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Ein Sohn der Sonne

Jack London: Ein Sohn der Sonne - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleEin Sohn der Sonne
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150624
projectid022dc6ef
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Ein Abend in Goboto

I.

In Goboto geben die Händler von ihren Schonern an Land, die Pflanzer kommen von fernen wilden Küsten; aber vorher legen sie einer wie der andre Schuhe und weiße Flanellhosen sowie die sonstigen Kennzeichen der Zivilisation an. In Goboto erhält man seine Post, begleicht seine Rechnungen und kann Zeitungen lesen, die selten mehr als fünf Wochen alt sind; denn die kleine, von einem Korallenriff umgebene Insel bietet einen sichern Ankergrund, wird von allen Dampfern angelaufen und ist das Zentrum der ganzen weit verstreuten Inselgruppe.

Das Leben in Goboto ist überhitzt, ungesund und traurig, und im Verhältnis zu seiner Größe erhebt die Insel Anspruch darauf, mehr Fälle von akutem Alkoholismus aufzuweisen als irgendein Ort sonst in der Welt. Guvutu im Salomonarchipel behauptet, daß man dort in jeder Pause zwischen zwei Gläsern ein drittes trinkt. Das bestreitet Goboto nicht, erklärt seinerseits nur, überhaupt keine Pausen beim Trinken zu kennen. Es weist auch auf seine Einfuhrstatistik hin, die einen weit größeren Kopfverbrauch an Spirituosen ergibt. Guvutu wiederum erklärt den größeren Umsatz Gobotos mit der bedeutenderen Zahl von Passanten, und Goboto erwidert, daß seine Einwohner zwar an Zahl geringer, dafür aber durstiger seien. So geht der Streit immer weiter, hauptsächlich, weil die Streitenden nicht lange genug leben, um die Frage entscheiden zu können. Goboto ist nicht groß. Die Insel hat nur einen Durchmesser von einer viertel Meile, und es befinden sich auf ihr ein Marinekohlendepot, in dem einige Tonnen Kohle seit zwanzig Jahren unberührt lagern, Baracken für eine Handvoll schwarzer Arbeiter, ein großes Lager, ein Warenhaus mit Wellblechdächern und ein von einem Verwalter und seinen zwei Gehilfen bewohnter Bungalow. Diese drei bilden die weiße Bevölkerung der Insel. Abwechselnd hat immer einer von ihnen Fieber. Ihre Aufgabe ist nicht leicht. Die Konkurrenz gebietet der Handelsgesellschaft, ihre Kunden gut zu behandeln, und das ist eben die Aufgabe des Verwalters und seiner beiden Gehilfen. Das ganze Jahr kommen Händler und Werber sowie Pflanzer, alle von fernen, trockenen Gestaden, und alle bringen einen unlöschbaren Durst mit. Goboto ist das Mekka der Durstigen. Und wenn sie sich satt getrunken haben, wenden sie den Kiel ihrer Schiffe ihren Plantagen zu, um wieder zu Kräften zu kommen. Die weniger Trinkfesten brauchen an sechs Monate, ehe sie die Fahrt wiederholen können. Für den Verwalter und seine Gehilfen aber gibt es keine Pausen. Sie sind immer da, und Woche auf Woche weht der Wind, der Monsun wie der Passat, die Schiffe her, die mit Kopra, Elfenbeinnüssen, Perlmutter, Schildpatt und Durst beladen sind.

Die Bewohner von Goboto haben es schwer. Daher ist auch das Gehalt doppelt so hoch wie auf den andern Stationen, und darum nimmt die Handelsgesellschaft auch nur besonders mutige und beherzte Leute für diesen Posten. Sie halten nur etwa ein Jahr aus, dann werden ihre traurigen Reste nach Australien geschafft oder ihre Gebeine im Sand auf der Leeseite der Insel verscharrt. Johnny Basset, der fast legendäre Held von Goboto, schlug jeden Rekord. Er bekam Zuschüsse aus der Heimat, besaß eine bemerkenswerte Konstitution und blieb sieben Jahre. Seine letzte Bitte wurde gewissenhaft von seinen Gehilfen erfüllt: Sie schickten ihn in einem Faß Rum (das sie von ihrem Gehalt bezahlten) seiner Familie in England zurück.

Trotz allem versuchten die Leute von Goboto Gentlemen zu sein. Und sie waren es auch, waren es immer gewesen, wenn sie auch hin und wieder ein bißchen anrüchig waren. Das war der Grund zu dem ungeschriebenen Gesetz, daß die Besucher Gobotos Schuhe und Hosen anziehen mußten. Badehosen, Lava-Lavas und nackte Beine wurden nicht geduldet. Als Kapitän Jensen, der wildeste aller Sklavenjäger, ein Nachkomme der alten New-Yorker Knickerbocker, in Hemd und Lendenschurz, mit zwei Revolvern und einem Messer im Gurt, an Land gehen wollte, wurde er am Strande angehalten. Das geschah in Johnny Bassets Tagen, der ein Formenmensch war und stets auf Etikette hielt. Kapitän Jensen stand achtern in seinem Walboot und behauptete, daß es auf seinem Schoner keine Hosen gäbe. Gleichzeitig erklärte er, daß es seine unerschütterliche Absicht sei, an Land zu gehen. Man mußte ihn dann in Goboto von einer Schußwunde in der Schulter gesundpflegen und ihn noch obendrein sehr um Entschuldigung bitten, denn es zeigte sich, daß es auf seinem Schiff wirklich keine Hosen gab. Aber am ersten Tage, als er wieder auf seinen Füßen stand, half Johnny Basset seinem Gast freundlieh aber bestimmt in eine seiner eignen Hosen. Hiermit war ein Präzedenzfall geschaffen. Seither wurde nie wieder gegen das Gesetz gesündigt. Weiße hatten Hosen zu tragen. Nur Nigger liefen nackt herum. Hosen bezeichneten die Kaste.

