflaschen in den Händen, schutzsuchend zusammen und starrten entsetzt durch die Fenster auf eine mächtige Woge, die ganz bis zur Ecke eines Kopraschuppens gedrungen war.

Parlay sah nach dem Barometer, kicherte und warf einen boshaften Blick auf seine Gäste. Kapitän Warfield trat zu ihm.

»29,75«, las er. »Es ist noch um fünf Strich gesunken. Weiß Gott, der alte Teufel hat recht. Es kommt, und ich will jedenfalls an Bord.«

»Es wird dunkel«, sagte Isaacs beinahe flüsternd.

»Herrgott! Es ist wie auf der Bühne.« Mulhall wandte sich an Grief, indem er auf die Uhr sah. »Zehn Uhr morgens, und die reine Dämmerung. Die Tragödie beginnt. Fehlt nur noch die leise Musik.«

Bevor Grief antworten konnte, wurden Atoll und Haus von einem zweiten Krachen erschüttert. Panikartig brach die Gesellschaft auf. In dem trüben Licht wirkten ihre Gesichter geisterhaft. Isaacs keuchte asthmatisch in der erstickenden Hitze.

»Welche Eile?« kicherte Parlay und betrachtete seine fliehenden Gäste spöttisch. »Trinken Sie doch noch ein Glas, meine Herren!«

Keiner achtete auf ihn. Als sie den mit Muscheln eingefaßten Weg zum Strande hinunterstürmten, steckte er den Kopf zur Tür hinaus und rief ihnen nach: »Vergessen Sie nicht, meine Herren, morgen um zehn Uhr verkauft der alte Parlay seine Perlen.«

III.

Am Strand spielte sich eine merkwürdige Szene ab. Boot auf Boot wurde bemannt und stieß ab. Es war noch dunkler geworden. Die Windstille hielt an, aber der Sand unter ihren Füßen zitterte bei jedem Ansturm des Meeres gegen das Gestade. Narii Herring ging lässig den Strand entlang. Er grinste über die offensichtliche Hast der Kapitäne und Händler. Drei seiner Kanaken und Tai-Hotauri begleiteten ihn.

»Komm ins Boot und nimm einen Riemen«, befahl Kapitän Warfield dem letzteren.

Tai-Hotauri kam gleichmütig angeschlendert, während Narii Herring und seine drei Kanaken an vierzig Schritt entfernt stehenblieben und zusahen. »Ich arbeiten nicht mehr für Sie, Schiffer«, sagte Tai-Hotauri frech und laut. Aber sein Gesichtsausdruck strafte seine Worte Lügen, denn er schnitt furchtbare Grimassen. »Schnauz' mich an«, flüsterte er mit einem zweiten bedeutungsvollen Blick.

Kapitän Warfield verstand den Wink und begann auch, ein bißchen Komödie zu spielen. Er hob die Fäuste und donnerte: »Ins Boot mit dir, oder ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe!«

Der Kanake wich knurrend zurück, und Grief versuchte den Kapitän zu beschwichtigen. »Ich wollen auf der Nuhiva arbeiten«, sagte Tai-Hotauri, indem er zu den andern am Strande zurückkehrte.

»Du kommen her«, rief der Kapitän drohend.

»Er ist ein freier Mann, Schiffer«, mischte Narii Herring sich ein. »Er ist früher mit mir gefahren und wird es jetzt wieder tun, das ist alles.«

»Sehen Sie nur, wie dunkel es wird.«

»Kommen Sie, wir müssen an Bord«, drängte Grief. Kapitän Warfield gab nach, als er aber das Boot abstieß, stand er noch einmal auf und drohte mit der Faust nach dem Lande.

»Ich werde noch mit Ihnen abrechnen, Narii«, rief er. »Sie sind der einzige Schiffer hier, der einem andern seine Leute stiehlt.« Er setzte sich und sagte leise: »Jetzt möchte ich nur wissen, was Tai-Hotauri im Sinne hat. Irgendwas hat er vor, aber was?«

IV.

Als das Boot längsseits der Malahini kam, beugte Hermann sich mit ängstlichem Gesicht über die Reling.