II.

An diesem Abend lagen die Dinge mit einer einzigen Ausnahme in keiner Beziehung anders als sonst. Sieben Mann, die den ganzen Tag abwechselnd schottischen Whisky und amerikanische Cocktails getrunken hatten, setzten sich jetzt mit schwimmenden Augen und steifen Beinen zum Essen. Mit Jacke, Hosen und guten Schuhen bekleidet, waren es: Jerry McMurtrey, der Verwalter; Eddy Little und Jack Andrews, die Gehilfen; Kapitän Stapler von der Werberjacht Merry; Derby Shryleton, ein Pflanzer von Tito-Ito; Peter Gee, ein Halbblutchinese, der als Perlenaufkäufer von Ceylon nach den Paumotus fuhr, und Alfred Deacon, ein Reisender, der mit dem letzten Dampfer angekommen war und hier seine Reise unterbrochen hatte. Zuerst wurde denen, die ihn trinken mochten, von den schwarzen Dienern Wein gereicht, dann aber kehrten alle schnell zum Whisky-Soda zurück, womit sie das Essen einpökelten, ehe es in ihre eingepökelten Magen wanderte.

Als sie Kaffee tranken, hörten sie das Rasseln einer Ankerkette durch ein Klüsgatt und wußten, daß wieder ein Schiff angekommen war.

»Das ist David Grief«, bemerkte Peter Gee.

»Woher wissen Sie das?« fragte Deacon herausfordernd in der Absicht, mit dem Halbblut Streit anzufangen. »Ihr möchtet euch hier vor einem neuen Kameraden wichtig machen, Jungens. Aber ich bin auch seinerzeit ein bißchen gefahren. Ein Schiff benennen zu wollen, wenn man seine Segel nur ganz verschwommen sieht und nur das Rasseln der Ankerkette hört, das ist die reine Aufschneiderei.«

Peter Gee, der sich gerade eine neue Zigarette anzündete, antwortete nicht.

»Es gibt Nigger, die Erstaunliches darin leisten«, warf McMurtrey höflich ein.

Dem Verwalter wie den andern war das Benehmen des Fremden sehr unsympathisch. Von dem Augenblick an, als Peter Gee am Nachmittag angekommen war, hatte Deacon Lust gezeigt, mit ihm anzubandeln. Er hatte ihm andauernd rüde widersprochen.

»Das kommt vielleicht daher, daß Peter Chinesenblut in den Adern hat«, meinte Andrews. »Deacon ist, wie Sie wissen, Australier, und die sind ja ganz übergeschnappt in der Rassenfrage.«

»Das wird schon stimmen,« erwiderte McMurtrey, »aber wir können seine Grobheiten nicht dulden, namentlich, da es sich um Peter Gee handelt, der weißer als mancher Weiße ist.«

In dieser Beziehung hatte der Verwalter durchaus nicht unrecht. Peter Gee war ein seltenes Geschöpf, ein ebenso guter wie kluger Eurasier. Die unerschütterliche Rechtschaffenheit des chinesischen Blutes hatte den Leichtsinn und die Laster, die in den Adern seiner englischen Vorfahren rollten, überwunden. Dazu hatte er eine bessere Bildung als irgendeiner der Anwesenden genossen, sprach ein reineres Englisch, beherrschte außerdem mehrere andre Sprachen und entsprach ihrem Ideal eines Gentlemans mehr als sie selber. Endlich hatte er ein sanftes Gemüt. Er haßte Gewalt, wenn er auch schon seinen Mann getötet hatte. Roheit verabscheute er wie die Pest.

Kapitän Stapler wollte McMurtrey unterstützen. »Ich entsinne mich, wie ich einmal den Schoner gewechselt hatte und nach Altman kam. Die Nigger wußten doch, daß ich es war. Sie hatten mich nicht erwartet, am wenigsten mit einem andern Schiff, aber sie sagten dem Händler, daß ich es war. Er nahm das Fernrohr und wollte ihnen nicht glauben. Aber sie wußten Bescheid. Wie sie mir sagten, hätten sie dem ganzen Schoner angemerkt, daß ich ihn führte.«

Deacon ignorierte die Worte des Kapitäns und setzte den Angriff auf den Perlenhändler fort.