»Bald fällt der Boden vom Barometer heraus«, verkündete er. »Es geht los. Ich habe den Steuerbordanker klargemacht.«

»Machen Sie den großen auch klar«, befahl Kapitän Warfield. »Und ihr da, heißt das Boot an Deck und surrt es kieloben fest.«

Auf allen Schonern wurde aus Leibeskräften gearbeitet. Ketten rasselten, und ein Schiff nach dem andern wendete und ließ den zweiten Anker fallen. Wer gleich der Malahini einen dritten Anker besaß, machte auch diesen klar, um ihn fallen zu lassen, sobald man wußte, aus welcher Richtung der Wind kommen würde.

Das Gebrüll der mächtigen Brandung wuchs beständig, aber die Lagune lag immer noch in spiegelnder Glätte da. An der Stelle, wo das große Haus Parlays auf dem Strand emporragte, zeigte sich kein Lebenszeichen. Bootshäuser, Kopraschuppen und die Speicher, in denen die Muschelschalen lagerten, waren verödet.

»Ich möchte am liebsten die Anker lichten und losfahren«, sagte Grief. »Wenn wir hier das offene Meer hätten, würde ich es bestimmt tun. Aber durch die Atollenkette im Norden und Osten sind wir ganz eingeklemmt. Hier sind wir immer noch besser dran. Was meinen Sie, Kapitän Warfield?«

»Ich bin ganz einig mit Ihnen, wenn die Lagune auch kein Mühlteich und es nicht angenehm ist, den Sturm auf ihr vor Anker abzureiten. Ich bin gespannt, woher er wehen wird. – Hallo! Da geht einer von Parlays Kopraschuppen hin.«

Sie konnten sehen, wie der grasgedeckte Schuppen sich hob und dann zusammenstürzte, während eine schäumende Gischtmasse über den Strand hinweg in die Lagune fegte.

»Quer rübergegangen!« rief Mulhall. »Für den Anfang recht nett. Da kommt es wieder!«

Die Reste des Schuppens wurden hochgehoben und auf den Strand geschleudert. Eine dritte See zerschlug sie ganz, und die Trümmer wurden in die Lagune gespült.

»Wenn es doch nur wehen möchte, dann wird es vielleicht etwas kühler«, brummte Hermann. »Ich kann kaum noch atmen. Es ist ja der reine Backofen.«

Mit seinem schweren Messer hieb er eine Kokosnuß auf und trank sie aus. Die andern folgten seinem Beispiel, hielten aber inne, als sie sahen, wie Parlays Muschelschuppen zusammenstürzte. Das Barometer zeigte jetzt 29,50.

»Wir müssen dem Mittelpunkt des Minimums ziemlich nahe sein«, bemerkte Grief heiter. »Ich bin noch nie im Zentrum eines Wirbelsturms gewesen. Es wird auch für Sie etwas Neues sein, Mulhall. Nach der Schnelligkeit zu urteilen, mit der das Barometer fällt, muß es ein mächtiger Orkan sein.«

Kapitän Warfield stöhnte, und alle Augen richteten sich auf ihn. Er hielt das Glas vor das Auge und blickte nach Südost über die Lagune.

»Da kommt er«, sagte er ruhig.

Man brauchte kein Glas, um es zu sehen. Es war, als würde eine merkwürdig geprickelte Haut über die Lagune hinweggezogen. Daneben bogen sich die Kokospalmen, während die Wedel wild flatterten. Die Grenze des Windes zeichnete sich als ein gerader Streifen sturmgepeitschten, dunklen Wassers ab. Davor kamen wie Plänklertruppen einzelne scharfe Windstöße. Hinterher folgte eine breite Zone glasiger Stille. Dann kam ein zweiter dunkler Sturmstreifen, und dahinter war die Lagune eine einzige weißschäumende Masse siedenden Wassers.

»Was bedeutet dieser völlig ruhige Streifen?« fragte Mulhall.

»Windstille«, antwortete Kapitän Warfield.

»Aber er treibt ja ebenso schnell wie der Wind«, wandte der andre ein.