»Wie können Sie denn aus dem Klang der Ankerkette erkennen, daß es dieser Mann – wie heißt er noch? – ist?«

»Es sind so viele Kleinigkeiten, aus denen zusammen man es erkennt«, antwortete Peter Gee. »Es ist schwer zu erklären, man müßte fast ein Lexikon dazu haben.«

»Das dachte ich mir«, höhnte Deacon. »Eine Erklärung, die nichts erklärt, ist kein Kunststück.«

»Wer will Bridge spielen?« unterbrach der zweite Gehilfe das Gespräch, sah sich erwartungsvoll um und begann, die Karten zu mischen. »Sie spielen doch, nicht wahr, Peter?«

»Wenn er es tut, dann will er nur kneifen«, stichelte Deacon weiter. »Ich habe genug von diesem Unsinn. Herr Gee, Sie würden mir einen Gefallen erweisen und sich selbst in ein besseres Licht setzen, wenn Sie mir wirklich sagten, woher Sie wissen, wer eben vor Anker ging. Nachher spiele ich Piquet mit Ihnen.«

»Ich ziehe Bridge vor«, erwiderte Peter. »Und mit dem andern verhält es sich etwa folgendermaßen: Dem Klange nach war es ein kleines Fahrzeug ohne Rahentakelung. Kein Pfeifen- oder Sirenensignal – bedeutet wieder ein kleines Schiff. Es ging dicht an Land vor Anker – wieder ein Beweis, daß es ein kleines Fahrzeug ist, denn Dampfer oder andre größere Schiffe müssen draußen vor der mittleren Sandbank liegen. Die Einfahrt ist ja stark gewunden. Es gibt keinen Schiffer in diesen Gewässern, der sich nach Einbruch der Dunkelheit hereinwagen würde, und ein Fremder würde es ganz bestimmt nicht. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die eine war Margonville. Aber der wurde von den Behörden der Fidschiinseln hingerichtet. Bleibt die zweite Ausnahme: David Grief. Der wagt die Einfahrt bei jedem Wetter, Tag und Nacht. Das weiß jeder. Möglich wäre es natürlich – wenn Grief sich anderswo befände –, daß irgendein tollkühner junger Schiffer es versuchte. Aber da muß ich sagen, daß weder ich noch sonst jemand einen solchen Mann kennt. Dazu kommt, daß David Grief sich gerade jetzt in dieser Gegend befindet, er macht eine Fahrt mit der Gunga und sollte dieser Tage von Karo-Karo abgehen, loh besuchte Grief vorgestern auf der Gunga in der Sandfliegenpassage. Er setzte einen Händler auf einer neuen Niederlassung ab. Er erzählte mir, daß er Babo anlaufen und dann nach Goboto kommen würde. Der Zeit nach kann es also stimmen. Ich habe einen Anker fallen hören. Wer kann es also sein, außer Grief? Kapitän Donovan ist Schiffer auf der Gunga, und ich kenne ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß er in Goboto nicht nach Einbruch der Dunkelheit einlaufen würde, wenn er nicht seinen Reeder an Bord hätte. In wenigen Minuten wird David Grief durch diese Tür eintreten und sagen: »In Guvutu trinkt man nur in jeder Pause zwischen zwei Gläsern ein drittes.«

Deacon war geschlagen. Das Blut schoß ihm in den Kopf.

»Jetzt haben Sie Ihre Antwort«, lachte McMurtrey gemütlich. »Und ich will ein paar Sovereigns wetten, daß er recht hat.«

»Bridge! Wer macht mit?« rief Eddy Little ungeduldig. »Los, Peter!«

»Ihr andern könnt Bridge spielen«, sagte Deacon. »Gee und ich spielen Piquet.«

»Ich ziehe Bridge vor«, sagte Peter Gee sanft.

»Spielen Sie kein Piquet?«

Der Perlenhändler nickte.

»Dann kommen Sie. Vielleicht kann ich Ihnen zeigen, daß ich davon mehr verstehe als vom Ankern.«

»Hören Sie – –« begann McMurtrey.

»Sie können ja Bridge spielen«, fiel Deacon ihm ins Wort »Wir ziehen Piquet vor.«

Widerstrebend ließ Peter Gee sich zu einem Spiel zwingen, das, wie er wußte, Unannehmlichkeiten bringen würde.

»Nur einen Robber«, sagte er, indem er abhob.

»Wie hoch?« fragte Deacon.

Peter Gee zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen.«

»Von hundert an – fünf Pfund das Spiel.«

»Schön«, sagte Peter Gee.

An einem andern Tisch saßen vier beim Bridge. Kapitän Stapler, der keine Karten spielte, kiebitzte und füllte die hohen Whiskygläser, die rechts neben jedem Spieler standen. McMurtrey beobachtete mit schlecht verhehlter Besorgnis die Vorgänge am Piquettisch. Seine englischen Landsleute fühlten sich ebenso unangenehm wie er durch das Benehmen des Australiers berührt, und alle fürchteten, daß es zu einem Zusammenstoß käme. Daß er sich in immer größere Wut auf den Chinesen hineinredete, und daß die Explosion kommen mußte, war allen klar.

»Ich hoffe, daß Peter verliert«, sagte McMurtrey leise.

»Nicht, wenn er kein Pech hat«, antwortete Andrews. »Er ist der reine Hexenmeister im Piquet. Ich weiß es aus eigner Erfahrung.«

Daß Peter Gee kein Pech hatte, ging deutlich aus den unausgesetzten Sticheleien Deacons hervor, der immer wieder sein Glas füllte. Er hatte das erste Spiel verloren und war offenbar im Begriff, auch das zweite zu verlieren, als David Grief eintrat.