»Das muß er; wenn er eingeholt würde, wäre es ja keine Windstille mehr. Das nennt man einen Doppeldecker. Ich sah einmal eine Bö ganz wie diese vor Hawai. Einen richtigen Doppeldecker. Die traf uns. Bums! Dann kam eine Weile nichts, und dann wurden wir wieder getroffen. – Schnell dort – festhalten! Jetzt ist sie über uns. Seht die Roberta!«

Die Roberta, die vor schlaffen Ketten dem Winde am nächsten lag, wurde quer getroffen und wie ein Strohhalm weggefegt. Dann gab es einen Ruck an den Ketten, und mit einem Sprung lag das Schiff mit dem Bug im Winde. Schiff auf Schiff – die Malahini wie die andern – wurde getroffen, fortgerissen und von den gestrafften Ketten gehalten. Mulhall und mehrere Kanaken wurden durch den scharfen Ruck umgeworfen.

Dann kam die Windstille. Die fliegende Zone hatte sie erreicht. Grief zündete sich eine Zigarette an, und das Streichholz brannte ungeschützt, ohne daß die Flamme in der stillen Luft flackerte. Ein düstres Zwielicht herrschte. Die Wolken hatten sich Stunde um Stunde tiefer herabgesenkt und schienen jetzt ganz auf dem Meere zu ruhen.

Die Roberta zerrte an ihren Ketten, als die Vorläufer des zweiten Sturmstreifens sie erreichten, und ebenso wurden auch die andern Schoner in rascher Folge wieder vom Sturm getroffen. Die See wallte, und aus dem kochenden Gischt sprühten kleine Spritzer auf. Das Deck der Malahini zitterte unter den Füßen der Männer. Die gestrafften Falle schlugen einen Zapfenstreich gegen die Masten, und das ganze Tauwerk trommelte wild, wie von mächtiger Hand gerührt. Es war unmöglich, das Gesicht gegen den Wind zu kehren und zu atmen. Mulhall, der mit den andern Schutz hinter der Kajüte gesucht hatte, tat es einmal, aber die Luft wurde ihm mit solcher Gewalt in die Lungen getrieben, daß er fast erstickte, ehe er den Kopf wegdrehen konnte. »Es ist unglaublich«, schnappte er, aber keiner hörte ihn.

Hermann und einige von den Kanaken krochen auf Händen und Füßen nach vorn, um den dritten Anker fallen zu lassen. Grief berührte Kapitän Warfield an der Schulter und zeigte auf die Roberta. Das Schiff trieb auf sie zu. Warfield legte seinen Mund an Griefs Ohr und brüllte: »Wir treiben auch.« Grief sprang ans Rad und drehte es hart herum, so daß die Malahini nach Backbord herumschwang. Der dritte Anker faßte Grund, und die Roberta flog, das Heck voran, einige Dutzend Schritte entfernt vorbei. Sie winkten Peter Gee und Kapitän Robinson zu, der mit einer Anzahl Matrosen vorn arbeitete.

»Er schlägt die Schäkel heraus!« rief Grief. »Er will versuchen, die Durchfahrt zu forcieren. Das eine ist so gut wie das andre. Die Anker schleifen ja.«

»Wir halten uns im Augenblick!« lautete die Antwort. »Da rennt die Cactus auf die Misi! Die sind erledigt!«

Die Misi hatte sich bis jetzt gehalten, aber der Druck der Cactus war zuviel für sie, sie riß sich los, und die beiden ineinander verstrickten Schiffe trieben fort über den kochenden Gischt. Man konnte sehen, wie die Besatzungen der Schiffe sich abmühten, um klarzukommen.

Die Roberta, die ihre Anker gekappt und ein kleines Stück Leinwand vorn gesetzt hatte, hielt jetzt auf die Durchfahrt am nordwestlichen Ende der Lagune zu. Sie sahen, wie es ihr gelang, und wie sie auf die See hinaustrieb. Die Misi und Cactus jedoch, die nicht voneinander loskommen konnten, strandeten eine halbe Meile vor der Durchfahrt auf dem Atollring.

Der Wind wuchs und wuchs. Dem Anprall zu widerstehen, erforderte die ganze Kraft eines starken Mannes, und ein paar Minuten auf Deck gegen den Wind anzukriechen, ermattete einen bis zu völliger Erschöpfung. Hermann und seine Kanaken plackten sich unverdrossen, um alles festzumachen und die Segel zu beschlagen. Der Wind zerrte an ihren dünnen Hemden und riß sie ihnen in Fetzen vom Leibe. Sie bewegten sich nur langsam, als wären ihre Körper Tonnengewichte, und ließen nie einen Halt los, ehe sie einen neuen gefunden hatten. Lose Enden standen wagerecht in der Luft, und wenn der Wind neu einsetzte, wurden sie zerfetzt und fortgewirbelt.