»In Guvutu trinkt man nur in jeder Pause zwischen zwei Gläsern ein drittes«, meinte er beiläufig, ehe er dem Verwalter die Hand drückte. »Hallo, Mac! Hören Sie, mein Kapitän ist unten im Walboot. Er bat ein seidenes Hemd, Krawatte und Tennisschuhe, alles in Ordnung, möchte aber, daß Sie ihm eine Hose schicken. Meine sind ihm zu eng, aber Ihre werden ihm passen. Hallo, Eddy! Wie steht's mit Ihrem ngari-ngari? – Obenauf, Jack? Dann ist ja ein Wunder geschehen. Keiner hat Fieber, und keiner ist besonders betrunken.« Er seufzte. »Ich nehme an, daß der Abend erst angebrochen ist. Hallo, Peter! Die große Bö hat Sie wohl auch eine Stunde, nachdem Sie uns verlassen hatten, erwischt? Wir mußten den zweiten Anker werfen.« Während er sich Deacon vorstellen ließ, schickte McMurtrey einen Boy mit der Hose zu Kapitän Donovan, der, als er bald darauf eintrat, den Anforderungen entsprach, die man an einen Weißen stellt – wenigstens in Goboto.

Deacon verlor das zweite Spiel, was einen Wutausbruch bei ihm verursachte. Peter Gee zündete sich eine Zigarette an und verhielt sich im übrigen ruhig.

»Was, hören Sie auf, weil Sie gewonnen haben?« fragte Deacon.

Grief hob fragend die Brauen und sah McMurtrey an, der seinerseits durch Stirnrunzeln seinem Unwillen Ausdruck verlieh.

»Der Robber ist aus«, antwortete Peter Gee.

»Zu einem Robber gehören drei Spiele. Ich gebe. Los!«

Peter Gee gab nach, und das dritte Spiel begann.

»Ein grüner Bengel – verdient eine Lektion«, sagte McMurtrey leise zu Grief. »Laßt uns aufhören, Jungens. Ich möchte ein Auge auf ihn halten. Wenn er zu weit geht, schmeiße ich ihn auf den Strand hinaus, und die Gesellschaft kann mir den Buckel runterrutschen.«

»Wer ist er?« fragte Grief.

»Er kam mit dem letzten Dampf er. Die Gesellschaft hat Order gegeben, ihn gut zu behandeln. Er beabsichtigt, sich an einer ihrer Plantagen zu beteiligen. Hat einen Kreditbrief über zehntausend Pfund auf die Gesellschaft. Hat sich »Australien nur für die Weißen« in den Kopf gesetzt. Glaubt, sich wie ein Lümmel benehmen zu dürfen, nur weil seine Haut weiß ist und sein Vater Staatsanwalt war. Das ist der Grund, daß er es auf Peter abgesehen hat, und Sie wissen, daß Peter der letzte auf der Welt ist, der Skandal macht oder sich mit jemand anlegt. Der Teufel soll die Gesellschaft holen. Ich hab' mich nicht engagieren lassen, um Säuglinge mit Bankkonten trockenzulegen. Kommen Sie, Grief, gießen Sie sich ein. Der Bursche ist eine Plage, eine niederträchtige Plage.«

»Vielleicht ist er nur ein bißchen jung«, meinte Grief.

»Jedenfalls bekommt ihm das Trinken nicht – das ist klar.« Der Verwalter verhehlte seine Verachtung und seinen Zorn nicht. »Wenn er die Hand gegen Peter hebt, dann helfe mir Gott, wenn ich ihm nicht eine Tracht Hiebe verabreiche, diesem ungeschliffenen Gernegroß!«

Der Perlenhändler zog die Stifte aus dem Rechenbrett und lehnte sich zurück. Er hatte das dritte Spiel gewonnen. Er blickte zu Eddy Little hinüber und sagte: »Jetzt bin ich bereit, Bridge zu spielen.«

»Ich würde an Ihrer Stelle nicht kneifen«, höhnte Deacon.

»Ach, ich habe keine Lust mehr zu dem Spiel«, versicherte Peter Gee mit seiner gewohnten Ruhe.

»Los, machen Sie weiter«, hetzte Deacon. »Noch ein Spiel. Sie können doch nicht so mit meinem Geld abschieben. Ich habe fünfzehn Pfund verloren. Doppelt oder quitt.«

McMurtrey war nahe daran, sich einzumischen, aber Grief hielt ihn mit einem Blick zurück.

»Also schön, wenn es wirklich das letzte ist«, sagte Peter Gee und schob die Karten zusammen. »Ich glaube, ich bin am Geben. Also, wenn ich recht verstanden habe, dann geht es jetzt um fünfzehn Pfund. Entweder schulden Sie mir dreißig, oder wir sind quitt.«

»Eben, mein Jungchen. Entweder sind wir quitt, oder ich zahle Ihnen dreißig.«

»Das nennt man schröpfen, was?« meinte Grief und nahm sich einen Stuhl.

Die andern saßen oder standen um den Tisch herum. Deacon hatte wieder Pech. Er war offenbar ein guter Spieler, bekam aber schlechte Karten. Ebenso offenbar war, daß er sein Pech nicht mit Gemütsruhe ertragen konnte. Er stieß häßliche Flüche aus und knurrte den unerschütterlichen Chinesen an. Peter Gee war fertig, als Deacon noch nicht fünfzig hatte. Er starrte seinen Gegner finster und sprachlos an.

»Matsch«, sagte Grief.

»Ja, das zählt doppelt«, sagte Peter Gee.