Mulhall stieß hin und wieder einen andern an und zeigte auf die Küste. Die Grasschuppen waren verschwunden, und Parlays Haus wankte wie trunken. Da der Wind der Länge nach über das Atoll wehte, war das Haus durch die meilenweiten Strecken von Kokospalmen geschützt. Aber die ungeheuren Seen, die jetzt über die Insel brachen, unterminierten und zertrümmerten es allmählich. Es stand schon ganz schief auf dem Sandhang, und seine Vernichtung war nur noch eine Frage der Zeit. Hier und dort hatten sich Menschen in den Kokospalmen festgebunden. Die Bäume schwankten nicht hin und her. Der unveränderliche Winddruck hielt sie dauernd in derselben gebeugten Lage, aber sie vibrierten furchtbar. Auf dem Sande zischte der weiße Schaum der Brecher.

Die großen Wogen jagten der Länge nach durch die Lagune. Die zehn Seemeilen lange Strecke ließ ihnen reichlich Platz, sich auszutoben, und die Schoner stampften und bockten wild. Die Malahini begann mit Bug und Heck zu tauchen, und zuweilen brach das Wasser mittschiffs über die Reling.

»Jetzt wird's Zeit für Ihren Motor«, brüllte Grief, und Kapitän Warfield kroch zum Maschinisten und schrie ihm seine Befehle hinunter.

Sobald die Maschine mit voller Kraft arbeitete, ging es besser. Wenn die Malahini auch fortgesetzt Sturzseen übernahm, zerrte sie doch nicht mehr so heftig an ihren Ankern. Immerhin wurden die Ketten noch nicht schlaff. Alles, was die vierzig Pferdestärken vermochten, war eine Verringerung des Druckes.

Immer noch wuchs der Wind. Die kleine Nuhiva, die neben der Malahini, aber näher am Lande lag, hatte es schwer. Sie wurde so oft und so tief von den Seen begraben, daß man sich wunderte, sie immer wieder auftauchen zu sehen. Um drei Uhr nachmittags wurde sie, ehe sie sich wieder aufrichten konnte, von einer zweiten Sturzsee begraben und kam nicht wieder hoch. Mulhall blickte Grief an.

»Luken eingeschlagen«, brüllte Grief als Antwort. Kapitän Warfield wies auf die Winifred, einen kleinen Schoner, der auf ihrer andern Seite auf und nieder tauchte, und rief Grief etwas ins Ohr. Seine Stimme kam stoßweise mit Zwischenräumen, in denen der Wind den Klang forttrug.

»Morscher, kleiner Kasten ... Die Anker halten ... Aber daß sie noch nicht auseinanderbricht ... Alt wie die Arche Noah ...«

Eine Stunde später machte Hermann sie wieder auf die Winifred aufmerksam. Vorschiffsbeting, Fockmast und der größte Teil des Buges waren fort, vom Zerren der Anker weggerissen. Sie schwang sich quer in den Wind, stürzte in ein Wellental, kam mit der Spitze wieder hoch und wurde in dieser Lage fortgeschwemmt.

Jetzt waren es noch fünf Schiffe, und von ihnen war die Malahini die einzige, die einen Motor besaß. Aus Furcht, das Geschick der Nuhiva und der Winifred zu teilen, folgten zwei dem Beispiel der Roberta, schlugen die Ankerschäkel heraus und hielten auf die Durchfahrt zu. Die Dolly kam zuerst, aber ihr bißchen Leinwand wurde weggerissen, und sie endete auf dem Korallenriff neben der Misi und der Cactus. Ihr Beispiel schreckte die Noana nicht ab; sie kappte die Anker und erlitt dasselbe Schicksal.

»Einen braven Motor haben wir«, brüllte Kapitän Warfield Grief ins Ohr.