»Das brauchen Sie mir nicht erst zu erzählen«, knurrte Deacon. »Ich habe Rechnen gelernt. Ich schulde Ihnen fünfundvierzig Pfund. Da, nehmen Sie.«

Die Art und Weise, wie er die neun Fünf-Pfund-Scheine auf den Tisch warf, war an sich schon eine Beleidigung, aber Peter Gee blieb ganz ruhig.

»Sie haben das Glück eines Narren, aber Karten spielen können Sie nicht, das will ich Ihnen sagen«, fuhr Deacon fort. »Ich könnte Sie spielen lehren.«

Gee lächelte, neigte zustimmend den Kopf und steckte das Geld ein.

»Es gibt ein kleines Spielchen, das Casino heißt – ich möchte wissen, ob Sie je davon gehört haben – ein reines Kinderspiel.«

»Ich hab' es spielen sehen«, murmelte Gee freundlich.

»Ach«, höhnte Deacon, »und da bilden Sie sich vielleicht ein, es spielen zu können.«

»O nein, durchaus nicht. Ich fürchte, daß ich nicht genug Verstand dazu habe.«

»Casino ist ein hübsches Spiel«, mischte Grief sich heiter ein. »Ich hab es gern.«

Deacon beachtete ihn nicht.

»Ich will um zehn Pfund das Spiel spielen – mit einunddreißig Points aus«, forderte Deacon Peter Gee auf. »Und ich werde Ihnen zeigen, wie wenig Sie von Karten verstehen. Los! Kann ich ein neues Spiel haben?«

»Nein, ich danke«, erwiderte der Chinese. »Die andern warten mit dem Bridge auf mich.«

»Ja, kommen Sie«, bat Eddy Little eifrig. »Kommen Sie, Peter, lassen Sie uns anfangen.«

»Fürchtet sich vor einem kleinen Spielchen wie Casino«, hetzte Deacon. »Vielleicht ist Ihnen der Satz zu hoch. Wir können ja um halbe oder viertel Pfennige spielen, wenn Sie wollen.«

Das Benehmen des Mannes war eine Beleidigung für alle. McMurtrey konnte es nicht mehr ruhig mit ansehen.

»So, jetzt hören Sie aber auf, Deacon. Er hat Ihnen ja gesagt, daß er nicht spielen will. Lassen Sie ihn in Ruhe.«

Deacon wandte sich wutschnaubend gegen seinen Wirt; ehe er jedoch die Schmähung, die er auf der Zunge hatte, ausstoßen konnte, war Grief eingeschritten.

»Ich will gerne Casino mit Ihnen spielen«, sagte er. »Verstehen Sie was davon?«

»Nicht viel, aber ich möchte es gerne lernen.«

»Heut abend gebe ich aber keinen Unterricht für Pfennige.«

»Oh, das hat nichts zu sagen«, antwortete Grief. »Ich spiele um jeden Betrag – innerhalb vernünftiger Grenzen natürlich.«

Deacon gedachte den Eindringling mit einem Schlage abzufertigen. »Ich will um hundert Pfund das Spiel mit Ihnen spielen, wenn es Ihnen recht ist.«

Grief strahlte. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet. Lassen Sie uns anfangen.«

Deacon war bestürzt. Er hatte nicht anders erwartet, als daß ein Goboto-Händler durch einen derartigen Vorschlag zu Boden geschmettert würde.

»Lassen Sie uns anfangen«, wiederholte Grief.

Andrews hatte ein neues Spiel Karten gebracht, und er suchte gerade den Joker heraus.

»Ach, wissen Sie«, meinte Deacon, »wir wollen kein Kinderspiel machen.«

»Ganz Ihrer Meinung«, stimmte Grief ihm zu. »Ich liebe Kinderspiele auch nicht«

»Also wissen Sie was: Wir werden um 500 Pfund das Spiel spielen.«

Wieder mußte Deacon eine unangenehme Überraschung erleben.

»Ist mir sehr angenehm«, sagte Grief, indem er zu mischen begann.

»Sie scheinen hier hoch zu spielen«, lachte Deacon, aber sein Lachen klang gezwungen. »Wie soll ich wissen, ob Sie das Geld auch haben?«

»Gerade wie ich weiß, daß Sie es haben. Mac, wie hoch beläuft sich mein Kredit bei der Gesellschaft?«

»So hoch wie Sie wollen«, antwortete der Verwalter.

»Garantieren Sie persönlich dafür?« fragte Deacon.

»Jawohl«, sagte McMurtrey. »Verlassen Sie sich darauf. Die Gesellschaft honoriert seine Unterschrift weit über Ihren Kreditbrief hinaus.«

»Wer die niedrigste Karte zieht, gibt«, sagte Grief und legte die Karten vor Deacon auf den Tisch.

Der zögerte einen Augenblick mitten im Abheben und blickte unschlüssig in die Gesichter der andern. Die Gehilfen und der Kapitän nickten.

»Sie sind mir alle fremd«, klagte Deacon. »Was weiß ich. Ein Fetzen Papier ist immer eine zweifelhafte Sache.«

Da trat Peter Gee in Aktion. Er zog seine Brieftasche heraus und lieh sich von McMurtrey einen Füllfederhalter.

»Ich hab' noch nicht eingekauft«, erklärte er. »Mein Guthaben ist daher noch unberührt. Ich übertrage es an Sie, Grief. Es sind fünfzehntausend. Bitte.«

Deacon nahm den Kreditbrief, der ihm über den Tisch gereicht wurde. Er las ihn langsam, blickte dann McMurtrey an.

»Stimmt das?«

»Jawohl. Stimmt und ist genau so gut wie Ihr eigener. Die Kreditive der Gesellschaft sind immer gut.«

Da hob Deacon ab und bekam die höchste Karte. Er hatte zu geben und begann sorgsam zu mischen. Aber das Glück war immer noch gegen ihn, und er verlor das Spiel.

»Noch einmal«, sagte er. »Wir haben die Anzahl der Spiele nicht abgemacht, und Sie können nicht aufhören, da ich im Verlust bin. Ich will Revanche haben.«

Grief mischte und reichte ihm die Karten zum Abheben.

»Lassen Sie uns um tausend spielen«, sagte Deacon, als er das zweite Spiel verloren hatte. Und als die tausend Pfund den Weg der beiden vorhergehenden Einsätze zu fünfhundert gegangen waren, schlug er zweitausend vor.

»Das nennt man verdoppeln«, warnte McMurtrey und fing einen wütenden Blick von Deacon auf. Aber der Verwalter ließ sich nicht einschüchtern. »Verdoppeln Sie nicht, Grief, das wäre närrisch.«

»Wer spielt hier, Sie oder ich?« fuhr Deacon auf. Dann wandte er sich an Grief. »Ich habe zweitausend an Sie verloren. Wollen Sie um zweitausend spielen?«

Grief nickte, das vierte Spiel begann und Deacon gewann. Daß es kein anständiges Spiel war, die Einsätze zu verdoppeln, wußten alle. Wenn er auf diese kindische Art jedesmal, wenn er verlor, den Einsatz verdoppelte, mußte er beim erstenmal, wenn er gewann, den ganzen Verlust wieder herausbekommen.

Man sah ihm an, daß er gern aufgehört hätte, aber Grief reichte ihm die Karten zum Abheben.

»Was?« rief Deacon. »Sie wollen weiter machen?«

»Ich habe noch nichts gewonnen«, antwortete Grief heiter und begann auszuteilen. »Wieder um fünfhundert, nehme ich an.«

Vielleicht schämte Deacon sich seiner Handlungsweise, denn er antwortete: »Nein, wir wollen um tausend spielen. Und hören Sie: Einunddreißig Points dauern zu lange. Wollen wir nicht einundzwanzig sagen – wenn es Ihnen nicht zu rasch geht?«

»Das gibt ein nettes Spielchen«, stimmte Grief zu.

Die Spielmethode von vorhin wurde wieder aufgenommen. Deacon verlor zwei Spiele, verdoppelte den Einsatz, gewann und hatte den Verlust wieder gedeckt. Aber Grief war geduldig, obgleich die Geschichte sich in der nächsten Stunde mehrmals wiederholte. Dann geschah, was er erwartet hatte. Deacon verlor eine größere Reihe Spiele hintereinander. Er verdoppelte auf viertausend und verlor, verdoppelte auf achttausend und verlor wieder. Da schlug er vor, den Satz auf sechzehntausend zu verdoppeln.

Grief schüttelte den Kopf. »Sie wissen gut, daß Sie das nicht können. Sie haben nur für zehntausend Kredit bei der Gesellschaft.«

»Heißt das, daß Sie mir keine Revanche geben wollen?« fragte Deacon heiser. »Heißt das, daß Sie mit achttausend von meinem Geld abziehen wollen?«

Grief schüttelte lächelnd den Kopf.

»Das ist Raub, offener Raub«, fuhr Deacon fort. »Sie nehmen mir mein Geld ab und wollen mir keine Revanche geben.«

»Sie irren. Ich bin durchaus bereit, Ihnen Revanche zu geben, soweit Ihr Guthaben reicht. Sie haben ja noch zweitausend.«

»Schön, spielen wir um die«, sagte Deacon. »Sie heben ab.«

Das Spiel wurde bis auf die erregten Bemerkungen und Flüche Decaons schweigend gespielt. Schweigend füllten und leerten die Zuschauer ihre hohen Whiskygläser. Grief beobachtete die Ausbrüche seines Gegners nicht, sondern konzentrierte sich auf das Spiel. Er ging ganz darin auf. Es galt, zweiundfünfzig Karten im Gedächtnis zu haben, und er hatte sie im Gedächtnis. Als noch ein Drittel übrig war, warf er die Karten hin.

»Ich bin aus«, sagte er. »Ich habe siebenundzwanzig.«

»Wenn Sie sich irren ...« sagte Deacon drohend mit weißem, verzerrtem Gesicht.

»Dann habe ich verloren. Zählen Sie nach.«

Grief reichte seine Stiche hinüber, und Deacon bestätigte mit zitternden Händen die Rechnung. Er schob seinen Stuhl zurück und leerte sein Glas. Dann blickte er um sich, begegnete aber nur teilnahmslosen Blicken.

»Ich glaube, ich werde mit dem nächsten Dampfer wieder nach Sydney fahren«, sagte er, und zum erstenmal war sein Ton ruhig und nicht überheblich. Grief sagte später: »Hätte er gejammert oder gebrüllt, so würde ich ihm nicht die letzte Chance gegeben haben. Aber er schluckte die Medizin wie ein Mann, und da mußte ich es tun.«

Deacon sah auf die Uhr, tat, als ob er gähnte, und wollte aufstehen.