Grief schüttelte seinem Kapitän die Hand. »Er macht sich bezahlt«, schrie er zurück. »Der Wind dreht sich nach Süden, dann wird es besser für uns.« Langsam, aber sicher, mit zunehmender Heftigkeit, drehte sich der Wind nach Süd und Südwest, bis die drei übriggebliebenen Schoner mit dem Bug direkt auf die Küste zeigten. Das Wrack von Parlays Haus wurde hochgehoben, auf die Lagune geschleudert und regnete in Splittern auf sie herab. Ein großes Trümmerstück flog über die Malahini hinweg und stürzte krachend auf die Papara, die eine Viertelmeile weiter achtern lag. Nach einer Viertelstunde hatte sich der Schoner von dem ungebetenen Gast befreit, aber Fockmast und Klüverbaum waren dahin. Näher am Lande, backbord von der Malahini, lag die Tahaa, schlank und feingeschnitten wie eine Jacht, aber übertakelt. Ihre Anker hielten noch. Da aber der Kapitän kein Anzeichen spürte, daß der Sturm nachließ, ging er daran, den Druck zu verringern, indem er die Masten kappte.

»Wirklich, einen braven Motor haben wir«, beglückwünschte Grief seinen Schiffer. »Der rettet noch unsre Hölzer.«

Zweifelnd schüttelte Kapitän Warfield den Kopf. In der Lagune war die See mit dem Umschlagen des Windes ruhiger geworden, dafür machte sich aber das Tosen des Meeres bemerkbar, das immer heftiger über den Atollring hinwegbrach. Es standen nicht mehr viele Bäume. Einige waren abgebrochen, andere entwurzelt. Ein Baum wurde mit drei Menschen, die sich an ihm festgeklammert hatten, in die Lagune gewirbelt. Zwei lösten sich von ihm und schwammen auf die Tahaa zu. Kurz darauf sahen sie einen von ihnen vom Achterdeck der Tahaa über Bord springen und sich durch den weißen Gischt nach der Malahini durchkämpfen.

»Das ist Tai-Hotauri«, erklärte Grief. »Jetzt werden wir etwas hören.«

Der Kanake ergriff das Bugspriet, kletterte herauf und kroch nach achtern. Man ließ ihm Zeit, zu sich zu kommen, und im Schutz der Kajüte erzählte er dann abgebrochen seine Geschichte.

»Narii ... verdammter Räuber ... Er möchten stehlen ... Perlen ... Parlay töten ... ein Mann Parlay töten ... keiner wissen, welcher ... Drei Kanaken, Narii, mich ... Fünf Bohnen ... Hut ... Narii sagen: eine Bohne schwarz ... Keiner wissen ... Parlay töten ... Narii verdammter Lügner ... Alle Bohnen schwarz ... Fünf schwarz ... Kopraschuppen dunkel ... Jeder kriegen schwarze Bohne. Großer Wind kommen ... Keine Möglichkeit ... Alle klettern auf Baum ... Kein Glück diese Perlen, ich sagen euch vorher ... Kein Glück.«

»Wo ist Parlay?« brüllte Grief.

»Auf Baum ... Drei von seinen Kanaken selber Baum. Narii und ein Kanake ander Baum ... Mein Baum wehen zur Hölle, dann ich kommen an Bord.«

»Wo sind die Perlen?«

»Auf Baum bei Parlay. Vielleicht Narii kriegen die Perlen doch.«

Von einem Ohr ins andre ließ Grief Tai-Hotauris Geschichte weitergehen. Kapitän Warfield war besonders aufgebracht, er knirschte förmlich mit den Zähnen.

Hermann ging nach unten und kam mit einer Laterne wieder; sobald er sie aber über die Luke hob, blies der Wind sie aus. Mehr Glück hatte er mit der Nachthauslampe, die nach vielen vergeblichen Versuchen angezündet werden konnte.

»Recht windige Nacht!« schrie Grief Mulhall ins Ohr. »Und dabei weht es immer ärger.«

»Wie arg?«

»Hundert Meilen die Stunde ... zweihundert ... was weiß ich ... schlimmer, als ich es je erlebt habe.«

Die Lagune wurde immer erregter durch die Brecher, die über den Atollring hinwegstürzten. Auf Hunderte von Meilen wurde das Meer durch den Orkan aufgepeitscht, und der mildernde Einfluß der Ebbe erwies sich als völlig machtlos. Als dann die Flut wieder einsetzte, wuchsen die Wogen noch. Mond und Wind vereinigten sich, um die Südsee auf das Atoll Hikihoho zu türmen.