»Warten Sie«, sagte Grief. »Wollen Sie Revanche haben?«

Der andre sank auf seinen Stuhl nieder, versuchte zu sprechen, konnte es aber nicht, befeuchtete sich die trocknen Lippen und nickte.

»Kapitän Donovan segelt bei Tagesanbruch mit der Gunga nach Karo-Karo«, begann Grief, als ob es nichts mit der Sache zu tun hätte. »Karo-Karo ist eine Sandbank mitten im Meer mit einigen tausend Kokospalmen. Auch Pandanusbäume gedeihen dort, aber weder Bataten noch Taro. Es gibt etwa achthundert Eingeborene, einen König und zwei Premierminister, und die drei letzteren sind die einzigen, die etwas wie Kleidung tragen. Es ist ein gottverlassenes Loch, und einmal jährlich schicke ich von Goboto einen Schoner hin. Das Trinkwasser ist zwar brackig, aber der alte Tom Butler hat es schon zwölf Jahre vertragen. Er ist der einzige Weiße dort, und er hat eine Bootsmannschaft von fünf Santa-Cruz-Leuten, die, wenn sie könnten, ihn totschlagen und durchbrennen würden. Darum sind sie gerade dorthin geschickt. Dort können sie nämlich nicht durchbrennen. Die schwierigsten Leute von den andern Plantagen werden immer nach Karo-Karo geschickt. Missionare gibt es dort nicht. Zwei eingeborene Lehrer aus Samoa wurden vor einigen Jahren gleich bei der Landung erschlagen.

Sie wundern sich natürlich, daß ich Ihnen dies alles erzähle. Aber haben Sie Geduld. Wie gesagt, tritt Kapitän Donovan morgen bei Tagesanbruch seine jährliche Fahrt nach Karo-Karo an. Tom Butler ist alt und fängt an, hinfällig zu werden. Ich wollte ihn überreden, nach Australien zurückzukehren, aber er sagte, daß er in Karo-Karo bleiben und sterben will, und das wird nicht mehr sehr lange dauern. Er ist ein merkwürdiger alter Kauz. Jedenfalls wird es Zeit, daß ich einen andern Weißen hinschicke, der ihm die Arbeit abnimmt. Was würden Sie zu dem Posten sagen? Sie müßten sich auf zwei Jahre binden.

Still! Ich bin noch nicht fertig. Sie haben heute abend verschiedentlich von Revanche gesprochen. Es ist keine Revanche, zu verspielen, was Sie nicht im Schweiße Ihres Angesichts verdient haben. Das Geld, das Sie an mich verloren haben, ist Ihnen von Ihrem Vater oder einem Verwandten vermacht, der das Schwitzen für Sie übernommen hat. Aber zwei Jahre Händler auf Karo-Karo – das wäre etwas! Ich setze die zehntausend, die ich Ihnen abgenommen habe, gegen zwei Jahre Ihrer Zeit. Gewinnen Sie, so gehört das Geld Ihnen. Verlieren Sie, so fahren Sie morgen früh nach Karo-Karo. Sehen Sie, das nenne ich Revanche. Wollen Sie spielen?«

Deacon vermochte kein Wort herauszubringen. Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt, und er nickte nur, während er die Hand nach den Karten ausstreckte.

»Noch eins«, sagte Grief. »Ich will noch weiter gehen. Verlieren Sie, dann gehören zwei Jahre Ihres Lebens mir – natürlich ohne Gehalt. Wenn Sie jedoch zu meiner Zufriedenheit arbeiten und alle meine Regeln und Instruktionen beachten, will ich Ihnen für die zwei Jahre ein Gehalt von fünftausend Pfund jährlich geben. Das Geld wird bei der Gesellschaft deponiert und Ihnen nach Ablauf der Zeit mit Zinsen ausbezahlt. Sind Sie einverstanden?«

»Das ist zuviel«, stammelte Deacon. »Sie begehen ein Unrecht gegen sich selbst. Ein Händler bekommt ja nicht mehr als zehn bis fünfzehn Pfund monatlich.«

»Sehen Sie es eben als Revanche an«, erwiderte Grief mit einer Miene, die zeigte, daß er den Fall für erledigt hielt. »Aber bevor wir anfangen, möchte ich Ihnen einige der Regeln aufschreiben. Sie werden sie sich jeden Morgen in diesen zwei Jahren laut hersagen, wenn Sie verlieren. Es wird Ihnen gut tun. Wenn Sie sie siebenhundertdreißigmal auf Karo-Karo aufgesagt haben, werden Sie sie bestimmt nicht wieder vergessen. Leihen Sie mir Ihren Federhalter, Mac. Also warten Sie – –«

Er schrieb einige Minuten schnell hintereinander und las dann laut vor:

»Ich darf nie vergessen, daß ein Mensch ebenso gut wie der andre ist, außer wenn er sich selbst für besser hält.

Wie betrunken ich auch sein mag, darf ich doch nie vergessen, daß ich ein Gentleman bin. Ein Gentleman ist ein Mensch, der sich anständig beträgt. Anmerkung: Am besten ist es, sich überhaupt nicht zu betrinken.

Wenn ich mit Männern Männerspiel spiele, muß ich wie ein Mann spielen.

Ein kräftiger Fluch selten, aber bei rechter Gelegenheit angebracht, kann recht wirksam sein. Zu viele Flüche verderben nur den Eindruck. Anmerkung: Ein Fluch kann ebensowenig die Karten verändern, wie den Wind zum Wehen bringen.