Kapitän Warfield kehrte von einem seiner regelmäßigen Besuche im Maschinenraum zurück und brachte die Nachricht, daß der Maschinist ohnmächtig geworden sei.

»Wir müssen den Motor in Gang halten«, schloß er hilflos.

»Schön«, sagte Grief. »Schaffen Sie den Mann an Deck, ich werde ihn ablösen.«

Die Luke zum Maschinenraum war fest verschalt, so daß man nur durch einen ganz engen Gang von der Kajüte aus hingelangen konnte. Die Hitze und der Gasdunst waren unerträglich. Grief warf einen hastigen, untersuchenden Blick auf Motor und Zubehör und blies die Öllampe aus. Dann arbeitete er im Dunkeln, das nur erhellt wurde durch das Glimmen der endlosen Zigarren, die er sich immer wieder aus der Kajüte holte. Trotz seines Gleichmuts begann ihn das Gefühl zu bedrücken, mit diesem mechanischen Ungetüm eingesperrt zu sein, das in der kreischenden Finsternis fauchte und stöhnte. Nackt bis zum Gürtel, mit Fett und Öl bedeckt, durch das Stampfen des Schiffes zerschrammt und zerschlagen, halb betäubt von dem Gas, das er einatmen mußte, arbeitete er Stunde auf Stunde, indem er jeden Teil des Motors streichelte, segnete und verfluchte. Die Zündung begann zu versagen, die Zufuhr wurde unregelmäßig, und das schlimmste war, daß die Zylinder heiß wurden. Sie berieten sich in der Kajüte, und der Maschinist flehte und bettelte, den Motor eine halbe Stunde aussetzen zu lassen, damit er sich abkühlen und die Wasserzufuhr geregelt werden könnte. Kapitän Warfield war dagegen. Der Maschinist schwor, daß die Maschine einfach verdorben würde und dann von selber stehenbleiben werde und nicht wieder in Gang zu bringen sei. Grief schrie sie beide mit funkelnden Augen, schmierig und zerschlagen, an, schimpfte und erteilte Befehl auf Befehl. Mulhall, der Superkargo und Hermann wurden eingestellt und mußten in der Kajüte das Gasolin doppelt und dreifach filtrieren. In den Fußboden des Maschinenraums wurde ein Loch gehauen, und ein Kanake mußte Bodenwasser über die Zylinder schöpfen, während Grief alle sich reibenden Teile immer wieder mit Öl übergoß.

»Ahnte nicht, daß Sie auch auf dem Gebiet Fachmann sind«, sagte Kapitän Warfield bewundernd, als Grief in die Kajüte trat, um in der etwas reineren Luft Atem zu schöpfen.

»Ich bade in Gasolin«, knurrte Grief. »Ich saufe Gasolin.«

Was er sonst noch mit Gasolin machte, erfuhr man nie, denn im selben Augenblick wurden alle nebst dem Gasolin gegen die Wand geschmettert, während die Malahini plötzlich tief tauchte. Einige Minuten rollten sie, unfähig, sich aufzurichten, auf dem Boden umher und schlugen von einer Wand an die andre. Der Schoner, der von drei mächtigen Seen getroffen war, ächzte, stöhnte und zitterte unter dem Gewicht der Wassermassen auf seinem Deck. Dann kroch Grief zum Motor, während Kapitän Warfield eine günstige Gelegenheit wahrnahm und die Treppe hinauf an Deck kroch.

Nach einer halben Stunde kam er wieder.

»Das Boot ist weg«, berichtete er. »Die Kombüse ist weg! Alles ist weg außer den Luken. Und wenn wir den Motor nicht gehabt hätten, wären wir selber auch weg. Arbeiten Sie ja weiter.«

Um Mitternacht waren Lunge und Kopf des Maschinisten so weit von den Gasdämpfen befreit, daß er Grief ablösen konnte, der sich an Deck begab, um selbst Lunge und Kopf klar zu bekommen. Er trat zu den andern, die sich hinter der Kajüte verkrochen und festgesurrt hatten. Auch die Kanaken hatten sich hier zusammengedrängt. Einige waren zwar auf Aufforderung des Kapitäns in die Kajüte gegangen, aber durch den Dunst wieder vertrieben worden. Immer wieder tauchte die Malahini, und was sie atmeten, war ein Gemisch aus Luft, Wasser und Gischt.

»Jetzt haben Sie auch mal ein tüchtiges Wetter kennengelernt«, rief Grief seinem Gast einmal zu, als sie auftauchten.

Mulhall, der keuchend nach Atem rang, konnte nur nicken. Die Speigatten reichten nicht aus für die Wassermassen, die das Schiff übernahm. Sie mußten beim Rollen des Schiffes über die Reling abfließen, und wenn das Schiff den Bug himmelwärts kehrte, stürzten sie als Wasserfall, alles mit sich fortreißend, nach achtern. Mulhall sah eine Gestalt und machte Grief darauf aufmerksam. Es war Narii Herring, der durch den Lichtkreis der Nachthauslampe kroch. Er war ganz nackt außer seinem Gurt und einem blanken Messer darin.

Kapitän Warfield band sich los und kroch über die andern hinweg zu ihm. Als sein Gesicht in den Schein der Lampe kam, sah man, daß es von Wut verzerrt war. Man sah, daß er sprach, daß der Wind seine Worte fortriß. Er wollte nicht die Lippen an Nariis Ohr legen. Statt dessen wies er auf die Reling. Narii Herring verstand. Seine Zähne entblößten sich in einem höhnischen Grinsen, und er richtete seinen prächtigen Körper auf.

»Das ist Mord«, schrie Mulhall Grief zu.

»Er wollte den alten Parlay ermorden«, schrie Grief zurück.

Die Back war in diesem Augenblick frei von Wasser, und die Malahini hatte sich aufgerichtet. Narii versuchte stolz, zur Reling zu gehen, wurde aber niedergeworfen. Da kroch er fort und verschwand in der Dunkelheit. Keiner zweifelte, daß er über Bord gesprungen war. Die Malahini tauchte tief, und als sie wieder hochkam, rief Grief Mulhall ins Ohr: »Dem geschieht nichts. Er heißt nicht umsonst der Fischmensch von Tahiti. Er wird über die Lagune schwimmen und drüben landen, wenn noch etwas vom Atoll übriggeblieben ist.«

Als sie fünf Minuten später wieder einmal auftauchten, ergoß sich eine wirre Masse menschlicher Körper vom Kajütsdach auf sie. Sie packten sie und hielten sie fest, bis das Wasser abgelaufen war. Dann brachten sie sie in die Kajüte, um ihre Identität feststellen zu können. Es waren der alte Parlay, der mit geschlossenen Augen unbeweglich auf dem Rücken lag, und zwei seiner eingeborenen Verwandten. Alle drei waren nackt und blutig. Dem einen Kanaken hing der Arm hilflos und gebrochen herab. Der andre blutete stark aus einer schrecklichen Kopfwunde.

»Hat Narii das getan?« fragte Mulhall hastig.

Grief schüttelte den Kopf. »Es kommt daher, daß sie auf das Deck und die Kajüte geschmettert wurden.«

Plötzlich trat ein Stillstand ein, der ein Gefühl von schwindelnder Angst in allen erzeugte. Es war schwer zu glauben, daß es nicht wehte. Aber wie durch einen Schwerthieb war der Sturm abgehackt. Der Schoner rollte und stampfte und zerrte an seinen Ankerketten, was man jetzt zum erstenmal hören konnte. Auch das Plätschern des Wassers über das Deck war jetzt vernehmbar. Der Maschinist stellte den Motor ab.

»Wir sind im toten Zentrum«, sagte Grief. »Aber es dauert nicht lange, dann wird es gerade so schlimm wie zuvor.« Er blickte auf das Barometer. »29,32« las er.

Er hatte sich in dem stundenlangen Tosen so an das Schreien gewöhnt, daß es ihm jetzt unmöglich war, leise zu sprechen; seine Stimme gellte in den Ohren der andern.