Ein Mann hat nicht das Recht, weniger als ein Mann zu sein. Nicht einmal für zehntausend Pfund kann er sich dieses Recht erkaufen.«

Bei Beginn der Lektüre wurde Deacons Gesicht weiß vor Wut. Dann überzog es sich langsam vom Hals bis zur Stirn mit dunkelroter Farbe, die sich immer mehr vertiefte, je weiter Grief las.

»Das ist alles«, sagte Grief, indem er das Papier zusammenfaltete und auf den Tisch warf. »Sind Sie noch bereit zu spielen?«

»Ich verdiene es«, murmelte Deacon mit gebrochener Stimme. »Ich bin ein Esel. Herr Gee, ehe ich weiß, ob ich gewinne oder verliere, möchte ich Sie um Verzeihung bitten. Vielleicht war es der Whisky, ich weiß es nicht, aber ich bin ein Esel, ein Lümmel, ein Idiot – ich weiß nicht, was alles.«

Er streckte die Hand aus, die Gee mit strahlendem Gesicht drückte.

»Hören Sie, Grief«, rief er. »Der Junge ist all right: Machen Sie einen Strich durch die Rechnung, wir trinken noch ein Glas und vergessen alles darüber.«

Grief schien mit sich reden lassen zu wollen, aber Deacon rief:

»Nein, das gebe ich nicht zu. Ich bin kein Drückeberger. Wenn es Karo-Karo sein soll, dann ist es eben Karo-Karo. Es ist kein Wort darüber zu verlieren.«

»Das ist richtig«, sagte Grief und begann die Karten zu mischen. »Wenn er das rechte Zeug hat, um nach Karo-Karo zu gehen, wird er keinen Schaden dadurch nehmen.«

Der Kampf wurde hart und spannend. Dreimal wurden die Karten zwischen ihnen aufgeteilt, ohne daß sie zählten. Zu Beginn der fünften und letzten Runde brauchte Deacon nur noch drei Points, um fertig zu sein, Grief dagegen vier. Es galt jetzt nur noch, so viele Stiche wie möglich zu machen, und Deacon paßte scharf auf. Er schimpfte weder, noch fluchte er und spielte sein bestes Spiel an diesem Abend. Er bekam die beiden schwarzen und das Herzas.

»Ich nehme an, daß Sie die vier Karten, die ich in der Hand habe, nennen können«, sagte er, als die letzten Karten ausgeteilt waren.

Grief nickte.

»Dann nennen Sie sie.«

»Pikbube, Pikzwei, Herzdrei und Karoas«, antwortete Grief. Die hinter Deacon Stehenden blickten in seine Karten, verrieten aber nicht, daß Grief sie richtig genannt hatte.

»Ich glaube, Sie spielen besser Casino als ich«, gab Deacon zu. »Ich kann von Ihren Karten nur drei nennen: einen Buben, ein As und das große Casino.«

»Falsch. Es sind nicht fünf Asse im Spiel. Drei haben Sie gehabt, und das vierte halten Sie jetzt in der Hand.«

»Wahrhaftig, Sie haben recht«, räumte Deacon ein. »Drei habe ich gehabt. Aber ich werde doch noch ein paar Stiche machen; mehr brauche ich nicht.«

»Ich will Ihnen das kleine Casino lassen – –« Grief hielt inne, um nachzurechnen. »Ja, und das As auch, aber ich werde doch die meisten Stiche machen und mit dem großen Casino herauskommen. Spielen Sie aus.«

»Ich gewinne«, frohlockte Deacon, als er die letzte Karte ausgespielt hatte. »Ich gehe mit dem kleinen Casino und den vier Assen heraus. Mit dem großen Casino und Ihren Piks kommen Sie höchstens auf zwanzig.«

Grief schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, Sie irren sich.«

»Nein«, erklärte Deacon bestimmt. »Ich habe jeden Stich gezählt. Ich bin ganz sicher. Ich habe sechsundzwanzig und Sie auch.«

»Zählen Sie noch einmal«, sagte Grief.

Sorgfältig und langsam, mit zitternden Händen zählte Deacon seine Stiche. Es ergab fünfundzwanzig. Er streckte die Hand aus, nahm das von Grief Geschriebene, faltete es zusammen und steckte es in die Tasche. Dann leerte er sein Glas und stand auf.

Kapitän Donovan sah auf seine Uhr, gähnte und erhob sich ebenfalls.

»Gehen Sie an Bord?« fragte Deacon.

»Ja«, lautete die Antwort. »Um welche Zeit soll ich Ihnen das Walboot schicken?«

»Ich gehe gleich mit Ihnen. Wir können mein Gepäck unterwegs von der Billy holen. Ich wollte morgen mit ihr nach Babo fahren.«

Deacon schüttelte allen die Hände, nachdem sie noch mit ihm auf »Gut Glück« in Karo-Karo angestoßen hatten.

»Spielt Tom Butler Karten?« fragte er Grief.

»Solitaire«, lautete die Antwort.

»Dann werde ich ihm Doppelsolitaire beibringen.« Deacon wandte sich zur Tür, an der Kapitän Donovan wartete, und fügte mit einem Seufzer hinzu: »Ich fürchte, wenn er so spielt wie ihr andern Insulaner, wird er mir die Haut vom Leibe ziehen.«

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