»Alle Rippen sind gebrochen«, sagte der Superkargo und ließ seine Hand an Parlays Seite entlanggleiten. »Er atmet noch, aber es geht mit ihm zu Ende.«

Der alte Parlay stöhnte, bewegte kraftlos einen Arm und öffnete die Augen. Er schien sie zu erkennen.

»Meine Herren«, flüsterte er mit ganz gebrochener Stimme. »Vergessen Sie nicht ... die Auktion ... zehn Uhr ... in der Hölle!«

Seine Augen schlossen sich, die Kinnlade drohte herabzufallen, aber er widerstand dem Tode noch lange genug, um ein letztes lautes, höhnisches Kichern auszustoßen.

Oben und unten brach jetzt wieder die Hölle los, das wohlbekannte Brüllen des Windes umtoste sie. Die Malahini wurde quer getroffen und, während sie vor den Ankern herumschwang, fast bis zu den Mastspitzen niedergepreßt. Dann bekamen sie das Schiff in den Wind, und es richtete sich auf. Der Motor wurde in Gang gesetzt und nahm nun seine Arbeit wieder auf.

»Nordwest!« schrie Kapitän Warfield Grief zu, als er an Deck kam.

»Dann kommt Narii nie über die Lagune!« meinte Grief.

»Er wird wieder zu uns zurückgeweht – Pech.«

V.

Nachdem sie das Zentrum durchschritten hatten, begann das Barometer zu steigen, und gleichzeitig fiel der Wind. Als er nur noch ein gewöhnlicher Sturm war, hob der Motor sich plötzlich, löste sich mit einer letzten Anstrengung seiner vierzig Pferdekräfte von den Bodenplatten und legte sich auf die Seite. Ein Sturz Bodenwasser ergoß sich zischend über ihn, und Dampfwolken quollen hoch. Der Maschinist jammerte über das Unglück, aber Grief warf einen zärtlichen Blick auf die Trümmer und ging in seine Kabine, um sich Brust und Arme mit Twist abzuschrubben.

Die Sonne kam hervor, und als Grief, nachdem er die Kopfwunde des einen Kanaken vernäht und den Arm des andern geschient hatte, wieder an Deck trat, wehte das sanfteste Sommerlüftchen. Die Malahini lag dicht am Lande. Vorn war Hermann mit der Mannschaft dabei, einzuhieven und die Ankerketten zu entwirren. Die Papara und die Tahaa waren verschwunden, und Kapitän Warfield suchte die andre Seite des Atolls mit dem Glas ab. »Nicht ein Nagel ist von ihnen übriggeblieben«, sagte er. »Das kommt davon, wenn man keinen Motor hat. Sie müssen abgetrieben sein, ehe der Umschwung kam.«

An der Stelle, wo Parlays Haus gestanden hatte, war keine Spur mehr davon zu sehen. Auf dreihundert Schritt hatte die tobende See weder Baum noch Stumpf stehengelassen. Weiter fort stand noch hie und da eine Palme, und unzählige waren dicht über dem Boden abgebrochen. In der Krone einer stehengebliebenen Palme behauptete Tai-Hotauri etwas sich regen zu sehen. Da die Malahini kein Boot mehr hatte, schwamm er an Land, und sie sahen, wie er in den Baum kletterte.

Als er wiederkam, brachte er ein eingeborenes Mädchen mit, das zu Parlays Haushalt gehört hatte. Bevor man ihr über die Reling half, reichte sie einen Korb hinauf. Darin lag ein Wurf blinder Kätzchen. Alle waren tot außer einem, das schwach miaute und unsicher auf den Füßen schwankte.

»Hallo!« rief Mulhall. »Wer ist das?«

Am Strande sahen sie einen Mann gehen. Er bewegte sich so gemächlich, als befände er sich auf seinem Morgenspaziergang. Kapitän Warfield knirschte mit den Zähnen. Es war Narii Herring.

»Hallo, Schiffer!« rief Narii, als er in Rufweite war. »Kann ich an Bord kommen und etwas Frühstück kriegen?«

Kapitän Warfields Gesicht und Hals begannen anzuschwellen und sich dunkelrot zu färben. Er versuchte zu sprechen, konnte aber nur würgen. »Da soll aber auch – –« war alles, was er herausbringen konnte.

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